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Ein St. Johannis Nachts-Traum — Christoph Martin Wieland

Personen:
Theseus.
Egeus.
Lysander.
Demetrius.
Philostratus.
Hippolita.
Hermia.
Helena.
Squenz.
Schnok.
Zettel.
Flaut.
Schnauz.
Schluker.
Vorredner.
Löwe.
Mondschein.
Pyramus.
Thisbe.
Oberon, König der Feen.
Puk.
Titania, die Königin.
Feen.
Spinneweb.
Senfsaamen.

Die Scene ist in Athen, und einem Wald nicht weit davon.

Erster Aufzug.

Erster Auftritt.
(Des Herzogs Pallast in Athen.)
(Theseus, Hippolita, Philostratus und Gefolge, treten auf.)

Theseus.
Nun nähert sich, Hippolita, die Stunde
Die unser Bündniß knüpft, mit starken Schritten.
Vier frohe Tage bringen einen andern Mond.
Doch o! wie langsam, deucht mich, schwindet
Nicht diese alte Luna! Sie ermüdet
Mein sehnend Herz, gleich einer allzuzähen
Stiefmutter oder Wittwe, die zu lang
An eines jungen Mannes Renten zehrt.

Hippolita.
Schnell werden sich vier Tag’ in Nächte tauchen,
Vier Nächte schnell die Zeit vorüberträumen;
Dann wird der Mond gleich einem Silberbogen
Neu aufgespannt im Himmel, auf die Nacht
Die unsre Liebe krönt, herunter winken.

Theseus.
Geh, Philostrat, und ruffe durch Athen
Die Jugend auf zu Lustbarkeiten! wecke
Den leichten muntern Geist der Frölichkeit.
Die blasse Schwermuth sey zu Leichen-Zügen,
Wozu sie besser taugt, von unserm Fest verbannt!
Hippolita, ich buhlte mit dem Schwerdt
Um dich, und unterm Lerm der wilden Waffen
Gewann ich deine Gunst; doch froher soll
Mit Pomp, Triumph und mitternächtlichen Spielen
Der Tag, der uns vermählt, begangen werden. (Egeus, Hermia,
Lysander und Demetrius treten auf.)

Egeus.
Glüklich sey Theseus, unser grosser Fürst.

Theseus.
Dank, edler Egeus! was bringst du uns Neues?

Egeus.
Voll Unmuth komm ich, Fürst, mit Klagen über
Mein Kind, mit Klagen über Hermia—tritt
Hervor, Demetrius!—dieser Mann, o Herr,
Hat meinen Beyfall, sie zur Eh zunehmen—
Lysander, steh’ hervor! Und dieser Mann
Hat meines Kindes Herz bezaubert. Ja du,
Lysander, du, du gabst ihr Reime,
Und wechseltest verstohlne Liebespfänder
Mit meinem Kinde. Falsche Buhlerlieder
Sangst du beym Mondschein mit verstellter Stimme
Vor ihrem Fenster ab, und hast durch Bänder
Von deinen Haaren, Ringe, Trödelwerke,
Durch Naschereyen, Puppen, Blumensträusse
Den Abdruk ihrer Phantasie gestohlen.
Durch Ränke hast du meiner Tochter Herz
Entwandt und den Gehorsam, welchen sie
Mir schuldig ist, in Widerspenstigkeit
Und schnöden Troz verkehrt. Wofern sie also,
Mein königlicher Herr, nicht hier
Vor Eurer Hoheit sich bequemen will,
Dem Mann, den ich erkohr’, die Hand zu geben;
So sprech ich hier der Bürger von Athen
Uraltes Vorrecht, und die Freyheit an,
Mit ihr als meinem Eigenthum zu schalten:
Und diß wird seyn, sie diesem Edelmanne,
Wo nicht, dem Tod zu überliefern, wie
In einem solchen Fall der Buchstab’ des Gesezes
Ausdrüklich lautet—

Theseus.
Was sagt Hermia
Hiezu? bedenke dich, mein schönes Kind!
In deinen Augen soll dein Vater
Ein Gott, der Schöpfer deiner Schönheit, seyn.
Mit ihm verglichen, bist du nichts als eine
Von ihm in Wachs gebildete Figur,
Die er, nachdem es ihm beliebt, erheben
Und wieder tilgen kan. Demetrius ist
Ein würdiger Edelmann.

Hermia.
Das ist Lysander auch.

Theseus.
Er ist es an sich selbst,
Doch da ihm deines Vaters Stimme mangelt,
So ist der andre würdiger anzusehen.

Hermia.
O! daß mein Vater nicht mit meinen Augen sieht.

Theseus.
Weit besser wär’ es, deine Augen sähen
Mit deines Vaters Klugheit.

Hermia.
—Eure Hoheit
Vergebe mir. Ich weiß nicht, welche Macht
Mir diese Kühnheit eingehaucht, noch wie
Vor so viel Augen, meine Sittsamkeit
Sich überwinden kan, für meine Neigung
Das Wort zu nehmen. Aber, meldet mir,
Mein Herr, das schlimmste, das mich treffen kan,
Wenn ich mich weig’re diesen Mann zu nehmen.

Theseus.
Den Tod zu sterben, oder Lebenslang
Die männliche Gesellschaft abzuschwören.
Befrage also deine Neigung, Hermia!
Bedenke deine Jugend; Ist dein Blut
So kühl, und hast du, wenn du deines Vaters
Beschloßner Wahl dich nicht ergeben willst,
Auch Muth genug, auf ewig eingeschleyert
In eines öden Klosters trübe Schatten
Verschlossen, eine unfruchtbare Schwester
Dein Leben hinzuleben; traurige Hymnen
Dem kalten Mond entgegenächzend—
Dreymal beglükt, die, ihres Blutes Meister,
Solch’ eine keusche Pilgrimschaft bestehen!
Doch irdischer glüklich ist die abgepflükte Rose,
Als die am unvermählten Stoke welkend
In einzelner Glükseligkeit, von niemand
Gesehen, ungenossen, wächßt und blüht und stirbt.

Hermia.
So will ich wachsen, so verblüh’n und sterben,
Mein Königlicher Herr, eh meine Freyheit
Dem Joch des Manns sich unterwerffen soll,
Deß unerwünschte Herrschaft meine Seele
Nicht über sich erkennt.

Theseus.
Nimm dir Bedenkzeit,
Und auf den nächsten Neuenmond, den Tag
Der durch Hippolita mich glüklich macht,
Bereite dich, nach deines Vaters Willen
Dich dem Demetrius zu ergeben; oder
Durch deinen Tod des Ungehorsams Frefel
Zu büssen; oder an Dianens Altar
Des Klosterlebens strenge Pflicht zu schwören.

Demetrius.
Erweiche, Schönste, dich; und du Lysander,
Tritt deinen schwachen Anspruch meinem stärkern Rechte
Freywillig ab—

Lysander.
Du hast, Demetrius, ihres Vaters Liebe,
Laß du nur Hermias mir; heurathe ihn!

Egeus.
Ja, hönischer Lysander, es ist wahr,
Er hat sie, meine Liebe; und was mein ist,
Soll meine Lieb’ ihm geben; sie ist mein,
Und all mein Recht an sie trett’ ich Demetrio ab.

Lysander.
Ich bin so edel als wie er gebohren;
Ich bin so reich als er, und liebe mehr
Als er; mein Glüke blüht an jedem Zweige,
So schön als seines, um nicht mehr zu sagen;
Und was diß alles dessen er sich rühmet
Allein schon überwiegt, mich liebt die schöne Hermia.
Und sollt ich denn mein Recht nicht durchzusezen suchen?
Demetrius, ins Gesicht behaupt’ ichs ihm,
Bewarb sich kürzlich noch um Nedars Tochter
Die schöne Helena, und gewann ihr Herz.
Izt schmachtet sie, die sanfte Seele! schmachtet
Bis zur Abgötterey um diesen falschen
Treulosen Mann—

Theseus.
Ich muß gestehen
Daß ich davon gehört, und mit Demetrius
Davon geredt zu haben, mich beredet;
Doch eigne Sorgen machten’s mir entfallen.
Kommt ihr indeß, Demetrius und Egeus,
Ich hab euch beyden etwas aufzutragen,
Das mich sehr nah’ betrift. Du aber, Hermia,
Sieh’ zu, soll anders nicht die ganze Strenge
Der Sazung von Athen, die ich nicht schwächen kan,
Dich treffen, daß du deine Schwärmerey
Dem Willen deines Vaters unterwerffest.
Wie steht’s, Hippolita?* Komm, meine Liebe!
Demetrius, und Egeus folget mir!

{ed.-* Hippolita hatte diese ganze Zeit über nicht ein einziges Wort
gesprochen. Hätte ein neuerer Poet das Amt gehabt, ihr ihre Rolle
anzuweisen, so würden wir sie geschäftiger als alle andre gefunden,
und zweifelsohne möchten auch die Liebhaber ein gelinderes Urtheil
von ihr erwartet haben: Allein Shakespearewußte besser was er zu
thun hatte, und beobachtete das Decorum. Warbürton.}

(Sie gehen ab.)

Zweyter Auftritt.
(Lysander und Hermia bleiben.)

Lysander.
Wie? meine Liebe? wie ist deine Wange
So blaß? warum verwelken ihre Rosen?

Hermia.
Vielleicht weil sie des Regens mangeln,
Woraus ich aus den Wolken meiner Augen
Sie reichlich überthauen könnte.

Lysander.
Hermia; so viel ich in Geschichten las,
Und aus Erzählung hörte, floß der Strom
Der wahren Liebe niemals sanft dahin.
Entweder hemmte ihn des Standes, oder
Der Jahre Abstand, oder Widerwille
Der Anverwandten; und wenn ja die Wahl
Der Liebenden durch ihre Sympathie
Beglükt zu seyn versprach, so stellte sich
Krieg, Krankheit oder Tod dazwischen
Und macht’ ihr Glük vergänglich wie der Schall,
Flüchtig wie Schatten, kurz als wie ein Traum,
Vorüberfahrend wie der helle Bliz
In einer schwarzen Nacht, der Erd und Himmel
In einem Wink enthüllt, und eh noch einer Zeit hat
Zu sagen: Sieh! schon von dem offnen Schlunde
Der Finsterniß verschlungen ist.
So eitel sind die Dinge, die am schönsten glänzen!

Hermia.
Wenn denn getreue Liebe jederzeit
Durch Wiederwärtigkeit geprüfet wurde,
Und diß der feste Schluß des Schiksals ist;
So laß uns unsre Prüfung mit Geduld
Besteh’n, weil Widerwärtigkeit und Leiden
Ein eben so gewöhnlichs Zugehör
Der Liebe ist, als Staunen, Träume, Seufzer,
Wünsche und Thränen, das gewöhnliche
Gefolg der liebeskranken Phantasie.

Lysander.
Ein guter Glaube! Höre mich dann, Hermia.
Nur sieben Stadien von Athen entfernt
Wohnt eine meiner Basen, reich, verwittwet,
Und kinderlos. Sie hält und liebet mich
Wie ihren eignen Sohn. Dort, schönste Hermia,
Dort kan ein ewig Bündniß uns vereinen,
Und bis dorthin kan auch Athens Gesez
Uns nicht verfolgen. Liebest du mich also,
So schleiche morgen Nachts aus deines Vaters Hause
Dich weg, in jenen Wald, nah’ bey Athen,
Wo ich dich einst mit Helena gefunden,
Als ihr des ersten Maytags Ankunft feyrtet.

Hermia.
Ach! mein Lysander!

Lysander.
Zaudert Hermia?—

Hermia.
Nein!
Bey Amors stärkstem Bogen schwör ich dir,*
Beym schärfsten seiner goldgespizten Pfeile,
Lysander, bey der unschuldvollen Einfalt
Der Dauben, die der Venus Wagen ziehen,
Beym Feuer das Carthagos Königin
Verzehrte, da sie mit geblähten Seegeln
Den ungetreuen Troyer fliehen sah;
Bey dem was Seelen an einander küttet,
Bey jedem Schwur, den je ein Mann gebrochen,
Bey mehr als Mädchen jemals ausgesprochen;
An jenem Plaz, im Schatten jener Linden,
Sollt du mich zur bestimmten Stunde finden.

{ed.-* Der Dr. Warbürton fand, daß Hermia sich zu schnell, und
was das schlimmste ist, auf den ersten Antrag, durch eine Reihe
von Eyden verbinde, mit dem Lysander davon zu lauffen. Er
glaubt, daß Shakespearenicht fähig gewesen einen solchen Fehler
zu machen, und schreibt also allen alten und neuen Ausgaben
unsers Dichters zuwider, diese schöne Rede: (Bey Amors
stärkstem Bogen,) u.s.w. dem Lysander, und nur die zween lezten
Verse der Hermia zu. Meine Empfindung widerspricht hier den
Vernunftschlüssen des Kunstrichters. Ich finde eine solche
Weiblichkeit in dieser Rede, daß sie mit Anständigkeit nur von
Hermia gesagt werden kan. Empfindende Leserinnen mögen den
Ausspruch thun. Damit aber doch das von Warbürton in dem Text
vermißte Decorum gerettet werde, habe ich nach seinem Beyspiel die
Freyheit gebraucht, auf die Worte Hermias, (my good Lysander), den
Lysander sagen zu lassen: Zaudert Hermia? welches er im Englischen
nicht sagt. Worauf dann Hermia, als ob sie sich recolligire,
erwiedert: Nein! bey Amors u.s.w.}

Lysander.
Vergiß nicht dein Versprechen, holde Liebe.
Schau, hier kömmt Helena.

Dritter Auftritt.

Hermia.
Wie eilig, schöne Helena, wohin?

Helena.
Mich nennst du schön? O! nimm diß Schön zurük.
Demetrius liebet dich! du bist ihm schön
Glüksel’ge Schöne! Deine Augen sind
Die Sterne, die ihn leiten; süsser tönt
Ihm deine Stimme, als der Lerche Lied
Dem Ohr des Hirten, wenn die Wiesen grünen,
Und junge Knospen um den Hagdorn blinken!
Krankheit ist erblich! O! wär’s auch die Kunst
Die uns gefallen macht: Wie wollt ich, eh ich gehe,
Die deine haschen! Meine Blike sollten
Die Zauberkraft von deinem Blik, mein Mund
Den süssen Wohlklang deiner Lippe haschen.
Wär’ mein die Welt, und blieb Demetrius mir,
Wie gerne ließ ich alles andre dir!
O lehre mich, wie blikest du ihn an?
Mit was für Künsten, schöne Freundin, sprich,
Beherrschest du die Triebe seines Herzens?

Hermia.
Die Stirne rümpf ich ihm, doch liebt er mich.

Helena.
O möchten deiner Stirne Falten
Mein Lächeln solche Wirkung lehren.

Hermia.
Verwünschung geb ich ihm, doch giebt er stets mir Liebe.

Helena.
O! wäre mein Gebett von solcher Kraft!

Hermia.
Je mehr ich hasse, folgt er mir.

Helena.
Je mehr ich liebe, haßt er mich.

Hermia.
Sey guten Muths! er soll mich nicht mehr sehen.
Lysander und ich selbst verlassen diese Gegend.
Eh ich Lysandern sah, schien mir Athen
Elysium. O! welch ein Reiz muß dann
In meiner Liebe seyn, da sie den Ort
Der einst ein Himmel war, zur Hölle macht.

Lysander.
Laß uns, o Freundin, unsre Seelen dir
Vertraut enthüllen. Morgen Mitternachts,
Wenn Phöbe in der Wellen feuchtem Spiegel
Ihr silbern Angesicht beschaut, und dekt
Den grünen Wasen mit zerfloßnen Perlen,
Zur Zeit, die oft der Liebe Flucht verheelte,
Sind wir entschlossen, Helena, uns durch
Die Thore von Athen hinweg zu stehlen.

Hermia.
Und in dem Hayn, wo oftmals du und ich
Auf Frühlings-Blumen hingegossen lagen,
Und unsre von jungfräulichen Gedanken
Geschwellte Busen ihrer Last entleerten;
Dort werden wir, Lysander und ich selbst,
Uns finden, und dann von Athen die Augen wenden,
Um neue Freunde unter neuen Himmeln
Zu suchen. Lebe wohl, anmuthige Gespielin!
Und wie du für uns betest, gebe dir
Ein günstig Glük den Jüngling den du liebest!
Lysander halte Wort!—Nun müssen unsre Augen
Bis morgen Nachts der Liebe Kost entbehren.

Lysander.
Ich will, meine Hermia!—Lebe wohl, Helena,
Demetrius liebe dich, wie du ihn liebest!

(Lysander und Hermia gehen ab.)

Helena (allein.)
Wie manche doch vor manchen glüklich sind!
Durch ganz Athen werd ich so schön geachtet
Als Sie—Was hilft es mir? Demetrius nur
Denkt anders! Er für den ich es allein
Zu seyn verlange, kan nicht, will nicht sehen,
Was Aller Augen ausser ihm gestehen.
Der gleiche Irrthum, der nach Hermias Bliken
Ihn schmachten macht, bethört mein Herz für ihn.
Den unscheinbarsten blödsten Dingen kan
Die Liebe Glanz, Gestalt und Würde geben.
Die Liebe siehet durch die Phantasie,
Nicht durch die Augen, und deßwegen wird
Der goldbeschwingte Amor blind gemahlt.
Geflügelt ohne Augen deutet er
Der Liebe Hastigkeit im Wählen an;
Und weil sie leicht verläßt was sie erkohr,
So stellt man ihn als einen Knaben vor;
Wie Knaben oft beym Spiel meineydig werden,
So scherzt des Knaben Amors Leichtsinn auch
Mit seinen Schwüren. Eh Demetrius
Auf Hermias Augen sahe, hagelt er
Eydschwüre ewig mein zu seyn, herab;
Allein es fühlte dieser Hagel kaum
Die Glut von ihrem Blik, so schmolz er hin.
Izt will ich geh’n und Hermias Flucht ihm melden.
Dann wird er morgen Nachts sie in den Hayn
Verfolgen, und wenn anders die Entdekung
Mir Dank gewinnt, so wird er theur erkauft.
Doch wird mir dieses meine Pein versüssen,
Wenn ich es sehe* wie er sie zu finden,
Der Ungetreue! hie und dort und da
Umsonst in zitternder Verwirrung läuft;
Und mein verschmähtes Auge durch den Anblik
Der eiteln Wuth ergözt, womit er wieder kehrt.

{ed.-* Der Übersezer hat sich hier eine Freyheit erlaubt, die er
selten zu nehmen gedenkt, nemlich einen etwas dunkeln Vers durch
fünf andre zu paraphrasieren. Ob er aber den Sinn des Poeten
getroffen, wird dem Ausspruch der Kunstrichter überlassen.}

(Geht ab.)

Vierter Auftritt.
(Squenz, Schnok, Zettel, Flaut, Schnauz und Schluker treten auf.)

Squenz.
Ist die Companie beysammen?

Zettel.
Es wär’ am besten, ihr rieffet sie alle Mann für Mann auf, wie es
der Rodel giebt.

Squenz.
Hier ist die Liste von jedermanns Namen, der in ganz Athen für
tüchtig gehalten wird, in unserm Zwischenspiel vor dem Herzog und
der Herzogin zu spielen, an seinem Hochzeittag zu Nacht.

Zettel.
Vor allen Dingen, guter Peter Squenz, sagt uns, wovon das Stük
handelt; dann leset die Namen von den Agenten, und so eins nach dem
andern.

Squenz.
Sapperment! es ist die höchstklägliche Comödie, und der
jämmerliche Tod von Pyramus und Thisbe.

Zettel.
Ein recht gutes Stük Arbeit, ich kan’s euch sagen; und lustig! Izt,
wakrer Peter Squenz, ruft euere Agenten nach dem Rodel auf—ihr
Herren! macht euch fertig!

Squenz.
Antwortet wie ich euch ruffe. Claus Zettel, der Weber!

Zettel.
Hier! Nennet meinen Part, und weiter!

Squenz.
Ihr, Claus Zettel, seyd für den Pyramus hingesezt.

Zettel.
Was ist Pyramus? Ein Liebhaber oder ein Tyrann?

Squenz.
Ein Liebhaber, der sich selber nur auf eine recht galante Art aus
Liebe ersticht.

Zettel.
Das wird einige Zähren erfodern, wofern es recht gemacht werden
soll. Wenn ich es mache, dann mögen die Zuschauer zu ihren Augen
sehen! Ich will Stürme erregen, ich will condolieren, daß es eine
Art haben soll! weiter!—Aber meine gröste Declination ist zu
einem Tyrannen. Ich wollte einen Herkles spielen, etwas rares!
Oder einen Part, wo ich ein Vorgebürg einreissen müßte, daß alles
zersplitterte—«Der Felsen Schooß und toller Stoß zerbricht das
Schloß der Kerkerthür, und Febbus Karr’n, Kommt angefahr’n, und
macht erstarr’n, des stolzen Schiksals Zier!»—Das gieng hoch!—
Namset izt die übrigen Agenten—Das war Herklessens Ader! Eine
Tyrannen-Ader! Ein Liebhaber geht schon gravitätischer.

Squenz.
Franz Flaut, der Blasbalg-Fliker.

Flaut.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Ihr müßt Thisbe über euch nehmen.

Flaut.
Was ist Thisbe? Ein irrender Ritter?

Squenz.
Es ist die Princessin, in die Pyramus verliebt ist.

Flaut.
Nein, mein Six! gebt mir keinen Weiber-Part, ich fange schon an
einen Bart zu bekommen.

Squenz.
Das ist all eins! Ihr müßt in einer Maske spielen; und ihr könnt
so zart reden, als ihr wollt.

Zettel.
Wenn ich mein Gesicht verbergen darf, so gebt mir Thisbe auch; ich
will mit einer monstrosen zarten Stimme reden—«Thisne, Thisne, ach!
Pyrimus, mein Liebster werth, dein’ Thisbe zart, dein Liebchen
zart»—

Squenz.
Nein, nein, ihr müßt beym Pyramus bleiben, und Flaut muß Thisbe
seyn.

Zettel.
Gut! fortgefahren!

Squenz.
Max Schluker, der Schneider.

Schluker.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Max Schluker, ihr müßt Thisbes Mutter seyn. Hans Schnauz, der
Keßler!

Schnauz.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Ihr, des Pyramus Vater, ich selbst Thisbes Vater. Schnok, der
Schreiner, ihr macht des Löwen Part. Ich hoffe, nun ist unsre
Comödie in der Ordnung.

Schnok.
Habt ihr des Löwen Part geschrieben? Wenn es ist, so seyd so gut
und gebt ihn mir; denn ich bin nicht gar fix zum Studieren.

Squenz.
Ihr könnt ihn ex tempore machen; denn es ist weiter nichts zu thun,
als zu brüllen.

Zettel.
Gebt ihr mir den Löwen noch dazu; ich will brüllen, daß es den
Leuten im Herzen wohl thun soll; ich will brüllen, daß der Herzog
sagen soll: Laßt ihn noch einmal brüllen, laßt ihn noch einmal
brüllen!

Squenz.
Wenn ihr es gar zu gut machtet, so könntet ihr die Herzogin und die
Damen so erschreken, daß sie zu schreyen anfiengen, und das wäre
genug, uns alle an den Galgen zu bringen.

Alle.
Ja, das würde uns jeden Mutter-Sohn hängen.

Zettel.
Sapperment! Das glaub ich wol, wenn wir sie erst aus ihren fünf
Sinnen schrekten, so würden sie nicht mehr Secretion haben, als uns
aufzuhängen. Aber ich will meine Stimme schon aggraviren, ich will
euch so artig brüllen wie irgend eine junge Daube, ich will euch
brüllen, als ob es eine Nachtigall wäre.

Squenz.
Ihr könnet keinen andern Part machen als den Pyramus; denn Pyramus
ist ein Mann mit einem Weibergesichtchen, ein sauberer Mann als man
irgend an einem Sommers-Tag sehen mag, gar ein hübscher Junker-
mässiger Mann; und also müßt ihr nothwendig den Pyramus machen.

Zettel.
Gut, ich will ihn auf mich nehmen. Mit was für einem Bart wollt
ihr, daß ich spielen soll?

Squenz.
Wie? Was für einen ihr wollt!

Zettel.
Mir gilt es auch gleich; ich will ihn entweder in euerm
strohfarbnen Bart machen, oder in euerm orangebraunen Bart, oder in
euerm carmesin-rothen Bart, oder in euerm französisch-kron-farbnen
Bart, in euerm hochgelben!

Squenz.
Etliche von unsern französischen Kronen haben gar kein Haar mehr,
und das liesse als ob ihr gar mit einem kahlen Gesicht spieltet.
Aber, ihr Herren, hier sind eure Pärte, und ich bitte, ermahne und
ersuche euch, sie bis morgen Nachts auswendig zu lernen, und in den
Schloßwald, eine halbe Stunde von der Stadt, wieder zu mir zu
kommen, damit wir dort beym Mondschein probieren; denn wenn wir in
der Stadt zusammen kämen, so würden wir Zuhörer kriegen, und die
Sache käme aus. Unterdessen will ich einen Aufsaz von den
Zurüstungen machen, die wir zu unserm Spiele nöthig haben. Ich
bitte, bleibt mir nicht aus.

Zettel.
Wir wollen kommen! Der Einfall ist gut; wir können im Wald
obscener und herzhafter probieren.

Squenz.
Bey des Herzogs Eiche wollen wir einander antreffen.

Zettel.
Genug, die Stränge mögen halten oder brechen!—

(Sie gehen alle ab.)

Zweyter Aufzug.

Erster Auftritt.
(Ein Wald. Eine Fee tritt von einer, und Puk von der andern Seite
auf.)

Puk.
Wohin, Geist, wohin wanderst du?

Fee.
Über Berg, über Thal,
Durch Heken und Ruthen,
Über Holz, über Pfahl,
Durch Feuer und Fluthen;
Schneller als des Mondes Sphär
Wandr’ ich rastlos hin und her.
Ich dien’ der Feen-Königin,
Zum stillen Tanz,
Beym Sternen-Glanz,
Bethaute Kreis’ im Grünen ihr zu zieh’n.
Sie ist der Primuln Pflegerin,
Die auf den jungen Wiesen glüh’n.
Auf ihrem göldenen Gewand
Ist jeder Fleken ein Rubin,
Worein der milden Feyen Hand
Die Düfte gießt, die euch entzüken.
Izt muß ich geh’n, und Thau vom Grase pflüken,
Und jeder Primul Ohr mit einer Perle schmüken.
Fahr wol, du tölpelhafter Geist, ich muß entflieh’n;
Die Königin mit allen ihren Elfen
Ist im Begriff hieher zu zieh’n.

Puk.
Der König pflegt die Nacht durch hier zu schlummern.
Gieb Acht, daß deine Königin
Ihm ja nicht vor die Augen komme.
Denn Oberon ist noch von Zorn entbrannt,
Daß sie am Indus jüngst den schönsten Knaben,
Zu ihrer Aufwart, einem König raubte.
Der eifersücht’ge Oberon begehrt
Den schönen Knaben, daß er auf die Jagd
Ihn durch den wilden Forst begleiten helfe,
Von ihr zurük; doch immer unerbittlich
Behält sie ihren Liebling ganz für sich,
Bekränzt mit eigner Hand sein lokicht Haar,
Und macht aus ihm nur alle ihre Lust.
Seitdem begegnen sie sich niemals mehr
In Lauben, noch auf grünen Fluren, noch
An Silber-Quellen, noch beym Sternen-Licht;
So heftig ist ihr Zwist, daß alle ihre Elfen
Vor Angst in Ahorn-Becher sich verkriechen.

Feye.
Entweder irr’ ich mich an deiner Bildung
Und Mine gänzlich, oder du
Bist jener schelmische leichtfert’ge Geist,
Den Robin Gutgesell das Landvolk nennt.
Bist du’s nicht, der die Mädchen aus dem Dorfe
Bey Nacht erschrekt, der Milch die Sahne raubt,
Die Mühle heimlich dreht, macht daß umsonst die Bäurin
An fettem Rahm sich aus dem Athem rührt,
Und daß im Bier sich keine Hefen sezt;
Der arme Wandrer oft des Nachts verleitet,
In Sümpfe fährt, und ihres Harms noch lachet;
Allein für die, die dich Hob-Goblin nennen,
Und holden Puk, ihr Werk unsichtbar thust,
Und machst, daß sie gut Glük in allem haben;
Bist du nicht der?

Puk.
Du irrst dich nicht, ich bin’s.
Ich bin der muntre Nachtgeist, den du meynest.
Ich gaukle stets um Oberon, und mach’ ihn lächeln,
Wenn ich ein fettes bohnen-sattes Roß
Vergeblich wiehern mach’; ihm in Gestalt
Der schönsten Stutte nahend. Auch verberg ich mich
Oft in den Becher einer guten alten
Gevatterin, die gern den Becher leert;
Gleich einem rothgesottnen Krebs schwimm ich
Darinn herum, und wenn sie trinken will
Spring ich an ihre Lippen auf, und schütte
Den Kofent über ihren schlappen Busen.
Oft sieht, indem sie durch ein fröstig Mährchen
Die Nachbarinnen sanft zum Schlaf befödert,
Ein weises Mütterlein, troz ihrer Weisheit,
Für einen dreygebeinten Stuhl mich an;
Dann schlüpf ich unter ihr hinweg, sie wakelt
Mit Schwur und lächerlichem Zorn zu Boden;
Die ganze Zeche hält mit beyden Händen
Den Bauch, und schlägt das hallende Getäfel
Mit wieherndem Gelächter, klatscht und schwört,
Noch nie so lustig sich gemacht zu haben.*
Doch, Fee, flieh du, hier kömmt Oberon!

{ed.-* Ich habe mich genöthiget gesehen, einige ekelhafte Ausdrüke
aus diesem Gemählde in Ostadens Geschmak, wegzulassen. Ein Dichter,
der nur für Zuhörer arbeitete, hat sich im sechszehnten Jahrhundert
Freyheiten erlauben können, die sein Übersezer, der im achtzehnten
für Leser arbeitet, nicht nehmen darf.}

Feye.
Und hier, zum Unglük, meine Königin.

Zweyter Auftritt.
(Oberon der König der Feen, tritt auf einer, und Titania die
Königin der Feen, auf der andern Seite auf.)

Oberon.
Du suchst beim Mondschein mich, Titania?

Titania.
Wie, eifersücht’ger Oberon? du irrest!
Ihr Feen, schlüpft mit mir hinweg, ich habe
Sein Bett, und seinen Umgang abgeschworen.

Oberon.
Halt, Unverschämte, bin ich nicht dein Herr?

Titania.
So bin ich deine Frau! allein ich weiß
Die Zeit noch wol, da du vom Feen-Land
Dich heimlich stahlst, und in Corins Gestalt,
Den ganzen Tag an einer Linde sizend,
Auf deinem Haber-Rohr verliebte Seufzer
Der schönen Phyllida entgegen girrtest!
Sprich, warum eiltest du vom fernsten Gipfel
Des Inder-Lands hieher? Weßwegen sonst,
Als weil die strozende, Dianen-gleich
Geschürzte Amazonin, deine kriegrische
Gebieterin, mit Theseus sich vermählt?
Du kömmst, nicht wahr? ihr Bette zu beglüken?

Oberon.
Wie? läßt die Schaam diß zu, Titania,
Die Gunst Hippolitas mir vorzurüken?
Und weissest doch, ich kenne deine Liebe
Zu Theseus? Warest du es nicht, die ihn
Bey deinem eignen Schimmer, durch die Schatten
Der stillen Nacht, von Perigenias Seite,
Die er vorher geraubet hatt’, entführte!
Und wer als du verführt’ ihn, seine Schwüre
So viel betrognen Nymphen, Ariadnen,
Der schönen Ägle, und Antiope
Zu brechen?—

Titania.
Falsche, grillenhafte Träume
Der Eifersucht! Seit diese dich beherrschet,
Seit jenem Sommer kamen wir nicht mehr
Auf Hügeln, noch im Thal, im Hayn, auf Wiesen,
Am Quell’ der über kleine Kiesel rauschet,
Noch raschen Bächen, die aus Felsen sprudeln,
Noch an des Meeres klippenvollem Strande,
Zum frohen Tanz zusammen, unsre Loken
Zum Spiel der flüsternden, scherzhaften Winde
Zu machen. Alle unsre Spiele hat
Dein Groll gestört. Drum haben auch die Winde,
Vergeblich uns zu pfeiffen überdrüssig,
Als wie zur Rache, seuchenschwangre Nebel
Tief aus der See gesogen, die hernach,
Aufs Land ergossen, jeden über uns
Erzürnten Bach mit solchem Stolze schwellten,
Daß ihre Fluth die Ebnen überströmte.
Umsonst hat nun der Stier sein Joch getragen,
Der Akermann hat seinen Schweiß verlohren,
Die grüne Ähre fault, eh ihre Jugend
Das erste Milchhaar kränzt.
Leer steh’n die Hürden im ertränkten Felde,
Und Krähen mästet die ersäufte Heerde.
Mit Schlamme ligt der Kegelplaz erfüllt,
Unkennbar und verschwemmt der glatte Pfad,
Der durch des Frühlings grüne Labyrinthe
Sonst leitete. Die Sterblichen entbehren
Der winterkürzenden gewohnten Freuden,
Und keine Nacht wird Hymnen mehr geweyht.
Nur Luna, die Beherrscherin der Fluthen,
Vor Unmuth bleich, wascht überall die Luft,
Und füllet sie mit fieberhaften Flüssen.
Die Jahreszeiten selbst verwirren sich,
Beschneyte Fröste sinken in den Schoos
Der frischen Ros’, und auf des alten Winters
Eys-grauer Scheitel wird, als wie zum Spott,
Ein Kranz gesezt von holden Sommer-Knospen.
Der Lenz, der Sommer, der fruchtreiche Herbst,
Der Winter wechseln ihre Liverey,
Und die erstaunte Welt erkennt nicht mehr
An dem gewohnten Schmuk, wer jeder ist.
Diß ganze Heer von Plagen kömmt allein
Von unserm Groll, von unsrer Zwiespalt her.
Wir sind die Eltern dieser schwarzen Brut!

Oberon.
So helfet dann, es ligt allein an euch!
Wie kan Titania ihren Oberon
Noch länger quälen? Alles was ich bitte,
Ist nur ein kleiner Laff von einem Jungen,
Aus dem ich einen Pagen machen will.

Titania.
Gebt euch zufrieden! Niemals kan diß seyn.
Das ganze Feenland erkaufte nicht
Diß Kind von mir. Ich liebte seine Mutter,
Sie war von meinem Orden, und hat oft
Des Nachts in Indiens süß-gewürzter Luft
Durch ihre Spiele mir die Nacht verkürzt.
Sie saß dann auf Neptuni gelbem Sand
Bey mir, und sah den göldnen Schiffen nach,
Die durch die Fluth mit Pegus Schäzen eilten;
Wir lachten, wenn wir sahen, wie die Seegel,
Vom ausgelaßnen Wind geschwängert, schwollen;
Diß äffte sie, mir eine Lust zu machen,
Mit anmuthsvoller schwimmender Bewegung,
Kurzweilend nach, (ihr Leib war damals reich
Von meinem jungen Ritter) segelte
Ans Land, mir Kleinigkeiten abzuholen,
Und kehrte wieder, wie von einer Reise,
Mit reichen Waaren, um. Jedoch da sie
Nur sterblich war, starb sie an diesem Kinde,
Und ihrentwegen zieh’ ich ihren Knaben auf,
Und ihrentwegen will ich ihn nicht lassen.

Oberon.
Wie lange denkt ihr noch in diesem Hayn zu bleiben?

Titania.
Vielleicht bis nach dem Hochzeittag des Theseus.
Gefällt es euch in unserm Kreis zu tanzen,
Und unsern Mondlicht-Spielen zuzusehen,
So folget uns; wo nicht, so weicht mich aus,
So wie ich eure Jagden meiden will.

Oberon.
Gieb mir den Knaben, und ich geh’ mit dir.

Titania.
Nicht für dein Königreich. Ihr Elfen, weg!
Es giebt nur Zank, wenn wir uns länger säumen.

(Die Königin, und ihr Gefolg geht ab.)

Oberon.
Gut, geh’ nur deinen Weg! eh du den Hayn
Verlassen hast, soll dich dein Troz bestraffen—
Hieher, mein muntrer Puk! Besinn’st du dich,
Daß ich auf einem Vorgebürg einst saß,
Und hörte der Syrenen einer zu,
Wie sie, auf eines Delphins Rüken sizend,
So zaubrisch-süsse Töne von sich hauchte,
Daß selbst die rohe See bey ihrem Liede
Mild ward, und liebestrunkne Sterne taumelnd
Aus ihren Sphären sanken, der Musik
Der Wasser-Nymphe zuzuhören?—

Puk.
—Ich
Erinnere mich’s ganz wol.

Oberon.
Zu gleicher Zeit sah’ ich, (du konntest nicht)
Den Liebesgott in hastiger Unruh, zwischen
Dem Erdball und dem kalten Monde fliegen;
Er hielt, und richtete den straffen Bogen
Nach einer göttlichen Vestalin,* die
Im Westen thront’, und schoß mit solcher Macht
Den Liebespfeil von seinem Bogen ab,
Als sollt’ er hunderttausend Herzen spalten;
Allein ich sah’ es, wie sein feur’ger Pfeil
Im keuschen Stral des feuchten Monds sich löschte,
Und in jungfräulichen Betrachtungen,
Mit freyem Geist, die königliche Schöne
Vorübergieng. Da merkt’ ich, wo der Pfeil
Des Amors fiel—Er fiel
Auf eine kleine Blume, vormals weiß
Wie Milch, izt röthlicht von der Liebes-Wunde,
Und Mäd’gens nennen sie die müssige Liebe.
Brich’ diese Blume mir; ich zeigte dir
Das Kräutchen einst; ihr Saft auf schlummernde
Auglieder ausgegossen, hat die Kraft,
Mann oder Mädchen bis zum Aberwiz
Ins nächste Ding, das ihrem Blik begegnet,
Verliebt zu machen. Pflüke diese Blume,
Und sey mir wieder hier,
Eh Leviathan eine Meile schwimmt.

{ed.-* Der Umstand, daß dieses Lustspiel noch unter der Regierung der
Königin Elisabeth aufgeführt worden, wird es einem jeden merklich
machen, daß die Vestalin niemand anders als diese jungfräuliche
Heldin bezeichne. Daß aber unter der Syrene die Königin Maria von
Schottland abgebildet sey, scheint der scharfsichtige Warbürton
zuerst angemerkt zu haben. Er bemerkt überhaupt, dieser
allegorische Schleyer, unter welchem ein Gemisch von Lob und
Satyre verborgen ist, müsse uns auf den Schluß leiten, daß die
Rede von einer Person sey, welche der Poet unverdekt weder loben
noch schelten durfte. Dieses passe nun völlig auf Maria von
Schottland. Die Königin Elisabeth konnte nicht leiden, wenn Maria
gelobt wurde; und ihr Nachfolger, (Jakob der 1ste,) würde eine
Satyre auf seine Mutter nicht vergeben haben. Allein, fährt
Warbürton fort, der Poet hat jeden unterscheidenden Umstand ihres
Lebens und Charakters in dieser schönen Allegorie so deutlich
ausgezeichnet, daß über seine geheime Absicht kein Zweifel übrig
bleiben kan. Sie wird 1.) eine Syrene genannt aus dem
entgegengesezten Grunde, warum Elisabeth eine Vestalin heißt,
nemlich einer Untugend wegen, um derentwillen diese unglükliche
Princessin eben so berüchtigt ist, als die Syrene bey den alten
Dichtern. 2.) Der Rüken des Delphins, worauf sie sizt, deutet auf
die Vermählung der Königin Maria mit dem Dauphin von Frankreich,
dem Sohn Heinrichs des 2ten. 3.) Der bezaubernde Gesang dieser
Syrene ist eine Anspielung auf die ausserordentlichen Reizungen und
Talente der gedachten Princessin, wodurch sie bey ihrem Aufenthalt
am Französischen Hofe alle Welt in Verwundrung sezte. 4.) Daß ihre
Stimme die wilde See selbst zahm gemacht, deutet auf die während
ihrer Abwesenheit in Schottland entstandnen Unruhen, die ihre
Wiederkunft sogleich wieder gestillet. Warbürton merkt an, die
Schönheit dieses Bildes sey desto grösser, weil der gemeinen Sage
nach, die Syrenen oder Meerweiber nur in Stürmen singen. 5.) Die
verliebten Sterne, die ihr zulieb aus ihren Sphären sanken,
bezeichnen verschiedene Herren von dem Englischen hohen Adel,
welche von dieser Princessin in ihr unglükliches Schiksal gezogen
worden, besonders die Grafen von Northumberland und Westmorland,
und den Herzog von Norfolk, den das Project sie zu heurathen das
Leben kostete.}

Puk.
Ich wollte, wenn du es befählest,
In viermal zeh’n Minuten einen Gürtel
Rings um die Erde zieh’n.

(Geht ab.)

Oberon.
—Hab’ ich nun
Erst diesen Saft, so will ich lauern, bis
Titania schlafend ligt, und dann die Tropfen
Auf ihre Augen träufeln.
Das nächste Ding, worauf sodann erwachend
Ihr Auge ruht, sey’s Löwe oder Bär,
Wolf oder Stier, Waldteufel oder Affe,
Wird sie mit Sehnsucht, mit dem Geist der Liebe
Verfolgen. Nimmer will ich diesen Zauber
Von ihren Augen nehmen, (wie ich’s kan),
Bis sie den Knaben mir bewilligt hat.
Wer kömmt hier, ich bin unsichtbar, und will
Behorchen, was sie sprechen—

Dritter Auftritt.
(Demetrius, welchem Helena folget)

Demetrius.
Was verfolgst
Du den, der dich nicht liebt? Wo ist Lysander? wo
Die schöne Hermia? jenen will ich tödten,
Und diese tödtet mich. Du sagtest mir,
Sie hätten sich in diesen Wald gestohlen;
Und hier bin ich, und wild in diesem Walde,*
Weil ich hier meine Hermia nicht entdeke.
Weg, pake dich, und folge mir nicht mehr!

{ed.-* (And here am I, and Wood within this Wood. Wood) heißt
Wald, und heißt auch wüthend, wild; dieses dem Shakespeareso
gewöhnliche Spiel mit dem Schall der Worte hat im Deutschen hier
nur unvollkommen ausgedrükt werden können, und wird künftig oft
gar nicht geachtet werden.}

Helena.
Du ziehst mich an, hartherziger Magnet,
Doch ziehest du nicht Eisen; denn mein Herz
Ist treu wie Stah’l. Hör’ auf mich anzuziehen,
Und ich will unterlassen dir zu folgen.

Demetrius.
Such’ ich dich zu gewinnen? Sag’ ich dir
Liebkosungen? und nicht vielmehr mit runder
Aufrichtigkeit, daß ich dich weder liebe,
Noch lieben kan?

Helena.
—Und eben dessentwegen
Lieb’ ich dich desto mehr; ich bin dein Hündchen,
Demetrius! das nur destomehr liebkoset,
Je mehr du’s schlägest. Halte mich nur so,
Als wie dein Hündchen, scheuche, schlage mich,
Vergiß, verliehr’ mich, nur erlaube mir,
So werthlos als ich bin, dir stets zu folgen;
Welch schlechtern Plaz kan ich in deiner Liebe
Erfleh’n, (und doch ist er in meinen Augen hoch!)
Als daß du mich wie deinen Hund nur haltest?

Demetrius.
Reiz nicht zu sehr den Abscheu meiner Seele;
Mir wird schon übel, wenn ich dich nur sehe.

Helena.
Und mir ist übel, wenn ich dich nicht sehe.

Demetrius.
Du sezest deine Tugend in zu grosse
Gefahr, die Stadt so zu verlassen, und
Dich in die Hände eines Manns, der dich
Nicht liebt zu liefern, und der lokenden
Bequemen Nacht, und dieses öden Waldes
Versuchung, deiner jungferlichen Ehre
Kostbaren Werth so sorglos zu vertrauen.

Helena.
O! Meine Sicherheit ist deine Tugend!
Und darum, däucht mich, bin ich nicht im Dunkeln.
Es ist nicht Nacht, wenn ich dein Antliz sehe;
Auch fehlt es diesem Hayne nicht an Welten
Gesellschaft; denn für mich bist du die ganze Welt.
Wie kan man denn, daß ich allein sey, sagen,
Wenn alle Welt hier ist, und auf mich schaut?

Demetrius.
Ich werde von dir rennen, in das Farrenkraut;
Mich dort versteken, und den wilden Thieren
Dich überlassen—

Helena.
—O! das wildeste
Hat kein solch Herz wie du! Flieh’, wenn du willst,
Flieh’ nur, so wird sich die Geschichte drehen,
Apollo flieh’n, und Daphne ihn verfolgen.
Die Daube jagt den Gey’r, die sanfte Hindin eilt
Den Tyger zu erhaschen. Schwaches Eilen!
Wenn Zagheit jagt, und Dapferkeit entflieht.

Demetrius.
Ich will nicht länger säumen, deine Fragen
Zu hören. Laß mich geh’n; und folgst du mir,
So glaube nur, ich füge dir ein Leid
In diesem Holze zu—

Helena.
—O! in der Stadt
Im Feld, im Tempel fügst du Leid mir zu!
O! schäme dich, Demetrius, deine Härte
Entehret mein Geschlecht. Wir können nicht
Für Liebe fechten, wie die Männer mögen;
Gesucht zu werden, und nicht selbst zu suchen,
Sind wir gemacht!—jedoch, ich folge dir;
Und selbst der Tod von dieser werthen Hand
Wird eine Hölle mir zum Himmel machen.

(Sie gehen ab.)

Vierter Auftritt.

Oberon.
Fahr wol, o Nymph’! eh du den Hayn verlässest,
Sollt du ihn flieh’n, er deine Liebe suchen. (Puk tritt auf.) Wo
ist die Blume? Willkommen, Wand’rer!

Puk.
Hier ist sie!

Oberon.
Gieb sie her. Ein Hügel
Ist mir bekannt, wo wilder Thymus blüht,
Wo Ochsenzung’ und wankende Violen,
Hoch überwölbt von weichem Geißblatt,
Von Muscus-Rosen und Hambutten wachsen;
Dort schläft Titania einen Theil der Nacht,
Durch Tänz’ und Scherz in Blumen eingewiegt,
Und eingeschleyert in der schönsten Schlange
Geschmelzte Haut, die sie dort abwarf, weit
Genug, um eine Fee darein zu wikeln.
Schläft sie, dann will ich diesen Zauber-Saft
Auf ihre Augen streichen, und ihr Hirn
Mit ungereimten Phantasien füllen.
Nimm du davon, und suche durch den Hayn.
Ein holdes Mädchen von Athen verfolgt,
Von Liebe krank, den Jüngling der sie hasset.
Bestreiche seine Augen, aber so,
Damit das erste was er wachend sieht
Das Mädchen sey. Du wirst am Attischen Gewand
Ihn leicht erkennen. Mache daß er sie
Inbrünstiger noch liebe, als sie ihn,
Und siehe zu noch vor dem ersten Krähen
Des frühen Hahns, mich wieder hier zu finden.

Puk.
Verlaß dich, Herr, auf deines Dieners Fleiß!

(Sie gehen ab.)

Fünfter Auftritt.
(Die Königin der Feen, und ihr Gefolge.)

Königin.
Kommt einen Rundtanz und ein Feen-Lied,
Dann für den dritten Theil der Nacht hinweg!
Die einen in der Muscus-Rose Knospen
Der Raupen Brut zu tödten; andre sollen
Mit Fledermäusen um ihre Flügel kämpfen,
Um meinen Elfen Röke draus zu machen!
Andre die schreyerische Eule, die uns nächtlich
Belauscht, und unsrer Scherze sich verwundert
Von hinnen treiben! Singt mich nun in Schlaf,
Denn weg zu eurer Pflicht, und laßt mich ruhen. (Die Feen singen.)

1. Ihr zweygezüngten bunten Schlangen,
Ihr dornenvollen Igel, hin!
Ihr Nattern, die um Blumen hangen
Nah’t nicht unsrer Königin!
Philomelens Melodey
Sing’ in unsrer Lullabey!
Lulla, lulla, lullabey, :|:
Kein Harm und keine Zauberey,
Komm unsrer holden Frauen bey!
So gute Nacht mit lullabey. 2. Ihr webenden Spinnen flieht von
hier,
Du langgebeinte—* flieh!
Ihr schwarzen Schröter nah’t nicht ihr!
Kein Wurm noch Schnaak berühre sie!
Philomelens Melodie u.s.w.

{ed.-* Spider.}

Eine Fee.
Hinweg, Sie schläft schon, folget mir,
Doch Eine bleib und wache hier!

(Die Feen gehen ab.)

(Oberon tritt wieder auf.)

Oberon.
Was du sieh’st, wenn du erwach’st,
Soll dein Herz mit Glut erfüllen,
Brenn’ und schmacht’ um seinetwillen,
Möcht es Panther, Stachelschwein,
Löwe oder Kaze seyn!
Was zuerst dein Aug erblikt,
Ist der Schaz, der dich entzükt!

Sechster Auftritt.
(Lysander und Hermia.)

Lysander.
Du schmachtest, Theure, von dem langen Irren
Im Walde, und die Wahrheit zu gesteh’n,
Die Nacht hat uns vom rechten Weg verleitet;
Laß uns hier ruhen, Hermia, und den Tag
Wenn dir’s beliebt, erwarten.

Hermia.
—Sey es so
Lysander! Suche dir ein Lager aus;
Ich will mein Haupt auf diesen Wasen legen.

Lysander.
Ein Wasen soll zum Kissen beyden dienen;
Ein Herz, ein Bett, zween Busen, eine Treu!

Hermia.
Nicht so, Lysander! Mir zu lieb, mein Werther,
Lig weiter weg, lig nicht so nah’ bey mir!

Lysander.
Nimm, Holde, was ich sagte, wie ich’s meynte;
Laß deiner eignen Liebe Unschuld dir
Die Sprache meiner Liebe deuten.
Mein Herz ist so dem deinigen verwebt,
Daß eine Seele nur in beyden lebt!
Zween Busen, durch den gleichen Eyd verschlungen;
So sind’s zween Busen zwar, doch eine Treue!
Versag’ mir also nicht den Plaz an deiner Seite,
O Hermia, denn so ligend lüg ich nicht.

Hermia.
Lysander spielt ganz artig mit den Worten.
Doch, liebster Freund, aus Zärtlichkeit und Achtung
Für mich, lig weiter weg; so weit die Zucht,
Der Menschheit Vorrecht, sagt, daß einem Mädchen
Und einem tugendhaften Jüngling zieme,
So weit entferne dich! Nun gute Nacht,
Mein süsser Freund, und möge deine Liebe
Sich nur mit deinem holden Leben enden!

Lysander.
Mein Leben ende dann, wenn meine Liebe!
Hier soll mein Bette seyn. Der sanfte Schlaf
Mög’ alle seine Ruh’ auf dich ergiessen!

Hermia.
Und dieses Wunsches Helfte des Wünschers Augen schliessen!

(Sie schlaffen.)

(Puk tritt auf)

Puk.
Keinen Jüngling von Athen
Konnt ich in dem Hayn erspäh’n,
Dessen Auge dieser Blume
Zauberkraft bewähren könne!
Nacht und Stille! Wer ist der?
Kleider von Athen trägt er.
Der ist’s, den der König meynt,
Um den diß gute Mädchen weint.
Hier ligt es, hier, und schläft gesund
Auf dem feuchten lokern Grund.
Die holde Seele! durft’s nicht wagen,
Sich näher zu dem wilden Manne,
Dem Mädchen-Hässer hinzulegen.
Kerl’! ich gieß auf deine Augen
Allen Zauber dieser Blume!
Wach’st du auf, so soll dem Schlummer
Amors Zorn auf deinem Auglied
Den gewohnten Siz verbieten.

(Geht ab.)

Siebender Auftritt.
(Demetrius, und Helena, die ihm nacheilt.)

Helena.
Steh’ hier, Demetrius, wär’s auch mich zu tödten!

Demetrius.
Ich sag’s dir, weg, und jage mich nicht so!

Helena.
Ach! willt du hier im Dunkeln mich verlassen?

Demetrius.
Bleib wo du willt, ich will alleine geh’n.

(Demetrius geht ab.)

Helena.
O! ich bin athemlos von dieser Jagd.
Glüksel’ge Hermia, wo du izt auch ligst,
Dich hat des Himmels Gunst allein mit Augen
Die Seelen an sich zieh’n, begabt.
Was machte sie so glänzend? wahrlich nicht
Gesalzne Thränen; diese waschen öfter
Die meinen als die ihrigen! Nein! ich bin
So häßlich als ein Bär, die Thiere selbst
Die mir begegnen flieh’n erschrekt von mir.
Was Wunder, daß, wenn mich Demetrius sieh’t,
Er meine Gegenwart wie eines Scheusals flieht.
Welch ein verwünschtes lügenhaftes Glas
Beredte mich, mit Hermias Sternen-Augen
Die meinen zu vergleichen!—Wer ist hier?
Lysander auf dem Grund! todt oder schlafend?
Ich sehe weder Blut noch Wund’. Erwache
Lysander, wenn du lebst, so höre mich!

Lysander (erwachend.)
Und durch die Flammen selbst renn’ ich für dich!
Glanzreiche Helena! welch eine Kunst,
Beweiset die Natur, die mich dein Herz
Durch deinen Busen sehen läßt!
Wo ist Demetrius? O! verhaßter Name,
Gemacht, auf meinem Schwerdte zu ersterben.

Helena.
O! Sprich nicht so, Lysander, sprich nicht so!
Liebt er gleich deine Hermia! was ists mehr?
Sie liebet doch nur dich; drum sey zufrieden!

Lysander.
Mit Hermia? Wahrlich, nein! wie reuen mich
Die freudenlosen Augenblike,
Die sie mir stahl! Nicht Hermia, Helena
Ist’s die ich liebe. Wer wird nicht den Raben
Um eine Daube tauschen? Unser Wille
Wird durch Vernunft beherrscht, und diese sagt,
Du sey’st die Liebenswerthere unter beyden.
Was noch erst wächßt, reift nicht vor seiner Zeit!
So reift’ ich, noch zu jung, nicht zur Vernunft
Bis diesen Augenblik. Izt da mein Wachsthum
Den Punct der Reiff erreicht hat, ist Vernunft
Der Marschall über meinen Willen,
Und leitet mich zu deinen Augen hin,
Der Liebe reizendste Geschichten in
Der Liebe reichstem Buch zu lesen.

Helena.
Wofür ward ich zu diesem Hohn gebohren?
Wenn hab’ ich diese Schmach um dich verdient?
Ists nicht genug, ists nicht genug, o Jüngling,
Daß von Demetrius Augen ich noch nie
Mir einen günstigen Blik erwerben konnte?
Must du noch meines Unvermögens spotten?
Diß ist unedel! Ja, fürwahr, es ist!
Doch fahre wohl! Du zwingst mir’s ab, zu sagen,
Daß ich dich Meister beßrer Sitten glaubte.
O! daß ein Mädchen, die ein Mann verschmäht,
Vom andern noch verspottet werden soll!

(Sie geht.)

Lysander.
Sie siehet Hermia nicht; Hier, schlaf du, Hermia!
Und möchtest du Lysandern nimmer nahen!
Denn wie das Übermaaß der angenehmsten Speisen
Den Magen nur mit grösserm Ekel drükt;
Wie Kezereyen, wenn wir sie verlassen,
Uns nur verhaßter sind, je mehr sie einst uns täuschten,
So sey du, meine Unverdaulichkeit,
Und meine Kezerey,* von aller Welt
Gehasset, doch von niemand mehr als mir!
Und alle Kräfte meines Wesens sollen,
Für Helena zu Liebestrieben werden.

{ed.-* Man hat, so seltsam diese Einfälle tönen, eine wörtliche
Übersezung derselben gut befunden; und wird dieses noch öfters
thun, damit die Leser den Shakespeareauch von dieser Seite kennen
lernen.}

(Er geht ab.)

Hermia.
Hilf mir, Lysander! hilf! ich flehe dir,
Reiß diese Schlang’ aus meiner Brust!—Weh mir!
Was für ein Traum war das! Lysander! sieh’
Wie ich vor Schreken schlottre—Eine Schlange,
Fraß, däuchte mich, mein Herz, und du
Sah’st lächelnd zu!—Lysander!—wie? Entfernt?
Lysander! Freund! Wie bist du denn so ferne,
Daß du nicht hören kanst?—Kein Wort, kein Laut!
Ach, ach! wo bist du, sprich, wenn du noch hör’st,
O sprich, um aller Liebesgötter willen!
(Mir wird vor Angst ohnmächtig)—Nun?—Ich will
Es bald erfahren, ob du ferne bist.
Ich geh’ den Tod zu finden, oder dich.

(Geht ab.)

Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.
(Der Wald.)
(Squenz, Zettel, Schnok, Flaut, Schnauz und Schluker treten auf.)

(Die Feen-Königin ligt noch schlafend.)

Zettel.
Sind wir alle beysammen?

Squenz.
Recht gut! recht gut! Das ist ein unvergleichlicher Plaz zu
unsrer Probe. Dieser grüne Plaz soll unser Schauplaz seyn; die
kleine Wiese hinter diesem Weißdorn-Zaun unsre Kammer zum Ankleiden;
und wir wollen nur gleich so agieren, als ob es vor dem Herzog
wäre.

Zettel.
Peter Squenz—

Squenz.
Was willt du, Schurke Zettel?

Zettel.
Es sind Sachen in dieser Comödie von Pyramus und Thisbe, die
nimmermehr gefallen werden. Fürs erste: So muß Pyramus ein
Schwerdt ziehen, sich selbst umzubringen, und das werden die Damen
nicht aushalten können. Was antwortet ihr auf das?

Schnauz.
Beym Velten, das wird Kopf-Verbrechens brauchen!

Schluker.
Ich denke, wir müssen eben das Umbringen auslassen, wenn alles
andre vorbey ist.

Zettel.
Nichts, nichts! ich habe einen Einfall der alles gut machen wird:
Schreibet mir einen Prologus, und laßt ihn sagen, daß wir mit
unsern Schwerdtern kein Unglük anstellen werden, und daß Pyramus
nicht würklich umgebracht wird; und zu desto grösserer Sicherheit
laßt ihn sagen, daß ich Pyramus nicht Pyramus bin, sondern Claus
Zettel der Weber; das wird ihnen schon die Furcht benehmen.

Squenz.
Gut, wir wollen einen solchen Prologus haben, und er soll in acht
und sechsen* geschrieben seyn.

{ed.-* In einem Sonnet, welches wie bekannt, nur vierzehn Zeilen
haben darf.}

Zettel.
Nein, machet zwey mehr; schreibt es in acht und achten.

Schnauz.
Werden die Damen nicht auch über den Löwen erschreken?

Schluker.
Ich fürcht’ es, das versprach’ ich euch.

Zettel.
Ihr Herren, bedenket vorher was ihr thun wollt; einen Löwen, Gott
bewahr uns! unter Damen zu bringen, ist eine fürchterliche Sache;
denn es ist kein schlimmerer Waldvogel als euer Löwe, wenn er
lebendig ist; wir können zusehen.

Schnauz.
Es muß also ein andrer Prologus sagen, daß er kein Löwe ist.

Zettel.
Man kan ja seinen Namen nennen, und sein halbes Gesicht durch des
Löwen Hals hervor guken lassen; und er selbst kan daraus hervor
reden, und so oder zu eben diesem Defect sagen: Lädies, oder schöne
Lädies, ich wollte wünschen, oder ich wollte gebetten haben, oder
ich wollte ersucht haben, fürchten Sie sich nicht, zittern Sie
nicht so; mein Leben für das Ihrige, es soll ihnen nichts geschehen!
Wenn Sie dächten, ich komme hieher als ein Löwe, so daurte mich
nur meine Haut; Nein, nein, ich bin nichts dergleichen, ich bin ein
Mensch wie andre Menschen; und dann kan er sich ja nennen, und
ihnen rund heraus sagen, daß er Schnok der Schreiner ist.

Squenz.
Gut, so soll es seyn. Aber es sind noch zwey harte Puncten: Eins
ist, wie wollen wir den Mondschein in das Zimmer bringen? denn ihr
wißt, Pyramus und Thisbe kommen beym Mondschein zusammen.

Schnok.
Scheint der Mond in der Nacht, worinn wir spielen?

Zettel.
Einen Calender! einen Calender! sehet in den Almanach: Suchet
Mondschein, suchet Mondschein!

Squenz.
Ja, er scheinet diese Nacht.

Zettel.
Nun, so kan man ja einen Flügel von dem grossen Kammerfenster, wo
wir spielen, offen lassen; und der Mond kan durch den Flügel herein
scheinen.

Squenz.
Ja, oder es könnte auch einer mit einem Dornbusch und einer Laterne
heraus kommen, und sagen, er komme die Person des Mondscheins zu
presidieren, oder zu defiguriren. Aber es ist noch etwas; wir
müssen in der grossen Kammer eine Wand haben, denn Pyramus und
Thisbe, sagt die Historie, redten durch die Spalte einer Wand mit
einander.

Schnok.
Ihr werdet nimmermehr keine Wand hinein bringen können. Was sagst
du, Zettel?

Zettel.
Einer oder ein Andrer muß die Wand vorstellen; er kan etwas
Pflaster, oder etwas Leim, oder etwas Merdel an sich haben, das
eine Mauer bedeutet; oder laßt ihn seine Finger so halten, und
durch die Spalte können Pyramus und Thisbe wispern.

Squenz.
Wenn das angeht, so ist alles gut. Kommet, jeder Mutters-Sohn size
nieder, und probieret eure Pärte. Pyramus, ihr fanget an; wenn ihr
eure Rede gesprochen habet, so geht hinter diesen Zaun; und so ein
jeder wie es sein Merkwort erfodert.

Zweyter Auftritt.
(Puk tritt von hinten auf.)

Puk.
Was für ein Hauffen Galgenschwengel lermen
So nah’ beym Lager unsrer Königin?
Wie? Gar ein Schauspiel? Ich will Hörer seyn;
Vielleicht auch Acteur, wenn ich Anlas finde.

Squenz.
Redet, Pyramus, Thisbe stehet weiter weg.

Pyramus.
«Thisbe, wie eine Blum’ schmekt von Geschmäken süß.»

Squenz.
Gerüchen! Gerüchen!

Pyramus.
«Gerüchen G’schmäken süß.
So thut dein Athem auch, o Thisbe, meine Zier!
Doch horch, ich hör ein’ Stimm’; es ist mein Vater g’wiß,
Bleib eine Weile steh’n, ich bin gleich wieder hier.»

Puk.
Ein Pyramus, wie man nicht immer sieht!

Thisbe.
Muß ich izt reden?

Squenz.
Ja, zum Henker, freylich müßt ihr; ihr müßt wissen, daß er nur
weggegangen ist, weil er ein Getöse gehört hat; er wird gleich
wieder kommen.

Thisbe.
«Umstrahlter Pyramus, an Farbe Lilien-weiß,
Und roth wie eine Ros’ auf triumphiern’dem Strauch.
Du muntrer Juvenil, der Männer Zier und Preis,
Treu wie das treuste Roß, das nie ermüdet auch.
Ich will dich treffen an, glaub mir, bey Ninny’s* Grab.»

Squenz.
Nini Grab, Mann! Aber das müßt ihr nicht izo sagen; das antwortet
ihr dem Pyramus. Ihr sagt euern ganzen Part auf einmal her,
Merkwörter und allen Plunder!—Pyramus!—heraus! Euer Merkwort ist
schon gesagt, es ist ermüdet auch. (Zettel kömmt wieder mit einem
Eselskopf heraus.)

Thisbe.
O! «So treu wie’s treuste Roß das nie ermüdet auch.»

Pyramus.
«Wenn, Thisbe, ich wär’ schön, so wär’ ich einzig dein.»

Squenz.
O! Abentheur! O! Wunder! Es spükt um uns herum. Helft, ihr
Herren! flieht, ihr Herren, helft!

(Sie lauffen alle davon.)

Puk.
Ich will euch folgen, ich will euch im Kreise
Durch Sumpf und Busch, durch Kraut und Disteln jagen,
Ein Pferd will ich bald seyn, und bald ein Hund,
Ein Schwein, ein Bär, und bald ein flatternd Feuer,
Und wiehern, bellen, grunzen, brummen, brennen,
Wie Pferd, und Hund, und Schwein, und Bär, und Feuer.

(Geht ab.)

Zettel.
Warum lauffen sie davon. Es ist nur eine Schelmerey von ihnen, mir
Angst zu machen. (Schnauz kommt heraus.)

Schnauz.
Zettel, du bist verwandelt! was seh’ ich auf dir?

Zettel.
Was du sieh’st? du sieh’st einen Eselskopf auf deinem eignen;
nicht so?

(Schnauz geht ab.)

(Squenz kommt)

Squenz.
Der Himmel sey dir gnädig, Zettel, du bist transferirt.

(Geht ab.)

Zettel.
Ich merke ihre Schelmerey, sie wollen einen Esel aus mir machen,
und mich erschreken wenn sie könnten; aber ich will nicht von der
Stelle gehen, thun sie was sie können; ich will hier auf und ab
spazieren, und singen, damit sie hören, daß ich mir nicht fürchte.

(Er singt.)

Der Amsel-Hahn von Farb so schwarz,
Von Schnabel Orangen-gelb,
Die Drostel, die so lustig singt,
Das muntre Zeisiglein.

Titania (erwachend.)
Welch Engel weket mich von meinem Blumenbette?

Zettel.
Der Fink, der Sperling und die Lerch,
Der graue Kukuk fein,
Des wahrhaft Lied so mancher hört,
Und darf nicht sagen, Nein! Denn, in der That, wer wollte seinen
Wiz gegen einen so närrischen Vogel sezen? Wer wollte einen Vogel
lügen heissen, und wenn er noch so viel Kuku** schrie?

Titania.
Ich bitte dich, sing’ wieder, o du schönster
Der Sterblichen, mein Ohr ist ganz verliebt
In deine Melodey; so ist mein Auge
Entzükt von deiner Bildung, und mein Mund
Von deiner schönen Tugend Macht gezwungen,
Beym ersten Blik dir zu gesteh’n, zu schwören,
Daß ich dich liebe—

Zettel.
Mich dünkt, Frau, ihr solltet nicht viel Ursache dazu haben; und
doch, die Wahrheit zu sagen, Vernunft und Liebe halten einander
heut zu Tage selten Gesellschaft. Es ist zu bedauern, daß nicht
ein oder andre ehrliche Nachbarn sie zu Freunden machen. Gelt!
ich kan bey Gelegenheit auch spassen?

Titania.
Du bist so weise, als du reizend bist.

Zettel.
Keines sonderlich; doch wenn ich Wiz genug hätte, wieder aus diesem
Wald zu kommen, so hätte ich gerade so viel, als ich für mich
selbst brauche.

Titania.
O! wünsche nicht aus diesem Hayn zu kommen;
Hier sollt du bleiben, willig oder nicht.
Ich bin ein Geist, von nicht gemeiner Art,
Ein ew’ger Sommer wohnt auf meinem Staate;
Ich liebe dich; drum geh’ mit mir, ich will
Dir Feen geben, welche dich bedienen,
Und dir Juweelen aus der Tieffe holen,
Und singen, wenn auf Blumen du entschlummerst;
Und deine grobe sterbliche Natur
Will ich zur Feinheit lüftiger Geister läutern.
Senfsaamen, Bohnenblühte, Milbe, Spinnenweb! * Das Wortspiel ligt
in der Verwechslung von (Ninus’s) und (Ninny’s. Ninny) heißt ein
Tölpel, oder dummer Junge. ** Auch hier ligt der Scherz in der
Ähnlichkeit des Worts (Cuckow), welches einen Kukuk, und (Cuckold),
welches einen Ritter von dem Orden der grossen Brüderschaft
bezeichnet.

Dritter Auftritt.
(Die vier Feen treten auf.)

1. Fee.
Bereit!

2. Fee.
Und ich.

3. Fee.
Und ich.

4. Fee.
Und ich: Was sollen wir?

Titania.
Seyd diesem feinen Herren hold und dienstbar,
Hüpft vor ihm her, wenn er im Hayn spaziert,
Und gaukelt ihm kurzweilend um die Augen.
Speißt ihn mit Abricos und kühlenden Erdbeeren,
Maulbeeren, Feigen, und mit Purpurtrauben.
Beraubt die Bienen ihrer Honigwaben,
Und zündet ihre wachsbeladnen Beine
Für Fakeln an des Feurwurms Augen an,
Dem Liebling meiner Brust zur Ruh’ zu leuchten;
Und rauft den buntgemahlten Schmetterlingen
Die Flügel aus, den Mondschein wenn er schläft,
Von seinen Augen wegzufächeln.
Neigt euch ihr Elfen all, und grüsset ihn.

Die Feen.
Heil! Sterblicher; Heil dir! Heil! Heil!

Zettel.
Ich bitte Ew. Gestreng von Herzen um Vergebung; mit Erlaubniß,
Gestrenger Herr, ihren Namen?

Spinnenweb.
Spinnenweb.

Zettel.
Ich wünsche besser mit euch bekannt zu werden, guter Herr
Spinnenweb; wenn ich mich in den Finger schneide, so werde ich
lustig mit euch machen. Euer Name, Junker?

Bohnenblühte.
Bohnenblühte.

Zettel.
Ich bitte, empfehlt mich der Frau Squasch, eurer Mutter, und dem
Hrn. Bohnenhülse, euerm Vater. Lieber Herr Bohnenblühte, ich
hoffe noch besser mit ihm bekannt zu werden. Euern Namen, Herr,
wenn ich bitten darf.?

Senfsaamen.
Senfsaamen.

Zettel.
Mein lieber Herr Senfsaamen, ich kenne Ihre Verwandtschaft gar wol;
dieser bärenhäutrische riesenmässige Schurke, dieser Rinderbraten,
hat schon manchen wakern Herrn von euerm Hause aufgefressen. Ich
verspreche euch, eure Freundschaft hat mir schon oft die Augen
wässern gemacht. Ich wünsche bekannter mit euch zu werden, mein
guter Herr Senfsaamen.

Titania.
Kommt, führet ihn in meine Sommerlaube.
Luna (so däucht mich) scheint mit Augen voller Wasser,
Und wenn sie weint, weint jede kleine Blume
Und klagt um irgend eine, durch die Hülfe
Der kupplerischen Nacht bezwungne Jungfernschaft.
Bindt meines Lieblings Zunge, führt ihn schweigend!

(Sie gehen ab.)

Vierter Auftritt.
(Der König der Feen.)

Oberon.
Mich wundert, ob Titania schon erwachte. (Puk erscheint.) Doch
hier kommt mein Mercur! Wie geht es, Gaukler,
Was Neues giebt’s in diesem geistervollen Hayne?

Puk.
Die Königin ist in ein Ungeheuer
Verliebt. Nah’ an der engen, ihrem Schlummer
Geweyhten Laube, während daß sie schlief,
Fand eine Bande lumpichter Gesellen,
(Taglöhner, welche in den Hallen von Athen
Ihr täglich Brod mit harter Hand verdienen,)
Sich ein, ein Schauspiel zu probieren,
Das sie an Theseus Hochzeitfest zu spielen
Gesinnet sind. Der abgeschmakteste
Von diesen Flegeln, der den Pyramus
Vorstellte, lief aus seiner Scene weg,
Und kam in einen Plaz mit Farrenkraut,
Wo ich gleich über ihn den Vortheil nahm,
Und einen Eselskopf auf seine Schultern sezte.
Indeß muß Thisbe eine Antwort haben.
Mein Kerlchen kömmt zurük; wie sie ihn sehen,
So flieht, wie wilde Gänse die den Vogler
Am Boden kriechen sehen, oder wie
Ein bunter Schwarm von rothgefüßten Krähen,
Vom Knall der Flinten aufgeschrekt, sich krächzend
Zerstreut und sinnlos um die Wolken flattert;
So flieht der ganze Trupp bey seinem Anblik;
Und noch, von meines Fußtritts Ton erschrekt,
Fiel, weil sie sich verfolgt von Geistern glaubten,
Der eine überwälzend auf die Erde;
Ein andrer schrie um Hülfe von Athen.
Die Angst die ihrer Sinnen sie beraubte,
Empörte wider sie selbst lebenlose Wesen;
Denn Dorn und Heken schnappten ihnen nach,
Hier blieb ein Hut zurük, ein Ermel dort;
Den Fliehenden berupfen alle Dinge.
So trieb ich sie vor Furcht entseelt herum,
Und ließ indeß den holden Pyramus
Verwandelt hier; im gleichen Augenblik
Erwacht Titania, und verliebt sich straks
In einen Esel—

Oberon.
Diß fiel besser aus
Als ich vermuthen durfte. Hast du aber
Auch, wie ich dir zu thun befahl, die Augen
Des Jünglings von Athen mit diesem Saft bestrichen?

Puk.
Ich fand ihn schlafend; auch diß ist vorbey.
Das Mädchen lag dabey, und nah’ genug,
Daß er sie sehen muß, wenn er erwacht.

Fünfter Auftritt.
(Demetrius und Hermia.)

Oberon.
Steh’ still, diß ist der Jüngling den ich meynte.

Puk.
Diß ist das Mädchen, aber nicht der Jüngling.

Demetrius.
Wie hart begegnest du, dem der dich liebt?
Gieb deinem Todfeind solche bittern Worte!

Hermia.
Noch schelt’ ich nur, weit schlimmer sollt ich dir
Begegnen; denn, ich fürchte, du hast mir
Dich zu verfluchen, Grund gegeben:
Du hast Lysandern als er schlief erschlagen;
So tief im Blut tauch dich noch tieffer ein,
Und tödte mich. Die Sonn’ ist nicht so rein,
Als er bis diesen Tag getreu mir war.
Würd’ er von seiner Hermia, weil sie schlief,
Sich weggestohlen haben? Eher wollt’ ich glauben,
Daß dieser Erdenball durchbohret werden,
Und Luna durch das hole Centrum kriechen,
Und ihres Bruders Mittag bey den Gegenfüßlern
Beschämen könnt’! Es kan nicht anders seyn,
Ermordet hast du ihn; so wie du blikest,
So stier, so grimmig sollt ein Mörder bliken.

Demetrius.
So sollte der Erschlagne ausseh’n, und so, ich,
Dem deine Grausamkeit das Herz durchbohrt;
Doch du, die Mörderin, du siehst so glänzend
Als Venus dort in ihrer Sphäre funkelt.

Hermia.
Was hat diß mit Lysandern? wo ist er?
Ach! werther Freund, willt du ihn mir nicht geben?

Demetrius.
Eh wollt ich seinen Rumpf den Hunden geben!

Hermia.
Weg, Hund, hinweg! Du treibst mich aus den Grenzen
Der weiblichen Geduld. So hast du ihn
Erschlagen? o wenn dieses ist, so werde
Hinfort nicht mehr den Menschen zugezählt!
Sprich einmal wahr, sag’ es mir zu Gefallen,
Hätt’st du es wagen dürfen, weil er wachte
Ihn anzuseh’n, und hast du ihn im Schlaf
Ermordet? Wahrlich! eine kühne That!
Kan nicht ein Wurm, ein kriechend Ungeziefer
Das gleiche thun! Das bist du; keine Otter
Hat je mit einer zweygespiztern Zunge,
Als deine ist, du Schlangenbrut, gestochen.

Demetrius.
Umsonst verschwendest du, o Schönste, deine Wuth;
Denn ich bin schuldlos an Lysanders Blut,
Noch ist er tod, so viel ich sagen kan.

Hermia.
So sag’, ich bitte dich, es sey ihm wohl!

Demetrius.
Und könnt ich’s, was gewönn’ ich denn damit?

Hermia.
Das Recht, mich nimmermehr zu sehen.
Auf ewig meid’ ich dein verhaßtes Antliz!
Was auch Lysander sey, du sollt mich nicht mehr sehen.

(Geht ab.)

Demetrius.
Es nuzet nichts, bey dieser bösen Laune
Ihr nachzugeh’n; ich will noch hier verweilen,
Des Kummers Last wird schwerer durch die Schuld
Die der bankrotte Schlaf dem Kummer soll;
Vielleicht bezahlt er einen Theil daran,
Wenn ich, ihm abzuwarten, hier verweile.

(Er ligt nieder, und schläft.)

Oberon.
Was thatest du? Du hast aus Mißverstand
Auf irgend einer treuen Liebe Augen
Den Zaubersaft gelegt; nun macht dein Irrthum
Die treue Liebe falsch, und nicht die falsche treu.

Puk.
So ist des Schiksals Schluß; für einen treuen Mann
Sind hundert tausend, die mit Eiden spielen.

Oberon.
Geh’ schneller als der Wind, und finde mir
In diesem Hayne Helena von Athen.
Ganz Liebeskrank ist sie, und blaß vom Antliz,
Und haucht ihr Rosenblut in Seufzer aus.
Verleite sie hieher, ich will die Augen
Des Jünglings den sie liebt, für sie bezaubern.

Puk.
Kein Pfeil von eines Tartars Bogen,
Ist je so schnell wie ich geflogen.

(Er geht ab.)

Oberon (indem er den Saft auf Demetrius Augen gießt.)
Blume, die durch Amors Schaft
In Purpur-Farbe glüht,
Hauche deine Liebes-Kraft
Durch sein Augenlied!
Und sieht er dann die er bisher
Durch Untreu zwang, ihm nachzuweinen,
So laß sie schöner, glänzender
Als Venus unterm Sternen-Heer,
Vor des Entzükten Aug’ erscheinen:
Die Reyhe komme dann an ihn,
Sich um ihr Lächeln zu bemüh’n,
Und wenn sie flieht, ihr nachzuweinen!

(Puk kömmt zurük.)

Puk.
Herr von unserm Feen-Land,
Helena ist hier zur Hand;
Ihr folgt der Jüngling von Athen,
An dem ich vor mich überseh’n,
Und fleht sie, was er flehen kan
Um Lind’rung seiner Schmerzen an.
Es ist ein Spaß dem Schauspiel zuzuseh’n;
Herr! welch ein albern Volk sind diese Sterblichen!

Oberon.
Gieb Acht, es könnte leicht vom Lermen so sie machen,
Demetrius uns zu früh erwachen.

Puk.
Dann wär’ erst unser Spaß vollkommen,
Dann buhlten ihrer Zwey um Eine.
Je wiedersinnischer die Sachen
Sich dreh’n, je mehr hat Puk zu lachen.

Sechster Auftritt.
(Lysander und Helena.)

Lysander.
Wie kanst du denken, daß ich deiner spotte?
O! wenn zerfloß wol je der Spott in Thränen?
Sieh’, meine Thränen waschen den Verdacht
Von den Gelübden ab, die ich dir weyhe,
Und zeugen für die Wahrheit meiner Seufzer.

Helena.
Je mehr du sprichst, entdekt sich deine Falschheit.
Wenn Wahrheit Wahrheit tödtet, welch ein Zweykampf,
Wie teuflisch-heilig!—Alle die Gelübde,
Die du mir weyh’st, sind Hermias! Wäge nun
Eyd gegen Eyd, so wirst du gar nichts wägen.
Treuloser Mann, die Schwüre die du ihr
Und die du mir geschworen, in zwey Schalen
Geworffen, wägen gleich, und beyde gleich so viel
Als Mährchen die der Kinder Schlaf befördern.

Lysander.
Mir fehlte der Verstand, als ich ihr schwor.

Helena.
Und fehlt dir izt, da du ihr treulos wirst.

Lysander.
Demetrius liebet sie, und liebt nicht dich.

Demetrius (erwachend.)
O Helena, Göttin, Nymphe, Schönste, Beste,
Womit, Geliebte, soll ich deine Augen
Vergleichen? Trüb ist gegen sie Crystall!
Wie loket deiner Lippen reiffe Röthe,
Gleich Kirschen, die dem Mund entgegen schwellen,
Zum süssen Kuß; das reine dichte Weiß,
Auf Taurus Höh’ wird rabenschwarz, sobald
Du deine Hand erhebst! O laß mich dieses Urbild
Der reinsten Weisse küssen, und im Arme
Der Göttinnen die Götter neidisch machen.

Helena.
O! Schmach, o Hölle! Habt ihr’s abgeredet,
So ein barbarisch Spiel mit mir zu treiben?
Wär’t ihr gesittet, und der heiligen Geseze
Des Wohlstands kundig, o! ihr würdet euch
So niederträchtig mich zu kränken schämen.
Könnt ihr mich denn nicht hassen, wie ich weiß
Ihr thut es, ohne meiner noch zu spotten?
Wär’t ihr was ihr zu seyn scheint, wär’t ihr Männer,
Ihr würdet einem guten Mädchen nicht
So unverschämt begegnen, ihre Gaben
Durch übertriebnes Lob zu höhnen, und zu schwören,
Der Abscheu, den sie euch erwekt, sey Liebe.
Ihr beyde seyd, ich weiß es, Nebenbuler
Um Hermia; nun seyd ihr’s auch, um meiner
Zu spotten. Eine feine Heldenthat;
Fürwahr! ein männlich Unternehmen, Thränen
Aus eines armen Mädchens Augen
Zu zwingen! Keiner, dem ein edles Herz
Im Busen schlüge, würde fähig seyn
Mit einer Jungfrau so zu handeln!

Lysander.
Nicht so, Demetrius! Nicht so unleutselig!
Du liebest Hermia, und du weist, ich weiß es,
Und hier tret’ ich freywillig und von Herzen
Dir meinen Theil an Hermias Liebe ab,
Und fordre deinen nur an Helena,
Die dir gleichgültig ist, und die ich liebe,
Und bis zum lezten Athem lieben werde.

Helena.
Niemals verlohren blöde Spötter mehr
Unnüzen Athem!—

Demetrius.
Höre mich, Lysander!
Behalte deine Hermia, ich will keine.
Liebt’ ich sie einst, wie ich mich dessen kaum
Besinnen kan, so ist es nun vorbey
Mit dieser Liebe. Gastweis hielte sich
Mein Herz nur bey ihr auf, und ist nunmehr
Zu Helena auf ewig heimgekehrt!

Lysander.
Es ist nicht so.

Demetrius.
Schmäh’ du nicht eine Treue
Die du nicht kennst; du thätest es auf deine
Gefahr!—Schau auf, da kömmt sie, deine Liebe.

Siebender Auftritt.
(Hermia zu den vorigen.)

Hermia.
Die Nacht entsezt das Auge seines Amtes,
Und macht des Ohrs Empfindung desto schärfer.
Was sie dem Sehen raubt, ersezet sie
Dem Sinn des Hörens zweyfach. O Lysander,
Mein Auge sucht dich lang’ und fand dich nicht;
Allein mein Ohr, Dank sey ihm, brachte mich,
Auf deiner Stimme Spur, zu dir. Warum,
Warum verließst du so unzärtlich mich?

Lysander.
Wie konnt ich bleiben, da die Liebe mich
Zu gehen trieb?

Hermia.
Welch eine Liebe konnte
Lysandern weg von meiner Seite treiben?

Lysander.
Lysanders Liebe, die ihm nicht erlaubte
Fern von der schönen Helena zu bleiben,
Die mehr die Nacht vergüldt,
Als alle jene feuerreichen Augen
Des Himmels. Warum suchest du mich noch?
Erklärte nicht die Sache selbst dir deutlich,
Es sey der Haß zu dir, der mich dich fliehen machte.

Hermia.
Du sprichst nicht wie du denkst, es kan nicht seyn.

Helena.
Seh’t, sie ist eine von dem edeln Bündniß;
Nun seh’ ich, alle drey vereinten sich
Durch diese Mummerey mich zu verhönen.
Boshafte Hermia, undankbares Mädchen,
Was hab’ ich dir gethan, daß du dich auch
Zu ihnen schlägst, ein Spiel aus mir zu machen?
Ist alle Freundschaft, die wir einst uns weyhten;
Ist die Vertraulichkeit, die schwesterlichen
Gelübd’; und jene Stunden, da wir ungern
Uns scheidend, die zu schnelle Zeit beschalten;
O! Ist diß alles, alles schon vergessen,
Die Schultags-Freundschaft, und die spielende
Schuldlose Liebe unsrer frohen Kindheit?
Da, Hermia, schuffen wir mit unsern Nadeln
Gleich zween kunstvollen Göttern eine Blume,
Nach einem Riß, auf einem Polster sizend;
Und gurgelten nach einer Melodie
Ein muntres Lied, die Arbeit zu beleben;
Als wären unsre Händ’ und Stimm’ und Herzen
Verkörpert, nur Ein Leib, beseelt von unsrer Liebe.
So wuchsen wir, wie eine Doppel-Kirsche
Getheilt zwar scheinend, doch in Eins verwachsen
Beysammen auf; zwo anmuthsvolle Beeren,
An einem Stiele reiffend; so zwey Leiber
Dem Scheine nach, doch nur ein Herz in beyden.
Und willt du, kanst du unsre alte Liebe
Vergessen, und um deiner armen Freundin
Zu spotten, dich zu Männern zugesellen?
O! das ist nicht freundschaftlich, nicht jungfräulich
Gehandelt; du verschuldest dich an unserm
Geschlechte, nicht an mir allein, obgleich
Nur ich allein die bittre Kränkung fühle.

Hermia.
Dein hiziges Reden sezt mich in Erstaunen!
Nicht ich, du, scheint’s, beleidigst mich!

Helena.
Hast du Lysandern nicht, mir nachzugehen,
Und mein Gesicht und meine Augen
Zu preisen, aufgestiftet? Hast du nicht
Demetrius, deinen andern Freund, der erst
Mich noch mit seinem Fusse von sich stieß,
Gereizt, mich Göttin, Nymphe, überirdisch,
Himmlisch zu nennen? Warum sagt er so
Zu einer die er haßt? Warum verläugnet
Lysander deine Liebe, die sein Herz
Doch ganz erfüllt, und sagt mir Süssigkeiten,
Als, weil du sie gereizt, und eingewilligt?
Wie? wenn ich gleich nicht so begünstigt bin,
Wie du; nicht so beglükt, und so mit Liebe
Behangen, ja von meinem Unstern gar
Zur Schmach verurtheilt, ungeliebt zu lieben;
Diß sollte dich vielmehr zu sanftem Mitleid
Als zu Verachtung reizen!—

Hermia.
Ich verstehe nicht,
Was du mit allem diesem meyn’st—

Helena.
So recht!
Fahr immerfort, verstelle deine Minen,
Zieh’ Mäuler gegen mich, wenn ich mich drehe,
Winkt euch einander zu! o haltet ja
Diß schöne Spiel recht aus, es ist der Chronik würdig.
Wenn ihr ein fühlend menschlich Herz, ja nur
Manieren hättet, würdet ihr aus mir
Den Inhalt eines solchen Spiels nicht machen.
Jedoch der Fehler ist zum Theil an mir;
Bald soll Entfernung oder Tod ihn heilen.

Lysander.
Steh’, holde Helena! hör’, o hör’ mich an!
Mein Licht, mein Leben, meine schönste Liebe!

Helena.
Vortrefflich!

Hermia.
Lieber Freund, verspotte sie nicht so.

Demetrius.
Vermag ihr Bitten nichts, so kan ich zwingen.

Lysander.
Du kanst es so, wie sie erbitten kan.
Dein Droh’n hat nicht mehr Kraft als ihre schwache Bitten.
Helena, ich liebe dich; bey meinem Leben,
Ich liebe dich; bey dem was ich für dich
Verliehren will, dem der es widerspricht
Es zu beweisen, daß er lügt—

Demetrius.
Ich sage,
Ich liebe dich weit mehr als er dich liebt.

Lysander.
Wenn du das sagst, so komm es zu beweisen.

Demetrius.
Nur gleich—

Hermia.
Lysander, wozu soll diß alles?

Lysander.
Aus meinem Weg, du Mohr!

Demetrius.
Besorge nichts,
Er thut nur so dergleichen; es ist nicht
Sein Ernst mit mir zu kommen—Geh’, Lysander,
Du bist ein zahmer Mann—

Lysander (zu Hermia.)
Hinweg du Kaze, du Klette, du nichtswürdigs Ding;
Laß mich, sonst schleudr’ ich dich wie eine Schlange
Von mir hinweg—

Hermia.
Warum so rauh? welch eine Änd’rung
Ist das, mein Herz!

Lysander.
Dein Herz? Fort, du schwarzgelber Tartar, fort,
Du ekelhafte Medicin, hinweg!

Hermia.
Scherzt ihr, Lysander?

Helena.
Freylich, wie du auch.

Lysander.
Demetrius, ich will dir mein Wort unfehlbar halten!

Demetrius.
Du must mir Bürgschaft stellen, denn ich merke,
Daß deinem Wort nicht viel zu trauen ist.

Lysander.
Wie? soll ich sie denn stossen, schlagen, tödten?
Haß’ ich sie gleich, so will ich ihr doch nichts
Zu Leide thun.

Hermia.
Und welch ein grösseres Leid
Kanst du mir thun, als hassen? wie? Mich hassen?
Wofür? weh mir! welch eine Neuigkeit!
Bin ich nicht Hermia? Bist nicht du, Lysander?
Ich bin izt noch so schön, als vor so kurzer Weile.
Noch diese Nacht, war ich von dir geliebt,
Und doch, in dieser Nacht verließst du mich!
Warum verliessest du mich?—(O! die Götter
Verhüten es!) in Ernste, soll ich sagen?

Lysander.
So ists, bey meinem Leben! Ganz in Ernst,
Und mit dem Wunsche, nimmer dich zu sehen.
Sey also ausser Hoffnung, Frag und Zweifel,
Versichre dich’s: Nichts kan gewisser seyn,
Ich hasse dich, und liebe Helena.

Hermia.
Weh mir! du Taschenspielerin, wurmstich’ge Blume,
Du Liebes-Diebin, kamst du bey der Nacht,
Mir meines Freundes Herz hinweg zu stehlen?

Helena.
In Wahrheit! fein!—Hast du denn kein Gefühl
Von Sittsamkeit, von jüngferlicher Schaam?
Willt du von meiner sanften Zunge Worte
Der Ungeduld erzwingen! Schäme dich,
Du angestrichnes Bild, du Puppe, du!

Hermia.
Puppe? wie so?—Ha, ha! So ligt das Spiel!
Nun merk ich es! Sie hat ihn das Verhältniß,
Von ihrer Länge zu der meinigen,
Bemerken lassen; sie hat ihre Höhe
Gelten gemacht, und ihm mit ihrer
Person, mit ihrer langen aufgeschoßnen
Person, bey meiner Treu! mit ihrer Höhe
Das Herz genommen—Seyd ihr darum also
So hoch in seiner Gunst emporgewachsen,
Weil ich so klein, so Zwergen-mässig bin?
Wie klein bin ich? Du Bohnenstikel, sprich,
Wie klein bin ich? Ich bin doch nicht so klein,
Daß meine Nägel nicht an deine Augen reichen.

Helena.
Ihr Herr’n, ich bitte euch, so gram ihr mir
Auch seyn mög’t, laßt sie mich nicht schlagen!
Ich war nie zänkerisch, und habe gar
Gar keine Gabe mich mit ihr zu rauffen.
O! laßt sie nicht an mich! Ihr denkt vielleicht,
Weil sie um etwas kleiner ist als ich,
Ich könnte sie bezwingen—

Hermia.
Kleiner! horcht!
Schon wieder!—

Helena.
Liebe Hermia, sey doch nicht
So bitter gegen mich. Ich liebte dich
Ja immerdar, that dir nie was zu Leide;
Und schloß, was du mir anvertrautest, schweigend
In meinen Busen, ausser dißmal nur
Diß einzige mal entdekt’ ich deine Flucht
In diesen Wald, Demetrio, den ich liebe.
Er folgte dir. Aus Liebe folgt’ ich ihm,
Allein er schalt mich fort, und drohte mir
Mich wegzustossen, ja mich gar zu tödten.
Und nun, wenn ihr mich ruhig gehen lasset,
Nun will ich meine Thorheit nach Athen
Zurüke tragen, und euch nicht mehr stören.
O! laßt mich geh’n! Ihr seh’t, was für ein schwaches
Einfältigs Ding ich bin.

Hermia.
Geh’ deines Weges,
Wer hindert dich?

Helena.
Ein thöricht Herz, das ich zurüke lasse.

Hermia.
Wie? Bey Lysander?

Helena.
Bey Demetrius.

Lysander.
Sey ohne Furcht, sie soll kein Leid dir thun
Geliebte Helena!—

Demetrius.
Nein, Herr! sie soll nicht,
Ob du dich gleich zu ihrem Schüzer aufwirfst.

Helena.
O! wenn sie zornig ist, so ist sie kühn;
Sie war ein böses Ding, wie sie zur Schule gieng;
Und hat, so klein sie ist, so viele Stärke.

Hermia.
Schon wieder klein, und nichts als klein und klein.
Wie könnt ihr leiden, daß sie so mich höhne?
Laßt mich an sie!—

Lysander.
Geh’, pake dich, du Zwerg,
Du Minimus, aus Besem-Kraut gemacht;
Du Eichel, du, du Paternoster-Kralle.

Demetrius.
Ihr seid allzudienstfertig, Herr Lysander,
Für eine die sich eurer Dienste weigert.
Laß sie allein, sprich nicht von Helena,
Und laß sie unbeschüzt; denn wenn du dich
Noch einmal untersteh’st von deiner Liebe
So wenig als es sey, ihr anzutragen,
So sollt du es bereun.

Lysander.
Izt hält sie mich nicht mehr;
Nun folge, wenn du darfst, es wird sich zeigen,
Ob dein Recht, oder mein’s an Helena
Das Stärk’re ist.

Demetrius.
Dir folgen? Nein, ich will dich Stirn’ an Stirne
Begleiten—Komm!

(Lysander und Demetrius gehen ab.)

Hermia.
Ihr, Frauenzimmer, aller dieser Lerm
Ist eure Schuld—Nein, geh’ nicht fort!—

Helena.
Ich traue dir nicht, ich, noch werd’ ich länger
In deiner zänkischen Gesellschaft bleiben.
Zum Rauffen hast du schnellere Händ’ als ich,
Doch zum Entlauffen hab’ ich längere Beine.

(Sie gehen ab. Hermia verfolgt Helena.)

Achter Auftritt.
(Oberon und Puk.)

Oberon.
Diß ist dein Fehler; stets versieh’st du was;
Doch bist du Schelms genug, vielleicht es gar
Mit Fleiß gethan zu haben—

Puk.
Glaubet mir,
König der Schatten, ich versahe mich.
Ihr sagtet ja, ich würde meinen Mann
An seinem Attischen Habit erkennen,
Und dieser täuschte mich; doch da der Irrthum
Nun einmal, ohne meine Schuld, begangen ist,
So freut mich’s, weil mich diese Zänkerey
Kurzweilig däucht—

Oberon.
Du siehest, diese Nebenbuhler suchen
Sich einen Plaz zum Fechten. Eile dann,
Robin, umzieh’ die heitre Nacht mit Dunkel,
Und hülle das gestirnte Firmament
In Nebel ein, schwarz wie der Acheron;
Und führe diese Streiter so vonsammen,
Daß keiner in den Weg des andern komme.
Bald bilde deine Zunge gleich Lysanders,
Durch bittern Schimpf Demetrius aufzureizen,
Und bald Lysandern mit Demetrius Stimme;
Treib sie so lang umher, doch stets entfernt,
Bis über ihre Augenlieder
Der Schlaf mit Leder-Flügeln und mit Füssen
Von Bley, dem Tod nachäffend kriecht, dann lege
Diß Kräutchen auf Lysanders Augen, welches
Die Kraft besizt, von ihnen allen Irrthum
Hinweg zu thun, und nach gewohnter Art
Sie seh’n zu machen. Wenn sie dann erwachen,
So wird sie dünken, dieses ganze Spiel
Sey nur ein Tand, ein eitles Nachtgesicht
Der Scherz von einem Sommertraum gewesen;
Und durch ein Band verknüpft, das nur der Tod soll lösen,
Wird jedes Liebespaar sich nach Athen
Zurük begeben. Weil du diß verrichtest,
Will ich zu meiner Königin, von ihr
Die Ursach unsers Streits, den Indischen Knaben
Zu fordern; giebt sie ihn, so will ich ihr
Bezaubert Auge von dem Schwindel heilen,
Der für ein Ungeheuer sie entzükt;
Und alle Fehde soll in süssem Frieden enden.

Puk.
Diß muß, o Geisterfürst, in Eil verrichtet werden;
Die schnellen Drachen die den Wagen ziehen
Der braunen Nacht, durchschneiden schon die Wolken
Mit größrer Hast, und dorten scheint Aurorens
Vorläuffer schon, bey dessen Ankunft
Umirrende Gespenster schaarenweise
Heim zu Kirchhöfen eilen; Schon sind alle
Verdammten Geister, die in Scheidewegen
Und in den Fluthen ihr Begräbniß haben,
Zu ihrem Würmer-vollen Bette bebend
Zurük gekehrt; aus Furcht, der lezte Tag
Möcht’ ihre Schande seh’n, verbannen sie
Freywillig sich vom Licht, und bleiben
Auf ewig zu der schwarzen Nacht gesellt.

Oberon.
Doch wir sind Geister einer andern Art.
Oft hab’ ich mit dem Morgenlicht gescherzt,
Und mag so lang die Hayne, wie ein Jäger
Durchtraben, bis des Himmels Pfort’ in Osten
Ganz feuerroth, sich gegen den Neptun
Mit weit umher ergoßnen Stralen öffnend,
All seine grünen Ström’ in Gold verwandelt.
Doch eile drum nichts minder, zög’re nicht,
Vor Tag kan alles schon verrichtet seyn.

(Oberon geht ab.)

Puk.
Auf und ab, auf und ab,
Führ’ ich sie in schnellem Trab
Kobolt, führ’ sie auf und ab.
Hier kömmt einer—(Demetrius tritt auf.)

Demetrius.
Lysander, sprich noch einmal,
Du Hasenherz, du feige Memme, du,
Bist du entlauffen? Sprich aus irgend einem Busch?
Wo hast du dich verstekt?

Puk.
Du, Memme selbst, wie? prahlst du zu den Sternen,
Sag’st zu den Stauden, daß du fechten wollest,
Und darfst nicht kommen? Komm, du kleiner Bube,
Die Ruthe sollst du haben; er ist fort
Der gegen dich ein Schwerdt gezogen.

Demetrius.
Ha, bist du dort—

Puk.
Folg’ meiner Stimme nach,
Hier ist kein Plaz zum Fechten.

(Sie gehen ab.)

(Lysander kömmt zurük.)

Lysander.
Stets läuft er vor mir her, und fordert mich
Heraus, und wenn ich komme wo er hin mich ruft,
So ist er fort; der Schlingel ist
Schnell-füssigter als ich, ich folgt’ ihm schnell,
Doch er floh’ schneller noch: Nun bin ich hier
In diesen dunkeln und unebnen Weg
Gerathen, und hier will ich ruhen. Komm,
Du holder Tag,

(er legt sich;)

denn zeigst du mir nur einst
Dein graues Licht, so will ich bald ihn finden,
Um diesen Hohn an ihm zu rächen.

(Puk und Demetrius kommen zurük.)

Puk.
Ho! ho! du Memme, warum kommst du nicht?

Demetrius.
Komm näher, wenn du darfst; ich weiß es wol,
Daß du von Ort zu Ort mir stets entläufst,
Und darfst nicht steh’n und mir ins Antliz sehen.
Wo bist du?

Puk.
Komm du nur hieher, hier bin ich!

Demetrius.
Du äffest mich; du sollt es theur bezahlen,
Wenn ich je dein Gesicht bey Tag erblike.
Izt, pake dich, mich zwingt die Mattigkeit,
Auf dieses kalte Bette mich zu streken.
Erwarte bey des Tages Anbruch mich!

(Er ligt nieder.)

Neunter Auftritt.

Helena.
O schwere Nacht, verdrießlich lange Nacht,
Verkürze deine Stunden! brich heran,
Erwünschtes Licht, das mich von diesen Leuten
Die meine Gegenwart verabscheun, nach Athen
Zurüke leit’. Inzwischen komm, o du
Der oft des Kummers müdes Auge schließt,
Komm, sanfter Schlaf, und stiehl mich eine Weile
Von meiner eigenen Gesellschaft.

(Sie entschläft.)

Puk.
Noch sind’s erst drey; nur eine noch,
So sind sie alle vier beysammen.
Hier kömmt sie, unmuthsvoll und traurig!
Cupido ist ein schlimmer Vogel,
So arme Mädchens zu bethören. (Hermia tritt auf.)

Hermia.
Nie so ermüdet, nie von Schmerzen so
Bedrüket, naß von Thau, von Dornen wund,
Kan ich nicht weiter geh’n, noch weiter kriechen;
Hier will ich ruhen, und den Tag erwarten!
Ihr Götter schüzt Lysandern, wenn ihr Streit
Mit einem Kampf sich endet—

(Sie liegt nieder.)

Puk.
Schlafe du
In süsser Ruh!
Unterweilen
Soll die Kraft
Von diesem Saft
Deines Lieblings Augen heilen.

(Er gießt den Saft auf Lysanders Augen.)

Erwachest du, so wird in Hermias Bliken
Dich der gewohnte Reiz entzüken.
So trift bey euerm Wachen dann
Das alte Sprüchwort zu:
Hans nimmt sein Gretchen wieder an,
Und alles ist in Ruh.

(Puk geht ab.)

Vierter Aufzug.

Erster Auftritt.
(Der Wald)
(Die Königin der Feen, Zettel, aufwartende Feen, und Oberon hinter
ihnen)

Titania.
Komm, seze dich auf dieses Blumenbette,
Weil ich dir deine holden Wangen streichle,
Dein glattes weiches Haupt mit Rosen kränze,
Und deine schönen langen Ohren küsse,
Mein süsses Herz—

Zettel.
Wo ist Bohnenblühte?

Bohnenblühte.
Hier.

Zettel.
Krazt mir im Kopf, Bohnenblühte. Wo ist Monsieur Spinnenweb?

Spinnenweb.
Hier.

Zettel.
Monsieur Spinnenweb, werther Monsieur, nehmt eure Waffen zur Hand,
und tödtet mir eine rothgeschenkelte Hummel auf einem Distelkopf;
und, werther Monsieur, bringt mir den Honigwaben. Lauft euch nicht
zu sehr aus dem Athem, Monsieur; und, werther Monsieur, habet Sorge,
daß der Honigwaben nicht breche; es sollte mir leid seyn, euch mit
Honigseim übergossen zu sehen, Signior. Wo ist Messer Senfsaamen?

Senfsaamen.
Hier!

Zettel.
Leih’ mir deine Faust, Monsieur Senfsaamen. Ich bitte euch, nicht
so viel Complimente, werther Monsieur.

Senfsaamen.
Was beliebt Ihnen?

Zettel.
Nichts, werther Monsieur, als Cavalero Spinnenweb krazen zu helfen.
Ich muß zum Barbier, Monsieur, denn mir däucht, ich bin ganz
erstaunlich haaricht um’s Gesichte. Und ich bin ein so zärtlicher
Esel, wenn mein Haar mich nur ein bißchen kizelt, so muß ich krazen.

Titania.
Verlangest du Musik, mein werthes Leben?

Zettel.
Ich hab ein raisonabel gutes Ohr zur Musik.

(Eine ländliche Musik.)

Titania.
Sag izt, mein Herz, was wünschest du zu essen?

Zettel.
Die Wahrheit zu sagen, eine Handvoll Futter würde mir nicht übel
thun; ich wollte euch ein gut Theil von euerm Haber käuen, wenn ich
hätte. Mich dünkt, ich habe einen grossen Appetit nach einem
Schober Heu; gutes Heu, zartes Heu, hat nicht seines gleichen.

Titania.
Sogleich soll eine meiner schnellsten Feen
Dir aus des Eichhorns Vorrath frische Nüsse hohlen.

Zettel.
Ich hätte lieber eine Handvoll oder zwo dürre Bohnen. Aber ich
bitte, laßt niemand von euern Leuten mich beunruhigen; ich habe
eine Exposition von Schlaf die mich ankommt.

Titania.
Schlaf du, und ich will dich in meine Arme winden.
Ihr Feen, geht, hinweg ihr Elfen alle!
So windet sich das weiche Geißblatt
Sanft um den Ahorn, Epheu windet so
Sich um des Ulmbaums ausgestrekte Arme.
O! wie ich bis zur Schwärmerey dich liebe! (Puk erscheint.)

Oberon.
Willkommen, Robin! Sieh’st du diesen Anblik?
Ihr Wahnwiz fängt mein Mitleid an zu reizen.
Denn da ich sie vorhin in diesem Hayne
Beschlich, indem sie eben süsse Düfte
Für dieses abgeschmakte Monkalb suchte,
Beschalt ich sie, und hielt mit bittern Worten
Ihr ihren Unsinn vor; denn seine rauhen
Behaarten Schläfe hatte sie mit Kränzen
Von auserlesnen Blumen rings umkränzt;
Und eben dieser Thau, der auf den Rosenknospen
Gleich runden morgenländischen Perlen sonst geblinkt,
Stund izt in dieser holden Blümchen Augen
Wie Thränen, die solch eine Schmach beweinten.
Als ich sie nun nach Herzenslust gezankt,
Und sie mich um Geduld in milden Worten bat,
Da fodert’ ich den kleinen Jungen ab,
Den sie mir sonst so trozig abgeschlagen;
Sie gab ihn willig her, und schikte ihre Fee
Ihn gleich in meine Laub’ im Feenlande
Zu tragen. Nun, da ich den Knaben habe,
Will ich von dieser häßlichen Verblendung
Ihr Aug’ entbinden; du aber, holder Puk,
Nimm diese Mißgestalt von des Atheners Haupte,
Daß er zugleich mit jenen Schläfern dort
Erwachend, wieder heim mit ihnen kehre;
Und All’ an dieser Nacht Begebenheiten
Nicht weiter denken, als an eines Traumes
Beängstigungen. Itz will ich zuförderst
Die Feen-Königin entzaubern.

Sey wieder was du ehmals warst,
Sieh’ wieder wie du ehmals sahst;
Solch eine heilungsvolle Macht
Hat Phöbes Knospe über Amors Blume. Erwache nun, Titania, meine
Königin!

Titania.
Mein Oberon, was sah’ ich für Gesichter!
Mich däucht’ ich war verliebt in einen Esel.

Oberon.
Hier ligt dein Liebling.

Titania.
Wie gieng dieses zu?
Wie ekelt mir vor diesem Anblik izt!

Oberon.
Still eine Weile! Robin, nimm diß Haupt!
Titania, horche dieser Symphonie,
Die, stärker als gemeiner Schlaf, die Sinnen
Von diesen Schläfern bindet—

Titania.
Ha! Musik! einschläfernde Musik!

Puk (zu Zettel.)
Wenn du erwach’st, so guke
Aus deinen eignen Narren-Augen wieder.

Oberon.
Ertöne fort, Musik! leg’ Hand mit mir
Titania an, den Grund zu wiegen,
Wo diese holden Schläfer ligen.
Die Freundschaft zwischen mir und dir
Ist nun erneut, und daure für und für.
Morgen in der Mitternacht
Wollen wir, wie im Triumphe,
Wir mit allen unsern Elfen,
Herzog Theseus Haus durchtanzen,
Und bis zu den fernsten Enkeln
Es mit unserm Segen weihen.

Puk.
Feen-König, horch! mein Ohr
Hört der frühen Lerchen Chor.

Oberon.
So laß uns dann, o Königin,
Den Schatten nach in ernster Stille fliehn.

Titania.
Komm, mein Gemahl, und weil wir fliehn,
Enträthsle mir die Wunder dieser Nacht;
Und wie es kam, daß man mich hier
Bey diesen Sterblichen schlafend fand?

(Sie gehen ab. Die Schlafenden bleiben liegen. Man hört
Hifthörner.)

Zweyter Auftritt.
(Theseus, Hippolita, Egeus und Gefolge.)

Theseus.
Geh’ einer von euch, sucht den Forster auf,
Denn unsre Mayen-Andacht ist geendigt;
Und weil die Dämm’rung günstig ist, soll izt
Hippolita die Musik meiner Hunde hören.
Eilt, hohlt den Forster, und entfesselt sie.
Wir wollen, meine schöne Königin,
Auf dieses Berges Gipfel steigen, und
Von da die musicalische Verwirrung
Vom Laut der Hunde mit dem Nachhall hören.

Hippolita.
Ich war mit Herkules und Cadmus einst
Als sie in einem Walde von Dictynna
Den Bären mit Spartanischen Hunden hezten.
Nie hört’ ich solch ein prächtiges Getöne.
Nicht nur die Büsche, Luft, und Berg, und Quellen,
Die ganze Gegend schien ein einziges
Zusammenstimmendes Geschrey. Ich hörte nie
Solch eine musicalische Dissonanz,
Solch einen anmuthsvollen Donner.

Theseus.
Auch meine Hunde sind von Spartas Art,
So kurz von Haar, so barticht, so mit Ohren,
Die, schlapp und niederhangend von dem Grase
Den Thau wegwischen, krumm von Knie, und hautig
Am Halse wie Thessaliens Stiere, langsam
Im Jagen, aber wie ein Glokenspiel
Im Laut gestimmt, stets einer unter’m andern.
Nie ward ein schöneres Getön in Creta,
Noch Sparta, noch Thessaliens Plänen,
Vom Jagdgeschrey und Hifthorn aufgemuntert.
Urtheile, wenn du hörst. Doch still, was sind
Für Nymphen hier?

Egeus.
Mylord, es ist mein Mädchen;
Diß Helena, des alten Nedars Tochter;
Und diß Lysander, diß Demetrius, alle
Schlafend! Mich wundert, wie sie hier zusammen
Gekommen.

Theseus.
Ohne Zweifel standen sie
Früh auf, die festlichen Gebräuche
Des Mayen zu begeh’n, und auf die Nachricht
Von unserm Vorsaz kamen sie hieher
Um unsre Feyrlichkeit zu zieren.
Doch, sprich Egeus, ist diß nicht der Tag,
An welchem Hermia ihre Wahl entdeken soll?

Egeus.
Er ists.

Theseus.
Geh’, laß die Jäger sie mit ihren Hörnern weken.

(Hifthörner und Jagdgeschrey innerhalb der Scene.)

(Demetrius, Lysander, Hermia und Helena erwachen, und stehen
erschroken auf.)

Theseus.
Ihr Freunde, guten Tag! Sanct Valentin
Ist schon vorbey: Wie, fangen diese Vögel
Erst izo sich zu paaren an?

Lysander.
Vergebung,
Mein königlicher Herr!

Theseus.
Ich bitte, stehet auf
Ich weiß es, daß ihr Feind’ und Nebenbuhler seyd.
Woher dann diese Eintracht, und wie kömmt’s
Daß Haß, so fern von Eifersucht, bey Haß
In diesem Hayne schläft, und keine Feindschaft fürchtet?

Lysander.
Halb wach, halb schlafend, und ob allem dem
Was mir begegnet, selbst erstaunt, was soll ich
Zur Antwort geben? Glaubet meinem Schwure,
Ich kan nicht sagen, wie ich eigentlich
Hieher gekommen—Doch mich dünkt, (denn gerne
Wollt ich die Wahrheit sagen) izo, ja!
Besinn’ ich wieder mich, so ist’s, mit Hermia
Kam ich hieher. Wir wollten von Athen
An einen Ort entflieh’n, wo wir sicher
Vor dem Athenischen Geseze wohnen könnten.

Egeus.
Genug, genug, mein Fürst; ich ford’re wieder ihn
Die Strenge des Gesezes, das Gesez
Auf sein verwürktes Haupt! Ihr Vorsaz war
Sich wegzustehlen, und dadurch, Demetrius
Uns beyde zu berauben; deines Weibes, dich,
Mich meiner Einwilligung—

Demetrius.
Mylord, die schöne Helena
Verrieth mir ihre Flucht, und ihren Vorsaz,
In diesem Hayne sich bey Nacht zu finden;
In Wuth verfolgt’ ich sie, mir folgt’ aus Liebe
Die schöne Helena! Nun, mein gnädiger Herr,
Durch was für eine Gottheit weiß ich nicht,
Doch ist es wahrlich einer Gottheit Werk,
Daß meine Leidenschaft für Hermia weg
Wie Schnee geschmolzen ist, mir izo nur
Wie die Erinn’rung scheint an eine Puppe,
Wornach ich mich in meiner Kindheit sehnte;
Und aller Trieb’, und Kräfte meines Herzens
Einziger Gegenstand, die Wonne meiner Augen
Diß holde Mädchen ist. Ihr, Mylord, war
Ich schon versprochen, eh ich Hermia sah’;
Wie uns in Krankheit sonst geliebte Speisen
Oft widersteh’n, so gieng es mir mit ihr:
Doch da ich nun zu meinem vorigen
Natürlichen Geschmak genesen bin;
Nun wünsch ich, lieb ich sie, und sehne mich
Nach ihr, und werd’ ihr immer treu verbleiben.

Theseus.
Ihr habt euch, holde Günstlinge der Liebe,
Zu euerm Glük zusammen hier gefunden.
Egeus, nun übertret’ ich euern Willen selbst,
Denn dieses Doppel-Paar soll neben uns
Auf ewig am Altar verbunden werden.
Und da der Morgen nun verstrichen ist,
Soll unsre Jagd auf eine andre Zeit
Verschoben seyn. Kommt mit uns nach Athen,
Und helft die Feyrlichkeit von unserm Fest vermehren.

(Der Herzog, Hippolita, und Gefolge gehen ab.)

Demetrius.
Diß alles was uns hier begegnet ist,
Scheint klein und unerkennbar, gleich entfernten
Gebürgen, die in Wolken sich verliehren.

Hermia.
Mich dünkt, ich sehe diese Dinge mit
Getheilten Augen, die mir alles doppelt
Erscheinen machen.

Helena.
Eben so ist’s mir,
Ich fand Demetrius hier gleich einem Kleinod*
Mein eigen, und nicht mein eigen.

{ed.-* Hr. Warbürton findet hier den Text dunkel, und glaubt
durch Veränderung des Wortes (Jewel) (Kleinod) in (Gemell)
(Zwilling) alles deutlich zu machen. Weil ich aber seine
Verbesserung weit dunkler finde als den Text, so bin ich bey
dem leztern geblieben, der meiner Meynung nach, einen ganz
richtigen Sinn darbietet.}

Demetrius.
Mich dünkt’s
Wir schlafen, träumen noch. Kam’s euch nicht vor,
Der Herzog sey hier, und heiß’ uns folgen.

Hermia.
Ja, und mein Vater.

Helena.
Und Hippolita.

Lysander.
Und sagt uns, in den Tempel ihm zu folgen.

Demetrius.
Wie denn, so wachen wir; laßt uns ihm folgen,
Und unterwegs uns unsre Träum’ erzählen.

(Sie gehen ab.)

Dritter Auftritt.
(Wie sie abgehen, erwacht Zettel.)

Zettel.
Wenn mein Merkwort kömmt, so ruft mir, und ich will antworten.
Mein nächstes ist—O schönster Pyramus—hey! Holla!—Peter Squenz,
Flaut der Blasbalgfliker! Schnauz, der Keßler! Schluker! Beym
Element, sie sind alle fortgelauffen; und lassen mich hier
schlaffen. Ich habe eine höchst seltsame Vision gehabt. Ich hatte
einen Traum, es geht über Menschen-Wiz zu sagen, was für ein Traum
das war: Ein Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen lassen
will, diesen Traum zu begreiffen. Mich dünkte ich war, kein Mensch
kan sagen was. Mich dünkte ich war, und mich dünkte ich hatte—
Doch ein Mensch wäre nur ein ausgemachter Narr, wenn er sich dafür
austhun wollte, zu sagen was ich hatte. Keines Menschen Auge hat
gehört, keines Menschen Ohr hat gesehen; keines Menschen Hand ist
vermögend zu schmeken, noch seine Zunge zu begreiffen; noch sein
Herz zu erzählen, was mein Traum war. Ich will Peter Squenz bitten,
daß er einen Gesang aus diesem Traum mache; er soll Zettels Traum
genennt werden, und ich will ihn zu Ende des Spiels vor dem Herzog
absingen; vielleicht, um es noch graziöser zu machen, will ich ihn
singen, wenn ich mich erstochen habe.

(Geht ab.)

Vierte Scene.
(Die Stadt.)
(Squenz, Flaut, Schnauz und Schluker.)

Squenz.
Habt ihr nach Zettels Hause geschikt? Ist er noch nicht heim
gekommen?

Schluker.
Man hört kein Wort von ihm. Ohne Zweifel haben ihn die Geister
davon geführt.

Flaut.
Wenn er nicht kömmt, so ist das Spiel verdorben. Es geht nicht vor
sich, thut es?

Squenz.
Es ist unmöglich. Ihr findet keinen Mann in ganz Athen, der im
Stand wäre, den Pyramus vorzustellen, als ihn.

Flaut.
Nein, er hat kurzum den besten Kopf unter allen Handwerksleuten in
Athen.

Squenz.
So ists, und die beste Person dazu; er ist ein rechter Gegenstand
für eine zarte Stimme. (Schnok kömmt.)

Schnok.
Ihr Herren, der Herzog kömmt aus dem Tempel, und es sind noch zwey
oder drey Herren und Damen mehr vermählt worden. Wenn unser Spiel
vor sich gegangen wäre, so wären wir alle gemachte Leute gewesen.

Flaut.
O du guter Zettel, du hast einen Sechser des Tags für dein ganzes
Lebenlang verlohren. Mein Seel! er hätte einem Sechser des Tags
nicht entgehen können. Wenn ihm der Herzog nicht einen Sechser des
Tags für den Pyramus gegeben hätte, so will ich gehangen seyn.
Einen Sechser des Tags für Pyramus, oder nichts. (Zettel kömmt.)

Zettel.
Wo sind die Jungens? wo sind diese Hasen-Herzen?

Squenz.
Zettel!—O! höchst curaschöser Tag! o glükselige Stunde!

Zettel.
Ihr Herren, ich habe Wunderdinge zu erzählen, aber fragt mich nicht
was; denn, ich will kein ehrlicher Athener seyn, wenn ich’s euch
sage. Ich will euch alles sagen, wie es gegangen ist.

Squenz.
Laß uns hören, lieber Zettel.

Zettel.
Nicht ein Wort von mir. Alles was ich euch sagen will, ist, daß
der Herzog zu Mittag gegessen hat. Schaft eure Zurüstungen herbey,
gute Strike für eure Bärte, neue Bänder für eure Stiefeletten;
kommet alle bey dem Pallast zusammen, jedermann übersehe seinen
Part; denn, ohne langes und breites, das Ende vom Lied ist, unser
Spiel wird den Vorzug bekommen. Auf allen Fall, laßt Thisbe weisse
Wäsche anziehen; und laßt den der den Löwen spielen soll, seine
Nägel nicht abschneiden, denn sie müssen als des Löwen Klauen
heraus hangen: Und meine werthesten Agenten, esset mir ja weder
Zwiebel noch Knoblauch; denn wir müssen einen süssen Athem von uns
geben, und ich zweifle nicht, sie werden sagen, es ist eine recht
süsse Comödie. Keine Worte mehr, ab! Tretet alle ab.

(Sie gehen.)

Fünfter Aufzug.

Erster Auftritt.
(Der Pallast.)
(Theseus, Hippolita, Egeus und Gefolge.)

Hippolita.
Das sind, mein Theseus, wunderbare Dinge,
Was diese Liebenden erzählen.

Theseus.
Mehr wunderbar als wahr. Ich habe niemals
Von diesen alten Fabeln, Feen-Mährchen
Und Zaubereyen was geglaubt. Verliebte
Sind hierinn den Verrükten ähnlich: Beyde
Mit so erhiztem Hirn, so schöpfrischer
Einbildungskraft begabt, sich vorzustellen,
Was ruhige Vernunft nicht fassen kan.
Mondsüchtige, Poeten und Verliebte
Sind lauter Phantasie; der eine sieht
Mehr Teufel, als die weite Hölle faßt;
Indeß daß der Verliebte, gleich phrenetisch
In einer Mohrin Ledas Schönheit sieht.
Des Dichters Aug’ in feinem Wahnwiz rollend,
Blizt von der Erde zum Olymp, vom Himmel
Zur Erd’; und wie die Phantasie Gestalten
Von unbekannten Dingen ausgebiert,
So bildet sie sein Kiel, und giebt dem lüftigen Unding
Verbindung, Ort und Zeit, und einen Namen.
So ist die Phantasie gewohnt zu würken;
Sobald sie irgend eine Lust empfindt,
Erfindt sie einen Schöpfer dieser Lust;
Denn wenn bey Nacht uns eine Furcht befällt,
Wie leicht ist’s, einen Busch für einen Bär zu halten.

Hippolita.
Doch diese ganze Nachtgeschichte
Mit ihren Folgen, dieser wunderbaren
Verwandlung ihrer Seelen, zeugt von mehr
Als Dichtungen der Phantasie, und wächßt
Zu etwas, das zusammenhängend ist;
Und doch darum nicht minder unbegreiflich. (Lysander, Demetrius,
Hermia und Helena treten auf.)

Theseus.
Hier kommen sie, voll Lust und Frölichkeit.
Heil, holde Freunde, Heil und frische Tage
Der Lieb’, ein Frühling dem kein Winter folge,
Begleite eure Herzen—

Lysander.
So mögen sie, in ungezählter Menge
Um Eure Hoheit wachen.

Theseus.
Kommet nun,
Was haben wir für Masken, was für Tänze,
Um diesen langen Zeitlauf von drey Stunden,
Vor schlafengehn, hinwegzuscherzen?
Wo ist der Meister unsrer Lustbarkeiten?
Was Spiele giebt’s? Ist nicht ein Schauspiel da,
Die Pein von einer langen Stunde zu erleichtern?
Ruft Philostrat herbey. (Philostratus kömmt.)

Philostratus.
Hier, mächtiger Theseus.

Theseus.
Was hast du, diesen Abend zu verkürzen?
Was für Ballette, für Musik und Tänze?
Wie können wir die träge Zeit betrügen,
Wenn nicht durch irgend eine Lustbarkeit?

Philostratus.
Hier, Prinz, ist eine Liste von den Spielen,
Die eurer Hoheit Wahl und Wink erwarten.

Theseus (ließt.)

(Die Schlacht mit den Centauren, von einem Athenischen Castraten
zur Harfe abzusingen.)

Wir wollen nichts hievon. Das hab ich meiner Braut
Zu Ehren meines Vetters, Herkules,
Vorlängst erzählt. (Der Aufruhr der berauschten
Bachantinnen, wie sie in ihrer Wuth
Den Sänger Thraciens zerreissen.)
Ein altes Stük, das schon gespielet ward
Als ich von Thebe siegreich wieder kam. (Die dreymal drey Musen,
welche den Tod der Gelehrtheit beweinen, die unlängst im
Bettelstand verschieden.) Das ist irgend eine kühne critische
Satyre,
Die sich zu hochzeitlichen Feyrlichkeiten nicht schikt. (Eine
tediose kurze Scene von dem jungen Pyramus, und seiner lieben
Thisbe, recht tragicalisch-lustig). Lustig und tragisch? tedios
und kurz?
Das ist heisses Eis, eine seltsame Art von Schauspiel. Wie sollen
wir den Sinn dieses Unsinns errathen?

Philostratus.
Mylord; es ist ein Schauspiel, ungefehr ein Duzend Worte lang, so
kurz als ich je ein Schauspiel gesehen habe, aber gerad um zwölf
Worte zu lang, wodurch es tedios wird; denn in dem ganzen
Schauspiel ist kein Wort am rechten Orte, und kein Spieler taugt
etwas. Tragisch ist es, denn Pyramus ersticht sich darinn, welches,
ich muß bekennen als ich das Stük probieren sah, mir das Wasser in
die Augen trieb; aber lustigere Thränen hat der Affect des lauten
Lachens nie vergossen.

Theseus.
Wer sind die, die es spielen?

Philostratus.
Männer von rauhen Händen, die hier in Athen arbeiten, aber deren
Seelen bis izo noch nie gearbeitet, und die nun ihre Memorien mit
diesem Schauspiel auf Euer Vermählungsfest zermartert haben.

Theseus.
Wir wollen es hören.

Philostratus.
Nein, mein Gebieter, es ist nicht für euch. Ich hab es ganz gehört,
und es ist nichts, nichts in der Welt; es wäre dann wenn euch ihre
Absicht belustigen könnte, die sich mit jämmerlicher Mühe aufs
äusserste angestrengt, um euch ihre Aufwartung zu machen.

Theseus.
Ich will dieses Stük hören; denn niemals ist etwas
verschmähenswürdig, das von Einfalt und Pflicht dargeboten wird.
Geh’, bring sie her, und sezet euch, Mesdames.

Hippolita.
Ich sehe nicht gerne die Unglükseligkeit die unter ihrer Last
einsinkt, und die Pflicht, die in ihrem Dienst zu Grunde geht.

Theseus.
Wie, holde Liebe, du sollt nichts dergleichen seh’n.

Hippolita.
Er sagt, sie können nichts in dieser Art.

Theseus.
Desto gütiger sind wir, wenn wir ihnen für Nichts danken. Unsere
Lust wird seyn, zu verstehen, was sie mißverstehen; ein
großmüthiger Sinn schäzt das was die arme willige Pflicht thut,
nach dem Vorsaz, nicht nach dem Werth. Wie ich hieher kam, hatten
sich grosse Gelehrte vorgesezt, mich mit studierten Glükwünschen zu
begrüssen; ich sah sie zittern und bleich werden, mitten in einem
Saz Perioden machen, ihren gekünstelten Accent vor Angst erstiken,
und zulezt auf einmal verstummen, ehe sie mich nur willkommen
geheissen. Glaubet mir, meine Angenehmste, aus diesem
Stillschweigen selbst brachte ich einen Willkomm heraus; und die
Bescheidenheit der schüchternen Pflicht sagte mir mehr, als die
rasselnde Zunge der unverschämten und zuversichtlichen Beredsamkeit.
Mit einem Wort, Liebe und unberedte Einfalt reden für mich am
verständlichsten. (Philostratus kömmt.)

Philostratus.
Der Prologus ist fertig, wenn es Euer Hoheit gefällt.

Theseus.
Laßt ihn auftreten.

Zweyter Auftritt.
(Squenz tritt als Vorredner auf.)

Vorredner.
Wenn wir mißfallen thun, so ist’s mit gutem Willen;
Der Vorsaz bleibet gut, wenn wir ihn nicht erfüllen;
Zu zeigen unsre Pflicht durch dieses kurze Spiel,
Das ist der wahre Zwek von unserm End und Ziel.
Erwäget also dann, warum wir kommen fein.
Wir kommen nicht, als sollt ihr euch daran ergözen
Die wahre Absicht ist—zu eurer Lust allein
Wir sind nicht hier—daß wir in Reu euch sezen.
Die Spieler sind bereit—wenn ihr sie werdet sehen,
So wißt ihr alles schon, was ihr nur wollt verstehen.

Theseus.
Dieser Bursche geht nicht auf Stelzen.

Lysander.
Er hat seinen Prologus geritten, wie ein junges Füllen; er weiß
noch nicht, wo er Halt machen soll. Eine gute Moral, Mylord. Es
ist nicht genug daß man rede, man muß auch wahr reden.

Hippolita.
In der That, er hat auf seinem Prologus gespielt, wie ein Kind auf
der Flöte; er brachte wol einen Ton heraus, aber keine Note.

Theseus.
Seine Rede war wie eine verwikelte Kette, alles zusammenhängend,
aber alles in Unordnung. Wo ist nun der folgende? (Pyramus und
Thisbe, Wand, Monschein und Löwe treten als stumme Personen auf.)

Vorredner.
Was diß bedeuten soll, das wird euch wundern müssen,
Bis Wahrheit alle Ding stellt an das Licht herfür.
Der Mann ist Pyramus, wofern ihr es wollt wissen,
Und diese Fräulein schön, ist Thisbe, glaubt es mir.
Der Mann mit Pflaster hier und Leimen soll bedeuten
Die Wand, die garst’ge Wand, die ihre Lieb thät scheiden;
Doch freut es sie, drob auch sich niemand wundern soll,
Wenn durch die Spalten klein sie konnten flüstern wol.
Der Mann da mit Latern, und Hund, und Busch von Dorn
Den Monschein präsentiert; denn wenn ihr’s wollt erwägen,
Beym Monschein hatten die Verliebten sich geschwohr’n,
Zu geh’n nach Nini Grab, und dort der Lieb’ zu pflegen.
Diß gräßlich wilde Thier, von Namen Löwe groß,
Die treue Thisbe die des Nachts zuerst gekommen,
Thät scheuchen ja vielmehr erschreken, daß sie bloß
Den Mantel fallen ließ und blutt die Flucht genommen;
Drauf dieser schnöde Löw in seinen Rachen nahm,
Und ließ mit Blut beflekt den Mantel lobesam.
Sofort kömmt Pyramus, ein Jüngling wolgemuth,
Findt seiner Thisbe treu ihr’n Mantel voller Blut,
Worauf er mit dem Deg’n, mit blut’gem bösem Degen,
Die blut’ge heisse Brust sich dapferlich durchstach;
Und Thisbe, die indeß im Maulbeer-Schatten g’legen,
Zog seinen Dolch heraus und sich das Herz zerbrach.
Was noch zu sagen ist, das wird, glaubt mir fürwahr,
Euch Mondschein, Wand und Löw, und das verliebte Paar,
Der Läng’ und Breite nach, so lang sie hier verweilen,
Erzählen, wenn ihr wollt, in wolgereimten Zeilen.

(Alle treten ab, bis auf Wand.)

Theseus.
Mich wundert, ob der Löwe reden wird?

Demetrius.
Warum nicht ein Löwe, Mylord, da Esel reden können?

Wand.
In dem besagten Spiel es sich zutragen thut,
Daß ich, Tom Schnauz genannt, die Wand vorstelle gut,
Und eine solche Wand, wovon ihr solltet halten,
Sie sey durch einen Schliz, recht durch und durch gespalten:
Wodurch denn Pyramus und seine Thisbe fein
Oft flüsterten fürwahr ganz leis’ und ingeheim.
Der Merdel, und der Leim, und dieser Stein thut zeigen,
Daß ich bin diese Wand, ich will’s euch nicht verschweigen.
Und diß die Spalte ist, zur Linken und zur Rechten,
Wodurch die Buhler zwey sich thäten still besprechen.

Theseus.
Könntet ihr fodern, daß Leim und Haar besser sprechen sollten?

Demetrius.
Mylord, es ist die sinnreichste Erfindung, von der ich jemals
gehört habe.

Theseus.
Pyramus nähert sich der Wand; stille! (Pyramus tritt auf.)

Pyramus.
O Nacht so schwarz von Farb! o grimmerfüllte Nacht!
O! Nacht als jemals schien, wenn es nicht Tag mehr war!
O Nacht, o Nacht, o Nacht! ach! ach! ach, Himmel, ach!
Ich fürcht’ mein’ Thisbe hat ihr Wort vergessen gar!
Und du, o Wand, o süß und liebenswerthe Wand,
Die zwischen unsrer bey—der Eltern Haus thut stehen,
Du Wand, o Wand, o süß und liebenswerthe Wand,
Zeig deine Spalte mir, daß ich dadurch mag sehen,
Hab Dank, du gute Wand! Der Himmel lohn’ es dir!
Jedoch was seh’ ich dort? Thisbe die seh’ ich nicht.
O böse Wand, durch die ich nicht seh’ meine Zier!
Verflucht sey’n deine Stein! daß du so äffest mich!

Theseus.
Mich dünkt, die Wand sollte wieder zurük fluchen, weil sie
empfindlich ist.

Pyramus.
Nein, fürwahr, Herr, sie muß nicht. Äffest mich, ist Thisbes
Merkwort; sie wird gleich kommen, und ich muß sie durch die Wand
ausspähen. Ihr werdet sehen, es wird gerade so gehen, wie ich euch
sage. Da kömmt sie schon. (Thisbe tritt auf.)

Thisbe.
O Wand, oft hast du schon gehört das Seufzen mein,
Mein’n schönsten Pyramus weil du so trennst von mir!
Mein rother Mund hat oft geküsset deine Stein,
Dein’ Stein’ mit Haar und Leim geküttet auf in dir.

Pyramus.
Ein’ Stimm’ ich sehen thu, ich will zur Spalt’ und schauen,
Ob ich nicht hören kan mein’r Thisbe Antliz klar.
Thisbe!

Thisbe.
Diß ist mein Schaz! Mein Liebchen ists! fürwahr.

Pyramus.
Denk was du willt, ich bin’s; du kanst mir sicher trauen.
Und gleich Limander bin ich treu nach meiner Pflicht.

Thisbe.
Und ich gleich Helena, bis mich der Tod ersticht.

Pyramus.
So treu war Schefelus zu seiner Procrus nicht!

Thisbe.
Wie Procrus Scheflus liebt’, lieb’ ich dein Angesicht.

Pyramus.
O küß mich durch das Loch von dieser garst’gen Wand!

Thisbe.
Mein Kuß trift nur das Loch, nicht deiner Lippen Rand.

Pyramus.
Willt du bey Ninnys Grab heut Nacht mich treffen an.

Thisbe.
Sey’s lebend oder todt, ich komme wenn ich kan.

Wand.
So hab ich Wand nunmehr mein’n Part gemachet gut,
Und nun sich also Wand hinwegbegeben thut.

(Geht ab.)

Theseus.
So ist die Scheidwand zwischen beyden Nachbarn auf einmal gefallen.

Demetrius.
Kein Wunder, Mylord, da sie so willig war, sich aufzurichten.

Hippolita.
Elenderes Zeug hab ich niemals gehört.

Theseus.
Das Beste in dieser Art ist nur Schatten; und das Schlechteste ist
nicht schlechter, wenn ihm die Einbildungskraft nachhilft.

Hippolita.
So muß es also eure Einbildungskraft seyn, nicht die ihrige.

Theseus.
Wenn wir nicht schlechter von ihnen denken als sie von sich selbst,
so können sie für vortrefliche Leute passieren. Hier kommen zwey
edle Bestien, in der Person eines Menschen und eines Löwen. (Löwe
und Monschein treten auf.)

Löwe.
Ihr Fräulein, deren Herz fürchtet die kleinste Maus,
Die in monstroser G’stalt thut an dem Boden schweben,
Möcht izo zweifelsohn erzittern und erbeben,
Wenn Löwe rauh von Wuth läßt sein Gebrüll heraus.
So wisset dann, daß ich Hans Schnok, der Schreiner bin,
Kein böser Löw fürwahr noch eines Löwen Weib;
Denn käm’ ich als ein Löw und hätte Harm im Sinn,
So daurte, meiner Treu! mich nur mein g’rader Leib.

Theseus.
Eine höfliche Bestie, und recht gewissenhaft.

Lysander.
Dieser Löwe ist ein vollkommener Fuchs an Herzhaftigkeit.

Theseus.
Das ist wahr, und eine Gans an Discretion.

Demetrius.
Nicht so, Mylord, denn seine Herzhaftigkeit kan seiner Discretion
nicht Meister werden, wie ein Fuchs einer Gans.

Theseus.
Ohne Zweifel kan seine Discretion seine Herzhaftigkeit nicht
bemeistern, denn eine Gans bemeistert keinen Fuchs. Gut! wir
wollen seine Discretion davor sorgen lassen, und izt hören, was uns
der Mond zu sagen hat.

Mondschein.
Den wolgehörnten Mond d’Latern z’erkennen giebt.

Demetrius.
Er sollte die Hörner an seiner Stirne tragen.

Theseus.
Er ist nicht im Zunehmen; seine Hörner steken unsichtbar in der
Peripherie.

Mondschein.
Den wolgehörnten Mond d’Latern z’erkennen giebt,
Ich selbst den Mann im Mond, wofern es euch beliebt.

Theseus.
Das ist noch der gröste Fehler unter allen; man hätte den Mann in
die Laterne sezen sollen; wie kan er sonst der Mann im Monde seyn?

Demetrius.
Er darf es nicht wegen der Kerze; Ihr sehet ja, daß sie schon
lauter Buzen ist.

Hippolita.
Dieser Mond macht mir lange Weile; ich wollte, er änderte sich.

Theseus.
Man sieht an seinem bescheidnen Licht, daß er im Abnehmen ist; aus
Höflichkeit und von rechtswegen müssen wir nun schon das Ende
abwarten.

Lysander.
Komm besser hervor, Mond!

Mondschein.
Alles was ich zu sagen habe, ist euch zu melden, daß diese Laterne
der Mond ist; ich, der Mann im Mond, dieser Dornbusch, mein
Dornbusch, und dieser Hund, mein Hund.

Demetrius.
Alle diese Dinge sollten also in der Laterne seyn. Doch stille,
hier kömmt Thisbe. (Thisbe tritt auf.)

Thisbe.
Diß ist ja Ninnys Grab, wo ist mein Liebchen dann?

Löwe.
Oh!—

(der Löwe brüllt, Thisbe läuft davon.)

Demetrius.
Wol gebrüllt, Löwe.

Theseus.
Wol geloffen, Thisbe.

Hippolita.
Wol geschienen, Mond. In der That, der Mond scheint mit einer
recht guten Art.

Demetrius.
Und da kam Pyramus.

Lysander.
Und da verschwand der Löwe. (Pyramus tritt auf.)

Pyramus.
Ich dank dir, süsser Mond, für deine Sonnenstralen,
Die also hell und schön den Erdenball bemahlen;
Dieweil bey deinem Gold und funkelnd süssem Licht
Zu kosten ich verhoff mein’r Thisbe Angesicht.

Doch halt! o Pein!
Was soll diß seyn?
Was für ein Graus ist diß?
Aug, siehst du noch?
O! schweres Joch!
Mein Herz, mein Liebchen süß,
Dein Mantel gut,
Beflekt mit Blut!
Ihr Furien kommt in Trab,
Herbey und rächt
Und löscht und brecht
Den Lebensfaden ab!

Theseus.
Diese Leidenschaft und der Tod eines werthen Freundes, würden nahe
zu hinreichen, einen Mann finster sehen zu machen.

Hippolita.
Ich möchte mir selbst Böses wünschen, daß ich mich nicht verwahren
kan, den Mann zu bedauern.

Pyramus.
Warum denn, o Natur, thätst du den Löwen bauen?
Weil solch ein schnöder Löw mein’ Lieb’ hat defloriert;
Sie welche ist—Nein! war—die schönste aller Frauen,
Die je des Tages Glanz mit ihrem Schein geziert.

Komm, Thränenschaar,
Aus, Schwerdt, durfahr
Die Brust des Pyramo!
Die Linke hier,
Wo s’Herz hüpft mir,
So sterb’ ich denn, So, so!
Nun bin ich tod,
Aus ist die Noth,
Mein’ Seel im Himmel lacht;
Verliehr dein’n Schein,
O Zunge mein,
Flieh’ Mond; gut Nacht, gut Nacht!

Demetrius.
So stirb dann, oder ein Aß für ihn, denn er ist doch eines.

Lysander.
Minder als ein Aß, Mann; denn er ist todt; er ist nichts.

Theseus.
Mit Hülfe eines Barbiers möchte er vielleicht noch aufkommen, und
ein Aß werden.

Hippolita.
Wie? der Mondschein ist gegangen, eh Thisbe zurük kömmt, und ihren
Liebhaber findet. (Thisbe kömmt.)

Theseus.
Sie wird ihn beym Sternenlicht finden. Hier kömmt sie, und ihre
Passion endet das Spiel.

Hippolita.
Mich dünkt, sie sollte keine lange für einen solchen Pyramus nöthig
haben; ich hoffe sie wird kurz seyn.

Thisbe. Schläfst du, mein Kind?
Steh auf geschwind!
Wie? Täubchen, bist du todt?
O! Sprich, o sprich!
O! rege dich!
Ach! todt ist er! O Noth!
Dein Lilien-Mund,
Dein Auge rund,
Wie Schnittlauch frisch und grün,
Dein Kirschen-Nas’
Dein’ Wangen blaß
Die wie ein Goldlak blüh’n,
Soll nun ein Stein
Bedeken fein,
O klopf, mein Herz, und brich!
Ihr Schwestern drey
Kommt, kommt herbey,
Und leget Hand an mich!
Schweig, Zunge still,
Komm, Schwerdt, und ziel
Nach meines Busens Schnee;
So fahr ich hin
Mit treuem Sinn,
Adieu, adieu, adieu!

(stirbt.)

Theseus.
Monschein und Löwe sind noch übrig, die Todten zu begraben.

Demetrius.
Ja, und (Wand) auch.

Zettel.
Nein, ich versichre euch, die Wand ist niedergerissen, die ihrer
Väter Häuser trennte. Gefällt es euch den Epilogus zu sehen, oder
einen Bergomasker-Tanz zwischen zween aus unsrer Companie zu hören?

Theseus.
Keinen Epilogus, wenn ich bitten darf. Euer Schauspiel bedarf
keiner Entschuldigung. Keine Entschuldigung! Denn wenn die
Schauspieler alle todt sind, so hat man nicht nöthig jemand zu
tadeln. Wahrhaftig, wenn der Autor dieses Stüks den Pyramus
gemacht, und sich selbst an Thisbes Strumpfband erhenkt hätte, so
wäre es eine feine Tragödie gewesen; und das ist es auch, in der
That, und auf eine recht merkwürdige Art vorgestellt. Aber kommt,
euer Ballet; laßt euern Epilogus nur weg.

(Hier folgt ein Tanz von Bauern.)

Theseus.
Schon hat die eiserne Zunge der Mitternacht zwölfe geruffen. Ihr
Liebhaber, zu Bette! Es ist schon Feen-Zeit. Ich fürchte, wir
werden den nächsten Morgen verschlaffen, wie wir diese Nacht
verwacht haben. Dieses handgreiflich-dumme Schauspiel hat uns doch
den schweren Gang der Nacht unmerklich gemacht. Zu Bette, lieben
Freunde. Vierzehn solche Nächte sollen noch mit nächtlichen
Spielen, und immer ändernden Lustbarkeiten zugebracht werden.*

{ed.-* Hier folget im Original noch ein kleiner Feen-Auftritt, wo Puk
zuerst mit einem Besem erscheint, um das Haus zuvor auszukehren,
Oberon und Titania aber mit ihrem Gefolge dasselbe durchtanzen, und
durch einen Gesang einsegnen. Es ist mir unmöglich gewesen, diese
Scene, welche ohnehin bloß die Stelle eines Divertissement vertritt,
in kleine gereimte Verse zu übersezen; in Prosa aber, oder in
einer andern Versart als in kleinen Jamben und Trochäen, würde sie
das tändelnde und Feen-mässige gänzlich verlohren haben, das alle
ihre Anmuth ausmacht.}

Das Leben und der Tod des Koenigs Lear — Christoph Martin Wieland

Personen des Trauerspiels.

Lear, König von Brittannien.
König von Frankreich.
Herzog von Burgund.
Herzog von Cornwall.
Herzog von Albanien.
Graf von Gloster.
Graf von Kent.
Edgar, Glosters Sohn.
Edmund, Bastard von Gloster.
Curan, ein Höfling.
Medicus.
Narr.
Oswald, Gonerills Haushofmeister.
Ein Officier.
Ein Edelmann, der Cordelia begleitet.
Ein Herold.
Ein alter Mann von Glosters Unterthanen.
Ein Bedienter von Cornwall.
Zwey Bediente von Gloster.
Gonerill, Regan und Cordelia, Lears Töchter.
Ritter die dem König aufwarten, Officiers, Boten, Soldaten und
Bediente etc.

Der Schauplaz ligt in Brittannien.

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Antoine et Cléopâtre — François Pierre Guillaume Guizot

PERSONNAGES

MARC-ANTOINE,       }
OCTAVE CÉSAR,       } triumvirs.
M. EMILIUS LEPIDUS, }
SEXTUS POMPEIUS.
DOMITIUS ENOBARBUS, }
VENTIDIUS,          }
EROS,               } amis
SCARUS,             } d’Antoine
DERCÉTAS,           }
DEMETRIUS,          }
PHILON,             }
MECENE,     }
AGRIPPA,    }
DOLABELLA,  } amis de César.
PROCULÉIUS, }
THYREUS,    }
GALLUS,   }
MENAS,    } amis de Pompée.
MENECRATE,}
VARIUS,   }
TAURUS, lieutenant de César.
CASSIDIUS, lieutenant d’Antoine.
SILIUS, officier de l’armée de Ventidius.
EUPHRODIUS, député d’Antoine à
César.
ALEXAS, MARDIAN, SELEUCUS et
DIOMEDE, serviteurs de Cléopâtre
UN DEVIN.
UN PAYSAN.
CLÉOPATRE, reine d’Égypte.
OCTAVIE, soeur de César, femme
d’Antoine.
CHARMIANE, } femmes de Cléopâtre.
IRAS,      }
OFFICIERS.
SOLDATS.
MESSAGERS ET SERVITEURS.

La scène se passe dans diverses parties de l’empire romain.

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Was Ihr Wollt — Christoph Martin Wieland

Personen.

Orsino, Herzog von Illyrien.
Sebastiano, ein junger Edelmann, Bruder der Viola.
Antonio, ein Schiff-Capitain.
Valentin und Curio, Hofleute des Orsino.
Sir Tobias Rülps, Olivia’s Oheim.
Sir Andreas Fieberwange, sein Zechbruder.
Ein Schiffhauptmann, Viola’s Freund.
Fabian, Diener der Olivia.
Malvolio, ihr Hausmeister.
Hans Wurst.
Olivia, eine Dame von grosser Schönheit, Stand und Reichthum, in
die Orsino verliebt ist.
Viola, in den Herzog verliebt.
Maria, Olivia’s Kammer-Jungfer.

Ein Priester, Matrosen, Offizianten und andre stumme Personen.

Die Scene, eine Stadt an der Küste von Illyrien.

Erster Aufzug.

Erste Scene.
(Der Pallast.)
(Der Herzog, Curio, und etliche Herren vom Hofe treten auf.)

Herzog.
Wenn Musik die Nahrung der Liebe ist, so spielt fort; stopft mich
voll damit, ob vielleicht meine Liebe von Überfüllung krank werden,
und so sterben mag—Dieses (Passage) noch einmal;—es hat einen so
sterbenden Fall: O, es schlüpfte über mein Ohr hin, wie ein sanfter
Südwind, der Gerüche gebend und stehlend über ein Violen-Bette
hinsäuselt.—Genug!  nichts mehr!  Es ist nicht mehr so anmuthig, als
es vorhin war.  O Geist der Liebe, wie sprudelnd und launisch bist
du!  weit und unersättlich wie die See, aber auch darinn ihr ähnlich,
daß nichts da hineinkömmt, von so hohem Werth es auch immer sey,
das nicht in einer Minute von seinem Werth herab und zu Boden sinke

Curio.
Wollt ihr jagen gehen, Gnädigster Herr?

Herzog.
Was?

Curio.
Den Hirsch.

Herzog.
—Wie?  das wäre das edelste was ich habe: O, wie ich Olivia zum
erstenmal sah, däuchte mich, sie reinigte die Luft von einem
giftigen Nebel; von diesem Augenblik an ward’ ich in einen Hirsch
verwandelt, und meine Begierden, gleich wilden, hungrigen Hunden,
verfolgen mich seither—

(Valentin tritt auf.)

Nun, was für eine Zeitung bringt ihr mir von ihr?

Valentin.
Gnädigster Herr, ich wurde nicht vorgelassen; alles was ich statt
einer Antwort erhalten konnte, war, daß ihr Kammer-Mädchen mir
sagte, die Luft selbst sollte in den nächsten sieben Jahren ihr
Gesicht nicht bloß zu sehen kriegen; sondern gleich einer Kloster-
Frau will sie in einem Schleyer herum gehen, und alle Tage ein mal
ihr Zimmer rund herum mit Thränen begiessen: Alles diß aus Liebe zu
einem verstorbenen Bruder, dessen Andenken sie immer frisch und
lebendig in ihrem Herzen erhalten will.

Herzog.
O, Sie, die ein so fühlendes Herz hat, daß sie einen Bruder so sehr
zu lieben fähig ist; wie wird sie lieben, wenn Amors goldner Pfeil
die ganze Heerde aller andern Zuneigungen, ausser einer einzigen,
in ihrer Brust getödtet hat?  Wenn Leber, Gehirn und Herz, drey
unumschränkte Thronen, alle von Einem (o entzükende Vorstellung)
von Einem und demselben König besezt und ausgefüllt sind!  Folget
mir in den Garten—Verliebte Gedanken ligen nirgends schöner, als
unter einem grünen Thron-Himmel, auf Polstern von Blumen.

(Sie gehen ab.)

Zweyte Scene.
(Die Strasse.)
(Viola, ein Schiffs-Capitain, und etliche Matrosen.)

Viola.
In was für einem Lande sind wir, meine Freunde.

Capitain.
In Illyrien, Gnädiges Fräulein.

Viola.
Und was soll ich in Illyrien machen, da mein Bruder im Elysium ist?—
Doch vielleicht ist er nicht umgekommen; was meynt ihr, meine
Freunde?

Capitain.
Es ist ein blosses Glük, daß ihr selbst gerettet worden seyd.

Viola.
O mein armer Bruder!—aber, hätt’ er dieses Glük nicht auch haben
können?

Capitain.
Es ist wahr; und wenn die Hoffnung eines glüklichen (Vielleicht) Eu.
Gnaden beruhigen kan, so versichre ich euch, wie unser Schiff
strandete, und ihr und diese wenigen, die mit euch gerettet wurden,
an unserm Boot hiengen, da sah ich euern Bruder, selbst in dieser
äussersten Gefahr, Muth und Vorsicht nicht verliehrend, sich selbst
an einen starken Mast binden, der auf der See umhertrieb; und auf
diese Art schwamm er, wie Arion auf dem Rüken des Delphins, durch
die Wellen fort, bis ich ihn endlich aus den Augen verlohr.

Viola.
Hier ist Gold für diese gute Nachricht.  Meine eigne Rettung läßt
mich auch die seinige hoffen, und dein Bericht bestärkt mich
hierinn.  Bist du in dieser Gegend bekannt?

Capitain.
Ja, Madam, sehr wohl; der Ort wo ich gebohren und erzogen wurde,
ist nicht drey Stunden Wegs von hier entfernt.

Viola.
Wer regiert hier?

Capitain.
Ein edler Herzog, den Eigenschaften und dem Namen nach.

Viola.
Wie nennt er sich?

Capitain.
Orsino.

Viola.
Orsino?  Ich erinnre mich, daß ich von meinem Vater ihn nennen hörte;
er war damals noch unvermählt.

Capitain.
Er ist’s auch noch, oder war’s doch vor kurzem; denn es ist nicht
über einen Monat, daß ich von her abreisete, und damals murmelte
man nur einander in die Ohren, (ihr wißt, wie gerne die Kleinern
von dem, was die Grossen thun, schwazen,) daß er sich um die Liebe
der schönen Olivia bewerbe.

Viola.
Wer ist diese Olivia?

Capitain.
Eine junge Dame von grossen Eigenschaften, die Tochter eines Grafen,
der vor ungefehr einem Jahr starb, und sie unter dem Schuz seines
Sohns, ihres Bruders, hinterließ; aber auch diesen hat sie erst
kürzlich durch den Tod verlohren; und man sagt, sie sey so betrübt
darüber, daß sie die Gesellschaft, ja so gar den blossen Anblik der
Menschen verschworen habe.

Viola.
Wenn ich nur ein Mittel wißte, in die Dienste dieser Dame zu kommen,
ohne eher in der Welt für das was ich bin bekannt zu werden, als
ich es selbst meinen Absichten verträglich finden werde.

Capitain.
Das wird schwer halten; denn sie läßt schlechterdings niemand vor
sich, sogar den Herzog nicht.

Viola.
Du hast das Ansehen eines rechtschaffnen Manns, Capitain; und
obgleich die Natur manchmal den häßlichsten Unrath mit einer
schönen Mauer einfaßt, so will ich doch von dir glauben, daß dein
Gemüth mit diesem feinen äusserlichen Schein übereinstimme: Ich
bitte dich also, (und ich will deine Mühe reichlich belohnen,)
verheele was ich bin, und verhilf mir zu einer Verkleidung, die
meinen Absichten beförderlich seyn mag.  Ich will mich in die
Dienste dieses Herzogs begeben; stelle mich ihm als einen Castraten
vor; es kan deiner Mühe werth seyn; ich kan singen, ich spiele
verschiedene Instrumente, und bin also nicht ungeschikt ihm die
Zeit zu verkürzen; was weiter begegnen kan, will ich der Zeit
überlassen; nur beobachte du auf deiner Seite ein gänzliches
Stillschweigen über mein Geheimniß.

Capitain.
Seyd ihr sein Castrat, ich will euer Stummer seyn.  Verlaßt euch auf
meine Redlichkeit.

Viola.
Ich danke dir; führe mich weiter.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.
(Verwandelt sich in ein Zimmer in Olivias Hause.)
(Sir Tobias und Maria treten auf.)

Vierte Scene.
(Sir Andreas zu den Vorigen.)
(Der Character des Sir Tobias und seines Freundes gehört in die
unterste Tiefe des niedrigen Comischen; ein paar mäßige, lüderliche,
rauschichte Schlingels, deren platte Scherze, Wortspiele und tolle
Einfälle nirgends als auf einem Engländischen Theater, und auch da
nur die Freunde des Ostadischen Geschmaks und den Pöbel belustigen
können.  Wir lassen also diese Zwischen-Scenen um so mehr weg, als
wir der häuffigen Wortspiele wegen, öfters Lüken machen müßten.
Alles was in diesen beyden Scenen einigen Zusammenhang mit unserm
Stüke hat, ist dieses, daß Sir Tobias seinen Zechbruder, Sir
Andreas, als einen Liebhaber der schönen Olivia ins Haus einführt
und ganz ernsthaft der Meynung ist, daß sie ein recht artiges
wohlzusammengegattetes Paar ausmachen würden; und daß Jungfer Maria
den würdigen Oheim ihrer Dame höflich ersucht, um seiner Gesundheit
willen sich weniger zu besauffen; und um der Ehre des Hauses willen,
seine Bacchanalien nicht so tief in die Nacht hinein zu verlängern.)

Fünfte Scene.
(Verwandelt sich in den Pallast.)
(Valentin, und Viola in Mannskleidern, treten auf.)

Valentin.
Wenn der Herzog fortfährt euch so zu begegnen wie bisher, Cäsario,
so werdet ihr in kurzem einen grossen Weg machen; er kennt euch
kaum drey Tage, und er begegnet euch schon, als ob es so viele
Jahre wären.

Viola.
Ihr müßt entweder seiner Laune oder meiner Aufführung nicht viel
gutes zutrauen, wenn ihr die Fortsezung seiner Gunst in Zweifel
ziehet.  Ist er denn so unbeständig in seinen Zuneigungen, mein Herr?

Valentin.
Nein, das ist er nicht.  (Der Herzog, Curio und Gefolge treten auf.)

Viola.
Ich danke euch; hier kommt der Herzog.

Herzog.
Sah keiner von euch den Cäsario, he?

Viola.
Hier ist er, Gnädigster Herr, zu Befehl.

Herzog (zu den andern.)
Geht ihr ein wenig auf die Seite—Cäsario, du weist bereits nicht
weniger als alles; ich habe dir das Innerste meines Herzens
entfaltet.  Geh also zu ihr, mein guter Junge; laß dich nicht
abweisen, postiere dich vor ihrer Thüre, und sag ihr, du werdest da
wie eingewurzelt stehen bleiben, bis sie dir Gehör gebe.

Viola.
Gnädigster Herr, wenn sie sich ihrer Betrübniß so sehr überläßt,
wie man sagt, so ist nichts gewissers, als daß sie mich nimmermehr
vorlassen wird.

Herzog.
Du must ungestüm seyn, schreyen, und eher über alle Höflichkeit und
Anständigkeit hinüberspringen, als unverrichteter Sachen zurük
kommen.

Viola.
Und gesezt, ich werde vorgelassen, Gnädigster Herr, was soll ich
sagen?

Herzog.
O dann entfalte ihr die ganze Heftigkeit meiner Liebe; preise ihr
meine ungemeine Treue an; es wird dir wol anstehen, ihr mein Leiden
vorzumahlen; sie wird es von einem jungen Menschen, wie du, besser
aufnehmen, und mehr darauf Acht geben, als wenn ich einen
Unterhändler von ernsthafteren Ansehen gebrauchte.

Viola.
Ich denke ganz anders, Gnädigster Herr.

Herzog.
Glaube mir’s, mein lieber Junge; deine Jugend wäre schon genug,
diejenigen lügen zu heissen, die dich einen Mann nennten.  Dianens
Lippen sind nicht sanfter und rubinfarbiger als die deinigen; deine
Stimme ist wie eines Mädchens, zart und hell, und dein ganzes Wesen
hat etwas weibliches an sich.  Ich bin gewiß, du bist unter einer
Constellation gebohren, die dich in solchen Unterhandlungen
glüklich macht; du wirst meine Sache besser führen, als ich selbst
thun könnte.  Geh also, sey glüklich in deiner Verrichtung, und du
sollst alles was mein ist, dein nennen können.

Viola.
Ich will mein Bestes thun, Gnädigster Herr—

(vor sich.)

Eine beschwerliche Commission!  Ich soll ihm eine andre kuppeln,
und wäre lieber selbst sein Weib.

(Sie gehen ab.)

Sechste Scene.
(Olivia’s Haus.)
(Maria und der Narr vom Hause treten auf.)

(Maria schilt den Narren aus, daß er so lange ausgeblieben, und
sagt ihm, die Gnädige Frau werde ihn davor hängen lassen.  Der Narr
erwiedert dieses Compliment mit Einfällen, an denen der Leser
nichts verliehrt; man weiß daß auch der allersinnreichste und
unerschöpflichste Hans Wurst doch endlich genöthiget ist, sich
selbst zu wiederholen, so gut als ein andrer wiziger Kopf; und so
geht es Shakespears Clowns oder Narren von Profeßion auch; sie
haben ihre) locos communes(, auf denen sie wie auf Steken-Pferden
herumreiten, wenn ihnen nichts bessers einfallen will; und dieser
wird endlich der Zuhörer und der Leser satt.)

Siebende Scene.
(Olivia und Malvolio zu den Vorigen.)

Narr.
O Verstand, sey so gut und hilf mir den Narren machen—Diese
gescheidten Leute, welche sich einbilden sie haben dich, beweisen
sehr oft daß sie Narren sind; und ich, bey dem es ausgemacht ist,
daß ich dich nicht habe, mag für einen weisen Mann gelten.  Denn was
sagt Quinapalus?  Besser ein wiziger Narr, als ein närrischer
Wizling!  Guten Tag, Frau!

Olivia.
Schaft mir den Narren weg.

Narr.
Hört ihr’s nicht, Kerls?  Schaft mir die Frau weg.

Olivia.
O, geh; du bist ein trokner Narr; ich habe deiner genug; zu allem
Überfluß wirst du zu deiner Albernheit noch ungesittet.

Narr.
Das sind zween Fehler, die sich durch guten Rath und einen Krug
Halb-Bier verbessern lassen.  Denn, gebt dem troknen Narren zu
trinken, so ist der Narr nicht mehr troken: Sagt dem ungesitteten
Menschen, wie er sich verbessern soll, so wird er nicht länger
ungesittet seyn.  Alle Dinge in der Welt, die man ausbessert, werden
geflikt; Tugend, die sich vergeht, ist nur mit Sünde geflikt; und
Sünde, die sich bessert, ist nur mit Tugend geflikt.  Wenn dieser
einfältige Syllogismus die Sache ausmacht, wol gut; wo nicht, was
ist zu thun?  Gleichwie kein andrer wahrer Hahnrey ist als Elend; so
ist Schönheit eine vergängliche Blume: Die Gnädige Frau sagte, man
solle den Narren wegschaffen, also sag ich noch einmal, schafft sie
weg.

Olivia.
Sir, ich befahl daß man euch wegschaffen sollte.

Narr.
Mißverstand im höchsten Grade Gnädiges Fräulein, (cucullus non
facit monachum;) das ist auf Deutsch: Mein Hirn sieht nicht so
buntschekicht aus als mein Rok: Liebe Madonna, wollt ihr mir
erlauben, euch zu beweisen, daß ihr eine Närrin seyd?

Olivia.
Wie willt du das machen?

Narr.
Gar geschikt, gute Madonna.

Olivia.
Nun, so beweise dann.

Narr.
Ich muß euch vorher catechisieren, Madonna, wenn ihr mir antworten
wollt.

Olivia.
Gut, Sir, so schlecht der Zeitvertrieb ist, so wollen wir doch
euern Beweis hören.

Narr.
Gute Madonna, warum traurest du?

Olivia.
Um meinen Bruder, guter Narr.

Narr.
Ich denke, seine Seele ist also in der Hölle, Madonna?

Olivia.
Ich weiß, seine Seele ist im Himmel, Narr.

Narr.
Eine desto grössere Närrin seyd ihr, Madonna, dafür zu trauern, daß
euer Bruder im Himmel ist; schaft mir die Närrin weg, meine Herren.

Olivia.
Was denkt ihr von diesem Narren, Malvolio?  Verbessert er sich nicht?

Malvolio.
Ja, und wird sich verbessern bis ihm die Seele ausgehen wird.
Zunehmende Jahre machen den vernünftigen Mann abnehmen, und
verbessern hingegen den Narren, weil er je älter je närrischer wird.

Narr.
Gott send’ euch ein frühzeitiges Alter, Herr, um eure Narrheit
desto bälder zu ihrer Vollkommenheit zu bringen!  Sir Tobias würde
schwören wenn man’s verlangte, daß ich kein Fuchs sey; aber er
würde sich nicht für zwey Pfenninge verbürgen, daß ihr kein Narr
seyd.

Olivia.
Was sagt ihr hiezu, Malvolio?

Malvolio.
Mich wundert, wie Eu.  Gnaden an einem so abgeschmakten Schurken ein
Belieben finden kan; ich sah ihn erst gestern von einem
alltäglichen Narren, der nicht mehr Hirn hatte als ein Stein, zu
Boden gelegt.  Seht nur, er weiß sich schon nicht mehr zu helfen;
wenn ihr nicht vorher schon lacht, und ihm die Einfälle die er
haben soll auf die Zunge legt, so steht er da, als ob er geknebelt
wäre.  Ich versichre, diese gescheidte Leute, die über die albernen
Frazen dieser Art von gedungenen Narren so krähen können, sind in
meinen Augen die Narren der Narren.

Olivia.
O, ihr seyd am Eigendünkel krank, Malvolio, und habt einen
ungesunden Geschmak.  Edelmüthige, schuldlose und aufgeräumte Leute
sehen diese Dinge für Vögel-Schrot an, die euch Canon-Kugeln
scheinen; ein Narr von Profeßion kan niemand beschimpfen, wenn er
gleich nichts anders thut als spotten; so wie ein Mann von
bekannter Klugheit niemals spottet, wenn er gleich nichts anders
thäte als tadeln.  (Maria zu den Vorigen.)

Maria.
Gnädige Frau, es ist ein junger Herr vor der Thüre, der ein grosses
Verlangen trägt, mit Euer Gnaden zu sprechen.

Olivia.
Von dem Grafen Orsino, nicht wahr?

Maria.
Ich weiß es nicht, Gnädige Frau, er ist ein hübscher junger Mann,
und er macht Figur.

Olivia.
Wer von meinen Leuten unterhält ihn?

Maria.
Sir Tobias, Gnädige Frau, euer Öhm.

Olivia.
Macht daß ihr ihn auf die Seite bringt, ich bitte euch; er spricht
nichts als tolles Zeug; der garstige Mann!  Geht ihr, Malvolio; wenn
es eine Gesandschaft vom Grafen ist, so bin ich krank oder nicht
bey Hause: Sagt was ihr wollt, um seiner los zu werden.

(Malvolio geht ab.)

Ihr seht also, Sir, eure Narrheit wird alt und gefällt den Leuten
nicht mehr.

Narr.
Du hast unsre Parthey genommen, Madonna, als ob dein ältester Sohn
zu einem Narren bestimmt wäre; Jupiter füll’ ihm seinen Schedel mit
Hirn aus!  Hier kommt einer von deiner Familie, der eine sehr
schwache (pia mater) hat—

Achte Scene.
(Sir Tobias zu den Vorigen.)

Olivia.
Auf meine Ehre, halb betrunken.  Wer ist vor der Thür, Onkel?

Sir Tobias.
Ein Edelmann.

Olivia.
Ein Edelmann?  Was für ein Edelmann?

Sir Tobias.
Ein Mutter-Söhnchen, dem Ansehen nach—der Henker hole diese
Pikelhäringe!  Was machst du hier, Dumkopf?

Narr.
Guter Sir Toby—

Olivia.
Onkel, Onkel, wie kommt ihr schon so früh zu dieser Lethargie?

Sir Tobias.
Es ist einer vor der Pforte, sag ich.

Olivia.
Nun, wer ist er denn?

Sir Tobias.
Er kan meinethalb der Teufel selber seyn, wenn er will, was
bekümmert mich’s; glaubt mir was ich sage.  Gut, es ist all eins.

(Er geht ab.)

Olivia.
Wem ist ein berauschter Mann gleich, Narr?

Narr.
Einem Narren, einem Ertrunknen und einem Rasenden.  Das erste Glas
über das was genug ist macht ihn närrisch; das zweyte macht ihn
rasend; und das dritte ertränkt ihn gar.

Olivia.
So kanst du nur gehen und ein (visum repertum) über meinen Öhm
machen lassen; er ist würklich im dritten Grade der Trunkenheit; er
ist ertrunken; geh, sieh zu ihm.

Narr.
Er ist dermalen erst toll, Madonna, und der Narr wird gehn und zu
dem Tollhäusler sehen.

(Er geht ab.)

(Malvolio zu den Vorigen.)

Malvolio.
Gnädige Frau, der junge Bursche schwört, daß er mit euch reden
wolle.  Ich sagte ihm, ihr befändet euch nicht wohl; er antwortet,
so komme er eben recht, denn er habe ein vortrefliches Arcanum
gegen dergleichen Unpäßlichkeiten.  Ich sagte ihm, ihr schliefet,
aber es scheint er habe das auch vorher gewußt, und will deßwegen
mit euch sprechen.  Was soll man ihm sagen, Gnädige Frau?  Er will
sich schlechterdings nicht abweisen lassen.

Olivia.
Sagt ihm, er solle mich nicht zu sprechen kriegen.

Malvolio.
Das hat man ihm gesagt; und seine Antwort ist, er wolle vor eurer
Pforte stehen bleiben wie eine Säule, er wolle das Fußgestell zu
einer Bank abgeben; aber er wolle mit euch sprechen.

Olivia.
Von was für einer Gattung Menschen-Kindern ist er?

Malvolio.
Wie, von der männlichen.

Olivia.
Aber was für eine Art von einem Mann?

Malvolio.
Von einer sehr unartigen; er will mit euch reden, ihr mögt wollen
oder nicht.

Olivia.
Wie sieht er aus, und wie alt mag er seyn?

Malvolio.
Nicht alt genug, einen Mann und nicht jung genug, einen Knaben
vorzustellen; mit einem Wort, ein Mittelding zwischen beyden, ein
hübsches, wohlgemachtes Bürschgen, und er spricht ziemlich
nasenweise; man dächte, er habe noch was von seiner Mutter Milch im
Leibe.

Olivia.
Laßt ihn kommen; ruft mir mein Mädchen.

Malvolio.
Jungfer, die Gnädige Frau ruft.

(Er geht ab.)

Neunte Scene.
(Maria tritt auf.)

Olivia.
Gieb mir meinen Schleyer: Komm, zieh ihn über mein Gesicht: Wir
wollen doch noch einmal hören, was Orsino’s Gesandtschaft
anzubringen haben wird.  (Viola zu den Vorigen.)

Viola.
Wo ist die Gnädige Frau von diesem Hause?

Olivia.
Redet mit mir, ich will für sie antworten; was wollt ihr?

Viola.
Allerglänzendste, auserlesenste und unvergleichlichste Schönheit—
ich bitte euch, sagt mir, ob das die Frau vom Hause ist, denn ich
sah sie noch niemals.  Es wäre mir leid, wenn ich meine Rede umsonst
gehalten hätte; denn ausserdem daß sie über die maassen wol gesezt
ist, so hab ich mir grosse Mühe gegeben, sie auswendig zu lernen.
Meine Schönen, eine deutliche Antwort; ich bin sehr kurz angebunden,
wenn mir nur im geringsten mißbeliebig begegnet wird.

Olivia.
Woher kommt ihr, mein Herr?

Viola.
Ich kan nicht viel mehr sagen als ich studiert habe und diese Frage
ist nicht in meiner Rolle.  Mein gutes junges Frauenzimmer, gebt mir
hinlängliche Versicherung daß ihr die Frau von diesem Hause seyd,
damit ich in meiner Rede fortfahren kan.

Olivia.
Seyd ihr ein Comödiant?

Viola.
Nein, vom innersten meines Herzens wegzureden; und doch schwör’ ich
bey den Klauen der Bosheit, ich bin nicht was ich vorstelle.  Seyd
ihr die Frau vom Hause?

Olivia.
Wenn ich mich selbst nicht usurpiere, so bin ich’s.

Viola.
Unfehlbar, wenn ihr sie seyd, usurpiert ihr euch selbst; denn was
euer ist um es wegzugeben, das kömmt euch nicht zu, für euch selbst
zurük zu behalten; doch das ist aus meiner Commißion.  Ich will den
Eingang meiner Rede mit euerm Lobe machen, und euch dann das Herz
meines Auftrags entdeken.

Olivia.
Kommt nur gleich zur Hauptsache; ich schenke euch das Lob.

Viola.
Desto schlimmer für mich; ich gab mir so viele Müh es zu studieren,
und es ist so poetisch!

Olivia.
Desto mehr ist zu vermuthen, daß es übertrieben und voller Dichtung
ist.  Ich bitte euch, behaltet es zurük.  Ich hörte, ihr machtet euch
sehr unnüze vor meiner Thüre, und ich erlaubte euch den Zutritt
mehr aus Fürwiz euch zu sehen, als euch anzuhören.  Wenn ihr nicht
toll seyd, so geht; wenn ihr Verstand habt, so macht’s kurz; es ist
gerade nicht die Monds-Zeit bey mir, da ich Lust habe in einem so
hüpfenden Dialog’ eine Person zu machen.

Maria.
Wollt ihr eure Segel aufziehen, junger Herr, hier ligt euer Weg.

Viola.
Nein, ehrlicher Schiffs-Junge, ich werde hier noch ein wenig Flott
machen.

Olivia.
Was habt ihr dann anzubringen?

Viola.
Ich bin ein Deputierter.

Olivia.
Wahrhaftig, ihr müßt etwas sehr gräßliches zu sagen haben, da eure
Vorrede so fürchterlich ist.  Redet was ihr zu reden habt.

Viola.
Es bezieht sich allein auf euer eignes Ohr.  Ich bringe keine Kriegs-
Erklärung; ich trage den Ölzweig in meiner Hand, und meine Worte
sind eben so friedsam als gewichtig.

Olivia.
Und doch fienget ihr unfreundlich genug an.  Wer seyd ihr?  Was wollt
ihr?

Viola.
Wenn ich unfreundlich geschienen habe, so ist es der Art wie ich
empfangen wurde, zuzuschreiben.  Was ich bin und was ich will, das
sind Dinge, die so geheim sind wie eine Jungferschaft; für euer Ohr,
Theologie; für jedes andre, Profanationen.

Olivia.
Laßt uns allein.

(Maria geht ab.)

Wir wollen diese Theologie hören.  Nun, mein Herr, was ist euer
Text?

Viola.
Allerliebstes Fräulein—

Olivia.
Eine trostreiche Materie, und worüber sich viel sagen läßt.  Wo
steht euer Text?

Viola.
In Orsino’s Busen.

Olivia.
In seinem Busen?  In was für einem Capitel seines Busens?

Viola.
Um in der nemlichen Methode zu antworten, im ersten Capitel seines
Herzens.

Olivia.
O, das hab’ ich gelesen; es ist Kezerey.  Ist das alles was ihr zu
sagen habt?

Viola.
Liebe Madam, laßt mich euer Gesicht sehen.

Olivia.
Habt ihr Commission von euerm Herrn, mit meinem Gesicht
Unterhandlungen zu pflegen?  Ihr geht izt zwar über euern Text
hinaus; aber wir wollen doch den Vorhang wegziehen, und euch das
Gemählde zeigen.  Seht ihr, mein Herr; so eines trag’ ich dermahlen;
ist’s nicht wohl gemacht?

(Sie enthüllt ihr Gesicht.)

Viola.
Vortrefflich, wenn Gott alles gemacht hat.

Olivia.
Davor steh ich euch; es ist von der guten Farbe; es hält Wind und
Wetter aus.

Viola.
O, gewiß kan nur die schlaue und anmuthreiche Hand der Natur weiß
und roth auf eine so reizende Art auftragen, und in einander
mischen—Gnädiges Fräulein, ihr seyd die grausamste Sie in der
ganzen Welt, wenn ihr solche Reizungen ins Grab tragen wollt, ohne
der Welt eine Copey davon zu lassen.

Olivia.
O, mein Herr, so hartherzig will ich nicht seyn; ich will
verschiedene Vermächtnisse von meiner Schönheit machen.  Es soll ein
genaues Inventarium davon gezogen, und jedes besondre Stük meinem
Testament angehängt werden.  Als, item, zwo erträglich rothe Lippen.
Item, zwey blaue Augen, mit Augliedern dazu.  Item, ein Hals, ein
Kinn, und so weiter.  Seyd ihr hieher geschikt worden, mir eine
Lobrede zu halten?

Viola.
Ich sehe nun, was ihr seyd; ihr seyd zu spröde; aber wenn ihr der
Teufel selbst wäret, so muß ich gestehen, daß ihr schön seyd.  Mein
Gebieter und Herr liebt euch: O!  eine Liebe, wie die seinige,
könnte mit der eurigen, mehr nicht als nur belohnt werden, und wenn
ihr zur Schönsten unter allen Schönen des Erdbodens gekrönt worden
wäret.

Olivia.
Wie liebt er mich dann?

Viola.
Mit einer Liebe, die bis zur Abgötterey geht, mit immer fliessenden
Thränen, mit liebe-donnerndem Ächzen und Seufzern von Feuer.

Olivia.
Euer Herr weiß meine Gesinnung schon, er weiß daß ich ihn nicht
lieben kan.  Ich zweifle nicht daß er tugendhaft, und ich weiß daß
er edel, von grossem Vermögen, von frischer und unverderbter Jugend
ist; er hat den allgemeinen Beyfall vor sich, und ist reizend von
Gestalt; aber ich kan ihn nicht lieben; ich hab es ihm schon gesagt,
und er hätte sich meine Antwort auf diesen neuen Antrag selbst
geben können.

Viola.
Wenn ich euch liebte wie mein Herr, mit einer so quälenden, so
verzehrenden Liebe, so würd’ ich mich durch eine solche Antwort
nicht abweisen lassen; ich würde gar keinen Sinn in ihr finden.

Olivia.
Wie, was thätet ihr denn?

Viola.
Ich würde Tag und Nacht vor eurer Thüre ligen, und so lange hinein
ruffen bis mir der Athem ausgienge: ich würde klägliche Elegien
über meine unglükliche Liebe machen, und sie selbst in der
Todesstille der Nacht laut vor euerm Fenster singen; euern Namen
den zurükschlagenden Hügeln entgegen ruffen, und die schwazhafte
Gevatterin der Luft

(die Echo)

an Olivia sich heiser schreyen machen!  O ich wolte euch nirgends
Ruhe lassen, bis ihr Mitleiden mit mir hättet.

Olivia.
Ihr könntet es vielleicht weit genug bringen.  Was ist euer Stand?

Viola.
Über meine Glüks-Umstände, doch bin ich zufrieden; ich bin ein
Edelmann.

Olivia.
Kehrt zu euerm Herrn zurük; ich kan ihn nicht lieben; er soll mich
mit seinen Gesandtschaften verschonen; ausser ihr wolltet noch
einmal zu mir kommen, um mir zu sagen, wie er meine Erklärung
aufgenommen hat; lebt wohl; ich dank’ euch für eure Mühe: nemmt diß
zu meinem Andenken—

Viola.
Ich bin kein Bote der sich bezahlen läßt; Gnädiges Fräulein,
behaltet euern Beutel: Mein Herr, nicht ich, bedarf eurer Gütigkeit.
Möchte sein Herz von Kieselstein seyn, und ihr so heftig in ihn
verliebt werden, als er’s ist, damit ihr die ganze Qual einer
verschmähten Liebe fühltet!  Lebt wohl, schöne Unbarmherzige!

(Sie geht ab.)

Olivia (allein.)
Was ist euer Stand?  Über meine Glüks-Umstände, doch bin ich
zufrieden; ich bin ein Edelmann—Ich wollte schwören daß du es bist!
Deine Sprache, dein Gesicht, deine Gestalt, deine Gebehrden und
dein Geist machen eine fünffache Ahnen-Probe für dich—nicht zu
hastig—sachte!  Sachte!—Es müßte dann bestimmt seyn—wie, was für
Gedanken sind das?  Kan man so plözlich angestekt werden?  Es ist mir
nicht anders, als fühlt’ ich die Annehmlichkeiten dieses jungen
Menschen, mit unsichtbarem leisem Tritt zu meinen Augen
hineinkriechen.  Gut, laßt es gehn—He, Malvolio! —
(Malvolio tritt auf.)

Malvolio.
Hier, Gnädige Frau, zu euerm Befehl.

Olivia.
Lauffe diesem nemlichen wunderlichen Abgesandten, des Herzogs
seinem Diener, nach; er ließ diesen Ring zurük, ich wollte oder
wollte nicht; sag ihm, ich woll’ ihn schlechterdings nicht.  Ersuch
ihn, seinem Herrn nicht zu schmeicheln, und ihn nicht mit falschen
Hoffnungen aufzuziehen; ich sey nicht für ihn: wenn der junge
Mensch morgen dieser Wege kommt, will ich ihm Ursachen dafür geben.
Eile, Malvolio.  (Malvolio geht ab.)

Olivia.
Ich thue etwas, und weiß selbst nicht was; ich besorge, ich besorge,
meine Augen haben mein Herz überrascht!  Schiksal, zeige deine
Macht: Wir sind nicht Herren über uns selbst; was beschlossen ist,
muß seyn, und so sey es dann!

(Sie geht ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene.
(Die Strasse.)
(Antonio und Sebastiano treten auf.)

Antonio.
Ihr wollt also nicht länger bleiben?  Und ihr wollt auch nicht
erlauben, daß ich mit euch gehe?

Sebastiano.
Nein, verzeiht mir’s; meine Sterne scheinen dunkel über mir; der
mißgünstige Einfluß meines Schiksals möchte auch das eurige
ansteken; erlaubt mir also, daß ich mich von euch beurlaube, um
mein Unglük allein zu tragen.  Es würde eine schlechte Belohnung für
eure Freundschaft seyn, wenn ich euch auch nur den kleinsten Theil
davon auflegen wollte.

Antonio.
Laßt mich wenigstens nur wissen, wohin ihr gehen wollt.

Sebastiano.
Meine Reise ist in der That nichts anders, mein Herr, als ein
wunderlicher Einfall, ohne besondere Absicht—Doch diese edle
Bescheidenheit, womit ihr euch zurükhaltet, mir abzunöthigen, was
ich, wie ihr merket, gerne bey mir behalten wollte, verbindet mich,
von selbst näher gegen euch heraus zu gehen.  Wisset also, Antonio,
daß mein Name Sebastiano und nicht Rodrigo ist, wie ich vorgab;
mein Vater war dieser Sebastiano von Messaline, von dem ihr ohne
Zweifel gehört haben müßt.  Er hat mich mit einer Schwester
hinterlassen, die in der nemlichen Stunde mit mir gebohren worden;
möcht’ es dem Himmel gefallen haben, daß wir auch ein solches Ende
genommen hätten.  Aber ihr, mein Herr, verhindertet das; denn
ungefehr eine Stunde, eh ihr mich aus dem Schiffbruch aufnahmet,
war meine Schwester ertrunken.

Antonio.
Ich bedaur’ euch von Herzen.

Sebastiano.
Eine junge Dame, mein Herr, welche, ob man gleich eine sonderbare
Ähnlichkeit zwischen ihr und mir finden wollte, doch von vielen
für schön gehalten wurde; und wenn ich gleich über diesen Punkt
nicht zu leichtgläubig seyn möchte, so darf ich hingegen kühnlich
von ihr behaupten, daß sie ein Gemüthe hatte, das der Neid selbst
nicht anders als schön nennen könnte: Nun ist sie ertrunken, mein
Herr, und ihr Andenken preßt mir Thränen aus, die ich nicht
zurükhalten kan.

Antonio.
Vergebet mir, mein Herr, daß ihr nicht besser bedient worden seyd.

Sebastiano.
O mein allzugütiger Antonio; vergebet mir die Unruhe die ich euch
gemacht habe.

Antonio.
Wenn ihr mich für meinen guten Willen nicht ermorden wollt, so laßt
mich euer Diener seyn.

Sebastiano.
Wenn ihr eure Wohlthat nicht wieder vernichten, und ein Leben
wieder nehmen wollt, das ihr erhalten habt, so muthet mir das nicht
zu.  Lebt wohl auf immer; mein Herz ist zu sehr gerührt, als daß ich
mehr sagen könnte; meine Augen reden für mich—Ich muß an des
Herzogs Orsino Hof; Lebet wohl.

(Er geht ab.)

Antonio.
Die Huld aller Götter begleite dich!  Ich habe mir Feinde an
Orsino’s Hofe gemacht, sonst solltest du mich dort bald in deinem
Wege finden: Und doch, es entstehe daraus was immer will, ich liebe
dich so sehr daß mich keine Gefahr abschreken kan; ich will gehen.

(Geht ab.)

Zweyte Scene.
(Malvolio trift Viola, in ihrer Verkleidung als Cäsario an, und
richtet den Auftrag bey ihr aus, den ihm Olivia vorhin gegeben, und
da Viola den Ring nicht annehmen will, wirft er ihn endlich vor
ihre Füsse und geht ab.)

Viola (allein.)
Ich ließ keinen Ring bey ihr ligen; was meynt diese Dame damit?  Das
Unglük wird doch nicht wollen, daß ihr meine Gestalt in dieser
Verkleidung gefährlich gewesen!  Sie schien mich mit günstigen Augen
anzusehen, in der That, so sehr, daß ihre Augen ihre Zunge verhext
und gelähmt zu haben schienen; denn sie sprach sehr zerstreut und
ohne Zusammenhang—Sie liebt mich, so ist es; und der Auftrag den
sie diesem plumpen Abgesandten gemacht, ist ein Kunstgriff, mir
ihre Liebe auf eine feine Art zu erkennen zu geben—Sie will keinen
Ring von meinem Herrn; wie?  er schikte ihr ja keinen; ich bin der
Mann—Wenn es so ist, (und es ist so) das arme Fräulein!  so wär es
noch besser für sie, in ein blosses Phantom verliebt zu seyn.
Verkleidungen sind, wie ich sehe, eine Gelegenheit, deren Satan
sich wol zu bedienen weiß.  Wie wenig es braucht, um in ein
wächsernes Weiber-Herz Eindruk zu machen!  Himmel!  daran hat unsre
Gebrechlichkeit Schuld, nicht wir; wenn wir so gemacht sind, was
können wir dafür, daß wir so sind?—Aber wie wird sich das zusammen
schiken?  Mein Herr liebt sie aufs äusserste; ich, arme Mißgestalt,
bin eben so stark von ihm bethört; und sie, durch den Schein
betrogen, seufzt um mich.  Was wird aus diesem allem werden?  In so
fern ich ein Mann bin, könnte meine Liebe zu Orsino in keinem
verzweifeltern Zustand seyn; in so fern ich ein Mädchen bin, wie
viele vergebliche Seufzer wird die arme Olivia aushauchen!  Hier ist
lauter Hoffnunglose Liebe, auf allen Seiten.  O Zeit, du must diß
entwikeln, nicht ich; es ist ein Knoten, der zu hart verschlungen
ist, als daß ich ihn auflösen könnte.

(Sie geht ab.)

Dritte Scene.
(Verwandelt sich in Olivias Haus.)
(Sir Tobias und Sir Andreas, nebst dem Narren.)

Vierte Scene.
(Maria, und endlich auch Malvolio zu den Vorigen.)
(Diese beyden Zwischen-Scenen sind der Übersezung unwürdig, und
eines Aufzugs unfähig.)

Fünfte Scene.
(Verwandelt sich in den Pallast.)
(Der Herzog, Viola, Curio, und andre.)

Herzog.
Macht mir ein wenig Musik; nun guten Morgen, meine Freunde: Wie,
mein wakrer Cäsario, in der That, das Stükchen, das alte ehrliche
Gassen-Liedchen, das wir lezte Nacht hörten, machte mir leichter
ums Herz als diese flüchtigen Läuffe, diese studierten Säze einer
rauschenden und schwindlicht sich im Kreise herumdrehenden
Symphonie—Kommt, nur eine Strophe—

Curio.
Gnädigster Herr, es ist niemand da, der es singen könnte.

Herzog.
Wer sang es denn gestern?

Curio.
Fest, der Pikelhäring, der Narr, mit dem der Gräfin Olivia Vater
soviel Kurzweil hatte.  Er ist ausgegangen.

Herzog.
Sucht ihn auf, und spielt indessen die Melodie.  Komm hieher, Junge:
wenn du jemals erfahren wirst was Liebe ist, so denk’ in ihren
süssen Beklemmungen an mich; so wie ich bin, sind alle Liebhaber:
unstät und launisch in allen andern Vorstellungen, als allein in
dem Bilde des Geliebten, das immer vor ihren Augen schwebt—wie
gefällt dir dieser Ton?

Viola.
Er giebt ein wahres Echo von dem Siz, wo die Liebe thront.

Herzog.
Du sprichst meisterlich.  Ich seze mein Leben dran, dein Herz ist
nicht so unerfahren als du jung bist; du hast geliebt, nicht wahr,
Junge?

Viola.
Ein wenig, Gnädigster Herr.

Herzog.
Von was für einer Gattung Weibsbilder ist sie?

Viola.
Sie sieht Eu.  Gnaden gleich.

Herzog.
So ist sie deiner nicht werth.  Wie alt, ernsthafter Weise?

Viola.
Von euerm Alter, Gnädigster Herr.

Herzog.
So ist sie zu alt; ein Weibsbild soll immer einen ältern nehmen als
sie ist, so daurt sie ihn aus, und ist sicher, ihren Plaz in ihres
Mannes Herzen immer zu behalten.  Denn, glaube mir, Junge, wir mögen
uns so schön machen als wir wollen, so sind doch unsre Zuneigungen
immer weit schwindlichter, unsteter, schwankender, und leichter
abgenuzt und verlohren, als der Weiber ihre.

Viola.
Das denk’ ich selbst, Gnädigster Herr.

Herzog.
Wähle dir also eine Liebste die jünger als du bist, oder deine
Liebe wird von keiner Dauer seyn: Denn Weiber sind wie Rosen; in
der nemlichen Stunde, da ihre schöne Blume sich völlig entfaltet,
fällt sie ab.

Viola.
Und so sind sie; wie schade, daß sie so sind!  daß sie in dem
Augenblik sterben, worinn sie den Punkt ihrer Vollkommenheit
erreicht haben.  (Curio und der Narr zu den Vorigen.)

Herzog.
O, komm du, guter Freund—Das Lied von gestern Nachts—Gieb Acht
darauf, Cäsario, es ist alt und einfältig; die Spinnerinnen und
Strikerinnen, wenn sie an der Sonne bey ihrer Arbeit sizen, und die
muntern Webers-Mädchen, wenn sie zetteln, pflegen es zu singen; es
ist ein läppisches, kindisches Ding, aber es sympathisiert mit der
Unschuld der Liebe, wie man vor Alters liebte.

Narr.
Seyd ihr fertig, Herr?

Herzog.
Ja; sing, ich bitte dich.  (Ein Lied.*)

Herzog.
Hier ist was für deine Mühe.

Narr.
Keine Mühe, Herr; singen ist ein Vergnügen für mich, Herr.

Herzog.
So will ich dir dein Vergnügen bezahlen.

Narr.
Das ist ein anders, Herr; Vergnügen will über kurz oder lange
bezahlt seyn.

Herzog.
Du kanst nun wieder gehen, so schnell du willst.

Narr.
Nun, der melancholische Gott der Liebe behüte dich, und der
Schneider mache dir ein Wamms von schielichtem Taft; denn dein
Gemüth ist ein wahrer Opal.  Leute von solcher Standhaftigkeit müßte
man mir über Meer schiken, damit ihr Geschäfte allenthalben und ihr
Ziel nirgends wäre; denn das ist gerade was man braucht, um von
einer langen Reise nichts nach Hause zu bringen.  Lebt wohl.

(Er geht ab.)

* Der Verfasser der Beurtheilung des ersten Theils dieser
Übersezung, in der Bibliothek der schönen Wissenschaften hat eine
so glükliche Probe mit einem Liede des Narren im König Lear gemacht,
daß wir ihm auch dieses Gassenhauerchen überlassen wollen.  Es ist
in der That alles was Orsino davon sagt, aber es müßte, um nicht
alles zu verliehren in der Sprache Sebastian Brands oder einer noch
ältern, in der nemlichen oder einer ganz ähnlichen Versart, mit der
nemlichen Wahrheit der Erfindung, und tändelnden Einfalt des
Ausdruks, übersezt werden—eine Arbeit, welche vielleicht schwerer
ist, als das feinste Sonnet von einem Zappi, in Reime zu übersezen.

Sechste Scene.

Herzog.
Macht uns Plaz ihr andern—Versuch es noch zum leztenmal, Cäsario;
geh noch einmal zu dieser schönen Unerbittlichen; sag ihr, meine
Liebe lege einer Menge von ausgebreiteten Erdschollen die man
Ländereyen heißt, keinen Werth bey; sag ihr, die Güter die das Glük
ihr zugelegt habe, seyen in meinen Augen so eitel als das Glük
selbst; ihr Gemüth allein, dieses Wunder, dieses unvergleichliche
Kleinod, das die Natur so schön gefaßt hat, ziehe meine Seele an,
und wenn sie die ganze Welt zum Brautschaz hätte, so würde sie in
meinen Augen nicht reizender seyn.

Viola.
Aber wenn sie euch nun nicht lieben kan, Gn.  Herr?

Herzog.
Ich will keine solche Antwort haben.

Viola.
Aber wie dann, wenn ihr müßt?  Sezet den Fall, es gäbe eine junge
Dame, wie es vielleicht eine giebt, die aus Liebe zu euch diese
nemliche Quaal in ihrem Herzen fühlte, die ihr für Olivia fühlt;
und ihr könntet sie nicht lieben, und ihr sagtet ihr das; müßte sie
sich diese Antwort nicht gefallen lassen?

Herzog.
Es giebt kein weibliches Herz das stark genug wäre, den Sturm einer
so heftigen Leidenschaft auszuhalten, wie die meinige ist—es giebt
keines, das groß genug wäre, eine solche Liebe zu fassen.  Ihre
Liebe verdient mehr den Namen eines flüchtigen Gelusts, sie reizt
nur ihren Gaumen, nicht ihre Leber, und endigt sich bald durch
Überfüllungen Ekel und Abscheu; da die meinige hingegen so hungrig
ist wie die See, und eben so viel verdauen kan.  Mache keine
Vergleichung zwischen der Liebe die ein Weibsbild für mich haben
kan, und der meinigen für Olivia.

Viola.
Gut, und doch weiß ich—

Herzog.
Was weißst du?

Viola.
Nur zuwohl was für einer Liebe die Weibsbilder zu den Mannsleuten
fähig sind.  Aufrichtig zu reden, sie haben so getreue Herzen als
wir immer.  Mein Vater hatte eine Tochter die jemand so sehr liebte,
als ich vielleicht, wenn ich ein Weibsbild wäre, Euer Gnaden lieben
würde.

Herzog.
Und was ist ihre Geschichte?

Viola.
Ein weisses Blatt Papier: Nie entdekte sie ihre Liebe sondern ließ
ihr Geheimniß, gleich einem Wurm in der Knospe, an ihrer Rosenwange
nagen: Sie verschloß ihre Quaal in ihr Herz, und, in blasser
hinwelkender Schwermuth, saß sie wie die Geduld auf einem Grabmal,
und lächelte ihren Kummer an.  War das nicht Liebe, wahre Liebe?  Wir
Männer mögen mehr reden, mehr schwören, aber daß wir besser lieben,
daran läßt sich zweiffeln, ohne uns Unrecht zu thun; wir zeigen
immer mehr als wir fühlen—und unsre Liebe ist oft desto schwächer,
je stärker wir sie ausdruken.

Herzog.
Aber starb deine Schwester an ihrer Liebe, Junge?

Viola.
Ich bin alle Töchter die von meines Vaters übrig sind, und alle
Brüder dazu—und doch weiß ich nicht—Gnädigster Herr, soll ich zu
dieser Dame gehen?

Herzog.
Ja, das ist die Sache.  Eile zu ihr; gieb ihr dieses Kleinod; sag
ihr, meine Liebe könne und werde sich nicht abtreiben lassen.

(Sie gehen ab.)

Siebende, achte und neunte Scene.
(Jungfer Maria hatte mit den beyden würdigen Junkern Sir Tobias
und Sir Andreas, in der vierten Scene den Plan zu einem kleinen
Streich angelegt, den sie, zu ihrer allerseitigen Belustigung, dem
Malvolio, einem einbildischen, in sich selbst verliebten, dummen
und dabey sehr feyrlichen Gesellen, spielen wollten.  Dieses
Complott wird nun in diesen dreyen Scenen ausgeführt.  Maria
schreibt in ihrer Gebieterinn Namen einen Brief worinn Oliviens
Hand so gut als möglich nachgeahmt ist, und legt ihn an einen Ort,
wo ihn Malvolio finden muß.  Man kan sich vorstellen, was für
närrisches Zeug ein solcher Bursche anzugeben fähig ist, da er
Oliviens eigne Hand dafür zu haben glaubt, daß sie sterblich in ihn
verliebt sey.  Alles was wir aus diesem Intermezzo der Übersezung
würdig halten, ist das Gespräch des Malvolio das er mit sich selbst
hält, eh und da er den unterschobnen Brief findet, und aus welchem
wir nur die abgeschmakten Ausruffungen, Schwüre und Parenthesen
weglassen, welche die beyden Junkers a parte machen.)

(Die Scene ist in Olivias Garten.)
(Maria zu Sir Tobias, Sir Andreas und Fabian.)

Maria.
Geht, verbergt euch alle drey in die Laube dort; Malvolio kommt
diesen Gang herauf; er stuhnd schon diese halbe Stunde lang dort in
der Sonne, und gesticulirte gegen seinem eignen Schatten—gebt auf
ihn acht, ich bitte euch, ihr werdet Spaß davon haben: Denn ich bin
sicher, dieser Brief wird ihn in die lächerlichste Betrachtungen
versenken—Haltet euch still, wenn ihr euch nicht selbst einen Spaß
verderben wollt—lieg du da—

(Sie wirft den Brief hin, und entfernt sich.)

(Malvolio tritt auf; mit sich selbst redend.)

Malvolio.
Es kommt alles aufs Glük an, alles aufs Glük!  Maria sagte mir
neulich, sie könne mich überaus wohl leiden, und ich habe selbst
gehört, daß sie sich herausgelassen hat, wenn sie sich verlieben
wollte, so müßt’ es in einen von meiner Figur seyn.  Überdem
begegnet sie mir immer mit einer gewissen Achtung, das sie sonst
für keinen von ihren Bedienten thut.  Was soll ich von der Sache
denken—das wäre mir eins, Graf Malvolio—Man hat doch dergleichen
Exempel—Die Princessin von Thracien heurathete einen Bedienten von
der Garderobe—Wenn ich dann drey Monate mit ihr verheurathet wäre,
und sässe da auf meinem Guthe—und rieffe meine Officianten um mich
herum, in meinem ausgeschnittnen Samtnen Rok—nachmittags, vom
Ruhbette aufgestanden, wo ich Olivia schlafend gelassen hätte—und
dann nähm ich den Humor an den mein Stand erforderte; gienge, die
Hände kreuzweis auf den Rüken gelegt, ganz ernsthaft auf und ab,
schaute sie dann mit einem kalten, überhinfahrenden Blik an, und
sagte ihnen, ich wisse wer ich sey, und wünschte, sie möchten auch
wissen wer sie seyen—fragte nach meinem Onkel Tobias—Sechs oder
Sieben von meinen Leuten führen dann plözlich auf, und rennten
einander nieder vor Eilfertigkeit ihn aufzusuchen; indessen mach
ich eine weil’ ein finstres Gesicht, ziehe vielleicht meine Uhr auf,
oder tändle mit dem Schaupfenning an der goldnen Kette, die ich um
die Schultern hängen habe—Dann kommt Tobias herbey, macht seine
Verbeugungen sobald er mich erblikt—ich streke meine Hand so gegen
ihn aus, und lösche mein vertrauliches Lächeln mit einem strengen
herrischen Blik—sag ihm, Onkel Tobias, da mein Schiksal mich eurer
Nichte zugeworfen hat, so hoff ich das Recht zu haben zu reden—ihr
müßt euer starkes Trinken lassen—und zudem verderbt ihr eure
kostbare Zeit mit einem närrischen Junker—einem gewissen Sir
Andreas—He?  was giebts hier zu thun?—

(Er hebt den Brief auf.)

Bey meinem Leben, das ist der Gnädigen Frau ihre Hand: Das sind
ihre natürlichen C., ihre U., und ihre T., und so macht sie ihre
grosse P.  Es ist ihre Hand, da ist nicht dawider einzuwenden—(Dem
Geliebten Ungenannten dieses und meine Zärtlichsten Wünsche:) Das
ist ihre Schreib-Art: Mit Erlaubniß, Wachs.  Sachte!  Und das Sigel
ihre Lucretia, mit der sie alle ihre Briefe zu sigeln pflegt: An
wen mag das seyn?

(Das ich lieb’, ist euch, ihr Götter, kund;
aber wen, verschweige stets, mein Mund) Das soll also ein Geheimniß
seyn?—Seltsam!  was folgt weiter?  Aber wen, verschweige stets mein
Mund—wie wenn du das wärest, Malvolio?—Sachte, hier haben wir
auch Prosa—«Wenn dieses in deine Hände kommt, so liese es mehr als
ein mal.  Mein Gestirn hat mich über dich gesezt, aber fürchte dich
nicht vor Grösse; einige werden groß gebohren, andre arbeiten sich
zu Grösse empor, andern wird sie zugeworffen.  Dein glükliches
Schiksal öffnet seine Arme gegen dich; habe den Muth ihm entgegen
zu eilen; und um dich bey Zeiten an das zu gewöhnen, was du
wahrscheinlicher Weise werden wirst, so wirf dein allzu demüthiges
Betragen von dir, und zeige dich in einem vortheilhaftern Lichte.
Begegne meinem Vetter zuversichtlich, und den Bedienten trozig;
rede von Staats-Sachen; nimm in allen Stüken etwas sonderliches an.
Das ist der Rath derjenigen, die für dich seufzet.  Erinnre dich,
wer dir rieth gelbe Strümpfe zu tragen und sie unter dem Knie zu
binden.  Ich sag’, erinnre dich daran; (Geh, geh, du bist ein
gemachter Mann, wenn du nur willst: Wo nicht, so bleibe dann dein
Lebenlang ein Hausmeister, der Camerad von Bedienten und unwürdig
Fortunens Finger zu berühren.  Adieu.  Sie, die geneigter ist, deine
Sclavin zu seyn, als dir zu gebieten, o glüklicher Sterblicher)»—
Sonnenlicht kan nichts klärer machen als das ist—Das heiß’ ich
klar.  Ja, ich will stolz seyn, ich will politische Bücher lesen,
ich will Sir Tobiesen scheeren, ich will mit meinen vorigen
Bekannten thun, als kennt’ ich sie nicht, kurz, ich will thun, wie
mein Herr selbst.  Es ist offenbar, daß ich mir nicht zu viel
schmeichle, daß es keine blosse Einbildung ist; alles überzeugt
mich, daß die Gnädige Frau verliebt in mich ist.  Sie ermahnte mich
lezthin gelbe Strümpfe zu tragen, sie lobte meine Beine—und hier
haben wir’s wiederum, und auf eine Art, als ob sie es für eine
Gefälligkeit aufnehmen wolle, wenn ich mich nach ihrem Geschmak
puze.  Dank sey meinen Sternen, ich bin glüklich: Ich will so fremde
thun, daß man mich nicht mehr kennen soll, gelbe Strümpfe tragen,
und sie unter den Knien binden, und das gleich diesen Augenblik.
Jupiter und mein Gestirn sey gepriesen!—Hier ist noch ein
Postscript—(Es ist unmöglich daß du nicht errathen solltest wer
ich bin—wenn dir meine Liebe angenehm ist, so zeig es durch dein
Lächeln; das Lächeln läßt dir gar zu gut.  Lächle also immer in
meiner Gegenwart, mein Allerliebster, ich bitte dich darum)—
Jupiter!  ich danke dir!  Ich will lächeln, ich will alles thun, was
du von mir verlangst.

(ab.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene.
(Olivia’s Garten.)
(Ein wiziger Wett-Kampf zwischen Viola und dem Narren.)

Zweyte Scene.
(Sir Tobias mit seinem Freund, zu den Vorigen.)
(Bald darauf auch Olivia und Maria.)

Dritte Scene.
(Olivia und Viola allein.)

Olivia.
Gebt mir eure Hand, mein Herr.

Viola.
Mit meinen unterthänigsten Diensten, Gnädige Frau.

Olivia.
Wie ist euer Name?

Viola.
Cäsario ist euers Dieners Name, schöne Princessin.

Olivia.
Meines Dieners, mein Herr?  Die Welt hat ihre beste Anmuth verlohren,
seitdem man erdichtete Gesinnungen Complimente nennt: Ihr seyd des
Herzogs Orsino Diener, junger Mensch—

Viola.
Und also der eurige, Gnädige Frau.  Der Diener euers Dieners, muß
nothwendig auch euer Diener seyn.

Olivia.
An ihn denk’ ich nun gar nicht; ich wollte, seine Gedanken wären
lieber gar leer als mit mir angefüllt.

Viola.
Gnädige Frau, ich komme in der Absicht, eure schönen Gedanken zu
seinem Vortheil zu wenden.

Olivia.
O, mit eurer Erlaubniß, ich bitte euch—Ich sagt’ euch ja, ihr
möchtet mir nichts mehr von ihm sagen.  Ihr könntet eine andre Sayte
rühren, wo ich euch lieber hören wollte als Musik aus dem Himmel.

Viola.
Gnädige Frau—

Olivia.
Mit Erlaubniß, wenn ich bitten darf.  Ich schikte euch, nach der
lezten zaubrischen Erscheinung, die ihr hier machtet, einen Ring
nach.  Es war ein Schritt, dessen Bedeutung ihr nicht mißverstehen
konntet, und der mich vielleicht in euern Augen herabgesezt hat.
Was konntet ihr davon denken?  Habt ihr deßwegen so nachtheilig von
meiner Ehre gedacht als ein unempfindliches Herz denken kan?  Einem
von euerm Verstand, ist genug gesagt; ein Cypern, nicht ein Busen
dekt mein armes Herz.  Und nun laßt hören, was ihr zu sagen habt.

Viola.
Ich bedaure euch.

Olivia.
Das ist eine Stuffe zur Liebe.

Viola.
Nicht allemal; wir bedauren oft sogar unsre Feinde.

Olivia.
Wie dann, so ist es Zeit wieder zu lächeln.  O Welt, wie geneigt die
Armen sind stolz zu seyn!  Wenn man ja zum Raube werden muß, so ist
es doch besser durch einen Löwen zu fallen als durch einen Wolf.

(Die Gloke schlägt.)

Die Gloke wirft mir vor daß ich die Zeit verderbe.  Fürchtet euch
nicht, guter junger Mensch, ich mache keine Ansprüche an euch; und
doch wenn Verstand und Jugend bey euch zur Reiffe gekommen seyn
werden, so wird eure Frau, allem Ansehen nach, einen feinen Mann
haben: Hier ligt euer Weg, westwärts.

Viola.
So wünsch’ ich Euer Gnaden Vergnügen und guten Humor; habt ihr mir
nichts an meinen Herrn aufzugeben, Madam?

Olivia.
Warte noch; ich bitte dich, sage mir was du von mir denkst?

Viola.
Ich denke, ihr denkt ihr seyd nicht was ihr seyd.

Olivia.
Wenn ich so denke, so denk ich das nemliche von euch.

Viola.
Und so denkt ihr recht, ich bin nicht was ich bin.

Olivia.
Ich wollt’ ihr wäret wie ich euch wünschte.

Viola.
Würd’ ich besser seyn, Madam, als wie ich bin?  Ich wollt es wäre so,
denn izt bin ich euer Narr.

Olivia.
Wie anmuthig selbst Verachtung und Zorn auf seinen schönen Lippen
sizt.* Mördrische Schuld verräth sich nicht schneller, als Liebe
die sich verbergen will: Die Nacht der Liebe ist Mittag.  Cäsario,
bey den Rosen des Frühlings, bey meiner jungfräulichen Ehre und
Treue, und bey allem in der Welt, ich liebe dich so sehr, daß, troz
allem deinem spröden Wesen, weder Wiz noch Vernunft meine
Leidenschaft verbergen kan.  Erzwinge dir daher, daß ich dir mein
Herz selbst antrage, keinen Grund es zu verschmähen; denke lieber
so, (du wirst so richtiger denken) gesuchte Liebe ist gut; aber
ungesucht geschenkt, ist sie noch besser.

Viola.
Ich schwöre bey meiner Unschuld und Jugend, ich habe Ein Herz,
Einen Busen, und Eine Treue, und diese hat kein Weibsbild; noch
wird jemals Eine Meisterin davon seyn als ich selbst.  Und hiemit,
adieu, Gnädiges Fräulein; niemals werd’ ich mich wieder gebrauchen
lassen, euch meines Herrn Thränen vorzuweinen.

Olivia.
Komm nichts desto minder wieder; vielleicht mag es dir endlich
gelingen, dieses Herz, das izt seine Liebe verabscheut, zu einer
zärtlichern Gesinnung zu bewegen.

(Sie gehen ab.)

Vierte Scene.
(Verwandelt sich in ein Zimmer in Olivias Haus.)
(Sir Tobias, Sir Andreas und Fabian.)

(Sir Tobias und Fabian bemühen sich den Sir Andreas zur Eifersucht
gegen den Cäsario oder die verkleidete Viola zu reizen, und bereden
ihn, Olivia habe dem Cäsario nur darum so gut begegnet, um zu sehen,
ob er, Andreas, so geduldig dazu seyn werde; Sir Tobias sezt hinzu,
sie habe ohnfehlbar erwartet, daß er irgend einen tapfern Ausfall
gegen seinen Nebenbuhler wagen würde, und da dieses nicht geschehen,
so sey er nun ganz gewiß sehr tief in ihrer guten Meynung gefallen.
Du bist nun, sagt er, in den Norden, von meiner Nichte guter
Meynung hineingesegelt, wo du hangen wirst wie ein Eiszapfe an
eines Holländers Bart, wofern du dich nicht durch irgend eine kühne
That wieder losmachst—Kurz, sie bereden ihn endlich, daß er sich
schlechterdings mit Cäsario schlagen müsse, und Sir Tobias erbietet
sich, diesem die Ausforderung zu überbringen; welche zu schreiben
dann Sir Andreas abgeht.)

Fünfte Scene.
(Fabian und Sir Tobias machen sich zum voraus über die Kurzweile
lustig, die sie von diesem Zweykampf erwarten.  Sir Tobias gesteht
von seinem Freund daß er eine Memme sey; wenn man ihn öfnete, sagt
er, und ihr findet nur soviel Blut in seiner Leber, daß eine Floh
die Füsse darinn naß machen könnte, so will ich den Rest der
Anatomie aufessen.  Indem kommt Maria zu ihnen, und bittet sie mit
ihr zu gehen und zu sehen, wie seltsam sich Malvolio in seinen
gelben, unter den Knien gebundnen Strümpfen gebehrde, und wie
pünctlich er der Vorschrift des von ihr unterschobnen Briefs
nachlebe.  Er lächelt (sagt sie) sein breites Gesicht in mehr Linien
als auf der neuen Land-Carte sind, die mit den beyden Indien
vermehrt ist; ihr habt euere Tage nichts so gesehen; ich bin gewiß,
mein Fräulein wird ihm eine Ohrfeige geben; wenn sie’s thut, so
wird er lächeln und es für eine grosse Gunstbezeugung aufnemen.)

Sechste Scene.
(Verwandelt sich in die Strasse.)
(Sebastian und Antonio treten auf.)

(Sie freuen sich einander wieder zufinden; Sebastian bittet seinen
Freund mit ihm zu gehen, um die Merkwürdigkeiten der Stadt zu sehen;
Antonio antwortet, er getraue sich, weil er ehedem gegen den
Herzog gedient und ihm einen namhaften Schaden gethan habe, nicht,
sich so öffentlich sehen zu lassen, er bestellt also den Sebastian
auf den Abend ins Wirthshaus zum Elephanten, giebt ihm, auf den
Fall, wenn er etwann Lust hätte etwas einzukauffen, seinen Beutel,
und verläßt ihn, um ihm das Nacht-Quartier zu bestellen.)

* Von hier an bis zu Ende dieser Scene, ist im Original alles in
Reimen.

Siebende Scene.
(Verwandelt sich in Olivias Haus.)
(Olivia und Maria.)

Olivia.
Ich habe nach Cäsario geschikt; er sagt, er will kommen; was soll
ich ihm für Ehre anthun?  Was soll ich ihm geben?  Denn Jugend wird
öfters erkauft als erbettelt oder entlehnt—Ich rede zu laut—Wo
ist Malvolio?  Er ist ernsthaft und höflich, er schikt sich gut zu
einem Bedienten für eine Person von meinen Umständen; wo ist
Malvolio?

Maria.
Er kommt sogleich, Gnädiges Fräulein, aber in einem seltsamen
Aufzug.  Er ist ganz unfehlbar besessen, Gnädiges Fräulein.

Olivia.
Wie, wo fehlt es ihm?  Raßt er denn?

Maria.
Nein, Gnädiges Fräulein, er thut nichts als lächeln; Euer Gnaden
wird wohlthun, jemand zur Sicherheit bey sich zu haben: denn, ganz
gewiß, der Mann ist nicht recht richtig unterm Hut.

Olivia.
Geh, ruf ihm.—(Malvolio tritt auf.)—Ich bin so närrisch als er
immer, wenn traurige und lustige Narrheit auf eins hinauslauffen—
Nun, wie gehts, Malvolio?

Malvolio.
Liebstes Fräulein, ha, ha.

(Er lächelt auf eine abgeschmakte Art.)

Olivia.
Lächelst du?  Ich schikte nach dir, um dich zu einem ernsthaften
Geschäfte zu gebrauchen.

Malvolio.
Ernsthaft?  Ich könnte wol ernsthaft aussehen, dieses starke Binden
unter den Knien macht einige Obstruction im Geblüt; aber was thut
das?  Wenn es nur Einer gefällt, so geht mir’s vollkommen wie es in
dem Sonnet heißt: Gefall ich Einer, so gefall ich Allen.

Olivia.
Wie, was bedeutet das, Mann?  Was fehlt dir?

Malvolio.
Es ist in meinem Kopf nicht so schwarz als meine Beine gelb sind:
Es ist mir richtig zu Handen gekommen, und Befehle sollen vollzogen
werden.  Ich denke, wir kennen diese schöne Römische Hand.

Olivia.
Willt du nicht zu Bette gehen, Malvolio?

Malvolio (leise.)
Zu Bette?  Ja, Liebchen, und mit dir.

Olivia.
Gott behüte dich!  Warum lächelst du so, und küssest deine Hand so
oft?

Maria.
Was fehlt euch, Malvolio?

Malvolio.
Habt ihr zu fragen?  Wahrhaftig!  Nachtigallen antworten gleich
Krähen!

Maria.
Wie untersteht ihr euch mit einer so lächerlichen Kühnheit vor
meiner Gnäd.  Fräulein zu erscheinen?

Malvolio.
Fürchte dich nicht vor Grösse;—Das war wol gegeben.

Olivia.
Was meynst du damit, Malvolio.

Malvolio.
Einige werden groß gebohren—

Olivia.
Ha?

Malvolio.
Andre arbeiten sich zur Grösse empor—

Olivia.
Was sagst du?

Malvolio.
Und andern wird sie zugeworfen.

Olivia.
Der Himmel helfe dir wieder zurechte!

Malvolio.
Erinnre dich, wer dir befahl gelbe Strümpfe zu tragen—

Olivia.
Deine gelbe Strümpfe?

Malvolio.
Und wünschte, daß du sie unterm Knie binden möchtest?

Olivia.
Unterm Knie binden?

Malvolio.
Geh, geh, du bist ein gemachter Mann, wenn du nur willst.

Olivia.
Was sagst du?

Malvolio.
Wo nicht, so bleibe dein Lebenlang ein Bedienter.

Olivia.
Wie, das ist ja eine wahre Hundstags-Tollheit.

(Ein Bedienter meldet den Cäsario an, Olivia geht ab, nachdem sie
Befehl ertheilt hat, daß man zu Malvolio Sorge trage.)

Achte Scene.
(Malvolio, der seine Sachen vortrefflich gemacht zu haben glaubt,
bestärkt sich selbst, in einem kleinen Monologen, in seinem
angenehmen Wahnwiz, und hält sich seines Glüks so gewiß, daß ihm
nichts übrig bleibe, als den Göttern davor zu danken.)

Neunte Scene.
(Sir Tobias, Fabian und Maria zu Malvolio.)

Sir Tobias.
Wo ist er, wo ist er, im Namen alles dessen was gut ist?  Und wenn
alle Teufel in der Hölle sich ins Kleine zusammengezogen hätten und
in ihn gefahren wären, so will ich mit ihm reden.

Fabian.
Hier ist er, hier ist er.  Wie steht’s um euch, Herr?  Wie steht’s um
euch?

Malvolio.
Geht eurer Wege; ich entlaß euch; laßt mich bey mir selbst; geht
eurer Wege.

Maria.
Seht, wie der böse Feind aus ihm heraus redt!  Sagt ich’s euch
nicht?  Sir Tobias, die Gnädige Fräulein bittet euch, Sorge zu ihm
zu tragen.

Malvolio.
Ah, ha!  Thut sie das?

Sir Tobias.
Geh, geh; still, still, wir müssen säuberlich mit ihm verfahren;
laßt mich allein machen.  Wie!  Mann!  Laß den Teufel nicht Meister
seyn; bedenke, daß er ein Feind der Menschen ist.

Malvolio (ernsthaft und stolz.)
Wißt ihr auch was ihr sagt?

Maria.
Da seht ihr; wenn ihr was böses vom Teufel sagt, wie er’s gleich zu
Herzen nimmt—Gott gebe, daß er nicht besessen seyn möge!

Fabian.
Man muß sein Wasser zu der weisen Frauen tragen.

Maria.
Meiner Treue, das soll auch gleich morgen gethan werden, wenn ich
das Leben habe.  Mein Gnädiges Fräulein würd’ ihn um mehr als ich
sagen mag nicht verliehren wollen.

Malvolio.
Nun wie, Jungfer?

Maria.
O Himmel!

Sir Tobias.
Ich bitte dich, schweige; das ist nicht das rechte Mittel: Siehst
du nicht, daß du ihn nur böse machst?  Laßt mich allein mit ihm.

Fabian.
Nur keinen andern Weg als Freundlichkeit; nur sanft, nur sanft; der
böse Feind ist gar kurz angebunden, er läßt nicht grob mit sich
umgehen.

Sir Tobias.
Nun, wie, wie steht’s, mein Truthähnchen?  Wie geht’s dir, mein
Herzchen?

Malvolio.
Sir?—

Sir Tobias.
Ja, ich bitte dich, komm du mit mir.  Wie, Mann, es schikt sich
nicht für einen so weisen Mann wie du bist mit dem Teufel den
Narren zu treiben.  An den Galgen mit dem garstigen Kohlenbrenner!

Maria.
Laßt ihn sein Gebet hersagen, lieber Sir Tobias; laßt ihn beten.

Malvolio.
Beten, du Affen-Gesicht?

Maria.
Da, hört ihr’s, er will von nichts gutem reden hören.

Malvolio.
Scheret euch alle an den Galgen: Ihr seyd ein einfältiges dummes
Pak; ich bin nicht euers Gelichters; ihr werdet mich seiner Zeit
schon kennen lernen.

(Er geht ab.)

Sir Tobias.
Ist’s möglich?

Fabian.
Wenn man das in einer Comödie spielen würde, wer würd’ es nicht als
eine unwahrscheinliche Erdichtung verurtheilen?

(In dem Rest dieser Scene freuen sich Sir Tobias und seine
Consorten, daß ihnen ihre Absicht so wol gelungen sey, und
entschliessen sich nicht abzulassen, bis sie den armen Malvolio,
zur Züchtigung seines Übermuths in ein finstres Gemach und an
Bande gebracht haben würden.)

Zehnte Scene.
(Sir Andreas kommt mit der Ausforderung, die er indessen aufgesezt
hat, zu den Vorigen, und ließt ihnen das abgeschmakteste Zeug vor,
das man sich träumen lassen kan.  Alle geben ihm ihren Beyfall, und
muntern ihn auf, sich wohl zu halten.  Sir Tobias nimmt auf sich,
die Ausforderung dem Cäsario einzuhändigen und schikt den Sir
Andreas in den Garten, wo er seinem Gegner, der sich würklich bey
Fräulein Olivia befindet, aufpassen soll.  Allein sobald er
weggegangen ist, entdekt Tobias dem Fabian daß er weit entfernt sey,
einem so feinen jungen Edelmann als Cäsario zu seyn scheine, ein
so vollgültiges Document der verächtlichen Schwäche seines Gegners
zu geben; denn so würde der Spaß gleich ein Ende haben: er finde
also besser, seine Comission mündlich abzulegen, und dem jungen
Cäsario einen ganz entsezlichen Begriff von Sir Andreassen
Tapferkeit, und unbezwingbarer Wuth beyzubringen; auf diese Art,
sezt er hinzu, werden beyde in eine solche Furcht gesezt werden,
daß sie einander nur durch Blike tödten werden, wie die Basilisken.)

Eilfte Scene.
(Olivia und Viola treten auf.)

Olivia.
Zu einem Herzen von Stein hab’ ich zuviel gesagt, und meine Ehre zu
wohlfeil ausgelegt.  Es ist etwas in mir, das mir meinen Fehler
vorrükt; aber es ist ein so eigensinniger hartnäkiger Fehler, daß
ihm Vorwürfe nichts abgewinnen können.

Viola.
Der Herzog, mein Herr befindet sich in dem nemlichen Falle.

Olivia.
Hier, tragt dieses Kleinod zu meinem Andenken; es enthält mein Bild;
schlagt es nicht aus, es hat keine Zunge euch zu plagen; und ich
bitte euch, kommt morgen wieder.  Was könntet ihr von mir begehren,
das mit Ehren gegeben werden kan, und ich euch abschlagen würde?

Viola.
Ich bitte um nichts als eure Liebe für meinen Herrn.

Olivia.
Wie kan ich ihm mit Ehren geben, was ich euch schon gegeben habe?

Viola.
Ich will euch dessen quitt halten.

Olivia.
Gut, komm morgen wieder; lebe wohl—

(Sie geht ab—)

Ein Teufel der deine Gestalt hätte, könnte meine Seele bis in die
Hölle loken—

Zwölfte und dreyzehnte Scene.
(Sir Tobias kündigt den Zorn des furchtbaren Sir Andreas und seine
Ausforderung dem verkappten Cäsario an, der Mühe genug hat seinen
wenigen Muth zu einem solchen Zweykampf zu verbergen.  Tobias
verspricht ihm endlich seine guten Dienste, um wenigstens die
Ursache der grausamen Ungnade zu erkundigen, welche Cäsario durch
nichts verdient zu haben sich bewußt ist, und wo möglich den
wüthenden Sir Andreas in etwas zu besänftigen.  Tobias stellt sich
als ob er zu diesem Ende abgehe, da indessen Fabian fortfährt der
armen Viola Schreken einzujagen, und ihren Gegner als den besten
Fechter und den fatalesten Widerpart den man in ganz Illyrien
finden könne, abzumahlen.  Sie gehen ab, um dem Sir Tobias Plaz zu
geben, in der folgenden Scene, seinen Freund Andreas in eine eben
so friedliebende Gemüths-Verfassung zu sezen.  Er beschreibt ihm den
Cäsario als einen eingefleischten Teufel, der des Sophi Hof-
Fechtmeister gewesen sey, und keinen Stoß zu thun pflege, der nicht
eine tödtliche Wunde mache.  Andreas geräth darüber in solche Angst,
daß er verspricht er wolle ihm sein bestes Pferd geben, wenn er die
Sache auf sich beruhen lassen wolle.  Indessen kommt Fabian mit
Cäsario zurük, der, sobald er den Andreas erblikt, sich allen
Heiligen zu empfehlen anfängt, ohne gewahr zu werden, daß Andreas
wie eine Memme schlottert.  Sir Tobias geht von dem einen zum andern,
sagt einem jeden, sein Gegner wolle sich durch nichts in der Welt
besänftigen lassen, und bringt sie endlich dahin, daß sie, ungern
genug, die Degen zu ziehen anfangen; welches alles auf dem Theater
eine äusserst lächerliche Scene machen muß.)

Vierzehnte Scene.
(Indem sie ziehen, und Viola mit weinerlicher Stimme protestiert,
daß es wider ihren Willen geschehe, kommt Antonio dazu, der durch
die vollkommne Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem Bruder und durch
ihre Verkleidung betrogen, sie für seinen jungen Freund Sebastiano
ansieht, sich ins Mittel schlägt, und sich erklärt, er möge nun der
beleidigte Theil oder der Beleidiger seyn, so mache er seine Sache
zu seiner eignen.  Sir Tobias der es übel nimmt, daß ihm sein Spaß
verdorben werden soll, erklärt sich, wenn der Neuangekommne sich zu
Cäsarios Secundanten aufwerfe, so wolle er sein Mann seyn; allein
kaum haben sie gezogen, so kommt die Wache, bey deren Erblikung
Viola den Sir Andreas bittet seinen Degen wieder einzusteken,
welches sich dieser nicht zweymal sagen läßt.  Antonio, der sich,
wie man weiß, des Herzogs Ungnade zugezogen hatte, war verrathen
worden.  Die Wache suchte ihn auf; und da sie, der gemachten
Beschreibung nach, ihren Mann gefunden zu haben glaubt, wird er auf
Befehl des Herzogs Orsino in Verhaft genommen.)

Antonio (nachdem er sich vergeblich hatte verläugnen wollen.)
Ich muß gehorchen.

(Zu Cäsario.)

Das begegnet mir, weil ich euch allenthalben aufsuchte.  Aber dafür
ist nun kein Mittel.  Ich werde mich zu verantworten wissen.  Was
wollt ihr thun?  Meine eigne Noth zwingt mich, daß ich meinen Beutel
wieder abfordern muß.  Dieser Zufall bekümmert mich viel weniger um
meiner selbst willen, als weil ich euch unnüz werden muß: Ihr seyd
betroffen, seh ich; aber laßt den Muth noch nicht sinken.

1. Officier.
Kommt, Herr, wir müssen fort.

Antonio (Zu Cäsario.)
Ich bin genöthigt euch um etwas Geld zu bitten.

Viola.
Was für Geld, mein Herr?—Um eures edeln Bezeugens gegen mich
willen, und weil ich zum Theil durch den verdrieslichen Zufall, der
euch hier zugestossen ist, aus der grösten Verlegenheit gezogen
worden bin, will ich euch etwas vorstreken; was ich habe ist was
weniges, aber ich will doch mit euch theilen was ich habe; nemmt,
das ist die Hälfte meines Vermögens.

Antonio.
Und ihr seyd fähig, mich izt zu mißkennen?  Ist’s möglich daß meine
guten Dienste—o sezt meine Noth nicht auf eine so harte Probe,
oder ihr könntet mich zu der Niederträchtigkeit versuchen, euch die
Freundschaft, die ich euch bewiesen habe, vorzurüken.

Viola.
Ich weiß von keiner, und kenne euch weder an eurer Stimme noch
Gestalt.  Ich hasse Undankbarkeit mehr an einem Mann als
Aufschneiden, einbildisches Wesen, waschhafte Trunkenheit, oder
irgend eine andre Untugend, wovon der anstekende Saame in unserm
Blute stekt.

Antonio.
O Himmel!—

Ein Officier.
Kommt, mein Herr, ich bitte euch, geht.

Antonio.
Laßt mich nur noch ein Wort sagen.  Diesen jungen Menschen, den ihr
hier seht, zog ich aus dem Rachen des Todes; ich that alles was der
zärtlichste Bruder thun könnte, ihn wieder herzustellen; ich liebte
ihn, und ließ mich von seiner Gestalt, die mir die besten
Eigenschaften anzukündigen schien, so sehr einnehmen, daß ich ihn
fast abgöttisch verehrte.

1. Officier.
Was geht das uns an?  Die Zeit verstreicht indessen; fort!

Antonio.
Aber, oh, was für ein häßlicher Göze ist aus diesem Gotte worden.  O
Sebastiano, du machst der Schönheit Unehre.  Wahrhaftig, man sollte
niemand häßlich nennen, als Leute die kein gutes Herz haben.  Tugend
ist Schönheit; böse Leute, welche schön aussehen, sind hohle Klöze
die der Teufel angestrichen hat.

1. Officier.
Der Mann fangt an zu rasen: weg mit ihm.  Kommt, kommt, Herr.

Antonio.
Führt mich wohin ihr wollt.

(Sie gehen ab.)

Viola.
Mich däucht es ist eine so wahre Leidenschaft in seinen Reden, daß
er würklich glaubt was er sagt.  Und doch ist gewiß daß ich ihn
nicht kenne.  O daß die Einbildung sich wahr befinden möge, o, daß
es wahr sey, daß man, liebster Bruder, izt für dich mich angesehen
habe—Er nannte mich Sebastian; Ich sehe meinen Bruder noch lebend
so oft ich in den Spiegel sehe, er sah vollkommen so aus, und gieng
auch eben so gekleidet, von solcher Farbe, und so ausstaffiert wie
ich; denn ihn copiere ich in dieser Verkleidung—O, wenn es so ist,
so werd’ ich den Sturm und die Wellen liebreich statt grausam
nennen.

(Sie geht ab.)

Sir Tobias.
Ein recht schlechter armseliger Bube, und eine feigere Memme als
eine Hindin; seine Schlechtigkeit zeigte sich in seiner Aufführung
gegen seinen Freund, den er in der Noth verläugnete; und von seiner
Feigheit kan euch Fabian erzählen.

Fabian.
Eine Memme ist er, eine recht fromme, friedfertiger feige Memme.

Sir Andreas.
Mein Seel!  Ich will ihm nach und ihn prügeln.

Sir Tobias.
Thut das, gebt ihm Maulschellen, bis er genug hat, nur den Degen
zieht nicht gegen ihn.

Sir Andreas.
Wenn ich’s nicht thue—

(Er läuft fort.)

Fabian.
Kommt, wir müssen doch sehen, wie er das machen wird.

Sir Tobias.
Ich wollte wetten was man will, es wird doch nichts daraus werden.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene.
(Die Strasse.)
(Hans Wurst, der von Olivia geschikt worden, den Cäsario zu ihr zu
ruffen, trift den Sebastiano an, und richtet seinen Auftrag bey ihm
aus, weil er ihn für den Cäsario ansieht; Sebastiano, der hier ganz
fremd ist, und von der Verkleidung seiner Schwester, die er sogar
für todt hält, nichts wissen kan, stellt sich zu diesem) qui pro
quo (so befremdet an, als man sich vorstellen kan, und will
schlechterdings derjenige nicht seyn, wofür ihn Hans Wurst ansieht:
Indem sie nun mit einander streiten, kommen Sir Andreas und Sir
Tobias dazu, von denen der Erste durch den nemlichen Optischen
Betrug seinen Mann gefunden zu haben glaubt, und dem vermeynten
Cäsario eine Ohrfeige appliciert, welche Sebastiano mit einer
Tracht Schläge erwiedert.  Sir Andreas hatte sich das nicht
vermuthet, und appelliert an die Justiz; denn, sagt er, wenn ich
ihm gleich den ersten Schlag gegeben habe, so ist es doch keine
Manier, daß er mir soviele dagegen giebt.  Indem nun Sir Tobias
Friede machen will, wird er selbst mit Sebastiano handgemein; von
der dazwischen kommenden Olivia aber in der)

Zweyten Scene.
(so gleich wieder geschieden, welche ihren ungesitteten Oheim
unter den bittersten Vorwürfen aus ihren Augen gehen heißt, den
vermeynten Cäsario aber aufs zärtlichste zu besänftigen sucht, und
zu sich in ihr Haus nöthiget.  Sebastiano weiß nun vollends nicht
mehr, in was für einer Welt er ist.  Was bedeutet alles diß, ruft er
aus, entweder hab ich den Verstand verlohren, oder das alles ist
ein Traum.  O wenn es ein Traum ist, so laßt die Phantasie meine
Sinnen immer in Lethe tauchen, so laßt mich nie von diesem Traum
erwachen.  Nun, sagt Olivia, komm, ich bitte dich; ich wollte du
liessest dich von mir regieren; von Herzen gerne, antwortet
Sebastian, und so gehen sie in bester Eintracht mit einander ab.)

Dritte Scene.
(Ein Zimmer in Olivias Haus.)
(Maria und Hans Wurst.)

Maria.
Ich bitte dich, mache hurtig, zieh diesen Priesterrok an, und binde
dir diesen Bart um; wir wollen ihn bereden du seyest Sir Topas der
Pfarrer; beschleunige dich; ich will indeß den Sir Tobias ruffen.

(Sie geht ab.)

Hans Wurst.
Gut, ich will’s thun, ich will mich verkleiden, und ich wollte
wünschen, ich wäre der erste der sich in einen solchen Rok
verkleidete.  Ich bin nicht lang genug, um eine ansehnliche Person
in diesem Habit vorzustellen, noch mager genug, um die Meynung von
mir zu erweken, daß ich zuviel studiere; allein, ein ehrlicher Mann
und ein guter Haushälter seyn, klingt immer so gut als ein hübscher
Mann und ein grosser Gelehrter seyn.  (Sir Tobias und Maria.)

Sir Tobias.
Die Götter seyen mit dir, Herr Pfarrer.

Hans Wurst.
(Bonos Dies), Sir Tobias; denn wie der alte Einsiedler von Prag,
der in seinem Leben weder Feder noch Dinte gesehen hatte, sehr
sinnreich zu König Gorboduks Nichte sagte, daß nemlich alles was
ist, ist: Also, da ich der Herr Pfarrer bin, bin ich der Herr
Pfarrer; denn was ist was anders als was?  Und ist anders als ist?

Sir Tobias.
Zu euerm Patienten, Herr Pfarrer.

Hans Wurst.
Wie, holla, sag ich—Stille da, in diesem Kerker!

Malvolio (hinter der Bühne.)
Wer ruft hier?

Hans Wurst.
Sir Topas der Pfarrer, welcher Malvolio den Mondsüchtigen besuchen
will.

Malvolio.
Sir Topas, Sir Topas, guter Sir Topas, geht zur Gnädigen Fräulein—

Hans Wurst.
Fahre aus, du Hyperbolicalischer Teufel, warum quälst du diesen
armen Menschen so?  Redst du von nichts als von Fräulein?

Sir Tobias.
Wohl gegeben, Herr Pfarrer!

Malvolio.
Sir Topas, niemalen ist einem Menschen so übel mitgespielt worden
als mir; lieber Sir Topas, bildet euch nicht ein daß ich rasend sey;
sie haben mich hier in eine gräßliche Finsterniß gelegt.

Hans Wurst.
Fy, du unartiger Satan; ich bediene mich der gelindesten Ausdrüke
gegen dich; denn ich bin einer von diesen manierlichen Leuten, die
dem Teufel selbst nicht anders als höflich begegnen wollten: Sagst
du, dieses Haus sey finster?

Malvolio.
Wie die Hölle, Sir Topas.

Hans Wurst.
Wie, es hat Bogen-Fenster die so durchsichtig sind wie Gitter, und
die innwendigen Steine gegen die Sud-Seite sind so glänzend wie
Eben-Holz; und du klagst über Dunkelheit?

Malvolio.
Ich bin nicht toll, Sir Topas; ich sag euch, es ist finster im
Hause.

Hans Wurst.
Tollhäusler, du betrügst dich; ich sage dir, es giebt keine andre
Finsterniß als Unwissenheit; und in dieser stekst du tiefer als die
Egypter in ihrem Schlamme.

Malvolio.
Und ich sage, dieses Haus ist so finster als Unwissenheit, wenn
gleich Unwissenheit so finster als die Hölle wäre; und ich sage,
niemalen ist einem ehrlichen Manne so übel mitgespielt worden; ich
bin nicht mehr rasend als ihr selbst; macht die Probe mit mir,
fragt mich etwas gescheidtes was ihr wollt, und seht ob ich euch
nicht antworten werde, wie sich’s gehört.

Hans Wurst.
Was statuierte Pythagoras in Betreff des wilden Geflügels?

Malvolio.
Daß es leichtlich begegnen könne, daß die Seele unsrer Großmutter
in einem Schnepfen wohne.

Hans Wurst.
Was hältst du von dieser Meynung?

Malvolio.
Ich denke edler von der Seele, und billige diese Meynung keineswegs.

Hans Wurst.
Gehab du dich wohl: Bleib immer in der Finsterniß; du must die
Meynung des Pythagoras halten, wenn ich dir zugestehen soll daß du
deine fünf Sinne habest, und dich scheuen einen Schneppen zu
schiessen, aus Besorgniß du möchtest die Seele deiner Großmutter
aus ihrer Wohnung vertreiben.  Leb wohl.

Malvolio.
Sir Topas, Sir Topas—

Sir Tobias.
Der allerliebste Sir Topas!

Hans Wurst.
Gelt, ich schike mich zu allen Rollen?

Maria.
Du hättest das alles ohne Bart und Priesterrok thun können; er
sieht dich ja nicht.  (Hierauf erklärt sich Sir Tobias, daß er
dieses Spiels nach gerade überdrüssig sey, und demselben um so mehr
ein anständiges Ende gemacht wünsche, da er mit seiner Nichte
zerfallen sey.  Er geht also mit Maria ab, um sich darüber auf
seinem Zimmer mit ihr zu berathen, und läßt Hans Wursten bey
Malvolio zurük, der hierauf in der)

Vierten Scene
(seine eigne Person wieder annimmt, und nachdem er eine Weile den
Narren mit ihm getrieben, sich endlich erbitten läßt ihm Papier,
Feder, Dinte und ein Licht zu bringen.)

Fünfte Scene.
(Ein andres Zimmer in Olivias Haus.)

Sebastian (allein.)
Diß ist die Luft, diß ist die strahlende Sonne; diese Perle gab sie
mir, ich fühle sie und sehe sie, und obgleich alles um mich her
lauter Wunder ist, so ist es doch nicht Wahnwiz.  Wo ist denn
Antonio?  Ich konnt’ ihn im Elephanten nicht finden; alles was ich
erfahren konnte war daß er da gewesen und wieder ausgegangen sey,
mich überall in der Stadt aufzusuchen.  Sein Rath könnte mir izt den
grössesten Dienst thun—Denn wenn gleich meine Vernunft gegen meine
Sinnen behauptet, daß diß alles irgend ein Irrthum seyn könne, ohne
daß es Einbildungen oder Tollheit seyn müsse; so geht doch dieser
Zufall und ein so ausserordentliches Glük so weit über alles, was
man sich vorstellen kan, oder was jemals erhört worden ist; daß ich
bereit bin, ein Mißtrauen in meine eigne Augen zu sezen, und mit
meiner Vernunft zu streiten, wenn sie mich bereden will, irgend
etwas anders zu glauben, als daß ich toll sey oder daß es diese
junge Dame sey; und doch, wenn das leztere wäre, würde sie ihr Haus
regieren, ihren Bedienten Befehle geben, Geschäfte annehmen und
auftragen, und das alles mit einer so guten Art, mit einem so
sanften, vernünftigen, gesezten Wesen, wie ich sehe, daß sie thut?
In der That, es ist etwas unbegreifliches in dieser Sache.  Aber da
kommt sie ja selbst.  (Olivia mit einem Priester.)

Olivia.
Tadelt nicht, daß ich zu hastig sey; wenn eure Absicht ehrlich ist,
so kommt mit mir und diesem heiligen Mann in die Capelle, und unter
ihrer geweyhten Umwölbung schwöret mir da, vor ihm, das Gelübd
eurer Treue zu, damit meine noch immer mißtrauische, noch immer
zweifelnde Seele beruhigt werde.  Er soll es geheim halten, bis es
euch selbst gefallen wird, die Zeit zu einer öffentlichen Feyer,
die meiner Geburt gemäß sey, zu bestimmen.  Was sagt ihr hiezu?

Sebastiano.
Ich will diesem heiligen Manne folgen und euch begleiten; und die
Treue, die ich euch schwören werde, will ich ewig halten.

Olivia.
So geht dann voran, ehrwürdiger Vater, und der Himmel schaue mit
Beyfall auf mein Vorhaben herab!

(Sie gehen ab.)

Der Sturm, Oder Die Bezauberte Insel — Christoph Martin Wieland

Personen.

Alonso, König von Neapel.
Sebastian, dessen Bruder.
Prospero, rechtmässiger Herzog von Meiland.
Antonio, dessen Bruder, und unrechtmässiger Innhaber von Meiland.
Ferdinand, Sohn des Königs von Neapel.
Gonsalo, ein ehrlicher alter Rath des Königs.
Adrian und Francisco, zween Herren vom Adel.
Caliban, ein wilder und mißgeschaffner Sclave.
Trinculo, ein Hofnarr.
Stephano, ein berauschter Kellermeister.
Schiffspatron, Hochbootsmann und Matrosen.
Miranda, Prosperos Tochter.
Ariel, ein Sylphe.
Iris, Ceres, Juno, Nymphen und Schnitter, Geister, die zu einer
allegorischen Vorstellung gebraucht werden.

Erster Aufzug.

Erste Scene.
(In einem Schiff auf dem Meer.)
(Man hört ein Getöse von einem heftigen Sturm, mit Donner und
Blizen.)
(Der Schiffspatron und der Hochbootsmann treten auf.)

Schiffspatron.
Hochbootsmann—

Bootsmann.
Hier, Patron: Wie steht’s?

Patron.
Gut; redet mit den Matrosen; arbeitet mit den äussersten Kräften,
oder wir gehen zu Grunde; greift an, greift an!

(Geht ab.)

(Etliche Matrosen kommen herein.)

Bootsmann.
Hey, meine Kinder; munter, meine Kinder!  hurtig!  hurtig!  Zieht
das Bramsegel ein!  gebt auf des Patrons Pfeifchen acht—Ey so
blase, bis du bersten möchtest—

(Alonso, Sebastiano, Antonio, Ferdinand, Gonsalo, und andre zu den
Vorigen.)

Alonso.
Guter Hochbootsmann, habt Sorge; wo ist der Schiffspatron?  Haltet
euch wie Männer!

Bootsmann.
Ich bitte euch, bleibt unten.

Antonio.
Wo ist der Patron, Hochbootsmann?

Bootsmann.
Hört ihr ihn denn nicht—ihr geht uns im Weg um; geht in eure
Cajüte; ihr helft nur dem Sturm.

Gonsalo.
Nun, mein guter Mann, seyd geduldig.

Bootsmann.
Wenn’s das Meer ist.  Weg—was fragen diese Aufrührer nach dem
Nahmen eines Königs?  In die Cajüte—Still!  hindert uns nicht!

Gonsalo.
Ehrlicher Mann, besinne dich, wen du am Bord hast—

Bootsmann.
Niemand, den ich lieber habe als mich selbst.  Ihr seyd ein Rath;
wenn ihr diesen Elementen ein Stillschweigen auferlegen oder auf
der Stelle den Frieden mit ihnen machen könnt, so wollen wir kein
Thau mehr anrühren; braucht eure Autorität.  Wenn ihr aber nichts
könnt, so dankt dem Himmel, daß ihr so lange gelebt habt, und macht
euch in eurer Cajüte auf das Unglük gefaßt, das alle Augenblike
begegnen kan—Frisch zu, meine Kinder—fort aus dem Wege, sag ich.

(Er geht ab.)

Gonsalo.
Dieser Kerl macht mir Muth; mich däucht, er sieht keinem gleich,
der ersauffen wird, er hat eine vollkommne Galgen-Physionomie!
halte fest an deiner Absicht, liebes Schiksal; mache den Strang,
der ihm bestimmt ist, zu unserm Ankerseil, denn das unsrige hilft
uns nicht viel: wenn er nicht zum Galgen gebohren ist, so steht es
jämmerlich um uns.

(Sie gehen alle ab.)

(Der Hochbootsmann kommt zurük.)

Hochbootsmann.
Herab mit dem Bramsteng; greift an, besser herunter, noch besser!—
macht, daß nur das Schönfahrsegel treibt—

(man hört ein heulendes Geschrey hinter der Scene)

daß die schwehre Noth diß verfluchte Geheul—
(Antonio, Sebastiano und Gonsalo kommen zurük.)—Sie überschreyen
das Wetter und uns—Seyd ihr wieder da?  Was thut ihr hier?  Sollen
wir aufgeben und ersauffen?  habt ihr Lust dazu?

Sebastiano.
Daß die Pest deine Gurgel—du bellender, lästerlicher
unbarmherziger Hund!

Bootsmann.
So helft denn arbeiten.

Antonio.
Geh an den Galgen, du Hund, an den Galgen; du Hurensohn von einem
unverschämten Polterer; wir fürchten uns weniger vor dem Ertrinken
als du.

Gonsalo.
Ich steh ihm fürs Ersauffen, und wenn gleich das Schiff nicht
stärker wäre als eine Nußschaale, und so löchricht als eine—
(Etliche Matrosen von Wasser triefend treten auf.)

Matrosen.
Alles ist verlohren!  Betet, betet; alles ist verlohren!

(Sie gehen ab.)

Bootsmann.
Wie, müssen wir uns in Wasser zu tode sauffen?

Gonsalo.
Der König und der Prinz beten; wir wollen gehen und ihnen helfen;
denn es geht uns wie ihnen.

Sebastian.
Die Geduld ist mir ausgegangen.

Antonio.
Diese Trunkenbolde sind ganz allein Schuld, daß wir umkommen—
Dieser weitgespaltene Schurke—Ich wollt’ er läge so tief im Meer,
daß ihn zehn Fluthen nicht heraus spülen könnten.

Gonsalo.
Er wird doch noch gehangen werden, und wenn jeder Tropfe Wasser
dagegen schwören, und das Maul aufsperren würde, ihn zu
verschlingen.

(Man hört ein vermischtes Getös hinter der Scene.)

Wir scheitern, wir scheitern, wir sinken unter!  Lebet wohl, mein
Weib und meine Kinder!  Wir scheitern!  wir scheitern!

Antonio.
Wir wollen alle mit dem König versinken.

(Geht ab.)

Sebastian.
Wir wollen Abschied von ihm nehmen.

(Geht ab.)

Gonsalo.
Izt wollt’ ich von Herzen gerne tausend Meilen See für eine
Jauchart dürren Boden geben, Heidekraut, Genister, was man wollte—
der Wille des Himmels geschehe!  Doch wollt’ ich lieber eines
troknen Todes sterben!

(Geht ab.)

Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in einen Theil der bezauberten Insel, unweit der
Celle des Prospero.)
(Prospero und Miranda treten auf.)

Miranda.
Wenn ihr, mein theurester Vater, diese wilden Wasser durch eure
Kunst in einen so entsezlichen Aufruhr gesezt habet, o so leget sie
wieder!  Der Himmel, so scheint es, würde stinkendes Pech
herunterschütten, wenn nicht die See, die bis an seine Wangen
steigt, das Feuer wieder löschte.  O!  wie hab’ ich mit diesen
Unglüklichen gelidten, die ich leiden sah!  Ein schönes Schiff
(ohne Zweifel hatte es einige edle Geschöpfe in sich) ganz in Stüke
zerschmettert—O das Geschrey schlug recht gegen mein Herz an.  Die
armen Seelen, sie kamen um!  Hätte ich die Macht irgend eines
Gottes gehabt, ich wollte eher das Meer in die Erde hineingesenkt
haben, eh es dieses gute Schiff so verschlungen haben sollte, und
die darauf befindlichen Seelen mit ihm.

Prospero.
Fasse dich, meine Tochter; nicht so bestürzt; sage deinem
mitleidigen Herzen, es sey kein Schaden geschehen.

Miranda.
O!  unglüklicher Tag!

Prospero.
Kein Unglük.  Was ich gethan habe, hab’ ich aus Fürsorge für dich
gethan, für dich, meine Theure, meine Tochter, die du nicht weißst,
wer du bist, oder von wannen ich hieher kam, noch daß ich etwas
bessers bin als Prospero, Herr über eine armselige Celle, und dein
nicht grösserer Vater.

Miranda.
Mir fiel niemals ein, mehr wissen zu wollen.

Prospero.
Es ist Zeit, daß ich dir mehr entdeke.  Lehne mir deine Hand, und
ziehe mir dieses magische Gewand ab; so!

(er legt seinen Mantel hin)

lige hier, meine Kunst—Wische du deine Augen, beruhige dich.
Dieses fürchterliche Schauspiel des Schiffbruchs, welches ein so
zärtliches Mitleiden in deinem Herzen erregt hat, hab ich durch die
Mittel, die meine Kunst mir an die Hand giebt, so sicher angeordnet,
daß keine Seele zu Grunde gegangen ist, nein, nicht ein Haar von
irgend einem dieser Geschöpfe, deren Geschrey du hörtest, die du
sinken sahst: Seze dich nieder, denn du must nun noch mehr wissen.

Miranda.
Ihr habt oft angefangen mir sagen zu wollen, was ich sey, aber
wieder inngehalten, und mich einem eiteln Nachsinnen überlassen,
indem ihr allemal damit schlosset, halt!  noch nicht—

Prospero.
Die Stund’ ist nun gekommen, und es ist keine Minute mehr zu
verliehren.  Höre dann und sey aufmerksam.  Erinnerst du dich einer
Zeit, eh wir in diese Celle kamen?  Ich denke nicht, daß du es
kanst; denn du warst damals noch nicht volle drey Jahre alt.

Miranda.
Ja, mein Herr, ich kan.

Prospero.
Wobey dann?  Bey irgend einem Haus oder einer Person?  Sage mir,
was es auch seyn mag, dessen Bild in deinem Gedächtniß geblieben
ist.

Miranda.
Es ist in einer tiefen Entfernung, und eher einem Traum als einer
Gewißheit gleich, was mir die Erinnerung vorstellt.  Hatte ich
nicht einst vier oder fünf Weiber, die mir aufwarteten?

Prospero.
Du hattest, und mehr, Miranda.  Aber wie kommt es, daß diß noch in
deinem Gemüthe lebt?  Was siehst du noch mehr in dem tiefen Abgrund
der verflossenen Zeit?  Wenn du dich noch an etwas erinnerst, eh du
hieher kamst, so wirst du dich auch erinnern, wie du hieher kamst.

Miranda.
Nein, das thue ich nicht.

Prospero.
Es sind nun zwölf Jahre seit dieses geschah, Miranda; zwölf Jahre,
seit der Zeit, da dein Vater Herzog von Meiland und ein mächtiger
Fürst war.

Miranda.
Mein Herr, seyd ihr dann nicht mein Vater?

Prospero.
Deine Mutter war ein Muster der Tugend, und sie sagte, du seyest
meine Tochter; und dein Vater war Herzog von Meiland, und du seine
einzige Erbin.

Miranda.
O Himmel!  Was für ein schlimmer Streich trieb uns von dannen?
Oder war es unser Glük, daß es geschah?

Prospero.
Beydes, beydes, mein Mädchen!  Durch einen schlimmen Streich, wie
du sagst, wurden wir von dort vertrieben, und glüklicher Weise
hieher gerettet.

Miranda.
O!  mein Herz blutet, wenn ich an die Sorgen denke, die ich euch in
einer Zeit gemacht haben werde, an die ich mich nicht mehr besinnen
kan.  Ich bitte euch, fahret fort.

Prospero.
Mein Bruder, und dein Oheim, Antonio genannt, (ich bitte dich,
merke auf)—daß ein Bruder fähig seyn konnte, so treulos zu seyn!—
Er, den ich, nächst dir selbst, über alle Welt liebte, und dem ich
die Verwaltung meines Staats anvertraute, der damals unter allen in
Italien der erste, so wie es Prospero an Ansehen war, und an Ruhm
in den Wissenschaften, die meine einzige Beschäftigung waren.  Ich
überließ also die Staatsverwaltung meinem Bruder, und wurd’ ein
Fremdling in meinem eignen Lande, so sehr riß mich die Liebe und
der Reiz geheimnißreicher Studien dahin.  Dein treuloser Oheim—
Aber du giebst nicht Acht!

Miranda.
Höchst aufmerksam, mein Herr.

Prospero.
Dein Oheim, sag ich, der in der Kunst ausgelernt war, wie er ein
Gesuch bewilligen oder wie er es abschlagen, wen er befördern oder
wen er wegen eines allzuüppigen Wuchses abschneiden sollte; schuf
alle diejenigen um, die meine Creaturen waren; ich sage, er
versezte sie entweder, oder er gab ihnen sonst eine andre Form; und
da er den Schlüssel zu dem Amt und zu dem Beamteten hatte, stimmte
er alle Herzen in dem Staat, nach dem Ton, der seinem Ohr der
angenehmste war.  Solchergestalt war er nun der Epheu, der meinen
fürstlichen Stamm umwand, und sein Mark an sich sog—du giebst
nicht Acht.

Miranda.
Ich thu es, mein werther Herr.

Prospero.
Ich bitte dich, merke wohl auf.  Da ich nun alle weltlichen Dinge
so bey Seite sezte, und mich ganz der Einsamkeit und der
Verbesserung meines Gemüths widmete, die in meinen Augen alles
überwog was der grosse Hauffe hochschäzt, so erwachte meines
Bruders schlimme Gemüthsart, und mein Zutrauen brütete eine Untreue
in ihm aus, die so groß war als mein Zutrauen, welches in der That
keine Grenzen hatte.  Da er sich in dem Besiz meiner Einkünfte und
meiner Gewalt sah, so machte ers wie einer, der durch häufiges
Erzählen der nemlichen Unwahrheit einen solchen Sünder aus seinem
Gedächtniß macht, daß er selbst nicht mehr weiß, daß es eine
Unwahrheit ist; er hatte so lange die Rolle des Herzogs mit allen
ihren Vorrechten gespielt, daß er sich zulezt einbildete, er sey
der Herzog selbst—Hörst du mir zu?

Miranda.
Eure Erzählung, mein Herr, könnte die Taubheit heilen.

Prospero.
Damit nun aller Unterschied zwischen der Person die er spielte, und
demjenigen, für welchen er sie spielte, aufhören möchte, wollte er
schlechterdings selbst Herzog in Meiland seyn.  Mir, armen Manne,
dachte er, wäre mein Büchersaal Herzogthums genug; zu allen
Geschäften eines Fürsten hielt er mich für ganz untüchtig.  Er
machte also ein Bündniß mit dem König von Neapolis, und verstuhnd
sich, (so sehr dürstete ihn nach der Herrschaft), ihm einen
jährlichen Tribut zu bezahlen, und ihn als seinen Lehnsherrn zu
erkennen, seinen Fürstenhut der Crone dieses Königs zu unterwerffen,
und das bisher unabhängige Herzogthum (armes Meiland!) unter ein
schimpfliches Joch zu beugen.

Miranda.
O Himmel!

Prospero.
Höre nun die Bedingung die er ihm dagegen machte, und den Ausgang;
dann sage mir, ob das ein Bruder war?

Miranda.
Es wäre Sünde, von meiner Großmutter etwas unedels zu denken; gute
Eltern können schlimme Kinder haben.

Prospero.
Nun die Bedingung: Dieser König von Neapel, der mein alter Feind
war, willigte mit Freuden in meines Bruders Begehren, welches dahin
gieng, daß er, gegen die ihm zugestandne Abhänglichkeit, und ich
weiß nicht wie viel jährlichen Tribut, ungesäumt mich und die
meinigen aus dem Herzogthum vertreiben, und das schöne Meiland mit
allen seinen Regalien meinem Bruder zu Lehen geben sollte.  Nachdem
sie nun zu Ausführung dieses Vorhabens eine verrätherische
Kriegsschaar zusammen gebracht, öffnete Antonio in einer fatalen
Mitternacht die Thore von Meiland, und in der Todesstille der
Finsterniß schleppten die Diener seiner bösen That mich und dein
schreyendes Selbst hinweg.

Miranda.
O weh!  Ich will izt über diese Gewaltthat schreyen, da ich mich
nicht mehr erinnere, wie ich damals geschrien habe; eine geheime
Nachempfindung preßt diese Thränen aus meinen Augen.

Prospero.
Hör’ ein wenig weiter, und dann will ich dich zu der gegenwärtigen
Angelegenheit bringen, die wir vor uns haben, und ohne welche diese
Erzählung sehr unbesonnen wäre.

Miranda.
Warum nahmen sie uns denn das Leben nicht?

Prospero.
Die Frage ist vernünftig, Mädchen; meine Erzählung veranlaset sie.
Sie durften es nicht wagen, meine Theureste, so groß war die Liebe
die das Volk für mich hatte, sie durften es nicht wagen, ihre
Übelthat durch ein blutiges Merkmal der Entdekung auszusezen,
sondern strichen ihre boshaftigen Absichten mit schönern Farben an.
Kurz, sie schleppten uns auf eine Barke, und führten uns etliche
Meilen in die See, wo sie ein ausgeweidetes Gerippe von einem Boot,
ohne Thauwerk, ohne Seegel, und ohne Mast zubereiteten, ein so
armseliges Ding, das sogar die Razen, vom Instinct gewarnet, es
verlassen hatten; und auf diesem elenden Nachen stiessen sie uns in
die See, um den Wellen entgegen zu jammern, die uns heulend
antworteten; und den Winden zuzuseufzen, deren wieder
zurükseufzendes Mitleiden unsre Angst vermehrte, indem es sie
lindern zu wollen schien.

Miranda.
Himmel!  wie viel Unruhe muß ich euch damals gemacht haben!

Prospero.
O!  Ein Cherubim warst du, der mich beschüzte.  Da ich von der Last
meines Elends niedergedrükt, einen Strom von trostlosen Thränen in
die See hinunter weinte, da lächeltest du mir mit einer vom Himmel
eingegoßnen Freudigkeit entgegen, und erwektest dadurch den Muth in
mir, alles zu ertragen, was über mich kommen würde.

Miranda.
Wie kamen wir denn ans Land?

Prospero.
Durch Göttliche Vorsicht!  Wir hatten einigen Vorrath von Speise
und frischem Wasser, womit uns Gonsalo, ein Neapolitanischer
Edelmann, dem die Ausführung dieses Geschäfts anbefohlen war, aus
Gutherzigkeit und Mitleiden versehen hatte.  Er hatte uns auch mit
reichen Kleidern, leinen Geräthe und andern Nothwendigkeiten
beschenkt, die uns seither gute Dienste gethan haben; und da er
wußte wie sehr ich meine Bücher liebte, so verschafte mir seine
Leutseligkeit aus meinem eignen Vorrath einige, die ich höher
schäze als mein Herzogthum.

Miranda.
Wie wünscht’ ich diesen Mann einmal zu sehen!

Prospero.
Nun komm ich zur Hauptsache.  Bleibe sizen, und höre das Ende
meiner Erzählung.  Wir kamen in dieses Eiland, und hier hab’ ich,
durch meine Unterweisungen, dich weiter gebracht als andre Fürsten
können, die nur für ihre Lustbarkeiten Musse haben, und die
Erziehung ihrer Kinder nicht so sorgfältigen Aufsehern überlassen.

Miranda.
Der Himmel danke es euch!  Aber nun bitte ich euch mein Herr, (denn
ich höre dieses Ungewitter noch immer in meiner Einbildung) was war
die Ursache, warum ihr diesen Sturm erreget habt?

Prospero.
So wisse denn, daß durch einen höchst seltsamen Zufall, das mir
wieder günstige Glük meine Feinde an dieses Ufer gebracht hat:
Meine Vorhersehungs-Kunst sagt mir, daß ein sehr glüklicher Stern
über meinem Zenith schwebt; allein sie sagt mir auch, daß wenn ich
die wenigen Stunden seines günstigen Einflusses ungenüzt
entschlüpfen lasse, mein Glük auf immer verscherzt seyn werde—Hier
frage nicht weiter; du bist schläfrig; es ist eine heilsame
Betäubung, gieb ihr nach; ich weiß daß du nicht anders kanst.

(Miranda schläft ein.)

Herbey, mein Diener, herbey; ich bin fertig.  Nähere dich, mein
Ariel—Komm!

Dritte Scene.
(Ariel zu Prospero.)

Ariel.
Heil dir, mein grosser Meister!  Ehrwürdiger Herr, Heil dir!  ich
komme deine Befehle auszurichten; es sey nun zu fliegen oder zu
schwimmen, mich in die Flammen zu tauchen, oder auf den krausen
Wolken zu reiten; Ariel und alle seine Kräfte sind zu deinem
mächtigen Befehl.

Prospero.
Hast du, o Geist, den Sturm so ausgerichtet, wie ich dir befahl?

Ariel.
Bis auf den kleinsten Umstand.  Ich kam an Bord des Königlichen
Schiffes, und sezte, in Flammen eingehüllt, bald das Vordertheil,
bald den Bauch, das Verdek und jede Cajüte in Schreken.  Zuweilen
theilt’ ich mich, und zündet’ es an etlichen Orten zugleich an,
flammte in abgesonderten Klumpen Feuers auf dem Bramsteng, den
Segelstangen und dem Bögs-Priet-Mast; dann floß ich wieder zusammen.
Jupiters Blize selbst, die Vorläuffer fürchterlicher Donner-
Schläge, sind nicht behender zu leuchten und wieder zu verschwinden;
das schmetternde Gebrüll der schweflichten Flammen schien den
allmächtigen Neptunus zu belagern, und seine kühne Woogen zittern
zu machen, ja seinen furchtbaren Dreyzak selbst zu erschüttern.

Prospero.
Mein wakrer, wakrer Geist!  War einer unter diesen Leuten gesezt
und standhaft genug, bey einem solchen Getöse Meister von sich
selbst zu bleiben?

Ariel.
Keine einzige Seele, die nicht, von fieberhaften Schauern
geschüttelt, in irgend einen Ausbruch von Verzweiflung fiel.  Alle,
bis auf die Schiffleute, verliessen das Schiff, das ganz von mir in
Flammen stuhnd, und stürzten sich in das schäumende Salzwasser.
Ferdinand, des Königs Sohn, war der erste, der mit berg an
stehendem Haar, eher Binsen als Haaren ähnlich, in die See sprang.
Die Hölle ist leer, schrie er, und alle Teufel sind hier.

Prospero.
Gut, das ist mein Geist!  Aber war es nahe genug am Ufer?

Ariel.
Ganz nah, mein Gebieter.

Prospero.
Sind sie alle errettet, Ariel?

Ariel.
Es ist nicht ein Haar umgekommen, und auf ihren Kleidern ist nicht
ein Fleken, sondern sie glänzen frischer als zuvor.  Wie du mir
befohlen hast, hab’ ich sie truppenweise um die Insel her zerstreut:
den Sohn des Königs hab ich ganz allein ans Land gebracht, und ihn
in einem düstern Winkel der Insel verlassen, wo er mit
verschlungnen Armen traurig dasizt, und die Luft mit seinen
Seufzern abkühlt.

Prospero.
Was hast du denn mit dem Schiffsvolk auf dem königlichen Schiffe,
und mit dem ganzen Rest der Flotte gemacht?

Ariel.
Des Königs Schiff ist unbeschädigt in Sicherheit gebracht.  Ich hab
es in eine tiefe Bucht der Bermudischen Inseln verborgen, wohin du
mich einst um Mitternacht schiktest, Thau zu holen.  Die
Schiffleute, alle in den Raum zusammen gedrängt, habe ich in einen
bezauberten Schlaf versenkt; die übrigen Schiffe der Flotte die ich
zerstreut hatte, fanden sich wieder zusammen, und sind auf der
mittelländischen See im Begriff traurig wieder heim nach Neapel zu
segeln, in der Meynung, daß sie des Königs Schiff scheitern, und
seine hohe Person umkommen gesehen haben.

Prospero.
Ariel, du hast meinen Auftrag pünctlich ausgerichtet; aber es ist
noch mehr Arbeit; wie viel ist es am Tage?

Ariel.
Höchstens zwey Stunden nach Mittag.

Prospero.
Die Zeit zwischen izt und Sechse muß von uns beyden als höchst
kostbar angewendet werden.

Ariel.
Ist noch mehr zu thun?  Da du mir so viel Mühe auflegest, so
verstatte daß ich dich an etwas erinnre, so du mir versprochen und
noch immer nicht gehalten hast.

Prospero.
Wie?  du bist übel aufgeräumt?  Was verlangst du denn?

Ariel.
Meine Freyheit.

Prospero.
Eh deine Zeit aus ist?  Nichts mehr davon!

Ariel.
Ich bitte dich, erinnere dich wie getreu ich dir gedient habe; ich
sagte dir keine Lügen vor, ich machte nie eines für das andre, ich
diente dir ohne Groll noch Murren; und du versprachest mir ein
ganzes Jahr nachzulassen.

Prospero.
Hast du vergessen, von was für einer Marter ich dich befreyet habe?

Ariel.
Nein.

Prospero.
Du hast es vergessen, und hältst es für zuviel in dem sumpfichten
Grund des gesalznen Meeres für mich zu waten, oder auf dem scharfen
Nordwind zu rennen, oder in den Adern der hartgefrornen Erde meine
Geschäfte auszurichten.

Ariel.
Das thu ich nicht, mein gebietender Herr.

Prospero.
Du lügst, boshaftes Ding.  Hast du die scheußliche Zauberin Sycorax
vergessen, die von Alter und Neid in einen Reif zusammengewachsen
war?  Hast du sie vergessen?

Ariel.
Nein, Herr.

Prospero.
Du hast; wo war sie gebohren?  Sprich, erzähl es mir.

Ariel.
In Argier, mein Herr.

Prospero.
So, war sie?  ich muß alle Monat einmal mit dir wiederholen was du
gewesen bist, um dir das Gedächtniß ein wenig anzufrischen.  Diese
verdammte Hexe Sycorax, war wegen manchfaltiger Übelthaten und
Zaubereysünden, die zu ungeheuer sind, als daß ein menschliches Ohr
sie ertragen könnte, wie du weist, von Argier verbannt; um eines
einzigen willen das sie gethan hatte, wollten sie ihr das Leben
nicht nehmen.  Ists nicht so?

Ariel.
Ja, mein Herr.

Prospero.
Diese blauaugichte Unholdin ward schwängern Leibes hiehergebracht,
und von den Schiffleuten hier zurükgelassen; du, mein Sclave,
warest nach deiner eignen Aussage, damals ihr Diener.  Und weil du
zu Verrichtung ihrer irdischen und abscheulichen Aufträge ein zu
zärtlicher Geist warst, und ihre grossen Befehle ausschlugest; so
schloß sie dich in ihrer unerbittlichen Wuth, mit Hülfe ihrer
stärkern Diener in eine gespaltne Fichte, in deren Klamme
eingekerkert du zwölf peinvolle Jahre verharren mußtest, bis sie
starb und dich in diesem elenden Zustand ließ, worinn du die Gegend
umher, soweit als man das Getöse von Mühlrädern hören kan, mit
Ächzen und Winseln erfülltest.  Damals war dieses Eiland, (ausser
einem Sohn, den sie hier geworfen hatte, einen rothgeflekten
ungestalten Wechselbalg) mit keiner menschlichen Gestalt geziert.

Ariel.
Ja, Caliban ihr Sohn.

Prospero.
Dummes Ding, das ists was ich sage; eben dieser Caliban, den ich
nun in meinen Dinsten habe.  Du weist am besten in was für einer
Quaal ich dich hier fand; dein Winseln machte Wölfe mit dir heulen,
und durchbohrte die wilde Brust des immerzürnenden Bärs; es war
eine Marter, wie die Verdammten ausstehen müssen, und Sycorax
selbst war nicht im Stande sie wieder aufzuheben: meine Kunst war
es, als ich hieher kam und dich hörte, welche die bezauberte Fichte
zwang sich zu öffnen, und dich herauszulassen.

Ariel.
Ich danke dir, mein Gebieter.

Prospero.
Wenn du noch einmal murrest, so will ich eine Eiche spalten, und
dich in ihr knottichtes Eingeweide einklammern, bis du zwölf Winter
weggeheult hast.

Ariel.
Vergieb mir, mein Gebieter, ich will alle deine Befehle vollziehen,
und willig und behend in meinen Spükereyen seyn.

Prospero.
Thue das, so will ich dich in zween Tagen frey lassen.

Ariel.
Das ist mein großmüthiger Meister!  Was soll ich thun?  Sage was?
Was soll ich thun?

Prospero.
Geh, nimm die Gestalt einer Meernymphe an, aber mache dich jedem
andern Auge als dem meinigen unsichtbar.  Geh, und komm in dieser
Gestalt wieder hieher; mache hurtig.

(Ariel verschwindt.)

Erwache, mein theures Herz, erwache, du hast wohl geschlafen—
Erwache!

Miranda.
Die Seltsamkeit eurer Geschichte hat meinen Kopf ganz schwer
gemacht.

Prospero.
Muntre dich auf; komm mit, wir wollen den Caliban meinen Sclaven
besuchen, der uns niemals eine freundliche Antwort giebt.

Miranda.
Es ist ein Nichtswürdiger, mein Herr, ich mag ihn nicht gerne
ansehen.

Prospero.
Und doch, so wie er ist können wir nicht ohne ihn seyn; er macht
uns unser Feuer, schaft unser Holz herbey und thut uns Dienste, die
uns zu statten kommen.  He!  Sclave!  Caliban!  du Kloz du, gieb
Antwort!

Caliban (hinter der Scene.)
Es ist Holz genug drinnen.

Prospero.
Komm hervor, sag’ ich, es ist eine andre Arbeit für dich da, komm,
du Schildkröte!  Nun, wie lange—

(Ariel erscheint in Gestalt einer Wasser-Nymphe.)

Eine artige Erscheinung!  Mein muntrer Ariel, ich habe dir etwas
ins Ohr zu sagen—

Ariel.
Es soll geschehen, mein Gebieter.

(Geht ab.)

Prospero.
Du krötenmäßiger Sclave, vom Teufel selbst mit der Hexe, die dich
gebohren hat, gezeugt!  hervor!

Vierte Scene.
(Caliban zu den Vorigen.)

Caliban.
Ein so schädlicher Thau, als jemals meine Mutter mit Rabenfedern
von ungesundem Morast abgebürstet hat, träufle auf euch beyde!  Ein
Südwest blase euch an, und bedeke euch über und über mit Schwülen
und Finnen!

Prospero.
Für diesen guten Wunsch, verlaß dich drauf, sollt du diese Nacht
den Krampf haben, Seitenstiche sollen deinen Athem einzwängen, und
Igel sollen sich die ganze Nacht durch an dir ermüden; du sollt so
dicht gekneipt werden, wie Honigwaben, und jeder Zwik soll schärfer
stechen als die Bienen, die sie machen.

Caliban.
Ich muß zu Mittag essen.  Diese Insel ist mein, ich habe sie von
Sycorax, meiner Mutter geerbt, und du hast sie mir abgenommen.  Wie
du hieherkamst, da streicheltest du mich, und thatest freundlich
mit mir, gabst mir Wasser mit Beeren drinn zu trinken, und lehrtest
mich, wie ich das grössere Licht und das kleinere, die des Tags und
des Nachts brennen, nennen sollte; und da liebt ich dich, und
zeigte dir die ganze Beschaffenheit der Insel, die frischen Quellen,
und die salzigen, die öden und die fruchtbaren Gegenden.
Verflucht sey ich, daß ich es that!  Alle Zaubereyen meiner Mutter,
Kröten, Schröter und Fledermäuse über euch!  Daß ich, der vorher
mein eigner König war, nun euer einziger Unterthan, und in diesen
Felsen eingesperrt seyn muß, indessen daß ihr die ganze übrige
Insel für euch allein behaltet.

Prospero.
Du lügenhafter Sclave, den nur Schläge, statt Freundlichkeit,
zähmen können; So ein garstiges Thier du bist, so hab ich dir doch
mit menschlicher Fürsorge begegnet, und dich in meiner eignen Celle
beherberget, biß du frech genug warst, meinem Kinde Gewalt anthun
zu wollen.

Caliban.
O ho!  o ho!—Ich wollt’ es wäre vor sich gegangen; du kamst zu
früh dazu, sonst hätte ich diese Insel mit Calibanen bevölkert.

Prospero.
Du abscheulicher Sclave, unfähig den Eindruk von irgend einer guten
Eigenschaft anzunehmen, und zu allem Bösen aufgelegt!  Ich hatte
Mitleiden mit dir nahm die Mühe dich reden zu lehren, und wieß dir
alle Stunden etwas neues.  Da du nicht im Stand warst, du wilder,
deine eigne Meynung zu entdeken, sondern gleich einem
unvernünftigen Vieh nur unförmliche Töne von dir gabst, begabte ich
deine Gedanken mit Worten, damit du sie andern verständlich machen
könntest.  Aber ungeachtet alles Unterrichts behielt die angebohrne
Bosheit deiner Natur die Oberhand und machte deine Gesellschaft
wohlgearteten Geschöpfen unerträglich; ich sah mich also gezwungen,
dich in diesen Felsen einzusperren, und begnügte mich, deine
Bosheit nur allein unwürksam zumachen, ob du gleich mehr als ein
Gefängniß verdient hattest.

Caliban.
Ihr lehrtet mich reden, und der ganze Vortheil den ich davon habe,
ist daß ich fluchen kan; daß ihr die Pest dafür hättet, daß ihr
mich reden gelehrt habt!

Prospero.
Du Wechselbalg, hinweg!  Bring uns Holz und Reiser zu einem Feuer
hieher, und mache hurtig, damit ich dich zu andern Arbeiten
gebrauchen kan.  Zükst du die Achseln, du Unhold?  Wenn du nicht
thust was ich dir befehle, oder es unwillig thust, so will ich dich
am ganzen Leibe mit krampfichten Zükungen foltern, alle deine
Gebeine mit Schmerzen füllen, und dich heulen machen, daß wilde
Thiere vor deinem Geschrey zittern sollen.

Caliban.
Nein, ich bitte dich.

(Für sich.)

Ich muß gehorchen; seine Kunst giebt ihm eine so grosse Gewalt,
daß er im Stande wäre, meiner Mutter Gott Setebos zu bezwingen, und
einen Vasallen aus ihm zu machen.

(Caliban geht ab.)

Prospero.
So, Sclave, hinweg!

Fünfte Scene.
(Ferdinand tritt auf; Ariel unsichtbar singend und spielend.)

Ferdinand.
Wo kan diese Musik seyn?  In der Luft oder auf der Erde?—Sie hat
aufgehört—wahrhaftig es ist eine Anzeige, daß irgend eine Gottheit
dieses Eiland bewohnt.  Indeme ich auf einer Sandbank saß, und den
Untergang des Königs meines Vaters beweinte, schien diese Musik
über die Wellen mir entgegen zu schleichen, und besänftigte durch
ihre Lieblichkeit beydes ihre Wuth und meine Leidenschaft; ich
folgte ihr bis an diesen Ort, oder sie zog mich vielmehr an;—Aber
sie hat aufgehört—Nun beginnt sie von neuem.

Ariel (singt:)
Fünf Faden tief dein Vater ligt,
Sein Gebein ward zu Corallen,
Zu Perlen seine Augen-Ballen,
Und vom Moder unbesiegt,
Wandelt durch der Nymphen Macht
Sich jeder Theil von ihm und glänzt in fremder Pracht.
Die Nymphen lassen ihm zu Ehren
Von Stund zu Stund die Todtengloke hören.
Horch auf, ich höre sie, ding-dang, ding-dang—

Ferdinand.
Der Gesang spricht von meinem ertränkten Vater; diß ist nicht das
Werk eines Sterblichen, noch eine irdische Musik; izt hör ich sie
über mir.

Sechste Scene.
(Prospero und Miranda nähern sich auf einer andern Seite dem Orte,
wo Ferdinand steht.)

Prospero.
Ziehe die Vorhänge deiner Augen auf, und sage, was du dort siehest?

Miranda.
Was ist es?  ein Geist?—Wie es umherschaut!  Glaubet mir, mein
Herr, es hat eine feine Gestalt.  Aber—es ist ein Geist.

Prospero.
Nein, Mädchen, es ißt und schläft, und hat solche Sinnen wie wir
haben, eben solche; und wenn es nicht von Gram (der der Schönheit
Krebs ist) in etwas entstellt wäre, könnte man ihn eine ganz
hübsche Person nennen.  Er hat seine Gefährten verlohren, und irret
umher sie zu suchen.

Miranda.
Ich möchte ihn etwas Göttliches nennen, denn nie sah ich in der
Natur eine so edle Gestalt.

Prospero (für sich.)
Es geht, sehe ich, wie es mein Herz wünschet—Geist, feiner Geist,
für diß will ich dich in zween Tagen frey lassen.

Ferdinand

(indem er Miranda gewahr wird.)

Ganz gewiß ist dieses die Göttin, deren Gegenwart jene Harmonien
ankündigten.  Erlaubet meiner Bitte zu wissen, ob ihr auf dieser
Insel wohnet, und würdiget mich einer Belehrung, wie ich mich hier
zu verhalten habe?  Mein erster Wunsch, obgleich zulezt
ausgesprochen, ist, o ihr Wunder!  zu wissen, ob ihr geschaffen
seyd oder nicht?

Miranda.
Kein Wunder, mein Herr, aber ganz gewiß ein Mädchen.

Ferdinand.
Meine Sprache!  Himmel!  ich bin der Erste unter denen die diese
Sprache reden; wär’ ich nur da wo sie geredet wird.

Prospero.
Wie?  der erste?  Was wärest du, wenn dich der König von Neapel
reden hörte?

Ferdinand.
Eine einzelne Person, wie izt, die sich wundert, dich vom König von
Neapel reden zu hören.  Er hört mich, und daß er mich höret, ist
was ich beweine.  Ich selbst bin nun der König von Neapel, da ich
mit diesen meinen Augen, die seit dem niemals troken worden sind,
den König meinen Vater im Schiffbruch umkommen gesehen habe.

Miranda.
Wie sehr dauert er mich!

Ferdinand.
Glaubet mirs, er kam um, er und alle seine Hofleute: der Herzog von
Meiland und sein edler Sohn waren dabey.

Prospero.
Der Herzog von Meiland und seine noch edlere Tochter könnten dich
eines bessern belehren, wenn es izt Zeit dazu wäre—

(vor sich.)

Beym ersten Anblik tauschten sie ihre Augen (Ariel, für diesen
Dienst sollt du frey seyn!)

(laut.)

Ein Wort mit euch, mein feiner Herr, ich fürchte ihr habt euch in
einen schlimmen Handel verwikelt: Ein Wort—

Miranda.
Warum spricht mein Vater so unfreundlich?  Diß ist der dritte Mann,
den ich jemals sah, und der erste, für den ich seufze.  Möchte
Mitleiden meinen Vater so gesinnt machen wie mich!

Ferdinand.
O, wenn ihr ein sterbliches Mädchen seyd, und eure Neigung noch
frey ist, so will ich euch zur Königin von Neapel machen.

Prospero.
Sachte, mein Herr; Nur ein Wort—

(vor sich.)

Sie sind beyde eines in des andern Gewalt: aber ich muß diesem
plözlichen Einverständniß Schwierigkeiten in den Weg legen, sonst
möchte ein zu leichtgewonnenes Glük seinen Werth verringern—Herr,
nur noch ein Wort; ich befehle dir, mir zu folgen.  Du legst dir
hier einen Namen bey, der dir nicht gebührt, du hast dich als einen
Kundschafter in diese Insel eingeschlichen, um sie mir, ihrem
Herren abzugewinnen.

Ferdinand.
Nein, so wahr ich ein Mann bin.

Miranda.
Gewiß, es kan nichts böses in einem solchen Tempel wohnen.  Wenn
der böse Geist ein so schönes Haus hätte, gute Dinge würden bey ihm
zu wohnen versucht.

Prospero.
Folge mir—Rede du nicht für ihn, er ist ein Verräther.  Komm, ich
will dir Hals und Füsse zusammenfesseln, Seewasser soll dein Trank,
und frische Bachbungen, dürre Wurzeln und Eicheln deine Speise seyn.
Folge!

Ferdinand.
Nein, eine solche Begegnung will ich nicht leiden, bis mein Feind
der stärkere ist.

(Er zieht den Degen, und bleibt bezaubert und unbeweglich stehen.)

Miranda.
O mein theurer Vater, verfahret nicht so strenge mit ihm; er ist ja
liebenswürdig, nicht fürchterlich.

Prospero.
Wie, Mädchen, du willt mich meistern?  Zieh dein Schwerdt,
Verräther!  du willt den Herzhaften machen, und darfst keinen
Streich führen?  Bilde dir nicht ein, daß du dich wehren wollest;
ich brauche nichts, als diesen Stab, dich zu entwaffnen, und deinen
Degen fallen zu machen.

Miranda.
Ich bitte euch, mein Vater.

Prospero.
Weg, hänge dich nicht so an meinen Rok.

Miranda.
Mein Herr, habet Mitleiden, ich will Bürge für ihn seyn.

Prospero.
Schweige, noch ein einziges Wort mehr wird machen, daß ich dich
ausschelte, oder gar hasse.  Was?  einem Betrüger das Wort reden?
husch!  du denkst, es habe nicht noch mehr solche Gesichter wie er
ist, weil du nur den Caliban und ihn gesehen hast; einfältiges Ding!
gegen die meisten Männer gerechnet, ist er nur ein Caliban, und
sie sind Engel gegen ihn.

Miranda.
So sind meine Neigungen sehr demüthig, denn ich habe kein Verlangen
einen schönern Mann zu sehen.

Prospero.
Komm mit, gehorche; deine Nerven sind wieder in ihrer Kindheit, und
haben keine Stärke mehr.

Ferdinand.
So ist es; alle meine Lebensgeister sind wie in einem Traum,
gefesselt.  Aber meines Vaters Tod, die Schwäche die ich fühle, der
Schiffbruch aller meiner Freunde, und die Drohungen dieses Mannes,
dem ich unterworfen bin, würden mir leicht zu ertragen seyn, möchte
ich nur einmal des Tages durch eine Öfnung meines Kerkers dieses
holde Mädchen sehen: Die Freyheit mag von dem ganzen Rest der Erde
Gebrauch machen; für mich ist Raum genug in einem solchen Kerker.

Prospero (für sich.)
Es würkt:

(laut)

folge mir!  (du hast dich wohl gehalten, Ariel) folge mir.

(Zu Ariel.)

Höre, was du weiter zu verrichten hast.

(Er sagt dem unsichtbaren Ariel etwas in Geheim.)

Miranda (zu Ferdinand.)
Fasset Muth, mein Herr; mein Vater ist von einer bessern Gemüthsart,
als ihr aus seinen Worten schliessen könnt; sein iziges Betragen
ist etwas ungewohntes.

Prospero (zu Ariel.)
Du sollst so frey seyn als die Winde auf hohen Bergen; aber unter
der Bedingung, daß du meinen Befehl in allen Puncten aufs genaueste
vollziehest.

Ariel.
Nach dem Buchstaben.

Prospero.
Komm, folge mir!  Sprich du nicht für ihn.

(Sie gehen ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene.
(Ein andrer Theil der Insel.)
(Alonso, Sebastian, Antonio, Gonsalo, Adrian, Francisco, und andre
Hofleute, treten auf.)

Gonsalo.
Ich bitte euch, Gnädigster Herr, gutes Muths zu seyn; wir haben
alle Ursache zur Freude; denn unsre Errettung geht weit über unsern
Verlust.  Das Unglük das wir gehabt haben, ist etwas gemeines;
jeden Tag hat irgend eines Schiffers Weib oder irgend ein Kauffmann
das nehmliche Thema zu klagen; aber von einem solchen Wunder wie
unsre Erhaltung ist, wissen unter Millionen nur wenige zu sagen.
Wäget also, Gnädigster Herr, weislich unsern Kummer gegen unsern
Trost, und beruhiget euch.

Alonso.
Ich bitte dich, schweige.

[Sebastian.*
Er nimmt deinen Trost an, wie kalte Suppe.

{ed.-* Alle diese Reden, welche man zur Unterscheidung in [ ]
eingeschlossen, scheinen von einer fremden Hand, vielleicht von
Schauspielern, eingeschoben, um so mehr als es nicht nur an sich
sehr ungereimtes Zeug, sondern in dem Mund unglüklicher
schiffbrüchiger Leute eine höchst unnatürliche und unschikliche
Spaßhaftigkeit ist.  Es kommen noch mehr Reden von dieser Art in
dem übrigen Theil dieser Scene vor.  Pope.}

Antonio.
Gonsalo wird sich nicht so leicht abweisen lassen.

Sebastian.
Seht, er zieht seinen Wiz auf wie eine Taschenuhr, den Augenblik
wird er schlagen.

Gonsalo.
Gnädigster Herr—

Sebastian.
Eins; zählet, Antonio—

Gonsalo.
Wenn einer einem jeden Verdruß der ihm aufstößt, nachhängen will,
so hat er nichts davon als—

Sebastian.
Einen Thaler.

Gonsalo.
(Dolores),** in der That, ihr habt besser gesprochen, als ihr im
Sinne hattet.

{ed.-** Der frostige Spaß ligt in dem ähnlichen Schall der Worte
(dollar), und (dolour).}

Sebastian.
Und ihr habt es weislicher aufgenommen, als ich euch zugetraut habe.

Gonsalo.
Folglich, gnädigster Herr—

Antonio.
Pfui, wie der Mann seine Zunge verschwendet!

Alonso.
Ich bitte dich, sey ruhig.

Gonsalo.
Gut, ich bin fertig; aber doch—

Sebastian.
Will er reden.

Antonio.
Was wetten wir, wer von beyden, er oder Adrian zuerst anfangen wird
zu krähen?

Sebastian.
Der alte Hahn.

Antonio.
Der junge.

Sebastian.
Gut, was wetten wir?

Antonio.
Ein Gelächter.

Sebastian.
Es bleibt darbey.

Adrian.
Obgleich diese Insel wüste scheint—

Sebastian.
Ha, ha, ha—So, ihr seyd bezahlt.

Adrian.
Unbewohnbar, und in der That ganz unzugangbar—

Sebastian.
So kan sie doch—

Adrian.
So kan sie doch—

Antonio.
So kan er doch nicht weiter—

Adrian.
Nicht anders, als von einer subtilen zärtlichen und angenehmen
Temperatur seyn.

Antonio.
(Temperantia) war ein hübsches Mensch.

Sebastian.
Ja, und subtil, wie er auf eine sehr gelehrte Art angemerkt hat.

Adrian.
Die Luft weht uns hier recht lieblich an—

Sebastian.
So lieblich, als ob sie eine faule Lunge hätte.

Antonio.
Oder als ob sie von einem Morast parfümirt würde.

Gonsalo.
Man findet alles hier, was zu einem angenehmen Leben gehört.

Antonio.
In der That, ausser nichts zu essen.

Sebastian.
Nun, das eben nicht.

Gonsalo.
Wie frisch und anmuthig das Gras aussieht!  wie grün!

Antonio.
In der That, der Boden ist braungelb.

Sebastian.
Mit einem Gedanken von grün vermengt.

Antonio.
Er trift es doch nicht übel.

Sebastian.
Nicht übel; es ist weiter nichts, als daß er die Wahrheit ganz und
gar verfehlt.

Gonsalo.
Das seltsamste aber, und was in der That allen Glauben übersteigt—

Sebastian.
Wie manche Raritäten der Reisebeschreiber—

Gonsalo.
Ist, daß unsre Kleider, ungeachtet sie im Meer wohl durchnezt
worden, nichts destoweniger Farbe und Glanz behalten haben; man
sollte eher denken, sie seyen noch einmal gefärbt, als vom
Seewasser beflekt worden.

Antonio.
Wenn nur eine von seinen Taschen reden könnte, würde sie ihn nicht
Lügen strafen?

Gonsalo.
Mich dünkt, unsre Kleider sehen so neu aus, als wie wir sie in
Africa das erstemal anzogen, da der König seine schöne Tochter
Claribella mit dem Könige von Tunis vermählte.

Sebastian.
Es war eine lustige Hochzeit, und die Heimreise schlägt uns recht
wohl zu.

Adrian.
Tunis hat noch nie die Ehre gehabt, eine Königin von so seltnen
Vollkommenheiten zu haben.

Gonsalo.
Seit der Wittwe Dido Zeiten nicht.

Antonio.
Wittwe?  daß der Henker die Wittwe!  Wie kommt diese Wittwe hieher?
warum Wittwe Dido?

Sebastian.
Und wie, wenn er noch gesagt hätte: Wittwer Äneas?  Euer Gnaden
nehmen ihm auch alles zum schlimmsten auf.

Adrian.
Wittwe Dido, sagtet ihr?  Dabey fällt mir auch etwas aus der Schule
ein.  Dido war von Carthago, nicht von Tunis.

Gonsalo.
Aber Tunis, mein guter Herr, war einst Carthago.

Adrian.
Carthago?

Gonsalo.
Das versichre ich euch, Carthago.

Antonio.
Sein Wort ist über die wunderthätige Harfe Amphions.

Sebastian.
Es richtet die Mauren mit samt den Häusern auf.

Antonio.
Was für unmögliche Dinge wird er nun zustande bringen?

Sebastian.
Ich denke, er wird auf der Heimreise diese Insel in seine Tasche
steken, und sie seinem Buben statt eines Apfels nach Hause bringen.

Antonio.
Und die Kerne davon in das Meer säen, damit er eine junge Zucht von
Inseln kriegt.

Alonso.
Wie, wovon sprecht ihr?

Gonsalo.
Gnädigster Herr, wir redten davon, daß unsre Kleider noch so neu
aussehen, als wie wir sie zu Tunis auf eurer Tochter
Vermählungsfest trugen.]

Alonso.
Ihr erinnert mich zur Unzeit an das, worüber ich mir selbst nur
allzuviel Vorwürfe mache—Wollte der Himmel, ich hätte meine
Tochter nie zu Tunis verheurathet!  Weil ich dahin reißte, hab ich
meinen Sohn verlohren, und meiner Rechnung nach, sie dazu; da sie
soweit von Italien entfernt ist, daß ich sie nimmer wiedersehen
werde.  O du mein Erbe von Neapel und Meiland, was für einem Meer-
Ungeheuer bist du zur Speise geworden!

Francisco.
Sire, verhoffentlich lebt er noch.  Ich sah ihn die
entgegenschwellenden Wellen unter ihm wegschlagen, und auf ihrem
bezwungenen Rüken reiten; er erhielt sein kühnes Haupt immer über
ihnen empor, und steurte sich selbst mit starken Armen ans Ufer,
welches sich über seine von den Wellen abgespülte Basis in die See
hinaus bog, als ob es ihm eine Zuflucht darbieten wollte.  Ich
zweifle nicht, er kam lebendig ans Land.

Alonso.
Nein, nein, er ist nicht mehr.

Sebastian.
Sire, diesen grossen Verlust habt ihr niemand zu danken als euch
selbst, da ihr eure Tochter lieber an einen Africaner verliehren,
als unser Europa mit ihr beglükseligen wolltet.

Alonso.
Ich bitte dich, sey ruhig.

Sebastian.
Wir alle ermüdeten euch ihrentwegen mit Bitten und Kniefällen, und
die schöne Seele selbst wog zwischen Neigung und Gehorsam, wohin
sich das Wagzünglein neigen sollte.  Ich besorge, wir haben euern
Sohn auf ewig verlohren; Meiland und Neapel haben mehr Weiber, die
dieses Geschäfte zu Wittwen gemacht hat, als wir Männer mitbringen
sie zu trösten.  Der Fehler ist euer eigen.

Alonso.
So wie der gröste Verlust.

Gonsalo.
Prinz Sebastian, wenn ihr gleich die Wahrheit sagt, so sagt ihr sie
doch auf eine unfreundliche Art, und zur Unzeit; ihr reibt die
Wunde, da ihr ein Pflaster drauf legen solltet.

Sebastian.
Wohl gesprochen!

Antonio.
Und sehr chirurgisch!

Gonsalo.
Sire, es ist schlimmes Wetter bey uns allen, wenn Euer Majestät
bewölkt ist.

Sebastian.
Schlimmes Wetter?

Antonio.
Sehr schlimmes.

Gonsalo.
Hätte ich eine Pflanzstätte in dieser Insel anzulegen, Gnädigster
Herr—

Antonio.
So würd’ er Brenn-Nessel-Saamen drein säen.

Sebastian.
Oder Kletten und Pappel-Kraut.

Gonsalo.
Und wäre der König davon, was würd’ ich thun?

Sebastian.
Euch wenigstens nicht betrinken, denn ihr hättet keinen Wein.

Gonsalo.
Die Einrichtung des gemeinen Wesens müßte mir gerade das
Wiederspiel von allen unsrigen seyn; denn ich wollte keine Art von
Handel und Wandel gestatten; Von Obrigkeitlichen Ämtern sollte nur
nicht der Name bekannt seyn; Von allen Wissenschaften sollte man
nichts wissen; Kein Reichthum, keine Armuth, kein Unterschied der
Stände; nichts von Käuffen, Erbschaften, Marchen, Grenzsteinen,
Braachfeldern noch Weinbergen; Kein Gebrauch von Metall, Korn, Wein
oder Öl; Keine Arbeit, alle Leute müßig, alle, und die Weiber dazu;
aber alles in Unschuld.  Keine Oberherrschaft—

Sebastian.
Und doch wollt’ er König davon seyn.

Antonio.
Das Ende von seiner Republik vergißt den Anfang***

{ed.-*** Dieses ganze Gespräch ist eine feine Satyre über die
Utopischen Tractate von Regierungsformen, und die schimärischen
und unbrauchbaren Entwürfe, die darinn angepriesen werden.
Warbürton.}

Gonsalo.
Alle Dinge sollten gemein seyn; die Natur sollte alles von sich
selbst hervorbringen, ohne Arbeit und Schweiß der Menschen.  Keine
Verrätherey, keine Übelthaten, folglich auch kein Schwerdt, kein
Spieß, kein Messer, kein Schießgewehr, kurz keine Nothwendigkeit
von irgend einem Instrument; denn die Natur sollte aus eignem Trieb
alles in Überfluß hervorbringen, was zum Unterhalt meines
unschuldigen Volkes nöthig wäre.

Sebastian.
Würde man denn in seiner Republik nicht auch heurathen?

Antonio.
Heurathen?  Nichts weniger; lauter müßiges Volk, Huren und
Spizbuben.

Gonsalo.
Ich wollte mit einer solchen Vollkommenheit regieren, Gnädigster
Herr, daß das goldne Alter selbst nicht damit in Vergleichung
kommen sollte.

Sebastian.
Der Himmel schüze seine Majestät!

Antonio.
Lang lebe Gonsalo!

Gonsalo.
Ihr versteht mich doch—

Alonso.
Ich bitte dich, hör auf; du unterhältst mich mit einem Gespräch von
Nichts.

Gonsalo.
Das glaub ich Euer Majestät, und ich that es bloß, um diesen beyden
Herren Gelegenheit zum Lachen zu geben; denn sie haben so reizbare
und zärtliche Lungen, daß sie immer über nichts zu lachen pflegen.

Antonio.
Wir lachten über euch.

Gonsalo.
Der in dieser Art von Spaßhaftigkeit gegen euch nichts ist; ihr
könnt also fortfahren, über nichts zu lachen.

Antonio.
Das hat eine Ohrfeige seyn sollen?

Sebastian.
Wenn sie nicht neben bey gefallen wäre.

Gonsalo.
Ihr seyd tapfre Herren; ihr würdet den Mond aus seinem Kreise heben,
wenn er nur fünf Wochen nach einander ohne abzunehmen scheinen
würde.

(Ariel erscheint, den redenden Personen unsichtbar, mit einer
ernsthaften und einschläfrenden Musik.)

Sebastian.
Das wollten wir, und dann auf den Vogel-Heerd.

Antonio (zu Gonsalo.)
Nein, mein guter Herr, werdet nicht böse.

Gonsalo.
Ich stehe euch davor, daß ich zu gescheidt bin über eure Einfälle
böse zu werden.  Wollt ihr mich in den Schlaf lachen?  denn ich bin
ganz schläfrig.

Antonio.
Geht, schlaft und hört uns zu.

Alonso.
Wie?  Alle schon eingeschlafen!  Meine Augen schliessen sich auch,
möchten sie meine Gedanken zugleich verschliessen!

Sebastian.
Sire, wiedersteht dem Schlummer nicht, der sich euch anbietet.  Er
besucht selten den Kummer, und wenn er’s thut, ist er ein Tröster.

Antonio.
Wir zween, Gnädigster Herr, wollen indessen daß ihr der Ruhe
geniesset, für eure Sicherheit wachen.

Alonso.
Ich danke euch—eine wunderbare Schläfrigkeit! —

(Alle schlaffen, ausser Sebastian und Antonio.)

Sebastian.
Was für ein seltsamer Taumel ist das, der sich ihrer bemeistert?

Antonio.
Die Beschaffenheit des Clima muß daran Ursache seyn.

Sebastian.
Warum sinken dann unsre Auglieder nicht auch?  Ich spüre nicht die
mindeste Schläfrigkeit.

Antonio.
Ich auch nicht; meine Lebensgeister sind ganz munter.  Sie fielen
alle hin als ob sie es mit einander abgeredet hätten, sie sanken um,
wie vom Donner gerührt.  Was könnte, würdiger Sebastian—O!  was
könnte—Nichts weiter!—Und doch, dünkt mich, ich seh es in deinem
Gesicht, was du seyn solltest.  Die Gelegenheit sagt es dir, und
meine Einbildungs-Kraft sieht eine Krone über deinem Haupte
schweben.

Sebastian.
Wie?  wachest du?

Antonio.
Hört ihr mich denn nicht reden?

Sebastian.
Ich höre dich, aber wahrhaftig es sind Reden eines Schlafenden; du
sprichst im Schlaf.  Was sagtest du?  Es ist ein seltsamer Schlaf,
mit weitofnen Augen zu schlafen; stehen, reden, sich bewegen, und
doch so hart eingeschlaffen seyn!

Antonio.
Edler Sebastian, du lässest dein Glük schlafen.  Stirb lieber!  du
wachest mit geschloßnen Augen.

Sebastian.
Du schnarchest verständlich; es ist Bedeutung in deinem Schnarchen.

Antonio.
Ich bin ernsthafter als meine Gewohnheit ist.  Seyd auch so, wenn
ich euch rathen darf; und es wird euer Glük seyn, euch rathen zu
lassen.

Sebastian.
Gut, ich bin stehendes Wasser.

Antonio.
Ich will euch fliessen lehren.

Sebastian.
Thue das; stehen lehrt mich meine angeerbte Trägheit.

Antonio.
O!  wenn ihr nur wißtet, wie sehr ihr meinen Vorschlag liebet, ob
ihr ihn gleich zu verwerfen, wie ihr euch immer mehr darinn
verwikelt, je mehr ihr euch loß zu winden scheint.  Langsame Leute
werden oft durch ihre Zagheit oder Trägheit nur desto schneller auf
den Grund gezogen.

Sebastian.
Ich bitte dich, sprich deutlich.  Dein Blik und deine glühende
Wange verkündigen, daß du mit irgend einem grossen Vorhaben
schwanger gehst, von dem du so voll bist, daß du es nicht länger
zurükhalten kanst.

Antonio.
Hier ist es, Prinz.  Ungeachtet dieser Höfling, schwachen
Angedenkens (es wird gewiß seiner wenig gedacht werden, wenn er
einmal eingescharrt ist) den König beynahe überredet hat (denn er
ist ein Geist der Überredung, er kan sonst nichts als überreden)
daß sein Sohn noch lebe; so ist es doch so unmöglich, daß er nicht
im Wasser umgekommen seyn sollte, als daß der schwimmt, der hier
schläft.

Sebastian.
Ich habe keine Hoffnung, daß er mit dem Leben davongekommen seyn
möchte.

Antonio.
O sagt mir nichts von Hoffnung—Was für grosse Hoffnung hättet ihr—
die Hoffnung ligt nicht auf diesem Wege; es ist ein andrer, der zu
einer so hohen Hoffnung führt, daß der Ehrgeiz keinen Blik dahin
thut, ohne an der Würklichkeit dessen was er sieht zu zweifeln.
Wollt ihr mir eingestehen, daß Ferdinand umgekomen ist?

Sebastian.
Ich glaub es.

Antonio.
So sagt mir dann, wer ist der nächste Erbe von Neapel?

Sebastian.
Claribella.

Antonio.
Sie, welche Königin von Tunis ist; sie, die zehen Meilen hinter
einem Menschenalter wohnt; sie, die von Neapel nicht eher eine
Nachricht haben kan, (es wäre denn daß die Sonne der Postillion
seyn wollte, der Mann im Monde wäre zu langsam) bis neugebohrne
Kinne bärtig worden sind; sie, um deren willen wir vom Meer
verschlungen worden; obgleich einige, die wieder ausgeworfen worden,
von diesem Zufall Gelegenheit nehmen mögen, eine Scene zu spielen,
wovon das Vergangne der Prologus ist;

Sebastian.
Was für Zeug ist das?  Was sagt ihr?  Es ist wahr, meines Bruders
Tochter ist Königin von Tunis, sie ist auch Erbin von Neapel, und
zwischen diesen beyden Reichen ist ein ziemlicher Raum.

Antonio.
Ein Raum, wovon jede Spanne auszuruffen scheint: wie?  soll diese
Claribella uns nach Neapel zurük messen?  Sie mag in Tunis bleiben,
und Sebastian mag erwachen.  Sagt mir, gesezt was sie izt befallen
hat wäre der Tod, nun denn, sie wären nicht weniger gefährlich als
sie izt sind; es giebt jemand, der Neapel eben so gut regieren kan
als der so schläft; Leute genug, die so langweilig und unnöthig
plaudern können als dieser Gonsalo; ich selbst wollte eine eben so
geschwäzige Dole machen können.  O!  daß ihr mein Herz hättet!  was
für ein vortheilhafter Schlaf wäre diß für euch!  Versteht ihr mich?

Sebastian.
Mich däucht ja.

Antonio.
Und wie gefällt euch euer gutes Glük?

Sebastian.
Ich erinnre mich, daß ihr euern Bruder Prospero aus dem Sattel
hubet.

Antonio.
Das that ich, und seht wie wohl mir meine Kleider stehen; meines
Bruders Diener waren einst meine Gesellen, izt sind sie meine Leute.

Sebastian.
Aber euer Gewissen—

Antonio.
Nun ja, Herr; wo ligt das?  Wenn es ein Hünerauge wäre, so müßt’
ich in Pantoffeln gehen; aber in meinem Busen fühl ich diese
Gottheit nicht.  Hätten zehen Gewissen zwischen mir und Meiland
gestanden, sie hätten gefrieren und wieder aufthauen mögen so oft
sie gewollt hätten, ohne mich zu beunruhigen.  Hier ligt euer
Bruder—nicht besser als die Erde worauf er liegt, wenn er das wäre,
was er izt zu seyn scheint, todt; mit drey Zollen von diesem
gehorsamen Stahl kan ich ihn auf ewig einschläfern; ihr, wenn ihr
eben das thun würdet, könntet diesen altfränkischen Moralisten,
diesen Sir Prudentius befördern, damit er uns keine Händel machen
könne.  Was die übrigen betrift, das sind Leute die sich berichten
lassen; sie werden uns die Gloke zu einem jeden Geschäfte sagen,
das unserm Angeben nach, in dieser oder jener Stunde gethan werden
muß.

Sebastian.
Dein Beyspiel, theurer Freund, soll mein Muster seyn; Ich will
Neapel gewinnen wie du Meiland.  Zieh deinen Degen; Ein einziger
Streich soll dich von dem Tribut befreyen, den du bezahlst, und zum
Liebling eines Königs machen.

Antonio.
Ziehet auch, und wenn ich mit dem Arm aushohle, so fallet über
Gonsalo her.

Sebastian.
O!  nur ein Wort noch—

(Ariel erscheint mit Musik.)

Ariel.
Mein Gebieter, der die Gefahr worinn seine Freunde sind, vorhersah,
sendet mich, da sein Entwurf von ihrem Leben abhangt, sie zu
erhalten.

(Er singt dem Gonsalo ins Ohr:)

Ihr schlaft und schnarchet sorgenfrey,
Weil mördrische Verrätherey
Zu euerm Unglük wacht.
Auf, auf, seht den gezükten Tod
Der euerm sichern Naken droht;
Erwacht!  Erwacht!  Erwacht!

Antonio.
So laß uns schnell seyn.

Gonsalo.
Ha, ihr guten Engel, beschüzt den König!

(Alle erwachen.)

Alonso.
Wie, was ist dieses?  ha!  Erwachet!  Warum steht ihr mit
entblößtem Degen?  Warum solche gespenstmäßige Blike?

Gonsalo.
Was ist begegnet?

Sebastian.
Weil wir hier standen für die Sicherheit eurer Ruhe zu wachen,
hörten wir eben izt ein holes Gebrüll wie von Ochsen, oder vielmehr
von Löwen.  Erwachtet ihr nicht daran?  Es schallte recht
fürchterlich in meine Ohren.

Alonso.
Ich hörte nichts.

Antonio.
O!  es war ein Getös, eines Ungeheuers Ohr zu erschreken, ein
Erdbeben zu verursachen; gewiß es war das Gebrüll einer ganzen
Heerde von Löwen.

Alonso zu (Gonsalo.)
Hörtet ihr’s?

Gonsalo.
Auf meine Ehre, Sire, ich hörte ein Sumsen, und das ein recht
seltsames, wovon ich erwachte.  Ich rüttelte euch, Gnädigster Herr,
und schrie; wie ich meine Augen aufthat, sah ich ihre Degen gezogen;
es war ein Getöse, das ist die Wahrheit.  Das beste wird seyn,
wenn wir auf unsrer Huth stehen, oder diesen Ort gar verlassen.
Wir wollen unsre Degen ziehen.

Alonso.
Wir wollen weiter gehen, und fortfahren meinen armen Sohn zu suchen.

Gonsalo.
Der Himmel schüze ihn vor diesen wilden Thieren; denn er ist gewiß
in der Insel.

Alonso.
Laß uns alle gehen.

Ariel.
Prospero mein Gebieter soll sogleich erfahren, was ich gethan habe.
Geh König, geh unversehrt, und suche deinen Sohn.

Zweyte Scene.
(Eine andre Gegend der Insel.)
(Caliban mit einer Bürde Holz beladen tritt auf; man hört donnern.)

Caliban.
Daß alle anstekenden Dünste, so die Sonne aus stehenden Sümpfen und
faulen Pfüzen saugt, auf Prospero fallen, und ihn vom Haupt bis zur
Fußsole zu einer Eiter-Beule machen möchten!  Ich weiß wohl, daß
mich seine Geister hören, aber ich kan mir nicht helfen, ich muß
geflucht haben.  Und doch würden sie mich nicht kneipen, nicht in
Gestalt von Stachelschweinen erschreken, in den Koth tauchen, noch
gleich Feuerbränden mich des Nachts in Moräste verleiten, wenn er
es ihnen nicht befehlen würde.  Um einer jeden Kleinigkeit willen
hezt er sie an mich; bald in Gestalt von Affen, die um mich herum
schäkern, und zulezt mich beissen; bald gleich Igeln, die
zusammengeballt in meinem Fußweg ligen, und wenn ich über sie
stolpre, ihre strozenden Stacheln in meine Fußsolen drüken.
Manchmal werd ich am ganzen Leibe von Ottern wund gebissen, die mit
ihren gespaltenen Zungen so abscheulich um mich herum zischen, daß
ich toll werden möchte.  Holla!  he!  was ist das?  (Trinculo tritt
auf.) Hier kommt einer von seinen Geistern, mich zu quälen, daß ich
das Holz nicht bälder hineingetragen habe.  Ich will auf den Bauch
hinfallen; vielleicht wird er meiner nicht gewahr.

Trinculo.
Hier ist weder Busch noch Gesträuch, worunter einer sich
verkriechen könnte, und ein neuer Sturm ist im Anzug; ich hör ihn
im Winde sausen; jene schwarze grosse Wolke wird alle Augenblike
wie mit Eymern herunterschütten.  Wenn es noch einmal so donnert
wie vorhin, so weiß ich nicht, wo ich meinen Kopf verbergen soll—
Ha!  was giebts hier—Mensch oder Fisch!  todt oder lebendig?  es
ist ein Fisch, es riecht wie ein Fisch, ein verflucht mooßichter
fischmäßiger Geruch—ein wunderseltsamer Fisch.  Wär’ ich izt in
England, wie ich einst drinn war, und hätte diesen Fisch nur
gemahlt, kein Feyrtags-Narr ist dorten, der mir nicht ein
Silberstük dafür gäbe, wenn ich ihn sehen ließ.  Dort würde diß
Ungeheuer für einen Menschen passiren; eine jede abentheurliche
Bestie passirt dort für einen Menschen;* wenn sie nicht einen
Pfenning geben, einen lahmen Bettler aufzurichten, so geben sie
zehne, um einen todten Indianer zu sehen—Füsse wie ein Mensch; und
seine Floßfedern wie Arme!  Warm, bey meiner Treu!  Ich denke bald,
es wird wohl kein Fisch seyn: es ist, denk ich, ein Insulaner, den
der lezte Donnerschlag zu Boden geschlagen haben wird.  Au weh, das
Ungewitter ist wieder da.  Das beste wird seyn, ich krieche unter
seinen Regenmantel; es ist sonst nirgends kein Ort zu sehen, wo man
im troknen seyn könnte.  Die Noth kan einen Menschen mit seltsamen
Bettgesellen bekannt machen.  Ich will mich hier zusammenschrumpfen,
bis der ärgste Sturm vorbey ist.

{ed.-* Ich kan mich nicht erwehren zu denken, daß unsre Landsleute
diese Satyre wohl verdienen, da sie allezeit so bereitwillig
gewesen, die ganze Zunft der Affen zu naturalisiren, wie ihre
gewöhnlichen Namen zu erkennen geben.  So kommt (Monkey), nach der
Etymologisten Anmerkung von (Monkin, Monikin), ein Männchen, her;
(Baboon) von (babe), Kind, soviel (weil die Endigung in (oon) eine
Vergrösserung andeutet) als ein grosses Kind, (Mantygre), ein
Mensch-Tyger.  Und wenn sie ihre Namen aus ihrem Vaterlande
mitgebracht haben, wie (Ape), so hat das gemeine Volk sie gleichsam
getauft, durch den Zusaz (Jackan-Ape,) Hans-Aff.  Warbürton.}

(Stephano tritt singend auf.)

Stephano.

(Singt das Ende eines Matrosen-Liedleins.)

Das ist eine verzweifelt melancholische Melodie, das liesse sich
gut an einem Leichbegängniß singen.  Aber hier ist mein Trost.

(Er trinkt, und singt wieder.)

Das ist auch eine schwermüthige Melodie; aber hier ist mein Trost.

(Er trinkt.)

Caliban.
Quäle mich nicht, oh!

Stephano.
Was giebts hier?  haben wir Teufels hier?** Wollt ihr uns mit
wilden und indianischen Männern in einen Schreken jagen?  ha!  ich
bin dem Ersauffen nicht entgangen, um mich vor euern vier Füssen
hier zu fürchten—

{ed.-** Diese Stelle soll vermuthlich die abgeschmakten Fabeln in
des alten Ritter (Maundeviles) Reisebeschreibung lächerlich machen,
der unter anderm erzählt, (to have traveled thro’ an enchaunted Vale,
clepen the vale of Develes, which vale is alle fulle of Develes—and
Men seyne there, that it is on of the entrees of Helle.)—«Er sey
durch ein bezaubertes Thal gereist, das Thal der Teufel genannt,
welches Thal voller Teufel sey, und die Leute sagen, es sey einer
von den Eingängen in die Hölle.» Eben dieser Autor hat in seinen
Nachrichten von wilden Männern und Indianischen Menschen alle die
Fabeln des Plinius von Menschen mit langen Ohren, einem Auge, einem
Fuß ohne Kopf u.  dergl.  ausgeschrieben, und so davon gesprochen,
als ob er sie selbst gesehen habe.  Warbürton.}

Caliban.
Der Geist quält mich, oh!

Stephano.
Das wird irgend ein vierbeinichtes Ungeheuer aus dieser Insel seyn,
das hier das Fieber gekriegt hat—Aber wie zum Teufel hat es unsre
Sprache gelernt?  Ich will ihm eine kleine Herzstärkung eingeben,
und wenn es auch nur darum wäre, weil es italienisch spricht.  Wenn
ich es wieder zu rechte bringen, zahm machen, und nach Neapel mit
ihm kommen kan, so ist es ein Präsent für einen so grossen Kayser,
als jemals einer auf Kühleder getreten ist!

Caliban.
Quäle mich nicht, ich bitte dich; ich will mein Holz ein andermal
bälder heimbringen.

Stephano.
Er ist izt in seinem Paroxismus, und redt nicht zum gescheidtesten;
er soll meine Flasche kosten.  Wenn er noch niemals Wein getrunken
hat, so wird es nahe zu sein Fieber vertreiben; wenn ich ihn wieder
zurecht bringen und zahm machen kan, so will ich nicht zuviel für
ihn nehmen; er soll für den zahlen, der ihn hat, und das wie sichs
gehört.

Caliban.
Bisher hast du mir doch nicht viel leids gethan; aber izt wirst
du’s thun müssen; ich spüre an deinem Zittern, daß Prospero auf
dich würkt.

Stephano.
Kommt hervor, macht euer Maul auf; hier ist etwas das dir die
Sprache geben wird, Meerkaze; macht euer Maul auf!  das wird eure
Fröste wegschütteln, ich kan’s euch sagen, und das wie sich’s
gehört; es weiß einer nicht, wo er von ungefehr einen guten Freund
findt; die Kinnbaken auf, noch einmal!

Trinculo.
Ich sollte diese Stimme kennen—ich denk’, es ist—Aber er ist
ertrunken, und das sind Teufels—O heiliger Sanct—

Stephano.
Vier Füsse und zwoo Stimmen, das ist ein recht feines Ungeheur;
seine fordere Stimme spricht gutes von seinem Freund; seine hintere
Stimme stößt böse Reden und Verläumdungen aus.  Ich will ihm von
seinem Fieber helfen, und wenn aller Wein in meiner Flasche drauf
gehen sollte.  Komm, Amen!  ich will dir etwas in dein Maul giessen

Trinculo.
Stephano—

Stephano.
Ich glaube dein andres Maul ruft mich; Barmherzigkeit!
Barmherzigkeit!  das ist ein Teufel und kein Monster: ich will ihn
gehn lassen, ich habe keinen langen Löffel.

Trinculo.
Stephano, wenn du Stephano bist; so rühre mich an, und sag es mir;
denn ich bin Trinculo, fürchte dich nicht, dein guter Freund
Trinculo.

Stephano.
Wenn du Trinculo bist, so komm hervor, ich will dich bey den
dünnern Beinen ziehen, wenn hier welche Trinculo’s Beine sind, so
müssen es diese seyn.  Du bist würklich Trinculo, in der That.  Wie
kamst du dazu, der Siz von diesem Mondkalb zu seyn?

Trinculo.
Ich bildete mir ein, er sey vom Donner erschlagen.  Aber wie, bist
du nicht ertrunken, Stephano?  Ich will nun hoffen, du seyst nicht
ertrunken; ist der Sturm vorbey?  Ich verbarg mich unter des todten
Monkalbs Regenmantel aus Furcht vor dem Sturm; und lebst du noch
Stephano?  O Stephano, zween Neapolitaner entronnen!

Stephano.
Ich bitte dich, dreh mich nicht so herum, mein Magen ist noch nicht
wieder am rechten Ort.

Caliban.
Das sind hübsche Dinger, wenn es keine Kobolde sind; das ist ein
braver Gott, und trägt ein himmliches Getränk bey sich; ich will
vor ihm niederknien.

Stephano.
Wie bist du davongekommen?  Wie kamst du hieher?  Schwöre bey
dieser Flasche, wie kamst du hieher?  ich rettete mich auf einem
Faß voll Sect, den die Matrosen über Bord geworfen hatten; das
schwör’ ich bey dieser Flasche, die ich mit eignen Händen aus der
Rinde eines Baums gemacht habe, seit der Zeit, da ich ans Land
geworfen wurde.

Caliban.
Ich will auf diese Flasche schwören, daß ich dein getreuer
Unterthan seyn will; denn der Saft ist nicht irdisch.

Stephano.
Hier, schwör dann—Wie wurdest du errettet?

Trinculo.
Ich schwamm ans Ufer, Mann, wie eine Ente; ich kan schwimmen wie
eine Ente, das schwör’ ich!

Stephano.
Hier, küß das Buch; wenn du schwimmen kanst wie eine Ente, so kanst
du trinken wie eine Gans.

Trinculo.  (Nachdem er einen Zug aus der Flasche gethan:)
O Stephano, hast du noch mehr dergleichen?

Stephano.
Das ganze Faß, Mann.  Mein Keller ist in einem Felsen an der Meer-
Seite.  Wie stehts, Mondkalb, was macht dein Fieber?

Caliban.
Bist du nicht vom Himmel herunter gekommen?

Stephano.
Aus dem Mond, das versichr’ ich dich; es war eine Zeit, da ich der
Mann im Mond war.

Caliban.
Ich habe dich drinn gesehen; und ich bete dich an; meine Mutter
zeigte dich mir, dich und deinen Hund und deinen Busch.

Stephano.
Komm, schwör auf diß; küß das Buch; ich will es bald wieder mit
einem neuen Inhalt versehen; schwöre!

Trinculo.
Beym Element, das ist ein recht abgeschmaktes Ungeheuer!  Ich sollt
es fürchten?  Ein recht abgeschmaktes Ungeheuer!  Der Mann im Mond?
ein höchst dummes leichtgläubiges Ungeheur!—Ein guter Zug,
Ungeheuer!  in vollem Ernst.

Caliban.
Ich will dir jeden fruchtbaren Plaz in der Insel zeigen, und ich
will dir die Füsse küssen; ich bitte dich, sey mein Gott.

Trinculo.
Beym Element, ein höchst treuloses besoffenes Ungeheuer; wenn sein
Gott eingeschlafen seyn wird, wird er ihm die Flasche stehlen.

Caliban.
Ich will dir die Füsse küssen; ich will schwören, daß ich dein
Unterthan seyn will.

Stephano.
So komm dann, auf den Boden nieder, und schwöre!

Trinculo.
Ich werde mich noch über dieses puppenköpfige Ungeheuer zu tode
lachen!  ein höchst schwermüthiges Ungeheuer!  ich hätte gute Lust,
ihn eins abzuprügeln—

Stephano.
Kom, küsse!

Trinculo.
Wenn das arme Ungeheuer nicht besoffen wäre; ein vermaledeytes
Ungeheuer!

Caliban.
Ich will dir die besten Quellen zeigen; ich will dir Beeren pflüken,
ich will für dich fischen, und dir Holz genug schaffen.  Daß die
Pest den Tyrannen dem ich diene!  Ich will ihm keine Prügel mehr
zutragen, sondern mit dir gehen, du wundervoller Mann!

Trinculo.
Ein höchst lächerliches Ungeheuer, aus einem armen besoffnen Kerl
ein Wunder zu machen.

Caliban.
Ich bitte dich, laß dich an einen Ort führen, wo Holzäpfelbäume
wachsen, ich will dir mit meinen langen Nägeln Trüffeln ausgraben;
ich will dir ein Nußheher-Nest zeigen, und dich lehren, die
schnelle Meerkaze zu fangen; ich will dir Büschel von Haselnüssen
bringen, und dir manchmal junge Gemsen vom Felsen holen.  Willt du
mit mir gehen?

Stephano.
Ich bitte dich, zeig uns den Weg ohne längeres Geschwäze.  Trinculo,
da der König und alle unsre ehmalige Gefehrten im Wasser
umgekommen sind, so wollen wir von dieser Insel Besiz nehmen.  Hier,
trage meine Flasche; Bruder Trinculo, wir wollen sie gleich wieder
füllen.

Caliban.  (Singt trunkner Weise ein Abschiedsliedlein von seinem
alten Herrn.)
Freyheit, heyda!  heyda!  Freyheit!  Freyheit!  heyda!  Freyheit!

Stephano.
O!  braves Ungeheuer!  zeig uns den Weg.

(Sie gehen ab.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene.
(Vor Prosperos Celle.)
(Ferdinand tritt mit einem Blok auf der Schulter auf.)

Ferdinand.
Es giebt Spiele welche mühsam sind, aber eben diese Mühe erhöht das
Vergnügen das man dabey hat; es giebt niedrige Geschäfte, denen man
sich auf eine edle Art unterziehen kan, und höchst geringschäzige
Mittel, die zu einem sehr vortreflichen Ziel fuhren.  Dieses mein
knechtisches Tagwerk würde mir so beschwerlich als langweilig seyn,
wenn nicht die Gebieterin, der ich diene, meine Arbeiten zu
Ergözungen machte.  O!  sie ist zehnmal liebreizender als ihr Vater
unfreundlich, ob er gleich aus Härte zusammengesezt ist.  Auf
seinen strengen Befehl soll ich etliche tausend dergleichen Blöke
zusammentragen und auf einander beugen.  Meine holdselige Geliebte
weint wenn sie mich arbeiten sieht, und klagt, daß ich zu einem so
sclavischen Geschäfte mißbraucht werden soll.  Ich vergesse darüber
das Verdriesliche meines Zustandes, und meine Arbeit verrichtet
sich unter diesen angenehmen Gedanken so leicht, daß ich sie kaum
empfinde.  (Miranda zu den Vorigen; Prospero in einiger Entfernung.)

Miranda.
Ach!  ich bitte euch, arbeitet nicht so strenge; ich wollte der
Bliz hätte diese Blöke verbrennt, die du auf einander beugen sollst.
Ich bitte euch sizet nieder und ruhet aus; Wenn diß Holz brennt,
wird es weinen, daß es euch so abgemattet hat; mein Vater ist in
seinem Studieren vertieft; ich bitte euch, ruhet aus; wir werden
ihn in den nächsten drey Stunden nicht sehen.

Ferdinand.
O theureste Gebieterin, die Sonne wird untergegangen seyn, eh ich
mein auferlegtes Tagwerk vollendet haben werde.

Miranda.
Wenn ihr mir versprecht, euch indessen nieder zu sezen, so will ich
eure Blöke tragen.  Ich bitte euch, thut es mir zu gefallen, ich
will sie nur zu dem Hauffen tragen.

Ferdinand.
Nein, du unschäzbares Geschöpf; eher sollten mir meine Sehnen
springen und mein Rükgrat brechen, eh du eine solche Arbeit thun
und ich müßig zusehen sollte.

Miranda.
Sie würde sich nicht übler für mich schiken als für euch; und es
würde mich noch einmal so leicht ankommen; denn ich thät es aus
gutem Willen, und ihr thut es ungern.

Prospero (für sich.)
Armer Wurm!  du bist angestekt; dieser Besuch ist eine Probe davon.

Miranda.
Ihr seht verdrieslich aus.

Ferdinand.
Nein, meine edle Gebieterin, wenn ihr im Finstern bey mir wäret, so
wär’ es frischer Morgen um mich her.  Ich bitte euch (vornehmlich
damit ich ihn in mein Gebet sezen könne), wie ist euer Name?

Miranda.
Miranda—O mein Vater, ich hab’ euer Verbot übertreten, indem ich
diß sagte.

Ferdinand.
Bewundernswürdige Miranda, in der That, alles würdig, was die Welt
schäzbarstes hat!  Ich habe viele Damen gesehen, mit aufmerksamen
Augen gesehen, und manchmal hat die Music ihrer Zungen mein
allzuwilliges Ohr gefesselt; um verschiedner Vorzüge willen haben
mir verschiedne Frauenzimmer gefallen, aber keine jemals so sehr,
daß nicht bald irgend ein Fehler den ich an ihr bemerkt, ihre
schönste Eigenschaft verdunkelt hätte.  Du allein, o du, so
vollkommen, so unvergleichlich, bist aus allem zusammengesezt, was
an jedem Geschöpfe das Beste ist.

Miranda.
Ich kenne keine von meinem Geschlecht, und habe nie ein weibliches
Gesicht erblikt, ausser mein eignes in meinem Spiegel; noch habe
ich mehr Männer gesehen, die ich so nennen mag, als euch, mein
guter Freund, und meinen theuren Vater.  Was für Geschöpfe anderswo
seyn mögen, kan ich nicht wissen: Aber, bey meiner Unschuld, meinem
besten Kleinod, ich wünsche mir keine andre Gesellschaft in der
Welt als die eurige; noch kan meine Einbildungskraft sich eine
andre Gestalt vorbilden, die mir gefallen könnte, als die eurige.
Aber ich plaudre, denk ich, zu unbesonnen, und vergesse hierinn
meines Vaters Ermahnungen.

Ferdinand.
Ich bin meinem Stande nach ein Prinz, Miranda; ich denke, ein König
(wollte der Himmel ich wär’ es nicht!) und ich wollte diese
hölzerne Sclaverey nicht mehr erdulden, als ich leiden wollte daß
eine Fleischfliege mir auf die Lippen säße.  Aber höret meine Seele
reden: In dem ersten Augenblik, da ich euch sah, flog mein Herz in
euern Dienst, und machte mich auf ewig zu euerm Leibeignen, und um
euertwillen bin ich ein so geduldiger Holzträger.

Miranda.
Liebet ihr mich also?

Ferdinand.
O Himmel, o Erde, seyd meine Zeugen, und krönet meine Rede mit
einem glüklichen Erfolg, so wie ich die Wahrheit rede; wo nicht, so
verkehret meine besten Hoffnungen in Unglük.  Über alles was in
der Welt ist, über alle Grenzen, liebe, schäze und verehr’ ich euch.

Miranda.
Ich bin eine Thörin daß ich darüber weine, was ich so erfreut bin
zu hören.

Prospero (für sich.)
Wie selten treffen zwey solche Herzen einander an!  Ihr Himmel,
schüttet euern Segen auf ihre keimende Liebe!

Ferdinand.
Warum weinet ihr?

Miranda.
Über meine Unwürdigkeit, die es nicht wagen darf anzubieten was
ich zu geben wünsche, und noch viel weniger anzunehmen, wessen
Verlust mein Tod seyn würde.  Doch diß ist Tändeley!  Je mehr es
sich selbst verbergen will, desto mehr zeigt es seine Grösse.
Hinweg, falsche Schaamhaftigkeit, und du allein regiere meinen Mund,
offenherzige und heilige Unschuld.  Ich bin euer Weib, wenn ihr
mich heurathen wollt, wo nicht, so will ich als euer Mädchen
sterben; ihr könnt mir abschlagen, eure Gesellin zu seyn; aber eure
Sclavin will ich seyn, ihr möget wollen oder nicht.

Ferdinand (kniend.)
Meine theureste Gebieterin, und ich ewig der deinige.

Miranda.
Mein Gemahl also?

Ferdinand.
Mit so verlangendem Herzen, als die Knechtschaft sich nach Freyheit
sehnt.  Hier ist meine Hand.

Miranda.
Und hier die meinige, mit meinem Herzen drinn; und nun lebet wohl,
auf eine halbe Stunde.

Ferdinand.
Tausend, tausend Lebewohl!

(Sie gehen ab.)

Prospero.
So froh über dieses als sie, kan ich nicht seyn, sie, die lauter
Entzükung sind; aber es ist nichts in der Welt, worüber ich eine
grössere Freude haben könnte.  Ich will zu meinem Buche.  Denn
zwischen izt und der Abend-Essens-Zeit muß ich noch vieles nöthige
zu stande bringen.

(Geht ab.)

Zweyte Scene.
(Eine andre Gegend der Insel.)
(Caliban, Stephano und Trinculo treten auf.)

Stephano.
Sagt mir nichts mehr hievon; wenn das Faß leer ist, wollen wir
Wasser trinken, eher keinen Tropfen.  Fülle also wieder auf, und
laß dirs gut schmeken, dienstbares Ungeheuer; trink mirs zu.

Trinculo.
Dienstbares Ungeheuer!  Wie das eine närrische Insel ist!  Sie
sagen es habe nur ihrer fünf auf dieser Insel; wir sind drey davon,
wenn die andern beyde nicht richtiger im Kopf sind als wir, so
wakelt der Staat.

Stephano.
Trink, dienstbares Ungeheuer, wenn ichs dich heisse; deine Augen
stehen dir gewaltig tief im Kopfe.

Trinculo.
Wo sollten sie denn sonst stehen?  Er wäre ein feines Ungeheuer, in
der That, wenn er sie am H** stehen hätte.

Stephano.
Mein menschliches Ungeheuer hat seine Zunge in Sect ersäuft; was
mich betrift, mich kan die See nicht einmal ersäuffen.  Ich schwamm
eh ich das Ufer erreichen konnte, fünf und dreyßig Meilen hin und
her; beym Element, du sollst mein Leutnant seyn, Ungeheuer, oder
mein Fahnen-Junker—Warum so still, Mondkalb?  Sprich einmal in
deinem Leben wenn du ein gutes Mondkalb bist.

Caliban.
Wie geht’s dir?  Laß mich deine Schuh leken; ich will ihm

(er deutet auf Trinculo,)

nicht dienen, er ist nicht herzhaft!

Trinculo.
Du lügst, du höchst unwissendes Ungeheuer, ich bin im Stand es mit
einem Gerichts-Amman aufzunehmen; wie?  du lüderlicher Fisch du,
ist jemals ein Mann eine Memme gewesen, der so viel Sect in einem
Tag getrunken hat als ich?  Darfst du so ungeheure Lügen sagen, und
bist nur halb ein Fisch und halb ein Ungeheuer?

Caliban.
Horch, wie er mich schimpfirt; willt du ihm heimzünden, Mylord?

Trinculo.
Mylord, sagt er!  Daß ein Ungeheuer so einfältig seyn kan!

Caliban.
Horch, horch, schon wieder; beiß ihn zu tode, ich bitte dich.

Stephano.
Trinculo, stek deine Zunge ein!  Wenn du einen Aufruhr anfangst, so
soll der nächste Baum—Das arme Ungeheuer ist mein Unterthan, und
ich werde nicht leiden daß ihm übel begegnet werde.

Caliban.
Ich danke dir, mein edler Gebieter.  Gefällt es dir, die Bitte, die
ich an dich gethan habe, noch einmal zu hören?

Stephano.
Beym Element, das will ich; knie nieder und wiederhole sie; ich
will stehen, und Trinculo soll auch stehen.  (Ariel kommt
unsichtbar dazu.)

Caliban.
Wie ich dir vorhin gesagt habe, ich bin einem Tyrannen unterthan,
einem Zauberer, der mir durch seine List diese Insel abgetrödelt
hat.

Ariel.
Du lügst.

Caliban (zu Trinculo.)
Du lügst, du Maulaffe du; ich wollte, daß mein dapfrer Meister dich
vernichtete; ich lüge nicht.

Stephano.
Trinculo, wenn ihr ihn noch ein einzig mal in seiner Erzählung
unterbrecht, beym Sapperment, so will ich euch etliche Zähne
supplantiren!

Trinculo.
Was?  Ich sagte nichts.

Stephano.
Husch denn, und nichts weiter; fahre fort!

Caliban.
Ich sage, durch Zauberey gewann er diese Insel, von mir gewann er
sie.  Wenn deine Hoheit sie ihm wieder abnehmen will, (denn ich
weiß, du hast das Herz dazu, aber dieses Ding hat kein Herz—)

Stephano.
Das ist eine ausgemachte Sache.

Caliban.
So sollt du Herr davon seyn, und ich will dir dienen.

Stephano.
Wie wollen wir das anstellen?  Kanst du mir ein Mittel vorschlagen?

Caliban.
Ja, ja, mein Gebieter, ich will ihn dir schlafend überliefern, dann
kanst du ihm einen Nagel in den Kopf schlagen.

Ariel.
Du lügst, das kanst du nicht.

Caliban.
Was für ein elster-mässiger Flegel ist das?  du Lumpenkerl du!  Ich
bitte deine Hoheit, gieb ihm Maulschellen und nimm ihm diese
Flasche; wenn er sie nicht mehr hat, so muß er lauter Pfüzenwasser
trinken, denn ich will ihm nicht zeigen, wo die Brunnquellen sind.

Stephano.
Trinculo, seze dich keiner fernern Gefahr aus.  Unterbrich das
Ungeheuer nur mit einem Wort, und beym Sapperment, ich will meine
Barmherzigkeit zur Thür hinaus stossen, und einen Stokfisch aus dir
machen.

Trinculo.
Wie?  Was that ich denn?  Ich that nichts; ich will weiter weggehen.

Stephano.
Sagtest du nicht, er lüge?

Ariel.
Du lügst.

Stephano. (Er prügelt den Trinculo.)
Thu ich das?  Nimm das, und wenn es dir wohl schmekt, so heisse
mich ein andermal wieder lügen.

Trinculo.
Ich habe dich nicht lügen geheissen—Habt ihr den Verstand
verlohren, und das Gehör dazu?  daß der Henker eure Flasche!  Das
kan Sect und Trinken thun!  Daß die schwere Noth dein Ungeheuer,
und der T** deine Finger—

Caliban.
Ha, ha, ha.

Stephano.
Nun, weiter in deiner Erzählung—

(zu Trinculo)

ich bitte dich, steh weiter zurük.

Caliban.
Schlag ihn bis er genug hat; über eine Weile will ich ihm auch
geben.

Stephano.
Weiter zurük—Komm, fahre fort.

Caliban.
Wie ich dir sagte, er hat die Gewohnheit nachmittags zu schlaffen;
dann kanst du ihm den Kopf spalten, aber du must ihm vorher seine
Bücher nehmen; oder du kanst ihm mit einem Bloke den Hirnschedel
zersplittern, oder ihm mit einem Pfahl den Bauch aufreissen, oder
ihm mit deinem Messer die Gurgel abschneiden.  Vergiß nicht, ihm
seine Bücher vorher wegzunehmen; denn ohne sie ist er nur ein
Dummkopf wie ich; und hat nicht einen einzigen Geist mehr, dem er
befehlen könnte.  Sie hassen ihn alle mit einem so eingewurzelten
Haß wie ich.  Verbrenne nur seine Bücher.  Er hat hübsche Möbeln,
wie er sie heißt, womit er sein Haus einrichten will, wenn er eins
hat.  Und was am tiefsten dabey zu betrachten ist, das ist die
Schönheit seiner Tochter; er selbst nennt sie sein Tausendschönchen;
ich habe nie mehr als zwey Weibsbilder gesehen, Sycorax, meine
Mutter, und sie; aber sie übertrift Sycorax so weit als das Gröste
das Kleinste.

Stephano.
Ist sie so ein hübsches Mensch?

Caliban.
Ja, mein Gebieter; sie wird dein Bette zieren, ich versichre dich’s,
und dir eine brave junge Zucht bringen.

Stephano.
Ungeheuer, ich will diesen Mann umbringen; seine Tochter und ich
sollen König und Königin seyn, (Gott erhalte unsre Majestäten!) und
Trinculo und du, ihr sollt Vice-Könige seyn.  Gefällt dir der
Anschlag, Trinculo?

Trinculo.
Vortrefflich.

Stephano.
Gieb mir deine Hand; es ist mir leid, daß ich dich geprügelt habe:
aber so lange du lebst, so halte deine Zunge wohl im Zaum.

Caliban.
In der nächsten halben Stunde wird er eingeschlafen seyn; willt du
ihn alsdann vernichten?

Stephano.
Ja, bey meiner Ehre.

Ariel.
Das will ich meinem Herrn erzählen.

Caliban.
Du machst mich ganz aufgeräumt; ich bin voller Freuden; laß uns
lustig seyn.  Wollen wir Bilboquet spielen, das ihr mich nur erst
gelernt habt?

Stephano.
Weil du mich drumm bittest, Ungeheuer, so will ich dir etwas zu
gefallen thun.  Komm, Trinculo, wir wollen singen.

(Sie singen ein Gassenlied.)

Caliban.
Das ist nicht die rechte Melodie.

(Ariel spielt ihnen die Melodie auf einer Pfeiffe, mit einer
Biscayer-Trummel.)

Stephano.
Was ist das?

Trinculo.
Es ist die Melodie unsers Lieds, von einem Gemählde von Niemand
gespielt.

Stephano.
Wenn du ein Mensch bist, so zeige dich in deiner Gestalt; und bist
du der Teufel, so zeige dich wie du willst.

Trinculo.
O!  vergieb mir meine Sünden!

Stephano.
Wer stirbt, bezahlt alle seine Schulden.  Ich biete dir Troz!  (Der
Himmel steh uns bey!)

Caliban.
Fürchtest du dich?

Stephano.
Nein, Ungeheuer, nicht ich.

Caliban.
Du must dich nicht fürchten; diese Insel ist voll von Getöse, Tönen
und anmuthigen Melodien, welche belustigen und keinen Schaden thun.
Manchmal sumsen tausend klimpernde Instrumente um mein Ohr;
manchmal Stimmen, die, wenn ich gleich dann aus einem langen Schlaf
aufgewacht wäre, mich wieder einschläfern würden; dann däuchts mir
im Traum, die Wolken thun sich auf, und zeigen mir Schäze, die auf
mich herunter regnen wollen; daß ich, wenn ich erwache, schrey und
weine, weil ich wieder träumen möchte.

Stephano.
Das wird ein braves Königreich für mich werden; ich werde die Musik
umsonst haben.

Caliban.
Wenn Prospero vernichtet ist.

Stephano.
Das soll nicht lange mehr anstehen; ich hab’ es nicht vergessen.

Trinculo.
Das Getön geht fort; wir wollen ihm nach, und dann an unsre Arbeit
gehen.

Stephano.
Führ uns, Ungeheuer, wir wollen dir folgen.  Ich wollte ich könnte
diesen Trummelschläger sehen.  Er hört auf.

Trinculo.
Willt du kommen?  Ich gehe nach Stephano.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.
(Ein andrer Teil der Insel.)
(Alonso, Sebastian, Antonio, Gonsalo, Adrian, Francisco, u.s.w.
treten auf.)

Gonsalo.
Bey Sct.  Velten, ich kan nicht weiter, Sire; meine alten Beine
schmerzen mich; wir sind hier in einem Labyrinth: Auf meine Ehre,
alles geht durch Irrwege, und Mäander.  Mit eurer Erlaubniß, ich
muß mich niedersezen.

Alonso.
Alter Mann, ich kan dirs nicht verdenken, ich bin selbst bis zur
Betäubung meiner Lebensgeister abgemattet; seze dich und ruhe aus.
Ich gebe die Hoffnung auf, die ich wie einen Schmeichler bisher
geheget habe; er ist umgekommen, den wir so mühsam suchen, und das
Meer spottet unsers Nachforschens auf dem Lande.  Wol dann, es mag
seyn.

Antonio (leise zu Sebastian.)
Ich bin sehr erfreut daß er so hoffnunglos ist.  Vergesset, um
eines Fehlstreichs willen, das Vorhaben nicht, wozu ihr euch
entschlossen habt.

Sebastian.
Bey der nächsten bequemen Gelegenheit wollen wir unsern Vortheil
besser nehmen.

Antonio.
Laßt es diese Nacht seyn; sie sind von der Reise so abgemattet, daß
sie weder daran denken, noch im Stande sind so viel Vorsichtigkeit
zu gebrauchen, als wenn sie frisch wären.

Sebastian.
Diese Nacht!  Nichts weiter.

(Man hört eine seltsame und feyrliche Musik, und Prospero zeigt
sich (den redenden Personen unsichtbar) auf der Spize des Berges.
Verschiedne wunderbare Gespenster treten auf, tragen eine Tafel mit
Speisen und Getränk herzu, tanzen um dieselbe mit freundlichen
Gebehrden, als ob sie den König und seine Gefährten willkommen
heissen wollten, und nachdem sie dieselben eingeladen zu essen,
verschwinden sie wieder.)

Alonso.
Was für eine Harmonie ist diß?  meine guten Freunde, horcht!

Gonsalo.
Eine wunderbar angenehme Musik.

Alonso.
Gieb uns freundliche Wirthe, o Himmel!  Wer sind diese?

Sebastian.
Das ist ein Haupt-Spaß.  Nun will ich glauben, daß es Einhörner
giebt; daß in Arabien ein einziger Baum ist, der Thron des Phönix,
und ein einziger Phönix, der bis auf diese Stunde da regiert.

Antonio.
Ich will beydes glauben, und was sonst nicht viel Credit hat, komme
nur zu mir, ich will schwören es sey wahr.  Reisebeschreiber haben
nie gelogen, wenn schon Geken, die hinter dem Ofen sizen, sie
verurtheilen.

Gonsalo.
Wenn ich nach Neapel käme und das erzählte, würde man mir’s
glauben?  Wenn ich sagte: Ich sahe solche Insulaner (denn gewiß
sind das die Einwohner dieser Insel) und ob sie gleich von
mißgestalteter und abentheurlicher Bildung sind; so sind doch ihre
Manieren leutseliger und artiger als ihr bey manchen finden werdet,
die zum menschlichen Geschlecht gehören; ja, in der That.

Prospero (vor sich.)
Du ehrlicher Alter, du sprichst wohl; denn es sind hier einige
unter euch, die schlimmer als Teufels sind.

Alonso.
Ich kan nicht genug erstaunen; solche Gestalten, solche Gebehrden,
ein solcher Ton, der, (ob es ihnen gleich am Gebrauch der Zunge
fehlt) eine Art von einer vortrefflichen stummen Sprache ausmacht.

Prospero (vor sich.)
Diese Lobsprüche könnten zu voreilig seyn.

Francisco.
Sie verschwanden auf eine seltsame Art.

Sebastian.
Das hat nichts zu sagen, da sie uns zu essen hinterlassen haben;
denn ich denke, wir spüren alle, daß wir einen Magen haben.
Gefällt es Euer Majestät, etwas hievon zu kosten?

Alonso.
Ich habe keine Lust.

Gonsalo.
Auf meine Treue, Gnädigster Herr, ihr habt keine Ursache etwas zu
besorgen.  Wie wir noch kleine Jungen waren, welcher unter uns
hätte geglaubt, daß es Leute in Gebürgen gebe, welche einen diken
hautigen Hals hätten wie die Ochsen, oder denen der Kopf in der
Brust stünde?  Was man selbst sieht, glaubt man am besten.

Alonso.
Ich will mit zustehen, und essen, wenn es gleich mein leztes wäre;
es ligt mir nichts daran, das beste ist vorbey; Bruder, Herzog,
stehet zu, und machet’s wie wir.

Vierte Scene.
(Donner und Blize.  Ariel tritt in Gestalt einer Harpye auf,
schlägt mit seinen Flügeln auf die Tafel, und vermittelst einer
unmerklichen Veranstaltung verschwindet die Mahlzeit im gleichen
Augenblik.)

Ariel.
Ihr seyd drey Männer der Sünde, welche das rächende Schiksal (so
sich dieser untern Welt und alldessen was drinn ist, zu Werkzeugen
bedient) im Sturm auf diese unbewohnte Insel ausgeworfen,* als
Leute die höchst unwürdig sind unter Menschen zu leben.  Ich hab’
eure Sinnen betäubt, und euch nicht mehr Stärke übrig gelassen, als
ein Mensch nöthig hat, sich selbst zu hängen oder zu ertränken.
Ihr Narren!  ich und meine Gesellen sind Diener des Schiksals; die
Elemente woraus eure Schwerdter bereitet sind, könnten eben so wohl
den sausenden Wind verwunden, oder mit lächerlichen Stichen das
stets sich wieder schliessende Wasser tödten, als eine einzige
Pflaumfeder aus meinen Schwingen reissen.  Meine Gesellen sind eben
so unverwundbar.  Und wenn ihr uns auch verwunden könntet, so sind
eure Schwerdter zu schwer für eure izige Stärke, und ihr seyd nicht
einmal im Stande sie aufzuheben.  Erinnert euch dann (denn das ist
mein Geschäft an euch) daß ihr drey es waret, die den rechtschafnen
Prospero aus Meiland vertrieben, und der offnen See, (die es euch
nun vergolten hat) ausgesezt, ihn und sein unschuldiges Kind!  Um
dieser Übelthat willen haben die himmlischen Mächte, welche die
Bestrafung des Unrechts zwar verschieben aber nie vergessen, das
Meer und das feste Land, ja alle Geschöpfe wieder euch empört, dich,
Alonso, deines Sohnes beraubt, und sprechen nun durch mich das
Urtheil über euch aus; daß langsames Verderben, schreklicher als
irgend ein schneller Tod, Schritt für Schritt euch und eure Wege
verfolgen soll.  Nichts kan euch vor ihrem Zorn (der sonst in
diesem wüsten Eiland auf eure Häupter fallen wird) beschüzen, als
ein reuevolles Herz, und in Zukunft ein reines Leben.

{ed.-* Im Original: «Welche das Schiksal u.s.w.  von der gefräßigen
nimmersatten See hat ausrülpsen lassen, und an diese Insel» u.s.w.}

(Ariel verschwindt im Donner, darauf folget eine Symphonie mit
Sordinen; die Gespenster kommen, und tragen nach einem Tanz voller
seltsamer Grimassen die Tafel wieder hinweg.)

Prospero (vor sich.)
Du hast die Role dieser Harpye gut gemacht, mein Ariel—du hast
nichts von meiner Vorschrift ausgelassen—eben so gut in ihrer Art
haben auch meine geringern Diener ihre verschiednen Personen
gespielt; meine Bezauberungen würken, und diese meine Feinde von
betäubendem Schreken gefesselt, sind alle in meiner Gewalt.  Ich
verlasse sie nun in diesem Zustand, um den jungen Ferdinand, den
sie für verlohren schäzen, und seinen und meinen Liebling zu
besuchen.

(Prospero geht ab.)

Gonsalo.
Im Namen alles dessen was heilig ist, Sire, warum steht ihr da, als
ob ihr ein Gespenste sähet?

Alonso.
O!  es ist entsezlich, entsezlich!  Mich däuchte die Wellen redeten
und warfen mir’s vor; die Winde heulten mir’s entgegen, und der
Donner, diese tieffe fürchterliche Orgelpfeiffe, sprach den Namen
Prospero aus—und gab das Zeichen zu meinem Tod—Um meines
Verbrechens willen ligt mein Sohn in einem nassen Bette; ich will
ihn suchen, tiefer als jemals ein Senkel-Bley gefallen ist, und
dort bey ihm im Schlamme begraben ligen.

(Geht ab.)

Sebastian.
Das war erst ein Teufel; ich will ihrer ganze Legionen zu Boden
fechten.

Antonio.
Und ich will dein Secondant seyn.

(Gehen ab.)

Gonsalo.
Alle drey sind in Verzweiflung; ihre schwere Verschuldung, gleich
einem Gift, das erst nach langer Zeit würken soll, fangt nun an,
ihre Lebensgeister zu nagen.  Ich bitte euch, ihr die ihr
biegsamere Gelenke habt als ich, folget ihnen so eilfertig als ihr
könnt, und verhindert sie an dem, wozu die sinnlose Verzweiflung
sie treiben mag.

Adrian.
Folget mir, ich bitte euch.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene.
(Prospero’s Celle.)
(Prospero, Ferdinand und Miranda.)

Prospero.
Wenn ich euch zu strenge begegnet bin, so hoffe ich, der Ersaz den
ich euch gegeben, wird es vergüten; denn ich habe euch einen Faden
von meinem eignen Leben gegeben, oder vielmehr das einzige, wofür
ich lebe.  Hier liefre ich sie nochmals in deine Hand: Alle
Kränkungen, die du erduldet hast, waren nur Prüfungen deiner Liebe,
und du hast auf eine ausserordentliche Art die Probe gehalten.
Hier, im Angesicht des Himmels bestätige ich dieses mein reiches
Geschenk.  O Ferdinand, lächle nicht über mich, daß ich stolz auf
sie bin; du wirst finden, daß sie alles Lob weit hinter sich zurüke
lassen wird.

Ferdinand.
Ich glaub’ es gegen ein Orakel.

Prospero.
So empfange dann, als mein Geschenk und als dein wohlverdientes
Eigenthum, empfange meine Tochter.  Aber wofern du ihren
jungfräulichen Gürtel auflösest, eh euer Bündniß durch alle
geheiligten Feyerlichkeiten, nach vollständigem Gebrauch
bekräftiget werden kan: So möge der Himmel alle die segensvollen
Einflüsse zurükhalten, die sonst euere Vereinigung bekrönen würden;
und statt derselben soll unfruchtbarer Haß, sauersehender
Widerwille und Zwietracht euer Bette mit so wildem Unkraut
bestreuen, daß ihr es beyde hassen sollet.  Nimm dich also in Acht,
so lieb es dir ist, daß Hymens Fakel dir leuchte.

Ferdinand.
So wie ich ruhige Tage, eine schöne Nachkommenschaft, und ein
langes Leben, mit der unveränderten Dauer einer solchen Liebe, als
ich izt empfinde, mir wünsche; so gewiß soll die finsterste Höle,
die bequemste Gelegenheit und die stärkste Eingebung unsers bösen
Genius nimmermehr vermögend seyn, meine tugendhafte Liebe in
unordentliche Lust zu zerschmelzen, daß ich rauben sollte was jenem
feyerlichen Tag vorbehalten ist, bey dessen Anbruch mich’s dünken
wird, entweder die Sonnenpferde seyen steif, oder die Nacht mit
Ketten angeschmiedet worden.

Prospero.
Wohl gesprochen!  Size dann nieder und rede mit ihr, sie ist dein
eigen.  Wie?  Ariel, mein ausrichtsamer Diener, Ariel—

Zweyte Scene.
(Ariel zu den Vorigen.)

Ariel.
Was befiehlt mein mächtiger Gebieter?  hier bin ich.

Prospero.
Du und deine geringern Mitgesellen haben vorhin ihren Dienst aufs
beste versehen, und ich will euch izt zu einem andern Spiel
gebrauchen.  Geh, bring die Geisterschaar, über die ich dir Gewalt
gegeben habe, an diesen Ort; Muntre sie zu schnellen Bewegungen auf,
denn ich muß die Augen dieses jungen Paars mit irgend einer
Eitelkeit meiner Kunst belustigen; ich hab’ es versprochen und sie
erwarten’s von mir.

Ariel.
Sogleich?

Prospero.
Ja, in einem Augenblik.

Ariel.
Eh ihr sagen könnt, komm und geh, zweymal athmen, und ruffen, so,
so; soll jeder auf den Zehen tripplend hier seyn, und seine Künste
machen.  Liebt ihr mich nun, mein Gebieter?*

{ed.-* Ariel sagt dieses im Original in kleinen Versen, die sich alle
in O reimen, und, weil sie alle ihre Artigkeit daher haben, sich
nicht in Reime übersezen lassen.}

Prospero.
Höchlich, mein sinnreicher Ariel; komm nicht zurük, bis ich dich
ruffe.

Ariel.
Gut, ich verstehe dich.

(Geht ab.)

Prospero (zu Ferdinand.)
Vergiß du nicht dein Wort zu halten; treibe den Scherz nicht zu
weit; die stärksten Eide sind nur Stroh für das Feuer in unserm
Blute; halte besser an dich, oder gute Nacht, Gelübde!

Ferdinand.
Ich versichre euch, mein Herr, dieser weisse kalte jungfräuliche
Schnee an mein Herz gedrükt, kühlt die Hize meiner Leber ab.

Prospero.
Gut; komm izt, mein Ariel; bringe lieber einen Geist zuviel, als
daß einer mangle; erscheine uns munter—Redet ihr kein Wort, seyd
lauter Auge; Still!

(Man hört eine angenehme Musik.)

Dritte Scene.
(Ein allegorisches Schauspiel.)
(Iris tritt auf.)

Iris.
Ceres,* huldreiche Göttin, deine goldnen Felder voll Waizen, Gerste,
Haber, Wiken und Bohnen, deine kräuterreichen Berge, mit grasenden
Schaafen bedekt, und deine ebnen Wiesen, wo sie in strohbedekten
Hürden ligen, deine mit Blumen eingelegte und mit Tulpen bordirte
Bänke, vom schwammichten Aprill auf deinen Befehl so geschmükt, um
für kalte Nymphen keusche Kränze zu machen, und deine braunen
Lauben, deren Schatten der von seinem Mädchen abgewiesene
Junggeselle liebt; deine eingezäunte Weinberge, und deine
unfruchtbaren Seebänke und Felsen, auf denen du dich zu verlüften
pflegst: Alles dieses befiehlt dir die Königin des Himmels, deren
Dienerin ich bin, zu verlassen, und auf diesem grünen Plaz ihrer
gebietenden Majestät Gesellschaft zu leisten.  Ihre Pfauen sind in
vollem Anzug.  Nähere dich, reiche Ceres, sie zu unterhalten.

{ed.-* Dieses ganze Spiel ist im Original in Reimen.}

(Ceres tritt auf.)

Ceres.
Heil dir, vielfarbichte Bötin und Aufwärterin der Gemahlin des
Jupiters, die du von deinen saffrangelben Schwingen honigtriefende,
erfrischende Regen auf meine Blumen schüttest, und mit jedem Ende
deines blauen Bogens, einer reichen Schärpe für meine stolze Erde,
meine schwellenden Felder und meine nakten Sandhügel bekrönst;
warum hat deine Königin mich hieher beruffen?

Iris.
Ein Bündniß treuer Liebe zu begehen, und die glüklichen Liebhaber
mit einem freywilligen Geschenke zu begaben.

Ceres.
Sage mir, himmlischer Bogen, ist dir nicht bekannt, ob Venus oder
ihr Sohn die Königin begleiten?  Denn seitdem sie dem düstern Pluto
Vorschub gethan haben, meine Tochter zu entführen, hab’ ich ihre
und ihres blinden Buben ärgerliche Gesellschaft verschworen.

Iris.
Fürchte dich nicht vor ihrer Gesellschaft.  Ich begegnete ihrer
Deität, wie sie die Wolken gegen Paphos zu durchschnitt, sie und
ihr Sohn, von Dauben mit ihr gezogen; sie bildeten sich ein, durch
irgend ein leichtfertiges Zauberwerk diesen Jüngling und diß
Mädchen zu bethören, die das Gelübde gethan haben, sich der Rechte
des Ehebettes zu enthalten, bis Hymens Fakel ihnen angezündet wird;
aber die heisse Buhlerin des Kriegs-Gottes ist unverrichter Dingen
zurük gekommen, und ihr wespen-mässiger Sohn hat seinen Bogen
zerbrochen, und schwört, er wolle keinen Pfeil mehr anrühren,
sondern mit Spazen spielen und geradezu ein kleiner Junge seyn.

Ceres.
Die hohe Königin des Götter-Staats, die grosse Juno kommt; ich
erkenne sie an ihrem Gang.

(Juno steigt von ihrem Wagen und tritt auf.)

Juno.
Wie befindet sich meine mildreiche Schwester?  Komm mit mir, dieses
Paar zu segnen, daß sie glüklich seyn, und eine ehrenvolle
Nachkommenschaft sehen mögen.

(Juno und Ceres singen ein Lied, worinn jede die Verlobten mit
ihren eignen Gaben beschenkt.)

Ferdinand.
Diß ist ein höchst majestätisches Gesicht, und eine bezaubernde
Harmonie; und darf ich kühnlich glauben, daß es Geister sind?

Prospero.
Geister, die ich durch meine Kunst aus ihren Bezirken hiehergerufen
habe, meine Phantasien auszuführen.

Ferdinand.
O!  laßt mich hier ewig leben; ein so wundervoller Vater, und ein
solches Weib machen diesen Ort zu einem Paradiese.

Prospero.
Stille, mein Wehrter!  Juno und Ceres lispeln einander ganz
ernsthaft etwas in die Ohren; es wird noch etwas zuthun seyn; husch,
seyd stumm, oder unser Spiel wird verdorben.

(Juno und Ceres reden leise mit einander, und schiken Iris mit
einem Auftrag ab.)

Iris.
Ihr Nymphen der schlängelnden Bäche, Najaden genannt, mit euern
Schilf-Kränzen und immer freundlichen Bliken, verlaßt eure
kräuselnden Canäle und kommt, Juno befiehlt’s, auf diese grüne Flur.
Kommt, keusche Nymphen, und helft ein Bündniß treuer Liebe zu
feyern; säumt euch nicht!

(Eine Anzahl Nymphen treten auf.)

Iris (fahrt fort.)
Ihr von der Sonne verbrannten Schnitter, des Augusts müde, kommt
aus euern Furchen, und theilet unsre Lust.  Macht Feyertag, sezt
eure Strohhüte auf, und jeder gebe einer von diesen frischen
Nymphen die Hand zum ländlichen Tanz.

Vierte Scene.
(Eine Anzahl von nettgekleideten Schnittern treten auf, und
vereinigen sich mit den Nymphen zu einem anmuthigen Tanz: Gegen das
Ende des Tanzes fährt Prospero plözlich auf, und spricht die
folgende Rede, worauf alles mit einem seltsamen holen und
verworrnen Getöse verschwindet.)

Prospero.
Ich hatte diese schändliche Zusammenverschwörung des Viehes Caliban
und seiner Gesellen gegen mein Leben völlig aus der Acht gelassen;
die Minute die sie zur Ausführung erkießt haben, ist beynahe
gekommen—Gut gemacht; hinweg, nichts mehr!

Ferdinand (leise zu Miranda.)
Diß ist seltsam, unser Vater ist in irgend einem Affect, der mit
Macht auf ihn würkt.

Miranda.
Niemals bis auf diesen Tag sah ich ihn in einem so heftigen
Unwillen.

Prospero.
Ihr seht bestürzt aus, mein Sohn; seyd gutes Muths, unsre Spiele
sind nun zu Ende.  Diese unsre Schauspieler, wie ich euch vorhin
sagte, sind alle Geister, und zerflossen wieder in Luft, in dünne
Luft, und so wie diese wesenlose Luftgesichte, so sollen die mit
Wolken bekränzte Thürme, die stattlichen Paläste, die feyrlichen
Tempel, und diese grosse Erdkugel selbst, und alles was sie in sich
faßt, zerschmelzen, und gleich diesem verschwundnen unwesentlichen
Schauspiel nicht die mindeste Spur zurüklassen.  Wir sind solcher
Zeug, woraus Träume gemacht werden, und unser kleines Leben endet
sich in einen Schlaf—mein Herr, ich bin beunruhigt, habt Geduld
mit meiner Schwachheit, mein altes Gehirn ist in Unordnung; laßt
euch diesen kleinen Zufall nicht anfechten; geht in meine Celle,
wenn’s euch beliebt, und ruhet da—Ein oder zwey Auf- und Abgänge
werden mir wieder leichter machen.

Ferdinand.  Miranda.
Wir wünschen euch Friede.

(Ferdinand und Miranda gehen ab.)

Prospero (vor sich.)
Komm in einem Gedanken—

(zu Ferdinand und Miranda.)

Ich danke euch—Ariel, komm.

(Prospero entfernt sich weiter von der Celle; Ariel zu ihm.)

Ariel.
Ich klammre mich an deine Gedanken an; was ist dein Wille?

Prospero.
Geist, wir müssen uns rüsten den Caliban zu empfangen.

Ariel.
Ja, mein Gebieter.  Ich dachte, wie ich Ceres vorstellte, dir davon
gesagt zu haben; aber ich brach ab, aus Besorgniß dich verdrießlich
zu machen.

Prospero.
Sag es noch einmal, wo verliessest du diese Schurken?

Ariel.
Ich sagte euch, mein Herr, daß sie dik besoffen waren, und so voll
Dapferkeit, daß sie die Luft schlugen, weil sie sich unterstuhnd
ihnen ins Gesicht zu wehen, und den Boden stampften, weil er ihre
Füsse küßte, ohne inzwischen ihr Vorhaben aus der Acht zu lassen.
Ich schlug hierauf meine Trummel; dieses Getöse machte sie
aufmerksam; sie spizten wie unberittne Füllen ihre Ohren, zogen die
Auglieder in die Höhe, und strekten ihre Nasen vor sich hin, wie
sie Musik rochen; kurz, ich bezauberte ihre Ohren dergestalt, daß
sie wie Kälber meinem Brüllen folgten, durch stachlichte Genister,
Disteln, und Dornen, die in ihren dünnen Schienbeinen steken
blieben; endlich ließ ich sie in dem kothigen mit Unrath
bemantelten Sumpf, hinter eurer Celle, wo sie bis ans Knie
hineinsanken, daß der faule Morast ihre Füsse überstunk.

Prospero.
Das war wol gethan, mein Vogel; behalt immer deine unsichtbare
Gestalt.  Geh, bringe mir die abgetragnen Kleider in meinem Hause
hieher, wir müssen diese Diebe in Versuchung sezen.*

{ed.-* Dieser Umstand bezieht sich auf den gemeinen Aberglauben
des Pöbels in unsers Autors Zeiten, als ob Zauberer, Hexen und
dergl.  nicht eher eine Gewalt über diejenige, so sie bezaubern
wollen, haben, bis sie den Vortheil über sie erhalten, sie bey
irgend einer Sünde zu ertappen, als wie hier über Dieberey.
Warbürton.}

Ariel.
Ich geh, ich geh.

(Geht ab.)

Prospero (vor sich.)
Ein Teufel ist dieser Caliban, ein gebohrner Teufel, an dessen
Natur keine Erziehung haftet; an dem alle meine Mühe, Mühe wie man
an einen Menschen wendet, verlohren, gänzlich verlohren ist; und
wie mit dem Alter sein Leib in eine viehischere Ungestaltheit
auswächßt, so wird auch sein Gemüth ungeheurer; ich will sie alle
plagen, bis zum Heulen.

(Ariel kömmt mit allerley schimmerndem Geräthe beladen.)

Komm, hänge sie an dieses Seil.

Fünfte Scene.
(Caliban, Stephano und Trinculo treten alle wohl angefeuchtet und
von Morast triefend auf; Prospero und Ariel bleiben unsichtbar
zurük.)

Caliban.
Ich bitte euch, tretet leise, damit der blinde Maulwurf keinen Fuß
fallen hört.  Wir sind nimmer weit von seiner Celle.

Stephano.
Ungeheuer, euer Kobolt, von dem ihr sagt, er sey ein freundlicher
Kobolt, der niemand ein Leid thut, hat nichts viel bessers gethan,
als den Narren mit uns gespielt.

Trinculo.
Ungeheuer, ich rieche lauter Pferd-Pisse, und ich kan dir’s sagen,
es will meiner Nase gar nicht schmeken.

Stephano.
So geht’s der meinigen auch; hört ihr’s, Ungeheuer!  Wenn ich einen
Unwillen wider euch fassen sollte—Sehet zu—

Trinculo.
Du wärst ein verlohrnes Ungeheuer.

Caliban.
Mein lieber gnädiger Herr, laß mich immer in deiner Gunst stehen;
gedulde, der Vortheil, zu dem ich dich führe, wird diesem Unfall
die Augen ausstechen; redet nur leise, es ist izt alles so still
als Mitternacht.

Trinculo.
Schon gut, aber unsre Flasche im Morast zu verliehren—

Stephano.
Es ist nicht nur Unannehmlichkeit und Schmach in diesem Abentheuer,
sondern ein unendlicher Verlust, du Ungeheuer.

Trinculo.
Das ist mir über meine Anfeuchtung, und doch ist das euer
freundlicher Kobold, der niemand kein Leid thut, Ungeheuer.

Stephano.
Ich will meine Flasche wieder hohlen, und wenn ich für meine Mühe
bis über die Ohren hineinplumpen sollte.

Caliban.
Ich bitte dich, mein König, sey ruhig; siehst du hier, diß ist der
Eingang in die Celle; kein Getöse, schleich hinein, thue diß gute
Unheil, das diese Insel auf ewig zu deinem Eigenthum macht; und ich
bin dein Caliban, auf ewig dein Fuß-Leker.

Stephano.
Gieb mir deine Hand, ich fange an, blutige Gedanken zu haben.

Trinculo.
O König Stephen, o Pair!  o würdiger Stephen!* Sieh, was für eine
Garderobe hier für dich ist!

{ed.-* Der Spaß in diesen Zeilen besteht in einer Anspielung auf ein
altes bekanntes Gassenlied, welches anfängt: (King Stephen was a
worthy Peer), und die Sparsamkeit dieses Königs in Absicht auf
seine Garderobe anpreist.  Es sind zwo Stanzen von diesem Lied im
Othello.  Warbürton.}

Caliban.
Laß es gehen, du Narr, es ist nur Trödelwaare.

Trinculo.
Oh, oh, Ungeheuer, wir verstehen uns auch darauf, was in eine
Trödelbude gehört—o König Stephen—

Stephano.
Lange diesen Rok herunter, Trinculo; beym Element, ich will diesen
Rok haben.

Trinculo.
Deine Gnaden sollen ihn haben.

Caliban.
Daß du die Wassersucht kriegtest, du Dummkopf!  Wie ungescheidt
seyd ihr, daß euch ein solcher Plunder in die Augen sticht!  Geht
weiter und vollbringet vorher den Mord; wenn er aufwacht, wird er
uns vom Wirbel bis zum Zehen die Haut zerkneipen lassen; er wird
abscheulich mit uns umgehen.

Stephano.
Sey ruhig, Ungeheuer!  Frau Seil, ist das nicht mein Wamms?

Trinculo.
Ungeheuer komm, schmier ein bißchen Quark an deine Finger, und weg
mit dem ganzen Plunder!

Caliban.
Ich will nichts davon; wir verderben hier die Zeit, und werden
zulezt noch alle in Barnakel** oder in Affen, mit verflucht niedern
Stirnen verwandelt werden.

{ed.-** Eine Art von Gänsen auf der Insel Baß, an der Schottischen
Küste, von denen ehmals die Tradition gieng, daß sie auf den Bäumen
wachsen.}

Stephano.
Ungeheuer, leg Hand an; hilf es wegtragen, an den nehmlichen Ort wo
mein Weinfaß ligt, oder ich werde dich aus meinem Königreich jagen;
geh, trag das!

Trinculo.
Und das.

Stephano.
Ja, und das.

(Man hört ein Getöse von Jägern.  Verschiedne Geister, in Gestalt
von Hunden lauffen auf die Bühne und jagen sie fort; Prospero und
Ariel sezen ihnen nach.  Caliban, Stephano und Trinculo werden
heulend ausgetrieben.)

Prospero.
Heyda, Sultan hey!

Ariel.
Waldmann, hier geht’s, Waldmann.

Prospero.
Furie, Furie; hier, Tyrann, hier; horch!  horch!  Geh, sage meinen
Kobolden, daß sie ihre Gelenke mit Zükungen zermalmen, ihre Sehnen
mit Krämpfen zusammenziehen, und sie am ganzen Leibe von Zwiken und
Kneipen flekichter machen sollen als ein Panterthier.

Ariel.
Horch, wie sie heulen.

Prospero.
Laß sie weidlich herumgejagt werden.  Nunmehr sind alle meine
Feinde in meiner Gewalt.  In kurzem soll sich all mein Ungemach
enden, und du sollst deine Freyheit haben.  Nur noch eine kleine
Weile folge mir, und thu mir Dienste.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.
(Vor der Celle.)
(Prospero tritt in seiner Magischen Kleidung mit Ariel auf.)

Prospero.
Nun ist mein Entwurf zu seiner Zeitigung gelangt; meine
Bezauberungen brechen nicht; meine Geister gehorchen, und die Zeit
geht aufrecht mit ihrer Ladung davon; wie viel ists am Tage?

Ariel.
Um die sechste Stunde, mein Gebieter, wann, wie ihr sagtet, unsre
Arbeit geendigt seyn sollte.

Prospero.
Das sagte ich gleich anfangs, wie ich den Sturm erregte; sage, mein
Geist, was macht der König und seine Gefährten?

Ariel.
Sie sind alle, euerm Befehl gemäß, zusammengebannt, gerade so wie
ihr sie verlassen habt, alle eure Gefangne, mein Herr, in dem
kleinen Hayne, der eure Celle vor dem Wetter schüzt.  Sie können
nicht von der Stelle, bis ihr sie loslasset.  Der König, sein
Bruder und der eurige sind alle drey in einer Art von Betäubung;
die übrigen trauern ihrentwegen, bis an den Rand mit Kummer und
Bestürzung angefüllt; insonderheit derjenige, den ihr den guten
alten Gonsalo nanntet.  Seine Thränen lauffen über seinen Bart
herab, wie Winter-Tropfen von einem rohrbedekten Dach.  Eure
Bezauberungen arbeiten so stark auf sie, daß, wenn ihr sie izt
sehen solltet, euer Herz gewiß zu Mitleiden erweicht würde.

Prospero.
Denkst du das, Geist?

Ariel.
Das meinige würd’ es gewiß, wenn ich ein Mensch wäre.

Prospero.
Und das meinige auch.  Hast du, der du nur Luft bist, eine Ahnung,
ein Gefühl von ihrem Leiden, und ich, einer von ihrer Gattung, der
allen ihren Leidenschaften und Bedürfnissen unterworffen ist,
sollte nicht zärtlicher gerührt werden als du?  Ob sie mich gleich
durch schwere Beleidigungen bis in die Seele verwundet haben, so
soll doch mein edleres Selbst über meinen Unwillen siegen; es ist
mehr Würde in großmüthiger Vergebung als in Rache; da sie bußfertig
sind, so habe ich meine ganze Absicht erreicht; geh, erledige sie,
Ariel; ich will meine Bezauberungen brechen, ich will ihre Sinnen
wieder herstellen, und sie sollen wieder seyn, was sie gewesen sind.

Ariel.
Ich will sie herbeyführen, mein Gebieter.

(Er geht ab.)

Zweyte Scene.

Prospero.
Ihr Elfen der Hügel, der Bäche, stehenden Seen und Hayne, und die
auf Sandbänken mit leichtem Fuß den ebbenden Neptun zurükstossen,
und ihn fliehen, sobald er wiederkehrt; ihr kleinen Feen, die beym
Mondschein im Gras die kleinen sauren Ringe machen, von denen das
Schaaf nichts abfrezt; und ihr, deren Zeitvertreib ist,
Mitternachts-Schwämme zu machen; die sich freuen den Ruf des
feyrlichen Nachtwächters zu hören; durch deren Hülfe (so schwach
ihr auch seyd) ich die mittägliche Sonne verfinstert, die
widerspenstigen Winde herbeygenöthiget, und zwischen der grünen See
und dem azurnen Gewölbe heulenden Krieg erregt habe; dem
fürchterlich rasselnden Donner gab ich Feuer, und entwurzelte die
Eiche Jupiters mit seinem eignen Keil; ich machte die Grundfeste
der Vorgebürge zittern, und raufte die Fichte und die Ceder mit den
Wurzeln aus: Gräber thaten auf meinen Befehl ihren Rachen auf, und
liessen ihre Schläfer hervor, die meine mächtige Kunst erweket
hatte: Aber alle diese rauhe Zauberkunst schwör ich hier ab, und
wenn ich vorher eine himmlische Musik befohlen haben werde, wie ich
izt thue, (ihre von jenem magischen Donner gelähmten Sinnen wieder
herzustellen), so will ich meinen Stab zerbrechen, ihn etliche
Klafter tief in die Erde vergraben, und tiefer als jemals ein
Senkbley fiel, mein Zauberbuch im Meer versenken.

(Man hört eine feyrliche Musik.)

Dritte Scene.

(Ariel geht voran; ihm folget Alonso mit den Gebehrden eines von
Schwermuth verrükten Menschen, von Gonsalo geführt, hierauf
Sebastiano und Antonio auf gleiche Weise, von Adrian und Francisco
geleitet; sie gehen in den Cirkel den Prospero vorher gemacht hat,
und bleiben da bezaubert stehen.  Indem sie kommen, fangt Prospero
an.)

Prospero.
Die Magische Gewalt der Harmonie, der besten Arzney für eine
zerrüttete Phantasie, heile dein izt untüchtiges Gehirn—hier
bleibt unbeweglich stehn!—Rechtschaffner Gonsalo, ehrwürdiger Mann,
meine Augen schmelzen, von den deinigen erschüttert, in
sympathetische Tropfen.—Die Bezauberung lößt auf einmal sich auf;
und wie der Morgen, die Nacht überraschend, die Finsterniß
hinwegschmelzen macht, so fangen ihre aufgehenden Sinnen an, die
betäubenden Nebel zu verjagen, die ihre Vernunft umhüllen—O!  mein
guter Gonsalo, mein wahrer Erhalter, und ein redlicher Diener
dessen dem du folgest; ich will, wenn wir wieder zu Hause sind,
deine Wohlthaten beydes mit Worten und Werken bezahlen.—Du, Alonso,
du bist höchst grausam mit mir und meiner Tochter umgegangen; dein
Bruder war ein Beförderer der bösen That, und wird izt dafür an
Leib und Gemüth gefoltert; Ihr, mein Bruder, der seiner
Herrschsucht Natur und Gewissen aufopferte, der mit Sebastian
seinen König hier ermorden wollte; ich vergebe dir, so unnatürlich
du bist!—Ihre Denkungskraft fängt an zu schwellen, und die
wiederkommende Fluth wird in kurzem das Gestade der Vernunft
anfüllen, das izt faul und sumpficht ligt—Noch ist nicht einer
unter ihnen, der mich ansehen darf, oder mich erkennt—Ariel, hole
mir meinen Hut und meinen Degen in der Celle; ich will mich ihnen
in derjenigen Gestalt darstellen,

(Ariel geht ab, und kommt in einem Augenblik wieder zurük.)

worinn sie mich zu Meiland gekannt haben.  Munter, mein Geist; in
kurzem sollst du deine Freyheit haben.

Ariel (singt, indem er ihn ankleiden hilft.)
Wo die Biene saugt, saug’ ich;
Im Schooß der Primul lagr’ ich mich;
Dort schlaf ich, wenn die Eule schreyt;
Ich flieg’, in steter Munterkeit,
Fern von des Winters Ungemach
Dem angenehmen Sommer nach;
Wie frölich wird künftig mein Aufenthalt seyn
Unter den Blüthen im düftenden Hayn!

Prospero.
Gut, das ist mein artiger Ariel; ich werde dich vermissen, aber
doch sollst du frey seyn.  So, so, so; izt, unsichtbar wie du in
deiner eignen Gestalt bist, zu des Königs Schiff; dort wirst du die
Schiffleute im Raum schlaffend beysammen finden.  Weke sie, und
nöthige sie hieher; aber hurtig, ich bitte dich.

Ariel.
Ich trinke die Luft vor mir, und bin wieder da, eh euch der Puls
zweymal schlägt.

(Er geht ab.)

Gonsalo.
Lauter Schreknisse, Verwirrung, Wunder und Erstaunen wohnen hier;
möge uns irgend eine himmlische Macht wieder aus diesem
fürchterlichen Lande führen!

Prospero.
Siehe hier, o König, den ungerechter Weise gekränkten Herzog von
Meiland, Prospero: Dich desto besser zu versichern, daß ein
lebender Fürst izt mit dir spricht, umarme ich dich, und heisse
dich und deine Gesellschaft von Herzen willkommen.

Alonso.
Ob du Prospero bist, oder irgend ein bezaubertes Phantom, (wie ich
kürzlich selbst war,) das meine Augen täuschet, weiß ich nicht;
dein Puls schlägt, wie eines würklichen Menschen, und seit ich dich
sehe, nimmt die Bangigkeit des Gemüths ab, worinn mich, wie ich
fürchte, eine Beraubung der Vernunft sezte; wenn diese Dinge anders
würklich sind, so muß die Geschichte davon höchst seltsam seyn—Ich
gebe dir dein Herzogthum zurük, und bitte dich, mir zu verzeihen.
Aber wie ist es möglich, daß Prospero leben und hier seyn soll?

Prospero (zu Gonsalo.)
Zuerst, mein alter edler Freund, laß dich umarmen; du, dessen
Redlichkeit so unschäzbar als ohne Grenzen ist.

Gonsalo.
Ob das würklich ist, oder nicht, wollt’ ich nicht beschwören.

Prospero.
Ihr seyd noch so sehr von einigen Seltsamkeiten dieser Insel
betroffen, daß ihr nicht glauben könnet, was gewiß ist.  Willkommen,
meine Freunde, alle willkommen!  Aber ihr, mein feines Paar Herren,
wenn ich Lust hätte, so sollte mir’s nicht schwer fallen, euch den
Unwillen seiner Majestät zu zu ziehen, und zu beweisen, daß ihr
Verräther seyd; allein ich will izt keine Geschichten erzählen.

Sebastian.
Der Teufel spricht aus ihm.

Prospero.
Nein—Was euch betrift, höchst boshafter Herr, welchen (Bruder) zu
nennen meinen Mund schon vergiften würde, ich vergebe dir deine
ungeheursten Vergehungen alle zusammen; aber ich fordre mein
Herzogthum von dir zurük, welches du, wenn du gleich wolltest, mir
länger vorzuenthalten, nicht vermögend bist.

Alonso.
Wenn du Prospero bist, so berichte uns, wie du erhalten worden, und
auf welche Weise wir hier mit dir zusammen kommen, nachdem wir vor
drey Stunden an diesem Ufer einen Schiffbruch erlidten haben, der
mich, (o schmerzliches Angedenken!) meinen Sohn, meinen theuren
Sohn Ferdinand gekostet hat.

Prospero.
Ich bedaure es, Sire.

Alonso.
Der Verlust ist unersezlich, und die Geduld selbst gesteht, daß sie
ihn nicht heilen kan.

Prospero.
Ich glaube vielmehr, ihr habt ihre Hülfe nicht gesucht; denn durch
ihren milden und allesvermögenden Beystand, hab ich einen gleichen
Verlust mit Gelassenheit ertragen gelernt.

Alonso.
Ihr einen gleichen Verlust?

Prospero.
Zum mindsten, der für mich eben so wichtig ist, und ihn erträglich
zu machen, hab’ ich weit schwächere Mittel als ihr zu euerm Trost
ruffen könnt; denn ich habe meine Tochter verlohren.

Alonso.
Eine Tochter?  O Himmel, möchten sie beyde in Neapel leben, König
und Königin daselbst zu seyn.  Damit sie es seyn möchten, wie gern
wünscht’ ich selbst in dem nassen Bette versunken zu seyn, wo mein
Sohn ligt.  Wenn verlohrt ihr eure Tochter?

Prospero.
In diesem lezten Sturm—Ich merke, daß diese Herren, über unsre
unvermuthete Zusammenkunft so erstaunt sind, daß sie ihren Sinnen
nicht trauen dürfen, und mit Mühe glauben, daß ihre Augen ihnen die
Wahrheit zeigen, und ihre Worte natürlicher Athem seyen.  Allein,
so mißtrauisch euch die kürzlich erlidtene Beunruhigung eurer Sinne
gemacht hat, so wisset doch für gewiß, daß ich Prospero bin; eben
dieser Herzog, der von Meiland ausgetrieben wurde, und auf eine
wunderbare Weise an diesem Eilande, wo ihr gestrandet seyd,
anländete, um der Herr davon zu seyn.  Nichts mehr hievon, denn es
ist eine Chronik von Tag zu Tag, und nicht eine Erzählung bey einem
Frühstük, noch für diese erste Zusammenkunft geschikt.  Willkommen,
Sire; diese Celle ist mein Hof; ich habe hier wenige Hausgenossen,
und ausser demselben keine Unterthanen.  Ich bitte euch, schaut
hinein; da ihr mir mein Herzogthum wieder gegeben habt, so will ich
euch etwas eben so gutes dagegen geben, oder doch wenigstens ein
Wunder vor eure Augen bringen, das euch so sehr erfreuen wird, als
mich mein Herzogthum.

Vierte Scene.
(Die Thüre der Celle öffnet sich, und entdekt Ferdinand und Miranda,
die mit einander Schach spielen.)

Miranda.
Mein liebster Herr, ihr spielt mir einen Streich.

Ferdinand.
Nein, meine Allerliebste, das wollt ich für die ganze Welt nicht
thun.

Miranda.
Wenn es Königreiche gälte, ihr würdet gewiß schicaniren, und ich
würd’ es euch nicht übel nehmen.

Alonso.
Wenn das nur eine von den Erscheinungen dieser Insel ist, so werd’
ich einen theuren Sohn zweymal verliehren.

Sebastian.
Ein erstaunliches Wunder!

Ferdinand.
Wenn die Wellen schon drohen, so sind sie doch mitleidig; ich habe
ihnen ohne Ursache geflucht.

(Ferdinand kniet vor seinem Vater.)

Alonso.
O!  alle Segnungen eines erfreuten Vaters ergiessen sich über dich!
Steh auf, und sage wie du hieher gekommen bist?

Miranda.
O Wunder!  Wie viele feine Geschöpfe sind hier beysammen!  Wie
schön ist das menschliche Geschlecht!  O brave neue Welt, die
solche Einwohner hat!

Prospero.
Das ist etwas neues für dich.

Alonso.
Wer ist diß Mädchen, mit dem du spieltest?  Eure längste
Bekanntschaft kan nicht drey Stunden seyn: Ist es die Göttin die
uns getrennet, und wieder zusammengebracht hat?

Ferdinand.
Sire, sie ist eine Sterbliche, aber durch unsterbliche Vorsicht,
ist sie mein.  Ich wählte sie, da ich meinen Vater nicht zu Rathe
ziehen konnte, da ich nicht einmal denken durfte, einen Vater zu
haben.  Sie ist die Tochter dieses berühmten Herzogs von Meiland,
von dem ich so vieles erzählen hörte, eh ich ihn sah; von dem ich
ein zweytes Leben empfangen habe, und den diese junge Dame zu
meinem zweyten Vater macht.

Alonso.
Ich bin der ihrige; aber, oh wie wunderlich wird es klingen, daß
ich mein Kind um Verzeihung bitten muß!

Prospero.
Haltet ein, Sire; laßt uns unser Gedächtniß nicht mit unangenehmen
Dingen beschweren, die vorüber sind.

Gonsalo.
Das Übermaaß der zärtlichsten Freude ließ mich nicht zu Worten
kommen.  Schauet herab, ihr Götter, und lasset eine segensvolle
Krone auf dieses Paar herunter steigen; denn ihr seyd es, die den
Weg vorgezeichnet, der uns hieher gebracht hat.

Alonso.
Ich sage: Amen, Gonsalo!

Gonsalo.
Mußte Prospero von Meiland vertrieben werden, damit seine
Nachkommen Könige von Neapel werden möchten!  O freuet euch über
alle gewöhnliche Freuden, und grabt es in Gold auf ewig daurende
Pfeiler!  In Einer Reise fand Claribella einen Gemahl zu Tunis, und
Ferdinand, ihr Bruder, eine Braut, da wo er selbst verlohren war;
Prospero sein Herzogthum in einer armen Insel, und wir alle uns
selbst, zu einer Zeit, da niemand sein eigen war.

Alonso (zu Miranda und Ferdinand.)
Gebt mir eure Hände.

(Er legt ihre Hände in einander.)

Gram und Kummer umschling’ auf ewig dessen Herz, der euch nicht
Freude wünschet!

Gonsalo.
So sey es, Amen!

Fünfte Scene.
(Ariel mit dem Schiffspatron und dem Hochbootsmann, die ihm ganz
erstaunt und erschroken folgen, zu den Vorigen.)

Gonsalo.
O sehet, Sire, sehet, hier sind noch mehr von unsrer Gesellschaft.
Prophezeyte ich nicht, wenn noch ein Galgen auf dem Lande wäre, so
könnte dieser Bursche nicht ersauffen?  Nun, wie?  du, der die
Gnade selbst über Bord zu fluchen pflegte, hast du keinen Schwur
auf dem festen Lande übrig?  Hast du kein Maul zu Lande?  Was giebt
es neues?

Hochbootsmann.
Das beste Neue ist, daß wir unsern König und unsre Gesellschaft
gesund wieder antreffen; das nächste an diesem, daß unser Schiff,
welches wir erst vor drey Stunden dem Sturm preiß gaben, so ganz,
so neu und so wohl getakelt ist, als da wir es zuerst in die See
stiessen.

Ariel.
Mein Gebieter, alles das hab ich gethan, seit ich euch verließ.

Prospero.
Mein artiger Taschenspieler!

Alonso.
Das sind keine natürliche Begebenheiten; immer eine wunderbarer als
die andre!  Sage, wie kamst du hieher?

Bootsmann.
Gnädigster Herr, wenn ich dächte, daß ich gewiß wach wäre, so wollt
ich versuchen, ob ichs euch erzählen könnte.  Wir waren alle in
dichtem Schlaf, und, ich weiß selbst nicht wie, alle in den Raum
des Schiffs zusammengepakt, wo wir nur eben von einem seltsamen und
manchfaltigen Getöse von Brüllen, Schreyen, Heulen, Rasseln mit
Ketten, und andern entsezlichen Tönen aufgewekt wurden; auf einmal
hörte alles auf, wir sahen unser schönes, königliches Schiff mit
seinem ganzen Zugehör, in bestem Zustand; und indem unser Patron
von einer Seite zur andern sprang, um es in Augenschein zu nehmen,
so wurden wir, mit eurer Erlaubniß, in einem huy, wie in einem
Traum, von unsern Cameraden geschieden, und schlaftrunken hieher
gebracht.

Ariel (zu Prospero.)
War es wohl gethan?

Prospero.
Recht wohl, mein fleißiger Ariel, du sollst frey sein.

Alonso.
Das ist ein so seltsamer Irrgarten, als je ein Mensch betreten hat,
und es ist mehr als die Natur zuthun vermag, in diesem Geschäfte;
ohne ein Orakel ist es unmöglich, etwas davon zu begreiffen.

Prospero.
Mein gebietender Herr, beunruhigt euch nicht, das Wunderbare in
diesen Dingen zu ergründen; in kurzem will ich euch bey beßrer
Musse alles Stük vor Stük auflösen, was euch izt unbegreiflich ist:
bis dahin seyd frohen Muthes, und denkt von allem das beste.

(Zu Ariel leise.)

Hieher, Geist; seze Caliban und seine Gesellschaft in Freyheit;
löse die Bezauberung auf—Wie befindet ihr euch, mein Gnädigster
Herr?  Es mangeln noch ein Paar alte närrische Kerls von euerm
Gefolge, die ihr vergessen habt.

Sechste Scene.
(Ariel treibt Caliban, Stephano und Trinculo in ihren gestohlnen
Kleidern vor sich her.)

Stephano.
Jedermann sorge nur für andre Leute, und niemand bekümmre sich um
sich selbst; denn es ist alles nur Zufall und blindes Glük;
Courasche, du dikwanstiges Ungeheuer, Courasche!

Trinculo.
Wenn die Spionen, die ich in meinen Augen habe, die Wahrheit sagen,
so ist das ein hübscher Anblik.

Caliban.
O Setebos, das sind brave Geister, in der That!  Wie fein mein
Meister ist!  Aber ich fürchte, er wird mich züchtigen.

Sebastian.
Ha, ha; was für Dinge sind das, Antonio?  Kan man die um Geld haben?

Antonio.
Ich denk’ es; einer davon ist ein Fisch wie sich’s gehört, und
vermuthlich feil.

Prospero.
Beobachtet nur die Physionomie dieser Bursche, meine Herren, und
sagt dann, ob sie nicht die Wahrheit redt?  Dieses mißgeschaffnen
Schurken seine Mutter war eine Hexe, und eine so mächtige, daß sie
den Mond beherrschen, Ebbe und Fluth erregen, und ihre Befehle über
die Grenzen ihrer Macht ausdehnen konnte.  Diese drey haben mich
beraubt; und dieser Halb-Teufel, (denn er ist ein Bastard von einem
Teufel,) machte mit ihnen einen Anschlag wider mein Leben; zween
von diesen Gesellen werdet ihr für die eurige erkennen; was dieses
Geschöpf der Finsterniß betrift, so muß ich bekennen, daß es mir
zugehört.

Caliban.
Ich werde zu Tode gezwikt werden.

Alonso.
Ist das nicht Stephano, mein besoffner Kellermeister?

Sebastian.
Er ist würklich besoffen; woher kriegte er Wein?

Alonso.
Und Trinculo ist so voll daß er wakelt; wo können sie dieses grosse
Elixir gefunden haben, das sie übergüldet* hat?  Wie kamst du in
diesen Pökel?

{ed.-* Eine Anspielung auf das (Elixirium magnum), oder trinkbare Gold
der Alchymisten.  Warbürton.}

Trinculo.
Sire, ich bin immer in diesem Pökel gelegen, seitdem ich euch das
leztemal sah, ich sorge, ich werd ihn nimmer wieder aus dem Leibe
kriegen; ich darf nicht fürchten, daß mich die Fliegen beschmeissen.

Sebastian.
Wie geht’s, Stephano?

Stephano.
Rührt mich nicht an, ich bin nicht mehr Stephano, ich bin lauter
Wunde.**

{ed.-** Bey Durchlesung dieses Stüks muthmaßte ich immer, daß
Shakespear es von einem Italiänischen Scribenten entlehnt haben
möchte, da die Einheiten alle so regelmässig darinn beobachtet sind,
welches ausser den Italiänern, damals keine andre dramatische Poeten
thaten, und welches unser Autor nirgends als in diesem Stük gethan
hat, nichts zu gedenken, daß die Personen dieses Stüks alle Italiäner
sind.  Ich wurde in dieser Vermuthung noch mehr bestärkt, wie ich auf
diese Stelle kam.

Ein Spaß soll darinn ligen, das ist klar; aber wo er ligt, ist
schwer zu sagen.  Ich vermuthe, es war ein Wortspiel im Original,
das sich nicht übersezen ließ; vielleicht hieß es, ich bin nicht
(Stephano, sondern Staffilato,) indem dieses Wort im Italiänischen
einen bedeutet, der wol zerkrazt und zerstochen ist, welches
würklich der Fall war, worinn sich diese Bursche im 4ten Aufzug
befanden.—In (Riccoboni’s) Verzeichniß Italiänischer Schauspiele,
befinden sich auch: (Il Negromante di L.  Ariosto, prosa e verso),
und (Il Negromante Palliato di Gio-Angelo Petrucci, prosa.) Ob aber
der Sturm aus einem von diesen beyden entlehnt seyn mag, kan ich
nicht sagen, da ich sie nicht gesehen habe.  Warbürton.  Der
Übersetzer würde erfreut seyn, wenn er seinen Lesern über diesen
Punct aus dem Wunder helfen könnte; da er aber hiezu keine
Gelegenheit gehabt, so ist alles was er sagen kan, daß wenn auch
Shakespear die Idee und die Anlage dieses Stüks aus einem
Italiänischen genommen hätte, es schwerlich auf eine andre Art
geschehen sey, als wie man vom Milton sagen kan, daß er das
verlohrne Paradies aus einer Italiänischen Comödie von Erschaffung
der Welt entlehnt habe.}

Prospero.
Und doch wolltest du König über diese Insel seyn, Schurke.

Stephano.
So würde ich ein siecher König gewesen seyn.

Alonso (auf Caliban deutend.)
Das ist ein so seltsames Ding als ich je eines gesehen habe.

Prospero.
Er ist so ungestalt in seinen Sitten als in seiner Bildung.  Geh,
Schurke, in meine Celle, nimm deine Cameraden mit dir, und räume
alles hübsch auf, so lieb dir deine Begnadigung ist.

Caliban.
Ja, das will ich; und ich will künftig gescheidter seyn, und mich
um eure Gnade bemühen.  Was für ein dreyfach gedoppelter Esel war
ich, diesen besoffnen Kerl für einen Gott zu halten, und diesem
dummköpfigten Narren Ehre zu erweisen?

Prospero.
Geh deines Weges.

Alonso.
Fort, und thut euern Trödel wieder hin, wo ihr ihn gefunden habt.

Prospero.
Sire, ich lade Euer Majestät und euer Gefolg in meine arme Celle
ein, um darinn diese einzige Nacht zuzubringen, wovon ich euch
einen Theil mit Gesprächen vertreiben will, deren Inhalt euch, wie
ich hoffe, keine lange Weile lassen wird; mit der Geschichte meines
Lebens, und den besondern Umständen, die sich, seitdem ich in diese
Insel kam, zugetragen haben.  Morgen will ich euch alsdann auf euer
Schiff bringen, und so nach Neapel, wo ich Hoffnung habe, die
Vermählung dieser unsrer geliebten Kinder feyrlich begangen zu
sehen, und dann nach Meiland zurük zu kehren, wo jeder dritter
Gedanke mein Grab seyn soll.

Alonso.
Mich verlangt mit Ungeduld die Geschichte euers Lebens zu hören,
welche nicht anders als voll ausserordentlicher Sachen seyn kan.

Prospero.
Ich will euch alles entdeken, und verspreche euch eine ruhige See,
glükliche Winde, und so schnelle Seegel, daß wir eure Flotte bald
eingeholt haben wollen—mein Ariel, das ist deine lezte Arbeit;
dann kehr’ auf immer frey in dein Element zurük, und lebe wohl—
Folget mir, wenn es euch gefällt.

(Alle gehen ab.)

Der Kaufmann von Venedig — August Wilhelm von Schlegel

Personen:

Der Doge von Venedig
Prinz von Marokko und Prinz von Arragon, (Freier der Porzia)
Antonio, (der Kaufmann von Venedig)
Bassanio, (sein Freund)
Solanio, Salarino und Graziano, (Freunde des Antonio)
Lorenzo, (Liebhaber der Jessica)
Shylock, (ein Jude)
Tubal, (ein Jude, sein Freund)
Lanzelot Gobbo, (Shylocks Diener)
Der alte Gobbo, (Lanzelots Vater)
Salerio, (ein Bote von Venedig)
Leonardo, (Bassanios Diener)
Balthasar und Stephano, (Porzias Diener)
Porzia, (eine reiche Erbin)
Nerissa, (ihre Begleiterin)
Jessica, (Shylocks Tochter)
Senatoren von Venedig, Beamte des Gerichtshofes, Gefangenwärter,
Bediente und andres Gefolge

Die Szene ist teils zu Venedig, teils zu Belmont, Porzias Landsitz.

Erster Aufzug

Erste Szene

Venedig.  Eine Straße

(Antonio, Salarino und Solanio treten auf)

Antonio.
Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht;
Ich bin es satt; ihr sagt, das seid ihr auch.
Doch wie ich dran kam, wie mir’s angeweht,
Von was für Stoff es ist, woraus erzeugt,
Das soll ich erst erfahren.
Und solchen Dummkopf macht aus mir die Schwermut,
Ich kenne mit genauer Not mich selbst.

Salarino.
Eur Sinn treibt auf dem Ozean umher,
Wo Eure Galeonen, stolz besegelt,
Wie Herrn und reiche Bürger auf der Flut,
Als wären sie das Schaugepräng der See,
Hinwegsehn über kleines Handelsvolk,
Das sie begrüßet, sich vor ihnen neigt,
Wie sie vorbeiziehn mit gewebten Schwingen.

Solanio.
Herr, glaubt mir, hätt ich soviel auf dem Spiel,
Das beste Teil von meinem Herzen wäre
Bei meiner Hoffnung auswärts.  Immer würd ich
Gras pflücken, um den Zug des Winds zu sehn;
Nach Häfen, Reed’ und Damm in Karten gucken,
Und alles, was mich Unglück fürchten ließ
Für meine Ladungen, würd ohne Zweifel
Mich traurig machen.

Salarino.
Mein Hauch, der meine Suppe kühlte, würde
Mir Fieberschauer anwehn, dächt ich dran,
Wieviel zur See ein starker Wind kann schaden.
Ich könnte nicht die Sanduhr rinnen sehn,
So dächt ich gleich an Seichten und an Bänke,
Säh meinen «reichen Hans» im Sande fest,
Das Haupt bis unter seine Rippen neigend,
Sein Grab zu küssen.  Ging ich in die Kirche
Und säh das heilige Gebäu’ von Stein,
Sollt ich nicht gleich an schlimme Felsen denken,
Die an das zarte Schiff nur rühren dürfen,
So streut es auf den Strom all sein Gewürz
Und hüllt die wilde Flut in meine Seiden.
Und kurz, jetzt eben dies Vermögen noch,
Nun gar keins mehr?  Soll ich, daran zu denken,
Gedanken haben und mir doch nicht denken,
Daß solch ein Fall mich traurig machen würde?
Doch sagt mir nichts; ich weiß, Antonio
Ist traurig, weil er seines Handels denkt.

Antonio.
Glaubt mir, das nicht; ich dank es meinem Glück:
Mein Vorschuß ist nicht (einem) Schiff vertraut,
Noch (einem) Ort; noch hängt mein ganz Vermögen
Am Glücke dieses gegenwärtgen Jahrs;
Deswegen macht mein Handel mich nicht traurig.

Solanio.
So seid Ihr denn verliebt?

Antonio.
Pfui, pfui!

Solanio.
Auch nicht verliebt?  Gut denn, so seid Ihr traurig,
Weil Ihr nicht lustig seid; Ihr könntet eben
Auch lachen, springen, sagen: Ihr seid lustig,
Weil Ihr nicht traurig seid.  Nun, beim zweiköpfgen Janus!
Natur bringt wunderliche Käuz ans Licht:
Der drückt die Augen immer ein und lacht
Wie ‘n Starmatz über einen Dudelsack;
Ein andrer von so saurem Angesicht,
Daß er die Zähne nicht zum Lachen wiese,
Schwür Nestor auch, der Spaß sei lachenswert.

(Bassanio, Lorenzo und Graziano kommen.)

Hier kommt Bassanio, Euer edler Vetter,
Graziano und Lorenzo; lebt nun wohl,
Wir lassen Euch in besserer Gesellschaft.

Salarino.
Ich wär geblieben, bis ich Euch erheitert;
Nun kommen wertre Freunde mir zuvor.

Antonio.
Sehr hoch steht Euer Wert in meiner Achtung;
Ich nehm es so, daß Euch Geschäfte rufen
Und Ihr den Anlaß wahrnehmt, wegzugehn.

Salarino.
Guten Morgen, liebe Herren!

Bassanio.
Ihr lieben Herrn, wann lachen wir einmal?
Ihr macht euch gar zu selten: muß das sein?

Salarino.
Wir stehen Euch zu Diensten, wann’s beliebt.

(Salarino und Solanio ab.)

Lorenzo.
Da Ihr Antonio gefunden habt,
Bassanio, wollen wir Euch nun verlassen.
Doch bitt ich, denkt zur Mittagszeit daran,
Wo wir uns treffen sollen.

Bassanio.
Rechnet drauf.

Graziano.
Ihr seht nicht wohl, Signor Antonio;
Ihr macht Euch mit der Welt zuviel zu schaffen:
Der kommt darum, der mühsam sie erkauft.
Glaubt mir, Ihr habt Euch wunderbar verändert.

Antonio.
Mir gilt die Welt nur wie die Welt, Graziano;
Ein Schauplatz, wo man eine Rolle spielt,
Und mein’ ist traurig.

Graziano.
Laßt den Narrn mich spielen,
Mit Lust und Lachen laßt die Runzeln kommen
Und laßt die Brust von Wein mir lieber glühn,
Als härmendes Gestöhn das Herz mir kühlen.
Weswegen sollt ein Mann mit warmem Blut
Dasitzen wie sein Großpapa, gehaun
In Alabaster?  Schlafen, wenn er wacht?
Und eine Gelbsucht an den Leib sich ärgern?
Antonio, ich will dir etwas sagen;
Ich liebe dich, und Liebe spricht aus mir:
Es gibt so Leute, deren Angesicht
Sich überzieht gleich einem stehnden Sumpf,
Und die ein eigensinnig Schweigen halten,
Aus Absicht, sich in einen Schein zu kleiden
Von Weisheit, Würdigkeit und tiefem Sinn;
Als wenn man spräche: Ich bin Herr Orakel;
Tu ich den Mund auf, rühr sich keine Maus.
O mein Antonio, ich kenne deren,
Die man deswegen bloß für Weise hält,
Weil sie nichts sagen; sprächen sie, sie brächten
Die Ohren, die sie hörten, in Verdammnis,
Weil sie die Brüder Narren schelten würden.
Ein andermal sag ich dir mehr hievon;
Doch fische nicht mit so trübselgem Köder
Nach diesem Narren-Gründling, diesem Schein.
Komm, Freund Lorenzo!—Lebt so lange wohl,
Ich schließe meine Predigt nach der Mahlzeit.

Lorenzo.
Gut, wir verlassen Euch bis Mittagszeit.
Ich muß von diesen stummen Weisen sein,
Denn Graziano läßt mich nie zum Wort.

Graziano.
Gut, leiste mir zwei Jahre noch Gesellschaft,
So kennst du deiner Zunge Laut nicht mehr.

Antonio.
Lebt wohl!  Ich werd ein Schwätzer Euch zulieb.

Graziano.
Dank, fürwahr!  denn Schweigen ist bloß zu empfehlen
An geräucherten Zungen und jungfräulichen Seelen.

(Graziano und Lorenzo ab.)

Antonio.
Ist das nun irgend was?

Bassanio.
Graziano spricht unendlich viel nichts, mehr als irgendein Mensch
in ganz Venedig. Seine vernünftigen Gedanken sind wie zwei
Weizenkörner in zwei Scheffel Spreu versteckt; Ihr sucht den
ganzen Tag, bis Ihr sie findet, und wenn Ihr sie habt, so
verlohnen sie das Suchen nicht.

Antonio.
Gut, sagt mir jetzt, was für ein Fräulein ist’s,
Zu der geheime Wallfahrt Ihr gelobt,
Wovon Ihr heut zu sagen mir verspracht?

Bassanio.
Euch ist nicht unbekannt, Antonio,
Wie sehr ich meinen Glücksstand hab erschöpft,
Indem ich glänzender mich eingerichtet,
Als meine schwachen Mittel tragen konnten.
Auch jammr’ ich jetzt nicht, daß die große Art
Mir untersagt ist; meine Sorg ist bloß,
Mit Ehren von den Schulden loszukommen,
Worin mein Leben, etwas zu verschwendrisch,
Mich hat verstrickt.  Bei Euch, Antonio,
Steht meine größte Schuld, an Geld und Liebe,
Und Eure Liebe leistet mir Gewähr,
Daß ich Euch meine Plän eröffnen darf,
Wie ich mich löse von der ganzen Schuld.

Antonio.
Ich bitt Euch, mein Bassanio, laßt mich’s wissen;
Und steht es, wie Ihr selber immer tut,
Im Angesicht der Ehre, seid gewiß:
Ich selbst, mein Beutel, was ich nur vermag,
Liegt alles offen da zu Euerm Dienst.

Bassanio.
In meiner Schulzeit, wenn ich einen Bolzen
Verloren hatte, schoß ich seinen Bruder
Von gleichem Schlag den gleichen Weg; ich gab
Nur besser acht, um jenen auszufinden,
Und, beide wagend, fand ich beide oft.
Ich führ Euch dieses Kinderbeispiel an,
Weil das, was folgt, die lautre Unschuld ist.
Ihr lieht mir viel, und wie ein wilder Junge
Verlor ich, was Ihr lieht; allein, beliebt’s Euch,
Noch einen Pfeil desselben Wegs zu schießen,
Wohin der erste flog, so zweifl ich nicht,
Ich will so lauschen, daß ich beide finde.
Wo nicht, bring ich den letzten Satz zurück
Und bleib Eur Schuldner, dankbar für den ersten.

Antonio.
Ihr kennt mich und verschwendet nur die Zeit,
Da Ihr Umschweife macht mit meiner Liebe.
Unstreitig tut Ihr jetzt mir mehr zu nah,
Da Ihr mein Äußerstes in Zweifel zieht,
Als hättet Ihr mir alles durchgebracht.
So sagt mir also nur, was ich soll tun,
Wovon Ihr wißt, es kann durch mich geschehn,
Und ich bin gleich bereit: deswegen sprecht!

Bassanio.
In Belmont ist ein Fräulein, reich an Erbe,
Und sie ist schön und, schöner als dies Wort,
Von hohen Tugenden; von ihren Augen
Empfing ich holde, stumme Botschaft einst.
Ihr Nam’ ist Porzia; minder nicht an Wert
Als Catos Tochter, Brutus’ Porzia.
Auch ist die weite Welt des nicht unkundig,
Denn die vier Winde wehn von allen Küsten
Berühmte Freier her; ihr sonnig Haar
Wallt um die Schläf ihr wie ein goldnes Vlies;
Zu Kolchos’ Strande macht es Belmonts Sitz,
Und mancher Iason kommt, bemüht um sie.
O mein Antonio!  hätt ich nur die Mittel,
Den Rang mit ihrer einem zu behaupten,
So weissagt mein Gemüt so günstig mir,
Ich werde sonder Zweifel glücklich sein.

Antonio.
Du weißt, mein sämtlich Gut ist auf der See;
Mir fehlt’s an Geld und Anstalt, eine Summe
Gleich bar zu heben; also geh, sieh zu,
Was in Venedig mein Kredit vermag:
Den spann ich an bis auf das äußerste,
Nach Belmont dich für Porzia auszustatten.
Geh, frage gleich herum, ich will es auch,
Wo Geld zu haben; ich bin nicht besorgt,
Daß man uns nicht auf meine Bürgschaft borgt.

(Beide ab.)

Zweite Szene

Belmont.  Ein Zimmer in Porzias Hause

(Porzia und Nerissa kommen)

Porzia.
Auf mein Wort, Nerissa, meine kleine Person ist dieser großen
Welt überdrüssig.

Nerissa.
Ihr würdet es sein, bestes Fräulein, wenn Euer Ungemach in ebenso
reichem Maße wäre, als Euer gutes Glück ist. Und doch, nach
allem, was ich sehe, sind die ebenso krank, die sich mit
allzuviel überladen, als die bei nichts darben. Es ist also kein
mittelmäßiges Los, im Mittelstande zu sein. Überfluß kommt eher
zu grauen Haaren, aber Auskommen lebt länger.

Porzia.
Gute Sprüche, und gut vorgetragen.

Nerissa.
Gut befolgt wären sie besser.

Porzia.
Wäre tun so leicht als wissen, was gut zu tun ist, so wären
Kapellen Kirchen geworden und armer Leute Hütten Fürstenpaläste.
Der ist ein guter Prediger, der seine eignen Ermahnungen
befolgt;—ich kann leichter zwanzig lehren, was gut zu tun ist,
als einer von den zwanzigen sein und meine eignen Lehren
befolgen. Das Gehirn kann Gesetze für das Blut aussinnen; aber
eine hitzige Natur springt über eine kalte Vorschrift hinaus.
Solch ein Hase ist Tollheit, der junge Mensch, daß er weghüpft
über das Netz des Krüppels guter Rat. Aber dies Vernünfteln hilft
mir nicht dazu, einen Gemahl zu wählen.—O über das Wort
(wählen!) Ich kann weder wählen, wen ich will, noch ausschlagen,
wen ich nicht mag: so wird der Wille einer lebenden Tochter durch
den letzten Willen eines toten Vaters gefesselt. Ist es nicht
hart, Nerissa, daß ich nicht (einen) wählen und auch keinen
ausschlagen darf?

Nerissa.
Euer Vater war allzeit tugendhaft, und fromme Männer haben im
Tode gute Eingebungen: also wird die Lotterie, die er mit diesen
drei Kästchen von Gold, Silber und Blei ausgesonnen hat, daß der,
welcher seine Mitgift trifft, Euch erhält, ohne Zweifel von
niemand recht getroffen werden als von einem, der Euch recht
liebt. Aber welchen Grad von Zuneigung fühlt Ihr gegen
irgendeinen der fürstlichen Freier, die schon gekommen sind?

Porzia.
Ich bitte dich, nenne sie her; wie du sie nennst, will ich sie
beschreiben, und von meiner Beschreibung schließe auf meine
Zuneigung.

Nerissa.
Zuerst ist da der neapolitanische Prinz.

Porzia.
Das ist ein wildes Füllen, in der Tat. Er spricht von nichts als
seinem Pferde und bildet sich nicht wenig auf seine Talente ein,
daß er es selbst beschlagen kann. Ich fürchte sehr, seine gnädige
Frau Mutter hat es mit einem Schmied gehalten.

Nerissa.
Ferner ist da der Pfalzgraf.

Porzia.
Er tut nichts wie stirnrunzeln, als wollt er sagen: «Wenn Ihr
mich nicht haben wollt, so laßts!» Er hört lustige Geschichten an
und lächelt nicht. Ich fürchte, es wird der weinende Philosoph
aus ihm, wenn er alt wird, da er in seiner Jugend so unhöflich
finster sieht. Ich möchte lieber an einen Totenkopf mit dem
Knochen im Munde verheiratet sein als an einen von diesen. Gott
beschütze mich vor beiden!

Nerissa.
Was sagt Ihr denn zu dem französischen Herrn, Monsieur le Bon?

Porzia.
Gott schuf ihn, also laßt ihn für einen Menschen gelten. Im
Ernst, ich weiß, daß es sündlich ist, ein Spötter zu sein; aber
er! Ja doch, er hat ein besseres Pferd als der Neapolitaner; eine
bessere schlechte Gewohnheit, die Stirn zu runzeln, als der
Pfalzgraf; er ist jedermann und niemand. Wenn eine Drossel singt,
so macht er gleich Luftsprünge; er ficht mit seinem eigenen
Schatten. Wenn ich ihn nähme, so nähme ich zwanzig Männer; wenn
er mich verachtete, so vergäbe ich es ihm: denn er möchte mich
bis zur Tollheit lieben, ich werde es niemals erwidern.

Nerissa.
Was sagt Ihr denn zu Faulconbridge, dem jungen Baron aus England?

Porzia.
Ihr wißt, ich sage nichts zu ihm, denn er versteht mich nicht,
noch ich ihn. Er kann weder Lateinisch, Französisch, noch
Italienisch; und Ihr dürft wohl einen körperlichen Eid ablegen,
daß ich nicht für einen Heller Englisch verstehe. Er ist eines
feinen Mannes Bild—aber ach! wer kann sich mit einer stummen
Figur unterhalten? Wie seltsam er gekleidet ist! Ich glaube, er
kaufte sein Wams in Italien, seine weiten Beinkleider in
Frankreich, seine Mütze in Deutschland und sein Betragen
allenthalben.

Nerissa.
Was haltet Ihr von dem schottischen Herrn, seinem Nachbar?

Porzia.
Daß er eine christliche Nachbarnliebe an sich hat, denn er borgte
eine Ohrfeige von dem Engländer und schwor, sie wiederzubezahlen,
wenn er imstande wäre; ich glaube, der Franzose ward sein Bürge
und unterzeichnete für den andern.

Nerissa.
Wie gefällt Euch der junge Deutsche, des Herzogs von Sachsen Neffe?

Porzia.
Sehr abscheulich des Morgens, wenn er nüchtern ist, und höchst
abscheulich des Nachmittags, wenn er betrunken ist. Wenn er am
besten ist, so ist er wenig schlechter als ein Mensch, und wenn
er am schlechtesten ist, wenig besser als ein Vieh. Komme das
Schlimmste, was da will, ich hoffe, es soll mir doch glücken, ihn
loszuwerden.

Nerissa.
Wenn er sich erböte zu wählen und wählte das rechte Kästchen, so
schlügt Ihr ab, Eures Vaters Willen zu tun, wenn Ihr abschlügt,
ihn zu nehmen.

Porzia.
Aus Furcht vor dem Schlimmsten bitte ich dich also, setze einen
Römer voll Rheinwein auf das falsche Kästchen; denn wenn der
Teufel darin steckt, und diese Versuchung ist von außen daran, so
weiß ich, er wird es wählen. Alles lieber, Nerissa, als einen
Schwamm heiraten.

Nerissa.
Ihr braucht nicht zu fürchten, Fräulein, daß Ihr einen von diesen
Herren bekommt; sie haben mir ihren Entschluß eröffnet, welcher
in nichts anderm besteht, als sich nach Hause zu begeben und Euch
nicht mehr mit Bewerbungen lästig zu fallen, Ihr müßtet denn auf
eine andre Weise zu gewinnen sein als nach Eures Vaters
Vorschrift in Ansehung der Kästchen.

Porzia.
Sollte ich so alt werden wie Sibylla, will ich doch so keusch
sterben wie Diana, wenn ich nicht dem letzten Willen meines
Vaters gemäß erworben werde. Ich bin froh, daß diese Partei
Freier so vernünftig ist; denn es ist nicht einer darunter, nach
dessen Abwesenheit mich nicht sehnlichst verlangt, und ich bitte
Gott, ihnen eine glückliche Reise zu verleihn.

Nerissa.
Erinnert Ihr Euch nicht, Fräulein, von Eures Vaters Lebzeiten
eines Venezianers, eines Studierten und Kavaliers, der in
Gesellschaft des Marquis von Montferrat hierher kam?

Porzia.
Ja ja, es war Bassanio: so, denke ich, nannte er sich.

Nerissa.
Ganz recht, Fräulein. Von allen Männern, die meine törichten
Augen jemals erblickt haben, war er einer schönen Frau am meisten
wert.

Porzia.
Ich erinnre mich seiner wohl und erinnre mich, daß er dein Lob
verdient.

(Ein Diener kommt.)

Nun, was gibt es Neues?

Bedienter.
Die vier Fremden suchen Euch, Fräulein, um Abschied zu nehmen;
und es ist ein Vorläufer von einem fünften da, vom Prinzen von
Marokko, der Nachricht bringt, daß sein Herr, der Prinz, zu Nacht
hier sein wird.

Porzia.
Könnte ich den fünften mit so gutem Herzen willkommen heißen, als
ich den vier andern Lebewohl sage, so wollte ich mich seiner
Ankunft freuen. Hat er das Gemüt eines Heiligen und das Geblüt
eines Teufels, so wollte ich lieber, er weihte mich, als er
freite mich. Komm, Nerissa.—Geht voran, Bursch.—Derweil wir die
Pforte hinter einem Freier verschließen, klopft ein andrer an die
Tür.

(Alle ab.)

Dritte Szene

Venedig.  Ein öffentlicher Platz

(Bassanio und Shylock treten auf)

Shylock.
Dreitausend Dukaten—gut.

Bassanio.
Ja, Herr, auf drei Monate.

Shylock.
Auf drei Monate—gut.

Bassanio.
Wofür, wie ich Euch sagte, Antonio Bürge sein soll.

Shylock.
Antonio Bürge sein soll—gut.

Bassanio.
Könnt Ihr mir helfen? Wollt Ihr mir gefällig sein? Soll ich Eure
Antwort wissen?

Shylock.
Dreitausend Dukaten, auf drei Monate, und Antonio Bürge.

Bassanio.
Eure Antwort darauf?

Shylock.
Antonio ist ein guter Mann.

Bassanio.
Habt Ihr irgendeine Beschuldigung des Gegenteils wider ihn
gehört?

Shylock.
Ei nein, nein, nein!—Wenn ich sage, er ist ein guter Mann, so
meine ich damit, versteht mich, daß er vermögend ist. Aber seine
Mittel stehen auf Hoffnung; er hat eine Galeone, die auf Tripolis
geht, eine andre nach Indien. Ich höre ferner auf dem Rialto, daß
er eine dritte zu Mexiko hat, eine vierte nach England—und so
hat er noch andre Auslagen in der Fremde verstreut. Aber Schiffe
sind nur Bretter, Matrosen sind nur Menschen; es gibt Landratten
und Wasserratten, Wasserdiebe und Landdiebe—ich will sagen,
Korsaren, und dann haben wir die Gefahr von Wind, Wellen und
Klippen.—Der Mann ist bei alledem vermögend—dreitausend
Dukaten—ich denke, ich kann seine Bürgschaft annehmen.

Bassanio.
Seid versichert, Ihr könnt es.

Shylock.
Ich will versichert sein, daß ich es kann; und damit ich
versichert sein kann, will ich mich bedenken. Kann ich Antonio
sprechen?

Bassanio.
Wenn es Euch beliebt, mit uns zu speisen.

Shylock.
Ja, um Schinken zu riechen, von der Behausung zu essen, wo euer
Prophet, der Nazarener, den Teufel hineinbeschwor. Ich will mit
euch handeln und wandeln, mit euch stehen und gehen, und was
dergleichen mehr ist; aber ich will nicht mit euch essen, mit
euch trinken, noch mit euch beten. Was gibt es Neues auf dem
Rialto?—Wer kommt da?
(Antonio kommt.)

Bassanio.
Das ist Signor Antonio.

Shylock (für sich).
Wie sieht er einem falschen Zöllner gleich!
Ich hass’ ihn, weil er von den Christen ist,
Doch mehr noch, weil er aus gemeiner Einfalt
Umsonst Geld ausleiht und hier in Venedig
Den Preis der Zinsen uns herunterbringt.
Wenn ich ihm mal die Hüfte rühren kann,
So tu ich meinem alten Grolle gütlich.
Er haßt mein heilig Volk und schilt selbst da,
Wo alle Kaufmannschaft zusammenkommt
Mich, mein Geschäft und rechtlichen Gewinn,
Den er nur Wucher nennt.  Verflucht mein Stamm,
Wenn ich ihm je vergebe!

Bassanio.
Shylock, hört Ihr?

Shylock.
Ich überlege meinen baren Vorrat;
Doch, wie ich’s ungefähr im Kopfe habe,
Kann ich die volle Summe von dreitausend
Dukaten nicht gleich schaffen.—Nun, was tut’s?
Tubal, ein wohlbegüterter Hebräer,
Hilft mir schon aus.—Doch still!  auf wieviel Monat
Begehrt Ihr?—(Zu Antonio.)
Geh’s Euch wohl, mein werter Herr!
Von Euer Edlen war die Rede eben.

Antonio.
Shylock, wiewohl ich weder leih noch borge,
Um Überschuß zu geben oder nehmen,
Doch will ich, weil mein Freund es dringend braucht,
Die Sitte brechen.—Ist er unterrichtet,
Wieviel Ihr wünscht?

Shylock.
Ja, ja, dreitausend Dukaten.

Antonio.
Und auf drei Monat.

Shylock.
Ja, das vergaß ich—auf drei Monat also.
Nun gut denn, Eure Bürgschaft!  laßt mich sehn—
Doch hört mich an; Ihr sagtet, wie mich dünkt,
Daß Ihr auf Vorteil weder leiht noch borgt.

Antonio.
Ich pfleg es nie.

Shylock.
Als Jakob Labans Schafe hütete—
Er war nach unserm heilgen Abraham,
Weil seine Mutter weislich für ihn schaffte,
Der dritte Erbe—ja, ganz recht, der dritte—

Antonio.
Was tut das hier zur Sache?  Nahm er Zinsen?

Shylock.
Nein, keine Zinsen; was man Zinsen nennt,
Das grade nicht; gebt acht, was Jakob tat:
Als er mit Laban sich verglichen hatte,
Was von den Lämmern bunt und sprenklicht fiele,
Das sollte Jakobs Lohn sein, kehrten sich
Im Herbst die brünstgen Mütter zu den Widdern;
Und wenn nun zwischen dieser wollgen Zucht
Das Werk der Zeugung vor sich ging, so schälte
Der kluge Schäfer Euch gewisse Stäbe,
Und weil sie das Geschäft der Paarung trieben,
Steckt’ er sie vor den geilen Müttern auf,
Die so empfingen; und zur Lämmerzeit
Fiel alles buntgesprengt und wurde Jakobs.
So kam er zum Gewinn und ward gesegnet:
Gewinn ist Segen, wenn man ihn nicht stiehlt.

Antonio.
Dies war ein Glücksfall, worauf Jakob diente;
In seiner Macht stand’s nicht, es zu bewirken;
Des Himmels Hand regiert’ und lenkt’ es so.
Steht dies, um Zinsen gutzuheißen, da?
Und ist Eur Gold und Silber Schaf und Widder?

Shylock.
Weiß nicht; ich laß es eben schnell sich mehren.
Doch hört mich an, Signor.

Antonio.
Siehst du, Bassanio,
Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen.
Ein arg Gemüt, das heilges Zeugnis vorbringt,
Ist wie ein Schalk mit Lächeln auf der Wange,
Ein schöner Apfel, in dem Herzen faul.
O wie der Falschheit Außenseite glänzt!

Shylock.
Dreitausend Dukaten—‘s ist ‘ne runde Summe.
Drei Mond auf zwölf—laßt sehen, was das bringt.—

Antonio.
Nun, Shylock, soll man Euch verpflichtet sein?

Shylock.
Signor Antonio, viel und oftermals
Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht
Um meine Gelder und um meine Zinsen;
Stets trug ich’s mit geduldgem Achselzucken,
Denn Dulden ist das Erbteil unsers Stamms.
Ihr scheltet mich abtrünnig, einen Bluthund,
Und speit auf meinen jüdischen Rockelor,
Bloß weil ich nutze, was mein eigen ist.
Gut denn, nun zeigt es sich, daß Ihr mich braucht.
Da habt Ihr’s; Ihr kommt zu mir, und Ihr sprecht:
«Shylock, wir wünschten Gelder.» So sprecht Ihr,
Der mir den Auswurf auf den Bart geleert
Und mich getreten, wie Ihr von der Schwelle
Den fremden Hund stoßt; Geld ist Eur Begehren,
Wie sollt ich sprechen nun?  Sollt ich nicht sprechen:
«Hat ein Hund Geld?  Ist’s möglich, daß ein Spitz
Dreitausend Dukaten leihn kann?» oder soll ich
Mich bücken und in eines Schuldners Ton,
Demütig wispernd, mit verhaltnem Odem,
So sprechen: «Schöner Herr, am letzten Mittwoch
Spiet Ihr mich an; Ihr tratet mich den Tag;
Ein andermal hießt Ihr mich einen Hund;
Für diese Höflichkeiten will ich Euch
Die und die Gelder leihn.»

Antonio.
Ich könnte leichtlich wieder so dich nennen,
Dich wieder anspein, ja mit Füßen treten.
Willst du dies Geld uns leihen, leih es nicht
Als deinen Freunden (denn wann nahm die Freundschaft
Vom Freund Ertrag für unfruchtbar Metall?);
Nein, leih es lieber deinem Feind; du kannst,
Wenn er versäumt, mit beßrer Stirn eintreiben,
Was dir verfallen ist.

Shylock.
Nun seht mir, wie Ihr stürmt!
Ich wollt Euch Liebes tun, Freund mit Euch sein,
Die Schmach vergessen, die Ihr mir getan,
Das Nötge schaffen und keinen Heller Zins
Für meine Gelder nehmen; und Ihr hört nicht:
Mein Antrag ist doch liebreich.

Antonio.
Ja, das wär er.

Shylock.
Und diese Liebe will ich Euch erweisen.
Geht mit mir zum Notarius, da zeichnet
Mir Eure Schuldverschreibung; und zum Spaß,
Wenn Ihr mir nicht auf den bestimmten Tag
An dem bestimmten Ort die und die Summe,
Wie der Vertrag nun lautet, wiederzahlt:
Laßt uns ein volles Pfund von Eurem Fleisch
Zur Buße setzen, das ich schneiden dürfe
Aus welchem Teil von Eurem Leib ich will.

Antonio.
Es sei, aufs Wort!  Ich will den Schein so zeichnen
Und sagen, daß ein Jude liebreich ist.

Bassanio.
Ihr sollt für mich dergleichen Schein nicht zeichnen:
Ich bleibe dafür lieber in der Not.

Antonio.
Ei, fürchte nichts!  Ich werde nicht verfallen;
Schon in zwei Monden, einen Monat früher
Als die Verschreibung fällig, kommt gewiß
Zehnfältig der Betrag davon mir ein.

Shylock.
O Vater Abraham!  über diese Christen,
Die eigne Härte anderer Gedanken
Argwöhnen lehrt!  Ich bitt Euch, sagt mir doch
Versäumt er seinen Tag, was hätt ich dran,
Die mir verfallne Buße einzutreiben?
Ein Pfund von Menschenfleisch, von einem Menschen
Genommen, ist so schätzbar, auch so nutzbar nicht
Als Fleisch von Schöpsen, Ochsen, Ziegen.  Seht,
Ihm zu Gefallen biet ich diesen Dienst:
Wenn er ihn annimmt, gut; wo nicht, lebt wohl!
Und, bitt Euch, kränkt mich nicht für meine Liebe.

Antonio.
Ja, Shylock, ich will diesen Schein dir zeichnen.

Shylock.
So trefft mich gleich im Hause des Notars,
Gebt zu dem lustgen Schein ihm Anweisung;
Ich gehe, die Dukaten einzusacken,
Nach meinem Haus zu sehn, das in der Hut
Von einem lockern Buben hinterblieb,
Und will im Augenblicke bei Euch sein.

Antonio.
So eil dich, wackrer Jude.—

(Shylock ab.)

Der Hebräer
Wird noch ein Christ; er wendet sich zur Güte.

Bassanio.
Ich mag nicht Freundlichkeit bei tückischem Gemüte.

Antonio.
Kommt nur!  Hiebei kann kein Bedenken sein,
Längst vor der Zeit sind meine Schiff herein.

(Ab.)

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Belmont.  Ein Zimmer in Porzias Hause

(Trompetenstoß. Der Prinz von Marokko und sein Zug; Porzia,
Nerissa und andre von ihrem Gefolge treten auf)

Marokko.
Verschmähet mich ob meiner Farbe nicht,
Die schattige Livrei der lichten Sonne,
Die mich als nahen Nachbar hat gepflegt.
Bringt mir den schönsten Mann, erzeugt im Norden,
Wo Phöbus’ Glut kaum schmelzt des Eises Zacken,
Und ritzen wir uns Euch zulieb die Haut,
Wes Blut am rötsten ist, meins oder seins.
Ich sag Euch, Fräulein, dieses mein Gesicht
Hat Tapfre schon geschreckt; bei meiner Liebe schwör ich,
Die edlen Jungfraun meines Landes haben
Es auch geliebt; ich wollte diese Farbe
Nicht anders tauschen, als um Euren Sinn
Zu stehlen, meine holde Königin.

Porzia.
Bei meiner Wahl lenkt mich ja nicht allein
Die zarte Fordrung eines Mädchenauges;
Auch schließt das Los, woran mein Schicksal hängt,
Mich von dem Recht des freien Wählens aus.
Doch, hätte mich mein Vater nicht beengt,
Mir auferlegt durch seinen Willen, dem
Zur Gattin mich zu geben, welcher mich
Auf solche Art gewinnt, wie ich Euch sagte:
Ihr hättet gleichen Anspruch, großer Prinz,
Mit jedem Freier, den ich sah bis jetzt,
Auf meine Neigung.

Marokko.
Habt auch dafür Dank.
Drum führt mich zu den Kästchen, daß ich gleich
Mein Glück versuche.  Bei diesem Säbel, der
Den Sophi schlug und einen Perserprinz,
Der dreimal Sultan Soliman besiegt:
Die wildsten Augen wollt ich überblitzen,
Das kühnste Herz auf Erden übertrotzen,
Die Jungen reißen von der Bärin weg,
Ja, wenn er brüllt nach Raub, den Löwen höhnen,
Dich zu gewinnen, Fräulein!  Aber ach!
Wenn Herkules und Lichas Würfel spielen,
Wer tapfrer ist, so kann der beßre Wurf
Durch Zufall kommen aus der schwächern Hand;
So unterliegt Alcides seinem Knaben,
Und so kann ich, wenn blindes Glück mich führt,
Verfehlen, was dem minder Würdgen wird,
Und Grames sterben.

Porzia.
Ihr müßt Eur Schicksal nehmen,
Es überhaupt nicht wagen, oder schwören,
Bevor Ihr wählet, wenn Ihr irrig wählt,
In Zukunft nie mit irgendeiner Frau
Von Eh zu sprechen: also seht Euch vor!

Marokko.
Ich will’s auch nicht, kommt, bringt mich zur Entscheidung.

Porzia.
Vorher zum Tempel; nach der Mahlzeit mögt Ihr
Das Los versuchen.

Marokko.
Gutes Glück also!
Bald über alles elend oder froh.

(Alle ab.)

Zweite Szene

Venedig.  Eine Straße

(Lanzelot Gobbo kommt)

Lanzelot.
Sicherlich, mein Gewissen läßt mir’s zu, von diesem Juden, meinem
Herrn, wegzulaufen. Der böse Feind ist mir auf der Ferse und
versucht mich und sagt zu mir: «Gobbo, Lanzelot Gobbo, guter
Lanzelot», oder «Guter Gobbo», oder «Guter Lanzelot Gobbo, brauch
deine Beine, reiß aus, lauf davon.» Mein Gewissen sagt: «Nein,
hüte dich, ehrlicher Lanzelot; hüte dich, ehrlicher Gobbo»; oder,
wie obgemeldet, «ehrlicher Lanzelot Gobbo; lauf nicht, laß das
Ausreißen bleiben.» Gut, der überaus herzhafte Feind heißt mich
aufpacken; «Marsch!» sagt der Feind; «fort!» sagt der Feind; «um
des Himmels willen! faß dir ein wackres Herz», sagt der Feind,
«und lauf». Gut, mein Gewissen hängt sich meinem Herzen um den
Hals und sagt sehr weislich zu mir: «Mein ehrlicher Freund
Lanzelot, da du eines ehrlichen Mannes Sohn bist», oder vielmehr
eines ehrlichen Weibes Sohn; denn die Wahrheit zu sagen, mein
Vater hatte einen kleinen Beigeschmack, er war etwas
ansäuerlich.—Gut, mein Gewissen sagt: «Lanzelot, weich und wanke
nicht!»—«Weiche», sagt der Feind; «wanke nicht», sagt mein
Gewissen. «Gewissen», sage ich, «dein Rat ist gut»; «Feind», sage
ich, «dein Rat ist gut». Lasse ich mich durch mein Gewissen
regieren, so bleibe ich bei dem Juden, meinem Herrn, der, Gott
sei mir gnädig! eine Art von Teufel ist. Laufe ich von dem Juden
weg, so lasse ich mich durch den bösen Feind regieren, der, mit
Respekt zu sagen, der Teufel selber ist. Gewiß, der Jude ist der
wahre eingefleischte Teufel, und, auf mein Gewissen, mein
Gewissen ist gewissermaßen ein hartherziges Gewissen, daß es mir
raten will, bei dem Juden zu bleiben. Der Feind gibt mir einen
freundschaftlichen Rat; ich will laufen, Feind! meine Fersen
stehen dir zu Gebote, ich will laufen.

(Der alte Gobbo kommt mit einem Korbe.)

Gobbo.
Musje, junger Herr, Er da, sei Er doch so gut: wo gehe ich wohl
zu des Herrn Juden seinem Hause hin?

Lanzelot (beiseite).
O Himmel! mein eheleiblicher Vater, der zwar nicht pfahlblind,
aber doch so ziemlich stockblind ist und mich nicht kennt. Ich
will mir einen Spaß mit ihm machen.

Gobbo.
Musje, junger Herr, sei Er so gut: wo gehe ich zu des Herrn Juden
seinem Hause hin?

Lanzelot.
Schlagt Euch rechter Hand an der nächsten Ecke, aber bei der
allernächsten Ecke linker Hand; versteht, bei der ersten nächsten
Ecke schlagt Euch weder rechts noch links, sondern dreht Euch
schnurgerade aus nach des Juden seinem Hause herum.

Gobbo.
Potz Wetterchen, das wird ein schlimmer Weg zu finden sein. Könnt
Ihr mir nicht sagen, ob ein gewisser Lanzelot, der sich bei ihm
aufhält, sich bei ihm aufhält oder nicht?

Lanzelot.
Sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

(Beiseite.)

Nun gebt Achtung, nun will ich loslegen.—Sprecht Ihr vom jungen
Monsieur Lanzelot?

Gobbo.
Kein Monsieur, Herr, sondern eines armen Mannes Sohn. Sein Vater,
ob ich es schon sage, ist ein herzlich armer Mann und, Gott sei
Dank, recht wohlauf.

Lanzelot.
Gut, sein Vater mag sein, was er will; hier ist die Rede vom
jungen Monsieur Lanzelot.

Gobbo.
Eurem gehorsamen Diener und Lanzelot, Herr.

Lanzelot.
Ich bitte Euch demnach, alter Mann, demnach ersuche ich Euch:
sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

Gobbo.
Von Lanzelot, wenn’s Eur Gnaden beliebt.

Lanzelot.
Demnach Monsieur Lanzelot. Sprecht nicht von Monsieur Lanzelot,
Vater; denn der junge Herr ist (vermöge der Schickungen und
Verhängnisse und solcher wunderlichen Redensarten, der drei
Schwestern und dergleichen Fächern der Gelahrtheit) in Wahrheit
Todes verblichen oder, um es rund herauszusagen, in die Ewigkeit
gegangen.

Gobbo.
Je, da sei Gott vor! Der Junge war so recht der Stab meines
Alters, meine beste Stütze.—

Lanzelot.
Seh ich wohl aus wie ein Knittel oder wie ein Zaunpfahl, wie ein
Stab oder eine Stütze?—Kennt Ihr mich, Vater?

Gobbo.
Ach du liebe Zeit, ich kenne Euch nicht, junger Herr; aber ich
bitte Euch, sagt mir, ist mein Junge—Gott hab ihn
selig!—lebendig oder tot?

Lanzelot.
Kennt Ihr mich nicht, Vater?

Gobbo.
Lieber Himmel!  ich bin ein alter blinder Mann, ich kenne Euch nicht.

Lanzelot.
Nun wahrhaftig, wenn Ihr auch Eure Augen hättet, so könntet Ihr
mich doch wohl nicht kennen; das ist ein weiser Vater, der sein
eignes Kind kennt. Gut, alter Mann, ich will Euch Nachricht von
Eurem Sohne geben. Gebt mir Euren Segen! Wahrheit muß ans Licht
kommen. Ein Mord kann nicht lange verborgen bleiben, eines
Menschen Sohn kann’s; aber zuletzt muß die Wahrheit heraus.

Gobbo.
Ich bitte Euch, Herr, steht auf, ich bin gewiß, Ihr seid mein
junge Lanzelot nicht.

Lanzelot.
Ich bitte Euch, laßt uns weiter keine Possen damit treiben,
sondern gebt mir Euern Segen. Ich bin Lanzelot, Euer Junge, der
da war, Euer Sohn, der da ist, Euer Kind, das da sein wird.

Gobbo.
Ich kann mir nicht denken, daß Ihr mein Sohn seid.

Lanzelot.
Ich weiß nicht, was ich davon denken soll; aber ich bin Lanzelot,
des Juden Diener, und ich bin gewiß, Margrete, Eure Frau, ist
meine Mutter.

Gobbo.
Ganz recht, ihr Name ist Margrete; ich will einen Eid tun, wenn
du Lanzelot bist, so bist du mein eigen Fleisch und Blut. Gott im
Himmelsthrone! was hast du für einen Bart gekriegt?—Du hast mehr
Haar am Kinne, als mein Karrengaul Fritz am Schwanze hat.

Lanzelot.
Je, so läßt’s ja, als ob Fritz sein Schwanz rückwärts wüchse; ich
weiß doch, er hatte mehr Haar im Schwanze als im Gesicht, da ich
ihn das letztemal sah.

Gobbo.
Herrje, wie du dich verändert hast! Wie verträgst du dich mit
deinem Herrn? Ich bringe ihm ein Präsent; nun, wie vertragt ihr
euch?

Lanzelot.
Gut, gut! aber für meine Person, da ich mich darauf gesetzt habe,
davonzulaufen, so will ich mich nicht eher niedersetzen, als bis
ich ein Stück Weges gelaufen bin. Mein Herr ist ein rechter Jude;
ihm ein Präsent geben! Einen Strick gebt ihm. Ich bin
ausgehungert in seinem Dienst; Ihr könnt jeden Finger, den ich
habe, mit meinen Rippen zählen. Vater, ich bin froh, daß Ihr
gekommen seid. Gebt mir Euer Präsent für einen gewissen Herrn
Bassanio, der wahrhaftig prächtige neue Livreien gibt. Komme ich
nicht bei ihm in Dienst, so will ich laufen, soweit Gottes
Erdboden reicht. Welch ein Glück! da kommt er selbst. Macht Euch
an ihn, Vater, denn ich will ein Jude sein, wenn ich bei dem
Juden länger diene.
(Bassanio kommt mit Leonardo und andern Begleitern.)

Bassanio.
Das könnt Ihr tun—aber seid so bei der Hand, daß das Abendessen
spätestens um fünf Uhr fertig ist. Besorgt diese Briefe, gebt
diese Livreien in Arbeit und bittet Graziano, sogleich in meine
Wohnung zu kommen.

(Ein Bedienter ab.)

Lanzelot.
Macht Euch an ihn, Vater?

Gobbo.
Gott segne Euer Gnaden!

Bassanio.
Großen Dank!  Willst du was von mir?

Gobbo.
Da ist mein Sohn, Herr, ein armer Junge—

Lanzelot.
Kein armer Junge, Herr, sondern des reichen Juden Diener, der
gerne möchte, wie mein Vater spezifizieren wird—

Gobbo.
Er hat, wie man zu sagen pflegt, eine große Deklination zu dienen—

Lanzelot.
Wirklich, das Kurze und das Lange von der Sache ist: ich diene
dem Juden und trage Verlangen, wie mein Vater spezifizieren
wird—

Gobbo.
Sein Herr und er (mit Respekt vor Euer Gnaden zu sagen) vertragen
sich wie Katzen und Hunde—

Lanzelot.
Mit einem Worte, die reine Wahrheit ist, daß der Jude, da er mir
Unrecht getan, mich nötigt, wie mein Vater, welcher, so Gott
will, ein alter Mann ist, notifizieren wird—

Gobbo.
Ich habe hier ein Gericht Tauben, die ich bei Euer Gnaden
anbringen möchte, und mein Gesuch ist—

Lanzelot.
In aller Kürze, das Gesuch interzediert mich selbst, wie Euer
Gnaden von diesem ehrlichen alten Mann hören werden, der, obschon
ich es sage, obschon ein alter Mann, doch ein armer Mann und mein
Vater ist.

Bassanio.
Einer spreche für beide.  Was wollt Ihr?

Lanzelot.
Euch dienen, Herr.

Gobbo.
Ja, das wollten wir Euch gehorsamst opponieren.

Bassanio.
Ich kenne dich, die Bitt ist dir gewährt;
Shylock, dein Herr, hat heut mit mir gesprochen
Und dich empfohlen; wenn’s empfehlenswert,
Aus eines reichen Juden Dienst zu gehn,
Um einem armen Edelmann zu folgen.

Lanzelot.
Das alte Sprichwort ist recht schön verteilt zwischen meinem
Herrn Shylock und Euch, Herr: Ihr habt die Gnade Gottes, und er
hat genug.

Bassanio.
Du triffst es; Vater, geh mit deinem Sohn.
Nimm Abschied erst von deinem alten Herrn
Und frage dich nach meiner Wohnung hin.

(Zu seinen Begleitern.)

Ihr, gebt ihm eine nettere Livrei
Als seinen Kameraden; sorgt dafür!

Lanzelot.
Kommt her, Vater.—Ich kann keinen Dienst kriegen; nein! ich habe
gar kein Mundwerk am Kopfe.—Gut!—

(Er besieht seine flache Hand.)

Wenn einer in ganz Italien eine schönere Tafel hat, damit auf die
Schrift zu schwören—Ich werde gut Glück haben; ohne Umstände,
hier ist eine ganz schlechte Lebenslinie; hier ist ‘ne
Kleinigkeit an Frauen. Ach, fünfzehn Weiber sind nichts! elf
Witwen und neun Mädchen ist ein knappes Auskommen für (einen)
Mann. Und dann, dreimal ums Haar zu ersaufen und mich an der Ecke
eines Federbettes beinah tot zu stoßen—das heiße ich gut
davonkommen! Gut, wenn Glück ein Weib ist, so ist sie doch eine
gute Dirne mit ihrem Kram.—Kommt, Vater, ich nehme in (einem)
Umsehn von dem Juden Abschied.

(Lanzelot und der alte Gobbo ab.)

Bassanio.
Tu das, ich bitt dich, guter Leonardo;
Ist dies gekauft und ordentlich besorgt,
Komm schleunig wieder; denn zur Nacht bewirt ich
Die besten meiner Freunde; eil dich, geh!

Leonardo.
Verlaßt Euch auf mein eifrigstes Bemühn.

(Graziano kommt.)

Graziano.
Wo ist dein Herr?

Leonardo.
Er geht da drüben, Herr.

(Leonardo ab.)

Graziano.
Signor Bassanio!

Bassanio.
Graziano!

Graziano.
Ich habe ein Gesuch an Euch.

Bassanio.
Ihr habt es schon erlangt.

Graziano.
Ihr müßt mir’s nicht weigern; ich muß mit Euch nach Belmont gehen.

Bassanio.
Nun ja, so müßt Ihr—aber hör, Graziano,
Du bist zu wild, zu rauh, zu keck im Ton:
Ein Wesen, welches gut genug dir steht
Und Augen wie den unsern nicht mißfällt.
Doch wo man dich nicht kennt, ja, da erscheint
Es allzufrei; drum nimm dir Müh und dämpfe
Mit ein paar kühlen Tropfen Sittsamkeit
Den flüchtgen Geist, daß ich durch deine Wildheit
Dort nicht mißdeutet werd und meine Hoffnung
Zugrunde geht.

Graziano.
Signor Bassanio, hört mich:
Wenn ich mich nicht zu feinem Wandel füge,
Mit Ehrfurcht red und dann und wann nur fluche,
Gebetbuch in der Tasche, Kopf geneigt;
Ja, selbst beim Tischgebet so vors Gesicht
Den Hut mir halt und seufz und Amen sage;
Nicht allen Brauch der Höflichkeit erfülle,
Wie einer, der, der Großmama zulieb,
Scheinheilig tut: so traut mir niemals mehr.

Bassanio.
Nun gut, wir werden sehn, wie Ihr Euch nehmt.

Graziano.
Nur heute nehm ich aus; das gilt nicht mir,
Was ich heut abend tu.

Bassanio.
Nein, das wär schade;
Ich bitt Euch, lieber in den kecksten Farben
Der Lust zu kommen; denn wir haben Freunde,
Die lustig wollen sein.  Lebt wohl indes,
Ich habe ein Geschäft.

Graziano.
Und ich muß zu Lorenzo und den andern,
Doch auf den Abend kommen wir zu Euch.

(Alle ab.)

Dritte Szene

Ein Zimmer in Shylocks Hause

(Jessica und Lanzelot kommen)

Jessica.
Es tut mir leid, daß du uns so verläßt;
Dies Haus ist Hölle, und du, ein lustger Teufel,
Nahmst ihm ein Teil von seiner Widrigkeit.
Doch lebe wohl; da hast du ‘nen Dukaten!
Und, Lanzelot, du wirst beim Abendessen
Lorenzo sehn als Gast von deinem Herrn.
Dann gib ihm diesen Brief, tu es geheim;
Und so leb wohl, daß nicht etwa mein Vater
Mich mit dir reden sieht.

Lanzelot.
Adieu!—Tränen müssen meine Zunge vertreten, allerschönste
Heidin! allerliebste Jüdin! Wenn ein Christ nicht zum Schelm an
dir wird, und dich bekommt, so trügt mich alles. Aber adieu!
Diese törichten Tropfen erweichen meinen männlichen Mut
allzusehr.

(Ab.)

Jessica.
Leb wohl, du Guter!
Ach wie gehässig ist es nicht von mir,
Daß ich des Vaters Kind zu sein mich schäme;
Doch, bin ich seines Blutes Tochter schon,
Bin ich’s nicht seines Herzens.  O Lorenzo,
Hilf mir dies lösen!  treu dem Worte bleib!
So werd ich Christin und dein liebend Weib.

(Ab.)

Vierte Szene

Eine Straße

(Graziano, Lorenzo, Salarino und Solanio treten auf)

Lorenzo.
Nun gut, wir schleichen weg vom Abendessen,
Verkleiden uns in meinem Haus und sind
In einer Stunde alle wieder da.

Graziano.
Wir haben uns nicht recht darauf gerüstet.

Salarino.
Auch keine Fackelträger noch bestellt.

Solanio.
Wenn es nicht zierlich anzuordnen steht,
So ist es nichts und unterbliebe besser.

Lorenzo.
‘s ist eben vier; wir haben noch zwei Stunden
Zur Vorbereitung.

(Lanzelot kommt mit einem Briefe.)

Freund Lanzelot, was bringst du?

Lanzelot.
Wenn’s Euch beliebt, dies aufzubrechen, so wird es gleichsam
andeuten.

Lorenzo.
Ich kenne wohl die Hand; ja, sie ist schön;
Und weißer als das Blatt, worauf sie schrieb,
Ist diese schöne Hand.

Graziano.
Auf meine Ehre, eine Liebesbotschaft.

Lanzelot.
Mit Eurer Erlaubnis, Herr.

Lorenzo.
Wo willst du hin?

Lanzelot.
Nun, Herr, ich soll meinen alten Herrn, den Juden, zu meinem
neuen Herrn, dem Christen, auf heute zum Abendessen laden.

Lorenzo.
Da nimm dies; sag der schönen Jessica,
Daß ich sie treffen will.—Sag’s heimlich!  geh;

(Lanzelot ab.)

Ihr Herrn,
Wollt ihr euch zu dem Maskenzug bereiten?
Ich bin versehn mit einem Fackelträger.

Salarino.
Ja, auf mein Wort, ich gehe gleich danach.

Solanio.
Das will ich auch.

Lorenzo.
Trefft mich und Graziano.
In einer Stund in Grazianos Haus.

Salarino.
Gut das, es soll geschehn.

(Salarino und Solanio ab.)

Graziano.
Der Brief kam von der schönen Jessica?

Lorenzo.
Ich muß dir’s nur vertraun: sie gibt mir an,
Wie ich sie aus des Vaters Haus entführe;
Sie sei versehn mit Gold und mit Juwelen,
Ein Pagenanzug liege schon bereit.
Kommt je der Jud, ihr Vater, in den Himmel,
So ist’s um seiner holden Tochter willen;
Und nie darf Unglück in den Weg ihr treten,
Es müßte denn mit diesem Vorwand sein,
Daß sie von einem falschen Juden stammt.
Komm, geh mit mir und lies im Gehn dies durch;
Mir trägt die schöne Jessica die Fackel.

(Beide ab.)

Fünfte Szene

Vor Shylocks Hause

(Shylock und Lanzelot kommen)

Shylock.
Gut, du wirst sehn mit deinen eignen Augen
Des alten Shylocks Abstand von Bassanio.
He, Jessica!—Du wirst nicht voll dich stopfen,
Wie du bei mir getan—He, Jessica!—
Und liegen, schnarchen, Kleider nur zerreißen—
He, sag ich, Jessica!

Lanzelot.
He, Jessica!

Shylock.
Wer heißt dich schrein?  Ich hab’s dir nicht geheißen.

Lanzelot.
Euer Edlen pflegten immer zu sagen, ich könnte nichts ungeheißen tun.

(Jessica kommt.)

Jessica.
Ruft Ihr?  Was ist Euch zu Befehl?

Shylock.
Ich bin zum Abendessen ausgebeten.
Da hast du meine Schlüssel, Jessica.
Zwar weiß ich nicht, warum ich geh; sie bitten
Mich nicht aus Liebe, nein, sie schmeicheln mir;
Doch will ich gehn aus Haß, auf den Verschwender
Von Christen zehren.—Jessica, mein Kind,
Acht auf mein Haus!—Ich geh recht wider Willen.
Es braut ein Unglück gegen meine Ruh,
Denn diese Nacht träumt ich von Säcken Geldes.

Lanzelot.
Ich bitte Euch, Herr, geht; mein junger Herr erwartet Eure Zukunft.

Shylock.
Ich seine auch.

Lanzelot.
Und sie haben sich verschworen.—Ich sage nicht, daß Ihr eine
Maskerade sehen sollt; aber wenn Ihr eine seht, so war es nicht
umsonst, daß meine Nase an zu bluten fing, auf den letzten
Ostermontag des Morgens um sechs Uhr, der das Jahr auf den Tag
fiel, wo vier Jahre vorher nachmittags Aschermittwoch war.

Shylock.
Was?  gibt es Masken?  Jessica, hör an:
Verschließ die Tür, und wenn du Trommeln hörst
Und das Gequäk der quergehalsten Pfeife,
So klettre mir nicht an den Fenstern auf;
Steck nicht den Kopf hinaus in offne Straße,
Nach Christennarren mit bemaltem Antlitz
Zu gaffen; stopfe meines Hauses Ohren—
Die Fenster, mein ich—zu und laß den Schall
Der albern’ Geckerei nicht dringen in
Mein ehrbar Haus.  Bei Jakobs Stabe schwör ich:
Ich habe keine Lust, zu Nacht zu schmausen;
Doch will ich gehn.—Du Bursch, geh mir voran;
Sag, daß ich komme.

Lanzelot.
Herr, ich will vorangehn.
Guckt nur am Fenster, Fräulein, trotz dem allem;
Denn vorbeigehn wird ein Christ,
Wert, daß ihn ‘ne Jüdin küßt.

(Ab.)

Shylock.
Was sagt der Narr von Hagars Stamme?  he?

Jessica.
Sein Wort war: «Fräulein, lebet wohl»—sonst nichts.

Shylock.
Der Laff ist gut genug, jedoch ein Fresser,
‘ne Schnecke zum Gewinn und schläft bei Tag
Mehr als das Murmeltier; in meinem Stock
Baun keine Drohnen; drum laß ich ihn gehn
Und laß ihn gehn zu einem, dem er möge
Den aufgeborgten Beutel leeren helfen.
Gut, Jessica, geh nun ins Haus hinein,
Vielleicht komm ich im Augenblicke wieder.
Tu, was ich dir gesagt, schließ hinter dir
Die Türen; fest gebunden, fest gefunden,
Das denkt ein guter Wirt zu allen Stunden.

(Ab.)

Jessica.
Lebt wohl, und denkt das Glück nach meinem Sinn,
Ist mir ein Vater, Euch ein Kind dahin.

(Ab.)

Sechste Szene

Ebendaselbst

(Graziano und Salarino kommen maskiert)

Graziano.
Dies ist das Vordach, unter dem Lorenzo
Uns haltzumachen bat.

Salarino.
Die Stund ist fast vorbei.

Graziano.
Und Wunder ist es, daß er sie versäumt;
Verliebte laufen stets der Uhr voraus.

Salarino.
O zehnmal schneller fliegen Venus’ Tauben,
Den neuen Bund der Liebe zu versiegeln,
Als sie gewohnt sind, unverbrüchlich auch
Gegebne Treu zu halten.

Graziano.
So geht’s in allem; wer steht auf vom Mahl
Mit gleicher Eßlust, als er niedersaß?
Wo ist das Pferd, das seine lange Bahn
Zurückmißt mit dem ungedämpften Feuer,
Womit es sie betreten?  Jedes Ding
Wird mit mehr Trieb erjaget als genossen.
Wie ähnlich einem Wildfang und Verschwender
Eilt das beflaggte Schiff aus heimscher Bucht,
Geliebkost und gehetzt vom Buhler Wind!
Wie ähnlich dem Verschwender kehrt es heim,
Zerlumpt die Segel, Rippen abgewittert,
Kahl, nackt, geplündert von dem Buhler Wind!

(Lorenzo tritt auf.)

Salarino.
Da kommt Lorenzo, mehr hievon nachher.

Lorenzo.
Entschuldigt, Herzensfreunde, den Verzug:
Nicht ich, nur mein Geschäft hat warten lassen.
Wenn ihr den Dieb um Weiber spielen wollt,
Dann wart ich auch so lang auf euch.—Kommt näher!
Hier wohnt mein Vater Jude—He!  wer da?

(Jessica oben am Fenster in Knabentracht.)

Jessica.
Wer seid Ihr?  sagt’s zu mehrer Sicherheit,
Wiewohl ich schwör, ich kenne Eure Stimme.

Lorenzo.
Lorenzo und dein Liebster.

Jessica.
Lorenzo sicher, und mein Liebster, ja!
Denn wen lieb ich so sehr?  Und nun, wer weiß
Als Ihr, Lorenzo, ob ich Eure bin?

Lorenzo.
Der Himmel und dein Sinn bezeugen dir’s.

Jessica.
Hier, fang dies Kästchen auf, es lohnt die Müh.
Gut, daß es Nacht ist, daß Ihr mich nicht seht,
Denn ich bin sehr beschämt von meinem Tausch;
Doch Lieb ist blind, Verliebte sehen nicht
Die artgen Kinderein, die sie begehen;
Denn könnten sie’s, Cupido würd erröten,
Als Knaben so verwandelt mich zu sehn.

Lorenzo.
Kommt, denn Ihr müßt mein Fackelträger sein.

Jessica.
Was?  muß ich selbst noch leuchten meiner Schmach?
Sie liegt fürwahr schon allzusehr am Tage.
Ei, Lieber, ‘s ist ein Amt zum kundbar machen;
Ich muß verheimlicht sein.

Lorenzo.
Das bist du, Liebe,
Im hübschen Anzug eines Knaben schon.
Doch komm sogleich,
Die finstre Nacht stiehlt heimlich sich davon;
Wir werden bei Bassanios Fest erwartet.

Jessica.
Ich mach die Türen fest, vergülde mich
Mit mehr Dukaten noch und bin gleich bei Euch.

(Tritt zurück.)

Graziano.
Nun!  auf mein Wort!  ‘ne Göttin, keine Jüdin.

Lorenzo.
Verwünscht mich, wenn ich sie nicht herzlich liebe;
Denn sie ist klug, wenn ich mich drauf verstehe,
Und schön ist sie, wenn nicht mein Auge trügt,
Und treu ist sie, so hat sie sich bewährt.
Drum sei sie, wie sie ist, klug, schön und treu,
Mir in beständigem Gemüt verwahrt.

(Jessica kommt heraus.)
Nun bist du da?—Ihr Herren, auf und fort!
Der Maskenzug erwartet schon uns dort.

(Ab mit Jessica und Salarino.)

(Antonio tritt auf.)

Antonio.
Wer da?

Graziano.
Signor Antonio.

Antonio.
Ei, ei, Graziano, wo sind all die andern?
Es ist neun Uhr, die Freund erwarten Euch.
Kein Tanz zur Nacht, der Wind hat sich gedreht,
Bassanio will im Augenblick an Bord;
Wohl zwanzig Boten schickt ich aus nach Euch.

Graziano.
Mir ist es lieb, nichts kann mich mehr erfreun,
Als unter Segel gleich die Nacht zu sein.

(Beide ab.)

Siebente Szene

Belmont.  Ein Zimmer in Porzias Hause

(Trompetenstoß. Porzia und der Prinz von Marokko treten auf,
beide mit Gefolge)

Porzia.
Geht, zieht beiseit den Vorhang und entdeckt
Die Kästchen sämtlich diesem edlen Prinzen.—
Trefft Eure Wahl nunmehr.

Marokko.
Von Gold das erste, das die Inschrift hat:
«Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.»
Das zweite, silbern, führet dies Versprechen:
«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»
Das dritte, schweres Blei, mit plumper Warnung:
«Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran.»
Woran erkenn ich, ob ich recht gewählt?

Porzia.
Das eine faßt mein Bildnis in sich, Prinz:
Wenn Ihr das wählt, bin ich zugleich die Eure.

Marokko.
So leit ein Gott mein Urteil!  Laßt mich sehn!
Ich muß die Sprüche nochmals überlesen.
Was sagt dies bleir’ne Kästchen?
«Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran.»
Der gibt—wofür?  für Blei?  und wagt für Blei?
Dies Kästchen droht; wenn Menschen alles wagen,
Tun sie’s in Hoffnung köstlichen Gewinns.
Ein goldner Mut fragt nichts nach niedern Schlacken,
Ich geb also und wage nichts für Blei.
Was sagt das Silber mit der Mädchenfarbe?
«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»
Soviel, als er verdient?—Halt ein, Marokko,
Und wäge deinen Wert mit steter Hand.
Wenn du geachtet wirst nach deiner Schätzung,
Verdienest du genug, doch kann genug
Wohl nicht soweit bis zu dem Fräulein reichen.
Und doch, mich ängsten über mein Verdienst,
Das wäre schwaches Mißtraun in mich selbst.
Soviel, als ich verdiene?—Ja, das ist
Das Fräulein; durch Geburt verdien ich sie,
Durch Glück, durch Zier und Gaben der Erziehung;
Doch mehr verdien ich sie durch Liebe.  Wie,
Wenn ich nicht weiter schweift und wählte hier?
Laßt nochmals sehn den Spruch, in Gold gegraben:
«Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.
Das ist das Fräulein; alle Welt begehrt sie,
Aus jedem Weltteil kommen sie herbei,
Dies sterblich atmend Heilgenbild zu küssen;
Hyrkaniens Wüsten und die wilden Öden
Arabiens sind gebahnte Straßen nun
Für Prinzen, die zur schönen Porzia reisen;
Das Reich der Wasser, dessen stolzes Haupt
Speit in des Himmels Antlitz, ist kein Damm
Für diese fremden Geister; nein, sie kommen
Wie über einen Bach zu Porzias Anblick.
Eins von den drein enthält ihr himmlisch Bild;
Soll Blei es in sich fassen?  Lästrung wär’s,
Zu denken solche Schmach; es wär zu schlecht,
Im düstern Grab ihr Leichentuch zu panzern.
Und soll ich glauben, daß sie Silber einschließt,
Von zehnmal minderm Wert als reines Gold?
O sündlicher Gedanke!  Solch ein Kleinod
Ward nie geringer als in Gold gefaßt.
In England gibt’s ‘ne Münze, die das Bild
Von einem Engel führt, in Gold geprägt.
Doch der ist drauf gedruckt; hier liegt ein Engel
Ganz drin im goldnen Bett.—Gebt mir den Schlüssel,
Hier wähl ich, und geling es, wie es kann.

Porzia.
Da nehmt ihn, Prinz, und liegt mein Bildnis da,
So bin ich Euer.

(Er schließt das goldne Kästchen auf.)

Marokko.
O Hölle, was ist hier?
Ein Beingeripp, dem ein beschriebner Zettel
Im hohlen Auge liegt?  Ich will ihn lesen:
«Alles ist nicht Gold, was gleißt,
Wie man oft Euch unterweist.
Manchen in Gefahr es reißt,
Was mein äußrer Schein verheißt;
Goldnes Grab hegt Würmer meist;
Wäret Ihr so weis als dreist,
Jung an Gliedern, alt an Geist,
So würdet Ihr nicht abgespeist
Mit der Antwort: Geht und reist.»
Ja fürwahr, mit bittrer Kost;
Leb wohl denn, Glut!  Willkommen, Frost!
Lebt, Porzia, wohl!  Zu langem Abschied fühlt
Mein Herz zu tief; so scheidet, wer verspielt.

(Ab.)

Porzia.
Erwünschtes Ende!  Geht, den Vorhang zieht!
So wähle jeder, der ihm ähnlich sieht.

(Alle ab.)

Achte Szene

Venedig.  Eine Straße

(Salarino und Solanio treten auf)

Salarino.
Ja, Freund, ich sah Bassanio unter Segel;
Mit ihm ist Graziano abgereist,
Und auf dem Schiff ist sicher nicht Lorenzo.

Solanio.
Der Schelm von Juden schrie den Dogen auf,
Der mit ihm ging, das Schiff zu untersuchen.

Salarino.
Er kam zu spät, das Schiff war unter Segel;
Doch da empfing der Doge den Bericht,
In einer Gondel habe man Lorenzo
Mit seiner Liebsten Jessica gesehn;
Auch gab Antonio ihm die Versichrung,
Sie sei’n nicht mit Bassanio auf dem Schiff.

Solanio.
Nie hört ich so verwirrte Leidenschaft,
So seltsam wild und durcheinander, als
Der Hund von Juden in den Straßen ausließ:
«Mein’ Tochter—mein’ Dukaten—o mein’ Tochter!
Fort mit ‘nem Christen—o mein’ christlichen Dukaten!
Recht und Gericht!  mein’ Tochter!  mein’ Dukaten!
Ein Sack, zwei Säcke, beide zugesiegelt,
Voll von Dukaten, doppelten Dukaten!
Gestohl’n von meiner Tochter; und Juwelen,
Zwei Stein’—zwei reich’ und köstliche Gestein’,
Gestohl’n von meiner Tochter!  O Gerichte,
Find’t mir das Mädchen!—Sie hat die Steine bei sich
Und die Dukaten.»

Salarino.
Ja, alle Gassenbuben folgen ihm
Und schrein: «Die Stein’, die Tochter, die Dukaten!»

Solanio.
Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,
Sonst wird er hiefür zahlen.

Salarino.
Gut bedacht!
Mir sagte gestern ein Franzose noch,
Mit dem ich schwatzte, in der engen See,
Die Frankreich trennt von England, sei ein Schiff
Von unserm Land verunglückt, reich geladen;
Ich dachte des Antonio, da er’s sagte,
Und wünscht im stillen, daß es seins nicht wär.

Solanio.
Ihr solltet ihm doch melden, was Ihr hört;
Doch tut’s nicht plötzlich, denn es könnt ihn kränken.

Salarino.
Ein beßres Herz lebt auf der Erde nicht.
Ich sah Bassanio und Antonio scheiden;
Bassanio sagt’ ihm, daß er eilen wolle
Mit seiner Rückkehr.  «Nein», erwidert’ er,
«Schlag dein Geschäft nicht von der Hand, Bassanio,
Um meinetwillen, laß die Zeit es reifen.
Und die Verschreibung, die der Jude hat,
Laß sie beschweren nicht dein liebend Herz.
Sei fröhlich, wende die Gedanken ganz
Auf Gunstbewerbung und Bezeugungen
Der Liebe, wie sie dort dir ziemen mögen.»
Und hier, die Augen voller Tränen, wandt er
Sich abwärts, reichte seine Hand zurück,
Und, als ergriff ihn wunderbare Rührung,
Drückt’ er Bassanios Hand.  So schieden sie.

Solanio.
Ich glaub, er liebt die Welt nur seinetwegen;
Ich bitt Euch, laßt uns gehn, ihn aufzufinden,
Um seine Schwermut etwas zu zerstreun
Auf ein und andre Art.

Salarino.
Ja, tun wir das.

(Beide ab.)

Neunte Szene

Belmont.  Ein Zimmer in Porzias Hause

(Nerissa kommt mit einem Bedienten)

Nerissa.
Komm, hurtig, hurtig, zieh den Vorhang auf!
Der Prinz von Arragon hat seinen Eid
Getan und kommt sogleich zu seiner Wahl.

(Trompentenstoß. Der Prinz von Arragon, Porzia und beider
Gefolge.)

Porzia.
Schaut hin, da stehn die Kästchen, edler Prinz!
Wenn Ihr das wählet, das mich in sich faßt,
Soll die Vermählung gleich gefeiert werden.
Doch fehlt Ihr, Prinz, so müßt Ihr ohne weiters
Im Augenblick von hier Euch wegbegeben.

Arragon.
Drei Dinge gibt der Eid mir auf zu halten:
Zum ersten, niemals jemand kundzutun,
Welch Kästchen ich gewählt; sodann: verfehl ich
Das rechte Kästchen, nie in meinem Leben
Um eines Mädchens Hand zu werben; endlich:
Wenn sich das Glück zu meiner Wahl nicht neigt,
Sogleich Euch zu verlassen und zu gehn.

Porzia.
Auf diese Pflichten schwört ein jeder, der
Zu wagen kommt um mein geringes Selbst.

Arragon.
Und so bin ich gerüstet.  Glück wohlauf
Nach Herzens Wunsch!—Gold, Silber, schlechtes Blei:
«Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran.»
Du mußtest schöner aussehn, eh ich’s täte.
Was sagt das goldne Kästchen?  Ha, laßt sehn!
«Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.»
Was mancher Mann begehrt?—Dies (mancher) meint vielleicht
Die Torenmenge, die nach Scheine wählt,
Nur lernend, was ein blödes Auge lehrt;
Die nicht ins Innre dringt und wie die Schwalbe
Im Wetter bauet an der Außenwand,
Recht in der Kraft und Bahn des Ungefährs.
Ich wähle nicht, was mancher Mann begehrt,
Weil ich nicht bei gemeinen Geistern hausen,
Noch mich zu rohen Haufen stellen will.
Nun dann zu dir, du silbern Schatzgemach!
Sag mir noch mal die Inschrift, die du führst:
«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»
Ja, gut gesagt: denn wer darf darauf ausgehn,
Das Glück zu täuschen und geehrt zu sein,
Den das Verdienst nicht stempelt?  Maße keiner
Sich einer unverdienten Würde an.
O würden Güter, Rang und Ämter nicht
Verderbterweis erlangt und würde Ehre
Durch das Verdienst des Eigners rein erkauft,
Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!
Wie mancher, der befiehlt, gehorchte dann!
Wie viel des Pöbels würde ausgesondert
Aus reiner Ehre Saat!  und wieviel Ehre
Gelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,
Um neu zu glänzen!—Wohl, zu meiner Wahl!
«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»
Ich halt es mit Verdienst: gebt mir dazu den Schlüssel,
Und unverzüglich schließt mein Glück hier auf.

Porzia.
Zu lang geweilt für das, was Ihr da findet.

Arragon.
Was gibt’s hier?  Eines Gecken Bild, der blinzt
Und mir ‘nen Zettel reicht!  Ich will ihn lesen.
O wie so gar nicht gleichst du Porzien!
Wie gar nicht meinem Hoffen und Verdienst!
«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»
Verdient ich nichts als einen Narrenkopf?
Ist das mein Preis?  Ist mein Verdienst nicht höher?

Porzia.
Fehlen und richten sind getrennte Ämter,
Und die sich widersprechen.

Arragon.
Was ist hier?
«Siebenmal im Feur geklärt
Ward dies Silber: so bewährt
Ist ein Sinn, den nichts betört.
Mancher achtet Schatten wert,
Dem ist Schattenheil beschert;
Mancher Narr in Silber fährt,
So auch dieser, der Euch lehrt:
Nehmet, wen Ihr wollt, zum Weib
Immer trägt mich Euer Leib.
Geht und sucht Euch Zeitvertreib!»
Mehr und mehr zum Narrn mich macht
Jede Stunde hier verbracht.
Mit einem Narrenkopf zum Frein
Kam ich her und geh mit zwein.
Herz, leb wohl!  was ich versprach,
Halt ich, trage still die Schmach.

(Arragon mit Gefolge ab.)

Porzia.
So ging dem Licht die Motte nach!
O diese weisen Narren!  wenn sie wählen,
Sind sie so klug, durch Witz es zu verfehlen.

Nerissa.
Die alte Sag ist keine Ketzerei.
Daß Frein und Hängen eine Schickung sei.

Porzia.
Komm, zieh den Vorhang zu, Nerissa.

(Ein Bedienter kommt.)

Bedienter.
Wo ist mein Fräulein?

Porzia.
Hier; was will mein Herr?

Bedienter.
An Eurem Tor ist eben abgestiegen
Ein junger Venezianer, welcher kommt,
Die nahe Ankunft seines Herrn zu melden,
Von dem er stattliche Begrüßung bringt;
Das heißt, nebst vielen artgen Worten, Gaben
Von reichem Wert; ich sahe niemals noch
Solch einen holden Liebesabgesandten.
Nie kam noch im April ein Tag so süß,
Zu zeigen, wie der Sommer köstlich nahe,
Als dieser Bote seinem Herrn voran.

Porzia.
Nichts mehr, ich bitt dich; ich besorge fast,
Daß du gleich sagen wirst, er sei dein Vetter;
Du wendest solchen Festtagswitz an ihn.
Komm, komm, Nerissa; denn er soll mich freun,
Cupidos Herold, so geschickt und fein.

Nerissa.
Bassanio, Herr des Herzens!  laß es sein.

(Alle ab.)

Dritter Aufzug

Erste Szene

Venedig.  Eine Straße

(Solanio und Salarino treten auf)

Solanio.
Nun, was gibt’s Neues auf dem Rialto?

Salarino.
Ja, noch wird es nicht widersprochen, daß dem Antonio sein Schiff
von reicher Ladung in der Meerenge gestrandet ist. Die Goodwins,
denke ich, nennen sie die Stelle: eine sehr gefährliche Sandbank,
wo die Gerippe von manchem stattlichen Schiff begraben liegen,
wenn Gevatterin Fama eine Frau von Wort ist.

Solanio.
Ich wollte, sie wäre darin eine so lügenhafte Gevatterin, als
jemals eine Ingwer kaute oder ihren Nachbarn weismachte, sie
weine um den Tod ihres dritten Mannes. Aber es ist wahr—ohne
alle Umschweife, und ohne die gerade, ebne Bahn des Gespräches zu
kreuzen—daß der gute Antonio, der redliche Antonio—o daß ich
eine Benennung wüßte, die gut genug wäre, seinem Namen
Gesellschaft zu leisten!—

Salarino.
Wohlan, zum Schluß!

Solanio.
He, was sagst du?—Ja, das Ende ist, er hat ein Schiff eingebüßt.

Salarino.
Ich wünsche, es mag das Ende seiner Einbußen sein.

Solanio.
Laßt mich beizeiten Amen sagen, ehe mir der Teufel einen
Querstrich durch mein Gebet macht; denn hier kommt er in Gestalt
eines Juden.

(Shylock kommt.)

Wie steht’s, Shylock? Was gibt es Neues unter den Kaufleuten?

Shylock.
Ihr wußtet, niemand besser, niemand besser als Ihr um meiner
Tochter Flucht.

Salarino.
Das ist richtig; ich meinerseits kannte den Schneider, der ihr
die Flügel zum Wegfliegen gemacht hat.

Solanio.
Und Shylock seinerseits wußte, daß der Vogel flügge war; und dann
haben sie es alle in der Art, das Nest zu verlassen.

Shylock.
Sie ist verdammt dafür.

Salarino.
Das ist sicher, wenn der Teufel ihr Richter sein soll.

Shylock.
Daß mein eigen Fleisch und Blut sich so empörte!

Solanio.
Pfui dich an, altes Fell!  bei dem Alter empört es sich?

Shylock.
Ich sage, meine Tochter ist mein Fleisch und Blut.

Salarino.
Zwischen deinem Fleisch und ihrem ist mehr Unterschied als
zwischen Ebenholz und Elfenbein, mehr zwischen eurem Blute als
zwischen rotem Wein und Rheinwein.—Aber sagt uns, was hört Ihr:
hat Antonio einen Verlust zur See gehabt oder nicht?

Shylock.
Da hab ich einen andern schlimmen Handel: ein Bankerottierer, ein
Verschwender, der sich kaum auf dem Rialto darf blicken lassen;
ein Bettler, der so schmuck auf den Markt zu kommen pflegte! Er
sehe sich vor mit seinem Schein! Er hat mich immer Wucherer
genannt—er sehe sich vor mit seinem Schein!—er verlieh immer
Geld aus christlicher Liebe,—er sehe sich vor mit seinem Schein!

Salarino.
Nun, ich bin sicher, wenn er verfällt, so wirst du sein Fleisch
nicht nehmen: wozu wär es gut?

Shylock.
Fische mit zu ködern. Sättigt es sonst niemanden, so sättigt es
doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, mir ‘ne halbe Million
gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein
Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet,
meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund! Ich bin ein Jude.
Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen,
Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise
genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten
unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet
von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns
stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?
Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns
beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen
Dingen ähnlich, so wollen wir’s euch auch darin gleich tun. Wenn
ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache.
Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein
nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich
lehrt, die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder
ich will es meinen Meistern zuvortun.

(Ein Bedienter kommt.)

Bedienter.
Edle Herren, Antonio, mein Herr, ist zu Hause und wünscht euch zu
sprechen.

Salarino.
Wir haben ihn allenthalben gesucht.

(Tubal kommt.)

Solanio.
Hier kommt ein anderer von seinem Stamm; der dritte Mann ist
nicht aufzutreiben, der Teufel selbst müßte denn Jude werden.

(Solanio, Salarino und Bedienter ab.)

Shylock.
Nun, Tubal, was bringst du Neues von Genua? Hast du meine Tochter
gefunden?

Tubal.
Ich bin oft an Örter gekommen, wo ich von ihr hörte, aber ich
kann sie nicht finden.

Shylock.
Ei so, so, so, so! Ein Diamant fort, kostet mich zweitausend
Dukaten zu Frankfurt. Der Fluch ist erst jetzt auf unser Volk
gefallen, ich hab ihn niemals gefühlt bis jetzt. Zweitausend
Dukaten dafür! und noch mehr kostbare, kostbare Juwelen! Ich
wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die
Juwelen in den Ohren! Wollte, sie läge eingesargt zu meinen
Füßen, und die Dukaten im Sarge! Keine Nachricht von ihnen! Ei,
daß dich!—und ich weiß noch nicht, was beim Nachsetzen
draufgeht. Ei, du Verlust über Verlust! Der Dieb mit soviel
davongegangen, und soviel, um den Dieb zu finden; und keine
Genugtuung, keine Rache! Kein Unglück tut sich auf, als was mir
auf den Hals fällt; keine Seufzer, als die ich ausstoße, keine
Tränen, als die ich vergieße.

Tubal.
Ja, andre Menschen haben auch Unglück.  Antonio, so hört ich in Genua—

Shylock.
Was, was, was?  Ein Unglück?  ein Unglück?

Tubal.
Hat eine Galeone verloren, die von Tripolis kam.

Shylock.
Gott sei gedankt!  Gott sei gedankt!  Ist es wahr?  ist es wahr?

Tubal.
Ich sprach mit ein paar von den Matrosen, die sich aus dem
Schiffbruch gerettet.

Shylock.
Ich danke dir, guter Tubal! Gute Zeitung, gute Zeitung!—Wo? in
Genua?

Tubal.
Eure Tochter vertat in Genua, wie ich hörte, in (einem) Abend
achtzig Dukaten!

Shylock.
Du gibst mir einen Dolchstich—ich kriege mein Gold nicht wieder
zu sehn—Achtzig Dukaten in (einem) Strich! achtzig Dukaten!

Tubal.
Verschiedene von Antonios Gläubigern reisten mit mir zugleich
nach Venedig; die beteuerten, er müsse notwendig fallieren.

Shylock.
Das freut mich sehr! ich will ihn peinigen, ich will ihn martern;
das freut mich!

Tubal.
Einer zeigte mir einen Ring, den ihm Eure Tochter für einen Affen
gab.

Shylock.
Daß sie die Pest! Du marterst mich, Tubal. Es war mein Türkis,
ich bekam ihn von Lea, als ich noch Junggeselle war; ich hätte
ihn nicht für einen Wald von Affen weggegeben.

Tubal.
Aber Antonio ist gewiß ruiniert.

Shylock.
Ja, das ist wahr! das ist wahr! Geh, Tubal, miete mir einen
Amtsdiener, bestell ihn vierzehn Tage vorher. Ich will sein Herz
haben, wenn er verfällt; denn wenn er aus Venedig weg ist, so
kann ich Handel treiben, wie ich will. Geh, geh, Tubal, und triff
mich bei unsrer Synagoge! geh, guter Tubal! bei unsrer Synagoge,
Tubal!

(Ab.)

Zweite Szene

Belmont.  Ein Zimmer in Porzias Hause

(Bassanio, Porzia, Graziano, Nerissa und Gefolge treten auf
Die Kästchen sind aufgestellt)

Porzia.
Ich bitt Euch, wartet ein, zwei Tage noch,
Bevor Ihr wagt; denn wählt Ihr falsch, so büße
Ich Euren Umgang ein; darum verzieht.
Ein Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe),
Ich möcht Euch nicht verlieren; und Ihr wißt,
Es rät der Haß in diesem Sinne nicht.
Allein damit Ihr recht mich deuten möchtet
(Und doch, ein Mädchen spricht nur mit Gedanken),
Behielt’ ich gern Euch ein paar Tage hier,
Eh Ihr für mich Euch wagt.  Ich könnt Euch leiten
Zur rechten Wahl, dann bräch ich meinen Eid;
Das will ich nie; so könnt Ihr mich verfehlen.
Doch wenn Ihr’s tut, macht Ihr mich sündlich wünschen,
Ich hätt ihn nur gebrochen.  O der Augen,
Die so bezaubert mich und mich geteilt!
Halb bin ich Eur, die andre Hälfte Euer—
Mein, wollt ich sagen; doch wenn mein, dann Euer,
Und so ganz Euer.  O die böse Zeit,
Die Eignern ihre Rechte vorenthält!
Und so, ob Euer schon, nicht Euer.—Trifft es,
So sei das Glück dafür verdammt, nicht ich.
Zu lange red ich, doch nur um die Zeit
Zu dehnen, in die Länge sie zu ziehn,
Die Wahl noch zu verzögern.

Bassanio.
Laßt mich wählen,
Denn wie ich jetzt bin, leb ich auf der Folter.

Porzia.
Bassanio, auf der Folter?  So bekennt,
Was für Verrat in Eurer Liebe steckt.

Bassanio.
Allein der häßliche Verrat des Mißtrauns,
Der mich am Glück der Liebe zweifeln läßt.
So gut verbände Schnee und Feuer sich
Zum Leben, als Verrat und meine Liebe.

Porzia.
Ja, doch ich sorg, Ihr redet auf der Folter,
Wo sie, gezwungen, sagen, was man will.

Bassanio.
Verheißt mir Leben, so bekenn ich Wahrheit.

Porzia.
Nun wohl, bekennt und lebt!

Bassanio.
Bekennt und liebt!
Mein ganz Bekenntnis wäre dies gewesen.
O selge Folter, wenn der Folterer
Mich Antwort lehrt zu meiner Lossprechung?
Doch laßt mein Heil mich bei den Kästchen suchen.

Porzia.
Hinzu denn!  Eins darunter schließt mich ein;
Wenn Ihr mich liebt, so findet Ihr es aus.
Nerissa und ihr andern steht beiseit.—
Laßt nun Musik ertönen, weil er wählt!
So, wenn er fehltrifft, end’ er Schwanen gleich
Hinsterbend in Musik; daß die Vergleichung
Noch näher passe, sei mein Aug der Strom,
Sein wäßrig Totenbett.  Er kann gewinnen,
Und was ist dann Musik?  Dann ist Musik
Wie Paukenklang, wenn sich ein treues Volk
Dem neugekrönten Fürsten neigt; ganz so
Wie jene süßen Tön in erster Frühe,
Die in des Bräutigams schlummernd Ohr sich schleichen
Und ihn zur Hochzeit laden.  Jetzo geht er
Mit minder Anstand nicht, mit weit mehr Liebe,
Als einst Alcides, da er den Tribut
Der Jungfrau löste, welchen Troja heulend
Dem Seeuntier gezahlt.  Ich steh als Opfer,
Die dort von fern sind die Dardanschen Fraun
Mit rotgeweinten Augen, ausgegangen,
Der Tat Erfolg zu sehn.—Geh, Herkules!
Leb du, so leb ich!  mit viel stärkerm Bangen
Seh ich den Kampf, als du ihn eingegangen.

(Musik, während Bassanio über die Kästchen mit sich zu Rate geht.)

(Lied)

(Erste Stimme.)  Sagt, woher stammt Liebeslust?
Aus den Sinnen, aus der Brust?
Ist euch ihr Lebenslauf bewußt?  (Zweite Stimme.)  In den Augen erst gehegt,
Wird Liebeslust durch Schaun gepflegt;
Stirbt das Kindchen, beigelegt
In der Wiege, die es trägt,
Läutet Totenglöckchen ihm;
Ich beginne: Bim!  bim!  bim!  (Chor.)  Bim!  bim!  bim!

Bassanio.
—So ist oft äußrer Schein sich selber fremd,
Die Welt wird immerdar durch Zier berückt.
Im Recht, wo ist ein Handel so verderbt,
Der nicht, geschmückt von einer holden Stimme,
Des Bösen Schein verdeckt?  Im Gottesdienst,
Wo ist ein Irrwahn, den ein ehrbar Haupt
Nicht heiligte, mit Sprüchen nicht belegte,
Und bürge die Verdammlichkeit durch Schmuck?
Kein Laster ist so blöde, das von Tugend
Im äußern Tun nicht Zeichen an sich nähme.
Wie manche Feige, die Gefahren stehn
Wie Spreu dem Winde, tragen doch am Kinn
Den Bart des Herkules und finstern Mars,
Fließt gleich in ihren Herzen Blut wie Milch!
Und diese leihn des Mutes Auswuchs nur,
Um furchtbar sich zu machen.  Blickt auf Schönheit,
Ihr werdet sehn, man kauft sie nach Gewicht,
Das hier ein Wunder der Natur bewirkt,
Und die es tragen, um so lockrer macht.
So diese schlänglicht krausen goldnen Locken,
Die mit den Lüften so mutwillig hüpfen
Auf angemaßtem Reiz: man kennt sie oft
Als eines zweiten Kopfes Ausstattung,
Der Schädel der sie trug, liegt in der Gruft.
So ist denn Zier die trügerische Küste
Von einer schlimmen See, der schöne Schleier,
Der Indiens Schöne birgt; mit einem Wort:
Die Scheinwahrheit, womit die schlaue Zeit
Auch Weise fängt.  Darum, du gleißend Gold,
Des Midas harte Kost, dich will ich nicht,
Noch dich, gemeiner, bleicher Botenläufer
Von Mann zu Mann; doch du, du magres Blei,
Das eher droht als irgend was verheißt,
Dein schlichtes Ansehn spricht beredt mich an:
Ich wähle hier, und sei es wohlgetan!

Porzia.
Wie jede Regung fort die Lüfte tragen!
Als irre Zweifel, ungestüm Verzagen
Und bange Schaur und blasse Schüchternheit.
O Liebe, mäßge dich in deiner Seligkeit!
Halt ein, laß deine Freuden sanfter regnen;
Zu stark fühl ich, du mußt mich minder segnen,
Damit ich nicht vergeh.

Bassanio (öffnet das bleierne Kästchen).
Was find ich hier?
Der schönen Porzia Bildnis?  Welcher Halbgott
Kam so der Schöpfung nah?  Regt sich dies Auge?
Wie, oder schwebend auf des meinen Wölbung,
Scheint es bewegt?  Hier sind erschloßne Lippen,
Die Nektarodem trennt: so süße Scheidung
Muß zwischen solchen süßen Freunden sein.
Der Maler spielte hier in ihrem Haar,
Die Spinne wob ein Netz, der Männer Herzen
Zu fangen wie die Mück im Spinngeweb.
Doch ihre Augen—o wie konnt er sehn,
Um sie zu malen?  Da er eins gemalt,
Dünkt mich, es mußt ihm seine beiden stehlen
Und ungepaart sich lassen.  Doch seht, soweit
Die Wahrheit meines Lobes diesem Schatten
Zu nahe tut, da es ihn unterschätzt,
Soweit läßt diesen Schatten hinter sich
Die Wahrheit selbst zurück.—Hier ist der Zettel,
Der Inbegriff und Auszug meines Glücks.
«Ihr, der nicht auf Schein gesehn:
Wählt so recht und trefft so schön!
Weil Euch dieses Glück geschehn,
Wollet nicht nach anderm gehn.
Ist Euch dies nach Wunsch getan
Und findt Ihr Heil auf dieser Bahn,
Müßt Ihr Eurer Liebsten nahn,
Und sprecht mit holdem Kuß sie an.»
Ein freundlich Blatt—erlaubt, mein holdes Leben,

(er küßt sie)

Ich komm, auf Schein zu nehmen und zu geben,
Wie, wer um einen Preis mit andern ringt
Und glaubt, daß vor dem Volk sein Tun gelingt;
Er hört den Beifall, Jubel schallt zum Himmel:
Im Geist benebelt, staunt er—«Dies Getümmel
Des Preises», fragt er sich, «gilt es denn mir?»
So, dreimal holdes Fräulein, steh ich hier,
Noch zweifelnd, ob kein Trug mein Auge blend’t,
Bis Ihr bestätigt, zeichnet, anerkennt.

Porzia.
Ihr seht mich, Don Bassanio, wo ich stehe,
So wie ich bin.  Obschon für mich allein
Ich nicht ehrgeizig wär in meinem Wunsch,
Viel besser mich zu wünschen; doch für Euch
Wollt ich verdreifacht zwanzigmal ich selbst sein,
Noch tausendmal so schön, zehntausendmal
So reich.—
Nur um in Eurer Schätzung hoch zu stehn
Möcht ich an Gaben, Reizen, Gütern, Freunden
Unschätzbar sein; doch meine volle Summa
Macht etwas nur: das ist, in Bausch und Bogen,
Ein unerzognes, ungelehrtes Mädchen,
Darin beglückt, daß sie noch nicht zu alt
Zum Lernen ist; noch glücklicher, daß sie
Zum Lernen nicht zu blöde ward geboren;
Am glücklichsten, weil sie ihr weich Gemüt
Dem Euren überläßt, daß Ihr sie lenkt
Als ihr Gemahl, ihr Führer und ihr König.
Ich selbst, und was nur mein, ist Euch und Eurem
Nun zugewandt; noch eben war ich Eigner
Des schönen Guts hier, Herrin meiner Leute,
Monarchin meiner selbst; und eben jetzt
Sind Haus und Leut und ebendies «ich selbst»
Eur eigen, Herr.  Nehmt sie mit diesem Ring;
Doch trennt Ihr Euch von ihm, verliert, verschenkt ihn,
So prophezei es Eurer Liebe Fall,
Und sei mein Anspruch gegen Euch zu klagen.

Bassanio.
Fräulein, Ihr habt der Worte mich beraubt,
Mein Blut nur in den Adern spricht zu Euch;
Verwirrung ist in meinen Lebensgeistern,
Wie sie nach einer wohlgesprochnen Rede
Von einem teuren Prinzen wohl im Kreis
Der murmelnden zufriednen Meng erscheint,
Wo jedes Etwas, ineinander fließend,
Zu einem Chaos wird von nichts als Freude,
Laut und doch sprachlos.—Doch weicht dieser Ring
Von diesem Finger, dann weicht hier das Leben;
O dann sagt kühn, Bassanio sei tot!

Nerissa.
Mein Herr und Fräulein, jetzt ist unsre Zeit,
Die wir dabei gestanden und die Wünsche
Gelingen sehn, zu rufen: Freud und Heil!
Habt Freud und Heil, mein Fräulein und mein Herr!

Graziano.
Mein Freund Bassanio und mein wertes Fräulein,
Ich wünsch euch, was für Freud ihr wünschen könnt;
Denn sicher wünscht ihr keine von mir weg.
Und wenn ihr beiderseits zu feiern denkt
Den Austausch eurer Treue, bitt ich euch,
Daß ich zugleich mich auch verbinden dürfe.

Bassanio.
Von Herzen gern, kannst du ein Weib dir schaffen.

Graziano.
Ich dank Euch, Herr, Ihr schafftet mir ein Weib.
Mein Auge kann so hurtig schaun als Eures;
Ihr saht das Fräulein, ich die Dienerin;
Ihr liebtet und ich liebte; denn Verzug
Steht mir nicht besser an als Euch, Bassanio.
Eur eignes Glück hing an den Kästchen dort,
Und so auch meines, wie es sich gefügt.
Denn werbend hier, bis ich in Schweiß geriet,
Und schwörend, bis mein Gaum’ von Liebesschwüren
Ganz trocken war, ward ich zuletzt—geletzt
Durch ein Versprechen dieser Schönen hier,
Mir Liebe zu erwidern, wenn Eur Glück
Ihr Fräulein erst gewönne.

Porzia.
Ist’s wahr, Nerissa?

Nerissa.
Ja, Fräulein, wenn Ihr Euren Beifall gebt.

Bassanio.
Und meint Ihr’s, Graziano, recht im Ernst?

Graziano.
Ja, auf mein Wort.

Bassanio.
Ihr ehrt durch Eure Heirat unser Fest.

Graziano.
Wir wollen mit ihnen auf den ersten Jungen wetten um tausend Dukaten.
Doch wer kommt hier; Lorenzo und sein Heidenkind?
Wie?  und mein alter Landsmann, Freund Salerio?
(Lorenzo, Jessica und Salerio treten auf.)

Bassanio.
Lorenzo und Salerio, willkommen,
Wofern die Jugend meines Ansehns hier
Willkommen heißen darf.  Erlaubet mir,
Ich heiße meine Freund und Landesleute
Willkommen, holde Porzia.

Porzia.
Ich mit Euch;
Sie sind mir sehr willkommen.

Lorenzo.
Dank Euer Gnaden!—Was mich angeht, Herr,
Mein Vorsatz war es nicht, Euch hier zu sehn;
Doch da ich unterwegs Salerio traf,
So bat er mich, daß ich’s nicht weigern konnte,
Hieher ihn zu begleiten.

Salerio.
Ja, ich tat’s
Und habe Grund dazu.  Signor Antonio
Empfiehlt sich Euch.

(Gibt dem Bassanio einen Brief.)

Bassanio.
Eh ich den Brief erbreche,
Sagt, wie befindet sich mein wackrer Freund?

Salerio.
Nicht krank, Herr, wenn er’s im Gemüt nicht ist,
Noch wohl, als im Gemüt; der Brief da wird
Euch seinen Zustand melden.

Graziano.
Nerissa, muntert dort die Fremde auf,
Heißt sie willkommen.  Eure Hand, Salerio!
Was bringt Ihr von Venedig mit?  Wie geht’s
Dem königlichen Kaufmann, dem Antonio?
Ich weiß, er wird sich unsers Glückes freun;
Wir sind die Iasons, die das Vlies gewonnen.

Salerio.
O hättet Ihr das Vlies, das er verlor.

Porzia.
In dem Papier ist ein feindselger Inhalt,
Es stiehlt die Farbe von Bassanios Wangen.
Ein teurer Freund tot; nichts auf Erden sonst,
Was eines festgesinnten Mannes Fassung
So ganz verwandeln kann.  Wie?  schlimm und schlimmer?
Erlaubt, Bassanio, ich bin halb Ihr selbst,
Und mir gebührt die Hälfte auch von allem,
Was dies Papier Euch bringt.

Bassanio.
O werte Porzia,
Hier sind ein paar so widerwärtge Worte,
Als je Papier bedeckten.  Holdes Fräulein,
Als ich zuerst Euch meine Liebe bot,
Sagt ich Euch frei, mein ganzer Reichtum rinne
In meinen Adern: ich sei Edelmann;
Und dann sagt ich Euch wahr.  Doch, teures Fräulein,
Da ich auf nichts mich schätzte, sollt Ihr sehn,
Wie sehr ich Prahler war.  Da ich Euch sagte,
Mein Gut sei nichts, hätt ich Euch sagen sollen,
Es sei noch unter nichts; denn in der Tat,
Mich selbst verband ich einem teuren Freunde,
Den Freund verband ich seinem ärgsten Feind,
Um mir zu helfen.  Hier, Fräulein, ist ein Brief,
Das Blatt Papier, wie meines Freundes Leib
Und jedes Wort drauf eine offne Wunde,
Der Lebensblut entströmt.—Doch ist es wahr,
Salerio?  Sind denn alle Unternehmen
Ihm fehlgeschlagen?  Wie, nicht eins gelang?
Von Tripolis, von Mexiko, von England,
Von Indien, Lissabon, der Berberei?
Und nicht (ein) Schiff entging dem furchbarn Anstoß
Von Armut drohnden Klippen?

Salerio.
Nein, nicht eins.
Und außerdem, so scheint es, hätt er selbst
Das bare Geld, den Juden zu bezahlen,
Der nähm es nicht.  Nie kannt ich ein Geschöpf,
Das die Gestalt von einem Menschen trug,
So gierig, einen Menschen zu vernichten.
Er liegt dem Dogen früh und spät im Ohr
Und klagt des Staats verletzte Freiheit an,
Wenn man sein Recht ihm weigert.  Zwanzig Handelsleute,
Der Doge selber und die Senatoren
Vom größten Ansehn reden all ihm zu;
Doch niemand kann aus der Schikan ihn treiben
Von Recht, verfallner Buß und seinem Schein.

Jessica.
Als ich noch bei ihm war, hört ich ihn schwören
Vor seinen Landesleuten Chus und Tubal,
Er wolle lieber des Antonio Fleisch
Als den Betrag der Summe zwanzigmal,
Die er ihm schuldig sei.  Und, Herr, ich weiß,
Wenn ihm nicht Recht, Gewalt und Ansehn wehrt,
Wird es dem armen Manne schlimm ergehn.

Porzia.
Ist’s Euch ein teurer Freund, der so in Not ist?

Bassanio.
Der teurste Freund, der liebevollste Mann,
Das unermüdet willigste Gemüt
Zu Dienstleistungen und ein Mann, an dem
Die alte Römerehre mehr erscheint
Als sonst an wem, der in Italien lebt.

Porzia.
Welch eine Summ’ ist er dem Juden schuldig?

Bassanio.
Für mich, dreitausend Dukaten.

Porzia.
Wie?  nicht mehr?
Zahlt ihm sechstausend aus und tilgt den Schein,
Doppelt sechstausend, dann verdreifacht das,
Eh einem Freunde dieser Art ein Haar
Gekränkt soll werden durch Bassanios Schuld.
Erst geht mit mir zur Kirch und nennt mich Weib,
Dann nach Venedig fort zu Eurem Freund,
Denn nie sollt Ihr an Porzias Seite liegen
Mit Unruh in der Brust.  Gold geb ich Euch,
Um zwanzigmal die kleine Schuld zu zahlen;
Zahlt sie und bringt den echten Freund mit Euch.
Nerissa und ich selbst indessen leben
Wie Mädchen und wie Witwen.  Kommt mit mir,
Ihr sollt auf Euren Hochzeitstag von hier.
Begrüßt die Freunde, laßt den Mut nichts trüben;
So teur gekauft, will ich Euch teuer lieben.—
Doch laßt mich hören Eures Freundes Brief.

Bassanio (liest).
«Liebster Bassanio! Meine Schiffe sind alle verunglückt, meine
Gläubiger werden grausam, mein Glücksstand ist ganz zerrüttet,
meine Verschreibung an den Juden ist verfallen, und da es
unmöglich ist, daß ich lebe, wenn ich sie zahle, so sind alle
Schulden zwischen mir und Euch berichtigt. Wenn ich Euch nur bei
meinem Tode sehen könnte! Jedoch handelt nach Belieben; wenn Eure
Liebe Euch nicht überredet, zu kommen, so muß es mein Brief
nicht.

Porzia.
O Liebster, geht, laßt alles andre liegen!

Bassanio.
Ja, eilen will ich, da mir Eure Huld
Zu gehn erlaubt; doch bis ich hier zurück,
Sei nie ein Bett an meinem Zögern schuld,
Noch trete Ruhe zwischen unser Glück!

(Alle ab.)

Dritte Szene

Venedig.  Eine Straße

(Shylock, Solanio, Antonio und Gefangenwärter treten auf)

Shylock.
Acht auf ihn, Schließer!—Sagt mir nicht von Gnade, Dies ist der
Narr, der Geld umsonst auslieh.—Acht auf ihn, Schließer!

Antonio.
Hört mich, guter Shylock.

Shylock.
Ich will den Schein, nichts gegen meinen Schein!
Ich tat ‘nen Eid, auf meinen Schein zu dringen.
Du nanntest Hund mich, eh du Grund gehabt;
Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne.
Der Doge soll mein Recht mir tun.—Mich wundert’s,
Daß du so töricht bist, du loser Schließer,
Auf sein Verlangen mit ihm auszugehn.

Antonio.
Ich bitte, hör mich reden.

Shylock.
Ich will den Schein, ich will nicht reden hören,
Ich will den Schein, und also sprich nicht mehr.
Ich macht mich nicht zum schwachen, blinden Narrn,
Der seinen Kopf wiegt, seufzt, bedauert, nachgibt
Den christlichen Vermittlern.  Folg mir nicht,
Ich will kein Reden, meinen Schein will ich.

(Shylock ab.)

Solanio.
Das ist ein unbarmherzger Hund, wie’s keinen
Je unter Menschen gab.

Antonio.
Laßt ihn nur gehn,
Ich geh ihm nicht mehr nach mit eitlen Bitten.
Er sucht mein Leben, und ich weiß warum;
Oft hab ich Schuldner, die mir vorgeklagt,
Davon erlöst, in Buß ihm zu verfallen;
Deswegen haßt er mich.

Solanio.
Gewiß, der Doge
Gibt nimmer zu, daß diese Buße gilt.

Antonio.
Der Doge kann des Rechtes Lauf nicht hemmen;
Denn die Bequemlichkeit, die Fremde finden
Hier in Venedig, wenn man sie versagt,
Setzt die Gerechtigkeit des Staats herab,
Weil der Gewinn und Handel dieser Stadt
Beruht auf allen Völkern.  Gehn wir denn!
Der Gram und der Verlust zehrt so an mir
Kaum werd ich ein Pfund Fleisch noch übrig haben
Auf morgen für den blutgen Gläubiger.
Komm, Schließer!  Gebe Gott, daß nur Bassanio
Mich für ihn zahlen sieht, so gilt mir’s gleich.

(Ab.)

Vierte Szene

Belmont.  Ein Zimmer in Porzias Hause

(Porzia, Nerissa, Lorenzo, Jessica und Balthasar kommen)

Lorenzo.
Mein Fräulein, sag ich’s schon in Eurem Beisein,
Ihr habt ein edles und ein echt Gefühl
Von göttergleicher Freundschaft; das beweist Ihr,
Da Ihr die Trennung vom Gemahl so tragt.
Doch wüßtet Ihr, wem Ihr die Ehr erzeigt,
Welch einem biedern Mann Ihr Hilfe sendet,
Welch einem lieben Freunde Eures Gatten,
Ich weiß, Ihr wäret stolzer auf das Werk,
Als Euch gewohnte Güte drängen kann.

Porzia.
Noch nie bereut ich, daß ich Gutes tat,
Und werd es jetzt auch nicht; denn bei Genossen,
Die miteinander ihre Zeit verleben
Und deren Herz (ein) Joch der Liebe trägt,
Da muß unfehlbar auch ein Ebenmaß
Von Zügen sein, von Sitten und Gemüt.
Dies macht mich glauben, der Antonio,
Als Busenfreund von meinem Gatten, müsse
Durchaus ihm ähnlich sein.  Wenn es so ist,
Wie wenig ist es, was ich aufgewandt,
Um meiner Seele Ebenbild zu lösen
Aus einem Zustand höllscher Grausamkeit!
Doch dies kommt einem Selbstlob allzu nah;
Darum nichts mehr davon.  Hört andre Dinge:
Lorenzo, ich vertrau in Eure Hand
Die Wirtschaft und die Führung meines Hauses,
Bis zu Bassanios Rückkehr; für mein Teil
Ich sandt ein heimliches Gelübd zum Himmel,
Zu leben in Beschauung und Gebet,
Allein begleitet von Nerissa hier,
Bis zu der Rückkunft unser beider Gatten.
Ein Kloster liegt zwei Meilen weit von hier,
Da wollen wir verweilen.  Ich ersuch Euch:
Lehnt nicht den Auftrag ab, den meine Liebe
Und eine Nötigung des Zufalls jetzt
Euch auferlegt.

Lorenzo.
Von ganzem Herzen, Fräulein;
In allem ist mir Euer Wink Befehl.

Porzia.
Schon wissen meine Leute meinen Willen
Und werden Euch und Jessica erkennen
An meiner eignen und Bassanios Statt.
So lebt denn wohl, bis wir uns wiedersehn!

Lorenzo.
Sei froher Mut mit Euch und heitre Stunden!

Jessica.
Ich wünsch Eur Gnaden alle Herzensfreude.

Porzia.
Ich dank Euch für den Wunsch und bin geneigt,
Ihn Euch zurückzuwünschen.—Jessica, lebt wohl!

(Jessica und Lorenzo ab.)

Nun, Balthasar,
Wie ich dich immer treu und redlich fand,
Laß mich auch jetzt dich finden.  Nimm den Brief
Und eile, was in Menschenkräften steht,
Nach Padua; gib ihn zu eignen Händen
An meinen Vetter ab, Doktor Bellario.
Sieh zu, was er dir für Papiere gibt
Und Kleider; bringe die in höchster Eil
Zur Überfahrt an die gemeine Fähre,
Die nach Venedig schifft.  Verlier die Zeit
Mit Worten nicht; geh, ich bin vor dir da.

Balthasar.
Fräulein, ich geh mit aller schuldigen Eil.

(Balthasar ab.)

Porzia.
Nerissa, komm.  Ich hab ein Werk zur Hand,
Wovon du noch nicht weißt; wir wollen unsre Männer,
Eh sie es denken, sehn.

Nerissa.
Und sie auch uns?

Porzia.
Jawohl, Nerissa, doch in solcher Tracht,
Daß sie mit dem versehn uns denken sollen,
Was uns gebricht.  Ich wette, was du willst:
Sind wir wie junge Männer aufgestutzt,
Will ich der feinste Bursch von beiden sein
Und meinen Degen mit mehr Anstand tragen
Und sprechen wie im Übergang vom Knaben
Zum Mann und einem heiseren Diskant.
Ich will zwei jüngferliche Tritte dehnen
Zu (einem) Männerschritt; vom Raufen sprechen
Wie kecke junge Herrn; und artig lügen,
Wie edle Frauen meine Liebe suchten
Und, da ich sie versagt, sich tot gehärmt.—
Ich konnte nicht mit allen fertig werden;
Und dann bereu ich es und wünsch, ich hätte
Bei alledem sie doch nicht umgebracht.
Und zwanzig solcher kleinen Lügen sag ich,
So daß man schwören soll, daß ich die Schule
Schon seit dem Jahr verließ.—Ich hab im Sinn
Wohl tausend Streiche solcher dreisten Gecken,
Die ich verüben will.

Nerissa.
So sollen wir in Männer uns verwandeln?

Porzia.
Ja, komm, ich sag dir meinen ganzen Anschlag,
Wenn wir im Wagen sind, der uns am Tor
Des Parks erwartet; darum laß uns eilen,
Denn wir durchmessen heut noch zwanzig Meilen.

(Ab.)

Fünfte Szene

Belmont.  Ein Garten

(Lanzelot und Jessica kommen)

Lanzelot.
Ja, wahrhaftig! Denn seht Ihr, die Sünden der Väter sollen an den
Kindern heimgesucht werden: darum glaubt mir, ich bin besorgt für
Euch. Ich ging immer gerade gegen Euch heraus, und so sage ich
Euch meine Deliberation über die Sache. Also seid gutes Mutes,
denn wahrhaftig, ich denke, Ihr seid verdammt. Es ist nur (eine)
Hoffnung dabei, die Euch zustatten kommen kann, und das ist auch
nur so eine Art von Bastardhoffnung.

Jessica.
Und welche Hoffnung ist das?

Lanzelot.
Ei, Ihr könnt gewissermaßen hoffen, daß Euer Vater Euch nicht
erzeugt hat, daß Ihr nicht des Juden Tochter seid.

Jessica.
Das wäre in der Tat eine Art von Bastardhoffnung, dann würden die
Sünden meiner Mutter an mir heimgesucht werden.

Lanzelot.
Wahrhaftig, dann fürchte ich, Ihr seid von Vater und Mutter wegen
verdammt. Wenn ich die Scylla, Euren Vater, vermeide, so falle
ich in die Charybdis, Eure Mutter; gut, Ihr seid auf eine und die
andre Art verloren.

Jessica.
Ich werde durch meinen Mann selig werden; er hat mich zu einer
Christin gemacht.

Lanzelot.
Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln. Es gab unser vorher schon
Christen genug, grade soviel, als nebeneinander gut bestehen
konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Schweine
steigern; wenn wir alle Schweinefleischesser werden, so ist in
kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne für Geld mehr zu
haben.

(Lorenzo kommt.)

Jessica.
Ich will meinem Mann erzählen, was Ihr sagt, Lanzelot; hier kommt
er.

Lorenzo.
Bald werde ich eifersüchtig auf Euch, Lanzelot, wenn Ihr meine
Frau so in die Ecken zieht.

Jessica.
Ihr habt nichts zu befürchten, Lorenzo; Lanzelot und ich, wir
sind ganz entzweit. Er sagt mir grade heraus, im Himmel sei keine
Gnade für mich, weil ich eines Juden Tochter bin; und er
behauptet, daß Ihr kein gutes Mitglied des gemeinen Wesens seid,
weil Ihr Juden zum Christentum bekehrt und dadurch den Preis des
Schweinefleisches steigert.

Lorenzo.
Das kann ich besser beim gemeinen Wesen verantworten als Ihr Eure
Streiche mit der Mohrin. Da Ihr ein Weißer seid, Lanzelot, hättet
Ihr die Schwarze nicht so aufgeblasen machen sollen.

Lanzelot.
Es tut mir leid, wenn ich ihr etwas weisgemacht habe; aber da das
Kind einen weisen Vater hat, wird es doch keine Waise sein.

Lorenzo.
Wie jeder Narr mit den Worten spielen kann! Bald, denke ich, wird
sich der Witz am besten durch Stillschweigen bewähren und
Gesprächigkeit bloß noch an Papageien gelobt werden.—Geht ins
Haus, Bursch, sagt, daß sie zur Mahlzeit zurichten.

Lanzelot.
Das ist geschehn, Herr, sie haben alle Mägen.

Lorenzo.
Lieber Himmel, welch ein Witzschnapper Ihr seid! Sagt also, daß
sie die Mahlzeit anrichten.

Lanzelot.
Das ist auch geschehn, es fehlt nur am Decken.

Lorenzo.
Wollt Ihr also decken?

Lanzelot.
Mich, Herr?  Ich weiß besser, was sich schickt.

Lorenzo.
Wieder Silben gestochen! Willst du deinen ganzen Reichtum an Witz
auf einmal zum besten geben? Ich bitte dich, verstehe einen
schlichten Mann nach seiner schlichten Meinung. Geh zu deinen
Kameraden, heiß sie den Tisch decken, das Essen auftragen, und
wir wollen zur Mahlzeit hereinkommen.

Lanzelot.
Der Tisch, Herr, soll aufgetragen werden, das Essen soll gedeckt
werden; und was Euer Hereinkommen zur Mahlzeit betrifft, dabei
laßt Lust und Laune walten.

(Ab.)

Lorenzo.
O heilige Vernunft, was eitle Worte!
Der Narr hat ins Gedächtnis sich ein Heer
Wortspiele eingeprägt.  Und kenn ich doch
Gar manchen Narrn an einer bessern Stelle,
So aufgestutzt, der um ein spitzes Wort
Die Sache preisgibt.  Wie geht’s dir, Jessica?
Und nun sag deine Meinung, liebes Herz,
Wie Don Bassanios Gattin dir gefällt?

Jessica.
Mehr als ich sagen kann.  Es schickt sich wohl,
Daß Don Bassanio fromm sein Leben führe;
Denn da sein Weib ihm solch ein Segen ist,
Find’t er des Himmels Lust auf Erden schon.
Und will er das auf Erden nicht, so wär’s
Ihm recht, er käme niemals in den Himmel.
Ja, wenn zwei Götter irgendeine Wette
Des Himmels um zwei irdsche Weiber spielten,
Und Porzia wär die eine, tät es not,
Noch sonst was mit der andern auf das Spiel
Zu setzen; denn die arme rohe Welt
Hat ihresgleichen nicht.

Lorenzo.
Und solchen Mann
Hast du an mir, als er an ihr ein Weib.

Jessica.
Ei, fragt doch darum meine Meinung auch.

Lorenzo.
Sogleich; doch laß uns erst zur Mahlzeit gehn.

Jessica.
Nein, laßt mich vor der Sättigung Euch loben.

Lorenzo.
Nein, bitte, spare das zum Tischgespräch;
Wie du dann sprechen magst, so mit dem andern
Werd ich’s verdaun.

Jessica.
Nun gut, ich werd Euch anzupreisen wissen.

(Ab.)

Vierter Aufzug

Erste Szene

Venedig.  Ein Gerichtssaal

(Der Doge, die Senatoren, Antonio, Bassanio, Graziano, Salarino,
Solanio und andre)

Doge.
Nun, ist Antonio da?

Antonio.
Eur Hoheit zu Befehl.

Doge.
Es tut mir leid um dich; du hast zu tun
Mit einem felsenharten Widersacher;
Es ist ein Unmensch, keines Mitleids fähig.
Kein Funk Erbarmen wohnt in ihm.

Antonio.
Ich hörte,
Daß sich Eur Hoheit sehr verwandt, zu mildern
Sein streng Verfahren; doch weil er sich verstockt
Und kein gesetzlich Mittel seinem Haß
Mich kann entziehn, so stell ich denn Geduld
Entgegen seiner Wut und bin gewaffnet
Mit Ruhe des Gemütes, auszustehn
Des seinen ärgsten Grimm und Tyrannei.

Doge.
Geh wer und ruf den Juden in den Saal.

Solanio.
Er wartet an der Tür; er kommt schon, Herr.

(Shylock kommt.)

Doge.
Macht Platz, laßt ihn uns gegenüberstehn.—
Shylock, die Welt denkt, und ich denk es auch,
Du treibest diesen Anschein deiner Bosheit
Nur bis zum Augenblick der Tat; und dann,
So glaubt man, wirst du dein Erbarmen zeigen
Und deine Milde, wunderbarer noch
Als deine angenommne Grausamkeit.
Statt daß du jetzt das dir Verfallne eintreibst,
Ein Pfund von dieses armen Kaufmanns Fleisch,
Wirst du nicht nur die Buße fahren lassen,
Nein, auch gerührt von Lieb und Menschlichkeit,
Die Hälfte schenken von der Summe selbst,
Ein Aug des Mitleids auf die Schäden werfend,
Die kürzlich seine Schultern so bestürmt:
Genug, um einen königlichen Kaufmann
Ganz zu erdrücken und an seinem Fall
Teilnahme zu erzwingen, selbst von Herzen,
So hart wie Kieselstein, von ehrnen Busen
Von Türken und Tataren, nie gewöhnt
An Dienste zärtlicher Gefälligkeit.
Wir all erwarten milde Antwort, Jude.

Shylock.
Ich legt Eur Hoheit meine Absicht vor:
Bei unserm heilgen Sabbat schwor ich es,
Zu fordern, was nach meinem Schein mir zusteht.
Wenn Ihr es weigert, tut’s auf die Gefahr
Der Freiheit und Gerechtsam’ Eurer Stadt.
Ihr fragt, warum ich lieber ein Gewicht
Von schnödem Fleisch will haben, als dreitausend
Dukaten zu empfangen?  Darauf will ich
Nicht Antwort geben; aber setzet nun,
Daß mir’s so ansteht: ist das Antwort gnug?
Wie?  wenn mich eine Ratt im Hause plagt?
Und ich, sie zu vergiften, nun dreitausend
Dukaten geben will?—Ist’s noch nicht Antwort gnug?
Es gibt der Leute, die kein schmatzend Ferkel
Ausstehen können; manche werden toll,
Wenn sie ‘ne Katze sehn; noch andre können,
Wenn die Sackpfeife durch die Nase singt,
Den Harn nicht bei sich halten; denn die Triebe,
Der Leidenschaften Meister, lenken sie
Nach Lust und Abneigung.  Nun, Euch zur Antwort:
Wie sich kein rechter Grund angeben läßt,
Daß (der) kein schmatzend Ferkel leiden kann,
(Der) keine Katz, ein harmlos nützlich Tier,
(Der) keinen Dudelsack; und muß durchaus
Sich solcher unfreiwillgen Schmach ergeben,
Daß er, belästigt, selbst belästgen muß;
So weiß ich keinen Grund, will keinen sagen,
Als eingewohnten Haß und Widerwillen,
Den mir Antonio einflößt, daß ich so
Ein mir nachteilig Recht an ihm verfolge.
Habt Ihr nun eine Antwort?

Bassanio.
Nein, es ist keine, du fühlloser Mann,
Die deine Grausamkeit entschuldgen könnte.

Shylock.
Muß ich nach deinem Sinn dir Antwort geben?

Bassanio.
Bringt jedermann das um, was er nicht liebt?

Shylock.
Wer haßt ein Ding und brächt es nicht gern um?

Bassanio.
Beleidigung ist nicht sofort auch Haß.

Shylock.
Was?  läßt du dich die Schlange zweimal stechen?

Antonio.
Ich bitt Euch, denkt, Ihr rechtet mit dem Juden.
Ihr mögt so gut hintreten auf den Strand,
Die Flut von ihrer Höh sich senken heißen;
Ihr mögt so gut den Wolf zur Rede stellen,
Warum er nach dem Lamm das Schaf läßt blöken?
Ihr mögt so gut den Bergestannen wehren,
Ihr hohes Haupt zu schütteln und zu sausen,
Wenn sie des Himmels Sturm in Aufruhr setzt;
Ihr mögt so gut das Härteste bestehn,
Als zu erweichen suchen—was wär härter?—
Sein jüdisch Herz.—Ich bitt Euch also, bietet
Ihm weiter nichts, bemüht Euch ferner nicht
Und gebt in aller Kürz und gradezu
Mir meinen Spruch, dem Juden seinen Willen.

Bassanio.
Statt der dreitausend Dukaten sind hier sechs.

Shylock.
Wär jedes Stück von den sechstausend Dukaten
Sechsfach geteilt und jeder Teil ‘n Dukat,
Ich nähm sie nicht, ich wollte meinen Schein.

Doge.
Wie hoffst du Gnade, da du keine übst?

Shylock.
Welch Urteil soll ich scheun, tu ich kein Unrecht?
Ihr habt viel feiler Sklaven unter Euch,
Die Ihr wie Eure Esel, Hund’ und Maultier’
In sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht,
Weil Ihr sie kauftet.  Sag ich nun zu Euch—
Laßt sie doch frei, vermählt sie Euren Erben;
Was plagt Ihr sie mit Lasten?  laßt ihr Bett
So weich als Eures sein, labt ihren Gaum’
Mit eben solchen Speisen.—Ihr antwortet:
Die Sklaven sind ja unser; und so geb ich
Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange,
Ist teur gekauft, ist mein, und ich will’s haben.
Wenn Ihr versagt, pfui über Eur Gesetz!
So hat das Recht Venedigs keine Kraft.
Ich wart auf Spruch; antwortet: soll ich’s haben?

Doge.
Ich bin befugt, die Sitzung zu entlassen,
Wo nicht Bellario, ein gelehrter Doktor,
Zu dem ich um Entscheidung ausgeschickt,
Hier heut erscheint.

Salarino.
Eur Hoheit, draußen steht
Ein Bote hier, mit Briefen von dem Doktor,
Er kommt soeben an von Padua.

Doge.
Bringt uns die Briefe, ruft den Boten vor.

Bassanio.
Wohlauf, Antonio!  Freund, sei gutes Muts!
Der Jude soll mein Fleisch, Blut, alles haben,
Eh dir ein Tropfen Bluts für mich entgeht.

Antonio.
Ich bin ein angestecktes Schaf der Herde,
Zum Tod am tauglichsten; die schwächste Frucht
Fällt vor der andern, und so laßt auch mich.
Ihr könnt nicht bessern Dienst mir tun, Bassanio,
Als wenn Ihr lebt und mir die Grabschrift setzt.

(Nerissa tritt auf, als Schreiber eines Advokaten gekleidet.)

Doge.
Kommt Ihr von Padua, von Bellario?

Nerissa.
Von beiden, Herr; Bellario grüßt Eur Hoheit.

(Sie überreicht einen Brief.)

Bassanio.
Was wetzest du so eifrig da dein Messer?

Shylock.
Die Buß dem Bankrottierer auszuschneiden.

Graziano.
An deiner Seel, an deiner Sohle nicht,
Machst du dein Messer scharf, du harter Jude!
Doch kein Metall, selbst nicht des Henkers Beil,
Hat halb die Schärfe deines scharfen Grolls.
So können keine Bitten dich durchdringen?

Shylock.
Nein, keine, die du Witz zu machen hast.

Graziano.
O sei verdammt, du unbarmherzger Hund!
Und um dein Leben sei Gerechtigkeit verklagt.
Du machst mich irre fast in meinem Glauben,
Daß ich es halte mit Pythagoras,
Wie Tieresseelen in die Leiber sich
Von Menschen stecken; einen Wolf regierte
Dein hündscher Geist, der, aufgehenkt für Mord,
Die grimme Seele weg vom Galgen riß
Und, weil du lagst in deiner schnöden Mutter,
In dich hineinfuhr; denn dein ganz Begehren
Ist wölfisch, blutig, räuberisch und hungrig.

Shylock.
Bis du von meinem Schein das Siegel wegschiltst,
Tust du mit Schrein nur deiner Lunge weh.
Stell deinen Witz her, guter junger Mensch,
Sonst fällt er rettungslos in Trümmern dir.
Ich stehe hier um Recht.

Doge.
Der Brief da von Bellarios Hand empfiehlt
Uns einen jungen und gelehrten Doktor.—
Wo ist er denn?

Nerissa.
Er wartet dicht bei an
Auf Antwort, ob Ihr Zutritt ihm vergönnt.

Doge.
Von ganzem Herzen!  Geht ein paar von euch
Und gebt ihm höfliches Geleit hieher.
Hör das Gericht indes Bellarios Brief.

Ein Schreiber (liest).
«Eur Hoheit dient zur Nachricht, daß ich beim Empfange Eures
Briefes sehr krank war. Aber in dem Augenblick, da Euer Bote
ankam, war bei mir auf einen freundschaftlichen Besuch ein junger
Doktor von Rom, namens Balthasar. Ich machte ihn mit dem
streitigen Handel zwischen dem Juden und dem Kaufmann Antonio
bekannt; wir schlugen viele Bücher nach. Er ist von meiner
Meinung unterrichtet, die er, berichtigt durch seine eigne
Gelehrsamkeit (deren Umfang ich nicht genug empfehlen kann),
mitgenommen hat, um auf mein Andringen Euer Hoheit an meiner
Statt Genüge zu leisten. Ich ersuche Euch, laßt seinen Mangel an
Jahren keinen Grund sein, ihm eine anständige Achtung zu
versagen; denn ich kannte noch niemals einen so jungen Körper mit
einem so alten Kopf. Ich überlasse ihn Eurer gnädigen Aufnahme;
seine Prüfung wird ihn am besten empfehlen.»

Doge.
Ihr hört, was der gelehrte Mann uns schreibt,
Und hier, so glaub ich, kommt der Doktor schon.

(Porzia tritt auf, wie ein Rechtsgelehrter gekleidet.)

Gebt mir die Hand; Ihr kommt von unserm alten
Bellario?

Porzia.
Zu dienen, gnädger Herr!

Doge.
Ihr seid willkommen!  nehmet Euren Platz.
Seid Ihr schon mit der Zwistigkeit bekannt,
Die hier vor dem Gericht verhandelt wird?

Porzia.
Ich bin ganz unterrichtet von der Sache.
Wer ist der Kaufmann hier und wer der Jude?

Doge.
Antonio, alter Shylock, tretet vor!

Porzia.
Eur Nam ist Shylock?

Shylock.
Shylock ist mein Name.

Porzia.
Von wunderlicher Art ist Euer Handel,
Doch in der Form, daß das Gesetz Venedigs
Euch nicht anfechten kann, wie Ihr verfahrt.—
Ihr seid von ihm gefährdet; seid Ihr nicht?

Antonio.
Ja, wie er sagt.

Porzia.
Den Schein erkennt Ihr an?

Antonio.
Ja.

Porzia.
So muß der Jude Gnad ergehen lassen.

Shylock.
Wodurch genötigt, muß ich?  Sagt mir das.

Porzia.
Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang.
Sie träufelt wie des Himmels milder Regen
Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet:
Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt;
Am mächtigsten in Mächtgen, zieret sie
Den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone.
Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt,
Das Attribut der Würd und Majestät,
Worin die Furcht und Scheu der Könge sitzt.
Doch Gnad ist über diese Zeptermacht,
Sie thronet in dem Herzen der Monarchen,
Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst,
Und irdsche Macht kommt göttlicher am nächsten,
Wenn Gnade bei dem Recht steht.  Darum, Jude,
Suchst du um Recht schon an, erwäge dies:
Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner
Zum Heile käm; wir beten all um Gnade,
Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten
Auch üben lehren.  Dies hab ich gesagt,
Um deine Forderung des Rechts zu mildern;
Wenn du darauf bestehst, so muß Venedigs
Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort
Zum Nachteil einen Spruch tun.

Shylock.
Meine Taten
Auf meinen Kopf!  Ich fordre das Gesetz,
Die Buße und Verpfändung meines Scheins.

Porzia.
Ist er das Geld zu zahlen nicht imstand?

Bassanio.
O ja, hier biet ich’s ihm vor dem Gericht,
Ja, doppelt selbst; wenn das noch nicht genügt,
Verpflicht ich mich, es zehnfach zu bezahlen,
Und setze Hände, Kopf und Herz zum Pfand.
Wenn dies noch nicht genügt, so zeigt sich’s klar,
Die Bosheit drückt die Redlichkeit.  Ich bitt Euch,
Beugt einmal das Gesetz nach Eurem Ansehn:
Tut kleines Unrecht um ein großes Recht
Und wehrt dem argen Teufel seinen Willen.

Porzia.
Es darf nicht sein.  Kein Ansehn in Venedig
Vermag ein gültiges Gesetz zu ändern.
Es würde als ein Vorgang angeführt,
Und mancher Fehltritt nach demselben Beispiel
Griff’ um sich in dem Staat; es kann nicht sein.

Shylock.
Ein Daniel kommt zu richten, ja, ein Daniel!
Wie ich dich ehr, o weiser junger Richter!

Porzia.
Ich bitte, gebt zum Ansehn mir den Schein.

Shylock.
Hier ist er, mein ehrwürdger Doktor, hier!

Porzia.
Shylock, man bietet dreifach dir dein Geld.

Shylock.
Ein Eid!  Ein Eid!  ich hab ‘nen Eid im Himmel.
Soll ich auf meine Seele Meineid laden?
Nicht um Venedig.

Porzia.
Gut, er ist verfallen,
Und nach den Rechten kann der Jud hierauf
Verlangen ein Pfund Fleisch, zunächst am Herzen
Des Kaufmanns auszuschneiden.—Sei barmherzig!
Nimm dreifach Geld, laß mich den Schein zerreißen.

Shylock.
Wenn er bezahlt ist, wie sein Inhalt lautet.—
Es zeigt sich klar, Ihr seid ein würdger Richter;
Ihr kennt die Rechte, Euer Vortrag war
Der bündigste; ich fordr Euch auf beim Recht,
Wovon Ihr ein verdienter Pfeiler seid,
Kommt nun zum Spruch; bei meiner Seele schwör ich,
Daß keines Menschen Zunge über mich
Gewalt hat; ich steh hier auf meinen Schein.

Antonio.
Von ganzem Herzen bitt ich das Gericht,
Den Spruch zu tun.

Porzia.
Nun wohl, so steht es denn!
Bereitet Euren Busen für sein Messer.

Shylock.
O weiser Richter!  wackrer junger Mann.

Porzia.
Denn des Gesetzes Inhalt und Bescheid
Hat volle Übereinkunft mit der Buße,
Die hier im Schein als schuldig wird erkannt.

Shylock.
Sehr wahr; o weiser und gerechter Richter!
Um wieviel älter bist du, als du aussiehst!

Porzia.
Deshalb entblößt den Busen.

Shylock.
Ja, die Brust,
So sagt der Schein—nicht wahr, mein edler Richter?
«Zunächst dem Herzen», sind die eignen Worte.

Porzia.
So ist’s.  Ist eine Waage da, das Fleisch
Zu wägen?

Shylock.
Ja, ich hab sie bei der Hand.

Porzia.
Nehmt einen Feldscher, Shylock, für Eur Geld,
Ihn zu verbinden, daß er nicht verblutet.

Shylock.
Ist das so angegeben in dem Schein?

Porzia.
Es steht nicht da; allein was tut’s?  Es wär
Doch gut, Ihr tätet das aus Menschenliebe.

Shylock.
Ich kann’s nicht finden, ‘s ist nicht in dem Schein.

Porzia.
Kommt, Kaufmann!  habt Ihr irgend was zu sagen?

Antonio.
Nur wenig; ich bin fertig und gerüstet.
Gebt mir die Hand, Bassanio, lebet wohl!
Es kränk Euch nicht, daß dies für Euch mich trifft,
Denn hierin zeigt das Glück sich gütiger
Als seine Weis ist; immer läßt es sonst
Elende ihren Reichtum überleben,
Mit hohlem Aug und faltger Stirn ein Alter
Der Armut anzusehn; von solcher Schmach
Langwier’ger Buße nimmt es mich hinweg.
Empfehlt mich Eurem edlen Weib, erzählt Ihr
Den Hergang von Antonios Ende; sagt,
Wie ich Euch liebte; rühmt im Tode mich;
Und wenn Ihr’s auserzählt, heißt sie entscheiden,
Ob nicht Bassanio einst geliebt ist worden.
Bereut nicht daß Ihr einen Freund verliert
Und er bereut nicht, daß er für Euch zahlt:
Denn schneidet nur der Jude tief genug,
So zahl ich gleich die Schuld von ganzem Herzen.

Bassanio.
Antonio, ich hab ein Weib zur Ehe,
Die mir so lieb ist als mein Leben selbst;
Doch Leben selbst, mein Weib und alle Welt
Gilt höher als dein Leben nicht bei mir.
Ich gäbe alles hin, ja opfert’ alles
Dem Teufel da, um dich nur zu befrein.

Porzia.
Da wüßt Eur Weib gewiß Euch wenig Dank,
Wär sie dabei und hört Eur Anerbieten.

Graziano.
Ich hab ein Weib, die ich auf Ehre liebe;
Doch wünscht ich sie im Himmel, könnte sie
Dort eine Macht erflehn, des hündschen Juden
Gemüt zu ändern.

Nerissa.
Gut, daß Ihr’s hinter ihrem Rücken tut,
Sonst störte wohl der Wunsch des Hauses Frieden.

Shylock (beiseite).
So sind die Christenmänner; ich hab ‘ne Tochter:
Wär irgendwer vom Stamm des Barrabas
Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!—
Die Zeit geht hin; ich bitt Euch, kommt zum Spruch.

Porzia.
Ein Pfund von dieses Kaufmanns Fleisch ist dein.
Der Hof erkennt es, und das Recht erteilt es.

Shylock.
O höchst gerechter Richter!—

Porzia.
Ihr müßt das Fleisch ihm schneiden aus der Brust:
Das Recht bewilligt’s, und der Hof erkennt es.

Shylock.
O höchst gelehrter Richter!—Na, ein Spruch!
Kommt, macht Euch fertig.

Porzia.
Wart noch ein wenig: Eins ist noch zu merken!
Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut;
Die Worte sind ausdrücklich: ein Pfund Fleisch!
Nimm denn den Schein, und nimm du dein Pfund Fleisch;
Allein vergießest du, indem du’s abschneidst,
Nur einen Tropfen Christenblut, so fällt
Dein Hab und Gut nach dem Gesetz Venedigs
Dem Staat Venedigs heim.

Graziano.
Gerechter Richter!—merk, Jud!—o weiser Richter!

Shylock.
Ist das Gesetz?

Porzia.
Du sollst die Akte sehn.
Denn, weil du dringst auf Recht, so sei gewiß:
Recht soll dir werden, mehr als du begehrst.

Graziano.
O weiser Richter!—merk, Jud!  ein weiser Richter!

Shylock.
Ich nehme das Erbieten denn: zahlt dreifach
Mir meinen Schein und laßt den Christen gehn.

Bassanio.
Hier ist das Geld.

Porzia.
Halt!
Dem Juden alles Recht—still!  keine Eil!
Er soll die Buße haben, weiter nichts.

Graziano.
O Jud!  ein weiser, ein gerechter Richter!

Porzia.
Darum bereite dich, das Fleisch zu schneiden.
Vergieß kein Blut, schneid auch nicht mehr noch minder
Als grad ein Pfund; ist’s minder oder mehr
Als ein genaues Pfund, sei’s nur soviel,
Es leichter oder schwerer an Gewicht
Zu machen, um ein armes Zwanzigstteil
Von einem Skrupel, ja wenn sich die Waagschal
Nur um die Breite eines Haares neigt,
So stirbst du, und dein Gut verfällt dem Staat.

Graziano.
Ein zweiter Daniel, ein Daniel, Jude!
Ungläubiger, ich hab dich bei der Hüfte.

Porzia.
Was hält den Juden auf?  Nimm deine Buße.

Shylock.
Gebt mir mein Kapital und laßt mich gehn.

Bassanio.
Ich hab es schon für dich bereit: hier ist’s.

Porzia.
Er hat’s vor offenem Gericht geweigert:
Sein Recht nur soll er haben und den Schein.

Graziano.
Ich sag, ein Daniel, ein zweiter Daniel!
Dank, Jude, daß du mich das Wort gelehrt.

Shylock.
Soll ich nicht haben bloß mein Kapital?

Porzia.
Du sollst nichts haben als die Buße, Jude,
Die du auf eigene Gefahr magst nehmen.

Shylock.
So lass’ es ihm der Teufel wohl bekommen!
Ich will nicht länger Rede stehn.

Porzia.
Wart, Jude!
Das Recht hat andern Anspruch noch an dich.
Es wird verfügt in dem Gesetz Venedigs,
Wenn man es einem Fremdling dargetan,
Daß er durch Umweg’ oder gradezu
Dem Leben eines Bürgers nachgestellt,
Soll die Partei, auf die sein Anschlag geht,
Die Hälfte seiner Güter an sich ziehn;
Die andre Hälfte fällt dem Schatz anheim,
Und an des Dogen Gnade hängt das Leben
Des Schuldgen einzig, gegen alle Stimmen.
In der Benennung, sag ich, stehst du nun,
Denn es erhellt aus offenbarem Hergang,
Daß du durch Umweg’ und auch gradezu
Recht eigentlich gestanden dem Beklagten
Nach Leib und Leben: und so trifft dich denn
Die Androhung, die ich zuvor erwähnt.
Drum nieder, bitt um Gnade bei dem Dogen!

Graziano.
Bitt um Erlaubnis, selber dich zu hängen;
Und doch, da all dein Gut dem Staat verfällt,
Behältst du nicht den Wert von einem Strick;
Man muß dich hängen auf des Staates Kosten.

Doge.
Damit du siehst, welch andrer Geist uns lenkt,
So schenk ich dir das Leben, eh du bittest.
Dein halbes Gut gehört Antonio,
Die andre Hälfte fällt dem Staat anheim,
Was Demut lindern kann zu einer Buße.

Porzia.
Ja, für den Staat, nicht für Antonio.

Shylock.
Nein, nehmt mein Leben auch, schenkt mir das nicht!
Ihr nehmt mein Haus, wenn ihr die Stütze nehmt,
Worauf mein Haus beruht; ihr nehmt mein Leben,
Wenn ihr die Mittel nehmt, wodurch ich lebe.

Porzia.
Was könnt Ihr für ihn tun, Antonio?

Graziano.
Ein Strick umsonst!  nichts mehr, um Gottes willen!

Antonio.
Beliebt mein gnädger Herr und das Gericht
Die Buße seines halben Guts zu schenken,
So bin ich es zufrieden, wenn er mir
Die andre Hälfte zum Gebrauche läßt,
Nach seinem Tod dem Mann sie zu erstatten,
Der kürzlich seine Tochter stahl.
Noch zweierlei beding ich: daß er gleich
Für diese Gunst das Christentum bekenne;
Zum andern, stell er eine Schenkung aus
Hier vor Gericht von allem, was er nachläßt,
An seinen Schwiegersohn und seine Tochter.

Doge.
Das soll er tun, ich widerrufe sonst
Die Gnade, die ich eben hier erteilt.

Porzia.
Bist du’s zufrieden, Jude?  Nun, was sagst du?

Shylock.
Ich bin’s zufrieden.

Porzia.
Ihr, Schreiber, setzt die Schenkungsakte auf.

Shylock.
Ich bitt, erlaubt mir, weg von hier zu gehn:
Ich bin nicht wohl, schickt mir die Akte nach,
Und ich will zeichnen.

Doge.
Geh denn, aber tu’s.

Graziano.
Du wirst zwei Paten bei der Taufe haben;
Wär ich dein Richter, kriegtest du zehn mehr—
Zum Galgen, nicht zum Taufstein, dich zu bringen.

(Shylock ab.)

Doge.
Ich lad Euch, Herr, zur Mahlzeit bei mir ein.

Porzia.
Ich bitt Eur Hoheit uni Entschuldigung.
Ich muß vor Abend fort nach Padua
Und bin genötigt, gleich mich aufzumachen.

Doge.
Es tut mir leid, daß Ihr Verhindrung habt.
Antonio, zeigt Euch dankbar diesem Mann:
Ihr seid ihm sehr verpflichtet, wie mich dünkt.

(Doge, Senatoren und Gefolge ab.)

Bassanio.
Mein würdger Herr, ich und mein Freund, wir sind
Durch Eure Weisheit heute losgesprochen
Von schweren Bußen; für den Dienst erwidern
Wir mit der Schuld des Juden, den dreitausend
Dukaten, willig die gewogne Müh.

Antonio.
Und bleiben Euer Schuldner überdies
An Liebe und an Diensten immerfort.

Porzia.
Wer wohl zufrieden ist, ist wohl bezahlt;
Ich bin zufrieden, da ich euch befreit,
Und halte dadurch mich für wohl bezahlt;
Lohnsüchtiger war niemals mein Gemüt.
Ich bitt euch, kennt mich, wenn wir mal uns treffen;
Ich wünsch euch Gutes, und so nehm ich Abschied.

Bassanio.
Ich muß noch in Euch dringen, bester Herr:
Nehmt doch ein Angedenken, nicht als Lohn,
Nur als Tribut; gewährt mir zweierlei,
Mir’s nicht zu weigern und mir zu verzeihn.

Porzia.
Ihr dringt sehr in mich!  gut, ich gebe nach:
Gebt Eure Handschuh mir, ich will sie tragen,
Und, Euch zur Lieb, nehm ich den Ring von Euch.
Zieht nicht die Hand zurück, ich will nichts weiter,
Und weigern dürft Ihr’s nicht, wenn Ihr mich liebt.

Bassanio.
Der Ring—ach, Herr!  ist eine Kleinigkeit,
Ihn Euch zu geben, müßt ich mich ja schämen.

Porzia.
Ich will nichts weiter haben als den Ring,
Und, wie mich dünkt, hab ich nun Lust dazu.

Bassanio.
Es hängt an diesem Ring mehr als sein Wert;
Den teursten in Venedig geb ich Euch
Und find ihn aus durch öffentlichen Ausruf.
Für diesen bitt ich nur, entschuldigt mich.

Porzia.
Ich seh, Ihr seid freigebig im Erbieten;
Ihr lehrtet erst mich bitten, und nun scheint es,
Ihr lehrt mich, wie man Bettlern Antwort gibt.

Bassanio.
Den Ring gab meine Frau mir, bester Herr;
Sie steckte mir ihn an und hieß mich schwören,
Ich woll ihn nie verlieren noch vergeben.

Porzia.
Mit solchen Worten spart man seine Gaben.
Ist Eure Frau nicht gar ein töricht Weib
Und weiß, wie gut ich diesen Ring verdient,
So wird sie nicht auf immer Feindschaft halten,
Weil Ihr ihn weggabt.  Gut, gehabt Euch wohl!

(Porzia und Nerissa ab.)

Antonio.
Laßt ihn den Ring doch haben, Don Bassanio;
Laßt sein Verdienst zugleich mit meiner Liebe
Euch gelten gegen Eurer Frau Gebot.

Bassanio.
Geh, Graziano, lauf und hol ihn ein,
Gib ihm den Ring und bring ihn, wenn du kannst,
Zu des Antonio Haus.  Fort!  eile dich!

(Graziano ab.)

Kommt, Ihr und ich, wir wollen gleich dahin,
Und früh am Morgen wollen wir dann beide
Nach Belmont fliegen.  Kommt, Antonio!

(Ab.)

Zweite Szene

Eine Straße

(Porzia und Nerissa kommen)

Porzia.
Erfrag des Juden Haus, gib ihm die Akte
Und laß ihn zeichnen.  Wir wollen fort zu Nacht
Und einen Tag vor unsern Männern noch
Zu Hause sein.  Die Akte wird Lorenzen
Gar sehr willkommen sein.

(Graziano kommt.)

Graziano.
Schön, daß ich Euch noch treffe, werter Herr.
Hier schickt Euch Don Bassanio, da er besser
Es überlegt, den Ring und bittet Euch,
Mittags bei ihm zu speisen.

Porzia.
Das kann nicht sein;
Den Ring nehm ich mit allem Danke an
Und bitt Euch, sagt ihm das; seid auch so gut,
Den jungen Mann nach Shylocks Haus zu weisen.

Graziano.
Das will ich tun.

Nerissa (zu Porzia).
Herr, noch ein Wort mit Euch.—

(Heimlich.)

Ich will doch sehn, von meinem Mann den Ring
Zu kriegen, den ich immer zu bewahren
Ihn schwören ließ.

Porzia.
Ich steh dafür, du kannst es.
Da wird’s an hoch und teuer Schwören gehn,
Daß sie die Ring an Männer weggegeben;
Wir leugnen’s keck und überschwören sie.
Fort!  eile dich!  Du weißt ja, wo ich warte.

Nerissa.
Kommt, lieber Herr!  wollt Ihr sein Haus mir zeigen?

(Ab.)

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Belmont.  Freier Platz vor Porzias Hause

(Lorenzo und Jessica treten auf)

Lorenzo.
Der Mond scheint hell.  In solcher Nacht wie diese,
Da linde Luft die Bäume schmeichelnd küßte
Und sie nicht rauschen ließ, in solcher Nacht
Erstieg wohl Troilus die Mauern Trojas
Und seufzte seine Seele zu den Zelten
Der Griechen hin, wo seine Cressida
Die Nacht in Schlummer lag.

Jessica.
In solcher Nacht
Schlüpft’ überm Taue Thisbe furchtsam hin
Und sah des Löwen Schatten eh als ihn
Und lief erschrocken weg.

Lorenzo.
In solcher Nacht
Stand Dido, eine Weid in ihrer Hand,
Am wilden Strand und winkte ihrem Liebsten
Zur Rückkehr nach Karthago.

Jessica.
In solcher Nacht
Las einst Medea jene Zauberkräuter,
Den Äson zu verjüngen.

Lorenzo.
In solcher Nacht
Stahl Jessica sich von dem reichen Juden
Und lief mit einem ausgelaßnen Liebsten
Bis Belmont von Venedig.

Jessica.
In solcher Nacht
Schwor ihr Lorenzo, jung und zärtlich, Liebe
Und stahl ihr Herz mit manchem Treugelübd,
Wovon nicht eines echt war.

Lorenzo.
In solcher Nacht
Verleumdete die artge Jessica
Wie eine kleine Schelmin ihren Liebsten,
Und er vergab es ihr.

Jessica.
Ich wollt Euch übernachten, käme niemand.
Doch horcht!  ich hör den Fußtritt eines Manns.
(Ein Bedienter kommt.)

Lorenzo.
Wer kommt so eilig in der stillen Nacht?

Bedienter.
Ein Freund.

Lorenzo.
Ein Freund?  was für ein Freund?  Eur Name, Freund?

Bedienter.
Mein Nam ist Stephano, und ich soll melden,
Daß meine gnädge Frau vor Tages Anbruch
Wird hier in Belmont sein; sie streift umher
Bei heilgen Kreuzen, wo sie kniet und betet
Um frohen Ehestand.

Lorenzo.
Wer kommt mit ihr?

Bedienter.
Ein heilger Klausner und ihr Mädchen bloß.
Doch sagt mir, ist mein Herr noch nicht zurück?

Lorenzo.
Nein, und wir haben nichts von ihm gehört.
Doch, liebe Jessica, gehn wir hinein;
Laß uns auf einen feierlichen Willkomm
Für die Gebieterin des Hauses denken.

(Lanzelot kommt.)

Lanzelot.
Holla, holla!  he!  heda!  holla!  holla!

Lorenzo.
Wer ruft?

Lanzelot.
Holla!  habt Ihr Herrn Lorenzo und Frau Lorenzo gesehn?  Holla!  holla!

Lorenzo.
Laß dein Hollarufen, Kerl!  Hier!

Lanzelot.
Holla!  wo?  wo?

Lorenzo.
Hier!

Lanzelot.
Sagt ihm, daß ein Postillon von meinem Herrn gekommen ist, der
sein Horn voll guter Neuigkeiten hat: mein Herr wird vor morgens
hier sein.

(Lanzelot ab.)

Lorenzo.
Komm, süßes Herz, erwarten wir sie drinnen.
Und doch, es macht nichts aus: wozu hineingehn?
Freund Stephano, ich bitt Euch, meldet gleich
Im Haus die Ankunft Eurer gnädgen Frau
Und bringt die Musikanten her ins Freie.

(Stephano ab.)

Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!
Hier sitzen wir und lassen die Musik
Zum Ohre schlüpfen; sanfte Still und Nacht,
Stimmt zu den Klängen süßer Harmonie.
Komm, Jessica!  Sieh, wie die Himmelsflur
Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!
Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst,
Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt,
Zum Chor der hellgeaugten Cherubim.
So voller Harmonie sind ewge Geister:
Nur wir, weil dies hinfällge Kleid von Staub
Und grob umhüllt, wir können sie nicht hören.

(Musikanten kommen.)

He!  kommt und weckt Dianen auf mit Hymnen,
Rührt euer Herrin Ohr mit zartem Spiel,

(Musik)

Zieht mit Musik sie heim.

Jessica.
Nie macht die liebliche Musik mich lustig.

Lorenzo.
Der Grund ist, Eure Geister sind gespannt.
Bemerkt nur eine wilde flüchtge Herde,
Der ungezähmten jungen Füllen Schar:
Sie machen Sprünge, brüllen, wiehern laut,
Wie ihres Blutes heiße Art sie treibt;
Doch schaut nur die Trompete oder trifft
Sonst eine Weise der Musik ihr Ohr,
So seht Ihr, wie sie miteinander stehn;
Ihr wildes Auge schaut mit Sittsamkeit,
Durch süße Macht der Töne.  Drum lehrt der Dichter,
Gelenkt hab Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,
Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,
Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.
Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst,
Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt,
Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken;
Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,
Sein Trachten düster wie der Erebus.
Trau keinem solchen!—Horch auf die Musik!

(Porzia und Nerissa in der Entfernung)

Porzia.
Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal;
Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!
So scheint die gute Tat in arger Welt.

Nerissa.
Da der Mond schien, sahn wir die Kerze nicht.

Porzia.
So löscht der größre Glanz den kleinern aus.
Ein Stellvertreter strahlet wie ein König,
Bis ihm ein König naht; und dann ergießt
Sein Prunk sich, wie vom innern Land ein Bach
Ins große Bett der Wasser.  Horch, Musik!

Nerissa.
Es sind die Musikanten Eures Hauses.

Porzia.
Ich sehe, nichts ist ohne Rücksicht gut;
Mich dünkt, sie klingt viel schöner als bei Tag.

Nerissa.
Die Stille gibt den Reiz ihr, gnädge Frau.

Porzia.
Die Krähe singt so lieblich wie die Lerche,
Wenn man auf keine lauschet; und mir deucht,
Die Nachtigall, wenn sie bei Tage sänge,
Wo alle Gänse schnattern, hielt’ man sie
Für keinen bessern Spielmann als den Spatz.
Wie manches wird durch seine Zeit gezeitigt
Zu echtem Preis und zur Vollkommenheit!—
Still!  Luna schläft ja beim Endymion
Und will nicht aufgeweckt sein.

(Die Musik hört auf.)

Lorenzo.
Wenn nicht alles
Mich trügt, ist das die Stimme Porzias.

Porzia.
Er kennt mich, wie der blinde Mann den Kuckuck,
An meiner schlechten Stimme.

Lorenzo.
Gnädge Frau, willkommen!

Porzia.
Wir beteten für unsrer Männer Wohlfahrt
Und hoffen, unsre Worte fördern sie:
Sind sie zurück?

Lorenzo.
Bis jetzt nicht, gnädge Frau.
Allein ein Bote ist vorausgekommen,
Sie anzumelden.

Porzia.
Geh hinein, Nerissa,
Sag meinen Leuten, daß sie gar nicht tun,
Als wären wir vom Haus entfernt gewesen;—
Auch Ihr, Lorenzo!  Jessica, auch Ihr!

(Trompetenstoß.)

Lorenzo.
Da kommt schon Eur Gemahl, ich höre blasen;
Wir sind nicht Plaudertaschen, fürchtet nichts.

Porzia.
Mich dünkt, die Nacht ist nur ein krankes Tagslicht,
Sie sieht ein wenig bleicher; ‘s ist ein Tag
Wie’s Tag ist, wenn die Sonne sich verbirgt.
(Bassanio, Antonio, Graziano treten auf mit ihrem Gefolge.)

Bassanio.
Wir hielten mit den Antipoden Tag,
Erschient Ihr, während sich die Sonn entfernt.

Porzia.
Wenn mein Betragen nur das Licht nicht scheut,
So mag mein Fußtritt wohl im Dunkeln wandeln:
Ihr seid zu Haus willkommen, mein Gemahl!

Bassanio.
Ich dank Euch, heißt willkommen meinen Freund!
Dies ist der Mann, dies ist Antonio,
Dem ich so grenzenlos verpflichtet bin.

Porzia.
Ihr müßt in allem ihm verpflichtet sein;
Ich hör, er hat sich sehr für Euch verpflichtet.

Antonio.
Zu mehr nicht, als ich glücklich bin gelöst.

Porzia.
Herr, Ihr seid unserm Hause sehr willkommen!
Es muß sich anders zeigen als in Reden,
Drum kürz ich diese Wortbegrüßung ab.

(Graziano und Nerissa haben sich unterdessen besonders unterredet.)

Graziano.
Ich schwör’s bei jenem Mond, Ihr tut mir Unrecht!
Fürwahr, ich gab ihn an des Richters Schreiber:
Wär er verschnitten, dem ich ihn geschenkt,
Weil Ihr Euch, Liebste, so darüber kränkt!

Porzia.
Wie?  schon ein Zank?  worüber kam es her?

Graziano.
Um einen Goldreif, einen dürftgen Ring,
Den sie mir gab; der Denkspruch war daran
Genau der Art, wie Vers’ auf einer Klinge
Vom Messerschmied: «Liebt mich und laßt mich nicht.»

Nerissa.
Was redet Ihr vom Denkspruch und dem Wert?
Ihr schwurt mir, da ich ihn Euch gab, Ihr wolltet
Ihn tragen bis zu Eurer Todesstunde;
Er sollte selbst im Sarge mit Euch ruhn.
Ihr mußtet ihn um Eurer Eide willen,
Wo nicht um mich, verehren und bewahren.
Des Richters Schreiber!—o ich weiß, der Schreiber,
Der ihn bekam, trägt niemals Haar am Kinn.

Graziano.
Doch, wenn er lebt, bis er zum Mann erwächst.

Nerissa.
Ja, wenn ein Weib zum Manne je erwächst.

Graziano.
Auf Ehr, ich gab ihn einem jungen Menschen,
‘ner Art von Buben, einem kleinen Knirps,
Nicht höher als du selbst, des Richters Schreiber.
Der Plauderbub erbat den Ring zum Lohn:
Ich konnt ihm das um alles nicht versagen.

Porzia.
Ihr wart zu tadeln, offen sag ich’s Euch,
Euch von der ersten Gabe Eurer Frau
So unbedacht zu trennen; einer Sache,
Mit Eiden angesteckt an Euren Finger
Und so mit Treu an Euren Leib geschmiedet.
Ich schenkte meinem Liebsten einen Ring
Und hieß ihn schwören, nie ihn wegzugeben;
Hier steht er, und ich darf für ihn beteuern,
Er ließ’ ihn nicht, er riss’ ihn nicht vom Finger
Für alle Schätze, so die Welt besitzt.
Ihr gabt fürwahr, Graziano, Eurer Frau
Zu lieblos eine Ursach zum Verdruß;
Geschäh es nur, es machte mich verrückt.

Bassanio (beiseite).
Ich möchte mir die linke Hand nur abhaun
Und schwören, ich verlor den Ring im Kampf.

Graziano.
Bassanio schenkte seinen Ring dem Richter,
Der darum bat und in der Tat ihn auch
Verdiente; dann erbat der Bursch, sein Schreiber,
Der Müh vom Schreiben hatte, meinen sich,
Und weder Herr noch Diener wollten was
Als die zwei Ringe nehmen.

Porzia.
Welch einen Ring gabt Ihr ihm, mein Gemahl?
Nicht den, hoff ich, den Ihr von mir empfingt.

Bassanio.
Könnt ich zum Fehler eine Lüge fügen,
So würd ich’s leugnen; doch Ihr seht, mein Finger
Hat nicht den Ring mehr an sich, er ist fort.

Porzia.
Gleich leer an Treu ist Euer falsches Herz.
Beim Himmel, nie komm ich in Euer Bett,
Bis ich den Ring gesehn.

Nerissa.
Noch ich in Eures,
Bis ich erst meinen sehe.

Bassanio.
Holde Porzia,
Wär Euch bewußt, wem ich ihn gab, den Ring,
Wär Euch bewußt, für wen ich gab den Ring,
Und säht Ihr ein, wofür ich gab den Ring
Und wie unwillig ich mich schied vom Ring,
Da nichts genommen wurde als der Ring,
Ihr würdet Eures Unmuts Härte mildern.

Porzia.
Und hättet Ihr gekannt die Kraft des Rings,
Halb deren Wert nur, die Euch gab den Ring,
Und Eure Ehre, hangend an dem Ring,
Ihr hättet so nicht weggeschenkt den Ring.
Wo wär ein Mann so unvernünftig wohl,
Hätt es Euch nur beliebt, mit einger Wärme
Ihn zu verteidgen, daß er ohne Scheu
Ein Ding begehrte, das man heilig hält?
Nerissa lehrt mich, was ich glauben soll:
Ich sterbe drauf, ein Weib bekam den Ring.

Bassanio.
Bei meiner Ehre, nein!  bei meiner Seele!
Kein Weib bekam ihn, sondern einem Doktor
Der Rechte gab ich ihn, der mir dreitausend
Dukaten ausschlug und den Ring erbat;
Ich weigert’s ihm, ließ ihn verdrießlich gehn,
Den Mann, der meines teuern Freundes Leben
Aufrechterhielt.  Was soll ich sagen, Holde?
Ich war genötigt, ihn ihm nachzuschicken;
Gefälligkeit und Scham bedrängten mich,
Und meine Ehre litt nicht, daß sie Undank
So sehr befleckte.  Drum verzeiht mir, Beste!
Denn, glaubt mir, bei den heilgen Lichtern dort,
Ihr hättet, wärt Ihr dagewesen, selbst
Den Ring erbeten für den würdgen Doktor.

Porzia.
Daß nur der Doktor nie mein Haus betritt.
Denn weil er das Juwel hat, das ich liebte,
Das Ihr meintwillen zu bewahren schwurt,
So will ich auch freigebig sein wie Ihr:
Ich will ihm nichts versagen, was ich habe,
Nicht meinen Leib noch meines Gatten Bett;
Denn kennen will ich ihn, das weiß ich sicher.
Schlaft keine Nacht vom Haus!  wacht wie ein Argus!
Wenn Ihr’s nicht tut, wenn Ihr allein mich laßt:
Bei meiner Ehre, die mein eigen noch!
Den Doktor nehm ich mir zum Bettgenossen.

Nerissa.
Und ich den Schreiber; darum seht Euch vor,
Wie Ihr mich laßt in meiner eignen Hut.

Graziano.
Gut!  tut das nur, doch laßt ihn nicht ertappen,
Ich möchte sonst des Schreibers Feder kappen.

Antonio.
Ich bin der Unglücksgrund von diesem Zwist.

Porzia.
Es kränk Euch nicht; willkommen seid Ihr dennoch.

Bassanio.
Vergeht mir, Porzia, mein gezwungnes Unrecht,
Und vor den Ohren aller dieser Freunde
Schwör ich dir, ja, bei deinen holden Augen,
Worin ich selbst mich sehe—

Porzia.
Gebt doch acht!
In meinen Augen sieht er selbst sich doppelt,
In jedem Aug einmal—beruft Euch nur
Auf Euer doppelt Selbst, das ist ein Eid,
Der Glauben einflößt.

Bassanio.
Hört mich doch nur an!
Verzeiht dies, und bei meiner Seele schwör ich,
Ich breche nie dir wieder einen Eid.

Antonio.
Ich lieh einst meinen Leib hin für sein Gut;
Ohn ihn, der Eures Gatten Ring bekam,
War er dahin; ich darf mich noch verpflichten—
Zum Pfande meine Seele—Eur Gemahl
Wird nie mit Vorsatz mehr die Treue brechen.

Porzia.
So seid denn Ihr sein Bürge; gebt ihm den
Und heißt ihn besser hüten als den andern.

Antonio.
Hier, Don Bassanio, schwört, den Ring zu hüten.

Bassanio.
Beim Himmel!  eben den gab ich dem Doktor.

Porzia.
Ich hab ihn auch von ihm, verzeiht, Bassanio!
Für diesen Ring gewann der Doktor mich.

Nerissa.
Und Ihr, verzeiht, mein artger Graziano,
Denn jener kleine Bursch, des Doktors Schreiber,
War um den Preis hier letzte Nacht bei mir.

Graziano.
Nun, das sieht aus wie Wegebesserung
Im Sommer, wann die Straßen gut genug.
Was?  sind wir Hahnrei, eh wir’s noch verdient?

Porzia.
Sprecht nicht so gröblich.—Ihr seid all erstaunt;
Hier ist ein Brief, lest ihn bei Muße durch,
Er kommt von Padua, vom Bellario;
Da könnt Ihr finden: Porzia war der Doktor,
Nerissa dort ihr Schreiber; hier Lorenzo
Kann zeugen, daß ich gleich nach Euch gereist
Und eben erst zurück bin; ich betrat
Mein Haus noch nicht.—Antonio, seid willkommen!
Ich habe beßre Zeitung noch im Vorrat,
Als Ihr erwartet.  Diesen Brief erbrecht;
Ihr werdet sehn, drei Eurer Galeonen
Sind reich beladen plötzlich eingelaufen;
Ich sag Euch nicht, was für ein eigner Zufall
Den Brief mir zugespielt hat.

Antonio.
Ich verstumme.

Bassanio.
Wart Ihr der Doktor, und ich kannt Euch nicht?

Graziano.
Wart Ihr der Schreiber, der mich krönen soll?

Nerissa.
Ja, doch der Schreiber, der es niemals tun will,
Wenn er nicht lebt, bis er zum Mann erwächst.

Bassanio.
Ihr müßt mein Bettgenoß sein, schönster Doktor.
Wenn ich nicht da bin, liegt bei meiner Frau.

Antonio.
Ihr gabt mir Leben, Teure, und zu leben:
Hier les ich für gewiß, daß meine Schiffe
Im Hafen sicher sind.

Porzia.
Wie steht’s, Lorenzo!
Mein Schreiber hat auch guten Trost für Euch.

Nerissa.
Ja, und er soll ihn ohne Sporteln haben.
Hier übergeb ich Euch und Jessica
Vom reichen Juden eine Schenkungsakte
Auf seinen Tod, von allem, was er nachläßt.

Lorenzo.
Ihr schönen Fraun streut Manna Hungrigen
In ihren Weg.

Porzia.
Es ist beinahe Morgen,
Und doch, ich weiß gewiß, seht ihr noch nicht
Den Hergang völlig ein.—Laßt uns hineingehn,
Und da vernehmt auf Fragartikel uns,
Wir wollen auch auf alles wahrhaft dienen.

Graziano.
Ja, tun wir das; der erste Fragartikel,
Worauf Nerissa schwören muß, ist der:
Ob sie bis morgen lieber warten mag,
Ob schlafen gehn zwei Stunden nur vor Tag?
Doch käm der Tag, ich wünscht ihn seiner Wege,
Damit ich bei des Doktors Schreiber läge.
Gut!  lebenslang hüt ich kein ander Ding
Mit solchen Ängsten als Nerissas Ring.

(Alle ab.)

Wie Es Euch Gefällt — August Wilhelm von Schlegel

Personen:

Der Herzog, (in der Verbannung)
Friedrich, (Bruder des Herzogs und Usurpator seines Gebiets)
Amiens (und) Jacques, (Edelleute, die den Herzog in der Verbannung
begleiten)
Le Beau, (ein Hofmann in Friedrichs Diensten)
Charles, (Friedrichs Ringer)
Oliver, Jakob (und) Orlando, (Söhne des Freiherrn Roland de Bois)
Adam (und) Dennis, (Bediente Olivers)
Probstein, (der Narr)
(Ehrn) Olivarius Textdreher, (ein Pfarrer)
Corinnus (und) Silvius, (Schäfer)
Wilhelm, (ein Bauernbursche, in Käthchen verliebt)
(Eine Person, die den Hymen vorstellt)
Rosalinde, (Tochter des vertriebnen Herzogs)
Celia, (Friedrichs Tochter)
Phöbe, (eine Schäferin)
Käthchen, (ein Bauernmädchen)
(Edelleute der beiden Herzoge, Pagen, Jäger und andres Gefolge)
Die Szene ist anfänglich bei Olivers Hause; nachher teils am Hofe
des Usurpators, teils im (Ardenner Wald)

Erster Aufzug

Erste Szene

Olivers Garten

(Orlando und Adam treten auf)

Orlando.
Soviel ich mich erinnre, Adam, war es folgendergestalt: Er
vermachte mir im Testament nur ein armes Tausend Kronen und,
wie du sagst, schärfte meinem Bruder bei seinem Segen ein, mich
gut zu erziehn, und da hebt mein Kummer an.  Meinen Bruder Jakob
unterhält er auf der Schule, und das Gerücht sagt goldne Dinge
von ihm.  Was mich betrifft, mich zieht er bäurisch zu Hause auf,
oder eigentlicher zu sagen, behält mich unerzogen hier zu Hause.
Denn nennt Ihr das Erziehung für einen Edelmann von meiner Geburt,
was vor der Stallung eines Ochsen nichts voraus hat?  Seine Pferde
werden besser besorgt; denn außer dem guten Futter lernen sie
auch ihre Schule, und zu dem Ende werden Bereiter teuer bezahlt;
aber ich, sein Bruder, gewinne nichts bei ihm als Wachstum, wofür
seine Tiere auf dem Mist ihm ebenso verpflichtet sind wie ich.
Außer diesem Nichts, das er mir im Überfluß zugesteht, scheint
sein Betragen das Etwas, welches die Natur mir gab, von mir zu
nehmen; er läßt mich mit seinen Knechten essen, versperrt mir den
brüderlichen Platz und, soviel an ihm liegt, untergräbt er meinen
angebornen Adel durch meine Erziehung.  Das ist’s, Adam, was mich
betrübt, und der Geist meines Vaters, der, denke ich, auf mir ruht,
fängt an, sich gegen diese Knechtschaft aufzulehnen.  Ich will sie
nicht länger ertragen, wiewohl ich noch kein kluges Mittel weiß,
ihr zu entgehen.

Adam.
Dort kommt mein Herr, Euer Bruder.

(Oliver tritt auf.)

Orlando.
Geh beiseit, Adam, und du sollst hören, wie er mich anfährt.

Oliver.
Nun, Junker, was macht Ihr hier?

Orlando.
Nichts.  Man hat mich nicht gelehrt, irgend etwas zu machen.

Oliver.
Was richtet Ihr denn zugrunde?

Orlando.
Ei, Herr, ich helfe Euch zugrunde richten, was Gott gemacht hat,
Euren armen unwerten Bruder, mit Nichtstun.

Oliver.
Beschäftigt Euch besser und seid einmal nichtsnutzig.

Orlando.
Soll ich Eure Schweine hüten und Treber mit ihnen essen?  Welches
verlornen Sohns Erbteil habe ich durchgebracht, daß ich in solch
Elend geraten mußte?

Oliver.
Wißt Ihr, wo Ihr seid, Herr?

Orlando.
O Herr, sehr gut!  hier in Eurem Baumgarten.

Oliver.
Wißt Ihr, vor wem Ihr steht?

Orlando.
Ja, besser als der mich kennt, vor dem ich stehe.  Ich kenne Euch
als meinen ältesten Bruder, und nach den sanften Banden des Bluts
solltet Ihr mich ebenso kennen.  Die gute Sitte der Nationen
gesteht Euch Vorrechte vor mir zu, weil Ihr der Erstgeborne seid;
aber derselbe Gebrauch beraubt mich meines Blutes nicht, wären
auch zwanzig Brüder zwischen uns.  Ich habe soviel vom Vater in
mir als Ihr, obwohl Ihr der Verehrung, die ihm gebührt, näher
seid, weil Ihr früher kamt.

Oliver.
Was, Knabe?

Orlando.
Gemach, gemach, ältester Bruder!  Dazu seid Ihr zu jung.

Oliver.
Willst du Hand an mich legen, Schurke?

Orlando.
Ich bin kein Schurke!  ich bin der jüngste Sohn des Freiherrn
Roland de Boys.  Er war mein Vater, und der ist dreifach ein
Schurke, der da sagt, solch ein Vater konnte Schurken zeugen.
Wärst du nicht mein Bruder, so ließe meine Hand deine Kehle nicht
los, bis diese andre dir die Zunge für dies Wort ausgerissen hätte.
Du hast dich selber gelästert.

Adam.
Liebe Herren, seid ruhig!  um des Andenkens eures Vaters willen,
seid einträchtig!

Oliver.
Laß mich los, sag ich.

Orlando.
Nicht eher, bis mir’s gefällt.  Ihr sollt mich anhören.  Mein
Vater legte Euch in seinem Testament auf, mir eine gute Erziehung
zu geben.  Ihr habt mich wie einen Bauern großgezogen, habt alle
Eigenschaften, die einem Edelmann zukommen, vor mir verborgen und
verschlossen gehalten.  Der Geist meines Vaters wird mächtig in
mir, und ich will es nicht länger erdulden; darum gesteht mir
solche Übungen zu, wie sie dem Edelmann geziemen, oder gebt mir
das geringe Teil, das mir mein Vater im Testament hinterließ, so
will ich mein Glück damit versuchen.

Oliver.
Und was willst du anfangen?  Betteln, wenn das durchgebracht ist?
Gut, geht nur hinein, ich will mich nicht lange mit Euch quälen,
Ihr sollt zum Teil Euren Willen haben.  Ich bitt Euch, laßt mich
nur.

Orlando.
Ich will Euch nicht weiter belästigen, als mir für mein Bestes
notwendig ist.

Oliver.
Packt Euch mit ihm, alter Hund!

Adam.
Ist «alter Hund» mein Lohn?  Doch es ist wahr, die Zähne sind mir
in Eurem Dienst ausgefallen.—Gott segne meinen alten Herrn, er
hätte solch ein Wort nicht gesprochen.

(Orlando und Adam ab.)

Oliver.
Steht es so?  Fängst du an, mir über den Kopf zu wachsen?  Ich
will dir den Kitzel vertreiben und die tausend Kronen doch nicht
geben.  He, Dennis!

(Dennis kommt.)

Dennis.
Rufen Euer Gnaden?

Oliver.
Wollte nicht Charles, des Herzogs Ringer, mit mir sprechen ?

Dennis.
Wenn es Euch beliebt: er ist hier an der Tür und bittet sehr um
Zutritt zu Euch.

Oliver.
Ruft ihn herein.

(Dennis ab.)

Das wird eine gute Auskunft sein, und morgen ist der Wettkampf
schon.

(Charles kommt.)

Charles.
Euer Gnaden guten Morgen!

Oliver.
Guter Monsieur Charles!—Was sind die neuesten Neuigkeiten am neuen
Hof?

Charles.
Keine Neuigkeiten am Hof als die alten: nämlich, daß der alte
Herzog von seinem jüngern Bruder, dem neuen Herzog, vertrieben ist,
und drei oder vier getreue Herren haben sich in freiwillige
Verbannung mit ihm begeben; ihre Ländereien und Einkünfte
bereichern den neuen Herzog, darum gibt er ihnen gern Erlaubnis, zu
wandern.

Oliver.
Könnt Ihr mir sagen, ob Rosalinde, des Herzogs Tochter, mit ihrem
Vater verbannt ist?

Charles.
O nein, denn des Herzogs Tochter, ihre Muhme, liebt sie so, da sie
von der Wiege an zusammen aufgewachsen sind, daß sie ihr in die
Verbannung gefolgt, oder gestorben wäre, wenn sie hätte
zurückbleiben müssen.  Sie ist am Hofe, und der Oheim liebt sie
nicht weniger als seine eigne Tochter.  Niemals haben sich zwei
Frauen mehr geliebt als diese.

Oliver.
Wo wird sich der alte Herzog aufhalten?

Charles.
Sie sagen, er ist bereits im Ardenner Wald, und viele lustige Leute
mit ihm, und da leben sie wie Zigeunervolk.  Es heißt, viele junge
Leute strömen ihm täglich zu und versaufen sorglos die Zeit wie im
Goldnen Alter.

Oliver.
Sagt, werdet Ihr morgen vor dem neuen Herzoge ringen?

Charles.
Ganz gewiß, Herr, und ich komme, Euch etwas zu eröffnen.  Man hat
mich unter der Hand benachrichtigt, daß Euer jüngster Bruder,
Orlando, gewillt ist, gegen mich verkleidet einen Gang zu wagen.
Morgen, Herr, ringe ich für meinen Ruhm, und wer ohne zerbrochene
Gliedmaßen davonkommt, wird von Glück zu sagen haben.  Euer Bruder
ist jung und zart, und um Euretwillen sollte es mir leid tun, ihn
so zuzurichten, wie ich doch meiner eignen Ehre wegen müßte, wenn
er sich stellt.  Darum kam ich aus Liebe zu Euch her, Euch
Nachricht davon zu geben, damit Ihr ihn entweder von seinem
Vorhaben zurückhaltet oder nicht übelnehmen mögt, was über ihn
ergeht, weil er sich’s doch selber zugezogen hat und es ganz gegen
meinen Willen geschieht.

Oliver.
Charles, ich danke dir für deine Liebe zu mir, die ich freundlichst
vergelten will, wie du sehn sollst.  Ich habe selbst einen Wink von
dieser Absicht meines Bruders bekommen und unter der Hand
gearbeitet, ihn davon abzubringen; aber er ist entschlossen.  Ich
muß dir sagen, Charles—er ist der hartnäckigste junge Bursch in
Frankreich, voll Ehrgeiz, ein neidischer Nebenbuhler von jedermanns
Gaben, ein heimlicher und niederträchtiger Ränkemacher gegen mich,
seinen leiblichen Bruder.  Darum tu nach Gefallen; mir wär’s so
lieb, du brächest ihm den Hals als die Finger; und du magst dich
nur vorsehn, denn wenn du ihm nur eine geringe Schmach zufügst oder
wenn er keine große Ehre an dir einlegen kann, so wird er dir mit
Gift nachstellen, dich durch irgendeine Verräterei fangen und nicht
von dir lassen, bis er dich auf diese oder jene Weise ums Leben
gebracht hat; denn ich versichere dir—und fast mit Tränen sage ich
es—: es lebt kein Mensch auf Erden, der so jung und so verrucht
wäre.  Ich spreche noch brüderlich von ihm; sollte ich ihn dir
zergliedern, so wie er ist, so müßte ich erröten und weinen, und du
müßtest blaß werden und erstaunen.

Charles.
Ich bin herzlich erfreut, daß ich zu Euch kam.  Stellt er sich
morgen ein, so will ich ihm seinen Lohn geben.  Wenn er je wieder
auf die Beine kommt, so will ich mein Lebtag nicht wieder um den
Preis ringen.  Gott behüte Euer Gnaden!

(Ab.)

Oliver.
Lebt wohl, guter Charles!—Nun will ich den Abenteurer anspornen.
Ich hoffe, sein Ende zu erleben; denn meine Seele, ich weiß nicht
warum, hasset nichts so sehr als ihn.  Doch ist er von sanftem
Gemüt, nicht belehrt und dennoch unterrichtet, voll edlen Trachtens,
von jedermann bis zur Verblendung geliebt; und in der Tat so fest
im Herzen der Leute, besonders meiner eignen, die ihn am besten
kennen, daß ich darüber ganz geringgeschätzt werde.  Aber so soll
es nicht lange sein—dieser Ringer soll alles ins reine bringen.
Es bleibt nichts zu tun übrig, als daß ich den Knaben dorthin hetze,
was ich gleich ins Werk richten will.

(Ab.)

Zweite Szene

Eine Esplanade vor des Herzogs Palast

(Rosalinde und Celia treten auf)

Celia.
Ich bitte dich, Rosalinde, liebes Mühmchen, sei lustig.

Rosalinde.
Liebe Celia, ich zeige mehr Fröhlichkeit, als ich in meiner Gewalt
habe, und du wolltest dennoch, daß ich noch lustiger wäre?  Kannst
du mich nicht lehren, einen verbannten Vater zu vergessen, so mußt
du nicht verlangen, daß mir eine ungewöhnliche Lust in den Sinn
kommen soll.

Celia.
Daran sehe ich, daß du mich nicht in so vollem Maße liebst, wie ich
dich liebe.  Wenn mein Oheim, dein verbannter Vater, deinen Oheim,
den Herzog, meinen Vater verbannt hätte, und du wärst immer bei mir
geblieben, so hätte ich meine Liebe gewöhnen können, deinen Vater
als den meinigen anzusehn.  Das würdest du auch tun, wenn deine
Liebe zu mir von so echter Beschaffenheit wäre als die meinige zu
dir.

Rosalinde.
Gut; ich will meinen Glücksstand vergessen, um mich an deinem zu
erfreun.

Celia.
Du weißt, mein Vater hat kein Kind außer mir und auch keine
Aussicht, eins zu bekommen; und wahrlich, wenn er stirbt, sollst du
seine Erbin sein; denn was er deinem Vater mit Gewalt genommen,
will ich dir in Liebe wiedergeben.  Bei meiner Ehre, das will ich,
und wenn ich meinen Eid breche, mag ich zum Ungeheuer werden!
Darum, meine süße Rose, meine liebe Rose, sei lustig!

Rosalinde.
Das will ich von nun an, Mühmchen, und auf Späße denken.  Laß sehen,
was hältst du vom Verlieben?

Celia.
Ei ja, tu’s, um Spaß damit zu treiben.  Aber liebe keinen Mann im
wahren Ernst, auch zum Spaß nicht weiter, als daß du mit einem
unschuldigen Erröten in Ehren wieder davonkommen kannst.

Rosalinde.
Was wollen wir denn für Spaß haben?

Celia.
Laß uns sitzen und die ehrliche Hausmutter Fortuna von ihrem Rade
weglästern, damit ihre Gaben künftig gleicher ausgeteilt werden
mögen.

Rosalinde.
Ich wollte, wir könnten das; denn ihre Wohltaten sind oft gewaltig
übel angebracht, und am meisten versieht sich die freigebige blinde
Frau mit ihren Geschenken an Frauen.

Celia.
Das ist wahr; denn die, welche sie schön macht, macht sie selten
ehrbar, und die, welche sie ehrbar macht, macht sie sehr häßlich.

Rosalinde.
Nein, da gehst du über von Fortunens Amt zu dem der Natur; Fortuna
herrscht in den weltlichen Gaben, nicht in den Zügen der Natur.

(Probstein kommt.)

Celia.
Nicht?  wenn die Natur ein schönes Geschöpf gemacht hat, kann es
Fortuna nicht ins Feuer fallen lassen?—Wiewohl uns die Natur Witz
genug verliehen hat, um des Glücks zu spotten, schickt es nicht
diesen Narren herein, dem Gespräch ein Ende zu machen?

Rosalinde.
In der Tat, da ist das Glück der Natur zu mächtig, wenn es durch
einen natürlichen Einfaltspinsel dem natürlichen Witz ein Ende
macht.

Celia.
Wer weiß, auch dies ist nicht das Werk des Glückes, sondern der
Natur, die unsern natürlichen Witz zu albern findet, um über solche
Göttinnen zu klügeln, und uns diesen Einfältigen zum Schleifstein
geschickt hat; denn immer ist die Albernheit des Narren der
Schleifstein der Witzigen.—Nun Witz, wohin wanderst du?

Probstein.
Fräulein, Ihr müßt zu Eurem Vater kommen.

Celia.
Seid Ihr als Bote abgeschickt?

Probstein.
Nein, auf meine Ehre, man hieß mich nur nach Euch gehn.

Rosalinde.
Wo hast du den Schwur gelernt, Narr?

Probstein.
Von einem gewissen Ritter, der bei seiner Ehre schwur, die
Pfannkuchen wären gut, und bei seiner Ehre schwur, der Senf wäre
nichts nutz.  Nun behaupte ich: die Pfannkuchen waren nichts nutz
und der Senf gut, und doch hatte der Ritter nicht falsch geschworen.

Celia.
Wie beweiset Ihr das in der Hülle und Fülle Eurer Gelahrtheit ?

Rosalinde.
Ei ja, nun nehmt Eurer Weisheit den Maulkorb ab.

Probstein.
Tretet beide vor, streicht euer Kinn und schwört bei euren Bärten,
daß ich ein Schelm bin.

Celia.
Bei unsern Bärten, wenn wir welche hätten, du bist einer.

Probstein.
Bei meiner Schelmerei, wenn ich sie hätte, dann wär ich einer.
Aber wenn ihr bei dem schwört, was nicht ist, so habt ihr nicht
falsch geschworen; ebensowenig der Ritter, der auf seine Ehre
schwur, denn er hatte niemals welche, oder wenn auch, so hatte er
sie längst weggeschworen, ehe ihm diese Pfannkuchen und der Senf zu
Gesicht kamen.

Celia.
Ich bitte dich, wen meinst du?

Probstein.
Einen, den der alte Friedrich, Euer Vater, liebt.

Celia.
Meines Vaters Liebe reicht hin, ihm zur Ehre zu verhelfen.  Genug,
sprecht nicht mehr von ihm; Ihr werdet gewiß nächstens einmal für
Euren bösen Leumund gestäupt.

Probstein.
Desto schlimmer, daß Narren nicht mehr weislich sagen dürfen, was
weise Leute närrisch tun.

Celia.
Meiner Treu, du sagst die Wahrheit; denn seit das bißchen Witz, das
die Narren haben, zum Schweigen gebracht worden ist, so macht das
bißchen Narrheit, das weise Leute besitzen, große Parade.  Da kommt
Monsieur Le Beau.
(Le Beau tritt auf.)

Rosalinde.
Den Mund voll von Neuigkeiten.

Celia.
Die er uns zukommen lassen wird, wie Tauben ihre Jungen füttern.

Rosalinde.
Da werden wir also mit Neuigkeiten gemästet.

Celia.
Desto besser, so stehn wir ansehnlicher zu Markt.  Guten Morgen,
Monsieur Le Beau!  was gibt es Neues?

Le Beau.
Schöne Prinzessin, Euch ist ein guter Spaß entgangen.

Celia.
Ein Spaß?  wohin?

Le Beau.
Wohin, Madame?  wie soll ich das beantworten?

Rosalinde.
Wie es Witz und Glück verleihen.

Probstein.
Oder wie das Verhängnis beschließt.

Celia.
Gut gesagt!  Das war wie mit der Kelle angeworfen.

Probstein.
Ja, wenn ich meinen Geschmack nicht behaupte—

Rosalinde.
So verlierst du deinen alten Beigeschmack.

Le Beau.
Ihr bringt mich aus der Fassung, meine Damen.  Ich wollte euch von
einem wackern Ringen erzählen, das ihr versäumt habt, mit anzusehn.

Rosalinde.
Sagt uns doch, wie es dabei herging.

Le Beau.
Ich will euch den Anfang erzählen und wenn es euer Gnaden gefällt,
könnt ihr das Ende ansehn; denn das Beste muß noch geschehen, und
sie kommen hieher, wo ihr seid, um es auszuführen.

Celia.
Gut, den Anfang, der tot und begraben ist.

Le Beau.
Es kam ein alter Mann mit seinen drei Söhnen—

Celia.
Ich weiß ein altes Märchen, das so anfängt.

Le Beau.
Drei stattliche junge Leute, vortrefflich gewachsen und männlich—

Rosalinde.
Mit Zetteln am Halse: «Kund und zu wissen sei männiglich»—

Le Beau.
Der älteste unter den dreien rang mit Charles, des Herzogs Ringer.
Charles warf ihn in einem Augenblick nieder und brach ihm drei
Rippen entzwei, so daß fast keine Hoffnung für sein Leben ist;
ebenso richtete er den zweiten und den dritten zu.  Dort liegen sie,
und der arme alte Mann, ihr Vater, erhebt eine so jämmerliche
Wehklage über sie, daß alle Zuschauer ihm mit Weinen beistehn.

Rosalinde.
Ach!

Probstein.
Aber welches ist der Spaß, Herr, der den Damen entgangen ist?

Le Beau.
Nun, der, wovon ich spreche.

Probstein.
So wird man alle Tage klüger!  Das ist das erste, was ich höre, daß
Rippenentzweibrechen ein Spaß für Damen ist.

Celia.
Ich auch, das versichere ich dir.

Rosalinde.
Aber ist denn noch jemand da, den nach dieser Seitenmusik gelüstet?
Ist noch sonst wer auf zerbrochene Rippen erpicht?—Sollen wir das
Ringen mit ansehen, Muhme?

Le Beau.
Ihr müßt, wenn ihr hier bleibt; denn sie haben diesen Platz zum
Kampfe gewählt; er wird gleich vor sich gehn.

Celia.
Wirklich, dort kommen sie.  Laß uns nun bleiben und zusehn.

(Trompetenstoß.  Herzog Friedrich, Herren vom Hofe, Orlando,
Charles und Gefolge.)

Herzog Friedrich.
Wohlan!  Da der junge Mensch nicht hören will, so mag er auf seine
eigne Gefahr vorwitzig sein.

Rosalinde.
Ist der dort der Mann?

Le Beau.
Das ist er, mein Fräulein.

Celia.
Ach, er ist zu jung, doch hat er ein siegreiches Ansehn.

Herzog Friedrich.
Ei, Tochter und Nichte!  Seid ihr hierher geschlichen, um das
Ringen zu sehn?

Rosalinde.
Ja, mein Fürst, wenn Ihr uns gütigst erlaubt.

Herzog Friedrich.
Ihr werdet wenig Vergnügen daran finden: das kann ich euch sagen;
das Paar ist zu ungleich.  Aus Mitleid mit des Ausforderers Jugend
möchte ich ihn gern davon abbringen, allein er läßt sich nicht
raten.  Sprecht mit ihm, Fräulein; seht, ob Ihr ihn bewegen könnt.

Celia.
Ruft ihn hieher, guter Monsieur Le Beau.

Herzog Friedrich.
Tut das, ich will nicht dabei sein.

(Der Herzog entfernt sich.)

Le Beau.
Herr Ausforderer, die Prinzessinnen verlangen Euch zu sprechen.

Orlando.
Ich bin ehrerbietigst zu ihrem Befehl.

Rosalinde.
Junger Mann, habt Ihr Charles, den Ringer, herausgefordert?

Orlando.
Nein, schöne Prinzessin; er ist der allgemeine Ausforderer; ich
komme bloß, wie andre auch, die Kräfte meiner Jugend gegen ihn zu
versuchen.

Celia.
Junger Mann, Euer Mut ist zu kühn für Eure Jahre.  Ihr habt einen
grausamen Beweis von der Stärke dieses Menschen gesehn: wenn Ihr
Euch selbst mit Euren Augen sähet oder mit Eurem Urteil erkanntet,
so würde Euch die Furcht vor dem Ausgange ein gleicheres Wagstück
anraten.  Wir bitten Euch um Euer selbst willen, an Eure Sicherheit
zu denken und das Unternehmen aufzugeben.

Rosalinde.
Tut das, junger Mann; Euer Ruf soll deswegen nicht herabgesetzt
werden.  Es soll unser Gesuch beim Herzoge sein, daß das Ringen
nicht vor sich gehe.

Orlando.
Ich beschwöre euch, straft mich nicht mit euren nachteiligen
Gedanken; ich erkenne mich selbst für schuldig, daß ich so schönen
und vortrefflichen Fräulein irgend etwas verweigre.  Laßt nur eure
schönen Augen und freundlichen Wünsche mich zu meiner Prüfung
geleiten.  Wenn ich zu Boden geworfen werde, so kommt nur Schmach
über jemand, der noch niemals in Ehren war; wenn umgebracht, so ist
nur Jemand tot, der sich nichts andres wünscht.  Ich werde meinen
Freunden kein Leid zufügen, denn ich habe keine, mich zu beweinen,
und der Welt keinen Nachteil, denn ich besitze nichts in ihr; ich
fülle in der Welt nur einen Platz aus, der besser besetzt werden
kann, wenn ich ihn räume.

Rosalinde.
Ich wollte, das bißchen Stärke, das ich habe, wäre mit Euch.

Celia.
Meine auch, um ihre zu ergänzen.

Rosalinde.
Fahrt wohl!  Gebe der Himmel, daß ich mich in Euch betrüge.

Celia.
Eures Herzens Wunsch werde Euch zuteil.

Charles.
Wohlan, wo ist der junge Held, dem so danach gelüstet, bei seiner
Mutter Erde zu liegen?

Orlando.
Hier ist er, Herr; aber sein Wille hegt eine anständigere Absicht.

Herzog Friedrich.
Ihr sollt nur (einen) Gang machen.

Charles.
Ich stehe Euer Hoheit dafür, Ihr werdet ihn nicht zu einem zweiten
bereden, nachdem Ihr ihn so dringend vom ersten abgemahnt habt.

Orlando.
Ihr denkt nachher über mich zu spotten: so braucht Ihr’s nicht
vorher zu tun.  Doch kommt zur Sache.

Rosalinde.
Nun, Herkules steh dir bei, junger Mann!

Celia.
Ich wollte, ich wäre unsichtbar, um dem starken Manne das Bein
unterwegs ziehen zu können.

(Charles und Orlando ringen.)

Rosalinde.
O herrlicher junger Mann!

Celia.
Hätte ich einen Donnerkeil in meinen Augen, so weiß ich, wer zu
Boden sollte.

(Charles wird zu Boden geworfen.  Jubelgeschrei.)

Herzog Friedrich.
Nicht weiter!  nicht weiter!

Orlando.
Doch, wenn es Euer Hoheit beliebt!  ich bin noch nicht recht ins
Schnaufen gekommen.

Herzog Friedrich.
Wie steht’s mit dir, Charles?

Le Beau.
Er kann nicht sprechen, mein Fürst.

Herzog Friedrich.
Tragt ihn weg.  Wie ist dein Name, junger Mensch?

Orlando.
Orlando, mein Fürst, der jüngste Sohn des Freiherrn Roland de Boys.

Herzog Friedrich.
Ich wollt, du wärst sonst jemands Sohn gewesen.
Die Welt hielt deinen Vater ehrenwert,
Doch ich erfand ihn stets als meinen Feind.
Du würdst mir mehr mit dieser Tat gefallen,
Wenn du aus einem andern Hause stammtest.
Doch fahre wohl!  du bist ein wackrer Jüngling!
Hättst du ‘nen andern Vater nur genannt!

(Herzog Friedrich mit Gefolge und Le Beau ab.)

Celia.
Wär ich mein Vater, Mühmchen, tät ich dies?

Orlando.
Ich bin weit stolzer, Rolands Sohn zu sein,
Sein jüngster Sohn—und tauschte nicht den Namen,
Würd ich auch Friedrichs angenommner Erbe.

Rosalinde.
Mein Vater liebte Roland wie sein Leben,
Und alle Welt war so wie er gesinnt.
Hätt ich zuvor den jungen Mann gekannt,
Den Bitten hätt ich Tränen zugesellt,
Eh er sich so gewagt.

Celia.
Komm, liebe Muhme,
Laß uns ihm danken und ihm Mut einsprechen;
Denn meines Vaters rauhe Art und Groll
Gehn mir ans Herz.—Herr, Ihr habt Lob verdient;
Wenn Ihr im Lieben Eur Versprechen haltet,
Wie Ihr verdunkelt, was man sich versprach,
Ist Eure Liebste glücklich.

Rosalinde (gibt ihm eine Kette von ihrem Halse).
Junger Mann,
Tragt dies von mir, von einer Glückverstoßnen,
Die mehr wohl gäbe, fehlt’ es nicht an Mitteln.
Nun, gehn wir, Muhme?

Celia.
Ja—lebt wohl denn, edler Junker!

Orlando.
Kann ich nicht sagen: Dank?  mein beßres Teil
Liegt ganz darnieder; was noch aufrecht steht,
Ist nur ein Wurfziel, bloß ein leblos Holz.

Rosalinde.
Er ruft uns nach—mein Stolz sank mit dem Glück—
Ich frag ihn, was er will.—Rieft Ihr uns, Herr?—
Herr, Ihr habt brav gekämpft und mehre noch
Besiegt als Eure Feinde.

Celia.
Komm doch, Mühmchen.

Rosalinde.
Ich komme schon.  Lebt wohl!

(Rosalinde und Celia ab.)

Orlando.
Welch ein Gefühl belastet meine Zunge?
Ich kann nicht reden, lud sie gleich mich ein.

(Le Beau kommt.)

Armer Orlando!  du bist überwältigt,
Charles oder etwas Schwächers siegt dir ob.

Le Beau.
Mein guter Herr, ich rat aus Freundschaft Euch
Verlaßt den Ort; wiewohl Ihr hohen Preis
Euch habt erworben, Lieb und echten Beifall,
So steht doch so des Herzogs Stimmung jetzt,
Daß er mißdeutet, was Ihr nun getan.
Der Fürst ist launisch; was er ist, in Wahrheit,
Ziemt besser Euch zu sehn, als mir zu sagen.

Orlando.
Ich dank Euch, Herr, und bitt Euch, sagt mir dies:
Wer war des Herzogs Tochter von den beiden,
Die hier beim Ringen waren?

Le Beau.
Von beiden keine, wenn’s nach Sitten gilt;
Doch wirklich ist die kleinste seine Tochter,
Die andre, Tochter des verbannten Herzogs,
Von ihrem Oheim hier zurückbehalten
Zu seiner Tochter Umgang; ihre Liebe
Ist zärtlicher als schwesterliche Bande.
Doch sag ich Euch: seit kurzem hegt der Herzog
Unwillen gegen seine holde Nichte,
Der auf die Ursach bloß gegründet ist,
Daß sie die Welt um ihre Gaben preist
Und sie beklagt um ihres Vaters willen;
Und, auf mein Wort, sein Ingrimm auf das Fräulein
Bricht einmal plötzlich los.—Lebt wohl, mein Herr!
Dereinst in einer bessern Welt als diese
Wünsch ich mir mehr von Eurer Lieb und Umgang.

Orlando.
Ich bleib Euch sehr verbunden; lebet wohl!

(Le Beau ab.)

So muß ich aus dem Dampf in die Erstickung,
Von Herzogs Druck in Bruders Unterdrückung.—
Doch Engel Rosalinde!—

(Ab.)

Dritte Szene

Ein Zimmer im Palast

(Celia und Rosalinde treten auf)

Celia.
Ei, Mühmchen!  ei, Rosalinde!  Cupido sei uns gnädig, nicht ein
Wort?

Rosalinde.
Nicht eins, das man einem Hunde vorwerfen könnte.

Celia.
Nein, deine Worte sind zu kostbar, um sie den Hunden vorzuwerfen;
wirf mir einige zu.  Komm, lähme mich mit Vernunftgründen.

Rosalinde.
Da wär es um zwei Muhmen geschehen, wenn die eine mit Gründen
gelähmt würde und die andre unklug ohne Grund.

Celia.
Aber ist das alles um deinen Vater?

Rosalinde.
Nein, etwas davon ist um meines Vaters Kind.  O wie voll Disteln
ist diese Werktagswelt!

Celia.
Es sind nur Kletten, Liebe, die dir bei einem Festtagsspaß
angeworfen werden.  Wenn wir nicht in gebahnten Wegen gehen, so
haschen unsre eigenen Röcke sie auf.

Rosalinde.
Vom Rocke könnt ich sie abschütteln; diese Kletten stecken mir im
Herzen.

Celia.
Huste sie weg.

Rosalinde.
Das wollte ich wohl tun, wenn ich ihn herbeihusten könnte.

Celia.
Ei was!  ringe mit deinen Neigungen.

Rosalinde.
Ach, sie nehmen die Partei eines bessern Ringers, als ich bin.

Celia.
Helfe dir der Himmel!  Du wirst dich zu seiner Zeit mit ihm messen,
gilt es auch eine Niederlage.—Doch laß uns diese Scherze abdanken
und in vollem Ernste sprechen.  Ist es möglich, daß du mit einem
Male in eine so gewaltige Zuneigung zu des alten Herrn Roland
jüngstem Sohn verfallen konntest?

Rosalinde.
Der Herzog, mein Vater, liebte seinen Vater über alles.

Celia.
Folgt daraus, daß du seinen Sohn über alles lieben mußt?  Nach
dieser Folgerung müßte ich ihn hassen, denn mein Vater haßt seinen
Vater über alles, und doch hasse ich den Orlando nicht.

Rosalinde.
Nein gewiß, hasse ihn nicht, um meinetwillen!

Celia.
Warum sollte ich?  verdient er nicht alles Gute?

(Herzog Friedrich kommt mit Herren vom Hofe.)

Rosalinde.
Um deswillen laß mich ihn lieben, und liebe du ihn, weil ich es tue.
—Sieh, da kommt der Herzog.

Celia.
Die Augen voller Zorn.

Herzog Friedrich.
Fräulein, in schnellster Eile schickt Euch an und weicht von unserm
Hof.

Rosalinde.
Ich, Oheim?

Herzog Friedrich.
Ja, Ihr, Nichte.
Wenn in zehn Tagen du gefunden wirst
Von unserm Hofe binnen zwanzig Meilen,
Bist du des Todes.

Rosalinde.
Ich ersuch Eur Gnaden,
Gebt mir die Kenntnis meines Fehlers mit.
Wenn ich Verkehr pfleg mit dem eignen Selbst,
Ja irgend meine eignen Wünsche kenne,
Wenn ich nicht träum und nicht von Sinnen bin,
Wie ich nicht hoffe: nie, mein werter Oheim,
Selbst nicht mit ungeborenen Gedanken
Beleidigt ich Eur Hoheit.

Herzog Friedrich.
So sprechen stets Verräter;
Beständ in Worten ihre Reinigung,
So sind sie schuldlos wie die Heiligkeit.
Laß dir’s genügen, daß ich dir nicht traue.

Rosalinde.
Doch macht Eur Mißtraun nicht mich zum Verräter;
Sagt mir, worauf der Anschein denn beruht?

Herzog Friedrich.
Genug, du bist die Tochter deines Vaters.

Rosalinde.
Das war ich, als Eur Hoheit ihm sein Land nahm;
Das war ich, als Eur Hoheit ihn verbannte.
Verräterei wird nicht vererbt, mein Fürst,
Und überkämen wir von Eltern sie,
Was geht’s mich an?  Mein Vater übte keine.
Drum, bester Herr, verkennt mich nicht so sehr,
Zu glauben, meine Armut sei verrätrisch.

Celia.
Mein teuerster Gebieter, hört mich an!

Herzog Friedrich.
Ja, Celia, dir zulieb ließ ich sie bleiben,
Sonst irrte sie umher mit ihrem Vater.

Celia.
Ich bat nicht damals, daß sie bleiben möchte,
Ihr wolltet es, Ihr waret selbst erweicht.
Ich war zu jung um (die) Zeit, sie zu schätzen:
Jetzt kenn ich sie; wenn sie verrätrisch ist,
So bin ich’s auch; wir schliefen stets beisammen,
Erwachten, lernten, spielten miteinander,
Und wo wir gingen, wie der Juno Schwäne,
Da gingen wir gepaart und unzertrennlich.

Herzog Friedrich.
Sie ist zu fein für dich, und ihre Sanftmut,
Ihr Schweigen selbst und ihre Duldsamkeit
Spricht zu dem Volk, und es bedauert sie.
Du Törin, du!  Sie stiehlt dir deinen Namen,
Und du scheinst glänzender und tugendreicher,
Ist sie erst fort.  Drum öffne nicht den Mund;
Fest und unwiderruflich ist mein Spruch,
Der über sie erging: sie ist verbannt.

Celia.
Sprecht denn dies Urteil über mich, mein Fürst!
Ich kann nicht leben außer ihrer Nähe.

Herzog Friedrich.
Du bist ‘ne Törin.—Nichte, seht Euch vor!
Wenn Ihr die Zeit versäumt—auf meine Ehre
Und kraft der Würde meines Worts: Ihr sterbt.

(Herzog und Gefolge ab.)

Celia.
O arme Rosalinde, wohin willst du?
Willst du die Väter tauschen?  So nimm meinen.
Ich bitt dich, sei nicht trauriger als ich!

Rosalinde.
Ich habe ja mehr Ursach.

Celia.
Nicht doch, Muhme.
Sei nur getrost!  Weißt du nicht, daß der Herzog
Mich, seine Tochter, hat verbannt?

Rosalinde.
Das nicht.

Celia.
Das nicht?  So fehlt die Liebe Rosalinden,
Die dich belehrt, daß du und ich nur eins.
Soll man uns trennen?  Solln wir scheiden, Süße?
Nein, mag mein Vater andre Erben suchen.
Ersinne nur mit mir, wie wir entfliehn,
Wohin wir gehn und was wir mit uns nehmen;
Und suche nicht, die Last auf dich zu ziehn,
Dein Leid zu tragen und mich auszuschließen.
Bei diesem Himmel, bleich von unserm Gram,
Sag, was du willst, ich gehe doch mit dir.

Rosalinde.
Wohl!  wohin gehn wir?

Celia.
Zu meinem Oheim im Ardenner Wald.

Rosalinde.
Doch ach, was für Gefahr wird es uns bringen,
So weit zu reisen, Mädchen wie wir sind?
Schönheit lockt Diebe schneller noch als Gold.

Celia.
Ich stecke mich in arme, niedre Kleidung
Und streiche mein Gesicht mit Ocker an;
Tu ebendas, so ziehn wir unsern Weg
Und reizen keine Räuber.

Rosalinde.
Wär’s nicht besser,
Weil ich von mehr doch als gemeinem Wuchs,
Daß ich mich trüge völlig wie ein Mann?
Den schmucken kurzen Säbel an der Hüfte
Den Jagdspieß in der Hand, und—läg im Herzen
Auch noch so viele Weiberfurcht versteckt—
Wir sähen kriegerisch und prahlend drein,
Wie manche andre Männermemmen auch,
Die mit dem Ansehn es zu zwingen wissen.

Celia.
Wie willst du heißen, wenn du nun ein Mann bist?

Rosalinde.
Nicht schlechter als der Page Jupiters;
Denk also dran, mich Ganymed zu nennen.
Doch wie willst du genannt sein?

Celia.
Nach etwas, das auf meinen Zustand paßt:
Nicht länger Celia, sondern Aliena.

Rosalinde.
Wie, Muhme, wenn von Eures Vaters Hof
Wir nun den Schalksnarrn wegzustehlen suchten,
Wär er uns nicht ein Trost auf unsrer Reise?

Celia.
Oh, der geht mit mir in die weite Welt,
Um den laß mich nur werben.  Laß uns gehn
Und unsern Schmuck und Kostbarkeiten sammeln,
Die beste Zeit und sichern Weg bedenken
Vor der Verfolgung, die nach meiner Flucht
Wird angestellt.  So ziehn wir denn in Frieden,
Denn Freiheit ist uns, nicht der Bann beschieden.

(Ab.)

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Der Ardenner Wald

(Der Herzog, Amiens und andre Edelleute in Jägerkleidung)

Herzog.
Nun, meine Brüder und des Banns Genossen,
Macht nicht Gewohnheit süßer dieses Leben
Als das gemalten Pomps?  Sind diese Wälder
Nicht sorgenfreier als der falsche Hof?
Wir fühlen hier die Buße Adams nur,
Der Jahrszeit Wechsel; so den eisgen Zahn
Und böses Schelten von des Winters Sturm;
Doch, wenn er beißt und auf den Leib mir bläst,
Bis ich vor Kälte schaudre, sag ich lächelnd:
«Dies ist nicht Schmeichelei; Ratgeber sind’s,
Die fühlbar mir bezeugen, wer ich bin.»
Süß ist die Frucht der Widerwärtigkeit,
Die gleich der Kröte, häßlich und voll Gift,
Ein köstliches Juwel im Haupte trägt.
Dies unser Leben, vom Getümmel frei,
Gibt Bäumen Zungen, findet Schrift im Bach,
In Steinen Lehre, Gutes überall.

Amiens.
Ich tauscht es selbst nicht; glücklich ist Eur Hoheit,
Die auszulegen weiß des Schicksals Härte
In solchem ruhigen und milden Sinn.

Herzog.
Kommt, wolln wir gehen und uns Wildbret töten?
Doch schmerzt’s, daß wir den armen fleckgen Narren,
Die Bürger sind in dieser öden Stadt,
Auf eignem Grund mit hakgen Spitzen blutig
Die runden Hüften reißen.

Erster Edelmann.
Ja, mein Fürst,
Den melancholschen Jacques kränkt dieses sehr;
Er schwört, daß Ihr auf diesem Weg mehr Unrecht
Als Euer Bruder übt, der Euch verbannt.
Heut schlüpften ich und Amiens hinter ihn,
Als er sich hingestreckt an einer Eiche,
Wovon die alte Wurzel in den Bach
Hineinragt, der da braust den Wald entlang;
Es kam dahin ein arm verschüchtert Wild,
Das von des Jägers Pfeil beschädigt war,
Um auszuschmachten; und gewiß, mein Fürst,
Das arme Tier stieß solche Seufzer aus,
Daß jedesmal sein ledern Kleid sich dehnte
Zum Bersten fast, und dicke runde Tränen
Längs der unschuldgen Nase liefen kläglich
Einander nach; und der behaarte Narr,
Genau bemerkt vom melancholschen Jacques,
Stand so am letzten Rand des schnellen Bachs,
Mit Tränen ihn vermehrend.

Herzog.
Nun, und Jacques?
Macht er dies Schauspiel nicht zur Sittenpredigt?

Erster Edelmann.
O ja, in tausend Gleichnissen.  Zuerst
Das Weinen in den unbedürftgen Strom:
«Ach, armer Hirsch!» so sagt’ er, «wie der Weltling
Machst du dein Testament: gibst dem den Zuschuß,
Der schon zuviel hat.»—Dann, weil er allein
Und von den samtnen Freunden war verlassen:
«Recht!» sagt’ er, «so verteilt das Elend stets
Des Umgangs Flut.»—Alsbald ein Rudel Hirsche,
Der Weide voll, sprang sorglos an ihm hin,
Und keiner stand zum Gruße.  «Ja», rief Jacques,
«Streift hin, ihr fetten, wohlgenährten Bürger!
So ist die Sitte eben; warum schaut ihr
Nach dem bankrotten, armen Schelme da?»
Auf diese Art durchbohrt er schmähungsvoll
Den Kern vom Lande, Stadt und Hof, ja selbst
Von diesem unserm Leben; schwört, daß wir
Nichts als Tyrannen, Räuber, Schlimmres noch,
Weil wir die Tiere schrecken, ja sie töten
In ihrem eignen heimatlichen Sitz.

Herzog.
Und ließet ihr in der Betrachtung ihn?

Erster Edelmann.
Ja, gnädger Herr, beweinend und besprechend
Das schluchzende Geschöpf.

Herzog.
Zeigt mir den Ort,
Ich lasse gern in diesen düstern Launen
Mich mit ihm ein; er ist dann voller Sinn.

Erster Edelmann.
Ich will Euch zu ihm bringen.

(Ab.)

Zweite Szene

Ein Zimmer im Palaste

(Herzog Friedrich, Herren vom Hofe und Gefolge treten auf)

Herzog Friedrich.
Ist es denn möglich, daß sie niemand sah?
Es kann nicht sein!  nein, Schurken hier am Hof
Sind im Verständnis mit und gaben’s zu.

Erster Edelmann.
Ich hörte nicht, daß irgendwer sie sah.
Die Fraun im Dienste ihrer Kammer brachten
Sie in ihr Bett und fanden morgens früh
Das Bett von ihrem Fräulein ausgeleert.

Zweiter Edelmann.
Mein Herzog, der Hanswurst, den Euer Hoheit
Oft zu belachen pflegt’, wird auch vermißt.
Hesperia, der Prinzessin Kammerfräulein,
Bekennt, sie habe insgeheim belauscht,
Wie Eure Nicht’ und Tochter überaus
Geschick und Anstand jenes Ringers lobten,
Der jüngst den nervgen Charles darniederwarf;
Sie glaubt, wohin sie auch gegangen sind,
Der Jüngling sei gewißlich ihr Begleiter.

Herzog Friedrich.
Schickt hin zum Bruder, holt den Braven her;
Ist der nicht da, bringt mir den Bruder selbst:
Der soll ihn mir schon finden.  Tut dies schnell;
Laßt Nachsuchung und Forschen nicht ermatten,
Die törichten Verlaufnen heimzubringen.

(Ab.)

Dritte Szene

Vor Olivers Hause

(Orlando und Adam begegnen sich)

Orlando.
Wer ist da?

Adam.
Was?  Ihr, mein junger Herr?—O edler Herr!
O mein geliebter Herr!  O Ihr, Gedächtnis
Des alten Roland!  Sagt, was macht Ihr hier?
Weswegen übt Ihr Tugend?  schafft Euch Liebe?
Und warum seid Ihr edel, stark und tapfer?
Was wart Ihr so erpicht, den stämmgen Kämpfer
Des launenhaften Herzogs zu bezwingen?
Eur Ruhm kam allzu schnell vor Euch nach Haus.
Wißt Ihr nicht, Junker, daß gewissen Leuten
All ihre Gaben nur als Feinde dienen?
So, bester Herr, sind Eure Tugenden
An Euch geweihte, heilige Verräter.
O welche Welt ist dies, wenn das, was herrlich,
Den, der es hat, vergiftet!

Orlando.
Nun denn, was gibt’s?

Adam.
Oh, unglückselger Jüngling!
Geht durch dies Tor nicht; unter diesem Dach
Lebt aller Eurer Trefflichkeiten Feind:
Eur Bruder—nein, kein Bruder, doch der Sohn—
Nein, nicht der Sohn; ich will nicht Sohn ihn nennen
Des, den ich seinen Vater heißen wollte—
Hat Euer Lob gehört und denkt zu Nacht
Die Wohnung zu verbrennen, wo Ihr liegt,
Und Euch darinnen.  Schlägt ihm dieses fehl,
So sucht er andre Weg, Euch umzubringen;
Ich habe ihn belauscht und seinen Anschlag.
Kein Wohnort ist dies Haus, ‘ne Mördergrube;
Verabscheut, fürchtet es, geht nicht hinein.

Orlando.
Sag, wohin willst du, Adam, daß ich gehe?

Adam.
Gleichviel wohin, ist es nur hieher nicht.

Orlando.
Was?  willst du, daß ich gehn und Brot soll betteln?
Wohl gar mit schnödem, tollem Schwert erzwingen
Als Straßenräuber meinen Unterhalt?
Das muß ich tun, sonst weiß ich nichts zu tun;
Doch will ich dies nicht, komme, was da will.
Ich setze mich der Bosheit lieber aus
Des abgefallnen Bluts und blutgen Bruders.

Adam.
Nein, tut das nicht!  ich hab fünfhundert Kronen,
Sorgsam ersparten Lohn von Eurem Vater;
Ich legt ihn bei, mein Pfleger dann zu sein,
Wann mir der Dienst erlahmt in schwachen Gliedern
Und man das Alter in die Ecke wirft.
Nehmt das, und der die jungen Raben füttert,
Ja, sorgsam für den Sperling Vorrat häuft,
Sei meines Alters Trost!  Hier ist das Gold;
Nehmt alles, laßt mich Euren Diener sein.
Seh ich gleich alt, bin ich doch stark und rüstig;
Denn nie in meiner Jugend mischt ich mir
Heiß und aufrührerisch Getränk ins Blut.
Noch ging ich je mit unverschämter Stirn
Den Mitteln nach zu Schwäch und Unvermögen.
Drum ist mein Alter wie ein frischer Winter,
Kalt, doch erquicklich.  Laßt mich mit Euch gehn!
Ich tu den Dienst von einem jüngern Mann
In aller Eurer Notdurft und Geschäften.

Orlando.
O guter Alter, wie so wohl erscheint
in dir der treue Dienst der alten Welt,
Da Dienst um Pflicht sich mühte, nicht um Lohn!
Du bist nicht nach der Sitte dieser Zeiten,
Wo niemand mühn sich will als um Befördrung,
Und kaum daß er sie hat, erlischt sein Dienst
Gleich im Besitz.  So ist es nicht mit dir.
Doch, armer Greis, du pflegst den dürren Stamm,
Der keine Blüte mehr vermag zu treiben
Für alle deine Sorgsamkeit und Müh.
Doch komm wir brechen miteinander auf;
Und eh wir deinen Jugendlohn verzehrt,
Ist uns ein friedlich kleines Los beschert.

Adam.
Auf, Herr!  und bis zum letzten Atemzug
Folg ich Euch nach, ergeben ohne Trug.
Von siebzehn Jahren bis zu achtzig schier
Wohnt ich, nun wohn ich ferner nicht mehr hier.
Um siebzehn ziemt’s, daß mit dem Glück man buhle,
Doch achtzig ist zu alt für diese Schule.
Könnt ich vom Glück nur diesen Lohn erwerben,
Nicht Schuldner meines Herrn und sanft zu sterben!

(Ab.)

Vierte Szene

Der Wald

(Rosalinde als Knabe, Celia, wie eine Schäferin gekleidet, und
Probstein treten auf)

Rosalinde.
O Jupiter!  wie matt sind meine Lebensgeister!

Probstein.
Ich frage nicht nach meinen Lebensgeistern, wenn nur meine Beine
nicht matt wären.

Rosalinde.
Ich wäre imstande, meinen Mannskleidern eine Schande anzutun und
wie ein Weib zu weinen.  Aber ich muß das schwächere Gefäß
unterstützen, denn Wams und Hosen müssen sich gegen den Unterrock
herzhaft beweisen.  Also Herz gefaßt, liebe Aliena!

Celia.
Ich bitte dich, ertrage mich, ich kann nicht weiter.

Probstein.
Ich für mein Teil wollte Euch lieber ertragen als tragen.  Und doch
trüge ich kein Kreuz, wenn ich Euch trüge; denn ich bilde mir ein,
Ihr habt keinen Kreuzer in Eurem Beutel.

Rosalinde.
Gut, dies ist der Ardenner Wald.

Probstein.
Ja, nun bin ich in den Ardennen, ich Narr; da ich zu Hause war, war
ich an einem bessern Ort, aber Reisende müssen sich schon begnügen.

Rosalinde.
Ja, tut das, guter Probstein.—Seht, wer kommt da?  Ein junger Mann
und ein alter in tiefem Gespräch.

(Corinnus und Silvius treten auf.)

Corinnus.
Dies ist der Weg, daß sie dich stets verschmäht.

Silvius.
O wüßtest du, Corinnus, wie ich liebe!

Corinnus.
Zum Teil errat ich’s, denn einst liebt ich auch.

Silvius.
Nein, Freund: alt wie du bist, errätst du’s nicht,
Warst du auch jung ein so getreuer Schäfer,
Als je aufs mitternächtge Kissen seufzte;
Allein, wenn deine Liebe meiner gleich—
Zwar glaub ich, keiner liebte jemals so—
Zu wieviel höchlich ungereimten Dingen
Hat deine Leidenschaft dich hingerissen?

Corinnus.
Zu Tausenden, die ich vergessen habe.

Silvius.
O dann hast du so herzlich nie geliebt!
Entsinnst du dich der kleinsten Torheit nicht,
In welche dich die Liebe je gestürzt,
So hast du nicht geliebt;
Und hast du nicht gesessen, wie ich jetzt,
Den Hörer mit der Liebsten Preis ermüdend,
So hast du nicht geliebt;
Und brachst du nicht von der Gesellschaft los
Mit eins, wie jetzt die Leidenschaft mich heißt,
So hast du nicht geliebt.—O Phöbe!  Phöbe!  Phöbe!

(Ab.)

Rosalinde.
Ach, armer Schäfer!  deine Wunde suchend,
Hab ich durch schlimmes Glück die meine funden.

Probstein.
Und ich meine.  Ich erinnre mich, da ich verliebt war, daß ich
meinen Degen an einem Stein zerstieß und hieß ihn das dafür
hinnehmen, daß er sich unterstände, nachts zu Hannchen Freundlich
zu kommen; und ich erinnre mich, wie ich ihr Waschholz küßte und
die Euter der Kuh, die ihre artigen, rissigen Hände gemolken hatten.
Ich erinnre mich, wie ich mit einer Erbsenschote schön tat, als
wenn sie es wäre, und ich nahm zwei Erbsen, gab sie ihr wieder und
sagte mit weinenden Tränen: «Tragt sie um meinetwillen.» Wir treuen
Liebenden kommen oft auf seltsame Sprünge; wie alles von Natur
sterblich ist, so sind alle sterblich Verliebten von Natur Narren.

Rosalinde.
Du sprichst klüger, als du selber gewahr wirst.

Probstein.
Nein, ich werde meinen eignen Witz nicht eher gewahr werden, als
bis ich mir die Schienbeine daran zerstoße.

Rosalinde.
O Jupiter!  o Jupiter!  Dieses Schäfers Leidenschaft ist ganz nach
meiner Eigenschaft.

Probstein.
Nach meiner auch, aber sie versauert ein wenig bei mir.

Celia.
Ich bitte Euch, frag einer jenen Mann,
Ob er für Gold uns etwas Speise gibt.
Ich schmachte fast zu Tode.

Probstein.
Heda, Tölpel.

Rosalinde.
Still, Narr!  Er ist dein Vetter nicht.

Corinnus.
Wer ruft?

Probstein.
Vornehmere als Ihr.

Corinnus.
Sonst wären sie auch wahrlich sehr gering.

Rosalinde.
Still, sag ich Euch!—Habt guten Abend, Freund!

Corinnus.
Ihr gleichfalls, feiner Herr, und allesamt.

Rosalinde.
Hör, Schäfer, können Geld und gute Worte
In dieser Wildnis uns Bewirtung schaffen,
So zeigt uns, wo wir ruhn und essen können.
Dies junge Mädchen ist vom Wandern matt
Und schmachtet nach Erquickung.

Corinnus.
Lieber Herr,
Sie tut mir leid, und ihretwillen mehr
Als meinetwillen wünscht ich, daß mein Glück
Instand mich besser setzt’, ihr beizustehn.
Doch ich bin Schäfer eines andern Manns
Und schere nicht die Wolle, die ich weide.
Von filziger Gemütsart ist mein Herr
Und fragt nicht viel danach, den Weg zum Himmel
Durch Werke der Gastfreundlichkeit zu finden.
Auch stehn ihm Hütt und Herd und seine Weiden
Jetzt zum Verkauf; und auf der Schäferei
Ist, weil er nicht zu Haus, kein Vorrat da,
Wovon ihr speisen könnt; doch kommt und seht!
Von mir euch alles gern zu Dienste steht.

Rosalinde.
Wer ist’s, der seine Herd’ und Wiesen kauft?

Corinnus.
Der junge Schäfer, den ihr erst gesehn,
Den es nicht kümmert, irgendwas zu kaufen.

Rosalinde.
Ich bitte dich, besteht’s mit Redlichkeit,
Kauf du die Meierei, die Herd’ und Weiden;
Wir geben dir das Geld, es zu bezahlen.

Celia.
Und höhern Lohn; ich liebe diesen Ort
Und brächte willig hier mein Leben hin.

Corinnus.
Soviel ist sicher, dies ist zu Verkauf.
Geht mit!  Gefällt euch auf Erkundigung
Der Boden, der Ertrag und dieses Leben,
So will ich euer treuer Pfleger sein
Und kauf es gleich mit eurem Golde ein.

(Alle ab.)

Fünfte Szene

Ein anderer Teil des Waldes

(Amiens, Jacques und andere)

Lied.

Amiens.
Unter des Laubdachs Hut
Wer gerne mit mir ruht
Und stimmt der Kehle Klang
Zu lustger Vögel Sang:
Komm geschwinde!  geschwinde!  geschwinde!
Hier nagt und sticht
Kein Feind ihn nicht
Als Wetter, Regen und Winde.

Jacques.
Mehr, mehr, ich bitte dich, mehr!

Amiens.
Es würde Euch melancholisch machen, Monsieur Jacques.

Jacques.
Das danke ich ihm.  Mehr, ich bitte dich, mehr!  Ich kann
Melancholie aus einem Liede saugen, wie ein Wiesel Eier saugt.
Mehr!  mehr!  ich bitte dich.

Amiens.
Meine Stimme ist rauh; ich weiß, ich kann Euch nicht damit gefallen.

Jacques.
Ich verlange nicht, daß Ihr mir gefallen sollt; ich verlange, daß
Ihr singt.  Kommt, noch eine Strophe!  Nennt Ihr’s nicht Strophen?

Amiens.
Wie es Euch beliebt, Monsieur Jacques.

Jacques.
Ich kümmre mich nicht um ihren Namen; sie sind mir nichts schuldig.
Wollt Ihr singen?

Amiens.
Mehr auf Euer Verlangen als mir zu Gefallen.

Jacques.
Gut, wenn ich mich jemals bei einem Menschen bedanke, so will ich’s
bei Euch; aber was sie Komplimente nennen, ist, als wenn sich zwei
Affen begegnen.  Und wenn sich jemand herzlich bei mir bedankt, so
ist mir, als hätte ich ihm einen Pfennig gegeben und er sagte:
«Gotteslohn dafür.» Kommt singt, und wer nicht mag, halte sein Maul!

Amiens.
Gut, ich will das Lied zu Ende bringen.—Ihr Herren, deckt indes
die Tafel; der Herzog will unter diesem Baum trinken—er ist den
ganzen Tag nach Euch aus gewesen.

Jacques.
Und ich bin ihm den ganzen Tag aus dem Wege gegangen.  Er ist ein
zu großer Disputierer für mich.  Es gehn mir so viele Gedanken
durch den Kopf als ihm; aber ich danke dem Himmel und mache kein
Wesens davon.  Kommt, trillert eins her.

Lied.  (Alle zusammen.)
Wer Ehrgeiz sich hält fern,
Lebt in der Sonne gern,
Selbst sucht, was ihn ernährt,
Und es mit Lust verzehrt:
Komm geschwinde geschwinde geschwinde!
Hier nagt und sticht
Kein Feind ihn nicht
Als Wetter, Regen und Winde.

Jacques.
Ich will Euch einen Vers zu dieser Weise sagen, den ich gestern
meiner Dichtungsgabe zum Trotz gemacht habe.

Amiens.
Und ich will ihn singen.

Jacques.
So lautet er:

Besteht ein dummer Tropf
Auf seinem Eselskopf,
Läßt seine Füll und Ruh
Und läuft der Wildnis zu:
(Duc ad me!  duc ad me!  duc ad me!)
Hier sieht er mehr
So Narrn wie er,
Wenn er zu mir will kommen her.

Amiens.
Was heißt das: (duc ad me?)

Jacques.
Es ist eine griechische Beschwörung, um Narren in einen Kreis zu
bannen.  Ich will gehn und schlafen, wenn ich kann; kann ich nicht,
so will ich auf alle Erstgeburt in Ägypten lästern.

Amiens.
Und ich will den Herzog aufsuchen, sein Mahl ist bereitet.

(Von verschiedenen Seiten ab.)

Sechste Szene

Ein anderer Teil des Waldes

(Orlando und Adam treten auf)

Adam.
Liebster Herr, ich kann nicht weitergehn; ach, ich sterbe vor
Hunger!  Hier werfe ich mich hin und messe mir mein Grab.  Lebt
wohl, bester Herr!

Orlando.
Ei was, Adam!  hast du nicht mehr Herz?  Lebe noch ein wenig,
stärke dich ein wenig, ermuntre dich ein wenig.  Wenn dieser rauhe
Wald irgendein Gewild hegt, so will ich ihm entweder zur Speise
dienen oder es dir zur Speise bringen.  Deine Einbildung ist dem
Tode näher als deine Kräfte.  Mir zuliebe sei getrost!  halt dir
den Tod noch eine Weile vom Leibe.  Ich will gleich wieder bei dir
sein, und wenn ich dir nicht etwas zu essen bringe, so erlaube ich
dir zu sterben; aber wenn du stirbst, ehe ich komme, so hast du
mich mit meiner Mühe zum besten.—So recht!  du siehst munter aus,
und ich bin gleich wieder bei dir.  Aber du liegst in der scharfen
Luft; komm, ich will dich hinbringen, wo Überwind ist, und du
sollst nicht aus Mangel an einer Mahlzeit sterben, wenn es
irgendwas Lebendiges in dieser Einöde gibt.  Mut gefaßt, guter Adam.

(Beide ab.)

Siebente Szene

Ein anderer Teil des Waldes

(Ein gedeckter Tisch.  Der Herzog, Amiens, Edelleute und Gefolge
treten auf)

Herzog.
Ich glaub, er ist verwandelt in ein Tier,
Denn nirgends find ich ihn in Mannsgestalt.

Erster Edelmann.
Mein Fürst, er ging soeben von hier weg
Und war vergnügt, weil wir ein Lied ihm sangen.

Herzog.
Wenn er, ganz Mißlaut, musikalisch wird,
So gibt’s bald Dissonanzen in den Sphären.—
Geht, sucht ihn, sagt, daß ich ihn sprechen will.

(Jacques tritt auf.)

Erster Edelmann.
Er spart die Mühe mir durch seine Ankunft.

Herzog.
Wie nun, mein Herr?  was ist denn das für Art,
Daß Eure Freunde um Euch werben müssen?
Was?  Ihr seht lustig aus?

Jacques.
Ein Narr!  ein Narr!—ich traf ‘nen Narrn im Walde,
‘nen scheckgen Narrn—o jämmerliche Welt!—
So wahr mich Speise nährt, ich traf ‘nen Narrn,
Der streckte sich dahin und sonnte sich
Und schimpfte Frau Fortuna ganz beredt
Und ordentlich—und doch ein scheckger Narr!
«Guten Morgen, Narr!» sagt’ ich; «Mein Herr», sagt’ er,
«Nennt mich nicht Narr, bis mich das Glück gesegnet.»
Dann zog er eine Sonnenuhr hervor,
Und wie er sie besah mit blödem Auge,
Sagt’ er sehr weislich: «Zehn ist’s an der Uhr.
Da sehn wir nun», sagt’ er, «wie die Welt läuft:
‘s ist nur ‘ne Stunde her, da war es neun,
Und nach ‘ner Stunde noch wird’s elfe sein;
Und so von Stund zu Stunde reifen wir,
Und so von Stund zu Stunde faulen wir,
Und daran hängt ein Märlein.» Da ich hörte
So predgen von der Zeit den scheckgen Narrn,
Fing meine Lung an, wie ein Hahn zu krähn,
Daß Narrn so tiefbedächtig sollten sein;
Und eine Stunde lacht ich ohne Rast
Nach seiner Sonnenuhr.—O wackrer Narr!
Ein würdger Narr!  die Jacke lob ich mir.

Herzog.
Was ist das für ein Narr?

Jacques.
Ein würdger Narr!  Er war ein Hofmann sonst
Und sagt, wenn Frauen jung und schön nur sind,
So haben sie die Gabe, es zu wissen.
In seinem Hirne, das so trocken ist
Wie Überrest von Zwieback nach der Reise,
Hat er seltsame Texte, übervoll
Von Lebensweisheit, die er brockenweise
Nun von sich gibt.—O wär ich doch ein Narr!
Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke.

Herzog.
Du sollst sie haben.

Jacques.
‘s ist mein einzger Wunsch;
Vorausgesetzt, daß Ihr Eur beßres Urteil
Von aller Meinung reinigt, die da wuchert,
Als wär ich weise.—Dann muß ich Freiheit haben,
So ausgedehnte Vollmacht wie der Wind—
So ziemt es Narrn—auf wen ich will, zu blasen,
Und wen am ärgsten meine Torheit geißelt,
Der muß am meisten lachen.  Und warum?
Das fällt ins Auge wie der Weg zur Kirche:
Der, den ein Narr sehr weislich hat getroffen,
Wär wohl sehr töricht, schmerzt es noch sosehr,
Nicht fühllos bei dem Schlag zu tun.  Wo nicht,
So wird des Weisen Narrheit aufgedeckt
Selbst durch des Narren ungefähres Zielen.
Steckt mich in meine Jacke, gebt mich frei
Zu reden, wie mir’s dünkt, und durch und durch
Will ich die angesteckte Welt schon säubern,
Wenn sie geduldig nur mein Mittel nehmen.

Herzog.
O pfui!  Ich weiß wohl, was du würdest tun.

Jacques.
Und was, zum Kuckuck, würd ich tun als Gutes?

Herzog.
Höchst arge Sünd, indem du Sünde schältest;
Denn du bist selbst ein wüster Mensch gewesen,
So sinnlich wie nur je des Tieres Trieb;
Und alle Übel, alle bösen Beulen,
Die du auf freien Füßen dir erzeugt,
Die würdst du schütten in die weite Welt.

Jacques.
Wie!  wer schreit gegen Stolz
Und klagt damit den einzelnen nur an?
Schwillt seine Flut nicht mächtig wie die See,
Bis daß die letzten, letzten Mittel ebben?
Welch eine Bürgerfrau nenn ich mit Namen,
Wenn ich behaupt, es tragen Bürgerfraun
Der Fürsten Aufwand auf unwürdgen Schultern?
Darf (eine) sagen, daß ich sie gemeint,
Wenn so wie sie die Nachbarin auch ist?
Und wo ist (der) vom niedrigsten Beruf,
Der spricht: sein Großtun koste mir ja nichts—
Im Wahn, er sei gemeint—und seine Torheit
Nicht stimmt dadurch zu meiner Rede Ton?
Ei ja doch!  wie denn?  was denn?  Laßt doch sehn,
Worin ihm meine Zunge Unrecht tat.
Tut sie sein Recht ihm, tat er selbst sich Unrecht;
Und ist er rein, nun wohl, so fliegt mein Tadel
Die Kreuz und Quer wie eine wilde Gans,
Die niemand angehört.—Wer kommt da?  seht!

(Orlando kommt mit gezognem Degen.)

Orlando.
Halt!  eßt nicht mehr!

Jacques.
Ich hab noch nicht gegessen.

Orlando.
Und sollst nicht, bis die Notdurft erst bedient.

Jacques.
Von welcher Art mag dieser Vogel sein?

Herzog.
Hat deine Not dich, Mensch, so kühn gemacht?
Wie?  oder ist’s Verachtung guter Sitten,
Daß du so leer von Höflichkeit erscheinst?

Orlando.
Ihr traft den Puls zuerst; der dornge Stachel
Der harten Not nahm von mir weg den Schein
Der Höflichkeit; im innern Land geboren,
Kenn ich wohl Sitte—aber haltet!  sag ich,
Der stirbt, wer etwas von der Frucht berührt,
Eh ich und meine Sorgen sind befriedigt.

Jacques.
Könnt Ihr nicht durch Vernunft befriedigt werden,
So muß ich sterben.

Herzog.
Was wollt Ihr haben?  Eure Freundlichkeit
Wird mehr als Zwang zur Freundlichkeit uns zwingen.

Orlando.
Ich sterbe fast vor Hunger, gebt mir Speise.

Herzog.
Sitzt nieder!  eßt!  willkommen unserm Tisch!

Orlando.
Sprecht Ihr so liebreich?  O vergebt, ich bitte!
Ich dachte, alles müßte wild hier sein,
Und darum setzt ich in die Fassung mich
Des trotzigen Befehls.  Wer ihr auch seid,
Die hier in dieser unzugangbarn Wildnis
Unter dem Schatten melancholscher Wipfel
Säumt und vergeßt die Stunden träger Zeit:
Wenn je ihr beßre Tage habt gesehn,
Wenn je zur Kirche Glocken euch geläutet,
Wenn je ihr saßt bei guter Menschen Mahl,
Wenn je vom Auge Tränen ihr getrocknet
Und wißt, was Mitleid ist und Mitleid finden,
So laßt die Sanftmut mir statt Zwanges dienen:
Ich hoff’s, erröt und berge hier mein Schwert.

Herzog.
Wahr ist es, daß wir beßre Tage sahn,
Daß heilge Glocken uns zur Kirch geläutet,
Daß wir bei guter Menschen Mahl gesessen
Und Tropfen unsern Augen abgetrocknet,
Die ein geheiligt Mitleid hat erzeugt:
Und darum setzt in Freundlichkeit Euch hin
Und nehmt nach Wunsch, was wir an Hilfe haben,
Das Eurem Mangel irgend dienen kann.

Orlando.
Enthaltet Euch der Speise nur ein Weilchen,
Indessen wie die Hindin ich mein Junges
Will füttern gehn.  Dort ist ein armer Alter,
Der manchen sauren Schritt aus bloßer Liebe
Mir nachgehinkt: bis er befriedigt ist,
Den doppelt Leid, das Alter schwächt und Hunger,
Berühr ich keinen Bissen.

Herzog.
Geht, holt ihn her!
Wir wollen nichts verzehren, bis Ihr kommt.

Orlando.
Ich dank Euch; seid für Euren Trost gesegnet!

(Orlando ab.)

Herzog.
Du siehst, unglücklich sind nicht wir allein,
Und dieser weite, allgemeine Schauplatz
Beut mehr betrübte Szenen dar als unsre,
Worin du spielst.

Jacques.
Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und geben wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin.  Zuerst das Kind,
Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt;
Der weinerliche Bube, der mit Bündel
Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke
Ungern zur Schule kriecht; dann der Verliebte,
Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied
Auf seiner Liebsten Braun; dann der Soldat,
Voll toller Flüch und wie ein Pardel bärtig,
Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,
Bis in die Mündung der Kanone suchend
Die Seifenblase Ruhm.  Und dann der Richter
Im runden Bauche, mit Kapaun gestopft,
Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,
Voll weiser Sprüch und Allerweltssentenzen
Spielt seine Rolle so.  Das sechste Alter
Macht den besockten, hagern Pantalon,
Brill auf der Nase, Beutel an der Seite;
Die jugendliche Hose, wohl geschont,
‘ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;
Die tiefe Männerstimme, umgewandelt
Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt
In seinem Ton.  Der letzte Akt, mit dem
Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,
Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,
Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.

(Orlando kommt zurück mit Adam.)

Herzog.
Nun, Freund, setzt nieder Eure würdge Last
Und laßt ihn essen.

Orlando.
Ich dank Euch sehr für ihn.

Adam.
Das tut auch not;
Kaum kann ich sprechen, selbst für mich zu danken.

Herzog.
Willkommen denn!  greift zu!  Ich stör Euch nicht
Bis jetzt mit Fragen über Eure Lage.—
Gebt uns Musik und singt eins, guter Vetter!
Lied.

Amiens.
Stürm, stürm, du Winterwind!
Du bist nicht falsch gesinnt,
Wie Menschenundank ist.
Dein Zahn nagt nicht sosehr,
Weil man nicht weiß, woher,
Wiewohl du heftig bist.
Heisa!  singt heisa!  den grünenden Bäumen!
Die Freundschaft ist falsch, und die Liebe nur Träumen.
Drum heisa, den Bäumen!
Den lustigen Räumen!  Frier, frier, du Himmelsgrimm!
Du beißest nicht so schlimm
Als Wohltat nicht erkannt;
Erstarrst du gleich die Flut,
Viel schärfer sticht das Blut
Ein Freund von uns gewandt.
Heisa!  singt heisa!  den grünenden Bäumen!
Die Freundschaft ist falsch, und die Liebe nur Träumen.
Drum heisa, den Bäumen!
Den lustigen Räumen!

Herzog.
Wenn ihr der Sohn des guten Roland seid,
Wie Ihr mir eben redlich zugeflüstert
Und meinem Aug sein Ebenbild bezeugt,
Das konterfeit, in Eurem Antlitz lebt:
Seid herzlich hier begrüßt!  Ich bin der Herzog,
Der Euren Vater liebte; Eur ferners Schicksal,
Kommt und erzählt’s in meiner Höhle mir.—
Willkommen, guter Alter, wie dein Herr!
Führt ihn am Arme.—Gebt mir Eure Hand
Und macht mir Euer ganz Geschick bekannt.

(Alle ab.)

Dritter Aufzug

Erste Szene

Ein Zimmer im Palast

(Herzog Friedrich, Oliver, Herren vom Hofe und Gefolge)

Herzog Friedrich.
Ihn nicht gesehn seitdem?  Herr!  Herr!  das kann nicht sein.
Bestünd aus Milde nicht mein größter Teil,
So sucht ich kein entferntes Ziel der Rache,
Da du zur Stelle bist.—Doch sieh dich vor;
Schaff deinen Bruder, sei er, wo er will;
Such ihn mit Kerzen, bring in Jahresfrist
Ihn lebend oder tot; sonst komm nie wieder,
Auf unserm Boden Unterhalt zu suchen.
Was du nur dein nennst, Land und andres Gut,
Des Einziehns wert, fällt unsrer Hand anheim,
Bis du durch deines Bruders Mund dich lösest
Von allem, was wir gegen dich gedacht.

Oliver.
O kennt’ Eur Hoheit hierin nur mein Herz!
Ich liebt im Leben meinen Bruder nicht.

Herzog Friedrich.
Schurk um so mehr!—Stoßt ihn zur Tür hinaus,
Laßt die Beamten dieser Art Beschlag
Ihm legen auf sein Haus und Länderein:
Tut in der Schnelle dies und schafft ihn fort!

(Alle ab.)

Zweite Szene

Der Wald

(Orlando kommt mit einem Blatt Papier)

Orlando.
Da häng, mein Vers, der Liebe zum Beweis!
Und du, o Königin der Nacht dort oben,
Sieh keuschen Blicks aus deinem blassen Kreis
Den Namen deiner Jägrin hier erhoben.
O Rosalinde!  sei der Wald mir Schrift:
Ich grabe mein Gemüt in alle Rinden,
Daß jedes Aug, das diese Bäume trifft,
Ringsum bezeugt mag deine Tugend finden.
Auf, auf, Orlando!  rühme spät und früh
Die schöne, keusche, unnennbare «sie».

(Ab.)

(Corinnus und Probstein treten auf.)

Corinnus.
Und wie gefällt Euch dies Schäferleben, Meister Probstein?

Probstein.
Wahrhaftig, Schäfer, an und für sich betrachtet, ist es ein gutes
Leben; aber in Betracht, daß es ein Schäferleben ist, taugt es
nichts.  In Betracht, daß es einsam ist, mag ich es wohl leiden;
aber in Betracht, daß es stille ist, ist es ein sehr erbärmliches
Leben.  Ferner in Betracht, daß es auf dem Lande ist, steht es mir
an; aber in Betracht, daß es nicht am Hofe ist, wird es langweilig.
Insofern es ein mäßiges Leben ist, seht Ihr, ist es nach meinem
Sinn; aber insofern es nicht reichlicher dabei zugeht, streitet es
sehr gegen meine Neigung.  Verstehst Philosophie, Schäfer?

Corinnus.
Mehr nicht, als daß ich weiß, daß einer sich desto schlimmer
befindet, je kränker er ist; und wem’s an Geld, Gut und Genügen
gebricht, daß dem drei gute Freunde fehlen; daß des Regens
Eigenschaft ist, zu nässen, und des Feuers, zu brennen; daß gute
Weide fette Schafe macht und die Nacht hauptsächlich vom Mangel an
Sonne kommt; daß einer, der weder durch Natur noch Kunst zu
Verstand gekommen wäre, sich über die Erziehung zu beklagen hätte,
oder aus einer sehr dummen Sippschaft sein müßte.

Probstein.
So einer ist ein natürlicher Philosoph.  Warst je am Hofe, Schäfer?

Corinnus.
Nein, wahrhaftig nicht.

Probstein.
So wirst du in der Hölle gebraten.

Corinnus.
Ei, ich hoffe—

Probstein.
Wahrhaftig, du wirst gebraten wie ein schlecht geröstet Ei, nur an
(einer) Seite.

Corinnus.
Weil ich nicht am Hofe gewesen bin?  Euren Grund!

Probstein.
Nun: wenn du nicht am Hofe gewesen bist, so hast du niemals gute
Sitten gesehn.  Wenn du niemals gute Sitten gesehn hast, so müssen
deine schlecht sein, und alles Schlechte ist Sünde, und Sünde führt
in die Hölle.  Du bist in einem verfänglichen Zustande, Schäfer.

Corinnus.
Ganz und gar nicht, Probstein.  Was bei Hofe gute Sitten sind, die
sind so lächerlich auf dem Lande, als ländliche Weise bei Hofe zum
Spott dient.  Ihr sagtet mir, bei Hofe grüßt Ihr nicht, ohne Eure
Hand zu küssen.  Das wäre eine sehr unreinliche Höflichkeit, wenn
Hofleute Schäfer wären.

Probstein.
Den Beweis, kürzlich, den Beweis?

Corinnus.
Nun, wir müssen unsre Schafe immer angreifen, und ihre Felle sind
fettig, wie Ihr wißt.

Probstein.
Schwitzen die Hände unserer Hofleute etwa nicht, und ist das Fett
von einem Schafe nicht so gesund wie der Schweiß von einem
Menschen?  Einfältig!  einfältig!  Einen besseren Beweis!  her
damit!

Corinnus.
Auch sind unsre Hände hart.

Probstein.
Eure Lippen werden sie desto eher fühlen.  Wiederum einfältig!
Einen tüchtigeren Beweis!

Corinnus.
Und sind oft ganz beteert vom Bepflastern unsrer Schafe.  Wollt Ihr,
daß wir Teer küssen sollen?  Die Hände der Hofleute riechen nach
Bisam.

Probstein.
Höchst einfältiger Mensch!  Du wahre Würmerspeise gegen ein gutes
Stück Fleisch!  Lerne von den Weisen und erwäge!  Bisam ist von
schlechterer Abkunft als Teer: der unsaubre Abgang einer Katze.
Einen bessern Beweis, Schäfer!

Corinnus.
Ihr habt einen zu höfischen Witz für mich; ich lasse es dabei
bewenden.

Probstein.
Was?  bei der Hölle?  Gott helfe dir, einfältiger Mensch!  Gott
eröffne dir das Verständnis!  Du bist ein Strohkopf.

Corinnus.
Herr, ich bin ein ehrlicher Tagelöhner; ich verdiene, was ich esse,
erwerbe, was ich trage, hasse keinen Menschen, beneide niemandes
Glück, freue mich über andrer Leute Wohlergehn, bin zufrieden mit
meinem Ungemach, und mein größter Stolz ist, meine Schafe weiden
und meine Lämmer saugen zu sehn.

Probstein.
Das ist wieder eine einfältige Sünde von Euch, daß Ihr die Schafe
und die Böcke zusammenbringt und Euch nicht schämt, von der
Begattung des Viehes Euren Unterhalt zu ziehn; daß ihr den Kuppler
für einen Leithammel macht und so ein jähriges Lamm einem
schiefbeinigen alten Hahnrei von Widder überantwortet gegen alle
Regeln des Ehestandes.  Wenn du dafür nicht in die Hölle kommst, so
will der Teufel selbst keine Schäfer; sonst sehe ich nicht, wie du
entwischen könntest.

Corinnus.
Hier kommt der junge Herr Ganymed, meiner neuen Herrschaft Bruder.

(Rosalinde kommt mit einem Blatt Papier.)

Rosalinde (liest).
«Von Ost bis West, in beiden Inden
Ist kein Juwel gleich Rosalinden;
Ihr Wert, beflügelt von den Winden,
Trägt durch die Welt hin Rosalinden.
Alle Schilderein erblinden
Bei dem Glanz von Rosalinden;
Keinen Reiz soll man verkünden
Als den Reiz von Rosalinden.»

Probstein.
So will ich Euch acht Jahre hintereinander reimen, Essens- und
Schlafenszeit ausgenommen; es ist der wahre Butterfrauentrab, wenn
sie zu Markte gehn.

Rosalinde.
Fort mit dir, Narr!

Probstein.
Zur Probe: Sehnt der Hirsch sich nach den Hinden:
Laßt ihn suchen Rosalinden.
Will die Katze sich verbinden:
Glaubt, sie macht’s gleich Rosalinden.
Reben müssen Bäum umwinden:
So tut’s nötig Rosalinden.
Wer da mäht, muß Garben binden
Auf den Karrn mit Rosalinden.
Süße Nuß hat saure Rinden;
Solche Nuß gleicht Rosalinden.
Wer süße Rosen sucht, muß finden
Der Liebe Dorn und Rosalinden.  Das ist der eigentliche falsche
Versgalopp.  Warum behängt Ihr Euch mit ihnen?

Rosalinde.
Still, dummer Narr!  Ich fand sie an einem Baum.

Probstein.
Wahrhaftig, der Baum trägt schlechte Früchte.

Rosalinde.
Ich will Euch auf ihn impfen, und dann wird er Mispeln tragen: denn
Eure Einfälle verfaulen, ehe sie halb reif sind, und das ist eben
die rechte Tugend einer Mispel.

Probstein.
Ihr habt gesprochen, aber ob gescheit oder nicht, das mag der Wald
richten.

(Celia kommt mit einem Blatt Papier.)

Rosalinde.
Still!  hier kommt meine Schwester und liest; gehn wir beiseit.

Celia.
«Sollten schweigen diese Räume,
Weil sie unbevölkert?  Nein.
Zungen häng ich an die Bäume,
Daß sie reden Sprüche fein;
Bald, wie rasch das Menschenleben
Seine Pilgerfahrt durchläuft;
Wie die Zeit, ihm zugegeben,
Eine Spanne ganz begreift;
Bald, wie Schwüre falsch sich zeigen,
Wie sich Freund vom Freunde trennt.
Aber an den schönsten Zweigen
Und an jedes Spruches End
Soll man Rosalinde lesen,
Und verbreiten soll der Ruf,
Daß der Himmel aller Wesen
Höchsten Ausbund in ihr schuf.
Drum hieß die Natur sein Wille
(Eine) menschliche Gestalt
Zieren mit der Gaben Fülle;
Die Natur mischt’ alsobald
Helenens Wange, nicht ihr Herz;
Kleopatrens Herrlichkeit;
Atalantens leichten Scherz
Und Lukreziens Sittsamkeit.
So ward durch einen Himmelsbund
Aus vielen Rosalind ersonnen,
Aus manchem Herzen, Aug und Mund,
Auf daß sie jeden Reiz gewonnen;
Der Himmel gab ihr dieses Recht
Und tot und lebend mich zum Knecht.»

Rosalinde.
O gütiger Jupiter!—Mit welcher langweiligen Liebespredigt habt Ihr
da Eure Gemeinde müde gemacht und nicht einmal gerufen: «Geduld,
gute Leute!»

Celia.
Seht doch, Freunde hinterm Rücken?—Schäfer, geh ein wenig abseits.
—Geh mit ihm, Bursch.

Probstein.
Kommt, Schäfer, laßt uns einen ehrenvollen Rückzug machen,
wenngleich nicht mit Sang und Klang, doch mit Sack und Pack.

(Corinnus und Probstein ab.)

Celia.
Hast du diese Verse gehört?

Rosalinde.
O ja, ich hörte sie alle und noch was drüber; denn einige hatten
mehr Füße, als die Verse tragen konnten.

Celia.
Das tut nichts, die Füße konnten die Verse tragen.

Rosalinde.
Ja, aber die Füße waren lahm und konnten sich nicht außerhalb des
Verses bewegen, und darum standen sie so lahm im Verse.

Celia.
Aber hast du gehört, ohne dich zu wundern, daß dein Name an den
Bäumen hängt und eingeschnitten ist?

Rosalinde.
Ich war schon sieben Tage in der Woche über alles Wundern hinaus,
ehe du kamst: denn sieh nur, was ich an einem Palmbaum fand.  Ich
bin nicht so bereimt worden seit Pythagoras’ Zeiten, wo ich eine
Ratte war, die sie mit schlechten Versen vergifteten, wessen ich
mich kaum noch erinnern kann.

Celia.
Rätst du, wer es getan hat?

Rosalinde.
Ist es ein Mann?

Celia.
Mit einer Kette um den Hals, die du sonst getragen hast.
Veränderst du die Farbe?

Rosalinde.
Ich bitte dich, wer?

Celia.
O Himmel!  Himmel!  Es ist ein schweres Ding für Freunde, sich
wieder anzutreffen; aber Berg und Tal kommen im Erdbeben zusammen.

Rosalinde.
Nein, sag, wer ist’s?

Celia.
Ist es möglich?

Rosalinde.
Ich bitte dich jetzt mit der allerdringendsten Inständigkeit, sag
mir, wer er ist.

Celia.
O wunderbar, wunderbar und höchst wunderbarlich wunderbar und
nochmals wunderbar und über alle Wunder weg.

Rosalinde.
O du liebe Ungeduld!  Denkst du, weil ich wie ein Mann ausstaffiert
bin, daß auch meine Gemütsart in Wams und Hosen ist?  Ein Zollbreit
mehr Aufschub ist eine Südsee weit von der Entdeckung.  Ich bitte
dich, sag mir, wer ist es?  Geschwind, und sprich hurtig!  Ich
wollte, du könntest stottern, daß dir dieser verborgne Mann aus dem
Munde käme wie Wein aus einer enghalsigen Flasche: entweder zuviel
auf einmal oder gar nichts.  Ich bitte dich, nimm den Kork aus
deinem Munde, damit ich deine Zeitungen trinken kann.

Celia.
Da könntest du einen Mann mit in den Leib bekommen.

Rosalinde.
Ist er von Gottes Machwerk?  Was für eine Art von Mann?  Ist sein
Kopf einen Hut wert oder sein Kinn einen Bart?

Celia.
Nein, er hat nur wenig Bart.

Rosalinde.
Nun, Gott wird mehr bescheren, wenn der Mensch recht dankbar ist;
ich will den Wuchs von seinem Bart schon abwarten, wenn du mir nur
die Kenntnis von seinem Kinn nicht länger vorenthältst.

Celia.
Es ist der junge Orlando, der den Ringer und dein Herz in einem
Augenblick zu Falle brachte.

Rosalinde.
Nein, der Teufel hole das Spaßen!  Sag auf dein ehrlich Gesicht und
Mädchentreue.

Celia.
Auf mein Wort, Muhme, er ist es.

Rosalinde.
Orlando?

Celia.
Orlando.

Rosalinde.
Ach liebe Zeit!  Was fange ich nun mit meinem Wams und Hosen an?—
Was tat er, wie du ihn sahst?  Was sagte er?  Wie sah er aus?  Wie
trug er sich?  Was macht er hier?  Frug er nach mir?  Wo bleibt er?
Wie schied er von dir, und wann wirst du ihn wiedersehn?  Antworte
mir mit einem Wort.

Celia.
Da mußt du mir erst Gargantuas Mund leihen; es wäre ein zu großes
Wort für irgendeinen Mund, wie sie heutzutage sind.  Ja und nein
auf diese Artikel zu sagen ist mehr, als in einer Kinderlehre
antworten.

Rosalinde.
Aber weiß er, daß ich in diesem Lande bin, und in Mannskleidern?
Sieht er so munter aus, wie an dem Tage, wo wir ihn ringen sahen?

Celia.
Es ist ebenso leicht, Sonnenstäubchen zu zählen als die Aufgaben
eines Verliebten zu lösen.  Doch nimm ein Pröbchen von meiner
Entdeckung und koste es recht aufmerksam.—Ich fand ihn unter einem
Baum wie eine abgefallne Eichel.

Rosalinde.
Der mag wohl Jupiters Baum heißen, wenn er solche Früchte fallen
läßt.

Celia.
Verleiht mir Gehör, wertes Fräulein.

Rosalinde.
Fahret fort.

Celia.
Da lag er, hingestreckt wie ein verwundeter Ritter.

Rosalinde.
Wenn es gleich ein Jammer ist, solch einen Anblick zu sehn, so muß
er sich doch gut ausgenommen haben.

Celia.
Ruf deiner Zunge «Holla» zu, ich bitte dich; sie macht zur Unzeit
Sprünge.  Er war wie ein Jäger gekleidet.

Rosalinde.
O Vorbedeutung!  Er kommt, mein Herz zu erlegen.

Celia.
Ich möchte mein Lied ohne Chor singen; du bringst mich aus der
Weise.

Rosalinde.
Wißt Ihr nicht, daß ich ein Weib bin?  Wenn ich denke, muß ich
sprechen.  Liebe, sag weiter.
(Orlando und Jacques treten auf.)

Celia.
Du bringst mich heraus.—Still!  kommt er da nicht?

Rosalinde.
Er ist’s!  Schlüpft zur Seite und laßt uns ihn aufs Korn nehmen.

(Celia und Rosalinde verbergen sich.)

Jacques.
Ich danke Euch für geleistete Gesellschaft; aber meiner Treu, ich
wäre ebensogern allein gewesen.

Orlando.
Ich auch; aber um der Sitte willen danke ich Euch gleichfalls für
Eure Gesellschaft.

Jacques.
Der Himmel behüt Euch!  Laßt uns sowenig zusammenkommen wie möglich.

Orlando.
Ich wünsche mir Eure entferntere Bekanntschaft.

Jacques.
Ich ersuche Euch, verderbt keine Bäume weiter damit, Liebeslieder
in die Rinden zu schneiden.

Orlando.
Ich ersuche Euch, verderbt meine Verse nicht weiter damit, sie
erbärmlich abzulesen.

Jacques.
Rosalinde ist Eurer Liebsten Name?

Orlando.
Wie Ihr sagt.

Jacques.
Ihr Name gefällt mir nicht.

Orlando.
Es war nicht die Rede davon, Euch zu gefallen, wie sie getauft
wurde.

Jacques.
Von welcher Statur ist sie?

Orlando.
Grade so hoch wie mein Herz.

Jacques.
Ihr seid voll artiger Antworten.  Habt Ihr Euch etwa mit
Goldschmiedweibern abgegeben und solche Sprüchlein von Ringen
zusammengelesen?

Orlando.
Das nicht; aber ich antworte Euch wie die Tapetenfiguren, aus deren
Munde Ihr Eure Fragen studiert habt.

Jacques.
Ihr habt einen behenden Witz; ich glaube, er ist aus Atalantens
Fersen gemacht.  Wollt Ihr Euch mit mir setzen, so wollen wir
zusammen über unsre Gebieterin, die Welt, und unser ganzes Elend
schmähen.

Orlando.
Ich will kein lebendig Wesen in der Welt schelten als mich selber,
an dem ich die meisten Fehler kenne.

Jacques.
Der ärgste Fehler, den Ihr habt, ist, verliebt zu sein.

Orlando.
Das ist ein Fehler, den ich nicht mit Eurer besten Tugend
vertauschte.—Ich bin Eurer müde.

Jacques.
Meiner Treu, ich suchte eben einen Narren, da ich Euch fand.

Orlando.
Er ist in den Bach gefallen; guckt nur hinein, so werdet Ihr ihn
sehn.

Jacques.
Da werde ich meine eigne Person sehen.

Orlando.
Die ich entweder für einen Narren oder eine Null halte.

Jacques.
Ich will nicht länger bei Euch verweilen.  Lebt wohl, guter Signor
Amoroso!

Orlando.
Ich freue mich über Euren Abschied.  Gott befohlen, guter Monsieur
Melancholie!

(Jacques ab.)

(Celia und Rosalinde treten vor.)

Rosalinde.
Ich will wie ein naseweiser Lakai mit ihm sprechen und ihn unter
der Gestalt zum besten haben.—Hört Ihr, Jäger?

Orlando.
Recht gut; was wollt Ihr?

Rosalinde.
Sagt mir doch, was ist die Glocke?

Orlando.
Ihr solltet mich fragen, was ist’s an der Zeit; es gibt keine
Glocke im Walde.

Rosalinde.
So gibts auch keinen rechten Liebhaber im Walde, sonst würde jede
Minute ein Seufzen und jede Stunde ein Ächzen den trägen Fuß der
Zeit so gut anzeigen wie eine Glocke.

Orlando.
Und warum nicht den schnellen Fuß der Zeit?  Wäre das nicht ebenso
passend gewesen?

Rosalinde.
Mitnichten, mein Herr.  Die Zeit reiset in verschiednem Schritt mit
verschiednen Personen.  Ich will Euch sagen, mit wem die Zeit den
Paß geht, mit wem sie trabt, mit wem sie galoppiert und mit wem sie
stillsteht.

Orlando.
Ich bitte dich, mit wem trabt sie?

Rosalinde.
Ei, sie trabt hart mit einem jungen Mädchen zwischen der Verlobung
und dem Hochzeitstage.  Wenn auch nur acht Tage dazwischen hingehn,
so ist der Trab der Zeit so hart, daß es ihr wie acht Jahre
vorkommt.

Orlando.
Mit wem geht die Zeit den Paß?

Rosalinde.
Mit einem Priester, dem es an Latein gebricht, und einem reichen
Manne, der das Podagra nicht hat.  Denn der eine schläft ruhig,
weil er nicht studieren kann, und der andre lebt lustig, weil er
keinen Schmerz fühlt; den einen drückt nicht die Last dürrer und
auszehrender Gelehrsamkeit, der andre kennt die Last schweren
mühseligen Mangels nicht.  Mit diesen geht die Zeit den Paß.

Orlando.
Mit wem galoppiert sie?

Rosalinde.
Mit dem Diebe zum Galgen; denn ginge er auch noch sosehr Schritt
vor Schritt, so denkt er doch, daß er zu früh kommt.

Orlando.
Mit wem steht sie still?

Rosalinde.
Mit Advokaten in den Gerichtsferien; denn sie schlafen von Session
zu Session und werden also nicht gewahr, wie die Zeit fortgeht.

Orlando.
Wo wohnt Ihr, artiger junger Mensch?

Rosalinde.
Bei dieser Schäferin, meiner Schwester; hier am Saum des Waldes,
wie Fransen an einem Rock.

Orlando.
Seid Ihr hier einheimisch?

Rosalinde.
Wie das Kaninchen, das zu wohnen pflegt, wo es zur Welt gekommen
ist.

Orlando.
Eure Aussprache ist etwas feiner, als Ihr sie an einem so
abgelegnen Ort Euch hättet erwerben können.

Rosalinde.
Das haben mir schon viele gesagt; aber in der Tat, ein alter
geistlicher Onkel von mir lehrte mich reden; er war in seiner
Jugend ein Städter und gar zu gut mit dem Hofmachen bekannt, denn
er verliebte sich dabei.  Ich habe ihn manche Predigt dagegen
halten hören und danke Gott, daß ich kein Weib bin und keinen Teil
an allen den Verkehrtheiten habe, die er ihrem ganzen Geschlecht
zur Last legte.

Orlando.
Könnt Ihr Euch nicht einiger von den vornehmsten Untugenden
erinnern, die er den Weibern aufbürdete?

Rosalinde.
Es gab keine vornehmsten darunter; sie sahen sich alle gleich wie
Pfennige: jeder einzelne Fehler schien ungeheuer, bis sein
Mitfehler sich neben ihn stellte.

Orlando.
Bitte, sagt mir einige davon.

Rosalinde.
Nein, ich will meine Arznei nicht wegwerfen, außer an Kranke.  Es
spukt hier ein junger Mensch im Walde herum, der unsre junge
Baumzucht mißbraucht, den Namen Rosalinde in die Rinden zu graben,
der Oden an Weißdorne hängt und Elegien an Brombeersträuche, alle—
denkt doch!—um den Namen Rosalinde zu vergöttern.  Könnte ich
diesen Herzenskrämer antreffen, so gäbe ich ihm einen guten Rat,
denn er scheint mit dem täglichen Liebesfieber behaftet.

Orlando.
Ich bin’s, den die Liebe so schüttelt; ich bitte Euch, sagt mir
Euer Mittel.

Rosalinde.
Es ist keins von meines Onkels Merkmalen an Euch zu finden.  Er
lehrte mich einen Verliebten erkennen; ich weiß gewiß, Ihr seid
kein Gefangner in diesem Käfig.

Orlando.
Was waren seine Merkmale?

Rosalinde.
Eingefallne Wangen, die Ihr nicht habt; Augen mit blauen Rändern,
die Ihr nicht habt; ein ungeselliger Sinn, den Ihr nicht habt; ein
verwilderter Bart, den Ihr nicht habt—doch den erlasse ich Euch,
denn, aufrichtig, was Ihr an Bart besitzet, ist eines jüngeren
Bruders Einkommen.—Dann sollten Eure Kniegürtel lose hängen, Eure
Mütze nicht gebunden sein, Eure Ärmel aufgeknöpft, Eure Schuhe
nicht zugeschnürt, und alles und jedes an Euch müßte eine
nachlässige Trostlosigkeit verraten.  Aber solch ein Mensch seid
ihr nicht.  Ihr seid vielmehr geschniegelt in Eurem Anzuge, mehr
wie einer, der in sich selbst verliebt als sonst jemands Liebhaber
ist.

Orlando.
Schöner Junge, ich wollte, ich könnte dich glauben machen, daß ich
liebe.

Rosalinde.
Mich das glauben machen?  Ihr könntet es ebensogut Eure Liebste
glauben machen, was nie zu tun williger ist—dafür steh ich Euch—
als zu gestehn, daß sie es tut; das ist einer von den Punkten,
worin die Weiber immer ihr Gewissen Lügen strafen.  Aber in ganzem
Ernst: seid Ihr es, der die Verse an die Bäume hängt, in denen
Rosalinde so bewundert wird?

Orlando.
Ich schwöre dir, junger Mensch, bei Rosalindens weißer Hand: ich
bin es, ich bin der Unglückliche.

Rosalinde.
Aber seid Ihr so verliebt, als Eure Reime bezeugen?

Orlando.
Weder Gereimtes noch Ungereimtes kann ausdrücken, wie sehr.

Rosalinde.
Liebe ist eine bloße Tollheit, und ich sage Euch, verdient
ebensogut eine dunkle Zelle und Peitsche als andre Tolle; und die
Ursache, warum sie nicht so gezüchtigt und geheilt wird, ist, weil
sich dieser Wahnsinn so gemein gemacht hat, daß die Zuchtmeister
selbst verliebt sind.  Doch kann ich sie mit gutem Rat heilen.

Orlando.
Habt Ihr irgendwen so geheilt?

Rosalinde.
Ja, einen, und zwar auf folgende Weise.  Er mußte sich einbilden,
daß ich seine Liebste, seine Gebieterin wäre, und alle Tage hielt
ich ihn an, um mich zu werben.  Ich, der ich nur ein launenhafter
Junge bin, grämte mich dann, war weibisch, veränderlich, wußte
nicht, was ich wollte, stolz, phantastisch, grillenhaft, läppisch,
unbeständig, bald in Tränen, bald voll Lächeln, von jeder
Leidenschaft etwas und von keiner etwas Rechtes, wie Kinder und
Weiber meistenteils in diese Farben schlagen.  Bald mochte ich ihn
leiden, bald konnte ich ihn nicht ausstehn; dann machte ich mir mit
ihm zu schaffen, dann sagte ich mich von ihm los; jetzt weinte ich
um ihn, jetzt spie ich vor ihm aus: so daß ich meinen Bewerber aus
einem tollen Anfall von Liebe in einen leibhaften Anfall von
Tollheit versetzte, welche darin bestand, das Getümmel der Welt zu
verschwören und in einem mönchischen Winkel zu leben.  Und so
heilte ich ihn, und auf diese Art nehme ich es über mich, Euer Herz
so reinzuwaschen, wie ein gesundes Schafherz, daß nicht ein Flecken
Liebe mehr daran sein soll.

Orlando.
Ihr würdet mich nicht heilen, junger Mensch.

Rosalinde.
Ich würde Euch heilen, wolltet Ihr mich nur Rosalinde nennen und
alle Tage in meine Hütte kommen und um mich werben.

Orlando.
Nun, bei meiner Treue im Lieben, ich will es; sagt mir, wo sie ist.

Rosalinde.
Geht mit mir, so will ich sie Euch zeigen, und unterwegs sollt Ihr
mir sagen, wo Ihr hier im Walde wohnt.  Wollt Ihr kommen?

Orlando.
Von ganzem Herzen, guter Junge.

Rosalinde.
Nein, Ihr müßt mich Rosalinde nennen.—Komm, Schwester, laßt uns
gehn.

(Alle ab.)

Dritte Szene

Der Wald

(Probstein und Käthchen kommen.  Jacques in der Ferne, belauscht
sie)

Probstein.
Komm hurtig, gutes Käthchen; ich will deine Ziegen zusammenholen,
Käthchen.  Und sag, Käthchen: bin ich der Mann noch, der dir
ansteht?  Bist du mit meinen schlichten Zügen zufrieden?

Käthchen
Eure Züge?  Gott behüte!  Was sind das für Streiche?

Probstein.
Ich bin hier bei Käthchen und ihren Ziegen, wie der Dichter, der
die ärgsten Bocksprünge machte, der ehrliche Ovid, unter den Goten.

Jacques.
O schlechtlogierte Gelehrsamkeit!  schlechter als Jupiter unter
einem Strohdach!

Probstein.
Wenn eines Menschen Verse nicht verstanden werden und eines
Menschen Witz von dem geschickten Kinde Verstand nicht unterstützt
wird, das schlägt einen Menschen härter nieder als eine große
Rechnung in einem kleinen Zimmer.—Wahrhaftig, ich wollte, die
Götter hätten dich poetisch gemacht.

Käthchen
Ich weiß nicht, was poetisch ist.  Ist es ehrlich in Worten und
Werken?  Besteht es mit der Wahrheit?

Probstein.
Nein, wahrhaftig nicht; denn die wahrste Poesie erdichtet am
meisten, und Liebhaber sind der Poesie ergeben, und was sie in
Poesie schwören, davon kann man sagen, sie erdichten es als
Liebhaber.

Käthchen
Könnt Ihr denn wünschen, daß mich die Götter poetisch gemacht
hätten?

Probstein.
Ich tue es wahrlich, denn du schwörst mir zu, daß du ehrbar bist.
Wenn du nun ein Poet wärest, so hätte ich einige Hoffnung, daß du
erdichtetest.

Käthchen
Wolltet Ihr denn nicht, daß ich ehrbar wäre?

Probstein.
Nein, wahrhaftig nicht, du müßtest denn sehr häßlich sein; denn
Ehrbarkeit mit Schönheit gepaart ist wie eine Honigbrühe über
Zucker.

Jacques.
Ein sinnreicher Narr!

Käthchen
Gut, ich bin nicht schön, und darum bitte ich die Götter, daß sie
mich ehrbar machen.

Probstein.
Wahrhaftig, Ehrbarkeit an eine garstige Schmutzdirne wegzuwerfen,
hieße, gut Essen auf eine unreinliche Schüssel legen.

Käthchen
Ich bin keine Schmutzdirne, ob ich schon den Göttern danke, daß ich
garstig bin.

Probstein.
Gut, die Götter sei’n für deine Garstigkeit gepriesen, die
Schmutzigkeit kann noch kommen.  Aber sei es, wie es will, ich
heirate dich, und zu dem Ende bin ich bei Ehrn Olivarius Textdreher
gewesen, dem Pfarrer im nächsten Dorf der mir versprochen hat, mich
an diesem Platz im Walde zu treffen und uns zusammenzugeben.

Jacques (beiseite).
Die Zusammenkunft möchte ich mit ansehn.

Käthchen
Nun, die Götter lassen es wohl gelingen!

Probstein.
Amen!  Wer ein zaghaft Herz hätte, möchte wohl bei diesem
Unternehmen stutzen; denn wir haben hier keinen Tempel als den Wald,
keine Gemeinde als Hornvieh.  Aber was tut’s?  Mutig!  Hörner sind
verhaßt, aber unvermeidlich.  Es heißt, mancher Mensch weiß des
Guten kein Ende; recht!  mancher Mensch hat gute Hörner und weiß
ihrer kein Ende.  Wohl!  es ist das Zugebrachte von seinem Weibe,
er hat es nicht selbst erworben.—Hörner?  Nun ja!  Arme Leute
allein?—Nein, nein, der edelste Hirsch hat sie so hoch wie der
geringste.  Ist der ledige Mann darum gesegnet?  Nein.  Wie eine
Stadt mit Mauern vornehmer ist als ein Dorf, so ist die Stirn eines
verheirateten Mannes ehrenvoller als die nackte Schläfe eines
Junggesellen; und um soviel besser Schutzwehr ist als Unvermögen,
um soviel kostbarer ist ein Horn als keins.
(Ehrn Olivarius Textdreher kommt.)  Hier kommt Ehrn Olivarius.—
Ehrn Olivarius Textdreher, gut, daß wir Euch treffen.  Wollt Ihr
uns hier unter diesem Baum abfertigen, oder sollen wir mit Euch in
Eure Kapelle gehn?

Ehrn Olivarius.
Ist niemand da, um die Braut zu geben?

Probstein.
Ich nehme sie nicht als Gabe von irgendeinem Mann.

Ehrn Olivarius.
Sie muß gegeben werden, oder die Heirat ist nicht gültig.

Jacques (tritt vor).
Nur zu!  nur zu!  ich will sie geben.

Probstein.
Guten Abend, lieber Herr.  Wie heißt Ihr doch?  Wie gehts Euch?
Schön, daß ich Euch treffe.  Gotteslohn für Eure neuliche
Gesellschaft!  Ich freue mich sehr, Euch zu sehn.—Ich habe hier
eben eine Kleinigkeit vor, Herr.  Ich bitte, bedeckt Euch.

Jacques.
Wollt Ihr Euch verheiraten, Hanswurst?

Probstein.
Wie der Ochse sein Joch hat, Herr, das Pferd seine Kinnkette und
der Falke seine Schellen, so hat der Mensch seine Wünsche; und wie
sich Tauben schnäbeln, so möchte der Ehestand naschen.

Jacques.
Und wollt Ihr, ein Mann von Eurer Erziehung, Euch im Busch
verheiraten wie ein Bettler?  In die Kirche geht und nehmt einen
tüchtigen Priester, der Euch bedeuten kann, was Heiraten ist.
Dieser Geselle wird Euch nur so zusammenfügen, wie sie’s beim
Tafelwerk machen; dann wird eins von euch eintrocknen und sich
werfen wie frisches Holz: knack, knack.

Probstein (beiseite).
Ich denke nicht anders, als mir wäre besser, von ihm getraut zu
werden wie von einem andern; denn er sieht mir aus, als wenn er
mich nicht recht trauen wurde; und wenn er mich nicht recht traute,
so ist das nachher ein guter Vorwand, mein Weib im Stiche zu lassen.

Jacques.
Geh mit mir, Freund, und höre meinen Rat.

Probstein.
Komm, lieb Käthchen!
Du wirst noch meine Frau, oder du bleibst mein Mädchen.
Lebt wohl, Ehrn Olivarius.  Nicht:
«O holder Oliver!
O wackrer Oliver!
Laß mich nicht hinter dir.» Nein:
«Pack dich fort!
Geh!  auf mein Wort,
Ich will nicht zur Trauung mit dir.»

(Jacques, Probstein und Käthchen ab.)

Ehrn Olivarius.
Es tut nichts; keiner von allen diesen phantastischen Schelmen
zusammen soll mich aus meinem Beruf herausnecken.

(Ab.)

Vierte Szene

Der Wald.  Vor einer Hütte

(Rosalinde und Celia treten auf)

Rosalinde.
Sage mir nichts weiter, ich will weinen.

Celia.
Tu es nur; aber sei doch so weise, zu bedenken, daß Tränen einem
Mann nicht anstehn.

Rosalinde.
Aber habe ich nicht Ursache zu weinen?

Celia.
So gute Ursache sich einer nur wünschen mag.  Also weine.

Rosalinde.
Selbst sein Haar ist von einer falschen Farbe.

Celia.
Nur etwas brauner als des Judas seins.  Ja, seine Küsse sind rechte
Judaskinder.

Rosalinde.
Sein Haar ist bei alledem von einer hübschen Farbe.

Celia.
Eine herrliche Farbe; es geht nichts über Nußbraun.

Rosalinde.
Und seine Küsse sind so voll Heiligkeit wie die Berührung des
geweihten Brotes.

Celia.
Er hat ein Paar abgelegte Lippen der Diana gekauft; eine Nonne von
des Winters Schwesterschaft küßt nicht geistlicher; das wahre Eis
der Keuschheit ist in ihnen.

Rosalinde.
Aber warum versprach er mir, diesen Morgen zu kommen, und kommt
nicht?

Celia.
Nein, gewißlich, es ist keine Treu und Glauben in ihm.

Rosalinde.
Denkst du das?

Celia.
Nun, ich glaube, er ist weder ein Beutelschneider noch ein
Pferdedieb; aber was seine Wahrhaftigkeit in der Liebe betrifft, so
halte ich ihn für so hohl als einen umgekehrten Becher oder eine
wurmstichige Nuß.

Rosalinde.
Nicht wahrhaftig in der Liebe?

Celia.
Ja, wenn er verliebt ist; aber mich dünkt, das ist er nicht.

Rosalinde.
Du hörtest ihn doch hoch und teuer beschwören, daß er es war.

Celia.
(War) ist nicht (ist.)  Auch ist der Schwur eines Liebhabers nicht
zuverlässiger als das Wort eines Bierschenken: sie bekräftigen
beide falsche Rechnungen.  Er begleitet hier im Walde den Herzog,
Euren Vater.

Rosalinde.
Ich begegnete dem Herzog gestern und mußte ihm viel Rede stehn.  Er
fragte mich, von welcher Herkunft ich wäre; ich sagte ihm, von
einer ebenso guten als er; er lachte und ließ mich gehn.  Aber was
sprechen wir von Vätern, solange ein Mann wie Orlando in der Welt
ist?

Celia.
O das ist ein reizender Mann!  Er macht reizende Verse, spricht
reizende Worte, schwört reizende Eide und bricht sie reizend der
Quere, grade vor seiner Liebsten Herz, wie ein jämmerlicher
Turnierer, der sein Pferd nach (einer) Seite spornt, seine Lanze
zerbricht.  Aber alles ist reizend, wo Jugend obenauf sitzt und die
Zügel lenkt.  Wer kommt hier?

(Corinnus kommt.)

Corinnus.
Mein Herr und Fräulein, ihr befragtet oft
Mich um den Schäfer, welcher Liebe klagte,
Den ihr bei mir saht sitzen auf dem Rasen,
Wie er die übermütge Schäfrin pries,
Die seine Liebste war.

Celia.
Was ist mit ihm?

Corinnus.
Wollt ihr ein Schauspiel sehn, wahrhaft gespielt
Von treuer Liebe blassem Angesicht
Und roter Glut des Hohns und stolzer Hoffart:
Geht nur ein Endchen mit, ich führ euch hin,
Wenn ihr’s beachten wollt.

Rosalinde.
O kommt!  gehn wir dahin;
Verliebte sehen nährt Verliebter Sinn.
Bringt uns zur Stell, und gibt es so das Glück,
So spiel ich eine Roll in ihrem Stück.

(Alle ab.)

Fünfte Szene

Ein anderer Teil des Waldes

(Silvius und Phöbe treten auf)

Silvius.
Höhnt mich nicht, liebe Phöbe!  Tut’s nicht, Phöbe!
Sagt, daß Ihr mich nicht liebt, doch sagt es nicht
Mit Bitterkeit; der Henker, dessen Herz
Des Tods gewohnter Anblick doch verhärtet,
Fällt nicht das Beil auf den gebeugten Nacken,
Bis er sich erst entschuldigt.  Seid Ihr strenger
Als der von Tropfen Bluts sich nährt und kleidet?

(Rosalinde, Celia und Corinnus kommen in der Entfernung.)

Phöbe.
Ich möchte keineswegs dein Henker sein;
Ich fliehe dich, um dir kein Leid zu tun.
Du sagst mir, daß ich Mord im Auge trage;
‘s ist artig in der Tat und steht zu glauben,
Daß Augen, diese schwächsten, zartsten Dinger,
Die feig ihr Tor vor Sonnenstäubchen schließen,
Tyrannen, Schlächter, Mörder sollen sein.
Ich seh dich finster an von ganzem Herzen:
Verwundet nun mein Aug, so laß dich’s töten.
Tu doch, als kämst du um!  so fall doch nieder!
Und kannst du nicht: pfui!  schäm dich, so zu lügen,
Und sag nicht, meine Augen seien Mörder.
Zeig doch die Wunde, die mein Aug dir machte.
Ritz dich mit einer Nadel nur, so bleibt
Die Schramme dir; lehn dich auf Binsen nur,
Und es behält den Eindruck deine Hand
Auf einen Augenblick; allein die Augen,
Womit ich auf dich blitzte, tun dir nichts,
Und sicher ist auch keine Kraft in Augen,
Die Schaden tun kann.

Silvius.
O geliebte Phöbe!
Begegnet je—wer weiß, wie bald dies je!—
Auf frischen Wangen dir der Liebe Macht,
Dann wirst du die geheimen Wunden kennen
Vom scharfen Pfeil der Liebe.

Phöbe.
Doch bis dahin
Komm mir nicht nah, und wenn die Zeit gekommen,
Kränk mich mit deinem Spott, sei ohne Mitleid,
Wie ich bis dahin ohne Mitleid bin.

Rosalinde (tritt vor).
Warum?  ich bitt Euch—Wer war Eure Mutter,
Daß Ihr den Unglückselgen kränkt und höhnt
Und was nicht alles?  Hättet Ihr auch Schönheit
(Wie ich doch wahrlich mehr an Euch nicht sehe,
Als ohne Licht—im Finstern geht zu Bett),
Müßt Ihr deswegen stolz und fühllos sein?
Was heißt das?  Warum blickt Ihr mich so an?
Ich seh nicht mehr an Euch, als die Natur
Auf Kauf zu machen pflegt.  So war ich lebe!
Sie will auch (meine) Augen wohl betören?
Nein, wirklich, stolze Dame!  hofft das nicht.
Nicht Euer Rabenhaar, kohlschwarze Brauen,
Glaskugelaugen, noch die Milchrahmwange
Bezwingen meinen Sinn, Euch zu verehren.—
O blöder Schäfer, warum folgt Ihr ihr
Wie feuchter Süd, von Wind und Regen schwellend?
Ihr seid ja tausendfach ein hübschrer Mann
Als sie ein Weib.  Dergleichen Toren füllen
Die ganze Welt mit garstgen Kindern an.
Der Spiegel nicht: Ihr seid es, der ihr schmeichelt;
Sie sieht in Euch sich hübscher abgespiegelt,
Als ihre Züge sie erscheinen lassen.—
Doch, Fräulein, kennt Euch selbst, fallt auf die Knie,
Dankt Gott mit Fasten für ‘nen guten Mann;
Denn als ein Freund muß ich ins Ohr Euch sagen:
Verkauft Euch bald, Ihr seid nicht jedes Kauf.
Liebt diesen Mann!  fleht ihm als Eurem Retter:
Am häßlichsten ist Häßlichkeit am Spötter!—
So nimm sie zu dir, Schäfer.  Lebt denn wohl!

Phöbe.
O holder Jüngling, schilt ein Jahr lang so!
Dich hör ich lieber schelten als ihn werben.

Rosalinde.
Er hat sich in ihre Häßlichkeit verliebt, und sie wird sich in
meinen Zorn verlieben.  Wenn das so ist, so will ich sie mit
bittern Worten pfeffern, so schnell sie dir mit Stirnrunzeln
antwortet.—Warum seht Ihr mich so an?

Phöbe.
Aus üblem Willen nicht.

Rosalinde.
Ich bitt Euch sehr, verliebt Euch nicht in mich,
Denn ich bin falscher als Gelübd’ im Trunk;
Zudem, ich mag Euch nicht.  Sucht Ihr etwa mein Haus:
‘s ist hinter den Oliven, dicht bei an.
Wollt Ihr gehn, Schwester?—Schäfer, setz ihr zu.—
Komm, Schwester!—Seid ihm günstger, Schäferin,
Und seid nicht stolz; konnt alle Welt auch sehn,
So blind wird keiner mehr von hinnen gehn.
Zu unsrer Herde, kommt!

(Rosalinde und Celia ab.)

Phöbe.
O Schäfer!  nun kommt mir dein Spruch zurück:
«Wer liebte je und nicht beim ersten Blick?»

Silvius.
Geliebte Phöbe—

Phöbe.
Ha, was sagst du, Silvius?

Silvius.
Beklagt mich, liebe Phöbe.

Phöbe.
Ich bin um dich bekümmert, guter Silvius.

Silvius.
Wo die Bekümmernis, wird Hilfe sein.
Seid Ihr um meinen Liebesgram bekümmert,
Gebt Liebe mir; mein Gram und Euer Kummer
Sind beide dann vertilgt.

Phöbe.
Du hast ja meine Lieb, ist das nicht nachbarlich?

Silvius.
Dich möcht ich haben.

Phöbe.
Ei, das wäre Habsucht.
Die Zeit war, Silvius, da ich dich gehaßt:
Es ist auch jetzt nicht so, daß ich dich liebte;
Doch weil du kannst so gut von Liebe sprechen,
So duld ich deinen Umgang, der mir sonst
Verdrießlich war, und bitt um Dienste dich.
Allein, erwarte keinen andern Lohn
Als deine eigne Freude, mir zu dienen.

Silvius.
So heilig und so groß ist meine Liebe,
Und ich in solcher Dürftigkeit an Gunst,
Daß ich es für ein reiches Teil muß halten,
Die Ähren nur dem Manne nachzulesen,
Dem volle Ernte wird.  Verliert nur dann und wann
Ein flüchtig Lächeln: davon will ich leben.

Phöbe.
Kennst du den jungen Mann, der mit mir sprach?

Silvius.
Nicht sehr genau, doch traf ich oft ihn an.
Er hat die Weid und Schäferei gekauft,
Die sonst dem alten Carlot zugehört.

Phöbe.
Denk nicht, ich lieb ihn, weil ich nach ihm frage.
‘s ist nur ein dummer Bursch—doch spricht er gut;
Frag ich nach Worten?—Doch tun Worte gut,
Wenn, der sie spricht, dem, der sie hört, gefällt.
Es ist ein hübscher Junge—nicht gar hübsch;
Doch wahrlich, er ist stolz—zwar steht sein Stolz ihm:
Er wird einmal ein feiner Mann.  Das Beste
Ist sein Gesicht, und schneller als die Zunge
Verwundete, heilt’ es sein Auge wieder.
Er ist nicht eben groß, doch für sein Alter groß;
Sein Bein ist nur so so, doch macht sich’s gut;
Es war ein lieblich Rot auf seinen Lippen,
Ein etwas reiferes und stärkres Rot
Als auf den Wangen: just der Unterschied
Wie zwischen dunkeln und gesprengten Rosen.
Es gibt der Weiber, Silvius: hätten sie
Ihn Stück für Stück betrachtet so wie ich,
Sie hätten sich verliebt; ich für mein Teil,
Ich lieb ihn nicht, noch hass’ ich ihn, und doch
Hätt ich mehr Grund zu hassen als zu lieben.
Denn was hatt er für Recht, mich auszuschelten?
Er sprach, mein Haar sei schwarz, mein Auge schwarz,
Und, wie ich mich entsinne, höhnte mich.
Mich wundert’s, daß ich ihm nicht Antwort gab.
Schon gut!  Verschoben ist nicht aufgehoben;
Ich will ihm einen Brief voll Spottes schreiben,
Du sollst ihn zu ihm tragen: willst du, Silvius?

Silvius.
Phöbe, von Herzen gern.

Phöbe.
Ich schreib ihn gleich;
Der Inhalt liegt im Kopf mir und im Herzen,
Ich will ganz kurz und bitter zu ihm sein.
Komm mit mir, Silvius!

(Ab.)

Vierter Aufzug

Erste Szene

Der Wald

(Rosalinde, Celia und Jacques treten auf)

Jacques.
Ich bitte dich, artiger, junger Mensch, laß uns besser miteinander
bekannt werden.

Rosalinde.
Sie sagen, Ihr wärt ein melancholischer Gesell.

Jacques.
Das bin ich; ich mag es lieber sein als lachen.

Rosalinde.
Die eins von beiden aufs äußerste treiben, sind abscheuliche
Burschen und geben sich jedem Tadel preis, ärger als Trunkenbolde.

Jacques.
Ei, es ist doch hübsch, traurig zu sein und nichts zu sagen.

Rosalinde.
Ei, so ist es auch hübsch, ein Türpfosten zu sein.

Jacques.
Ich habe weder des Gelehrten Melancholie, die Nacheifrung ist, noch
des Musikers, die phantastisch ist, noch des Hofmanns, die
hoffärtig ist, noch des Soldaten, die ehrgeizig ist, noch des
Juristen, die politisch ist, noch der Frauen, die zimperlich ist;
noch des Liebhabers, die das alles zusammen ist, sondern es ist
eine Melancholie nach meiner Weise, aus mancherlei Ingredienzien
bereitet, von mancherlei Gegenständen abgezogen, und wirklich die
gesamte Betrachtung meiner Reisen, deren öftere Überlegung mich in
eine höchst launische Betrübnis einhüllt.

Rosalinde.
Ein Reisender?  Meiner Treu, Ihr habt große Ursache, betrübt zu
sein; ich fürchte, Ihr habt Eure eignen Länder verkauft, um andrer
Leute ihre zu sehn.  Viel gesehn haben und nichts besitzen, das
kommt auf reiche Augen und arme Hände hinaus.

Jacques.
Nun, ich habe Erfahrung gewonnen.

(Orlando tritt auf.)

Rosalinde.
Und Eure Erfahrung macht Euch traurig.  Ich möchte lieber einen
Narren halten, der mich lustig machte, als Erfahrung, die mich
traurig machte.  Und noch obendrein darum zu reisen?

Orlando.
Habt Gruß und Heil, geliebte Rosalinde.

Jacques.
Nein, dann Gott befohlen, wenn Ihr gar in Versen sprecht.

(Ab.)

Rosalinde.
Fahrt wohl, mein Herr Reisender!  Seht zu, daß Ihr lispelt und
ausländische Kleidung tragt, macht alles Ersprießliche in Eurem
eignen Lande herunter, entzweit Euch mit Eurer Geburt und scheltet
schier den lieben Gott, daß er Euch kein andres Gesicht gab: sonst
glaub ich es kaum, daß Ihr je in einer Gondel gefahren seid.—Nun,
Orlando, wo seid Ihr die ganze Zeit her gewesen?  Ihr, ein
Liebhaber?—Spielt Ihr mir noch einmal so einen Streich, so kommt
mir nicht wieder vors Gesicht.

Orlando.
Meine schöne Rosalinde, es ist noch keine Stunde später, als ich
versprach.

Rosalinde.
Ein Versprechen in der Liebe um eine Stunde brechen?—Wer tausend
Teile aus einer Minute macht und nur ein Teilchen von dem
tausendsten Teil einer Minute in Liebessachen versäumt, von dem mag
man wohl sagen, Cupido hat ihm auf die Schulter geklopft; aber ich
stehe dafür, sein Herz ist unversehrt.

Orlando.
Verzeiht mir, liebe Rosalinde.

Rosalinde.
Nein, wenn Ihr so saumselig seid, so kommt mir nicht mehr vors
Gesicht; ich hätte es ebenso gern, daß eine Schnecke um mich freite.

Orlando.
Eine Schnecke?

Rosalinde.
Ja, eine Schnecke!  Denn kommt solch ein Liebhaber gleich langsam,
so trägt er doch sein Haus auf dem Kopfe; ein besseres Leibgedinge,
denk ich, als Ihr einer Frau geben könnt.  Außerdem bringt er sein
Schicksal mit sich.

Orlando.
Was ist das?

Rosalinde.
Ei, Hörner!  die solche, wie Ihr, sich gern von ihren Weibern
aufsetzen lassen.  Aber er kommt mit seinem Lose ausgerüstet und
verhütet den üblen Ruf seiner Frau.

Orlando.
Tugend dreht keine Hörner, und meine Rosalinde ist tugendhaft.

Rosalinde.
Und ich bin Eure Rosalinde.

Celia.
Es beliebt ihm, Euch so zu nennen; aber er hat eine Rosalinde von
zarterer Farbe als Ihr.

Rosalinde.
Kommt, freit um mich, freit um mich, denn ich bin jetzt in einer
Festtagslaune und könnte wohl einwilligen.—Was würdet Ihr zu mir
sagen, wenn ich Eure rechte, rechte Rosalinde wäre?

Orlando.
Ich würde küssen, ehe ich spräche.

Rosalinde.
Nein, Ihr tätet besser, erst zu sprechen, und wenn Ihr dann
stocktet, weil Ihr nichts mehr wüßtet, nähmt Ihr Gelegenheit zu
küssen.  Gute Redner räuspern sich, wenn sie aus dem Text kommen,
und wenn Liebhabern (was Gott verhüte!) der Stoff ausgeht, so ist
der schicklichste Behelf, zu küssen.

Orlando.
Wenn nun der Kuß verweigert wird?

Rosalinde.
So nötigt sie Euch zum Bitten, und das gibt neuen Stoff.

Orlando.
Wer könnte wohl stocken, wenn er vor seiner Liebsten steht?

Rosalinde.
Wahrlich, das solltet Ihr, wenn ich Eure Liebste wäre, sonst müßte
ich meine Tugend für stärker halten als meinen Witz.  Bin ich nicht
Eure Rosalinde?

Orlando.
Es macht mir Freude, Euch so zu nennen, weil ich gern von ihr
sprechen mag.

Rosalinde.
Gut, und in ihrer Person sage ich: ich will Euch nicht.

Orlando.
So sterbe ich in meiner eignen Person.

Rosalinde.
Mitnichten: verrichtet es durch einen Anwalt.  Die arme Welt ist
fast sechstausend Jahre alt, und die ganze Zeit über ist noch kein
Mensch in eigner Person gestorben: nämlich in Liebessachen.  Dem
Troilus wurde das Gehirn von einer griechischen Keule zerschmettert;
doch tat er, was er konnte, um vorher noch zu sterben, und er ist
eins von den Mustern der Liebe.  Leander, der hätte noch manches
schöne Jahr gelebt, wär Hero gleich Nonne geworden, wenn eine heiße
Sommernacht es nicht getan hätte; denn der arme Junge, er ging nur
hin, um sich im Hellespont zu baden, bekam den Krampf und ertrank,
und die albernen Chronikenschreiber seiner Zeit befanden, es sei
Hero von Sestos.  Doch das sind lauter Lügen; die Menschen sind von
Zeit zu Zeit gestorben, und die Würmer haben sie verzehrt, aber
nicht aus Liebe.

Orlando.
Ich möchte meine rechte Rosalinde nicht so gesinnt wissen; denn ich
beteure, ihr Stirnrunzeln könnte mich töten.

Rosalinde.
Bei dieser Hand!  es tötet keine Fliege.  Aber kommt!  nun will ich
Eure Rosalinde in einer gutwilligeren Stimmung sein, und bittet von
mir, was Ihr wollt, ich will es zugestehn.

Orlando.
So liebe mich, Rosalinde.

Rosalinde.
Ja, das will ich, Freitags, Sonnabends und so weiter.

Orlando.
Und willst du mich haben?

Rosalinde.
Ja, und zwanzig solcher.

Orlando.
Was sagst du?

Rosalinde.
Seid Ihr nicht gut?

Orlando.
Ich hoff es.

Rosalinde.
Nun denn, kann man des Guten zuviel haben?—Kommt, Schwester, Ihr
sollt der Priester sein, um uns zu trauen.—Gebt mir Eure Hand,
Orlando.—Was sagt Ihr, Schwester?

Orlando.
Bitte, trau uns.

Celia.
Ich weiß die Worte nicht.

Rosalinde.
Ihr müßt anfangen: «Wollt Ihr, Orlando—»

Celia.
Schon gut.—Wollt Ihr, Orlando, gegenwärtige Rosalinde zum Weibe
haben?

Orlando.
Ja!

Rosalinde.
Gut, aber wann?

Orlando.
Nun, gleich: so schnell sie uns trauen kann.

Rosalinde.
So müßt Ihr sagen: «Ich nehme dich, Rosalinde, zum Weibe.»

Orlando.
Ich nehme dich, Rosalinde, zum Weibe.

Rosalinde.
Ich könnte nach Eurem Erlaubnisschein fragen, doch—ich nehme dich,
Orlando, zu meinem Manne.  Da kommt ein Mädchen dem Priester zuvor,
und wirklich, Weibergedanken eilen immer ihren Handlungen voraus.

Orlando.
Das tun alle Gedanken, sie sind beflügelt.

Rosalinde.
Nun sagt mir: wie lange wollt Ihr sie haben, nachdem Ihr ihren
Besitz erlangt?

Orlando.
Immerdar und einen Tag.

Rosalinde.
Sagt, einen Tag, und laßt immerdar weg.  Nein, nein, Orlando!
Männer sind Mai, wenn sie freien, und Dezember in der Ehe.  Mädchen
sind Frühling, solange sie Mädchen sind, aber der Himmel verändert
sich, wenn sie Frauen werden.  Ich will eifersüchtiger auf dich
sein als ein Turteltauber auf sein Weibchen, schreiichter als ein
Papagei, wenn es regnen will, putzsüchtiger als ein Affe und
launischer in Gelüsten als eine Meerkatze.  Ich will um nichts
weinen, wie Diana am Springbrunnen, und das will ich tun, wenn du
zur Lustigkeit gestimmt bist; ich will lachen wie eine Hyäne, und
zwar wenn du zu schlafen wünschest.

Orlando.
Aber wird meine Rosalinde das tun?

Rosalinde.
Bei meinem Leben, sie wird es machen wie ich.

Orlando.
Oh, sie ist aber klug.

Rosalinde.
Sonst hätte sie nicht den Witz dazu.  Je klüger, desto verkehrter.
Versperrt dem Witz eines Weibes die Türen, so muß er zum Fenster
hinaus; macht das zu, so fährt er aus dem Schlüsselloch; verstopft
das, so fliegt er mit dem Rauch aus dem Schornstein.

Orlando.
Ein Mann, der eine Frau mit soviel Witz hätte, könnte fragen: «Witz,
wo willst du mit der Frau hin?»

Rosalinde.
Nein, das könntet Ihr versparen, bis Ihr den Witz Eurer Frau auf
dem Wege zu Eures Nachbars Bett anträft.

Orlando.
Welcher Witz hätte Witz genug, das zu entschuldigen?

Rosalinde.
Nun, etwa:—sie ginge hin, Euch dort zu suchen.  Ihr werdet sie nie
ohne Antwort ertappen.  Ihr müßtet sie denn ohne Zunge antreffen.
Oh, die Frau, die die Schuld an ihren Fehlern nicht auf ihren Mann
zu schieben versteht, die laßt nie ihr Kind säugen; sie würde es
albern großziehn.

Orlando.
Auf die nächsten zwei Stunden, Rosalinde, verlasse ich dich.

Rosalinde.
Ach, geliebter Freund, ich kann dich nicht zwei Stunden entbehren.

Orlando.
Ich muß dem Herzoge beim Mittagstisch aufwarten.  Um zwei Uhr bin
ich wieder bei dir.

Rosalinde.
Ja, geht nur, geht nur!  Das sah ich wohl von Euch voraus; meine
Freunde sagten mir’s, und ich dacht es ebenfalls—Eure
Schmeichelzunge gewann mich—es ist nur eine Verstoßne mehr—und
also: komm, Tod!—Zwei Uhr ist Eure Stunde?

Orlando.
Ja, süße Rosalinde.

Rosalinde.
Bei Treu und Glauben, und in vollem Ernst, und so mich der Himmel
schirme, und bei allen artigen Schwüren, die keine Gefahr haben,
brecht Ihr ein Pünktchen Eures Versprechens, oder kommt nur eine
Minute nach der Zeit, so will ich Euch für den feierlichsten
Wortbrecher halten und für den falschesten Liebhaber und den
Allerunwürdigsten derer, die Ihr Rosalinde nennt, welcher nur aus
dem ganzen Haufen der Ungetreuen ausgesucht werden konnte.  Darum
hütet Euch vor meinem Urteil und haltet Euer Versprechen.

Orlando.
So heilig, als wenn du wirklich meine Rosalinde wärst.  Leb denn
wohl!

Rosalinde.
Gut, die Zeit ist der alte Richter, der solche Verbrecher ans Licht
zieht, und die Zeit muß es ausweisen.  Lebt wohl!

(Orlando ab.)

Celia.
Du hast unserm Geschlecht in deinem Liebesgeschwätz geradezu übel
mitgespielt.  Wir müssen dir Hosen und Wams über den Kopf ziehn,
damit die Welt sieht, was der Vogel gegen sein eignes Nest getan
hat.

Rosalinde.
O Mühmchen!  Mühmchen!  Mühmchen!  mein artiges kleines Mühmchen!
wüßtest du, wieviel Klafter tief ich in Liebe versenkt bin!  Aber
es kann nicht ergründet werden; meine Zuneigung ist grundlos wie
die Bucht von Portugal.

Celia.
Sag lieber, bodenlos: soviel Liebe du hineintust, sie läuft alle
wieder heraus.

Rosalinde.
Nein, der boshafte Bastard der Venus, der vom Gedanken erzeugt, von
der Grille empfangen und von der Tollheit geboren wurde, der blinde
schelmische Bube, der jedermanns Augen betört, weil er selbst keine
mehr hat: der mag richten, wie tief ich in der Liebe stecke.—Ich
sage dir, Aliena, ich kann nicht ohne Orlandos Anblick sein; ich
will Schatten suchen und seufzen, bis er kommt.

Celia.
Und ich will schlafen.

(Beide ab.)

Zweite Szene

Ein anderer Teil des Waldes

(Jacques und Edelleute des Herzogs in Jägerkleidung treten auf)

Jacques.
Wer ist’s, der den Hirsch erlegt’?

Erster Edelmann.
Ich tat es, Herr.

Jacques.
Laßt uns ihn dem Herzog vorstellen, wie einen römischen Eroberer,
und es schickte sich wohl, ihm das Hirschgeweih wie einen
Siegeskranz aufzusetzen.  Habt ihr kein Lied, Jäger, auf diese
Gelegenheit?

Zweiter Edelmann.
O ja, Herr.

Jacques.
Singt es; es ist gleichviel, ob Ihr Ton haltet, wenn es nur Lärm
genug macht.

Lied.  (Erste Stimme.)  Was kriegt er, der den Hirsch erlegt?
(Zweite Stimme.)  Sein ledern Kleid und Horn er trägt.  (Erste
Stimme.)  Drum singt ihn heim:
Ohn allen Zorn trag du das Horn;
Ein Helmschmuck war’s, eh du geborn.

(Dieser Zuruf wird im Chor von den übrigen wiederholt.)

(Erste Stimme.)  Deins Vaters Vater führt’ es.
(Zweite Stimme.) Und deinen Vater ziert’ es.
(Alle.)
Das Horn, das Horn, das wackre Horn
Ist nicht ein Ding zu Spott und Zorn.

(Ab.)

Dritte Szene

(Rosalinde und Celia treten auf)

Rosalinde.
Was sagt Ihr nun?  Ist nicht zwei Uhr vorbei?  Und kein Orlando zu
sehen!

Celia.
Ich stehe dir dafür, mit reiner Liebe und verwirrtem Gehirn hat er
seinen Bogen und Pfeile genommen und ist ausgegangen—zu schlafen.
Seht, wer kommt da?

(Silvius tritt auf.)

Silvius.
An Euch geht meine Botschaft, schöner Jüngling.
Dies hieß mich meine Phöbe übergeben;
Ich weiß den Inhalt nicht; doch, wie ich riet
Aus finstrer Stirn und zorniger Gebärde,
Die sie gemacht hat, während sie es schrieb,
So muß es zornig lauten; mir verzeiht,
Denn ich bin schuldlos, Bote nur dabei.

Rosalinde.
Bei diesem Briefe müßte die Geduld
Selbst sich empören und den Lärmer spielen;
Wer das hier hinnimmt, der nimmt alles hin.
Sie sagt, ich sei nicht schön, sei ungezogen,
Sie nennt mich stolz, und könne mich nicht lieben,
Wenn Männer selten wie der Phönix wären.
Ihr Herz ist auch der Hase, den ich jage.
Potz alle Welt!  was schreibt sie so an mich?
Hört, Schäfer, diesen Brief habt Ihr erdacht.

Silvius.
Nein, ich beteur’, ich weiß vom Inhalt nicht.
Sie schrieb ihn selbst.

Rosalinde.
Geht, geht!  Ihr seid ein Narr,
Den Liebe bis aufs Äußerste gebracht.
Ich sah wohl ihre Hand: sie ist wie Leder,
‘ne sandsteinfarbne Hand; ich glaubte in der Tat,
Sie hätte ihre alten Handschuh an,
Doch waren’s ihre Hände—sie hat Hände
Wie eine Bäurin—doch das macht nichts aus;
Ich sage, nie erfand sie diesen Brief,
Hand und Erfindung ist von einem Mann.

Silvius.
Gewiß, er ist von ihr.

Rosalinde.
Es ist ein tobender und wilder Stil,
Ein Stil für Raufer; wie ein Türk dem Christen,
So trotzt sie mir.  Ein weibliches Gehirn
Kann nicht so riesenhafte Dinge zeugen,
So äthiopsche Worte schwärzern Sinns,
Als wie sie aussehn.—Wollt Ihr selber hören?

Silvius.
Wenn’s Euch beliebt; noch hört ich nicht den Brief,
Doch schon zuviel von Phöbes Grausamkeit.

Rosalinde.
Sie phöbet mich; hör an, wie die Tyrannin schreibt:

(Liest.)

«Bist du Gott im Hirtenstand,
Der ein Mädchenherz entbrannt?»
Kann ein Weib so höhnen?

Silvius.
Nennt Ihr das höhnen?

Rosalinde.
«Des verborgne Götterschaft
Qual in Weiberherzen schafft?»
Hörtet Ihr je solches Höhnen?
«Männer mochten um mich werben,
Nimmer bracht es mir Verderben.»
—Als wenn ich ein Tier wäre.
«Wenn deiner lichten Augen Hohn
Erregte solche Liebe schon,
Ach, wie müßt’ ihr milder Schein
Wunderwirkend in mir sein!
Da du schaltest, liebt ich dich;
Bätest du, was täte ich?
Der mein Lieben bringt zu dir,
Kennt dies Lieben nicht in mir.
Gib ihm denn versiegelt hin,
Ob dein jugendlicher Sinn
Nimmt das treue Opfer an
Von mir und allem, was ich kann.
Sonst schlag durch ihn mein Bitten ab,
Und dann begehr ich nur ein Grab.»

Silvius.
Nennt Ihr das schelten?

Celia.
Ach, armer Schäfer!

Rosalinde.
Habt Ihr Mitleid mit ihm?  Nein, er verdient kein Mitleid.—Willst
du solch ein Weib lieben?—Was?  dich zum Instrument zu machen,
worauf man falsche Töne spielt?  Nicht auszustehn!—Gut, geht Eures
Weges zu ihr (denn ich sehe, die Liebe hat einen zahmen Wurm aus
dir gemacht), und sagt ihr dies: Wenn sie mich liebt, befehle ich
ihr an, dich zu lieben; wenn sie nicht will, so habe ich nichts mit
ihr zu tun, es sei denn, daß du für sie bittest.—Wenn Ihr wahrhaft
liebt, fort, und keine Silbe mehr, denn hier kommt jemand.

(Silvius ab.)

(Oliver tritt auf.)

Oliver.
Guten Morgen, schöne Kinder!  Wißt ihr nicht,
Wo hier im Wald herum ‘ne Schäferei,
Beschattet von Olivenbäumen, steht?

Celia.
Westwärts von hier, den nahen Grund hinunter,
Bringt Euch die Reih von Weiden längs dem Bach,
Laßt Ihr sie rechter Hand, zum Orte hin.
Allein um diese Stunde hütet sich
Die Wohnung selber; es ist niemand drin.

Oliver.
Wenn eine Zung ein Auge kann belehren,
Müßt ich euch kennen der Beschreibung nach:
Die Tracht, die Jahre so.  «Der Knab ist blond,
Von Ansehn weiblich, und er nimmt sich aus
Wie eine reife Schwester; doch das Mädchen
Ist klein und brauner als ihr Bruder.» Seid ihr
Des Hauses Eigner nicht, das ich erfragt?

Celia.
Weil Ihr uns fragt: ja, ohne Prahlerei.

Oliver.
Orlando grüßt Euch beide, und er schickt
Dem Jüngling, den er seine Rosalinde
Zu nennen pflegt, dies blutge Tuch.  Seid Ihr’s?

Rosalinde.
Ich bin’s.  Was will er uns damit bedeuten?

Oliver.
Zu meiner Schand etwas, erfahrt Ihr erst,
Was für ein Mensch ich bin, und wo und wie
Dies Tuch befleckt ward.

Celia.
Sagt, ich bitt Euch drum.

Oliver.
Da jüngst Orlando sich von Euch getrennt,
Gab er sein Wort, in einer Stunde wieder
Zurück zu sein; und schreitend durch den Wald
Käut’ er die Kost der süß und bittern Liebe.—
Seht, was geschah!  Er warf sein Auge seitwärts
Und denkt, was für ein Gegenstand sich zeigt:
Am alten Eichbaum mit bemoosten Zweigen,
Den hohen Gipfel kahl von dürrem Alter,
Lag ein zerlumpter Mann, ganz überhaart,
Auf seinem Rücken schlafend; um den Hals
Wand eine grün und goldne Schlange sich,
Die mit dem Kopf, zu Drohungen behend,
Dem offnen Munde nahte; aber schnell,
Orlando sehend, wickelt sie sich los
Und schlüpft im Zickzack gleitend in den Busch.
In dessen Schatten hatte eine Löwin,
Die Euter ausgezogen, sich gelagert,
Den Kopf am Boden, katzenartig lauernd,
Bis sich der Schläfer rührte; denn es ist
Die königliche Weise dieses Tiers,
Auf nichts zu fallen, was als tot erscheint.
Dies sehend, naht’ Orlando sich dem Mann
Und fand, sein Bruder war’s, sein ältster Bruder.

Celia.
Oh, von dem Bruder hört ich wohl ihn sprechen,
Und als den unnatürlichsten, der lebte,
Stellt’ er ihn vor.

Oliver.
Und konnt es auch mit Recht;
Denn gar wohl weiß ich, er war unnatürlich.

Rosalinde.
Orlando aber?—Ließ er ihn zum Raub
Der hungrigen und ausgesognen Löwin?

Oliver.
Zweimal wandt er den Rücken und gedacht es;
Doch Milde, edler als die Rache stets,
Und die Natur, der Lockung überlegen,
Vermochten ihn, die Löwin zu bekämpfen,
Die baldigst vor ihm fiel.  Bei diesem Strauß
Erwacht ich von dem unglückselgen Schlummer.

Celia.
Seid (Ihr) sein Bruder?

Rosalinde.
Hat er (Euch) gerettet?

Celia.
Ihr wart es, der so oft ihn töten wollte?

Oliver.
Ich war’s, doch bin ich’s nicht; ich scheue nicht
Zu sagen, wer ich war; da die Bekehrung
So süß mich dünkt, seit ich ein andrer bin.

Rosalinde.
Allein das blutge Tuch?

Oliver.
Im Augenblick,
Da zwischen uns, vom ersten bis zum letzten,
Nun Tränen die Berichte mild gebadet,
Wie ich gelangt an jenen wüsten Platz—
Geleitet’ er mich zu dem edlen Herzog,
Der frische Kleidung mir und Speise gab,
Der Liebe meines Bruders mich empfehlend,
Der mich sogleich in seine Höhle führte.
Er zog sich aus, da hatt ihm hier am Arm
Die Löwin etwas Fleisch hinweggerissen,
Das unterdes geblutet; er fiel in Ohnmacht
Und rief nach Rosalinden, wie er fiel.
Ich bracht ihn zu sich selbst, verband die Wunde,
Und da er bald darauf sich stärker fühlte,
Hat er mich hergesandt, fremd, wie ich bin,
Dies zu berichten, daß Ihr ihm den Bruch
Des Wortes mögt verzeihn; und dann dies Tuch,
Mit seinem Blut gefärbt, dem jungen Schäfer
Zu bringen, den er seine Rosalinde
Im Scherz zu nennen pflegt.

Celia.
Was gibt es, Ganymed?  mein Ganymed?

(Rosalinde fällt in Ohnmacht.)

Oliver.
Wenn manche Blut sehn, fallen sie in Ohnmacht.

Celia.
Ach, dies bedeutet mehr!  Mein Ganymed!

Oliver.
Seht, er kommt wieder zu sich.

Rosalinde.
Ich wollt, ich wär zu Haus.

Celia.
Wir führen dich dahin.—
Ich bitt Euch, wollt Ihr unterm Arm ihn fassen?

Oliver.
Faßt nur Mut, junger Mensch!—Ihr ein Mann?—Euch fehlt ein
männlich Herz.

Rosalinde.
Das tut es, ich gesteh’s.  Ach, Herr, jemand könnte denken, das
hieße sich recht verstellen.  Ich bitte Euch, sagt Eurem Bruder,
wie gut ich mich verstellt habe.—Ah!  ha!

Oliver.
Das war keine Verstellung; Eure Farbe legt ein zu starkes Zeugnis
ab, daß es eine ernstliche Gemütsbewegung war.

Rosalinde.
Verstellung, ich versichre Euch.

Oliver.
Gut also, faßt ein Herz und stellt Euch wie ein Mann.

Rosalinde.
Das tu ich, aber von Rechts wegen hätte ich ein Weib werden sollen.

Celia.
Kommt—Ihr seht immer blässer und blässer—ich bitte Euch, nach
Hause.  Lieber Herr, geht mit uns.

Oliver.  Gern, denn ich muß ja meinem Bruder melden, wie weit Ihr
ihn entschuldigt, Rosalinde.

Rosalinde.
Ich will etwas ausdenken; aber ich bitte Euch, rühmt ihm meine
Verstellung.—Wollt Ihr gehn.

(Alle ab)

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Der Wald

(Probstein und Käthchen kommen)

Probstein.
Wir werden die Zeit schon finden, Käthchen.  Geduld, liebes
Käthchen!

Käthchen.
Wahrhaftig, der Pfarrer war gut genug, was auch der alte Herr sagen
mochte.

Probstein.
Ein abscheulicher Ehrn Olivarius, Käthchen, ein entsetzlicher
Textdreher.  Aber, Käthchen, da ist ein junger Mensch hier im Walde,
der Anspruch auf dich macht.

Käthchen.
Ja, ich weiß, wer es ist; er hat in der Welt nichts an mich zu
fordern.  Da kommt der Mensch, den Ihr meint.

(Wilhelm kommt.)

Probstein.
Es ist mir ein rechtes Labsal, so einen Tölpel zu sehen.  Meiner
Treu, wir, die mit Witz gesegnet sind, haben viel zu verantworten.
Wir müssen necken, wir können’s nicht lassen.

Wilhelm.
Guten Abend, Käthchen.

Käthchen.
Schönen guten Abend, Wilhelm.

Wilhelm.
Und Euch, Herr, einen guten Abend.

Probstein.
Guten Abend, lieber Freund.  Bedeck den Kopf!  bedeck den Kopf!
Nun, sei so gut, bedecke dich!  Wie alt seid Ihr, Freund?

Wilhelm.
Fünfundzwanzig, Herr.

Probstein.
Ein reifes Alter.  Ist dein Name Wilhelm?

Wilhelm.
Wilhelm, Herr.

Probstein.
Ein schöner Name.  Bist hier im Walde geboren?

Wilhelm.
Ja, Herr, Gott sei Dank!

Probstein.
«Gott sei Dank»—eine gute Antwort.  Bist reich?

Wilhelm.
Nun, Herr, so, so.

Probstein.
«So, so» ist gut, sehr gut, ganz ungemein gut—nein, doch nicht, es
ist nur so so.  Bist du weise?

Wilhelm.
Ja, Herr, ich hab einen hübschen Verstand.

Probstein.
Ei, wohl gesprochen!  Da fällt mir ein Sprichwort ein: «Der Narr
hält sich für weise, aber der Weise weiß, daß er ein Narr ist.»
Wenn der heidnische Philosoph Verlangen trug, Weinbeeren zu essen,
so öffnete er die Lippen, indem er sie in den Mund steckte; damit
wollte er sagen, Weinbeeren wären zum Essen gemacht und Lippen zum
Öffnen.  Ihr liebt dieses Mädchen?

Wilhelm.
Das tu ich, Herr.

Probstein.
Gebt mir Eure Hand.  Bist du gelehrt?

Wilhelm.
Nein, Herr.

Probstein.
So lerne dieses von mir: haben ist haben, denn es ist eine Figur in
der Redekunst, daß Getränk, wenn es aus einem Becher in ein Glas
geschüttet wird, eines leer macht, indem es das andere anfüllt;
denn alle unsre Schriftsteller stimmen darin überein: (ipse) ist er;
Ihr seid aber nicht (ipse,)denn ich bin «er».

Wilhelm.
Was für ein «er», Herr?

Probstein.
Der «er», Herr, der dies Mädchen heiraten muß.  Also, Ihr Tölpel,
meidet—was in der Pöbelsprache heißt, verlaßt—den Umgang—was auf
bäurisch heißt, die Gesellschaft—dieser Frauensperson—was im
gemeinen Leben heißt, Mädchen; welches alles zusammen heißt: meidet
den Umgang dieser Frauensperson, oder, Tölpel, du kommst um; oder,
damit du es besser verstehst, du stirbst; nämlich ich töte dich,
schaffe dich aus der Welt, bringe dich vom Leben zum Tode, von der
Freiheit zur Knechtschaft.  Ich will dich mit Gift bedienen, oder
mit Bastonaden, oder mit dem Stahl; ich will eine Partei gegen dich
zusammenrotten, dich mit Politik überwältigen; ich will dich auf
hundertundfünfzig Arten umbringen: darum zittre und zieh ab.

Käthchen.
Tu es, guter Wilhelm.

Wilhelm.
Gott erhalt Euch guter Dinge, Herr.

(Ab.)

(Corinnus kommt.)

Corinnus.
Unsre Herrschaft sucht Euch.  Kommt!  geschwind!  geschwind!

Probstein.
Lauf, Käthchen!  Lauf, Käthchen!  Ich komme nach, ich komme nach.

(Alle ab.)

Zweite Szene

Ebendaselbst

(Orlando und Oliver treten auf)

Orlando.
Ist es möglich, daß Ihr auf so geringe Bekanntschaft Neigung zu ihr
gefaßt?  Kaum saht Ihr sie, so liebtet Ihr; kaum liebtet Ihr, so
warbt Ihr; kaum habt Ihr geworben, so sagt sie auch ja?  Und Ihr
beharrt darauf, sie zu besitzen?

Oliver.
Macht Euch weder aus der Übereilung darin ein Bedenken, noch aus
ihrer Armut, der geringen Bekanntschaft, meinem schnellen Werben,
oder aus ihrem raschen Einwilligen, sondern sagt mit mir: ich liebe
Aliena; sagt mit ihr: daß sie mich liebt; willigt mit beiden ein,
daß wir einander besitzen mögen.  Es soll zu Eurem Besten sein,
denn meines Vaters Haus und alle Einkünfte des alten Herrn Roland
will ich Euch abtreten und hier als Schäfer leben und sterben.

(Rosalinde kommt.)

Orlando.
Ihr habt meine Einwilligung.  Laßt Eure Hochzeit morgen sein, ich
will den Herzog dazu einladen und sein ganzes frohes Gefolge.  Geht
und bereitet Aliena vor; denn seht Ihr, hier kommt meine Rosalinde.

Rosalinde.
Gott behüte Euch, Bruder.

Oliver.
Und Euch, schöne Schwester.

Rosalinde.
Oh, mein lieber Orlando, wie bekümmert es mich, dich dein Herz in
einer Binde tragen zu sehn.

Orlando.
Meinen Arm.

Rosalinde.
Ich dachte, dein Herz wäre von den Klauen eines Löwen verwundet
worden.

Orlando.
Verwundet ist es, aber von den Augen eines Fräuleins.

Rosalinde.
Hat Euch Euer Bruder erzählt, wie ich mich stellte, als fiel ich in
Ohnmacht, da er mir Euer Tuch zeigte?

Orlando.
Ja, und größere Wunder als das.

Rosalinde.
O ich weiß, wo Ihr hinauswollte—Ja, es ist wahr, niemals ging noch
etwas so schnell zu, außer etwa ein Gefecht zwischen zwei Widdern
und Cäsars thrasonisches Geprahle: «Ich kam, sah und siegte.» Denn
Euer Bruder und meine Schwester trafen sich nicht so bald, so sahen
sie; sahen nicht so bald, so liebten sie; liebten nicht so bald, so
seufzten sie; seufzten nicht so bald, so fragten sie einander nach
der Ursache; wußten nicht so bald die Ursache, so suchten sie das
Hilfsmittel; und vermittels dieser Stufen haben sie eine Treppe zum
Ehestande gebaut, die sie unaufhaltsam hinaufsteigen, oder
unenthaltsam vor dem Ehestande sein werden.  Sie sind in der
rechten Liebeswut, sie wollen zusammen, man brächte sie nicht mit
Keulen auseinander.

Orlando.
Sie sollen morgen verheiratet werden, und ich will den Herzog zur
Vermählung laden.  Aber ach!  welch bittres Ding ist es,
Glückseligkeit nur durch andrer Augen zu erblicken!  Um desto mehr
werde ich morgen auf dem Gipfel der Schwermut sein, je glücklicher
ich meinen Bruder schätzen werde, indem er hat, was er wünscht.

Rosalinde.
Wie nun?  morgen kann ich Euch nicht statt Rosalindens dienen?

Orlando.
Ich kann nicht länger von Gedanken leben.

Rosalinde.
So will ich Euch denn nicht länger mit eitlem Geschwätz ermüden.
Wißt also von mir (denn jetzt rede ich nicht ohne Bedeutung), daß
ich weiß, Ihr seid ein Edelmann von guten Gaben.  Ich sage dies
nicht, damit Ihr eine gute Meinung von meiner Wissenschaft fassen
sollt, insofern ich sage: ich (weiß,)daß Ihr es seid, noch strebe
ich nach einer größern Achtung, als die Euch einigermaßen Glauben
ablocken kann, zu Eurem eignen Besten, nicht zu meinem Ruhm.
Glaubt denn, wenn’s Euch beliebt, daß ich wunderbare Dinge vermag;
seit meinem dritten Jahr hatte ich Verkehr mit einem Zauberer von
der tiefsten Einsicht in seiner Kunst, ohne doch verdammlich zu
sein.  Wenn Euch Rosalinde so sehr am Herzen liegt, als Euer
Benehmen laut bezeugt, so sollt Ihr sie heiraten, wann Euer Bruder
Aliena heiratet.  Ich weiß, in welche bedrängte Lage sie gebracht
ist, und es ist mir nicht unmöglich, wenn Ihr nichts dagegen habt,
sie Euch morgen vor die Augen zu stellen, leibhaftig und ohne
Gefährde.

Orlando.
Sprichst du in nüchternem Ernst?

Rosalinde.
Das tu ich bei meinem Leben, das ich sehr wert halte, sage ich
gleich, daß ich Zauberei verstehe.  Also werft Euch in Euren besten
Staat, ladet Eure Freunde; denn wollt Ihr morgen verheiratet werden,
so sollt ihr’s, und mit Rosalinden, wenn Ihr wollt

(Silvius und Phöbe treten auf.)

Seht, da kommen Verliebte, die eine in mich und der andere in sie.

Phöbe.
Es war von Euch sehr unhold, junger Mann,
Den Brief zu zeigen, den ich an Euch schrieb.

Rosalinde.
Ich frage nichts danach, es ist mein Streben,
Verachtungsvoll und unhold Euch zu scheinen.
Es geht Euch da ein treuer Schäfer nach;
Ihn blickt nur an, ihn liebt, er huldigt Euch.

Phöbe.
Sag, guter Schäfer, diesem jungen Mann,
Was lieben heißt.

Silvius.
Es heißt, aus Seufzern ganz bestehn und Tränen,
Wie ich für Phöbe.

Phöbe.
Und ich für Ganymed.

Orlando.
Und ich für Rosalinde.

Rosalinde.
Und ich für keine Frau.

Silvius.
Es heißt aus Treue ganz bestehn und Eifer,
Wie ich für Phöbe.

Phöbe.
Und ich für Ganymed.

Orlando.
Und ich für Rosalinde.

Rosalinde.
Und ich für keine Frau.

Silvius.
Es heißt, aus nichts bestehn als Phantasie,
Aus nichts als Leidenschaft, aus nichts als Wünschen,
Ganz Anbetung, Ergebung und Gehorsam,
Ganz Demut, ganz Geduld und Ungeduld,
Ganz Reinheit, ganz Bewährung, ganz Gehorsam.
Und so bin ich für Phöbe.

Phöbe.
Und so bin ich für Ganymed.

Orlando.
Und so bin ich für Rosalinde.

Rosalinde.
Und so bin ich für keine Frau.

Phöbe (zu Rosalinden).
Wenn dem so ist, was schmäht Ihr meine Liebe?

Silvius (zu Phöbe).
Wenn dem so ist, was schmäht Ihr meine Liebe?

Orlando.
Wenn dem so ist, was schmäht Ihr meine Liebe?

Rosalinde.
Wem sagt Ihr das: «Was schmäht Ihr meine Liebe?»

Orlando.
Der, die nicht hier ist, und die mich nicht hört.

Rosalinde.
Ich bitte Euch, nichts mehr davon; es ist, als wenn die Wölfe gegen
den Mond heulen.—(Zu Silvius.)

Ich will Euch helfen, wenn ich kann.—(Zu Phöbe.)

Ich wollte Euch lieben, wenn ich könnte.—Morgen kommen wir alle
zusammen.—(Zu Phöbe.)

Ich will Euch heiraten, wenn ich je ein Weib heirate, und ich
heirate morgen.—(Zu Orlando.)  Ich will Euch Genüge leisten, wenn
ich je irgendwem Genüge leistete, und Ihr sollt morgen verheiratet
werden.—(Zu Silvius.)

Ich will Euch zufriedenstellen, wenn das, was Euch gefällt, Euch
zufriedenstellt, und Ihr sollt morgen heiraten.—(Zu Orlando.)

So wahr Ihr Rosalinde liebt, stellt Euch ein.—(Zu Silvius.)

So wahr Ihr Phöbe liebt, stellt Euch ein—und so wahr ich kein Weib
liebe, werde ich mich einstellen.  Damit gehabt euch wohl!  ich
habe euch meine Befehle zurückgelassen.

Silvius.
Ich bleibe nicht aus, wenn ich das Leben behalte.

Phöbe.
Ich auch nicht.

Orlando.
Ich auch nicht.

(Alle ab.)

Dritte Szene

Ebendaselbst

(Probstein und Käthchen kommen)

Probstein.
Morgen ist der frohe Tag, Käthchen; morgen heiraten wir uns.

Käthchen.
Mich verlangt von ganzem Herzen danach, und ich hoffe, es ist kein
unehrbares Verlangen, wenn mich verlangt, eine Frau wie andre auch
zu werden.  Hier kommen zwei von des verbannten Herzogs Pagen.

(Zwei Pagen kommen.)

Erster Page.
Schön getroffen, wackrer Herr!

Probstein.
Wahrhaftig, schön getroffen!  Kommt, setzt euch, setzt euch, und
ein Lied.

Zweiter Page.
Damit wollen wir aufwarten; setzt Euch zwischen uns.—Sollen wir
frisch dran, ohne uns zu räuspern, oder auszuspeien, oder zu sagen,
daß wir heiser sind, womit man immer einer schlechten Stimme die
Vorrede hält?

Erster Page.
Gut!  gut!  und beide aus einem Tone, wie zwei Zigeuner auf einem
Pferde.

Lied.

Ein Liebster und sein Mädel schön,
Mit heisa und ha und juchheisa trala!
Die täten durch das Kornfeld gehn
Zur Maienzeit, der lustigen Paarezeit,
Wann Vögel singen, tirlirelirei:
Süß Liebe liebt den Mai.  Und zwischen Halmen auf dem Rain,
Mit heisa und ha und juchheisa trala!
Legt sich das hübsche Paar hinein,
Zur Maienzeit, der lustigen Paarezeit,
Wann Vögel singen, tirlirelirei:
Süß Liebe liebt den Mai.  Sie sangen diese Melodei,
Mit heisa und ha und juchheisa trala,
Wie’s Leben nur ‘ne Blume sei,
Zur Maienzeit, der lustigen Paarezeit,
Wann Vögel singen, tirlirelirei:
Süß Liebe liebt den Mai.  So nutzt die gegenwärtige Zeit,
Mit heisa und ha und juchheisa trala!
Denn Liebe lacht im Jugendkleid,
Zur Maienzeit, der lustigen Paarezeit,
Wann Vögel singen, tirlirelirei:
Süß Liebe liebt den Mai.

Probstein.
Wahrhaftig, meine jungen Herren, obschon das Lied nicht viel sagen
wollte, so war die Weise doch sehr unmelodisch.

Erster Page.
Ihr irrt Euch, Herr, wir hielten das Tempo, wir haben die Zeit
genau in acht genommen.

Probstein.
Ja, meiner Treu!  ich könnte die Zeit auch besser in acht nehmen,
als ein solch albernes Lied anzuhören.  Gott befohlen!  und er
verleihe euch beßre Stimmen.—Komm, Käthchen!

(Alle ab.)

Vierte Szene

Ein anderer Teil des Waldes

(Der Herzog.  Amiens, Jacques, Orlando, Oliver und Celia treten auf)

Herzog.
Und glaubst du denn, Orlando, daß der Knabe
Dies alles kann, was er versprochen hat?

Orlando.
Zuweilen glaub ich’s, und zuweilen nicht,
So wie, wer fürchtet, hofft, und weiß, er fürchte.

(Rosalinde, Silvius und Phöbe treten auf.)

Rosalinde.
Habt noch Geduld, indes wir den Vertrag
In Ordnung bringen, Herzog, Ihr erklärt,
Daß, wenn ich Eure Rosalinde stelle,
Ihr dem Orlando hier sie geben wollt?

Herzog.
Ja, hätt ich Königreich’ ihr mitzugeben.

Rosalinde (zu Orlando).
Ihr sagt, Ihr wollt sie, wenn ich sie Euch bringe?

Orlando.
Ja, wär ich aller Königreiche König.

Rosalinde (zu Phöbe).
Ihr sagt, Ihr wollt mich nehmen, wenn ich will?

Phöbe.
Das will ich, stürb ich gleich die Stunde drauf.

Rosalinde.
Wenn Ihr Euch aber weigert, mich zu nehmen,
Wollt Ihr Euch diesem treuen Schäfer geben?

Phöbe.
So ist der Handel.

Rosalinde (zu Silvius).
Ihr sagt, wenn Phöbe will, wollt Ihr sie haben?

Silvius.
Ja, wär sie haben und der Tod auch eins.

Rosalinde.
Und ich versprach, dies alles auszugleichen.
O Herzog, haltet Wort, gebt Eure Tochter;
Orlando, haltet Eures, sie zu nehmen.
Ihr, Phöbe, haltet Wort, heiratet mich:
Wenn Ihr mich ausschlagt, ehlicht diesen Schäfer.
Ihr, Silvius, haltet Wort, heiratet sie,
Wenn sie mich ausschlägt—und von dannen geh ich,
Zu schlichten diese Zweifel.

(Rosalinde und Celia ab.)

Herzog.
An diesem Schäferknaben fallen mir
Lebendge Züge meiner Tochter auf.

Orlando.
Mein Fürst, das erste Mal, daß ich ihn sah,
Schien mir’s, er sei ein Bruder Eurer Tochter.
Doch, lieber Herr, der Knab ist waldgeboren
Und wurde unterwiesen in den Gründen
Verrufner Wissenschaft von seinem Oheim,
Den er als einen großen Zaubrer schildert,
Vergraben im Bezirke dieses Walds.
(Probstein und Käthchen kommen.)

Jacques.
Sicherlich ist eine neue Sündflut im Anzuge, und diese Paare
begeben sich in die Arche.  Da kommt ein Paar seltsamer Tiere, die
man in allen Sprachen Narren nennt.

Probstein.
Gruß und Empfehlung euch allen!

Jacques.
Werter Fürst, heißt ihn willkommen; das ist der scheckicht gesinnte
Herr, den ich so oft im Walde antraf.  Er schwört, er sei ein
Hofmann gewesen.

Probstein.
Wenn irgend jemand das bezweifelt, so laßt ihn mich auf die Probe
stellen.  Ich habe mein Menuett getanzt, ich habe den Damen
geschmeichelt, ich bin politisch gegen meinen Freund gewesen und
geschmeidig gegen meinen Feind; ich habe drei Schneider zugrunde
gerichtet, ich habe vier Händel gehabt und hätte bald einen
ausgefochten.

Jacques.
Und wie wurde der ausgemacht?

Probstein.
Nun, wir kamen zusammen und fanden, der Handel stehe auf dem
siebenten Punkt.

Jacques.
Wie, siebenten Punkt?—Lobt mir den Burschen, mein gnädiger Herr.

Herzog.
Er gefällt mir sehr.

Probstein.
Gott behüt Euch, Herr!  ich wünsche das nämliche von Euch.  Ich
dränge mich hier unter die übrigen ländlichen Paare, zu schwören
und zu verschwören, je nachdem der Ehestand bindet und Fleisch und
Blut bricht.  Eine arme Jungfer, Herr, ein übel aussehend Ding,
Herr, aber mein eigen; eine demütige Laune von mir, Herr, zu nehmen,
was sonst niemand will.  Reiche Ehrbarkeit, Herr, wohnt wie ein
Geizhals in einem armen Hause, wie eine Perle in einer garstigen
Auster.

Herzog.
Meiner Treu, er ist sehr behende und spruchreich.

Probstein.
Gemäß dem Spruch vom Narrenbolzen und derlei Lieblichkeiten.

Jacques.
Aber der siebente Punkt!  Wie fandet Ihr den Handel auf dem
siebenten Punkt?

Probstein.
Wegen einer siebenmal zurückgeschobenen Lüge.—Halt dich grade,
Käthchen!—Nämlich so, Herr.  Ich konnte den Schnitt von eines
gewissen Hofmanns Bart nicht leiden; er ließ mir melden, wenn ich
sagte, sein Bart wäre nicht gut gestutzt, so wäre er andrer Meinung:
das nennt man den (höflichen Bescheid.)  Wenn ich ihm wiedersagen
ließ, er wäre nicht gut gestutzt, so ließ er mir sagen, er stutzte
ihn für seinen eignen Geschmack: das nennt man den (feinen Stich.)
Sagte ich noch einmal, er wäre nicht gut gestutzt, so erklärte er
mich unfähig, zu urteilen: das nennt man die (grobe Erwiderun)g.
Nochmals, er wäre nicht gut gestutzt, so antwortete er, ich spräche
nicht wahr: das nennt man die (beherzte Abfertigung.)  Nochmals, er
wäre nicht gut gestutzt, so sagte er, ich löge: das nennt man den
(trotzigen Widerspruch), und so bis zur (bedingten Lüge) und zur
(offenbaren Lüge.)

Jacques.
Und wie oft sagtet Ihr, sein Bart wäre nicht gut gestutzt?

Probstein.
Ich wagte nicht, weiter zu gehn, als bis zur bedingten Lüge, noch
er, mir die offenbare Lüge zuzuschieben, und so maßen wir unsre
Degen und schieden.

Jacques.
Könnt Ihr nun nach der Reihe die Grade nennen?

Probstein.
O Herr, wir streiten wie gedruckt nach dem Buch, so wie man
Komplimentierbücher hat.  Ich will Euch die Grade aufzählen.  Der
erste der höfliche Bescheid; der zweite der feine Stich; der dritte
die grobe Erwiderung; der vierte die beherzte Abfertigung; der
fünfte der trotzige Widerspruch; der sechste die Lüge unter
Bedingung; der siebente die offenbare Lüge.  Aus allen diesen könnt
Ihr Euch herausziehen, außer der offenbaren Lüge, und aus der sogar
mit einem bloßen (Wenn.)  Ich habe erlebt, daß sieben Richter einen
Streit nicht ausgleichen konnten, aber wie die Parteien
zusammenkamen, fiel dem einen nur ein Wenn ein; zum Beispiel:
(«Wenn Ihr so sagt, so sage ich so»), und sie schüttelten sich die
Hände und machten Brüderschaft.  Das Wenn ist der wahre
Friedensstifter; ungemeine Kraft in dem Wenn.

Jacques.
Ist das nicht ein seltner Bursch, mein Fürst?  Er versteht sich auf
alles so gut und ist doch ein Narr.

Herzog.
Er braucht seine Torheit wie ein Stellpferd, um seinen Witz
dahinter abzuschießen.

(Hymen, mit Rosalinde in Frauenkleidern an der Hand, und Celia
treten auf.)

(Feierliche Musik.)

Hymen.
Der ganze Himmel freut sich,
Wenn irdscher Dinge Streit sich
In Frieden endet.
Nimm deine Tochter, Vater,
Die Hymen, ihr Berater,
Vom Himmel sendet;
Daß du sie gebst in dessen Hand,
Dem Herz in Herz sie schon verband.

Rosalinde (zum Herzog).
Euch übergeb ich mich, denn ich bin Euer.

(Zu Orlando.)

Euch übergeb ich mich, denn ich bin Euer.

Herzog.
Trügt nicht der Schein, so seid Ihr meine Tochter.

Orlando.
Trügt nicht der Schein, so seid Ihr meine Rosalinde.

Phöbe.
Ist’s Wahrheit, was ich seh,
Dann—meine Lieb, ade!

Rosalinde (zum Herzog).
Ich will zum Vater niemand, außer Euch.

(Zu Orlando.)

Ich will zum Gatten niemand, außer Euch.

(Zu Phöbe.)

Ich nehme nie ein Weib mir, außer Euch.

Hymen.
Still!  die Verwirrung end ich,
Die Wunderdinge wend ich
Zum Schluß, der schön sich fügt.
Acht müssen Hand in Hand
Hier knüpfen Hymens Band,
Wenn nicht die Wahrheit lügt.

(Zu Orlando und Rosalinde.)

Euch und Euch trenn nie ein Leiden;

(Zu Oliver und Celia.)

Euch und Euch kann Tod nur scheiden;

(Zu Phöbe.)

Ihr müßt seine Lieb erkennen,
Oder ein Weib Gemahl benennen;

(Zu Probstein und Käthchen.)

Ihr und Ihr seid euch gewiß,
Wie der Nacht die Finsternis.
Weil wir Hochzeitschöre singen,
Fragt euch satt nach diesen Dingen,
Daß euer Staunen sei verständigt,
Wie wir uns trafen, und dies endigt.

Lied.
Ehstand ist der Juno Krone:
O selger Bund von Tisch und Bett!
Hymen bevölkert jede Zone,
Drum sei die Eh verherrlichet.
Preis, hoher Preis und Ruhm zum Lohne
Hymen, dem Gotte jeder Zone!

Herzog.
O liebe Nichte, sei mir sehr willkommen!
Als Tochter, nichts Geringres, aufgenommen.

Phöbe (zu Silvius).
Ich breche nicht mein Wort: du bist nun mein;
Mich nötigt deine Treue zum Verein.

(Jacques de Boys tritt auf.)

Jacques de Boys.
Verleiht für ein paar Worte mir Gehör:
Ich bin der zweite Sohn des alten Roland,
Der Zeitung diesem schönen Kreise bringt.
Wie Herzog Friedrich hörte, täglich strömten
Zu diesem Walde Männer von Gewicht,
Warb er ein mächtig Heer; sie brachen auf,
Von ihm geführt, in Absicht, seinen Bruder
Zu fangen hier und mit dem Schwert zu tilgen.
Und zu dem Saume dieser Wildnis kam er,
Wo ihm ein alter, heilger Mann begegnet,
Der ihn nach einigem Gespräch bekehrt
Von seiner Unternehmung und der Welt.
Die Herrschaft läßt er dem vertriebnen Bruder,
Und die mit ihm Verbannten stellt er her
In alle ihre Güter.  Daß dies Wahrheit,
Verbürg ich mit dem Leben.

Herzog.
Willkommen, junger Mann!
Du steuerst kostbar zu der Brüder Hochzeit:
Dem einen vorenthaltne Länderein,
—Ein ganzes Land, ein Herzogtum, dem andern.
Zuerst laßt uns in diesem Wald vollenden,
Was hier begonnen ward und wohl erzeugt;
Und dann soll jeder dieser frohen Zahl,
Die mit uns herbe Tag und Nächt erduldet,
Die Wohltat unsers neuen Glückes teilen,
Wie seines Ranges Maß es mit sich bringt.
Doch jetzt vergeßt die neue Herrlichkeit,
Bei dieser ländlich frohen Lustbarkeit.
Spiel auf, Musik!—Ihr Bräutigam’ und Bräute,
Schwingt euch zum Tanz im Überschwang der Freude.

Jacques.
Herr, mit Erlaubnis:—hab ich recht gehört,
So tritt der Herzog in ein geistlich Leben
Und läßt die Pracht des Hofes hinter sich.

Jacques de Boys.
Das tut er.

Jacques.
So will ich zu ihm.  Diese Neubekehrten,
Sie geben viel zu hören und zu lernen.

(Zum Herzog.)

Euch, Herr, vermach ich Eurer vorgen Würde;
Durch Tugend und Geduld verdient Ihr sie;

(Zu Orlando.)

Euch einer Liebsten, Eurer Treue wert;

(Zu Oliver.)

Euch Eurem Erb und Braut und mächtgen Freunden;

(Zu Silvius)

Euch einem lang und wohlverdienten Ehbett;

(Zu Probstein.)

Und Euch dem Zank: denn bei der Liebesreise
Hast du dich auf zwei Monat nur versehn
Mit Lebensmitteln.—Seid denn guter Dinge!
Ich bin für andre als für Tänzersprünge.

Herzog.
Bleib, Jacques, bleib!

Jacques.
Zu keiner Lustbarkeit;—habt Ihr Befehle,
So schickt sie mir in die verlaßne Höhle.

(Ab.)

Herzog.
Wohlan!  wohlan!  begeht den Feiertag:
Beginnt mit Lust, was glücklich enden mag.

(Ein Tanz.)

Epilog

Rosalinde.
Es ist nicht hergebracht, die Heldin als Epilog zu sehen; aber
es ist nicht unziemlicher, als den Helden als Prolog zu erblicken.
Ist es wahr, daß «der gute Wein keines Kranzes bedarf», so ist
es auch wahr, daß ein gutes Stück keinen Epilog nötig hat; doch
braucht man beim guten Wein gute Kränze, und gute Stücke werden
durch gute Epiloge nur um so besser.  In welcher Lage bin ich denn
nun, da ich weder ein guter Epilog bin, noch für ein gutes Stück
eure Gunst zu gewinnen habe?  Ich bin reicht wie eine Bettlerin
gekleidet, darum würde mir Betteln nicht geziemen; so verlege ich
mich aufs Beschwören, und ich will mit den Frauen den Anfang
machen.  Ich beschwöre euch, o ihr Frauen, bei der Liebe, die ihr
zu den Männern tragt, laßt euch von dem Stücke soviel gefallen,
als euch gut dünkt; und ich beschwöre euch, o ihr Männer, bei der
Liebe, die ihr zu den Frauen tragt (und euer vergnügtes Grinsen
sagt mir, keiner von euch haßt sie), daß euch zusammen mit den
Frauen das Stück gefallen möge.  Wäre ich eine Frau, so wollte ich
so viele von euch küssen, als Bärte hätten, die mir gefielen,
Gesichter, die mir zusagten, und einen Atem, der mir nicht zuwider
wäre; und ich bin gewiß, alle, die gute Bärte, Antlitze und
angenehmen Atem haben, werden für mein freundliches Anerbieten,
indem ich meine Verbeugung mache, mir Lebewohl sagen.

(Geht ab.)

Hamlet — Luís I Rei de Portugal

INTERLOCUTORES

CLAUDIO—Rei de Dinamarca.

HAMLET—Filho do defunto Rei e sobrinho do Rei reinante.

POLONIO—Camareiro mór.

HORACIO—Amigo de Hamlet.

LAERTE—Filho de Polonio.

VOLTIMANDO    }
}
CORNELIO      }
}
ROSENCRANTZ   } Cortezãos dinamarquezes.
}
GUILDENSTERN  }
}
OSRICO        }

UM OUTRO CORTEZÃO.

UM PADRE.

REINALDO—Creado de Polonio.

MARCELLO E BERNARDO—Officiaes.

FRANCISCO—Soldado.

UM EMBAIXADOR.

A SOMBRA DO REI HAMLET.

FORTIMBRAZ—Principe de Noruega.

GERTRUDES—Rainha de Dinamarca, mãe de Hamlet.

OPHELIA—Filha de Polonio.

Senhores, damas, officiaes, soldados, actores, padres, coveiros,
marinheiros, mensageiros, creados, etc.

A scena passa-se em Elsenor

ACTO PRIMEIRO

SCENA I

Elsenor, a explanada do castello

FRANCISCO de sentinella, BERNARDO vem encontrar-se com elle

BERNARDO

Quem vem lá? viva quem?

FRANCISCO

Responde tu primeiro, faze alto, deixa-te reconhecer.

BERNARDO

Viva o rei.

FRANCISCO

Bernardo?

BERNARDO

Eu mesmo.

FRANCISCO

És pontual.

BERNARDO

Acaba de dar meia noite; vae descansar, Francisco.

FRANCISCO

Agradeço-te de me teres vindo render; faz um frio glacial, e começava a
sentir-me incommodado.

BERNARDO

Não houve novidade emquanto estiveste de sentinella?

FRANCISCO

Nem sequer ouvi correr um rato.

BERNARDO

Então boas noites; se vires Horacio e Marcello, que tambem estão de
guarda, dize-lhes que se aviem.

Chegam HORACIO e MARCELLO

FRANCISCO

Creio ouvil-os, façam alto, quem vem lá?

HORACIO

Amigos da patria.

MARCELLO

Subditos do rei de Dinamarca.

FRANCISCO

Santas noites.

MARCELLO

Viva, meu valente soldado, quem te rendeu?

FRANCISCO

Bernardo está agora de sentinella. Boa noite. (Retira-se.)

MARCELLO

Olá, Bernardo?

BERNARDO

Não é Horacio que eu vejo?

HORACIO

Elle mesmo em corpo e alma.

BERNARDO

Bemvindo sejas, Horacio, e tu tambem, amigo Marcello.

MARCELLO

Dize-me, já viste a apparição esta noite?

BERNARDO

Ainda nada vi.

MARCELLO

Horacio diz que é effeito da minha imaginação, e nega-se a acreditar na
visão temerosa, de que já por duas vezes fomos testemunhas; pedi-lhe
portanto que viesse comnosco, para que se o phantasma de novo apparecer,
elle possa testemunhar a verdade do que afiançâmos e dirigir-lhe a
palavra.

HORACIO

Historias, qual apparecer!

BERNARDO

Sentemo-nos um instante, e vamos repetir-te a narração do que temos
presenceado duas noites consecutivas e a que prestas tão pouco credito.

HORACIO

Com todo o gosto, e deixemos fallar Bernardo.

BERNARDO

A noite passada, á hora em que esta estrella que vêem ao poente do polo
descreve o seu giro e vem illuminar esta parte do firmamento, em que ora
brilha, no momento em que na torre soava uma hora, Marcello e eu…

MARCELLO

Silencio, eil-o que apparece.

Apparece a sombra do REI

BERNARDO

Assimilha-se ao defunto rei.

MARCELLO

Tu que estudaste, Horacio, falla-lhe.

BERNARDO

Não é verdade que se parece com o defunto rei? Observa bem, Horacio.

HORACIO

A similhança é espantosa; a surpreza e o terror paralysaram-me.

BERNARDO

Parece esperar que lhe fallem.

MARCELLO

Falla-lhe, Horacio.

HORACIO

Quem quer que és, que a esta hora da noite usurpas a fórma magestosa e
guerreira, debaixo da qual se mostrava o meu defunto soberano, em nome
do céu, falla, ordeno-to eu!

MARCELLO

Parece descontente.

BERNARDO

Eil-o que se afasta, caminhando lenta e gravemente.

HORACIO

Detem-te, falla, falla, intimo-te a que falles. (A sombra afasta-se.)

MARCELLO

Foi-se sem responder.

BERNARDO

Então, Horacio, que é essa tremura e pallidez; não haverá alguma cousa
mais do que um effeito de imaginação, que dizes agora?

HORACIO

Pelo Deus do céu, não o acreditava sem o testemunho positivo e
irrecusavel dos meus proprios olhos.

MARCELLO

Não se parece com o rei?

HORACIO

Como tu te pareces comtigo mesmo, era a armadura que usava quando
combateu o ambicioso norueguez; tinha aquelle ar ameaçador, no dia em
que no seu proprio carro, atacou, por causa de uma acalorada porfia, o
guerreiro polaco, e o prostrou no gêlo para nunca mais se levantar. É
assombroso!

MARCELLO

Assim é que elle já duas vezes passou pelo nosso posto de observação com
o seu caminhar grave e marcial.

HORACIO

Com que designio, ignoro-o, mas em minha opinião é um presagio para o
estado de alguma grande catastrophe.

MARCELLO

Pois bem, sentemo-nos, e aquelle d’entre vós todos que o souber, diga
porque fatigam, com guardas vigilantes e rigorosas, os subditos d’este
reino; para que esta fundição diaria de canhões de bronze, estas compras
de armamentos e munições no estrangeiro; para que se enchem de operarios
os nossos arsenaes maritimos; porque este augmento de trabalho, que nem
os dias santos são respeitados; para que esta actividade de dia e de
noite? O que será? Qual de vós m’o poderá dizer?

HORACIO

Posso eu, ao menos, referir os boatos. Nosso ultimo rei, cuja imagem
ainda ha pouco vimos, foi, segundo dizem, convocado a campo fechado por
Fortimbraz de Noruega, que um cioso orgulho tinha levado a esse acto.
N’esse combate o nosso valente Hamlet, e era justa a sua reputação,
matou a Fortimbraz. Ora em virtude de uma declaração authentica,
sanccionada pelas leis da cavallaria, se Fortimbraz succumbisse, todos
os seus estados pertenceriam ao vencedor. Por sua parte o nosso rei
tinha empenhado da mesma fórma a sua palavra; e no caso de elle ser
vencido, uma igual porção de territorio pertenceria a Fortimbraz. Assim,
em virtude d’este pacto reciproco, a successão do vencido pertencia de
direito a Hamlet. Comtudo o joven Fortimbraz, ardente e sem experiencia,
reuniu nas fronteiras de Noruega um exercito de aventureiros, promptos e
resolvidos pela soldada aos mais audaciosos commettimentos. O seu
projecto, segundo o nosso governo está informado, é nada menos do que
retomar á viva força e de mão armada esse territorio que seu pae perdeu
com a vida: eis-aqui, na minha fraca opinião, a rasão principal dos
preparativos que fazemos, das guardas a que somos obrigados, e d’esta
actividade tumultuosa que se nota em todo o paiz.

BERNARDO

Tambem eu julgo ser esse o motivo; isto explica-nos porque vemos passar
diante dos postos de guarda a sombra do rei, com a sua armadura e com o
seu porte magestoso, d’esse rei que foi e é o causador d’esta guerra.

HORACIO

É um argueiro nos olhos da intelligencia para lhes perturbar a vista.
Nos tempos mais gloriosos e florescentes de Roma, pouco antes da morte
do grande Julio, abriram-se os tumulos, e os mortos, nas suas mortalhas,
divagaram pela cidade, soltando gritos ameaçadores; viram-se estrellas
deixar após si rastos luminosos, choveu sangue, desastrosos signaes
appareceram no céu, e o astro humido, sob cuja influencia está o imperio
de Neptuno, eclipsou-se; todos julgavam ser o fim do mundo. Estes mesmos
signaes precursores de acontecimentos terriveis, correios de maus
destinos, preludios de grandes catastrophes, o céu e a terra os fizeram
apparecer nos nossos climas, aos olhos impressionaveis dos nossos
compatriotas.

A sombra reapparece

HORACIO continuando

Mas silencio, olhem, eil-o que volta. Vou interpellal-o, embora elle me
fulmine. Pára. Illusão. Se tens o dom da palavra, se pódes articular
sons, falla; se ha alguma boa acção cujo cumprimento te possa alliviar e
contribuir para a minha salvação, responde-me: se és sabedor de alguma
desgraça que ameace a tua patria, e que um aviso opportuno possa
desviar… Oh falla! ou se em tua vida confiaste ás entranhas da terra
riquezas mal adquiridas; e a maior parte das vezes é por isso que vós,
os espiritos, divagaes depois da morte, dil-o. (O gallo canta.) Detem-te
e falla. Veda-lhe o caminho, Marcello.

MARCELLO

Devo servir-me da minha partazana?

HORACIO

Serve-te se não parar.

BERNARDO

Para cá?

HORACIO

Por acolá. (A sombra afasta-se.)

MARCELLO

Partiu!—que presença magestosa!—são desacertadas estas demonstrações
violentas! é invulneravel como o ar, e os nossos golpes não são senão o
ridiculo esforço de uma colera impotente.

BERNARDO

Ia fallar quando cantou o gallo.

HORACIO

Estremeceu como um culpado que uma intimação subita aterra. Ouvi dizer
que o gallo, que é o clarim da aurora, acorda o Deus da manhã com a sua
voz sonora e penetrante, e que a esse signal todos os espiritos errantes
no mar, no fogo, na terra ou no ar se apressam em voltar aos seus
respectivos dominios. A prova está no que acabâmos de presencear.

MARCELLO

O gallo cantou, e elle desappareceu. Algumas pessoas dizem que na
vespera do dia em que se celebra a natividade do Salvador do mundo, o
arauto da manhã canta toda a noite sem interrupção; pretendem então que
nenhum espirito ousa saír da sua mansão, que as noites são salubres, que
nenhuma estrella exerce influencia maligna, nenhum maleficio surte
effeito, que nenhuma feiticeira exercita os seus feitiços, tanto esse
dia é bento, e está sob o imperio de uma graça celeste.

HORACIO

Assim o ouvi dizer, e acredito-o. Mas eis que no oriente, acolá no
fundo, por detrás dos outeiros, surge a manhã, vestida de purpura por
entre o orvalho. Demos fim á nossa vigilia, e vamos dar parte ao joven
Hamlet do que vimos esta noite; porque, por vida minha, creio que este
espirito, mudo para todos, lhe fallará. Approvam esta confidencia, que
nos impõe o nosso dever e a nossa affeição?

MARCELLO

Vamos sem detença; sei onde o acharemos, e onde lhe poderemos fallar sem
constrangimento. (Retiram-se.)

SCENA II

Uma sala apparatosa no castello

Entram o REI e a sua comitiva, a RAINHA, HAMLET, POLONIO, LAERTE,
VOLTIMANDO, CORNELIO e CORTEZÃOS

O REI

A morte de Hamlet, nosso amado irmão, ainda é tão recente, que pareceria
justo, que nossos corações estivessem immersos na tristeza e saudade, e
que uma nuvem de dor cobrisse o solo d’este reino; comtudo, a rasão
combateu os impulsos da natureza, tanto que enfreámos a nossa dor, e
embora ainda esteja bem viva a recordação, pensâmos tambem em nós.
Portanto, com um prazer incompleto, confundindo os sorrisos com as
lagrimas, a alegria com o luto; unindo o dobrar dos sinos aos canticos
nupciaes, tomámos por esposa aquella que outr’ora era nossa irmã, e
fizemol-a compartir comnosco a corôa d’este bellicoso paiz. N’esta
conjunctura ouvimos primeiro os vossos illustrados conselhos, livremente
enunciados. Somos-lhes gratos. Quanto ao joven Fortimbraz, fazendo
seguramente uma fraca idéa do nosso poder, ou imaginando que a morte de
nosso chorado irmão lançasse o estado na dissolução e na anarchia,
embalando-se em chimerica esperança, ousou mandar-nos mensagem após
mensagem, intimando-nos a restituir-lhe o territorio perdido por seu
pae, e legalmente adquirido por nosso valoroso irmão; isto por o que lhe
respeita. Fallemos agora de nós e do motivo d’esta reunião. O motivo é
este. Pelas presentes escrevemos ao rei de Noruega, tio do joven
Fortimbraz, que jazendo enfermo n’um leito, mal conhece os projectos de
seu sobrinho, pedindo-lhe que ponha o seu veto á empreza, porque é de
entre os seus subditos que se fazem as levas de soldados e os
alistamentos. Encarregámo-vos, Cornelio e Voltimando, de apresentar as
nossas saudações ao idoso monarcha norueguez, e é nossa vontade, que nas
negociações vos conformeis adstrictamente ás instrucções que junto com a
nossa carta recebereis. Adeus; a celeridade do resultado prove a
dedicação dos negociadores.

CORNELIO e VOLTIMANDO

Senhor, a nossa dedicação e obediencia não tem limites.

O REI continuando

Nem o duvidâmos. Recebam um cordeal adeus. (Cornelio e Voltimando sáem.)
Agora, tu, Laerte, que pretendes? Disseram-nos que nos querias fazer uma
supplica? Qual é? Tu não podes fazer ao monarcha dinamarquez um pedido
que não seja rasoavel, e não recorres a elle em vão. Que poderias
desejar, Laerte, a que não estejamos promptos a annuir, mesmo antes de
conhecer a pretensão. A cabeça não é mais sympathica ao coração, a mão
não é mais prompta em servir a bôca do que o throno de Dinamarca é
dedicado a teu pae. Que desejas pois, Laerte?

LAERTE

Meu augusto soberano, a vossa licença e o vosso consentimento, para
voltar a França. Gostosamente vim a Dinamarca para assistir á vossa
coroação, mas, cumprido esse dever, confesso-o, os meus desejos e a
minha vontade me chamam a França, e supplico a vossa magestade que me
conceda partir.

O REI

Já alcançaste o consentimento de teu pae? o que diz Polonio?

A RAINHA

Arrancou-me o meu consentimento, tanto me importunou; acabei por ceder,
mau grado meu, aos seus desejos. Supplico-lhe, pois, senhor, que lhe
conceda a licença pedida.

O REI

Podes partir quando te aprouver, Laerte; deixo-te a liberdade de
dispores do teu tempo e da tua pessoa. Então, Hamlet, meu primo, meu
filho?

HAMLET á parte

Aindaque mui proximos parentes não somos primos.

O REI

Porque essas nuvens que pesam sobre a tua fronte?

HAMLET

Engana-se, senhor, como póde haver nuvens, quando brilha o sol.

A RAINHA

Querido Hamlet, despe essas roupas de dó, e lança um olhar amigavel para
o rei de Dinamarca. Descrava os teus olhos do chão; pareces procurar as
pegadas do teu glorioso pae. Sabes bem que é um destino invariavel; tudo
quanto vive ha de morrer, e este mundo é uma ponte para a eternidade.

HAMLET

Sim, senhora, é um destino commum.

A RAINHA

Se é assim, o que te parece a ti tão extraordinario?

HAMLET

Senhora, não me parece, é-o na verdade. O parecer para mim nada vale.
Minha mãe, não são nem esta capa negra, nem estas vestes obrigadas nos
lutos solemnes, nem os suspiros que mal póde soltar um peito opprimido,
nem torrentes de lagrimas, nem o semblante macerado, nem todas as
manifestações de uma dor pungente, que podem exprimir e revelar o que eu
sinto. Todos estes signaes podem parecer dor; é um papel facil de
representar, mas não são verdadeira dor, são como o fato para o
comediante; mas eu (pondo a mão sobre o coração) sinto aqui, o que não
ha palavras que o expressem.

O REI

Nada ha na verdade, Hamlet, mais commovente e louvavel do que os deveres
funebres prestados á memoria de um pae. Mas lembra-te que teu pae já
perdêra o seu, e que esse tambem já perdêra o pae. E para o sobrevivente
um dever de piedade filial, dar durante um certo praso provas de uma dor
respeitosa; mas perseverar n’uma afflicção obstinada, é mostrar uma
teima impia; é uma dor cobarde, é a prova de uma vontade rebelde aos
decretos da providencia, de um coração sem energia, de uma alma incapaz
de resignação, de uma intelligencia pobre e limitada. Porque nos deve
impressionar a tal ponto um acontecimento, que sabemos ser uma
necessidade, e que se repete tão frequente, quanto as occorrencias mais
vulgares; é uma triste indocilidade. Que!! É uma offensa a Deus, uma
offensa aos finados, uma absurda offensa á natureza, que não tem em seus
fastos mais vulgar acontecimento, que a morte de um pae; a qual, desde o
primeiro cadaver até ao homem que hoje se finou, nunca deixou de nos
clamar: Assim estava escripto. Supplico-te, portanto, abandona essa
afflicção impotente, e vê em nós um segundo pae; porque queremos que
todos saibam que tu és o mais proximo ao nosso throno, e que a affeição
mais terna que um pae tem a seu filho, tenho-a eu a ti. Quanto á tua
intenção de voltar a Wittemberg, para continuares os teus estudos, nada
ha mais opposto aos nossos desejos; conjurâmos-te que fiques aqui, sê o
prazer de nossos olhos, o primeiro da nossa côrte, nosso sobrinho, nosso
filho.

A RAINHA

Hamlet, far-te-ha tua mãe uma supplica baldada? peço-te fica comnosco,
não vás para Wittemberg.

HAMLET

Farei o que podér, para em tudo vos provar obediencia.

O REI

Eis emfim uma resposta affectuosa e comedida. Serás na Dinamarca um
segundo _Eu_. (Á rainha) Venha, senhora, este acto de deferencia de
Hamlet, cumprido tão naturalmente e sem esforço, enche de jubilo o meu
coração. Para o celebrar o rei de Dinamarca não libará uma taça, sem que
a voz do canhão o transmitta ás nuvens. A cada taça quero que o céu o
annuncie, repercutindo o estrondo dos raios da terra. Vamos agora.
(Todos sáem excepto Hamlet.)

HAMLET só

Ah! porque não poderá esta carne tão solida fundir-se e tornar-se
orvalho. Ah que se o Eterno não tivesse fulminado como reprobo o
suicida… Senhor Deus, meu Deus, como são insipidos, fastidiosos e vãos
os gosos do mundo. Que pena! Elle é um jardim inculto que só tem plantas
grosseiras e maleficas. Pois será possivel que ousassem tanto? Morto ha
dois mezes! que digo? Nem dois mezes ainda. Um rei tão bom, que tanta
similhança tinha com este como Hyperion com um Satyro, todo ternura para
minha mãe, a ponto de não querer que uma brisa mais fresca açoutasse o
seu rosto! Céus e terra! e deverei eu recordar-me? Parecia que a vida de
um era a vida do outro! Comtudo, passado apenas um mez—não posso nem
quero pensal-o—, fragilidade é synonymo de mulher. Só um mez, sem ainda
ter gasto o calçado que usava acompanhando o feretro do marido, banhada
em lagrimas como uma Niobe, ella mesma, essa mulher, oh céus! um animal
privado do soccorro da rasão teria prolongado o seu luto; essa mulher
desposou meu tio, o irmão de meu pae, mas que tem tanto de meu pae como
eu de Hercules. No fim de um mez, antes que seccassem as suas hypocritas
lagrimas, casou. Oh criminosa precipitação! Voar com tanto afan a um
leito incestuoso, é horrivel! E será possivel que o céu o tolere?
Despedaça-te coração, já que forçoso é calar.

Chegam HORACIO, BERNARDO e MARCELLO

HORACIO

Deus guarde a Vossa Alteza.

HAMLET

Quanto folgo de te ver de boa saude. És tu, Horacio, não me engano.

HORACIO

Eu mesmo, o vosso servo fiel até á morte.

HAMLET

Queres dizer _amigo_; de hoje em diante dar-te-hei este nome. Mas que
fazes tu longe de Wittemberg, Horacio? Marcello.

MARCELLO

Meu principe!

HAMLET

Alegro-me de te ver, bons dias. (A Horacio.) Mas, francamente, que
motivo te obrigou a voltar de Wittemberg?

HORACIO

Tudo dissipei.

HAMLET

Nunca consentiria que um teu inimigo assim fallasse a teu respeito; e
não me obrigarás a forçar a minha rasão a crer no que o meu coração se
nega a acreditar. Accusares-te d’esta maneira a ti mesmo… tu não és
dissipador. Que motivo tão forte te pôde pois trazer a Elsenor, tu m’o
contarás mais tarde, entre dois copos de vinho generoso, antes da tua
partida.

HORACIO

Senhor, vim prestar a ultima homenagem a seu augusto pae.

HAMLET

Peço-te, meu camarada de estudos, que não zombes; creio antes que vieste
assistir ao casamento de minha mãe.

HORACIO

Verdade é que não houve quasi intervallo.

HAMLET

Por alvitre economico, Horacio. O banquete funerario ainda subministrou
as iguarias e as viandas para o festim nupcial. Antes quizera encontrar
no céu o meu mais encarniçado inimigo, do que ter visto despontar um tal
dia, Horacio. Meu pobre pae, parece-me que o estou vendo!

HORACIO

Onde, senhor?

HAMLET

Na minha imaginação, Horacio.

HORACIO

Recordo-me de o ter visto, era um grande rei.

HAMLET

Era um homem que, bem considerado, não tinha rival na terra.

HORACIO

Julgo tel-o visto a noite passada.

HAMLET

Viste, quem?

HORACIO

Alteza, vi o rei seu pae.

HAMLET

O rei meu pae?

HORACIO

Senhor, acalme esta agitação e espanto, e preste attenção, emquanto eu,
fundado no testemunho ocular d’estes senhores, vou relatar esse
prodigio.

HAMLET

Falla, pelo amor de Deus, sou todo ouvidos.

HORACIO

Durante duas noites consecutivas, no meio das trevas e do silencio,
emquanto estes senhores estavam de sentinella, eis o que lhes aconteceu.
Uma figura parecida com seu pae, armada da cabeça aos pés, lhes
appareceu caminhando lenta e magestosamente. Tres vezes, atemorisados e
attonitos, o viram passar á distancia do bastão de commando que
empunhava, emquanto elles, fulminados pelo terror, ficaram mudos, nem
ousaram fallar. Confiaram-me, debaixo de segredo, tremulos ainda, o que
tinham presenceado. Na noite seguinte entrei com elles de sentinella, e
confirmando a verdade das suas palavras, á hora por elles indicada,
debaixo da fórma por elles descripta, voltou a apparição. Reconheci seu
pae; as minhas duas mãos não são mais parecidas.

HAMLET

Mas em que sitio appareceu?

MARCELLO

Senhor, na explanada, onde estavamos de sentinella.

HAMLET

Fallaram-lhe.

HORACIO

Fallámos, mas não respondeu. Comtudo uma vez pareceu-me que movia a
cabeça, como quem quer fallar; mas n’esse momento cantou o gallo
matinal; ao som do canto afastou-se o espectro apressadamente, e nós
perdemol-o de vista.

HAMLET

Na verdade é incomprehensivel.

HORACIO

Senhor, juro-lhe pela minha vida que é verdade, e julgámos nosso dever
informar Vossa Alteza.

HAMLET

Não posso dissimular a minha inquietação! Estão de guarda esta noite?

TODOS

Sim, Alteza.

HAMLET

Armado, disseram?

TODOS

Armado, meu senhor.

HAMLET

Da cabeça aos pés?

TODOS

Tal qual.

HAMLET

Viram-lhe as feições?

TODOS

Vimos, tinha a viseira levantada.

HAMLET

Tinha physionomia carregada?

TODOS

A expressão era antes triste que colerica.

HAMLET

Pallido ou córado?

TODOS

Muito pallido.

HAMLET

O seu olhar fixou-se em algum de vós?

TODOS

Constantemente.

HAMLET

Queria lá ter estado.

HORACIO

O seu espanto teria sido igual ao nosso.

HAMLET

É mais que provavel. Demorou-se muito?

HORACIO

O tempo necessario para contar até _um cento_, sem parar.

MARCELLO e BERNARDO

Muito mais, muito mais.

HORACIO

Não a vez que o vi.

HAMLET

A barba era grisalha, não é verdade?

HORACIO

Era, como em sua vida, de um negro prateado.

HAMLET

Velarei tambem esta noite, talvez que volte.

HORACIO

Sem duvida alguma.

HAMLET

Se se me apresentar debaixo da figura de meu pae, fallar-lhe-hei, embora
o inferno me ordenasse o silencio, pelas suas horrendas fauces.
Peço-vos, portanto, que se até hoje tendes guardado um segredo tal a
respeito da apparição, de hoje em diante sejaes ainda mais cautelosos em
conservar o sigillo; e aconteça o que acontecer esta noite, reflexão e
silencio: serei grato a esta prova de affeição. Assim, pois, adeus,
encontrarme-hei comvosco na explanada entre as onze horas e a meia
noite.

TODOS

Os nossos respeitos, principe.

HAMLET

Sempre amigos, adeus. (Horacio, Marcello e Bernardo sáem.)
(Continuando.) A sombra de meu pae, porque apparece armada? Haverá algum
perigo. Suspeito alguma traição. Espero impacientemente a noite. Até
então, socega coração. Não ha crimes tão occultos, que o homem não possa
descobrir. (Sáe.)

SCENA III

Um quarto em casa de Polonio

Entram LAERTE e OPHELIA

LAERTE

Já embarcaram os meus creados e roupas. Adeus, minha irmã; quando ventos
propicios encherem as vélas ao navio que me leva, espero que com a minha
ausencia não esfriará a tua amisade, e que me darás novas tuas.

OPHELIA

Duvídas porventura, irmão?

LAERTE

Quanto ao que respeita a Hamlet e á sua frivola amisade, considera-a
como uma moda ephemera, um capricho dos sentidos, uma violeta da
primavera, precoce mas passageira, suave mas fenecendo ao desabrochar, e
cujo perfume dura um minuto apenas.

OPHELIA

Só um minuto?

LAERTE

Só, acredita-me, porque o teu desenvolvimento não é só nos musculos e no
corpo; á medida que o templo toma proporções mais vastas, tambem se
expande o espirito e a alma. É possivel que te ame agora, que nenhuma
macula, nenhuma deslealdade offusque a pureza dos seus sentimentos; mas
acautela-te, porque na posição que occupa é-lhe vedada a propria
vontade, é escravo do seu nascimento. Não póde, como os outros homens,
escolher só por affeição, porque á sua escolha estão ligados o bem-estar
e a salvação do estado; por isso deve subordinal-a ao voto e á
approvação da nação de que é chefe. Se, pois, te fallar de amor,
assisadamente usarás, não acreditando senão o que a sua posição lhe
permitte offerecer, vistoque a sua vontade deve ser a vontade da nação.
Pensa bem, que mancha para a tua reputação, se prestasses ouvidos por
demais credulos, ao encanto das suas fallas, se envenenasses tua alma,
se abrisses o cofre da castidade ás suas audaciosas instancias.
Acautela-te, Ophelia, acautela-te, querida irmã, luta com a tua affeição
para vencer as settas e os perigos dos desejos. A virgem prudente já é
assás prodiga se patenteia a sua belleza aos raios lunares; a propria
virtude não escapa aos golpes da calumnia; o verme roe as filhas
predilectas da primavera, antes das flores desabrocharem; e é na aurora
da vida, regada pelo puro e limpido orvalho, que ha mais perigo para a
flor da castidade. Sê, pois, circumspecta, a melhor protecção é o receio
do perigo; a juventude é para si mesma um perigo, se não trava luta com
outros maiores.

OPHELIA

Em meu coração encerrarei, como um preservativo, a tua salutar lição.
Mas, querido irmão, não sejas tu, como certos pastores sem virtude, que
indicam ás suas ovelhas o caminho escarpado e espinhoso que conduz ao
céu, emquanto elles, libertinos, fogosos e sem pudor, trilham o caminho
das flores, da licença, e são a antithese das suas palavras.

LAERTE

De mim não te arreceies: já devia ter partido; eis meu pae.

Entra POLONIO

Uma dupla benção é um beneficio duplo; abençôo a occasião de me despedir
segunda vez de ti.

POLONIO

Ainda aqui, Laerte? para bordo, para bordo. Não te envergonhas? Teu
navio só te espera para velejar. Recebe a minha benção, e grava na tua
memoria os seguintes preceitos. Guarda para ti o pensamento, e não dês
execução apressadamente aos teus projectos; medita-os maduramente. Sê
lhano sem te esqueceres de quem és. Quando tomares um amigo cuja
affeição tenhas experimentado, liga-o a ti por vinculos de aço; mas não
dês confiança irreflectidamente. Faze por evitar questões; mas se o não
podéres conseguir, conduze-te de maneira que fiques sempre superior ao
teu adversario. Ouve a todos, mas sê avaro de palavras; escuta o
conselho que te derem, forma depois o teu juizo. No teu trajar sê tão
sumptuoso, quanto t’o permittam os teus meios, mas nunca affectado;
rico, mas não offuscante; o porte dá a conhecer o homem, e n’esse ponto,
as pessoas de qualidade em França revelam um gosto primoroso, e o mais
fino tacto. Não emprestes, nem peças emprestado: quem empresta perde o
dinheiro e o amigo, e o pedir emprestado é o primeiro passo para a
ruina. Mas sobre tudo sê verdadeiro para a tua consciencia, e assim como
a noite se segue ao dia, seguir-se-ha tambem, que o teu coração jamais
abrigará falsidade. Adeus, que a minha benção selle em teu coração os
meus conselhos.

LAERTE

Despedindo-me, humildemente vos beijo a mão, meu pae.

POLONIO

Não tens tempo que perder, teus creados esperam-te.

LAERTE

Adeus, Ophelia, recorda-te das minhas palavras.

OPHELIA

Fechei-as no meu coração; dou-te a chave, guarda-a.

LAERTE

Adeus. (Sáe.)

POLONIO

Que te disse elle, Ophelia?

OPHELIA

Com licença de meu pae, fallou-me a respeito de Hamlet.

POLONIO

Folgo que o fizesse. Disseram-me que ultimamente Hamlet tem tido comtigo
frequentes entrevistas, e que tu não te esquivas ás suas frequentes
visitas. Se assim é, e creio na informação que me deram, devo dizer-te
que não encaras a tua posição com a lucidez que convem a minha filha, e
que a tua honra exige. Dize-me a verdade, o que ha?

OPHELIA

Protestos de amor.

POLONIO

De amor! como inexperiente fallas, conservas as illusões todas. Dás tu
porventura credito aos seus protestos, como tu lhe chamas?

OPHELIA

Nem sei, senhor, o que devo pensar.

POLONIO

Pois bem, eu t’o digo. É necessario que sejas bem creança para crer uma
realidade os seus protestos, de cuja sinceridade devéras duvido. Não te
deprecies assim; seria uma loucura.

OPHELIA

O seu respeito foi inseparavel das suas phrases de amor.

POLONIO

E tu acreditas, pobre louca.

OPHELIA

Firmou as suas palavras com os juramentos mais sagrados.

POLONIO

Assim arma o caçador os laços á avesinha innocente e incauta. Sei que,
quando o sangue ferve, a nossa bôca nunca se nega a protestos e
juramentos. Minha filha, estes lampejos que dão mais luz que calor, e
cujo brilho é ephemero, nunca os tomes por verdadeira chamma de amor. A
datar de hoje, não malbarates tanto a tua presença virginal; difficulta
mais as entrevistas, que não baste pedir para as obter. Quanto ao sr.
Hamlet e á confiança que n’elle podes ter, considera que é joven, e que
póde tomar liberdades de que depois tenhas que te arrepender. N’uma
palavra, Ophelia, descrê dos seus juramentos, porque não são
verdadeiros; interpretes de desejos profanos, revestem-se da linguagem
da mais santa sinceridade. Uma vez por todas, e franqueza, filha,
prohibo-te toda e qualquer conversa com o sr. Hamlet. Pensa bem.
Ordeno-t’o.

OPHELIA

Obedecerei, meu pae. (Sáem.)

SCENA IV

A explanada do castello de Elsenor

Chegam HAMLET, HORACIO e MARCELLO

HAMLET

Que frio horrivel, gélo.

HORACIO

O ar está devéras glacial.

HAMLET

Que horas são?

HORACIO

Não deve tardar a meia noite.

MARCELLO

Está dando meia noite.

HORACIO

Já! não ouvi, em todo o caso approximâmo-nos da hora a que costuma
apparecer o phantasma. (Ouvem-se ao longe tangeres de instrumentos, e o
troar de artilheria.) Que rumor é este?

HAMLET

O rei consagra esta noite ao prazer, está bebendo, e a cada copo de
vinho do Rheno, os timbales e clarins proclamam o brinde que levantou.

HORACIO

Isso é costume?

HAMLET

Sim é, mas apesar de eu ter nascido n’este paiz, e estar acostumado a
estes usos, ha emquanto a mim mais gloria em infringil-os, do que em
observal-os. Estas orgias abjectas trazem-nos, do oriente ao occidente,
o desprezo das outras nações, que nos qualificam de ebrios, e juntam aos
nossos nomes os epithetos mais grosseiros. Este defeito embaça as nossas
mais brilhantes qualidades, e tira-lhes todo o valor. O mesmo acontece
aos individuos. Se ao nascerem, receberam da natureza alguma macula
original, de que não são culpados, poisque o nascimento é independente
da nossa vontade; se os afflige algum vicio de temperamento contra o
qual todos os esforços da rasão são impotentes, algum costume que
desagrade nos seus modos destruindo-lhes o encanto; acontece a esses
homens, tendo o estigma de um defeito unico, libré da natureza, sêllo da
sua estrella, acontece, digo, que todas as suas virtudes, fossem ellas
puras como a graça celeste, infinitas quanto comporta á humanidade,
ficariam manchadas na opinião, publica por esse defeito unico. Basta uma
mollecula de liga para depreciar esse metal.

Apparece a sombra

HORACIO

Senhor, eil-o.

HAMLET

Anjos do céu, poderes misericordiosos, protegei-nos. Genio bemfazejo, ou
demonio infernal, que exhalas os perfumes celestes, ou as emanações do
averno; que sejam sinistras ou caridosas as tuas intenções, appareces-me
debaixo de uma fórma tão grata que te quero fallar. Interrogo-te,
Hamlet, senhor, meu pae, rei de Dinamarca, oh! responde-me, não me
deixes, na ignorancia, morrer de emoção; mas dize-me, porque teus bentos
ossos encerrados no ataude romperam os sellos; porque te levantaste do
tumulo em que te haviamos depositado; porque se ergueu a lapide
sepulchral para te lançar a este mundo? Como, cadaver inanimado,
vestindo a tua armadura de aço, vagueias tu á duvidosa claridade da lua,
imprimindo á noite um caracter de horror, lançando-nos, fracos ludibrios
da natureza, nas ancias do terror; e fazendo surgir em nossas almas
pensamentos que excedem o nosso alcance? Responde. Porque? Com que fim?
Que exiges?

HORACIO

Faz-vos signal de o seguir, como se quizesse fallar-vos a sós.

MARCELLO

Veja, principe, o gesto cheio de cortezia e dignidade, com que o convida
a seguil-o a logar mais remoto; mas não vá.

HORACIO

Senhor, pelo amor de Deus.

HAMLET

Quer-me fallar, pois bem, seguil-o-hei.

HORACIO

Não faça tal, senhor.

HAMLET

Porque? que tenho eu a receiar, importa-me tanto a vida, como se fosse
um alfinete; quanto á minha alma, nada póde contra ella, porque é
immortal, como elle é. Repete o signal, vou seguil-o.

HORACIO

E se elle vos attrahisse ao Oceano ou ao pincaro escarpado de algum
rochedo saliente e sobranceiro ao mar; e se tomasse alguma fórma
horrivel, cuja vista vos varresse a rasão tornando-vos demente? Pensae
bem, senhor, não receiaes alguma vertigem ao contemplar de alto a
immensidade debaixo de vossos pés?

HAMLET

Continua a fazer-me signal. Caminha, sigo-te.

MARCELLO

Não ha de ir, senhor.

HAMLET

Ninguem me detenha.

HORACIO

Seja rasoavel, principe, não vá.

HAMLET

Ouço a voz do meu destino; brada alto, e cada um dos meus musculos
adquiriu o vigor dos do leão de Nemea. (A sombra faz-lhe signal de a
seguir.) Chama-me outra vez, deixem-me, senhores (escapa-se-lhes dos
braços.) Por Deus, que não viverá, quem ousar oppôr-se-me. Afastem-se,
já disse. (Á sombra.) Caminha, sigo-te. (A sombra e Hamlet afastam-se.)

HORACIO

Apoderou-se d’elle o delirio.

MARCELLO

Sigamol-o; desobedecer-lhe é forçoso n’estas circumstancias.

HORACIO

Não o abandonemos. Qual será o resultado!

MARCELLO

Algum vicio ha na constituição da Dinamarca.

HORACIO

O céu proverá o que for melhor.

MARCELLO

Sigamos o principe. (Sáem todos.)

SCENA V

Uma parte mais afastada da explanada

Chegam HAMLET e a SOMBRA

HAMLET

Onde pretendes conduzir-me; mais adiante não irei.

A SOMBRA

Encara-me, Hamlet.

HAMLET

Que queres?

A SOMBRA

Approxima-se a hora em que me devo recolher ás chammas sulphureas e
ardentes.

HAMLET

Pobre alma!

A SOMBRA

Não me lastimes, mas presta attenção ao segredo que te vou revelar.

HAMLET

Falla, é meu dever escutar-te.

A SOMBRA

Dever tambem é vingar-me depois de me teres ouvido.

HAMLET

Que ouço!

A SOMBRA

Sou a alma de teu pae, condemnada a penar durante um tempo certo, a
jejuar n’um carcere de chammas, até que as culpas que mancharam a minha
vida estejam completamente expiadas e purificadas pelo fogo. Se não me
fosse defezo revelar os segredos do meu carcere, far-te-ía uma narrativa
de que cada palavra encheria de terror a tua alma, gelaria o teu sangue,
os olhos quaes estrellas brilhantes saíriam das suas orbitas, os anneis
do teu cabello desfazer-se-íam em completa desordem, e cada cabello
ficaria hirto como as cerdas do javali; mas estes mysterios eternos não
são para ouvidos profanos de carne e de sangue. Escuta, escuta, oh
escuta-me! se alguma vez amaste teu carinhoso pae…

HAMLET

Oh céus!

A SOMBRA

Vinga a sua morte, causada por um assassinio, cobárde, infame e nefando.

HAMLET

Um assassinio?

A SOMBRA

Infame! todos os assassinios o são, mas nunca houve nenhum mais infame,
inaudito e horrendo do que este.

HAMLET

Apressa-te em desvelar-m’o, para que prompto, como a meditação, ou como
o pensamento de amor, possa saciar a minha vingança.

A SOMBRA

Grato sou ao teu empenho, Hamlet; era preciso que fosses mais apathico
do que a planta grossa e crassa que immovel e inerte apodrece nas
margens do Lethes, se não sentisses n’este momento commoção alguma.
Agora, ouve-me. Espalhou-se que emquanto dormia no meu jardim, uma
serpente me mordêra; é assim que uma fallaz narrativa enganou a
Dinamarca sobre a causa da minha morte. Sabe tu pois a verdadeira, nobre
mancebo: a serpente cujo dardo matou teu pae, cinge hoje a corôa d’este
reino.

HAMLET

Oh meus propheticos presentimentos, meu tio!

A SOMBRA

Sim, esse monstro, incestuoso, adultero pela magia das palavras, pelos
dotes insidiosos. Oh loquela perversa, oh dotes nefarios, poisque tem
tal poder de seducção, e conseguiu inspirar essa vergonhosa paixão a
minha mulher, apparentemente tão virtuosa. Oh! Hamlet, que degradação!
Descer de mim, cujo amor nobre e digno não tinha desmentido um instante
o juramento prestado junto ao altar, a um miseravel, entre cujas
qualidades naturaes e as minhas havia um abysmo! Mas assim como a
virtude resiste inabalavel ás tentações do vicio, aindaque debaixo da
fórma da Divindade lhe apparecesse, assim tambem a impudicicia, embora
associada a um anjo celeste de luz, cansa-se da santidade do leito
conjugal, para ir habitar o mais desprezivel prostibulo. Mas já sinto a
frescura da aurora, forçoso é que eu termine. Emquanto dormia no meu
jardim, era esse o meu costume todas as tardes; teu tio, aproveitando a
minha inconsciencia, approximou-se de mim, munido de um frasco de
meimendro, e lançou-me n’um ouvido o conteúdo. É um veneno tão activo
para o sangue humano, que com a subtileza do mercurio corre e se
infiltra em todos os canaes, em todas as veias, coalhando e alterando o
sangue pela sua acção energica: o mais puro e limpido não lhe resiste, é
como uma gotta de qualquer acido n’uma taça de leite. Tal foi o seu
effeito, que uma lepra instantanea cobriu meu corpo de uma crosta impura
e infecta. Eis como durante o meu somno, tudo me foi arrebatado de uma
vez, e pela mão de um irmão, vida, corôa e consorte. A morte
surprehendeu-me em estado flagrante de peccado; sem sacramentos, sem me
reconciliar, nem com Deus, nem com a minha consciencia; tinha que
comparecer perante o Juiz Supremo vergando sob o peso das minhas
iniquidades. Horror, horror, cumulo de horror! Se em teu coração vibra a
fibra da sensibilidade, não o toleres. Não consintas que o leito do rei
de Dinamarca se transforme em mansão da luxuria e do incesto. Mas seja
qual for a tua vingança, conserva-te moral e puro, e poupa tua mãe.
Entrega o seu castigo ao céu, e aos espinhos do remorso que lhe
dilaceram o coração. Adeus, cumpre-me deixar-te; a luz do perilampo,
cujo fogo sem calor começa a esmorecer, annuncia a approximação da
aurora. Adeus, adeus, adeus. Recorda-te sempre de mim. (A sombra
retira-se.)

HAMLET

Oh! santas legiões do céu, oh! terra, que mais? Invocarei o inferno? Oh!
opprobrio; contém-te, ah! contém-te, meu coração, e vós, meus musculos,
não percaes o vigor, e redobrae de força e energia para me suster.
Recordar-me de ti? Sim, sombra infeliz, emquanto a memoria não abandonar
este meu cerebro desordenado. _Recorda-te de mim_; sempre! quero varrer
da minha memoria todas as recordações frivolas, todas as maximas
colhidas nos livros, todos os vestigios, todas as impressões do passado,
tudo quanto a juventude e a observação coordenaram, e em sua vez dar só
lugar, sem rivaes, juro-o pelo céu, aos teus preceitos. Oh! mulher
perversa, oh infame e damnado monstro! oh memoria, grava bem o seguinte,
que nos sorrisos do homem se póde occultar um crime; assim é na
Dinamarca (escreve n’uma carteira). Meu tio, espere-me. A minha senha
será de hoje em diante. _Adeus, adeus, adeus. Recorda-te de mim._
Jurei-o.

HORACIO ao longe

Senhor, senhor?

MARCELLO ao longe

Senhor Hamlet?

HORACIO

Que o céu o proteja.

HAMLET

Assim seja.

MARCELLO ao longe

Olá, olá, senhor!

HAMLET

Pousa meu falcão, pousa. (Imita o canto do falcão e o chamamento do
falcoeiro.)

Chegam HORACIO e MARCELLO

MARCELLO

O que se passou, senhor?

HORACIO

Que novas, senhor?

HAMLET

As mais extraordinarias.

HORACIO

Conte-nol-as, principe.

HAMLET

É um segredo.

HORACIO

E não sou eu capaz de o guardar? O principe conhece-me.

MARCELLO

E eu?

HAMLET

Que me dirão quando o souberem: que coração humano o teria pensado.
Juram-me segredo?

HORACIO e MARCELLO

Jurâmos.

HAMLET

Não ha em toda a Dinamarca um scelerado igual.

HORACIO

Era necessario que um espectro saísse do tumulo para nol’o dizer?

HAMLET

É verdade, têem rasão. Basta de palavras, um aperto de mão, e cada um
volte onde o chamam os negocios e as suas inclinações, porque todos têem
inclinações e negocios, sejam quaes forem: eu, pobre pária do mundo, vou
orar.

HORACIO

São palavras incoherentes e sem sentido, alteza.

HAMLET

Peza-me que te offendesses, peza-me devéras.

HORACIO

Em que, senhor?

HAMLET

Por S. Patricio, que te offendi e gravemente. Quanto á apparição de inda
agora, é um phantasma honesto, digo-t’o eu. Quanto ao desejo de
conhecerem, senhores, o que entre nós se passou, reprimam-n’o. E agora,
meus bons amigos, em nome da nossa amisade, da nossa camaradagem de
estudos e de armas, façam-me um favor.

HORACIO

Qual é? Não hesitâmos.

HAMLET

Nunca digam o que viram esta noite.

AMBOS

Conte com a nossa palavra, principe.

HAMLET

Quero um juramento.

HORACIO

Prometti o segredo.

MARCELLO

Já jurámos.

HAMLET

Mas jurem sobre a minha espada.

A SOMBRA (debaixo da terra)

Jurem.

HAMLET

Ah! ah! meu camarada, és tu que fallas; estás ahi, meu valente,
approxima-te; ouvem a sua voz, prestem o juramento.

HORACIO

Diga-nos a formula, principe.

HAMLET (afastando-se um pouco com elles)

Jurem sobre a minha espada, que guardarão sigillo do que viram e
ouviram.

A SOMBRA (debaixo da terra)

Jurem.

HAMLET

_Hic et ubique._ Vamos para mais longe. (Afastam-se um pouco.)
Approximem-se, e estendendo a dextra sobre a minha espada, jurem por
este gladio nunca revelar o que viram e ouviram.

A SOMBRA (debaixo da terra)

Jurem pela sua espada.

HAMLET

Bravo, velha toupeira, como caminhas depressa subterraneamente, que
bello mineiro! Afastemo-nos mais uma vez, meus bons amigos.

HORACIO

Por vida minha, é prodigioso!

HAMLET

Acolhâmol-o como se acolhe um estrangeiro. O céu e a terra encerram mais
mysterios, que os conhecidos pelos philosophos; mas venham. Notem o que
notarem nos meus modos, se eu julgar necessario affectar maneiras
extravagantes, jurem-me pela sua salvação que nunca cruzarão os braços,
meneando a cabeça, nem lhes escaparão palavras ambiguas, como por
exemplo: _Muito bem, muito bem_—_já sabemos_—ou—_se quizessemos
fallar_—ou—_ainda ha pessoas que se ousassem_—ou outras expressões
equivocas, dando a perceber que estão na confidencia; jurem que nada
farão; e possa, quando mais precisarem, não lhes faltar a graça divina.

A SOMBRA (debaixo da terra)

Jurem.

HAMLET

Acalma-te, alma penada. Assim, senhores, recommendo-me á vossa affeição,
e tudo quanto um homem tão debil como Hamlet possa fazer para lhes
provar o seu affecto, fal-o-ha com a ajuda de Deus. Retiremo-nos juntos,
e silencio; peço-lh’o eu. Ha no mundo alguma grande perturbação.
Maldição. Porque serei eu o eleito para a terminar? Vamos, partâmos
juntos.

Fim do acto primeiro

ACTO SEGUNDO

SCENA I

Uma sala em casa de Polonio

Entram POLONIO e RINALDO

POLONIO

Rinaldo, entrega a meu filho este dinheiro e estas letras.

RINALDO

Sim, meu senhor.

POLONIO

Mas antes de o procurar, obrarás assisadamente tomando informações a seu
respeito.

RINALDO

Era essa a minha intenção.

POLONIO

Bem, muito bem; toma antes todas as informações pelos dinamarquezes que
estão em París, vê as suas relações, e com quem se dão, quaes os seus
gastos; depois de te assegurares pelas tuas perguntas que conhecem meu
filho, procura colher informações mais exactas, sem comtudo o dar a
entender. Dissimula que o conheces perfeitamente, dizendo, por exemplo:
Conheço o pae e a familia, mas d’elle não tenho conhecimento algum.
Entendes, Rinaldo?

RINALDO

Perfeitamente, senhor.

POLONIO

De todo não me é desconhecido, pódes acrescentar. Conheço-o pouco é
verdade, comtudo aquelle de quem fallo é um dissipador com todos os seus
defeitos; imputa-lhe então todos os vicios que te parecer, excepto
aquelles que podem deshonrar um homem, toma conta n’isso; só as loucuras
e imprudencias proprias de um joven que se sente livre de todo o
constrangimento paterno.

RINALDO

O jogo, talvez?

POLONIO

Bem, e as bebidas, a esgrima, as pragas, o genio buliçoso, a convivencia
do prostibulo, é até onde te auctoriso que chegues.

RINALDO

Actos são, na verdade, que não deshonram.

POLONIO

Sabes bem como te deves haver fazendo estas imputações. Não aggraves os
factos accusando-o de devassidão continua e habitual; não pretendo tal;
censura-o mas com discrição; exprime-te como se attribuisses as suas
faltas aos defeitos inherentes á mocidade, ao abuso da liberdade, ao
arrebatamento de um espirito fogoso, á effervescencia de um sangue
ardente.

RINALDO

Mas, senhor?

POLONIO

Porque será conveniente obrar assim.

RINALDO

Para lh’o perguntar estava eu.

POLONIO

É onde eu queria chegar, e na minha opinião é um ardil sem igual. Depois
de teres imputado a meu filho esses ligeiros defeitos, que se podem
considerar quando muito como imperfeições n’uma bella obra; se o teu
interlocutor, aquelle que queres sondar, notou no joven a que te referes
algum dos vicios mencionados, está certo que responderá immediatamente:
Meu caro senhor, ou _meu amigo_—ou _meu cavalheiro_—segundo o costume
do individuo, ou o uso do paiz…

RINALDO

Prosiga, senhor.

POLONIO

Então… que estava eu dizendo? pela santa missa—que queria eu dizer? o
que era?

RINALDO

Fallava da resposta…

POLONIO

Que te darão, é isso, e não deixarão de responder: _Conheço esse
mancebo, vi-o ainda hontem, ou outro qualquer dia, em tal epocha, com
estes ou com aquelles, surprehendi-o jogando, ou n’uma orgia ou numa
rixa_, ou ainda, _vi-o entrar n’uma casa suspeita_; ou outras cousas
similhantes: agora vês como com a mentira se colhe a verdade. É assim
que nós, as pessoas entendidas, empregâmos a miudo o embuste e a
falsidade para descobrir a verdade. Ahi está o caminho que seguirás para
saber o comportamento de meu filho. Percebes agora?

RINALDO

Sim, meu senhor.

POLONIO

O Senhor seja comtigo, boa viagem.

RINALDO

Meu amo!

POLONIO

Observa tu mesmo as suas inclinações.

RINALDO

Fal-o-hei, senhor.

POLONIO

Mas não o distráias da sua vida.

RINALDO

Bem entendo.

POLONIO

Adeus. (Rinaldo sáe.)

Entra OPHELIA

POLONIO

Que te traz por aqui, Ophelia?

OPHELIA

Meu pae, meu pae, ainda tremo.

POLONIO

Porque? Falla por piedade.

OPHELIA

Querido pae, estava no meu quarto trabalhando em costura, quando de
repente deparo com o sr. Hamlet, mas em que estado! as vestes em
desordem, o cabello em desalinho, as meias caídas arrastavam pelo chão,
pallido e branco como uma mortalha, tremiam-lhe as pernas, o rosto tinha
a expressão do desespero, qual profugo do inferno mensageiro de novas
horriveis.

POLONIO

Enlouqueceria por tua causa?

OPHELIA

Não sei, meu pae, mas receio-o devéras.

POLONIO

Que te disse elle, Ophelia?

OPHELIA

Tomou-me os pulsos, apertando-os convulsivamente, depois afastando-se á
distancia do seu braço, levando a mão á testa, fitou os olhos no meu
rosto, como se me quizesse retratar. Assim se demorou por largo tempo,
por fim saccudindo-me levemente o braço, levantando e baixando por tres
vezes a cabeça, suspirou tão profundamente, que todo o seu corpo
estremeceu, parecia o prenuncio da morte. Feito isto, deixou-me, partiu
e desviando a cabeça, como um homem que para achar caminho não precisa o
auxilio da vista, transpoz a porta; mas então o seu olhar estava fito em
mim.

POLONIO

Segue-me, filha, vou procurar o rei. É o delirio do amor; a sua
violencia mata-o, e impõe á sua vontade actos de desespero, que nenhuma
outra paixão humana excitaria. Peza-me sinceramente. Dize-me,
ter-lhe-ías tu dirigido ultimamente alguma palavra cruel.

OPHELIA

Não, meu pae; mas obedecendo ás suas ordens, recusei as suas cartas e
evitei a sua presença.

POLONIO

Eis o que perturbou a sua rasão. Doe-me de o não ter conhecido melhor:
receiei que as suas intenções não fossem serias, e que só pretendesse
consummar a tua ruina. Arrependo-me do fundo de alma das minhas
desconfianças. Parece que o confiar cegamente na previdencia é o
apanagio da minha idade, como o contrario é o defeito da mocidade. Vem,
dirijâmo-nos ao rei, convem que elle nada ignore; porque o sigillo
d’este amor poderia acarretar mais desgraças do que a sua revelação
resentimentos. (Sáem ambos.)

SCENA II

Uma sala no castello de Elsenor

Entram o REI, a RAINHA, as suas comitivas, ROSENCRANTZ e GUILDENSTERN

O REI

Sejam bemvindos, caros Rosencrantz e Guildenstern. Independentemente do
gosto de os ver, a necessidade do seu prestimo me obrigou a chamal-os a
esta côrte sem demora. Ouviram seguramente fallar da transformação de
Hamlet; digo transformação, porque já não é o mesmo homem, nem moral nem
physicamente. Só a morte do pae póde ser a causa do transtorno da sua
rasão, não posso conceber outra. Educados com elle desde a infancia,
sympathisando entre si pela idade e pelo caracter, peço-lhes que
permaneçam algum tempo na côrte, procurem inspirar-lhe o gosto e prazer
da sua convivencia, aproveitem todas as occasiões para descobrir se a
sua afflicção não tem alguma causa desconhecida, cuja revelação nos
permittisse dar-lhe remedio.

A RAINHA

Bastante tem fallado nos senhores, e estou convencida que ninguem no
mundo lhes é mais affeiçoado. A liberalidade do rei compensará
largamente os seus serviços e os seus incommodos. Esperâmos dos senhores
esta prova de affeição.

ROSENCRANTZ

Vossas magestades são nossos soberanos, e os reis não pedem, mandam.

GUILDENSTERN

Estamos promptos a obedecer; disponham de nós, senhores. Depondo aos pés
dos reis os nossos serviços e a nossa dedicação, pedimos-lhes só que
ordenem.

O REI

Obrigado, senhores.

A RAINHA

Obrigada tambem eu; vão ter com meu filho: infelizmente mal o
reconhecerão. (Á sua comitiva) Alguns d’estes senhores conduzam estes
cavalheiros junto de Hamlet.

GUILDENSTERN

Praza a Deus, que a nossa presença lhe seja agradavel e os nossos
cuidados um lenitivo.

A RAINHA

Deus queira. (Rosencrantz e Guildenstern sáem seguidos de alguns
cortezãos.)

Entra POLONIO

POLONIO

Senhor, regressaram de Noruega os embaixadores, satisfeitos com o
resultado da sua missão.

O REI

És sempre correio de boas novas.

POLONIO

Senhor! esteja vossa magestade certo que a minha alma põe a par a
dedicação ao meu rei e o respeito e amor ao meu Deus. A menos que a
minha sagacidade habitual me enganasse, descobri a verdadeira causa da
loucura do senhor Hamlet.

O REI

Estou ancioso por conhecel-a.

POLONIO

Primeiro os embaixadores, depois eu.

O REI

Recebe-os, e encarrego-te de os introduzir á nossa presença. (Polonio
sáe.) (Á rainha.) Annunciou-me, querida Gertrudes, que conhece a causa
da doença de seu filho.

A RAINHA

Receio bem que a morte de seu pae e o nosso precipitado consorcio sejam
as causas unicas.

O REI

Sabel-o-hemos em breve.

Entram POLONIO, VOLTIMANDO e CORNELIO

O REI

Bemvindos sejam, amigos. Falla tu, Voltimando; que novas trazes de nosso
irmão de Noruega?

VOLTIMANDO

Envia-vos seus cumprimentos e sauda-vos cordealmente. Mal nos ouviu,
ordenou ao sobrinho que pozesse fim aos seus preparativos guerreiros.
Julgava-os dirigidos contra a Polonia; mas convencido por um detido
exame que eram contra vossa magestade, e indignado por Fortimbraz se
prevalecer do estado precario, a que a idade e a doença o tinham
reduzido, ordenou-lhe que comparecesse na sua presença. Fortimbraz
obedeceu á ordem intimada, e depois de severamente reprehendido pelo rei
de Noruega, prestou nas mãos de seu tio o juramento de nada emprehender
contra vossas magestades. O idoso monarcha, para provar o seu jubilo,
concedeu-lhe uma pensão annual de tres mil escudos, e licença para
combater os polacos com as tropas alistadas. Ao mesmo tempo pede-vos
pelas presentes (entrega as cartas), que concedaes ás suas tropas livre
passagem pelo vosso territorio nas condições estipuladas n’este
escripto.

O REI

Este resultado enche-nos de satisfação; quanto ao pedido, lel-o-hemos, e
depois de maduramente examinado, responderemos. Agradecemos-lhes os seus
valiosos serviços. Descansem agora; juntos ceiaremos logo. (Voltimando e
Cornelio sáem.)

POLONIO

Felizmente está terminado este negocio. Senhor e senhora; discutir o que
constitue a auctoridade, e em que consiste a obediencia dos subditos,
porque a noite é noite, o dia é dia, e o tempo é tempo, seria perder sem
proveito a noite, o dia e o tempo; por isso, visto que a concisão é a
alma do espirito, emquanto que a prolixidade é só o corpo ou o involucro
exterior, serei breve: Vosso nobre filho está louco, digo louco, porque
haveria falta de rasão em querer definir o que constitue verdadeiramente
loucura. Passemos adiante…

A RAINHA

Menos estylo, Polonio.

POLONIO

Senhora, não faço estylo, juro-o. Seu filho está louco; é triste, mas é
verdade. É verdade que é uma lastima, mas é uma lastima que seja
verdade; é uma estulta antithese, mas tal qual é acceite-a; não emprego
arte. Está louco; resta-nos procurar a causa d’esse effeito, ou antes
defeito, porque forçosamente a deve ter. Siga bem o meu raciocinio:
Tenho uma filha, tanto a tenho, que me pertence. Minha filha, fiel ao
dever e á obediencia que me deve, note bem, entregou-me este escripto.
(Mostra um papel.) Reflicta e depois tire a conclusão. (Lê.) _Ao idolo
da minha alma, á celeste Ophelia, á belleza personificada…_ É uma
desgraçada e estulta expressão. _Conserva preciosamente estas linhas, no
teu seio alabastrino…_

A RAINHA

É de Hamlet a Ophelia.

POLONIO

Espere um momento, senhora, cito textualmente. (Lê)

Duvida que do céu a abobada azulada
Tenha espheras de luz de um magico esplendor,
Duvida seja o sol o facho da alvorada,
Duvida da verdade em tua alma gravada,
Mas não duvides nunca, oh! nunca, d’este amor.

_Querida Ophelia, não sou poeta, não sei modular suspiros com arte, mas
podes acreditar que te amo, mais que tudo n’este mundo. Adeus, a ti,
para sempre minha vida, a ti emquanto esta machina mortal me
pertencer._==Hamlet.==Eis-ahi o que, por obediencia, minha filha me
entregou. Já antes ella me tinha confiado as tentativas de Hamlet, á
proporção que renovava as suas instancias amorosas.

O REI

Como pôde ella acolher este amor?

POLONIO

Em que conta me tem, senhor?

O REI

Na de um homem leal e honrado.

POLONIO

Farei por merecer sempre esse conceito a vossa magestade; mas que
pensaria o rei de mim, se vendo despontar esse amor, e já o tinha
adivinhado antes da confissão de minha filha, que pensariam o rei e a
rainha, se me calasse, e me tornasse mudo confidente do seu amor; se,
testemunha da sua paixão, tivesse imposto silencio ao meu coração, ou se
a considerasse com indifferença? má idéa por certo fariam de mim. Não
perdi um momento, disse a minha filha: _O senhor Hamlet é um principe
collocado fóra da tua esphera; isto não póde ser._—Ordenei-lhe então
que evitasse a sua convivencia, e que nunca mais recebesse nem mensagens
nem dadivas. Seguiu o meu conselho, e para abreviar a minha narração, o
principe, vendo-se assim repellido, caíu primeiro n’uma profunda
tristeza, em seguida repugnaram-lhe os alimentos, mais tarde teve
insomnias, depois abatimentos e fraqueza intellectual, finalmente, e
sempre gradualmente, chegou á demencia e ao delirio. Deplorâmol-o todos.

O REI

E pensas ser essa a causa?

A RAINHA

É muito provavel.

POLONIO

Quizera me dissessem, se aconteceu alguma vez affirmar eu alguma cousa
que não fosse certa.

O REI

Nunca que eu saiba.

POLONIO

Se não é verdade o que disse (mostrando a cabeça), que esta role a seus
pés. Basta-me a mais simples circumstancia para descobrir a verdade,
aindaque estivesse occulta nas entranhas da terra.

O REI

Por que modo nol-o poderás tu provar.

POLONIO

Vossa magestade não ignora que o sr. Hamlet algumas vezes passeia quatro
horas consecutivas n’esta galeria.

A RAINHA

É certo.

POLONIO

Quando ali estiver, enviar-lhe-hei minha filha, e nós, occultos por
detrás d’esta cortina, seremos testemunhas da entrevista. Se não a ama,
se não foi o amor a causa da sua loucura, deixe eu de pertencer aos
conselhos de vossa magestade, e faça de mim um quinteiro, um hortelão ou
um abegão.

O REI

Tentemos a experiencia.

HAMLET entra lendo

A RAINHA

A leitura é a unica distracção d’este infeliz.

POLONIO

Retirem-se ambos por piedade. Vou fallar-lhe. Confiem em mim. (O rei e a
rainha sáem) Como se sente o sr. Hamlet?

HAMLET

Bem, Deus louvado.

POLONIO

Conhece-me, principe?

HAMLET

Se conheço, és um vendilhão de peixe.

POLONIO

Engana-se, senhor.

HAMLET

N’esse caso, queria que ao menos fosses tão honrado.

POLONIO

Honrado?

HAMLET

Sim; pelo caminho em que vae o mundo, custa achar um homem honrado entre
dez mil.

POLONIO

É uma triste verdade.

HAMLET

Ora o sol gera vermes no animal putrefacto, e embora divindade, acaricia
o cadaver. Tens uma filha, não é verdade?

POLONIO

Sim, meu senhor.

HAMLET

Não a deixes caminhar ao sol, a concepção é um beneficio do céu, mas
como tua filha póde conceber, cuidado… meu caro.

POLONIO

Que quer dizer, principe? (á parte) minha filha é a sua constante
preoccupação, mas não me reconheceu logo, tomou-me por um vendilhão de
peixe. O seu cerebro está gravemente atacado; verdade é, que na minha
mocidade o amor algumas vezes me reduziu a um estado similhante a este.
Dirijâmos-lhe de novo a palavra. Que está lendo, senhor?

HAMLET

Palavras e mais palavras, só palavras.

POLONIO

De que se trata, senhor?

HAMLET

Quem, o que?

POLONIO

Pergunto o que contém o livro que está lendo.

HAMLET

Calumnias, nada mais. O satyrico auctor tem a impudencia de dizer que
nos velhos a barba é grisalha, a pelle rugosa, e que seus olhos
distillam ambar e gomma em fusão; que o espirito está caduco, as pernas
não os sustêem; tudo cousas que creio em minha consciencia, mas que se
não devem escrever. Quanto ao senhor, poderia ter a minha idade, se
podesse andar para trás como os caranguejos.

POLONIO (á parte)

Aindaque louco póde coordenar as idéas. (Alto.) Quer vir tomar ar, meu
senhor?

HAMLET

Que ar? o do tumulo?

POLONIO (á parte)

Que agudeza e que verdade na replica. Ás vezes as palavras dos loucos
têem mais conceito que as dos sãos. Vou deixal-o, e preparar a sua
entrevista com minha filha. Senhor, tomo a liberdade de me retirar.

HAMLET

Nada podia tomar, que eu désse com mais gosto; excepto a vida, excepto a
vida, excepto a vida.

POLONIO

Adeus, meu senhor.

HAMLET (á parte)

Que imbecil e fastidioso velho.

Entram ROSENCRANTZ e GUILDENSTERN

POLONIO

Procuram o sr. Hamlet, eil-o.

ROSENCRANTZ (a Hamlet)

Deus seja comvosco, senhor. (Polonio sáe)

GUILDENSTERN

Meu nobre senhor.

ROSENCRANTZ

Querido principe.

HAMLET

Meus bons e queridos amigos, como estão, tu Guildenstern e tu tambem
Rosencrantz, meus caros, como passam.

ROSENCRANTZ

Nem bem, nem mal.

GUILDENSTERN

Não nos peza demasiado a nossa felicidade, e não tocâmos o ponto
culminante da fortuna.

ROSENCRANTZ

Nem temos tambem rasões de queixa.

HAMLET

No meio está a virtude, é quando chovem as graças.

GUILDENSTERN

Vivemos familiarmente com ella.

HAMLET

Estão pois na intimidade da fortuna; não me admira, é uma cortezã. Que
novas ha?

ROSENCRANTZ

Nenhumas, senhor, a não ser que este mundo se tornou virtuoso.

HAMLET

Em tal caso o seu fim está mui proximo, mas o que dizes é falso.
Permittam-me uma pergunta que lhes diz respeito. Digam-me, que mal
fizeram á fortuna para ella os enviar para este carcere?

GUILDENSTERN

Carcere, senhor?

HAMLET

A Dinamarca tambem é carcere.

ROSENCRANTZ

Então é-o o mundo todo.

HAMLET

Sim, uma vasta prisão que em si encerra um grande numero de carceres,
dos quaes o peior é de certo a Dinamarca.

ROSENCRANTZ

Não somos da mesma opinião, principe.

HAMLET

Para os senhores não será uma prisão a Dinamarca, porque o bem ou o mal
não existem senão quando assim o julgâmos. Para mim é.

ROSENCRANTZ

A ambição faz parecer a Dinamarca uma prisão a vossa alteza, não cabe
n’ella a sua alma.

HAMLET

Acharia vasto reino uma casca de noz, se não fossem os meus terriveis
sonhos.

ROSENCRANTZ

São justamente esses sonhos que constituem a ambição, porque toda a
substancia do ambicioso é a sombra de um sonho.

HAMLET

Assim os mendigos são corpos, e os monarchas e os heroes ambiciosos não
são senão a sua sombra. Querem que vamos á côrte? porque sinceramente
não me sinto disposto a discutir.

AMBOS

Estamos ás suas ordens, principe.

HAMLET

Não o comprehendo eu assim, não o quero confundir com o resto dos meus
creados; porque, para lhes dizer a verdade, sou pessimamente servido.
Mas, com franqueza, amigos, o que os trouxe a Elsenor.

ROSENCRANTZ

Unicamente visitar a vossa alteza, nenhum outro motivo.

HAMLET

Estou tão pobre, tão alheio ao reconhecimento! mas recebam os meus
agradecimentos pelo preço que valem. Não os mandaram chamar? Foi por
motu proprio que vieram? É a affeição que aqui os trouxe? Vamos, sejam
francos, vamos, fallem.

ROSENCRANTZ

Que quer que digâmos, senhor?

HAMLET

Tudo quanto lhes aprouver, mas respondam á minha pergunta. Mandaram-os
chamar? Leio nos seus olhos uma confissão, que a sua candura não sabe
dissimular. Sei que o nosso bom rei e a nossa excellente rainha os
mandaram chamar.

ROSENCRANTZ

Com que fim, senhor?

HAMLET

Os senhores é que o poderão dizer; mas imploro-lhes, pelos direitos da
nossa amisade, pelas sympathias da nossa idade, pelos deveres que nos
impõe a nossa verdadeira affeição, emfim por todas as rasões as mais
convincentes que podesse allegar o mais habil orador, sejam francos e
sinceros commigo; mandaram-os chamar? _Sim_ ou _não_.

ROSENCRANTZ (a Guildenstern)

Que devemos responder?

HAMLET (á parte)

Não os perderei de vista. (Alto.) Se devéras me têem affeição,
expliquem-se com franqueza.

GUILDENSTERN

Pois bem, senhor, mandaram-nos chamar.

HAMLET

E eu dir-lhes-hei porque; d’est’arte a minha confissão precederá as suas
investigações, e o segredo promettido ao rei e á rainha, não será nem de
leve violado. Ultimamente, nem sei por que, perdi toda a minha alegria,
renunciei a toda a especie de exercicio; e sinto na alma uma tal
tristeza, que esta maravilhosa machina, a terra, me parece um esteril
promontorio, este esplendido docel, o céu, esse magnifico firmamento
suspenso sobre nossas cabeças, essa abobada sumptuosa, onde brilha o
oiro de innumeras estrellas, tudo me parece um infecto monturo de
vapores pestilentes. Que obra prima dos homens! que elevação na sua
intelligencia! quanto são infinitas as suas faculdades! como a sua fórma
é imponente e admiravel, como os seus actos approximam os homens dos
anjos, e a sua rasão os approxima de Deus! são a maravilha do mundo, os
reis da creação animada, e comtudo o que vale a meus olhos essa quinta
essencia do pó? Aborreço os homens e as mulheres, embora os seus
sorrisos incredulos, senhores, digam o contrario.

ROSENCRANTZ

Não tinhamos em nosso pensamento tal intenção.

HAMLET

Então porque se riram quando disse que aborrecia os homens?

ROSENCRANTZ

É que eu pensava que, se os homens lhe são odiosos, triste acolhimento
receberiam os actores que encontrámos no caminho e que vem offerecer a
vossa alteza os seus serviços.

HAMLET

Bemvindo será o que representa os reis; tributarei a sua magestade as
minhas homenagens; o cavalleiro andante manejará adaga e escudo, debalde
não suspirará o namorado, o comico declamará em paz a sua parte; o bobo
provocará o riso aos mais hypocondriacos, emfim a namorada estropiará os
versos para não deixar de dizer o que cumpre sinta no coração. Que
actores são?

ROSENCRANTZ

São os tragicos da cidade, que lhe agradavam tanto.

HAMLET

Porque se tornaram actores ambulantes? Com a permanencia na cidade,
auferiam de certo maior honra e lucros.

ROSENCRANTZ

Innovações recentes foram a causa d’isso.

HAMLET

Ainda gosam da mesma reputação que tinham quando eu habitava a cidade?
As suas representações ainda são muito concorridas?

ROSENCRANTZ

Pouco, senhor.

HAMLET

Porque será? Terão elles desmerecido no seu modo de representar?

ROSENCRANTZ

Não, meu senhor; o seu zêlo não arrefece: mas vossa alteza de certo
saberá, que appareceu um enxame de creanças, apenas saídas da primeira
infancia, que declamam o dialogo o mais simples, no tom o mais elevado,
e por isso são calorosamente applaudidas. São moda, e lançaram um tal
desfavor sobre os actores ordinarios, como ellas lhe chamam, que muitos
homens valentes no campo da batalha, mas que temem as pennas aguçadas,
não ousam frequentar o verdadeiro theatro.

HAMLET

Como? pois são creanças? Quem as protege? quem lhes paga? quererão
unicamente seguir a sua profissão emquanto conservarem a sua voz
aflautada? E se um dia pela força das circumstancias se tornarem actores
ordinarios, não terão direito então de se arrependerem, de terem
acceitado os encomios das pennas que bem mau serviço lhes prestaram,
quando se voltarem contra elles as armas de que se serviram para mal dos
outros.

ROSENCRANTZ

Não luctaram pouco entre si, e a nação inteira animou a contenda. Houve
um momento em que a receita do emprezario dependia de brigarem os
actores e auctores.

HAMLET

Será crivel?

ROSENCRANTZ

Houve mais de uma cabeça quebrada.

HAMLET

E foram as creanças que venceram?

ROSENCRANTZ

Sim, meu senhor. Venceram o proprio Hercules com o seu globo.

HAMLET

Nada me admira, sendo meu tio rei de Dinamarca. Os que o evitavam em
vida de meu pae, pagam agora o seu retrato em miniatura, por vinte,
cincoenta e cem ducados. Por vida minha que ha alguma cousa sobrenatural
em tudo quanto presenceâmos, e que em verdade a philosophia devia
esmerar-se por descobrir. (Ouve-se o som de uma musica de clarins ao
longe.)

GUILDENSTERN

Chegam os actores.

HAMLET

Senhores, bemvindos sejam em Elsenor. As suas mãos que eu as aperte. O
que distingue um bom acolhimento são os cuidados e as attenções polidas;
deixem-me recebel-os assim para não parecer que a cortezia para com os
actores, com os quaes é minha intenção ter a maior, ultrapassa a que
lhes testemunho pessoalmente aos senhores. Bemvindos sejam, mas o tio
que tenho por padrasto, e a mãe que tenho por tia estão completamente
enganados a meu respeito.

GUILDENSTERN

Em que se enganam elles?

HAMLET

Só estou louco quando o vento sopra do nor-noroeste, em soprando do sul,
distingo uma garça de um falcão.

Entra POLONIO

POLONIO

Saudo os senhores.

HAMLET

Escuta, Guildenstern, (a Rosencrantz) e tu tambem: a bom entendedor meia
palavra basta; esta creança que vêem ainda usa coeiros.

ROSENCRANTZ

Talvez que os torne a usar; a velhice é, segundo dizem, uma segunda
infancia.

HAMLET

Aposto que me vem fallar nos actores; vão ver. Tem rasão, senhor, foi
effectivamente na manhã de segunda feira.

POLONIO

Trago uma nova para vossa alteza.

HAMLET

Tenho tambem uma para o senhor. Quando Roscio era actor em Roma…

POLONIO

Os actores acabam de chegar.

HAMLET

Não é verdade.

POLONIO

Palavra de honra.

HAMLET

Cada actor virá montado n’um jumento.

POLONIO

São os melhores actores do mundo para a tragedia, comedia, drama
historico e pastoril, pastoral comica e historica, pastoral
tragico-comico-historica, com ou sem unidade do logar da acção. Para
elles não ha difficuldades, são tristes com Seneca, folgasãos com
Plauto. Não têem rivaes quanto ao estylo e á expressão.

HAMLET

Ó Jephthé, juiz em Israel, que thesouro possuias!

POLONIO

Que thesouro possuia elle, senhor?

HAMLET

Mas…

Uma filha, uma só, mas essa encantadora
Que era da noite sua a celestial aurora.

POLONIO (á parte)

Ainda minha filha.

HAMLET

Não tenho eu rasão, velho Jephthé?

POLONIO

Se me chama Jephthé, é porque tenho uma filha que estremeço.

HAMLET

Não é consequencia.

POLONIO

Então qual é a consequencia?

HAMLET

Eil-o.

Mas Deus sabe porque o conto é memoravel!

Conhece o seguimento?

Um dia aconteceu… o que era mais provavel.

Para o final recorde-se da primeira parte d’estas trovas, porque eis
quem me obriga a terminar.

Entram tres ou quatro ACTORES

HAMLET (continuando)

Bemvindos todos, bemvindos sejam. Estou encantado de te ver de boa
saude, bemvindos sejam, amigos. Ah, meu amigo, que mudança! já com
barba! Quererás tu fazer-me sombra em Dinamarca? Ah eis-vos tambem aqui,
minha menina! Por nosso senhor, depois que vos vi, subistes apenas um
degrau para o céu. Deus queira que a vossa voz, moeda de liga mutavel,
não se deprecie de mais com o tempo. Senhores, para mim são todos
bemvindos; mas vamos direitos ao assumpto, como os falcoeiros francezes,
que largam o falcão á primeira peça de caça que se apresenta, mostrem-me
a sua pericia; vamos, um trecho bem pathetico.

PRIMEIRO ACTOR

Que trecho preferis, senhor?

HAMLET

Ouvi-te um dia declamar um trecho de uma peça nunca representada em
scena, ou quando muito uma unica vez, porque, se bem me lembro, a peça
não agradou a todos; era _caviar_ para o geral do publico: mas, segundo
a minha opinião e das pessoas que n’este assumpto têem voz mais
auctorisada do que a minha, era uma peça excellente, bem conduzida e
escripta com tanta decencia como arte. Pelo que me lembro, diziam que os
versos não eram bastante picantes para compensar a insipidez da acção,
seu estylo na verdade nada tinha de affectado, mas que quanto ao resto a
peça, escripta com tanta simplicidade como methodo, era natural,
agradavel, e sem pretensão. Havia sobretudo um trecho que me agradou,
era, na falla de Eneas a Dido, o ponto em que lhe refere a morte de
Priamo. Se ainda te recordas, começa n’esta phrase, espera, deixa-me ver
se me lembro.

Pyrrho, Pyrrho feroz como o tigre da Hyreania

Não é isso—começa por Pyrrho.

Este ouriçado Pyrrho havia uma armadura
Que, bem como a alma, tinha a côr da noite escura
Quando elle era a dormir no cavallo sinistro.
Mensageiro do mal, de Belzebut ministro,
No corpo traz agora, em rubros caracteres,
Mais sinistro brazão; da fronte aos pés o cora
O sangue d’anciãos, d’infantes, de mulheres,
E por mil bôcas, mata a sêde que o devora
No sangue recosido aos raios d’essa chamma
Que Troia, em fogo ardendo, em torno a si derrama.
Tisnado pelo fogo e pela raiva ardente
Após Priamo corre…

Continúa tu agora.

POLONIO

Boa declamação na verdade, com as medidas e intonações proprias.

PRIMEIRO ACTOR

O velho, já cansado,
Mal vibra um frouxo golpe; aquella espada, outr’ora
Como o raio veloz, lá onde cae descansa,
Indocil á vontade, e á mão rebelde agora,
Oh lucta desigual! lucta sem esperança,
Pyrrho de raiva acceso, investe em frente e ao lado!
E, só do gladio ao sôpro eil-o no chão prostrado
O guerreiro senil! Então, Troia abatida
Parece haver sentido, os golpes derradeiros:
Ao ver prostrado o rei exhaure-se-lhe a vida,
Desabam sobre a base em chammas os outeiros,
E o som cavo e profundo a Pyrrho fere o ouvido.
Eis de repente o gladio, a grande altura erguido,
Já prestes a immolar a fronte alva, nevada,
Do venerando rei, detem-se lá na altura.
E Pyrrho assim parece um tyranno em pintura,
Suspenso entre a vontade e a obra começada!
Mas como, muita vez, pouco antes da procella
Se faz como que ouvir um silencio que gela,
Pára a nuvem no céu, o vento não retumba,
E a terra a nossos pés é muda como a tumba;
Subitamente após se vê no fundo baço
Um raio que illumina e rasga o immenso espaço,
Assim de Pyrrho a furia, instantes mal contida,
Irrompe a completar a obra interrompida.
Dos Cyclopes jamais caíram retumbantes
Com remorso menor os malhos flammejantes
Para forjar de Marte a gravida armadura,
Que sobre o nobre velho, ensanguentada, impura,
De Pyrrho a espada ardente!… É finda a horrenda lucta!
Atrás, fortuna, atrás, atrás, vil prostituta!
Vós, deuses immortaes, em synodo sagrado,
Roubae-lhe o audaz poder, quebrae todos os raios
Ás rodas do seu carro, e lá do céu lançae-os
Tão baixo que o demonio os veja sempre ao lado.

POLONIO

Parece-me demasiado longo.

HAMLET

Para o encurtar manda-se a um barbeiro ao mesmo tempo
que a tua barba. (Ao actor.) Continúa, peço-to eu; se não lhe
apresentam um bailado grutesco, ou uma scena immoral adormece
logo. Continúa, pois, chegámos a Hecuba.

PRIMEIRO ACTOR

Mas quem visse, oh, quem visse a rainha embuçada!

HAMLET

A rainha embuçada.

POLONIO

Optimo, _embuçada_ é bom.

PRIMEIRO ACTOR

Correndo, nus os pés; com lagrimas que chora
As chammas, apagando; a fronte coroada
Por um farrapo vil, a fronte onde ainda agora
Brilhava um diadema; apenas mal vestida
Por coberta alcançada á pressa na fugida;
Quem visse tanto horror, acaso concebêra
Que a fortuna só tem entranhas de uma fera;
Mas se os deuses do Olympo houvessem escutado,
Quando ella vira Pyrrho entregue ao estranho goso
De cortar membro a membro, o corpo ao morto esposo,
De seu peito fremente, o grito amargurado
A não ser que da terra ao céu não suba a magua
Sentiriam como ella os olhos rasos d’agua!

POLONIO

Vejam, empallidece, o pranto inunda-lhe os olhos. Basta, peço-to.

HAMLET

Está bem, o resto m’o recitarás n’outra occasião; (a Polonio) queira
prover que estes actores sejam bem tratados, percebeu? que nada lhes
falte, porque são a chronica resumida e viva da epocha. Mais lhe
valeria, Polonio, um mau epitaphio depois da sua morte, do que o seu
vituperio em vida.

POLONIO

Tratal-os-hei segundo os seus merecimentos.

HAMLET

Melhor, meu caro, melhor; se se tratasse cada um segundo os seus
merecimentos, de poucos se faria caso. Trate-os como o deve á jerarchia
e á sua propria dignidade. Quantos menos titulos tiverem á sua
benevolencia, mais se deve esmerar no seu tratamento. Agora póde-se
retirar com elles.

POLONIO

Venham, senhores.

HAMLET

Sigam-o, meus amigos, ámanhã teremos a representação, (Polonio sáe com
os actores, menos um a quem Hamlet faz signal que fique.)

HAMLET (continuando)

Dize-me, meu caro amigo, poderias representar a morte de Gonzaga?

PRIMEIRO ACTOR

Com mil vontades, senhor.

HAMLET

Então ámanhã. Dize-me mais, poderias tu aprender de cór, sendo preciso,
doze ou dezeseis linhas que eu desejava intercalar na peça? pódes, não é
verdade?

PRIMEIRO ACTOR

Posso perfeitamente, meu senhor.

HAMLET

Fica pois ajustado, segue aquelle senhor, e só te peço que não zombes
d’elle. (O actor sáe.)

HAMLET (a Rosencrantz e Guildenstern)

Meus bons amigos, até á noite, estimei vel-os em Elsenor.

ROSENCRANTZ

Meu senhor. (Sáe com Guildenstern.)

HAMLET

Finalmente estou só. Que miseravel eu sou! Pois não será monstruoso que
este actor, n’uma ficção, na expressão de uma dor simulada, podesse
elevar a sua alma, identificando-se com a sua parte, exaltando-se a
ponto de empallidecer, de lhe borbulhar o pranto nos olhos, de se lhe
pintar o desespero nas feições, entrecortada está a sua voz, e o seu
todo faz uma verdade, de que não é senão uma situação fingida! E tudo,
por quem? por Hecuba; que é Hecuba para elle, ou elle para Hecuba, para
que a sua memoria lhe arranque lagrimas tão sentidas? Que faria elle no
meu logar, se tivesse tantos motivos de dor, quantos eu tenho. Inundava
de pranto a scena, aterrava os espectadores pela sua expressão terrivel,
fulminava o culpado, atemorisava o innocente; attonitas ficavam as almas
simples, e a commoção aos sentidos da vista e do ouvido seria geral. E
eu, alma tibia, intelligencia confusa, fico n’uma estupida inacção,
indifferente á minha propria causa, e nada acho que dizer, nada, mesmo
nada a favor de um rei que perdeu a corôa e a vida pelo mais inaudito
attentado! Ah como sou cobarde! Infame me deveriam chamar,
esbofetear-me, arrancar-me as barbas, lançar-m’as ao rosto com o
desprezo; insultar-me deveriam todos, dizer-me que pela gorja menti, e
obrigar-me a soffrer calado todos os vilipendios possiveis. Quem quer
fazel-o. Por vida minha que era justo; é forçoso que eu seja inoffensivo
como uma pomba sem fel, para levantar uma offensa, para não ter feito
pasto dos abutres as entranhas d’esse miseravel, sanguinario e impudico
scelerado. Monstro de perfidia, juntas ao assassinio o adulterio! Como
sou estupido! É bello na verdade ver-me, a mim, o filho de um rei e pae
assassinado, a quem céus e terra instigam á vingança, gastar a minha
indignação em palavras e vãs imprecações, como a mais vil e desprezivel
prostituta. Que vergonha!! Procuremos Uma idéa… (depois de uma pausa
prolongada) Eil-a, achei. Ouvi dizer que criminosos, assistindo a
representações dramaticas, de tal modo se perturbaram vendo a sua culpa
em scena, que espontanea e immediatamente fizeram confissão do seu
crime, porque o assassino embora mudo trahe-se e falla. Quero que os
actores representem, na presença de meu tio, a morte de meu pae,
observarei as suas feições, sondarei as suas impressões; se se
perturbar, sei o que me cumpre fazer. O espirito que me appareceu talvez
seja um demonio, porque póde revestir-se da fórma de um objecto amado,
tem poder sobre as almas melancholicas, e quem sabe se na minha fraqueza
e dor acha os meios para me perder, condemnando-me para sempre. Quero
ter a certeza completa; o drama em questão será o laço armado á
consciencia do rei. (Sáe.)

Fim do acto segundo

ACTO TERCEIRO

SCENA I

Uma sala no castello de Elsenor

Entram o REI, a RAINHA, POLONIO, OPHELIA, ROSENCRANTZ e GUILDENSTERN

O REI

Então ainda não poderam, nas suas conversas com elle, descobrir a causa
da desordem da sua intelligencia; d’aquella perigosa e turbulenta
demencia que se apoderou do seu espirito e lhe rouba o descanso?

ROSENCRANTZ

Confessa sentir esvaír-se-lhe a rasão; mas não conseguimos que elle nos
revelasse a causa.

GUILDENSTERN

Parece pouco disposto a deixar sondar os seus sentimentos. Na sua
loucura não o abandona um resto de sagacidade; conserva-se na defensiva
todas as vezes que tentâmos encaminhal-o a uma confissão tocante ao seu
estado.

A RAINHA

Recebeu-os bem ao menos?

ROSENCRANTZ

Com toda a affabilidade de um homem bem educado.

GUILDENSTERN

Mas evidentemente constrangido.

ROSENCRANTZ

Perguntando pouco, mas respondendo ás nossas perguntas com a maior
naturalidade.

A RAINHA

E experimentaram algum divertimento para o distrahir?

ROSENCRANTZ

O acaso fez-nos encontrar no caminho alguns actores; fallámos-lhe
n’elles, esta nova pareceu agradar-lhe. Estão aqui no palacio, e creio
já terem recebido ordem para representarem esta noite na sua presença.

POLONIO

É verdade, e pede a vossas magestades que assistam á representação.

O REI

Com o maior prazer; estimo vêl-o assim disposto. Queiram estimulal-o,
senhores, e dirigir a actividade do seu espirito para estes
divertimentos.

ROSENCRANTZ

Assim o faremos. (Sáe com Guildenstern.)

O REI

Deixa-nos tambem, querida Gertrudes. Mandámos chamar secretamente a
Hamlet, para como por acaso o pôr na presença de Ophelia. Seu pae e eu,
legitimos espias, collocar-nos-hemos de maneira que, sem sermos vistos,
assistamos á entrevista e possamos julgar pelas suas palavras, se é um
amor infeliz que assim o faz padecer.

A RAINHA

Obedeço retirando-me. Quanto a ti, Ophelia, desejo ardentemente que os
teus encantos sejam a feliz causa da demencia de Hamlet; porque terei
então esperança que as tuas virtudes o restituirão, a contento de ambos,
ao primitivo estado.

OPHELIA

Quanto o desejo, senhora.

POLONIO

Ophelia, passeia aqui n’esta sala; (ao rei) vamo-nos collocar, senhor;
(a Ophelia) lê n’este livro; esta leitura simulada servirá de pretexto á
tua solidão. Enganâmo-nos tantas vezes, e quão frequentemente acontece,
com uma capa de santidade e attitude reservada conseguirmos fazer um
santo do proprio demonio!

O REI

Oh é bem verdade; que pungente dor esta observação inflige á minha
consciencia! O rosto da prostituta não é mais asqueroso debaixo da
mascara do seu arrebique, do que o é o meu crime debaixo do falso verniz
do meu discurso. Oh peso terrivel!

POLONIO

Hamlet approxima-se, retiremo-nos, senhor. (O rei e Polonio occultam-se
atrás da cortina.)

Entra HAMLET

_Ser ou não ser_, eis o problema. Uma alma valorosa, deve ella supportar
os golpes pungentes da fortuna adversa, ou armar-se contra um diluvio de
dores, ou pôr-lhes fim, combatendo-as? _Morrer, dormir, mais nada_, e
dizer que por esse somno pomos termo aos soffrimentos do coração e ás
mil dores legadas pela natureza á nossa carne mortal; e será esse o
resultado que mais devamos ambicionar? _Morrer, dormir, dormir, sonhar
talvez_; terrivel perplexidade. Sabemos nós porventura que sonhos
teremos, com o somno da morte, depois de expulsarmos de nós uma
existencia agitada? E não deverei eu reflectir? É este pensamento que
torna tão longa a vida do infeliz! Quem ousaria supportar os flagellos e
ultrages do mundo, as injurias do oppressor, as affrontas do orgulhoso,
as ancias de um amor desprezado, as lentezas da lei, a insolencia dos
imperantes, e o desprezo que o ignorante inflige ao merito paciente,
quando basta a ponta de um punhal para alcançar o descanso eterno? Quem
se resignaria a supportar gemendo o peso de uma vida importuna, se não
fosse o receio de alguma cousa alem da morte, esse ignoto paiz, do qual
jámais viajante regressou? Eis o que entibia e perturba a nossa vontade;
eis o que nos faz antes supportar as nossas dores presentes do que
procurar outros males que não conhecemos. Assim, somos cobardes todos,
mas pela consciencia; assim a brilhante côr da resolução se transforma
pela reflexão em pallida e livida penumbra, e basta esta consideração
para desviar o curso das emprezas mais importantes, e fazer-lhes perder
até o nome de acção. Mas silencio, vejo a linda Ophelia. Joven beldade,
lembra-te dos meus peccados nas tuas orações.

OPHELIA

Como tem vossa alteza passado estes dias ultimos?

HAMLET

Bem, agradeço-te do coração.

OPHELIA

Senhor, tenho dadivas e lembranças suas que ha muito lhe desejava
restituir. Permitta-me que lh’as devolva.

HAMLET

Eu! de certo que não, nunca te dei nada.

OPHELIA

O principe sabe perfeitamente que me fez essas dadivas, e as doces
palavras que as acompanharam ainda lhes realçaram o valor; agora que
perderam todo o seu perfume, tome-as, principe, porque para uma alma
nobre, as mais ricas dadivas perdem o seu valor, no momento em que
aquelle que nol-as fez só nos mostra indifferença. Receba-as, pois,
senhor.

HAMLET

Ah, ah, és virtuosa.

OPHELIA

Meu senhor.

HAMLET

És bella.

OPHELIA

Que diz vossa alteza?

HAMLET

Digo que se és virtuosa e bella, deves evitar toda a communicação entre
a tua virtude e a tua belleza.

OPHELIA

Que melhor commercio ha para a belleza que o da virtude?

HAMLET

A influencia da belleza será mais prompta em metamorphosear a virtude em
vil cortezã, do que a força da virtude em transformar a belleza á sua
imagem. Antigamente seria paradoxo, hoje é um facto provado. Amei-te
n’outro tempo, é verdade.

OPHELIA

Vossa alteza bem m’o fez acreditar.

HAMLET

Fizeste mal em acreditar. Porque embora a virtude se inocule na nossa
primitiva natureza, sempre nos ficam restos d’ella. Nunca te amei.

OPHELIA

Maior foi o meu engano.

HAMLET

Professa, Ophelia, encerra-te n’um claustro. Para que queres continuar
uma raça de peccadores; quanto a mim julgo-me ainda assás honesto; e
comtudo podia formular contra mim taes accusações, que melhor teria
valido, que minha mãe me não tivesse dado á luz. Sou orgulhoso,
vingativo e ambicioso; gero no meu cerebro tantas acções más, que o meu
pensamento não basta para as distinguir, nem a minha imaginação para
lhes dar uma fórma, e falta-me o tempo para as executar. Que vantagem
haverá pois que seres como eu se rojem como reptis entre o céu e a
terra? Todos somos infames, não te fies em nenhum homem; vae, recolhe-te
a um claustro. Onde está teu pae?

OPHELIA

Em casa, meu senhor.

HAMLET

Que lhe fechem as portas para impedir que represente de louco fóra de
casa. Adeus.

OPHELIA

Deus misericordioso, tende piedade de Hamlet.

HAMLET

Se alguma vez te casares, dar-te-hei como dote esta triste verdade. Sê
tu fria como o gêlo; se fores pura como a neve a calumnia não te
poupará. Entra para um claustro, professa, adeus. Mas se absolutamente
precisas um marido, então escolhe um louco, porque os homens assisados
sabem em que monstros vós as mulheres os tornaes. Professa, recolhe-te a
um convento, mas avia-te. Adeus.

OPHELIA

Poderes celestes, restitui-lhe a rasão!

HAMLET

Tambem ouvi fallar da vossa loquacidade. Deus deu-vos um porte e vós o
transformaes por vossa culpa. Saltitaes, requebrae-vos; gestos e
affabilidade são artificio, zombaes das creaturas de Deus, e fazeis
passar por ignorancia o que é simples e pura affectação. Nem quero
pensar em vós, mulheres; foi o que me enlouqueceu. Digo que não teremos
mais casamentos, todos que estão casados viverão, excepto um, os outros
ficarão como estão. Professa, entra para um convento, vae. Adeus.
(Hamlet sáe.)

OPHELIA (só)

Oh que nobre intelligencia está ali desthronada. A perspicacia do homem
de côrte, a espada do guerreiro, a palavra do sabio, o futuro d’este
reino, o espelho do bom tom, o typo dos modos nobres, o modelo em que
todos fictavam os olhos, tudo destruido e destruido sem esperança; e eu,
a mais afflicta e infeliz das mulheres, eu que saboreei a inebriante
ambrosia dos seus juramentos de amor, estou condemnada a ver essa
potente e elevada rasão, similhante ao bronze fendido, não dar senão
sons falhos e dissonantes; e tanta belleza e juventude crestadas pelo
sôpro da demencia! Oh infeliz, oh desgraçada, que vi o que vi, e vejo o
que vejo!!!

Sáem de trás da cortina o REI e POLONIO

O REI

O amor! não é a ella que elle dedica a sua affeição; alem d’isso o seu
fallar, aindaque um pouco falto de logica, não tem cunho de loucura. Ha
na sua alma alguma dor secreta. Receio algum perigo que nos seja fatal.
Para prevenir esse resultado, eis o plano que formei e no qual assentei.
Quero que Hamlet parta sem demora para Inglaterra, para reclamar o
tributo a que esse paiz se nega e a que é obrigado. Talvez que o mar, a
mudança de clima, a vista de objectos novos, lhe restituam a rasão,
expulsando do seu coração aquella obstinada preoccupação. Que lhe
parece?

POLONIO

Parece-me acertado. Comtudo persisto na minha idéa, que um amor
desprezado é a causa unica da sua dor. (A Ophelia) Não precisas
referir-nos o que te disse o sr. Hamlet. Tudo ouvimos. (Ao rei) Senhor,
faça o que lhe parecer conveniente, mas se me quer dar ouvidos, diga á
rainha, que, depois da representação, o chame a sós e inste para
conhecer d’elle a causa da sua mágua; porém cumpre que lhe falle
severamente: com o vosso assentimento ouvirei escondido toda a
conversação. Se a rainha não podér penetrar aquelle espirito rebelde a
toda a confidencia, ordene-lhe então a partida, e desterre-o, senhor,
para o logar que a prudencia lhe dictar.

O REI

Concordo plenamente comtigo; nos grandes é que a demencia deve ser mais
vigiada. (Sáem todos.)

SCENA II

Uma sala no castello de Elsenor

Entram HAMLET e differentes actores

HAMLET (a um dos actores)

Não esqueças de dizer aquelle trecho, tal qual o declamei na tua
presença; mais que tudo fogo e energia; mas se o recitares como a maior
parte dos actores, mais me valeria ouvir a minha prosa na bôca de um
pregoeiro. Não movas descompassadamente os braços, acciona
moderadamente; no meio mesmo da torrente, da tempestade, do tufão, da
paixão, procura ser comedido. Nada impressiona mais desfavoravelmente,
do que ver homens robustos reduzirem a pó uma paixão e escorchar os
ouvidos dos assistentes, que, pela maior parte, não merecem senão uma
declamação absurdamente arrebatada e uma acção desordenada. Açoutados
mereciam esses actores, cujo accionado mais parece renhida batalha, e
que mais crueis se fingem que um Herodes de comedia. Peço-te que evites
esses defeitos.

PRIMEIRO ACTOR

Pela minha parte, prometto-lh’o, senhor.

HAMLET

Não vás tambem caír no excesso contrario, sirva-te de guia a tua
intelligencia. Accommoda a acção ás palavras, as palavras á acção, tendo
sempre em vista a naturalidade; só é proprio da scena intelligente, que
foi e é o espelho em que se deve reflectir a natureza, mostrar a virtude
tal qual é, a vaidade sem véu, e cada tempo e cada idade com a sua
physionomia propria e com o cunho de verdade. Se se excede, ou se fica
áquem do fim proposto, poderá excitar-se a hilaridade do homem
ignorante, mas afflige-se o sensato, cujo juizo vale mais que o
suffragio de uma sala inteira. Oh! vi representar e ouvi elogiar
actores, que, Deus me perdôe, nada tinham de christão na voz, nada de
christão, pagão ou mesmo humano no porte, e que se estorciam e bramavam
de tal modo, que sempre os julguei obra de algum aprendiz da natureza,
que, querendo fabricar homens, errou a vocação, e não tinha produzido
senão uma desgraçada imitação da humanidade.

PRIMEIRO ACTOR

Espero em Deus, que vossa alteza não nos poderá notar taes defeitos;
entre nós, senhor, estão banidas de todo as exagerações.

HAMLET

Mas que o estejam na verdade; que os bobos não digam mais do que ao que
são obrigados pela sua parte; alguns ha que introduzem alguma facecia
para excitar o riso dos espectadores ignaros no ponto em que mais
attenção se reclama da parte do publico. É um desacerto, e o bobo que
recorre a esses expedientes, mostra uma pretensão desgraçada. Vão-se
agora preparar. (Os actores sáem.)

Entram POLONIO, ROSENCRANTZ e GUILDENSTERN

HAMLET (a Polonio)

Então o rei está decidido á nossa peça?

POLONIO

Com certeza, e a rainha tambem. Não tardam.

HAMLET

Diga então aos actores que se aviem. (Polonio sáe.)

HAMLET (continuando, a Rosencrantz e Guildenstern.)

Querem fazer-me o favor de tambem ir apressar os preparativos.

AMBOS

Sim, meu senhor. (Sáem.)

Entra HORACIO

HAMLET

Ah, és tu, Horacio?

HORACIO

Estou sempre ás suas ordens, meu senhor.

HAMLET

Meu caro Horacio, és a flor dos homens, cujo trato tenho cultivado.

HORACIO

Meu querido senhor.

HAMLET

Não julgues que te lisonjeio; que posso eu esperar de ti, cujas unicas
rendas são a jovialidade e a honestidade. Quem lisonjeia um pobre? Não,
que a lisonja roja-se aos pés da opulencia estupida, e o servilismo
curva o joelho, á espera do comprador. Escuta, depois que a minha alma
pôde livremente escolher e soube distinguir os homens, marcou-te com o
sêllo da predilecção, porque reconheceu em ti um homem que não se abate
pelos revezes; um homem que acceita com a mesma indifferença os favores
e os rigores da fortuna; felizes os mortaes em quem o juizo e as paixões
têem igual imperio, e não são um joguete nas mãos da fortuna. Mostrem-me
um homem que não seja escravo das paixões, e terá conquistado, como tu,
o meu coração, e abrir-lhe-hei o santuario da affeição mais íntima.
Basta sobre o assumpto. Deve-se hoje representar na presença do rei um
drama, no qual ha uma scena, que é a historia da morte de meu pae, cujos
pormenores já em tempo te contei. Quando se approximar a scena, observa
meu tio, com toda a vigilancia que auctorisam as minhas suspeitas; se o
segredo do seu crime se não revelar por alguma palavra, então era a
apparição obra do demonio, e as minhas imaginações são mais negras que
as lavas e cinzas de um vulcão. Tu observa-o attentamente, eu não o
perderei de vista; depois, juntando os nossos juizos, concluiremos
conforme ao que virmos.

HORACIO

Muito bem, senhor, tão firme estarei no meu posto de observação, que
juro por Deus, que me não escapará um movimento, uma impressão da sua
alma.

HAMLET

Eil-os que chegam para a representação; agora, cumpre-me ser espectador
indifferente. (Ouve-se a marcha real e clarins.)

Entram o REI, a RAINHA, POLONIO, OPHELIA, ROSENCRANTZ, GUILDENSTERN e a
CORTE

O REI

Como passa nosso sobrinho Hamlet?

HAMLET

Melhor não póde ser; em verdade passei a viver como os camaleões,
nutro-me só de ar, e alimento-me de promessas, as iguarias mais finas
não me satisfariam melhor.

O REI

A tua resposta é-me inintelligivel; não é de certo a mim que ella é
dirigida.

HAMLET

Pois nem a mim. (A Polonio.) Não me disse que já tinha representado uma
vez, quando cursava a universidade?

POLONIO

É verdade, senhor, e era reputado um habil actor.

HAMLET

Que parte representou?

POLONIO

A de Julio Cesar; assassinaram-me no capitolio; Bruto apunhalava-me.

HAMLET

Que brutalidade apunhalar, e n’aquelle logar, um tão excellente bezerro.
Os actores já estão promptos?

ROSENCRANTZ

Sim, meu senhor, esperam só as ordens.

A RAINHA

Vem, meu Hamlet, sentar-te a meu lado.

HAMLET

Não, minha mãe; (mostrando Ophelia) este metal tem mais força de
attracção.

POLONIO

Que me diz agora, senhor?

HAMLET

Ser-me-ha permittido estar a vossos pés, senhora? (Senta-se no chão aos
pés de Ophelia.)

OPHELIA

Não, meu senhor.

HAMLET

Queria dizer, recostar a cabeça sobre vossos joelhos.

OPHELIA

Sim, meu senhor.

HAMLET

Pensaveis talvez que tivesse outra idéa?

OPHELIA

Nada pensava.

HAMLET

É um pensamento este digno de um coração de donzella.

OPHELIA

O que, senhor?

HAMLET

Nada.

OPHELIA

Vejo-o hoje alegre, senhor.

HAMLET

Quem, eu?

OPHELIA

Sim, vossa alteza.

HAMLET

Sou o seu bobo e nada mais. Cousa alguma ha melhor para o homem do que a
alegria. Repare, veja como minha mãe está hoje muito alegre, e ainda não
ha duas horas que meu pae morreu.

OPHELIA

Vossa alteza engana-se por certo; ha mais de duas vezes dois mezes.

HAMLET

Tanto tempo!! n’esse caso use o demonio o lucto, eu quero vestir-me de
arminhos. Oh céus, morto ha dois mezes, e ainda não esquecido, não é
então de estranhar que a recordação de um grande homem dure mais de seis
mezes; mas, pela Virgem Santa, deve então ter edificado igrejas, aliás
arriscava-se a que o esquecessem, como aquelle a quem lavraram este
epitaphio:

_Aqui jaz esquecido um cavallo de pau._

Soam os clarins, começa a pantomima

(Um rei e uma rainha entram em scena, o seu aspecto é de namorados,
abraçam-se. A rainha ajoelha aos pés do rei, mostrando pelos seus gestos
que lhe protesta o mais vivo amor. O rei levanta-a, e inclina a cabeça
sobre o seu hombro; depois deita-se n’um banco coberto de flores. A
rainha vendo-o adormecido, sáe. Apparece um personagem que lhe tira a
corôa e a leva aos labios, lança veneno n’um ouvido do rei, e sáe em
seguida. Volta a rainha, acha o rei morto, e dá mil signaes de
desespero. O envenenador seguido por duas ou tres pessoas, chega e
parece lamentar-se com a rainha. O cadaver é levado da scena. O
envenenador requesta a rainha, dá-lhe presentes. Ella mostra a principio
repugnancia, mas acaba por acceitar o amor offerecido. Sáem.)

OPHELIA

Que significa esta scena, senhor?

HAMLET

Nada que seja bom, é um laço armado ao crime.

OPHELIA

Esta pantomima indica sem duvida o entrecho da peça?

Entra o PROLOGO

HAMLET

Vamos sabel-o, os comediantes não podem guardar um segredo, têem por
costume fallar sempre.

OPHELIA

Explicará elle o que significa a pantomima?

HAMLET

Sem duvida, não só essa, mas todas as que lhe quizer apresentar,
qualquer que seja a sua especie, e terá a explicação prompta.

OPHELIA

O principe é mau, deixe-me seguir a peça.

O PROLOGO

Pedimos, para nós, toda a vossa indulgencia;
Para a nossa tragedia, attenta paciencia.

HAMLET

Parece antes divisa de annel do que prologo.

OPHELIA

Tão curto, senhor.

HAMLET

Como o amor de uma mulher.

Entram um REI e uma RAINHA

O REI DA PEÇA

Trinta vezes de Phebo o carro luminoso
De Tellus e Neptuno, o largo giro ha feito,
E trinta vezes doze a lua, astro saudoso,
De refrangida luz, á terra ha dado o preito,
Desde que as nossas mãos, com mutuo amor se deram,
E as bençãos d’Hymeneu o sacro nó teceram.

A RAINHA DA PEÇA

Possamos lua e sol, ver outras tantas vezes,
Antes que d’este amor se rompa o doce laço;
Mas seguem-se á ventura as maguas, os revezes,
E vejo-vos caído, ha pouco, em tal cansaço,
Tão triste, meu senhor, tão triste e tão mudado,
Que não posso esconder mais tempo o meu cuidado.
Mas que não se perturbe o vosso animo forte
Porque inquieta eu sou, e ousei pensar na morte.
De affecto e de anciedade igual medida temos,
Ou nullos um e o outro, ou um e o outro extremos.
Se é grande o meu amor, demais senhor o vêdes,
Que a par anda o receio, em minha fronte o lêdes.
Sempre que o amor é grande, as apprehensões mais breves
Transformam-se de prompto em maximos temores;
Quando é grande o receio, os affectos mais leves
Ascendem de repente aos mais grandes amores.

O REI DA PEÇA

Bem cedo é força, amor, que d’este mundo eu parta,
Bem vês, d’esta alma a luz já quasi que se aparta.
Tu viverás sem mim, sob este céu formoso,
Querida, idolatrada e sempre honesta e casta.
Depois, talvez depois, quem sabe? um novo esposo…
Um homem justo e bom…

A RAINHA DA PEÇA

Oh! basta, senhor, basta!
Seria um novo amor perfidia negra e infame.
Amaldiçoado seja o dia em que outro eu ame!
Embora justo e bom, segundo companheiro
Não n’o acceita ninguem, sem ter morto o primeiro.

HAMLET

Isto é absintho, e que absintho!

A RAINHA DA PEÇA

Poisque motivo arrasta a viuva ao casamento?
Acaso um novo amor? um nobre sentimento?
Um sordido interesse: e eu cravára no peito
De meu morto senhor a ponta de uma espada,
Cada vez que, olvidando a antiga fé jurada,
Compartisse outro ser commigo o mesmo leito.

O REI DA PEÇA

Creio bem, que pensaes o que dizeis, se creio?!
Mas quanta, oh! quanta vez, se quebra a acção no meio,
Nasce a resolução escrava da memoria,
Producto da violencia, é curta a sua historia.
A fructa emquanto verde em qualquer ramo atura
Mas, sem abalo algum, tomba apenas madura.
Fatalmente olvidando o que a nós nos devemos
Não pagâmos jámais, a divida esquecemos.
O que durante a dor parece a eternidade,
Mal extincta a paixão, cessa de ser vontade.
O jubilo e o martyrio, ainda os mais completos,
Destruindo-se a si, destroem seus decretos.
Onde o prazer mais ri, mais chora a dor pungente;
Entristece a alegria, alegra-se a tristeza,
Á causa mais subtil, ao mais leve accidente,
E este um dom fatal da vária natureza.
Passâmos pelo mundo, e nada aqui tem dura
Que até o proprio amor muda com a ventura;
Porque é problema ainda occulto aos pensadores
Se dá o amor fortuna, ou se a fortuna amores.
Um principe decáe? somem-se os que os adulam;
Um mendigo se eleva? os amigos pullulam.
Até aqui o amor seguiu sempre a fortuna;
Quem não precisa encontra em toda a parte amigos,
E quem precisa e pede, é lepra que importuna,
Todos transforma e muda em feros inimigos,
Mas para concluir, escuta o corollario:
A vontade e o destino, andam tanto ao contrario
Que o mais leve projecto é sempre letra morta.
Assim crês, não terás jamais outro marido;
Pois abra-me o sepulchro a sua eterna porta
E tudo irá sumir-se em um perpetuo olvido.

A RAINHA DA PEÇA

Negue-me a terra o pão, e a luz o firmamento!
O meu goso maior transforme-se em tormento!
Minha esperança e fé tornem-se em negro inferno!
Seja a fome em prisão o meu futuro eterno!
Não tenha eu, viva ou morta, o mais curto repouso,
Se, viuva uma vez, tomar um outro esposo!

HAMLET

E se lhe acontecer violar o juramento?

O REI DA PEÇA

Solemne juramento!… Amor, deixa-me agora;
Exhausta sinto a fronte, e bom grado entregára
Os restos d’este dia á paz consoladora
Dos braços de Morpheu. Adeus! Oh! sempre cara. (Adormece.)

A RAINHA DA PEÇA

Que um somno brando e doce embale a tua mente
E a desgraça jamais entre nós dois se assente!… (Sáe a rainha.)

HAMLET

Senhora, como acha esta peça?

A RAINHA

A rainha parece-me que faz demasiados protestos.

HAMLET

Mas dada a palavra, não póde faltar.

O REI

Conhece a peça? não contém nada reprehensivel?

HAMLET

Absolutamente nada; tudo quanto contém é só gracejo, até se envenena por
gracejo. É a peça mais inoffensiva que póde haver.

O REI

Que titulo tem?

HAMLET

O _Laço_, já se sabe, por metaphora. O assumpto da peça é um assassinio
commettido em Vienna. O rei chama-se Gonzaga, sua mulher Baptista. Vae
ver, um crime horrivel. Mas que importa a vossa magestade e a mim, que
temos a consciencia pura e que nada temos a receiar! O peior é para
aquelles a quem punge algum espinho, a nós nada nos pesa na consciencia.

Entra LUCIANO

HAMLET (continuando)

É este um chamado Luciano, sobrinho do rei.

OPHELIA

Vossa alteza faz o serviço do côro.

HAMLET

Podia até servir de ponto n’uma conversa sua com o seu amante; o caso
era eu ver manobrar os dois titeres.

OPHELIA

Sois na verdade mordaz, principe; sois bem mordaz.

HAMLET

A sua pena seria que eu deixasse de o ser.

OPHELIA

De bem para melhor, de mal para peior.

HAMLET

É a sorte que a espera na escolha de um marido! Começa, assassino. Põe
de parte esses horriveis tregeitos, avia-te, começa.

Eis o corvo que avança,
Chamando em seu grasnar a lugubre vingança.

LUCIANO

O pensamento negro, o braço bem disposto,
A droga preparada, a hora favoravel,
Cumplice a occasião, a ver nem um só rosto.
Mistura infecta e immunda, extracto abominavel
De peçonhenta sarça á meia noite achada,
Tres vezes polluida e tres envenenada
D’Hecate á maldição, possa a tua virtude
Fechar uma existencia, e abrir um ataúde.

(Deita veneno n’um ouvido do rei adormecido.)

HAMLET

Envenena-o no jardim, para se apoderar da corôa. O nome do rei é
Gonzaga; é uma historia authentica escripta no mais elegante italiano.
Verão como logo o assassino obtem o amor da mulher de Gonzaga.

OPHELIA

O rei levantou-se.

HAMLET

Quê!! um pequeno clarão apenas, já o assusta?

A RAINHA

Que tem, senhor?

POLONIO

Cesse a peça.

O REI

Tragam luzes. Saiâmos.

POLONIO

Luzes, venham luzes, luzes. (Todos sáem, excepto Hamlet e Horacio.)

HAMLET

Sim! que fuja e que chore o cervo mal ferido,
E o que ao golpe escapou, gose um prazer profundo.
Quando um chora, outro ri. Oh! sempre assim ha sido,
E assim é feito o mundo.

Se alguma vez a fortuna me maltratar, não bastaria uma scena de effeito
como esta, acrescentando-lhe um chapéu ornado de pennas, e duas rosas de
Provença nos laços dos sapatos, para que me admittissem n’uma companhia
dramatica.

HORACIO

Talvez o admittissem, mas com meia paga.

HAMLET

Ou inteira.

Porque sabes, Damon, bem sabes tu que outr’ora
Mandava n’este reino, que vês hoje aviltado,
Qual Jupiter no Olympo, um grande rei… agora
Governa aqui… um chavo.

HORACIO

Foi pena não rimar.

HAMLET

Meu querido Horacio, aposto mil libras esterlinas, em como a sombra
fallou só a verdade. Reparaste?

HORACIO

Em tudo reparei, senhor.

HAMLET

Quando se tratava do envenenamento?

HORACIO

Tudo observei.

HAMLET

Ah! ah! ah! quero musica, tanjam as charamelas.

Porque, se da comedia o rei não gosta nada,
Sei eu dar a rasão… não gosta, está dada.

Venha a musica, quero muita musica. (Entram Rosencrantz e Guildenstern.)

GUILDENSTERN

Senhor, permitta-me que lhe dê uma palavra.

HAMLET

Mil até, se n’isso fizer gosto.

GUILDENSTERN

Senhor… o rei…

HAMLET

Que é?… que me vem dizer d’elle?

GUILDENSTERN

Retirou-se aos seus aposentos, estranhamente indisposto.

HAMLET

Pelo vinho?

GUILDENSTERN

Não, senhor, mas pela colera.

HAMLET

Mais assisado seria terem chamado um medico. Eu não faria senão
exacerbar a sua colera com a minha presença.

GUILDENSTERN

Queira, senhor, ter mais nexo nos seus discursos, e não se afastar assim
tão bruscamente da questão.

HAMLET

Escutal-o-hei tranquillamente. Falle.

GUILDENSTERN

A sua rainha e mãe me envia a vossa alteza.

HAMLET

Bemvindo seja.

GUILDENSTERN

Senhor, essa polidez é mal cabida n’esta occasião. Se me promette
responder rasoavelmente, executarei então as ordens de sua mãe, quando
não, retiro-me pedindo desculpa a vossa alteza.

HAMLET

Não posso.

GUILDENSTERN

O que, meu senhor?

HAMLET

Responder rasoavelmente; a minha intelligencia enfermou, no emtanto
dar-lhe-hei uma resposta, ou antes como ordena a minha mãe, a melhor que
podér. Diga-me agora, que pretende de mim a rainha?

ROSENCRANTZ

Encarregou-nos de lhe dizer, principe, que o seu comportamento lhe
causou espanto e dor.

HAMLET

Ah! sou pois um filho tão extraordinario que causo espanto e dor a minha
mãe! Nada mais lhe disse? Fallem.

ROSENCRANTZ

Deseja fallar-lhe, alteza, no seu quarto, antes de o principe se deitar.

HAMLET

Obedecer-lhe-hemos, aindaque fosse dez vezes nossa mãe. Tem mais alguma
cousa a dizer?

ROSENCRANTZ

Houve tempo em que o principe era meu amigo.

HAMLET

Ainda hoje o sou, juro-o por estes dez dedos.

ROSENCRANTZ

Senhor, qual é a causa da sua dor profunda? É impor-se um
constrangimento inutil, guardar esse segredo para comnosco, que somos
tão seus amigos.

HAMLET

Inquieta-me o meu futuro!

ROSENCRANTZ

Como póde isso ser, pois o rei já o escolheu para successor ao throno de
Dinamarca?

HAMLET

É verdade; mas guardado está o bocado… o proverbio é antigo.

Entram differentes actores cada um com uma charamela

HAMLET

Ah! chegam as charamelas, dá-me uma. (Tira a charamela a um dos
actores.) Quer que o acompanhe? então deixe de me perseguir como o
caçador persegue a caça.

GUILDENSTERN

Se o meu zêlo, senhor, me faz obstinado, é porque a affeição me torna
importuno.

HAMLET

Não o posso comprehender, faz-me favor de tocar n’esta charamela.

GUILDENSTERN

Senhor, eu não sei!

HAMLET

Peço-lhe.

GUILDENSTERN

Creia-me, senhor, não posso.

HAMLET

Supplico-lhe.

GUILDENSTERN

Se nunca soube tocar tal instrumento!

HAMLET

Pois mais difficil é mentir. Com os quatro dedos e o pollegar tapam-se e
destapam-se por sua vez os orificios; sopre, e verá que encantadora
harmonia produz. Vamos.

GUILDENSTERN

Mas, senhor, eu não posso nem sequer tirar um som d’este instrumento;
falta-me o talento.

HAMLET

Que especie de imbecil me julga então? Sou a seus olhos um instrumento
de que pretende tirar sons, e que parece conhecer tão bem. Pretende
sondar até ao fundo da minha alma, para descobrir o meu segredo; queria
então fazer vibrar todas as cordas do meu sentimento. D’este pequeno
instrumento (Mostrando-lhe a charamela) tiram-se sons e notas as mais
melodiosas; e comtudo nas suas mãos não póde fallar. Pela Virgem santa,
sou então mais facil de tocar do que uma flauta? O que lhe asseguro é
que se me julga um instrumento nas suas mãos, nunca conseguirá fazel-o
fallar. Está muito enganado commigo.

Entra POLONIO

HAMLET (continuando)

Guarde-o Deus.

POLONIO

Senhor, a rainha deseja fallar-lhe immediatamente.

HAMLET (approximando-se de uma janella)

Vê acolá aquella nuvem que tem quasi a fórma de um camello?

POLONIO

Não ha duvida, dir-se-ia effectivamente um camello.

HAMLET

Parece-se mais com uma doninha.

POLONIO

É verdade! tem o feitio da doninha.

HAMLET

Ou de uma baleia?

POLONIO

Realmente, com o que se parece é com uma baleia.

HAMLET

Agora vou ter com minha mãe, hão de acabar por enlouquecer-me devéras.
Vou já.

POLONIO

Vou communical-o á rainha. (Polonio sáe.)

HAMLET

Já! É facil dizel-o. Deixem-me sós, meus amigos. (Sáem todos excepto
Hamlet.)

HAMLET (só)

É esta a hora da noite propria dos mysterios da magia, a hora em que os
tumulos se abrem, em que o inferno exhala sobre a terra o seu sopro
contagioso; agora sinto-me capaz de beber sangue ainda fumegante, e
commetter actos que o dia consternado não poderia presencear sem terror!
Prudencia! Vamos ao quarto de minha mãe. Oh! meu coração, não dispas o
teu vigor; firmeza agora, mas que o coração de Nero nunca entre em meu
peito. Sejamos inflexiveis, mas não filho desnaturado; seja a minha
lingua um punhal, mas minha mão esteja desarmada; e n’esta occasião
sejam a minha bôca e o meu coração obrigados pela rasão a dissimular.
Por mais violentas que sejam as minhas palavras, dae-me força, meu Deus,
para que sejam sempre comedidas, assim como os meus actos. (Sáe.)

SCENA III

Um quarto no castello de Elsenor

Entram o REI, ROSENCRANTZ e GUILDENSTERN

O REI

Ha n’elle alguma cousa que me desagrada, e creio que haveria perigo para
nós em não vigiar a sua loucura; façam pois todos os preparativos de
viagem. Vou dar as ordens, e quero que parta sem demora para Inglaterra
acompanhado pelos senhores. O interesse da nossa corôa me veda o
expor-me aos continuos perigos com que a sua demencia me ameaça.

GUILDENSTERN

Vamo-nos preparar. É um receio santo e salutar o que tem por objecto
assegurar a salvação de innumeras existencias, que depende da vida de
vossa magestade.

ROSENCRANTZ

É um dever que toca a cada um na sua esphera individual, o applicar
todas as suas forças e toda a energia para defender a propria vida
contra qualquer ataque; quanto mais obrigado a fazel-o é aquelle de cuja
vida dependem tantas existencias! Quando um rei morre, não morre só, é
um turbilhão que attrahe tudo quanto encontra no caminho, ou lhe fica
proximo: roda colossal fixada no cume de uma elevada montanha, cujos
gigantescos raios estão carregados de innumeros accessorios, e cuja
quéda os impelle forçosamente a um desastre commum. Quando o rei padece,
padecem todos.

O REI

Preparem-se, peço-lh’o, para uma partida immediata, porque estamos
resolvidos a pôr um termo ás causas de inquietação que demasiado
livremente se dão n’este paiz.

AMBOS

Não nos faremos esperar. (Sáem.)

Entra POLONIO

POLONIO

Senhor, Hamlet entrou agora para o quarto de sua mãe; occultar-me-hei
cuidadosamente para ouvir a sua conversa. Asseguro a vossa magestade que
a rainha o vae reprehender severamente. É conveniente, como el-rei muito
bem disse, que outros ouvidos que não sejam os de mãe, naturalmente
propensos á indulgencia, ouçam o que se disserem mutuamente. Adeus, meu
senhor; virei aos seus quartos antes que vossa magestade se recolha, e o
rei será sabedor de tudo quanto se passou.

O REI

Obrigado, Polonio. (Polonio sáe.)

O REI (só)

O meu crime já não tem perdão no céu, está marcado pelo estigma da
maldição divina, como o foi o primeiro fratricida. Apesar de todos os
meus desejos, não posso orar; pareço um homem que duas occupações
reclamam, e que, não sabendo por qual optar, não escolhe nenhuma.
Poisque, quando sobre esta mão maldita se formasse uma crosta de sangue
mais espessa que a propria mão, não teria o céu bastante misericordia
para que a onda da sua graça a purificasse e a tornasse branca como a
neve? Para que serve a bondade divina, senão para remir as nossas
culpas? De que vale a oração, se não tem a dupla virtude de prevenir a
nossa quéda, ou obter o perdão depois d’ella? Dirijâmos as nossas
supplicas ao céu, já que não podemos evitar o crime consummado. Mas,
infeliz, como hei de orar? Perdoae-me, Senhor, o meu crime nefando. Não
posso, poisque possuo os objectos que me induziram ao assassinio, corôa,
throno e consorte. Poder-se-ha obter o perdão, quando se conservam os
fructos do crime? N’este mundo corrompido, a iniquidade póde a preço de
oiro desviar o curso da justiça, e com o producto do crime comprar a
impunidade; mas o céu é justo, todo o subterfugio é inutil; ali os
nossos actos são justamente avaliados e os nossos crimes conhecidos. Que
devo fazer? Nada me resta. Tentemos o arrependimento. Grande é a sua
efficacia; mas que póde n’aquelle a quem mesmo o arrepender-se é vedado?
Oh! deploravel condição, oh! consciencia negra como a morte, oh! minha
alma, não tens perdão, e quanto mais te esforçares por obtel-o, mais
aggravas a tua situação. Anjos do céu, vinde em meu auxilio, tentae um
esforço supremo. Dobrae-vos, joelhos rebeldes. E tu, meu coração, que as
tuas fibras de aço voltem ao estado primitivo das do recem-nascido.
Ainda me resta esta ultima esperança. (Retira-se a um lado da scena,
ajoelha e ora.)

Entra HAMLET

HAMLET (vendo o rei)

A occasião é propicia, está orando. Coragem, Hamlet. Sim, mas
salvar-se-ía a sua alma, e não é essa a minha vingança desejada.
Reflictâmos; um scelerado assassina meu pae, e eu, seu filho unico, abro
as portas do céu a esse infame! Seria uma recompensa e não um castigo.
Assassinou meu pae, entregue ás preoccupações da carne, quando seus
peccados mais vivazes estavam, como as flores na primavera; e quem sabe,
a não ser o céu, que contas daria ao Creador? as penas eternas, de
certo, não o pouparam. Seria uma vingança immolar este scelerado, quando
a sua alma deve estar pura, quando está preparado para a sua ultima
viagem? Não! Entra na tua bainha, minha espada, e espera para ferir,
golpe mais terrivel e justo. Quando estiver ebrio ou adormecido, ou
encolerisado, ou immerso nos prazeres de um leito incestuoso, ou
absorvido pelo jogo, ou blasphemando, ou praticando algum acto contrario
á salvação da sua alma, então fere, que as penas do inferno serão poucas
para um tal crime. (Olhando para o rei.) Prolonga ainda os teus dias
enfermos: adiar não é desistir. (Sáe.)

O REI

Sobem as minhas palavras, o pensamento não, e as palavras sem o
pensamento não chegam ao céu. (Sáe.)

SCENA IV

Um quarto no castello

Entram a RAINHA e POLONIO

POLONIO

O sr. Hamlet não tarda. Reprehenda-o asperamente; diga-lhe que os seus
atrevimentos excedem os limites da paciencia, e que vossa magestade já
teve que se interpor entre elle e a colera do rei. Nada mais digo,
senhora, peço só que falle com firmeza.

A RAINHA

Fallar-lhe-hei com firmeza, esteja descansado. Afaste-se, ouço os seus
passos. (Polonio esconde-se.)

Entra HAMLET

HAMLET

Que me quer, minha mãe?

A RAINHA

Hamlet, offendeste gravemente teu pae.

HAMLET

Minha mãe offendeu gravemente meu pae!

A RAINHA

Como insensato fallas.

HAMLET

A rainha falla como culpada!

A RAINHA

Que queres tu dizer, Hamlet?

HAMLET

O que é, senhora?

A RAINHA

Esqueces quem eu sou?

HAMLET

Pela cruz do Redemptor, que não. Rainha é, foi esposa do irmão de seu
marido, e prouvera a Deus que não o fosse, mas é minha mãe!

A RAINHA

Mandar-te-hei alguem que melhor do que eu te saiba fallar.

HAMLET

Vamos, sente-se, minha mãe. Não se moverá, não saírá d’aqui emquanto eu
não tiver posto diante dos seus olhos um espelho em que possa ver até ás
profundidades da sua alma.

A RAINHA

Que pretendes de mim? queres tu porventura assassinar-me? Acudam á
rainha, acudam!

POLONIO (por detrás do reposteiro)

O que é! olá, soccorro!

HAMLET (desembainhando a espada)

Que é isso? Um rato? (Dando-lhe uma estocada.) Aposto um ducado em como
o matei!

POLONIO (atrás do reposteiro)

Mataram-me, eu morro. (Cáe para fóra do reposteiro e morre.)

A RAINHA

Que fizeste, infeliz?

HAMLET

Ignoro-o; seria o rei? (Levanta o reposteiro e puxa pelo cadaver de
Polonio.)

A RAINHA

Que acto de crueldade e de sangue!

HAMLET

De sangue; quasi tão reprehensivel, minha mãe, como assassinar um rei e
desposar o irmão!

A RAINHA

Assassinar um rei?

HAMLET

Sim, um rei, foi o que eu disse. (A Polonio.) Quanto a ti, pobre diabo,
louco, temerario e indiscreto, as nossas contas estão ajustadas,
aprendeste á tua custa o perigo que corre quem se intromette nos
negocios dos outros. (Á rainha.) Cesse de estorcer-se. Silencio,
sente-se, quero torturar o seu coração, e fal-o-hei, se ainda possue
alguma sensibilidade, e o habito do crime não a bronzeou a ponto de ser
insensivel a toda a especie de emoção.

A RAINHA

Que fiz eu, Hamlet, para que me falles n’esse tom ameaçador?

HAMLET

Uma acção que mancha o rubor e a graça do pudor; que transforma a
virtude em hypocrisia; que arranca á fronte innocente do amor a sua
corôa de rosas, e a substitue por uma chaga asquerosa; que torna os
juramentos do hymeneu tão falsos como os do jogador! Oh! uma acção que
rouba ao corpo dos contratos a santidade, que é a sua alma, e faz da
religião uma rapsodia de palavras. Indigna-se o céu, contrista-se o
globo solido e compacto, lê-se-lhe nas faces a consternação como se
fosse o ultimo dia do mundo.

A RAINHA

Qual é pois a acção que denunciam este ameaçador preludio e esta
expressão fulminante?

HAMLET (mostrando dois retratos em pé que ornam as paredes)

Veja bem esses dois retratos, são as imagens de dois irmãos. Veja que
graça impressa n’estas feições: o cabello annellado de Apollo; a fronte
do proprio Jupiter; o olhar de Marte, onde se lê a commando e a ameaça;
o porte de Mercurio, o mensageiro celeste, quando apenas pousa o alado
pé sobre o cimo das nuvens; uma tão feliz reunião das fórmas perfeitas,
que cada um dos deuses parecia ter contribuido com o seu quinhão, como
se quizessem mostrar ao mundo o modelo do verdadeiro homem! Esse era o
seu primeiro esposo. Volva agora os olhares para este lado. Eis o que é
o seu segundo esposo! que, similhante á espiga mangrada, pelo seu
contacto causa a morte a sua irmã a espiga sã. E saberá ver? Como pôde
então abandonar as ferteis e salubres collinas, para se immergir n’este
immundo paul!! Se ainda tem olhos, senhora, não póde imputar ao amor o
seu comportamento; na sua idade já se acalmou a effervescencia do
sangue, e a paixão obedece á rasão. E qual seria a creatura racional,
que ousasse trocar o seu primeiro marido por este segundo? É sem duvida
dotada de sensibilidade, aliás não seria um ser animado; mas na senhora
estão paralysados todos os sentimentos, porque não ha demencia que não
deixe ao que verga sob o seu peso uma porção bastante de discernimento,
para saber escolher entre objectos tão dissimilhantes. Que demonio a
perturbou a ponto de lhe vendar os olhos? A vista sem o tacto, o tacto
sem o auxilio da vista, o ouvido sem o uso das mãos e dos olhos, o
olfato só por si, uma porção mesmo alterada de um verdadeiro sentido,
não podiam ter-se enganado tão estultamente. Oh! vergonha! onde está o
teu rubor? Inferno rebelde, que assim pódes atear a revolta nos sentidos
de uma mulher, ha muito esposa e mãe. Que admira que, para a ardente
juventude, a virtude seja como a cera, que se derrete á chamma que
alimenta; que não seja vergonha ceder quando nos arrasta a paixão,
poisque o proprio crystal se funde e a rasão prostitue aos desejos os
seus vergonhosos serviços.

A RAINHA

Oh! Hamlet, cessa por piedade, obrigas o meu olhar a volver-se todo para
a minha alma, e n’ella descubro máculas tão negras e tão profundamente
impressas, que nada já as póde lavar.

HAMLET

Viver no suor impuro de um leito infecto, sobre o esterco da corrupção,
revolver-se no lodaçal de um asqueroso amor.

A RAINHA

Cala-te, Hamlet, as tuas palavras são outras tantas punhaladas. Piedade!
querido filho!

HAMLET

Um assassino, um scelerado, um miseravel, que não vale a centesima parte
do seu primeiro marido, um rei de comedia, um ladrão, que empalmou o
poder, e que achando a corôa debaixo de mão, a roubou e a metteu no
bolso!

A RAINHA

Hamlet!

HAMLET

Um palhaço!

Entra a SOMBRA

HAMLET

Protegei-me e abrigae-me sob vossas azas, anjos do céu. (Á sombra) Que
pretendes de mim, sombra querida?

A RAINHA

Infeliz! enlouqueceu.

HAMLET (á sombra)

Vens tu reprehender a tibieza de teu filho, que, deixando passar o
tempo, arrefecer a sua indignação, não se apressou em cumprir os teus
terriveis preceitos? Falla!

A SOMBRA

Recorda-te que o unico fim d’esta minha apparição é atear em ti o fogo
da resolução. Mas vê, tua mãe está succumbida, interpõe-te entre ella e
os seus remorsos; é nas mais debeis organisações que mais estragos causa
a imaginação. Falla-lhe tu, Hamlet.

HAMLET

Como se sente, minha mãe?

A RAINHA

Eu é que te devia fazer essa pergunta! Por que está teu olhar fito no
espaço? por que conversas com seres immateriaes? Teu olhar indefinido
revela a lucta da tua alma; como um soldado acordado em sobresalto; teus
cabellos, como se a vida os animasse, levantam-se e ouriçam-se sobre a
tua fronte. Oh! meu querido filho, apaga a chamma da tua colera, com as
tranquillas e limpidas aguas da paciencia! Mas para onde olhas tu?

HAMLET

É elle! Elle! Como está pallido! O seu aspecto, e o motivo que aqui o
traz, commoveriam as proprias pedras. (Á sombra) Descrava de mim os teus
olhos, receio que me feneça a resolução, vendo teu triste e commovente
olhar; que se transforme o caracter dos meus actos talvez em lagrimas em
vez de sangue.

A RAINHA

Mas, filho, a quem fallas assim?

HAMLET

Não vê nada, minha mãe?

A RAINHA

Nada, senão tudo quanto existe n’esta camara.

HAMLET

E nada ouviu?

A RAINHA

Cousa alguma, a não ser as tuas palavras.

HAMLET

Mas olhe, minha mãe, não vê como elle se afasta, triste e pensativo? É
meu pae, vestido como trajava em sua vida. Eil-o, transpõe agora mesmo a
porta. Saíu. (A sombra sáe.)

A RAINHA

É á exaltação da tua imaginação e ao delirio que de ti se apoderou, que
são devidas estas creações phantasticas.

HAMLET

O delirio! Senhora, apalpe o meu pulso, e conhecerá que não está menos
tranquillo que o seu. Não fallei influenciado pelo delirio.
Interrogue-me; em vez de divagar, repetir-lhe-hei textualmente as minhas
palavras; não estou louco; engana-se, minha mãe. Por Deus, não se
embale, no pensamento falso, que é o meu delirio e não a sua culpa que
me faz fallar! Seria cicatrizar exteriormente a chaga, que a consciencia
nunca deixaria de augmentar interiormente. Confesse-se ao céu,
arrependa-se do passado, premuna-se para o futuro, e não dê pasto ao
verme do remorso, que acabará por totalmente corroer o seu coração e
obliterar a sua consciencia. Perdoe á minha virtude, porque n’este mundo
sordido e venal a virtude deve implorar o perdão do vicio e pedir o
favor de poder fazer o bem.

A RAINHA

Oh! Hamlet! Dilaceras-me o coração.

HAMLET

Expulse a parte corrompida, e com a outra metade viva tranquilla e pura.
Boa noite; evite meu tio, e se não podér ser virtuosa, ao menos
pareça-o. O habito, esse monstro, que destroe e neutralisa em nós toda a
sensibilidade, esse demonio do habito, é anjo n’isto, porque consente á
virtude e ás boas acções as suas vestes proprias. Não veja hoje o seu
esposo, tornar-lhe-ha mais facil a abstenção futura; o habito tudo póde,
muda a natureza individual, doma o demonio, e expulsa-o com o seu
maravilhoso poder. Boas noites mais uma vez! e quando sentir a
necessidade da benção divina, então pedir-lhe-hei a sua. (Mostrando
Polonio.) Quanto a este homem, arrependo-me do que fiz; mas obedeci ao
céu; assim o quiz tornando-me instrumento das suas vinganças, punindo-o
por mim, a mim por elle. Sepultem-no, eu responderei pela morte que lhe
dei! Adeus, pois. Cumpre-me ser cruel por humanidade; o primeiro mal
está feito, o maior ainda ha de vir. Uma palavra ainda.

A RAINHA

Que devo fazer?

HAMLET

Nada do que eu lhe disse! Receba as caricias do avinhado monarcha,
preste as suas faces aos seus osculos, ouça-lhes as palavras de amor;
então n’um diluvio de ardentes osculos, entre as mais lubricas caricias,
confesse-lhe, revele-lhe tudo, diga-lhe que nunca estive louco, que o
fingi, faça-lhe essa confidencia. Qual seria a rainha, bella, sensata e
honesta, que hesitasse em confiar áquelle animal immundo e repellente,
asqueroso reptil, tão importantes segredos? Quem guardaria silencio?
Ninguem. Depois, olvidando o bom senso e a discrição, abra a gaiola e
deixe voar as avesinhas, e seguindo o exemplo do bugio da legenda, por
simples experiencia, introduza-se na gaiola e rompa o pescoço caíndo!

A RAINHA

Acredita, Hamlet, que se as palavras se compozessem de fôlgo e o fôlgo
de vida, eu não teria vida para articular as que tu me disseste.

HAMLET

Devo partir para Inglaterra; sabe-o sem duvida, minha mãe?

A RAINHA

Infeliz! Tinha-me esquecido; pois isso está definitivamente determinado?

HAMLET

Ha cartas selladas, e os meus dois companheiros de estudos, nos quaes me
fio tanto como na innocencia dos envenenados dardos das viboras, são os
portadores da ordem! São elles que me hão de aplanar o caminho, e se
encarregarão de me conduzir ao laço armado pela mais negra traição.
Deixemos caminhar os acontecimentos. Causa devéras prazer ver rebentar
nas mãos do proprio artifice a bomba que para outrem preparava. Nada ha,
senhora, que nos dê mais gosto do que combater a traição,
contraminando-a pela sagacidade. A morte de Polonio apressará a minha
partida. Levemos o seu cadaver para a camara vizinha. Boas noites, minha
mãe. Este conselheiro está agora verdadeiramente a sangue frio, discreto
e grave; em vida era dotado de estupida garrulice. Agora basta, acabemos
por uma vez. Boas noites. Adeus, minha mãe. (A rainha sáe por um lado,
Hamlet pelo outro, arrastando o cadaver de Polonio.)

Fim do acto terceiro

ACTO QUARTO

SCENA I

Um quarto no castello de Elsenor

Entram o REI, a RAINHA, ROSENCRANTZ e GUILDENSTERN

O REI

Esses suspiros, esse difficil arfar do peito, tudo deve ter uma causa.
Queremos conhecel-a e pelos senhores. Onde está nosso filho?

A RAINHA (a Rosencrantz e Guildenstern)

Deixem-nos sós um momento. (Os dois sáem.) (Ao rei) Ah! senhor, que
noite esta!

O REI

Que ha de novo, Gertrudes; em que estado achaste Hamlet?

A RAINHA

Tão revolta está a sua rasão, como o mar e o vento, quando entre si
luctam, disputando a sua força. N’um dos seus arrebatamentos do delirio,
ouvindo mexer atrás de uma cortina, exclamou: _Um rato, um rato_, e
desembainhando a espada, cravou-a no peito d’aquelle excellente ancião.

O REI

Oh! triste acontecimento! Igual sorte teria tido se ali me achasse;
livre, corremos o maior risco, mesmo tu; todos, emfim. Que rasões
daremos para explicar este acto sanguinario? Taxar-nos-hão de
imprevidentes, a responsabilidade toda caírá sobre nós; dirão que
deviamos ter isolado esse insensato, mas era tão grande a nossa
affeição, que não comprehendemos o que a prudencia nos aconselhava.
Obrámos como um homem atacado de um mal vergonhoso, que para guardar
segredo deixa enraizar-se esse mal e destruir toda a seiva vital. Onde
está Hamlet?

A RAINHA

Pondo em logar seguro o cadaver d’aquelle a quem deu a morte. No meio
mesmo da sua demencia, conserva-se pura e intacta a sua intelligencia,
como um metal precioso encravado em rocha bruta. Rebenta-lhe o pranto ao
lembrar-se da acção que commetteu.

O REI

Saiâmos, Gertrudes. Quando o sol tocar o cume das montanhas, já Hamlet
deverá ter embarcado; logo em seguida partirá para Inglaterra. Quanto a
esta odiosa acção precisâmos achar na nossa auctoridade e no nosso
engenho alguma desculpa que a releve aos olhos do mundo. Olá,
Guildenstern? (Entram outra vez Guildenstern e Rosencrantz.)

O REI (continuando)

Meus amigos, procurem pessoas que os ajudem e auxiliem. Hamlet, na sua
demencia, matou Polonio, cujo cadaver levou para fóra da camara de sua
mãe. Tratem de descobrir onde o occultou, encarrego-os d’esta missão.
Nada digam que possa irritar Hamlet, e levem o corpo do infeliz Polonio
para a capella; peço-lhes só que se aviem. (Sáem Rosencrantz e
Guildenstern.)

O REI (continuando)

Vamos, Gertrudes, convoquemos os nossos mais doutos amigos, demos-lhe a
conhecer o nosso designio e a desgraça acontecida. Precavendo-nos d’este
modo, talvez a calumnia, que arremessa o seu dardo envenenado de uma
extremidade do mundo á outra, e cujos tiros são tão certeiros, como os
do mais perfeito canhão, poupe o nosso nome, perdendo-se na immensidade
do espaço. Saiâmos d’aqui. Na minha alma não sinto senão perturbação e
terror! (Sáem.)

SCENA II

Outro quarto no castello

Entra HAMLET

HAMLET

Duvido que o encontrem.

VOZES DE FÓRA

Hamlet? senhor Hamlet?

HAMLET

De vagar. Que rumor é este? Quem ousa chamar Hamlet? Ah! eil-os que
chegam. (Entram Rosencrantz e Guildenstern.)

ROSENCRANTZ

Senhor? que fez vossa alteza do cadaver?

HAMLET

Entreguei-o ao pó de que saíu.

ROSENCRANTZ

Mas em que logar para o podermos levantar e depositar na capella?

HAMLET

Não pensem em tal.

ROSENCRANTZ

Que devemos, pois, pensar?

HAMLET

Que pouco me importo com a sua cabeça, mas muito com a minha.
Interrogado de mais a mais por uma esponja! Que resposta lhe póde dar o
filho de um rei?

ROSENCRANTZ

É a mim que chama esponja?

HAMLET

A quem havia de ser? sim a ti, que bebes os favores, as recompensas e o
poder real. Mas, no fim de contas, taes officiaes prestam ao monarcha
relevantes serviços, são para elle como o fructo que o bugio conserva na
bôca para depois o engulir; quando necessitar do que tem arrecadado,
espreme-os como uma esponja, e ficarão completamente enxutos.

ROSENCRANTZ

Não comprehendo, senhor!

HAMLET

Estimo muito. As palavras do traficante só tem por domicilio os ouvidos
do tonto.

ROSENCRANTZ

Diga-nos onde está o cadaver, e siga-nos á presença do rei.

HAMLET

Onde está o rei existe um corpo, mas o rei não está n’esse corpo. O rei
é uma creatura.

ROSENCRANTZ

Uma creatura, senhor?

HAMLET

Uma creatura que nada vale! Conduzam-me á sua presença. Vamos jogar as
escondidas. (Sáem todos.)

SCENA III

Uma sala no castello

Entra o REI com a sua comitiva

O REI

Mandei chamar Hamlet e procurar o cadaver. Que perigo deixar livre um
tal homem; mas não podemos fazer pesar sobre elle todo o rigor das leis.
A multidão insensata estima-o, decidindo-se mais pela vista do que pela
rasão; n’estas circumstancias o que devemos pensar é o castigo dos
culpados, nunca o crime só por si. Para prevenir qualquer
descontentamento é forçoso que este precipitado exilio pareça
consequencia de madura reflexão. Para males desesperados remedios
energicos, ou nenhuns. (Entra Rosencrantz.) Então que aconteceu?

ROSENCRANTZ

Nada podemos saber da sua bôca relativamente ao cadaver.

O REI

Onde está Hamlet?

ROSENCRANTZ

No quarto vizinho, esperando debaixo de segura guarda as ordens de vossa
magestade.

O REI

Que venha á nossa presença.

ROSENCRANTZ

Olá, Guildenstern. Conduze Hamlet a este aposento. (Entram Hamlet e
Guildenstern.)

O REI

Hamlet, onde está Polonio?

HAMLET

N’um banquete.

O REI

N’um banquete?! onde?

HAMLET

Onde não come, mas é devorado. Uma multidão de vermes politicos disputa
o seu cadaver. O verme é o monarcha dos comedores. Engordâmos todas as
creaturas para nos engordarmos, e engordâmo-nos para pasto dos vermes.
Um rei gordo e um mendigo magro são duas iguarias differentes, comtudo
hão de ser servidas á mesma mesa. Esta é a verdade.

O REI

Infelizmente assim é!

HAMLET

É possivel que se pesque, com um verme creado em cadaver real, um peixe,
e que se coma depois o peixe que enguliu o verme.

O REI

Que significam as tuas palavras?

HAMLET

Nada; apenas as transformações pelas quaes póde passar um rei para
penetrar nos intestinos do pobre.

O REI

Onde está Polonio?

HAMLET

No céu. Mande ali o seu mensageiro procural-o, e se não o achar,
procure-o então o rei no sitio opposto. Em todo o caso se não o acharem
até d’aqui a um mez, o olfato o denunciará junto á escada da galeria.

O REI (á sua comitiva)

Procurem-o já.

HAMLET

Esperal-os-ha com certeza. (Sáe a comitiva do rei.)

O REI

Hamlet, no interesse da tua saude, que nos é tão cara, quanto dolorosa a
acção que commetteste, é forçoso que partas com a maior brevidade; vae,
pois, preparar-te. O navio está prompto e o vento sopra propicio; os
teus companheiros esperam-te, e tudo está disposto para a tua viagem a
Inglaterra.

HAMLET

A Inglaterra?

O REI

Sim, Hamlet.

HAMLET

Está bem.

O REI

O mesmo dirias conhecendo todos os meus projectos.

HAMLET

Descubro um anjo que os vê. Mas partâmos para Inglaterra. Adeus, minha
querida mãe.

A RAINHA

E teu pae que te estremece?

HAMLET

Não, minha mãe; pae e mãe são marido e mulher, marido e mulher são uma e
mesma carne. Assim, pois, adeus, minha mãe. Vamos para Inglaterra.
(Sáe.)

O REI (a Rosencrantz e Guildenstern)

Sigam-o passo a passo, façam-o embarcar promptamente, não ha tempo que
perder. Quero que já esta tarde esteja afastado d’estes sitios. Vão!
Tudo quanto respeita a este negocio foi já expedido e sellado com as
nossas armas. Aviem-se, peço-lh’o. (Sáem.) (Continuando) Rei de
Inglaterra, sabes até onde chega o meu poder; as feridas infligidas pelo
ferro dinamarquez ainda sangram, e teu respeito nos presta livre
homenagem. Se, pois, prezas a minha benevolencia, não receberás
friamente as ordens soberanas contidas nas minhas cartas e que exigem a
morte de Hamlet. Obedece-me, rei de Inglaterra, porque Hamlet é febre
que requeima o meu sangue, e tu é que me deves curar d’ella. Não terei
um dia de prazer e descanso emquanto não souber a completa execução das
minhas ordens, aconteça o que acontecer. (Sáe.)

SCENA IV

Uma planicie na Dinamarca

Chega FORTIMBRAZ á frente das suas tropas

FORTIMBRAZ (a um dos seus officiaes)

Capitão, saúde da minha parte o rei de Dinamarca e diga-lhe, que, em
conformidade com a sua promessa, Fortimbraz lhe pede livre passagem pelo
seu territorio; sabe o ponto em que nos devemos encontrar. Se sua
magestade desejar fallar-me, irei prestar-lhe as minhas homenagens.
Diga-lh’o da minha parte.

O OFFICIAL

As suas ordens serão cumpridas, meu senhor!

FORTIMBRAZ (ás suas tropas)

Avancemos em attitude pacifica. (Fortimbraz e as suas tropas afastam-se.
O official fica.)

Chegam HAMLET, ROSENCRANTZ, GUILDENSTERN e mais pessoas

HAMLET (ao official)

Que tropas são essas, meu amigo?

O OFFICIAL

É o exercito norueguez, senhor!

HAMLET

Qual é o seu destino?

O OFFICIAL

Um ponto do território da Polonia.

HAMLET

Quem o commanda?

O OFFICIAL

Fortimbraz, sobrinho do rei de Noruega.

HAMLET

É contra a Polonia toda, ou só contra um ponto determinado da fronteira
que marcham?

O OFFICIAL

Se quer que lhe diga a verdade, marchâmos contra uma parte da Polonia,
cuja conquista será para nós gloria, sem proveito algum. Estou certo que
a sua renda não vale cinco ducados, e se se vendesse ninguem daria mais.

HAMLET

Se assim é, os polacos não devem offerecer resistencia?

O OFFICIAL

Pelo contrario, até já o guarneceram.

HAMLET

Duas mil almas e vinte mil ducados chegarão apenas para tão futil
empreza; é um d’estes abcessos que resultam de uma demasiada e
prolongada prosperidade que rebenta internamente, sem que nada indique
exteriormente a sua acção mortal. Obrigado, amigo.

O OFFICIAL

Deus seja comvosco, senhor. (Afasta-se.)

ROSENCRANTZ

O principe quer que continuemos o nosso caminho?

HAMLET

Póde ir indo, em breve o alcançarei. (Sáem Rosencrantz e Guildenstern.)
(Continuando.) Como sempre tudo me accusa e me excita á tardia vingança.
O que é o homem, se o seu primeiro bem, o maior negocio da sua vida,
consiste em comer e dormir! É um animo brutal, nada mais. Seguramente,
que aquelle que nos dotou com essa vasta comprehensão, capaz de abraçar
o passado e o futuro, não nos deu essa intelligencia, esse admiravel
raciocinio, para que ficassemos ociosos e sem emprego. Quer seja estulto
esquecimento, quer cobarde escrupulo, medito demasiado na acção que
tenho que commetter, pensamento composto de uma quarta parte de siso e
tres quartas partes de cobardia. Como me espanto a mim mesmo quando
repito: _Eis o que devo fazer_, já que me sobram os motivos, tenha eu ao
menos vontade, força e energia para o executar. Incitam-me os mais
irrecusaveis exemplos; testemunho este numeroso exercito, capitaneado
pelo seu joven principe, cujo genio intrepido, soprado por uma ambição
divina, affronta, rindo, as eventualidades de um porvir invisivel,
expondo uma vida mortal e incerta, a tudo quanto podem ousar a fortuna,
a morte e os perigos, e tudo por nada, por uma bagatella. A verdadeira
grandeza consiste, não só em commover-se com grandes e poderosas rasões,
mas tambem em achar n’uma bagatella rasões de conflicto, cuja verdadeira
causa é o pundonor. Que posição pois a minha, eu que tenho um pae
assassinado, uma mãe deshonrada; eu que tenho tantos motivos de colera e
que tudo deixo adormecer, emquanto que para minha vergonha vejo vinte
mil homens, por uma louca esperança de gloria exporem-se á morte,
caminharem para o tumulo, como caminhariam para o leito; irem combater
para conquistar um quinhão de terra insufficiente para caberem n’elle, e
cujo terreno seria uma sepultura acanhada para os mortos. Ah! quanto se
revelam sanguinarios os meus pensamentos, ou então nada. (Afasta-se.)

SCENA V

Uma sala no castello de Elsenor

Entram HORACIO e a RAINHA

A RAINHA

Não lhe quero fallar.

HORACIO

Pede-o encarecidamente. Verdade é que ella perdeu a rasão; o seu estado
é digno de compaixão.

A RAINHA

O que pretende ella?

HORACIO

Falla sempre no pae, pretende terem-lhe dito que n’este mundo se
commettem bem más acções, suspira, bate no peito, exaspera-se sem
motivo. Profere palavras equivocas e sem sentido. Nada diz, comtudo quem
ao ouvil-a não teria vontade de a comprehender. Aquelles que a ouvem
procuram adivinhar o sentido, e preenchendo as lacunas, tentam completar
o sentido das suas fallas. Vendo os movimentos que faz, acompanhando as
palavras, todos lhe suppõem um pensamento, um sentido, e provavelmente
tem-no, mas de certo bem sinistro.

A RAINHA

É conveniente fallar-lhe, porque poderia impressionar malevola e
perigosamente os espiritos. Que venha. (Horacio sáe.) (Continuando) Ah!
minha alma enferma! Será uma condição do crime, que a menor bagatella
pareça sempre a precursora de alguma grande calamidade? Tal é a
desconfiança em uma consciencia culpada, que se trahe a si mesma com o
receio de se trahir.

HORACIO entra com OPHELIA

OPHELIA

Onde está a bella rainha de Dinamarca?

A RAINHA

Ophelia?

OPHELIA

Como hei de eu conhecer o bem amado
Por entre a multidão?
Pelo chapéu de conchas enfeitado
E pelo seu bordão.

A RAINHA

Infeliz Ophelia! Que significam esses versos?

OPHELIA

Pergunta-mo? Escute então…

Levaram-no bem morto ao cemiterio!
O que tu foste e és!…
Sob a fronte senil myrto funereo,
E fria pedra aos pés!

Ai de mim! (Chora.)

A RAINHA

Ophelia, querida Ophelia?

OPHELIA

Ouça mais, peço-lh’o…

Branca de neve a frigida mortalha…

Entra o REI

A RAINHA

Veja, senhor!

OPHELIA

É como um prado em flor
Baixou á campa a fronte e não a orvalha
Com lagrimas o amor!!

O REI

Como está bella, Ophelia?

OPHELIA

Bem, louvado Deus, dizem que a coruja fôra outr’ora filha de um padeiro.
Meu Deus, nós sabemos o que somos, mas nunca o que poderemos vir a ser.
Que Deus abençôe a sua mesa.

O REI

Recorda-se do pae?

OPHELIA

Não fallemos mais n’isso, mas se me perguntam o que significa,
dir-lhes-hei o que é. Respondam.

São Valentim! dizes-me a minha sina?
A pé já todos são.
Queres que eu seja a tua Valentina?
Sou virgem, sim ou não?
Ergueu-se elle e vestiu-se; mansamente
Do quarto a porta abriu;
E virgem ella entrou… mas tão sómente
Mulher quando saíu.

O REI

Encantadora Ophelia!

OPHELIA

Em verdade vou terminar sem juramento.

Por Jesus! pela santa caridade!
Quem vale á infeliz?!
Ai! são todos assim na mocidade,
A sorte é quem n’o quiz!
Antes da minha quéda prometteste
Conduzir-me ao altar:
Por Deus o houvera feito… não quizeste.
Quem te mandou entrar?

O REI

Ha quanto tempo é que este infeliz estado se apoderou d’ella?

OPHELIA

Tudo vae bem! É preciso ter paciencia; não posso reter o pranto,
pensando que está debaixo da terra fria e humida. Meu irmão ha de
sabel-o, obrigada pelo conselho. Chegue a minha carruagem. Boa noite,
minhas senhoras, boa noite, bellas senhoras, Adeus, boas noites! (Sáe
correndo.)

O REI (a Horacio)

Siga-a, não a perca de vista, vigie-a cautelosamente, peço-lh’o eu!
(Horacio sáe.) (Continuando) Oh! é aquelle o veneno de uma dor profunda,
causada pela morte do pae. Ah! Gertrudes, Gertrudes, quando as dores nos
assaltam, nunca é isoladamente, é como se viessem em tropel. Primeiro a
morte do pae, depois a partida de Hamlet, que tão violentamente decretou
o proprio exilio; o povo alvoroçado e descontente, commenta malevola e
insidiosamente a morte de Polonio, e nós obrámos pouco assisadamente
ordenando o prompto enterro; a infeliz Ophelia, inconsciente do seu
estado, está privada da rasão, sem a qual somos simples estatuas,
creaturas brutas. Para cumulo de desgraça esta vale todas as outras, seu
irmão voltou secretamente de França, embrenha-se no labyrintho de
noticias, e mantem-se occulto. Não deixará por certo de haver bôcas
malevolas, que por occasião da morte de seu pae, envenenem seus ouvidos
com insinuações perfidas, e a calumnia, na carencia de outro assumpto,
não nos poupará com os seus dardos envenenados e mortiferos. Ah! querida
Gertrudes; tudo isto, similhante a um instrumento de morte, vibra-me
mais golpes que os necessarios para pôr termo á minha vida. (Ouve-se um
grande rumor fóra da sala.)

A RAINHA

Que rumor é esse?

O REI

Olá, venha alguem. (Entra um official do palacio.)

O REI (continuando)

Onde estão os meus suissos? Que defendam as portas. Dize-me já o que ha.

O OFFICIAL

Fuja, senhor; o oceano, rompendo os diques, não invade com mais
violencia a campina, do que o joven Laerte, á frente da rebellião,
derruba a resistencia dos vossos officiaes. O povo chama-lhe soberano, e
como se fosse no começo do mundo, sem tradições, nem passado, nem usos,
sobre que tudo se firma, ou as tivesse esquecido, exclama: Elejâmos um
rei! Laerte será o nosso rei? Todos se descobrem e agitam os gorros,
todas as mãos applaudem, todas as vozes repetem: Laerte será rei. Viva o
rei Laerte!

A RAINHA

Com que prazer esta matilha segue uma pista falsa! Enganam-se!
Dinamarquezes ingratos!

O REI

Entraram á força. (Redobra o rumor. Entra Laerte seguido por muito povo
dinamarquez.)

LAERTE

Onde está esse rei? Senhores, retirem-se para fóra.

O POVO

Nada! Queremos todos entrar.

LAERTE

Façam o que lhes peço.

O POVO

É justo! é justo! (Sáem.)

LAERTE

Obrigado, senhores; guardem as portas. (Ao rei.) Infame! entrega-me meu
pae.

O REI

Socegue, meu caro Laerte.

LAERTE

Se uma só gota do meu sangue não fervesse, essa gota proclamar-me-ía
bastardo, attestaria a deshonra de meu pae, e imprimiria na casta fronte
de minha adorada mãe um estigma indelevel de infamia.

O REI

O que deu azo, Laerte, a uma rebellião, que assumiu proporções tão
colossaes? Está tranquilla, Gertrudes, por nós nada receies; graças ao
caracter sagrado que protege os reis, a traição não lança senão um olhar
timido e incerto para o resultado que anhelam os seus desejos, e os
effeitos estão longe de corresponder á sua esperança. Dize-me, Laerte, o
motivo d’esta irritação violenta. Nada receies, Gertrudes. Falla,
Laerte.

LAERTE

Onde está meu pae?

O REI

Morreu.

A RAINHA

Mas o rei está innocente.

O REI

Deixa-me interrogal-o á minha vontade.

LAERTE

Como morreu elle? Não admitto duvidas, dispenso juramentos; leve o
demonio a fé jurada, sepultem-se no abysmo a consciencia e a fidelidade.
Affrontarei a condemnação, declaro-o formalmente; renuncio a tudo n’este
e no outro mundo, aconteça o que acontecer, comtanto que vingue de um
modo bem patente a morte de meu pae.

O REI

E quem t’o impede?

LAERTE

A minha vontade só e não a do universo inteiro; quanto aos meios de que
disponho, empregal-os-hei de modo que com recursos limitados tire
d’elles o maior proveito.

O REI

Comprehendo, querido Laerte, que queiras saber a verdade toda a respeito
da morte de teu estremecido pae. Mas estás tu resolvido a confundir
amigos e inimigos, aquelles que perderam e aquelles que ganharam com a
sua morte?

LAERTE

Unicamente os inimigos quero punir.

O REI

E queres conhecel-os?

LAERTE

Quanto aos seus amigos, abro-lhes os braços com alvoroço; e similhante
ao pelicano que rasga o seio, para com o sangue alimentar os filhos,
estou prompto a por elles dar o meu sangue todo.

O REI

Ainda bem; fallas agora como bom filho e homem honrado. Sou innocente na
morte de teu pae, e deploro-a amargamente; demonstral-o-hei á tua rasão
com provas tão claras como a luz do dia.

O POVO (de fóra)

Deixem-a entrar.

LAERTE

O que é? Que rumor é esse? (Entra Ophelia estranhamente enfeitada com
flores na cabeça e palhas entrançadas nos cabellos.) (Continuando.) Meu
pobre cerebro! Sequem-se as minhas lagrimas, que, sete vezes corrosivas,
queimam meus olhos e afastam d’elles o sentido da vista! Por Deus! A tua
demencia será paga com usura, até que o nosso peso faça baixar uma das
conchas da balança. Rosa de primavera, filha querida, carinhosa irmã,
boa Ophelia! Oh! ceus! pois será possivel que a rasão de uma jovem
mulher seja tão fragil como a vida do ancião! A natureza tem no seu amor
um perfume subtil e raro, cujas emanações se infiltram no objecto amado.

OPHELIA

Levaram-no em mesquinha padiola
E foram-no enterrar!
Mas chove-lhe na tumba, ai! grata esmola
De lagrimas um mar.

LAERTE

Possuisses tu toda a tua rasão, animasses-me tu á vingança, não
conseguias crear em mim uma emoção.

OPHELIA

Forçoso é que eu cante e tu tambem:

Abaixo! Abaixo!
Lançae-o abaixo!

Devias ouvir cantar ás fiadeiras; é a canção do intendente desleal, que
raptou a filha de seu amo.

LAERTE

Estes nadas tudo me dizem.

OPHELIA (a Laerte, dando-lhe uma flor)

Toma, é rosmaninho a flor da lembrança. Lembra-te de mim, peço-t’o, meu
querido; estes são amores perfeitos, é para que sempre viva no teu
coração de irmão.

LAERTE

Ha sentido no seu delirio. Acaba de distinguir acertadamente a lembrança
e o pensamento.

OPHELIA (ao rei)

Aqui tendes, senhor, estas symbolicas flores. (Á rainha) Para vós,
senhora, é arruda e tambem para mim; para vós será a herva da ventura,
para mim a da dor. Eis um malmequer. Queria dar-vos violetas, mas
feneceram todas quando meu pae morreu; dizem que teve o fim do justo.

Porque era o bom Robim minha alegria

LAERTE

A melancolia, a afflicção, a colera, o proprio inferno, tudo é divino
proferido por ella.

OPHELIA

E nunca mais virá?!
Morreu! morreu! morreu! ai! que agonia!
Não mais! não voltará!
Era a barba tão branca como a neve:
Partiu! foi para os céus.
Perdida, inutil dor! Breve, até breve,
Tem dó d’elle, meu Deus!…

Assim como de todas as almas christãs, assim o peço a Deus, e elle seja
comvosco. (Sáe.)

LAERTE

Vêem? Meu Deus!…

O REI

Deixa-me, Laerte, fallar-te no teu infortunio; é um direito que me
pertence e que me não pódes negar sem injustiça. Reune em particular os
teus amigos mais assisados; elles nos ouçam, e depois julguem entre nós
dois. Se culpado me acharem, directa ou indirectamente, entrego-te, em
expiação da minha culpa, reino, corôa e vida, e tudo quanto possa dizer
meu; no caso contrario, peço-te só paciencia, e de accordo obraremos
para te alcançar uma completa satisfação.

LAERTE

Consinto. As circumstancias da sua morte, o seu funeral obscuro, em que
nem trophéus, nem espada, nem brazão figuraram, a ausencia de toda a
ceremonia funebre no saímento do seu corpo, são como um aviso do céu,
que me clama pela voz celeste: Indaga como foi.

O REI

Faça-se pois um inquerito, e o cutelo do algoz puna o culpado. Agora
peço-te, Laerte, que me sigas. (Sáem ambos.)

SCENA VI

Um quarto no castello de Elsenor

Entram HORACIO e um CREADO

HORACIO

Quem é que me pretende fallar?

O CREADO

Marinheiros… e dizem que têem cartas que lhe são dirigidas.

HORACIO

Que entrem pois; (o creado sáe) (só) não percebo de que canto do mundo
se lembraram de me escrever. Só se for Hamlet.

Entram os MARINHEIROS

PRIMEIRO MARINHEIRO

Guarde-o Deus, senhor!

HORACIO

Igualmente a ti!

PRIMEIRO MARINHEIRO

Fal-o-ha, se for da sua vontade. (Entrega uma carta) Aqui tem esta
carta, é do embaixador que foi mandado a Inglaterra; o senhor, segundo
me asseguraram, chama-se Horacio, não é verdade? (Dá-lhe outra carta.)

HORACIO (abrindo a carta, lendo)

«_Horacio, quando receberes esta carta, proporciona a estes homens o
fallarem ao rei; têem cartas para lhe entregar. Mal tinhamos dois dias
de viagem, um corsario armado até aos dentes deu-nos caça; vendo nós que
elle era mais veleiro, fizemos das fraquezas forças, e encetámos
combate. Na abordagem, saltei-lhe na tolda, mas n’aquelle momento
afastaram-se os dois navios, e eu achei-me só e prisioneiro.
Comportaram-se commigo como corsarios humanos, mas sabiam o que faziam,
porque contam pedir avultado resgate. Faze chegar ás mãos do rei a carta
que lhe envio, depois vem ter commigo, com a celeridade que porias em
evitar a morte. Tenho que confiar aos_ _teus ouvidos palavras que te
emudecerão de espanto, e comtudo ainda são fracas para a gravidade do
assumpto que devem exprimir. Estes marinheiros te conduzirão ao sitio
onde me acho. Rosencrantz e Guildenstern navegam para a Inglaterra.
Tenho muito que te contar a esse respeito. Adeus. Aquelle que sabes ser
teu do coração==Hamlet._» Venham, vou facilitar-lhes a entrega das
cartas, depois conduzam-me o mais prompto que podérem junto d’aquelle
que lh’as entregou. (Sáem todos.)

SCENA VII

Outro quarto no castello

Entram o REI e LAERTE

O REI

Devo estar illibado aos teus olhos, e deves ver em mim um amigo sincero,
agora que já deves ter percebido que o assassino de teu pae tambem
queria a minha morte.

LAERTE

Parece-me evidente! Mas diga-me porque, depois de actos tão graves e
criminosos por sua natureza, não perseguiu o auctor, como era obrigado a
fazel-o, por sua dignidade, pela sua salvação, pela sua prudencia, por
tudo emfim?

O REI

Ah! por duas rasões, que provavelmente acharás sem valia, mas que a meus
olhos têem toda a gravidade. A rainha sua mãe idolatra-o, é a existencia
d’ella esse filho; eu por minha parte não sei se deva considerar isto
como virtude ou como desgraça; mas ella está tão intimamente ligada á
minha alma, qual satellite ao seu planeta, que só por ella e para ella
vivo. O outro motivo que me impede de formular contra elle uma accusação
publica, é a immensa affeição que o povo lhe consagra; affeição que
desculpa todas as suas faltas, e similhante a essas fontes que
transformam em pedra a madeira, converteria as suas cadeias em aureola
de gloria. N’estas circumstancias, pois, as minhas frechas demasiado
tenues para romperem tão forte vento, em vez de tocarem no alvo,
voltando-se, feririam só o que as despediu.

LAERTE

Assim perdi meu nobre pae, e vejo minha estremecida irmã na mais
desordenada demencia! Mas se é permittido elogiar o que já passou, ella
excedia em perfeições as creaturas da sua idade, e não me hei de eu
vingar?

O REI

Essa mágua não te perturbe o somno; não me julgues de um caracter tão
pusillanime e estulto, que um perigo, que tanto me impressionou, seja
por mim tratado de bagatella. Brevemente saberás ainda mais. Eu
estremecia o teu pae; nós somos devéras amigos, agora deves acreditar
que…

Entra um MENSAGEIRO

O REI

Que queres? que ha de novo?

O MENSAGEIRO

Senhor, cartas de Hamlet; esta para vossa magestade, est’outra para a
rainha.

O REI

De Hamlet!! quem as trouxe?

O MENSAGEIRO

Disseram-me que uns marinheiros, eu não os vi. Estas cartas foram-me
entregues por Claudio, que as recebeu do portador.

O REI (pegando na carta)

Ouvirás, Laerte, o seu conteúdo. (Ao mensageiro) Retira-te (o mensageiro
sáe) (abre a carta e lê): «_Alto e poderoso monarcha, depozeram-me em
territorio vosso, nú; ámanhã solicitarei o comparecer na vossa presença,
e então se me for permittido referir-vos-hei o que deu causa ao meu
estranho e inesperado regresso.==Hamlet_». Que significa isto? voltariam
todos, será engano, será tudo falso?

LAERTE

Conhece a sua letra?

O REI

É a letra de Hamlet. _Nú_, e n’um post-scriptum acrescenta _só_. Poderás
tu dizer-me o que tudo isto significa?

LAERTE

Nada sei responder; mas que venha. Sinto renascer a chamma no meu
coração abatido, pensando que lhe poderei dizer cara a cara: Foste tu o
assassino de meu pae.

O REI

Se assim é, Laerte, não póde nem poderia ser de outra maneira; queres tu
seguir um meu conselho?

LAERTE

Sim, comtanto que não me aconselhe a paz.

O REI

Pois que faças pazes com o teu coração é que eu quero: se é verdade que
regressou, o que indica que Hamlet recúa diante da viagem e renuncia a
ella, suggerir-lhe-hei uma aventura, cujo plano está maduro no meu
espirito, e em que não poderá deixar de succumbir, e sem que a sua morte
possa ser attribuida a pessoa alguma intencionalmente; tanto que sua
propria mãe limitar-se-ha a lastimar o occorrido, vendo só uma
fatalidade.

LAERTE

Seguirei gostosamente os seus conselhos, e ainda de melhor vontade, se
podér combinar de modo que eu seja o agente principal.

O REI

Vejo que os nossos desejos se combinam completamente. Frequentemente,
desde as tuas viagens, têem-me gabado por excederes a todos no exercicio
de uma arte. Todas as tuas qualidades reunidas excitaram em Hamlet menos
ciumes do que esta só; é comtudo talvez a menos importante.

LAERTE

E qual é essa qualidade?

O REI

Um laço de fitas no chapéu da juventude, mas um enfeite necessario;
porque não lhe fica menos bem um ornamento um pouco frivolo mesmo, do
que convem á idade madura as vestes encorpadas e serias que lhe impõem a
saude e a gravidade. Ha dois mezes esteve aqui um cavalleiro normando;
tenho visto francezes e combatido com elles, e são devéras habeis, mas a
habilidade d’esse homem parecia ter o poder da magia. Parecia arroscado
á sella, e guiava o cavallo tão prodigiosamente, que pareciam um só e o
mesmo animal intelligente. Excedeu tudo quanto se póde imaginar na arte
de cavallaria e volteio, tão perfeita era a execução.

LAERTE

Um cavalleiro normando, disse?

O REI

Um normando.

LAERTE

Então era Lamond; não póde ser outro.

O REI

Elle mesmo.

LAERTE

Bem o conheço, é a phenix, a perola da sua patria.

O REI

Fallou de ti vantajosamente, fez os maiores elogios da tua pericia no
manejo das armas, sobretudo da espada, declarando ser impossivel achar
outro igual, e jurando que os jogadores de espada francezes perderam
agilidade, posição e golpe de vista depois que comtigo se mediram. Estes
elogios que elle te dispensava, de tal modo exasperaram o ciume de
Hamlet, que anhelava só pelo teu regresso para comtigo combater, e
transformaram o ciume em furia. Tirando pois partido d’estas
circumstancias…

LAERTE

Que partido poderemos nós tirar?

O REI

Laerte, amavas tu realmente teu pae, ou não era a tua dor senão um
simulacro, toda exterior e nada interior?

LAERTE

Porque esta pergunta?

O REI

Longe de mim o pensar que não amavas teu pae; mas a affeição é um
sentimento que se gera em nós, e a experiencia de todos os dias nos faz
ver que o tempo destempera a sua vivacidade e o seu ardor. Mesmo na
chamma do amor ha ás vezes uma mancha que a amortece, e cousa alguma se
conserva permanentemente bella, porque o bom, pelo crescimento degenera
em plethora, e parece abafado pela demasiada nutrição. O que pretendemos
fazer, devemos fazel-o na occasião propria, porque a vontade tambem
muda; tantas são as suas mudanças, quantas as linguas, mãos e outros
accessorios que se cruzam no seu caminho, e então a execução não é mais
que um dever, cujo cumprimento, similhante aos demasiado frequentes
suspiros, nos magôa, alliviando-nos. Mas entremos francamente na
questão. Hamlet regressa. Que estás tu disposto a fazer, para te
mostrares digno filho de teu pae, não com palavras, mas com obras?

LAERTE

Assassinal-o-ía mesmo no templo do Senhor.

O REI

Effectivamente o assassino não recúa perante o santuario, quando
pretende saciar a vingança. Mas, querido Laerte, queres seguir o meu
conselho? Encerra-te nos teus aposentos. Hamlet, regressando, saberá da
tua estada n’estes logares; farei com que exaltem na sua presença os
teus talentos, e que encareçam os elogios mais que os francezes o
fizeram; por este meio seguir-se-hão um desafio e apostas sobre a
pericia dos contendores. Elle que está desprevenido e é generoso e de
nada desconfia, não examinará os floretes; de modo que, com alguma
habilidade da tua parte, poderás escolher um florete sem botão, e por
meio de uma bem dirigida estocada fazer-lhe pagar a morte de teu pae.

LAERTE

Como o rei disse, Laerte o fará; mesmo envenenarei a ponta do meu
florete. Comprei a um empirico uma droga mortal. Por pouco que a ponta
de um punhal esteja n’ella banhada, por leve que seja o ferimento, não
ha balsamo precioso, embora composto dos mais energicos contravenenos,
que possa salvar da morte inevitavel e rapida o ferido. Assim,
prepararei a ponta do meu florete, para que mesmo leve arranhadura lhe
seja fatal.

O REI

Tornaremos ao assumpto, e combinaremos o momento e maneira mais facil e
favoravel para a sua execução. Se tivesse que falhar este nosso plano,
mais valeria nada tentar. Mas é necessario que esta primeira combinação
se firme n’uma segunda, que a substitua, no caso da arma se quebrar no
primeiro encontro. Um momento… Vejamos. Faremos apostas importantes
sobre a respectiva pericia de ambos. Quando, no calor do combate,
estiverem afogueados e sedentos, para conseguir o intento não poupes o
teu adversario, ataca-o com vigor. Hamlet, sem duvida, pedirá uma
bebida; ser-lhe-ha então apresentada uma, de antemão preparada, e uma só
gota bastará, se a tua espada te trahir, para conseguirmos o fim
desejado. Mas silencio! Que rumor é este? (Entra a rainha.) Que ha de
novo, querida Gertrudes?

A RAINHA

Accumulam-se as desgraças, e repetem-se com assustadora rapidez. Laerte,
tua irmã suicidou-se, afogando-se.

LAERTE

Onde?

A RAINHA

Na margem da vizinha ribeira cresce um salgueiro, cuja prateada folhagem
se reflecte nas aguas crystallinas. Tua irmã approximou-se d’aquelle
sitio, sempre tecendo grinaldas de rainunculos, ortigas, malmequeres, e
d’essas flores a que os nossos pastores dão um nome bem grosseiro, mas
que as nossas castas donzellas denominam poeticamente _dedo da morte_.
Quando procurava ornar com as suas innocentes grinaldas as argenteas
frondes do salgueiro, oh! desgraça! descuidosa foi envolvida na
corrente, cercada dos ornatos que lhe serviam como de corôa virginal.
Algum tempo suspensa pelas vestes sobre a corrente, assimilhava-se á
sereia, cantando incoherentes trechos, inconsciente do proprio risco,
como se estivesse no seu nativo elemento. Mas tudo tem um fim, e em
breve, sossobrando pelo peso das encharcadas vestes, cessou de cantar, e
tornou-se cadaver levado pela corrente.

LAERTE

Oh! desgraçada! afogada!!

A RAINHA

Sim, Laerte!

LAERTE

Sequem-se as minhas lagrimas; já tiveste agua em demasia, infeliz
Ophelia! Mas porque? Mais força tem a natureza do que a vontade; todos
lhe devemos obediencia. Para que uma falsa vergonha? Rolem, pois pelas
faces lagrimas santas, e arrebatem na sua corrente a minha ultima
fraqueza. Adeus, senhor! As minhas palavras de fogo tornar-se-íam
embravecido vulcão, se as lagrimas do coração o não apagassem. (Sáe.)

O REI

Sigâmol-o, Gertrudes. Quanto me custou a serenar a sua colera! Receio
bem que estas novas desgraças lhe despertem em toda a sua plenitude a
sanha da vingança. Sigâmol-o, pois.

Fim do acto quarto

ACTO QUINTO

SCENA I

Um cemiterio

Entram DOIS COVEIROS com enxadas

PRIMEIRO COVEIRO

Dever-se-ha enterrar em chão sagrado aquelle que voluntariamente
procurou a sua salvação no suicidio?

SEGUNDO COVEIRO

Eu cá digo que sim; avia-te em cavar a cova, o magistrado viu e decidiu
que aqui fosse sepultada.

PRIMEIRO COVEIRO

Isso não póde ser, a menos que não se afogasse involuntariamente.

SEGUNDO COVEIRO

Já está reconhecido e decidido.

PRIMEIRO COVEIRO

As probabilidades todas são que pereceu _se offendendo_. Ninguem é capaz
persuadir do contrario. Vê tu como eu o provo. Se me afogar
voluntariamente existe um acto; ora, um acto subvide-se em tres ramos: a
acção, o cumprimento e a execução; ergo, afogou-se voluntariamente.

SEGUNDO COVEIRO

Assim será, mas escuta-me ao menos.

PRIMEIRO COVEIRO

Ouve-me ainda; a agua está aqui, o homem está acolá; muito bem, o homem
vae encontrar a agua e se afoga; forçosamente morre por seu motu
proprio; nota isto bem. Mas se, pelo contrario, é a agua que vem
encontrar o homem, e elle se afoga, então já não é elle que procura a
morte; ergo, aquelle que não é culpado na sua morte, não poz termo
voluntariamente á vida.

SEGUNDO COVEIRO

Mas será lei?

PRIMEIRO COVEIRO

É a lei que preside ao inquerito do magistrado.

SEGUNDO COVEIRO

Queres que te diga o que penso? Se a defunta não fosse senhora de
qualidade, de certo não a enterravam em chão sagrado.

PRIMEIRO COVEIRO

É bem verdade o que dizes; é triste que as pessoas de qualidade tenham,
a mais dos outros christãos seus iguaes, o direito de se afogarem e de
se enforcarem. Vamos sempre cavando! Não ha nobreza mais antiga que a
dos jardineiros, lavradores e coveiros; seguem a profissão de Adão!

SEGUNDO COVEIRO

Pois Adão era nobre?

PRIMEIRO COVEIRO

O primeiro que usou armas!

SEGUNDO COVEIRO

Deixa-te d’isso, não consta que as tivesse!

PRIMEIRO COVEIRO

Sempre és um pagão! como comprehendes tu então a escriptura sagrada? A
escriptura diz que Adão trabalhava o solo; como poderia elle trabalhar
sem pá ou enxada? Essas eram as suas armas. Vou fazer-te outra pergunta,
se não me responderes com acerto, não és mais que um….

SEGUNDO COVEIRO

Asno! continúa.

PRIMEIRO COVEIRO

Quem é que construiu mais solidamente que o pedreiro, carpinteiro e
constructor de navios?

SEGUNDO COVEIRO

O constructor do cadafalso, porque sobrevive a innumeros hospedes.

PRIMEIRO COVEIRO

Boa resposta, palavra de honra. Cadafalso é bem achado; mas para quem se
fez o cadafalso? para os que fazem o mal; ora, tu fizeste mal em dizer
que o cadafalso é mais solido que a igreja, logo merecias o cadafalso.
Vamos, procura e responde.

SEGUNDO COVEIRO

Agora eu! Quem é que construiu mais solidamente do que o pedreiro,
carpinteiro e constructor de navios?

PRIMEIRO COVEIRO

Dize tu primeiro, eu cá já sei.

SEGUNDO COVEIRO

Tambem eu.

PRIMEIRO COVEIRO

Vejamos.

SEGUNDO COVEIRO

Nada, não atino.

HAMLET e HORACIO apparecem ao fundo

PRIMEIRO COVEIRO

Basta de tratos ao teu cerebro; escusas de pensar mais, ficas sempre na
mesma. Quando alguma vez te fizerem essa pergunta, responde: «É o
coveiro; as moradas que construe duram até ao dia de juizo». Agora vae a
casa de Vaughan e traze-me um copo de licor.(O segundo coveiro sáe,
cantando.)

Quando eu era mancebo e quando amava
Tudo era para mim rapido goso,
Sómente noite e dia andava ancioso
Por o tempo matar que me matava.

HAMLET

Pois este homem não terá consciencia do que está fazendo, cantando
assim, quando cava uma sepultura?

HORACIO

O habito tudo póde.

HAMLET

E verdade, a mão pouco afeita ao trabalho tem o tacto mais delicado!

PRIMEIRO COVEIRO (cantando)

Mas a idade chegou, passo furtivo
Nas gastadoras garras me ha tomado,
E assim, mau grado meu, me ha condemnado
A viver entre a morte, morto-vivo. (Desenterra uma caveira.)

HAMLET (apontando para uma caveira)

Houve tempo em que esta cabeça tinha uma lingua e cantava; agora este
rustico fal-a rolar pelo solo, como se fosse a mandibula de Caim, o
primeiro homicida. O craneo que este imbecil trata com tão pouco
respeito, era talvez de algum profundo politico, que se julgava até
capaz de impor a sua opinião ao proprio Deus, não é verdade?

HORACIO

Tudo póde ser, senhor.

HAMLET

Ou talvez de algum cortezão cujo prestimo unico fosse repetir: «Deus
seja comvosco, como está, meu senhor?» É talvez o craneo do sr. fulano,
que gabava o cavallo do sr. cicrano, com a idéa que este lh’o désse, não
é verdade, Horacio?

HORACIO

Sim, meu senhor!

HAMLET

Deve assim ser! Agora pertence aos vermes; não tem nem pelle, nem
sangue, nem carne, e este coveiro fende-o com a sua enxada. Eis uma
estranha revolução, assim a comprehendessemos bem. Joga-se a bola com
esses ossos, como se nada tivessem custado a formar. Sinto estalar os
meus só pensando-o.

PRIMEIRO COVEIRO (cantando)

Uma enxada e uma pá logo em seguida,
Um lençol que amortalha o corpo todo,
Um buraco depois feito no lodo,
Eis ao que se reduz a humana vida. (Desenterra outra caveira.)

HAMLET

Eis um outro craneo; quem sabe se não seria de um jurisconsulto. Agora
acabaram as trapaças, as distincções subtis, as causas, as auctoridades
legaes e as finuras. Em vida, de certo não consentia sem um processo que
este imbecil lhe percutisse o craneo com a enxada. Porque não lhe
intenta agora uma acção por vias de facto e sevicias? Quem sabe, talvez
fosse um nedio comprador de bens immoveis, com os seus direitos, rendas,
privilegios, hypothecas e contratos. Eil-o agora elle mesmo hypothecado,
tem o privilegio commum a todos os mortaes, de ver a sua cabeça coberta
de pó e terra. Pois que! todas as acquisições tão bem garantidas, não
terão outro complemento senão assegurar-lhe um espaço apenas igual á
superficie de dois contratos de venda? Todos os seus titulos mal
caberiam n’este cofre, e comtudo é hoje a sua unica propriedade. Ah!

HORACIO

Unica, senhor!

HAMLET

Horacio, o pergaminho faz-se de pelles de carneiro, não é verdade?

HORACIO

Tambem de bezerro.

HAMLET

São pois os carneiros e bezerros que fazem fé em taes titulos. Vou
interrogar este rustico. A quem pertence essa cova?

PRIMEIRO COVEIRO

A mim!

(Cantando)

Um buraco depois feito no lodo,
Eis ao que se reduz a humana vida.

HAMLET

Effectivamente, creio ser tua, pois que estás dentro d’ella.

PRIMEIRO COVEIRO

O senhor está fóra, logo não é sua; mas apesar d’ella não me ser
destinada, é comtudo minha.

HAMLET

Mentes, é para um morto, e não para um vivo.

PRIMEIRO COVEIRO

Eis um desmentido prompto e que não admitte replica.

HAMLET

Para que homem cavas essa cova?

PRIMEIRO COVEIRO

Senhor, não é para um homem!

HAMLET

Para que mulher então?

PRIMEIRO COVEIRO

Nem tão pouco para uma mulher!

HAMLET

Quem será pois depositado n’esta cova?

PRIMEIRO COVEIRO

Uma pessoa que foi mulher, hoje é defunta; Deus se compadeça da sua
alma.

HAMLET

Que agudeza no seu positivismo! é preciso fallar-lhe com toda a clareza,
para não ser por elle enredado. Por Deus, Horacio, que noto ha tres
annos que o mundo se torna retrogrado, e o rustico se approxima tanto do
cortezão, que quasi se confundem. Ha quanto tempo és coveiro?

O COVEIRO

Dei-me a este officio desde o dia em que o defunto rei Hamlet venceu a
Fortimbraz.

HAMLET

Quanto tempo haverá?

O COVEIRO

Não o sabe? Pois não ha imbecil que lh’o não diga. Foi no mesmo dia em
que nasceu o joven Hamlet, aquelle que enlouqueceu, e foi mandado para
Inglaterra.

HAMLET

É isso; e porque o mandaram para Inglaterra?

O COVEIRO

Ora, porque? porque estava louco; talvez lá recupere a rasão, e se não a
recuperar, tambem não se perde muito.

HAMLET

E porque?

O COVEIRO

Não será visto aqui, e lá todos são tão loucos como elle.

HAMLET

Como enlouqueceu elle?

O COVEIRO

De um modo bem estranho, segundo dizem.

HAMLET

Mas de que modo?

O COVEIRO

É claro, perdendo a rasão.

HAMLET

E qual foi o motivo?

O COVEIRO

Um motivo dinamarquez, um motivo d’este paiz em que sou coveiro desde a
infancia, ha trinta annos.

HAMLET

Dize-me, quanto tempo póde um homem estar enterrado, antes de apodrecer?

O COVEIRO

Se não está já podre antes de morrer (porque temos n’esta epocha muito
corpo gangrenado, que mal supporta a inhumação), póde conservar-se de
oito a nove annos; um surrador conserva-se nove annos.

HAMLET

Porque mais tempo que os outros?

O COVEIRO

O exercicio da sua profissão cortiu-lhe de tal modo a pelle, que fica
impermeavel por muito tempo, e de certo sabe que a agua é o mais activo
destruidor dos cadaveres. Vê esta caveira? Ficou vinte e tres annos
debaixo da terra.

HAMLET

De quem era?

O COVEIRO

De um typo original; ora, quem lhe parece que seria?

HAMLET

Como posso eu sabel-o?

O COVEIRO

Leve-o o diabo. Lembro-me ainda do dia em que me vasou sobre a cabeça um
frasco de vinho do Rheno. Esta caveira, senhor, era de Yorick, o bobo do
rei.

HAMLET

Este craneo?

O COVEIRO

Sim, este mesmo.

HAMLET (pegando na caveira)

Dá-m’o, deixa-me vel-o. Pobre Yorick! Conheci-o, Horacio, era uma mina
inexgotavel de ditos engraçados; tinha uma imaginação viva e fecunda!
quantas vezes me levou aos hombros! agora ao pensal-o annuvia-se-me o
coração. Aqui estavam os seus labios, em que tantos osculos depuz. Onde
estão agora os teus sarcasmos, as tuas replicas, as tuas canções, esses
rasgos de alegria, que promoviam a hilaridade de todos os convivas? Que!
pois ninguem já póde rir com as tuas facecias? Descarnadas estão as
faces. Vae, entra como agora estás, na alcova de alguma beldade da moda;
dize-lhe então que arrebique e enfeites nada lhe valem, porque um dia
será igual a ti. Fal-a rir, dizendo-lh’o. Dize-me tu, Horacio…

HORACIO

O que, meu senhor?

HAMLET

Julgas tu que Alexandre, depois de enterrado, se parecesse com Yorick?

HORACIO

De certo!

HAMLET

E que tivesse tão mau cheiro? Fóra! (Deita fóra o craneo.)

HORACIO

Sem duvida alguma, senhor.

HAMLET

A que destinos grosseiros é possivel baixarmos, Horacio? Quem sabe se,
proseguindo nas suas successivas transformações, as cinzas de Alexandre
não estão hoje empregadas em tapar um barril?

HORACIO

Seria entrar n’um exame demasiado minucioso.

HAMLET

Não concordo. Podemos seguir seriamente esse exame, e com probabilidades
de obter um resultado. Por exemplo, Alexandre está morto, Alexandre está
sepultado, Alexandre tornou-se pó; o pó é terra, da terra tira-se
argilla, e quem impede que esta argilla, ultima metamorphose de
Alexandre, seja empregada como batoque n’um barril de cerveja? O
imperial Cesar, morto, tornou-se pó, e serve talvez para vedar uma fenda
e interceptar a passagem do ar; e essa argilla, que espalhava o terror
sobre o universo, vae calafetar um muro para impedir que o vento passe.
Mas, silencio: afastemo-nos, chega o rei: (Entram processionalmente
padres, levando á mão o caixão de Ophelia; segue-se Laerte e o cortejo
funebre, mais atrás o rei, a rainha e a côrte) e tambem a rainha! toda a
côrte! A quem prestarão os ultimos deveres? De quem será este funeral
incompleto? Tudo denuncia um suicidio. Deve porém ser pessoa de
categoria! Occultemo-nos e observemos, Horacio. (Afastam-se um pouco
Hamlet e Horacio.)

LAERTE

Que ceremonias falta cumprir?

HAMLET

Olha, é Laerte, um nobre mancebo.

LAERTE

Ha mais alguma cousa que fazer?

PRIMEIRO PADRE

Fizemos já para o seu funeral tudo quanto nos era licito fazer; a sua
morte tinha um caracter suspeito, e se ordens superiores não tivessem
imposto silencio aos canones da Igreja, teria sido sepultada em chão
profano, onde teria ficado até que a acordasse o clarim do juizo final.
Em vez de orar por ella, teriamos lançado sobre o seu corpo tições,
entulho e pedras; e comtudo coroaram-n’a como virgem, e flores cobriram
a sua campa, e o tanger do bronze sagrado acompanhou-a á sua ultima
morada.

LAERTE

Então nada mais se póde fazer?

PRIMEIRO PADRE

Mais nada; profanariamos o rito sagrado se entoassemos um _requiem_, ou
se implorassemos para ella o repouso destinado ás almas que voaram ao
céu santamente.

LAERTE

Seja pois o seu corpo depositado na campa, e possam d’elle e da sua
carne, pura e sem manha, desabrochar violetas! Sou eu que t’o digo,
padre sem alma, minha irmã gosará no céu a bemaventurança eterna,
emquanto que tu extorcer-te-has no inferno nas convulsões do supplicio
dos condemnados.

HAMLET

Que? É pois a bella Ophelia?

A RAINHA (lançando flores sobre a campa)

Flores para esta joven flor. Adeus! Esperava ver-te esposa do meu
Hamlet; contava, encantadora donzella, enfeitar o teu leito nupcial;
nunca pensei espargir flores sobre a tua sepultura.

LAERTE

Oh! que uma triplice e dez vezes triplice maldição cáia sobre a cabeça
do scelerado que commetteu tão negra acção, e provocou a perda da sua
rasão. Esperem que, antes que a terra a cubra, a estreite mais uma vez
nos meus braços (salta para dentro da cova). Agora enterrem
conjunctamente vivos e mortos, elevem sobre nós uma montanha que exceda
em altura o antigo Pélion, ou o azulado Olympo, cujo cimo vem beijar as
nuvens.

HAMLET (adiantando-se)

Quem é que na sua dor se exprime com tanta emphase; cuja voz detem os
astros no seu giro, attonitos de o ouvirem? Sou Hamlet, o dinamarquez!
(Arremessa-se á cova.)

LAERTE (lançando-se a elle)

O inferno se apodere da tua alma!

HAMLET

É um abominavel desejo: larga-me a garganta, retira as mãos, abaixo,
aconselho-t’o eu; não sou nem mau, nem arrebatado, mas é perigoso
excitar-me, e obrarás assisadamente pensando assim. Abaixo as mãos!

O REI

Separem-os.

A RAINHA

Hamlet! Hamlet!

TODOS

Senhores!

HORACIO

Contenham-se.

HAMLET

Por um tal motivo sinto-me capaz de combater com elle até ao ultimo
alento.

A RAINHA

Meu filho, qual é o motivo?

HAMLET

Amava Ophelia, e as affeições juntas de quarenta mil irmãos não poderiam
igualar a minha; (a Laerte) e que serias tu capaz de fazer por ella?

O REI

Deixa-o, Laerte, está louco.

A RAINHA

Pelo amor de Deus, não faça caso das suas palavras.

HAMLET

Vamos, dize-me, que tencionas tu fazer? Prantear, combater, jejuar,
rasgar tuas proprias carnes, beber o Issel todo, devorar um crocodilo?
Tudo farei. Vieste aqui para te lamentar, para me desafiar,
precipitando-te dentro da sua cova; enterra-te vivo com ella, outro
tanto farei; e já que fallaste em montanhas, accumulem ellas sobre nós
tanta terra, que o cume da nossa pyramide tumular toque a zona ardente,
e ao pé d’ella o monte Ossa não pareça mais que uma verruga. Pódes
encolerisar-te, que não me assustam os teus furores.

A RAINHA

É um accesso de loucura que durará algum tempo; depois, similhante á
meiga pomba acalentando os filhinhos, ficará silencioso e immovel.

HAMLET (a Laerte)

Dize-me, porque me tratas assim? Sempre fui teu amigo. Mas não importa.
Aindaque Hercules se oppozesse, se o gato miasse, o cão havia de ladrar
(afasta-se).

O REI

Siga-o, peço-lhe, meu caro Horacio. (Horacio segue Hamlet) (a Laerte)
Tem paciencia, lembra-te da nossa conversação de hontem, (Á rainha)
Querida Gertrudes, faça com que velem sobre Hamlet; (á parte) é preciso
dar como monumento a este tumulo uma victima humana. Cedo estarei
descansado; até então, paciencia! (Sáem todos.)

SCENA II

Uma sala no castello

Entram HAMLET e HORACIO

HAMLET

Basta sobre esse assumpto; passemos ao outro, recordas-te bem de todas
as circumstancias?

HORACIO

Se me lembro, meu senhor!

HAMLET

Uma especie de lucta apoderára-se do meu coração, vedava-me o somno,
sentia-me peior que um facinora acorrentado! Adoptando comtudo uma
resolução temeraria, achei na temeridade a minha força; lembremo-nos
sempre, Horacio, que a imprudencia é muitas vezes o nosso prestante
auxiliar, quando os nossos mais profundos calculos são impotentes, e
isto deve-nos ensinar que ha uma Providencia que aperfeiçoa e completa
os projectos que imperfeitamente esboçâmos.

HORACIO

Não ha cousa mais certa!

HAMLET

Saí pois do meu camarote a bordo, e coberto com as roupas de viagem
procurei e encontrei pelo tacto, ás escuras, a sua mala; abri-a e
revolvi-a toda, em seguida recolhi-me ao meu aposento; então o perigo
baniu todo o escrupulo, abri o despacho rompendo o sêllo real! Escuta o
que li, Horacio. Oh! perfidia real! Apoiando-se em differentes motivos,
a salvação da Dinamarca e da Inglaterra, e o perigo que para elle havia
em eu continuar a viver, o rei ordenava expressamente, que depois da
leitura d’essa carta, sem demora alguma, nem mesmo a necessaria para
afiar o cutello, eu fosse decapitado.

HORACIO

Será possivel?

HAMLET

Aqui tens a carta, lê-a á tua vontade. Mas queres tu saber o que eu
então fiz?

HORACIO

Diga, senhor; que foi?

HAMLET

Para saír salvo dos laços d’esta infame traição, appellei para a minha
intelligencia, e depressa formei o meu plano. Sentei-me, e redigi um
despacho com a melhor letra que pude fazer. Antigamente, assim como os
nossos homens d’estado considerava uma vergonha ter boa letra; e se
soubesses quanto eu desejei perdel-a! mas n’esta occasião foi-me
maravilhosamente util. Queres saber o que escrevi?

HORACIO

Com todo o gosto, senhor.

HAMLET

Dirigindo-se ao monarcha inglez como seu fiel tributario, dizia-lhe o
rei de Dinamarca, se queria que se conservasse virente a palma da
amisade, a paz se coroasse de espigas e se estreitassem os laços de uma
união duradoura, lhe ordenava que, finda a leitura da sua carta, sem
outro exame, sem lhes dar tempo de se confessarem, fizesse suppliciar os
portadores do despacho.

HORACIO

Mas com que sêllo fechou esse escripto?

HAMLET

A Providencia não me desamparou ainda n’essa occasião; tinha na minha
bolsa o sêllo de meu pae, reproducção exacta do sêllo do estado. Dobrei
pois o meu despacho na fórma do estylo, subscriptei-o e sellei-o, depois
colloquei-o no logar em que estava o outro: o engano não foi descoberto.
No dia seguinte, em vez de combate sabes o que houve.

HORACIO

Assim, Rosencrantz e Guildenstern, vão receber o seu justo castigo?

HAMLET

Procuraram-n’o por suas proprias mãos; não me peza na consciencia. Só de
si se podem queixar. É sempre uma desgraça para vis subalternos
acharem-se envolvidos nas contendas de dois poderosos adversarios.

HORACIO

E é rei? meu Deus!

HAMLET

O meu dever está agora claramente indicado. Áquelle que assassinou meu
pae, deshonrou minha mãe, que se interpoz entre a escolha da nação e as
minhas esperanças, que attentou contra a minha vida traiçoeira e
perfidamente, é justiça que o meu braço o puna. E não seria um crime
digno da condemnação eterna, deixar continuar esta ulcera no seu
trabalho corrosivo?

HORACIO

Mas dentro em pouco saberá de Inglaterra o desenlace de todo este
negocio?

HAMLET

Em breve o saberá, é verdade, mas o tempo que até então decorrer,
pertence-me, e o fio da vida do homem corta-se em menos tempo do que o
preciso para contar até dois. O que me peza, meu caro Horacio, é ter
desattendido Laerte, porque eu tambem sinto o que elle deve sentir.
Sempre prezei a sua estima; mas a emphatica exaltação da sua dor
exacerbou-me.

HORACIO

Silencio, principe; approxima-se alguem.

Entra OSRICO

OSRICO

Alegro-me, principe, que tenha regressado á Dinamarca.

HAMLET

Obrigado, senhor. (A Horacio) Conheces tu esse insecto?

HORACIO

Não, meu senhor.

HAMLET

És pois um homem moral, é um vicio conhecel-o. É verdade que possue
muitas e ferteis propriedades, mas é um estupido animal, que tem mando
sobre os outros, seguro de achar a sua mangedoura na mesa real; é um
ente desprezivel, mas, como disse, é senhor de vastos dominios.

OSRICO

Meu bom senhor, se não incommodo vossa alteza, alguma cousa tinha que
lhe communicar da parte de sua magestade.

HAMLET

Escutal-o-hei com prazer. Mas cubra-se já, que o chapéu foi feito para
estar na cabeça.

OSRICO

Obrigado, senhor, mas faz muita calma.

HAMLET

Faz muito frio, não acha? O vento está norte.

OSRICO

Effectivamente, faz bastante frio.

HAMLET

Não sei se é effeito de uma predisposição particular, mas acho um calor
abrasador.

OSRICO

Não ha duvida, faz tanto calor, que nem posso quasi respirar. Mas, meu
senhor, sua magestade encarregou-me de lhe dizer que fez uma aposta
consideravel, de que vossa alteza é o motivo.

HAMLET (fazendo-lhe signal de se cobrir)

Faz favor.

OSRICO

Perdão, senhor, mas não me incommoda. Vossa alteza de certo é sabedor
que chegou a esta côrte Laerte, um joven mui dextro, dotado das mais
raras qualidades, agradavel no trato, um perfeito moço. Para fallar
d’elle como merece, póde-se dizer que é o espelho e o almanach do bom
tom, porque n’elle estão reunidas todas as qualidades que deve possuir
um perfeito cavalheiro.

HAMLET

Senhor, não encareceu o retrato que d’elle fez; não é sufficiente toda a
arithmetica da memoria para redigir o inventario especificado de todas
as suas perfeições, e ainda assim o juizo ficaria áquem da verdade.
Fallando conscienciosamente, tenho-o na conta de um cavalheiro distincto
e de raro merecimento; digo-o sinceramente; para achar outro igual,
forçoso é que se olhe no seu espelho: os outros não seriam senão a sua
sombra.

OSRICO

O principe falla d’elle com a convicção da estima.

HAMLET

De que se trata, pois? Escusâmos embaçar as suas qualidades com o nosso
juizo.

OSRICO

Senhor!

HORACIO

Não seria possivel fallar uma lingua mais intelligivel? É-o por certo,
senhor.

HAMLET

Com que fim pronunciou o nome d’aquelle cavalheiro?

OSRICO

De Laerte?

HORACIO

Acabou-se-lhe o cabedal; ignora completamente o que ha de responder.

HAMLET

É verdade.

OSRICO

Sei que não ignora…

HAMLET

Queria que assim pensasse a meu respeito; e se assim fosse, fraco elogio
para mim seria. Continue agora.

OSRICO

Vossa alteza não ignora a superioridade de Laerte?

HAMLET

É o que não affirmo, com o receio de me comparar a elle. Para conhecer
um homem a fundo era necessario vestir a sua pelle.

OSRICO

Quero fallar da sua superioridade em manejar as armas; gosa da reputação
de não ter rival.

HAMLET

Quaes são as suas armas de predilecção?

OSRICO

Florete e adaga.

HAMLET

São só duas! prosiga.

OSRICO

O rei apostou seis bellos cavallos da melhor raça, contra seis espadas e
seis adagas francezas de Laerte, sem contar os cinturões, talabartes e
tudo o mais. Tres dos accessorios sobretudo são dignos da aposta e de um
trabalho maravilhoso, no estylo mesmo das armas.

HAMLET

Que chama accessorios?

HORACIO

Bem sabia eu que antes de terminar era infallivel algum reparo do
principe.

OSRICO

Os accessorios, senhor, são os enfeites dos cintos e talabartes em que
se suspendem as espadas.

HAMLET

A expressão seria mais exacta se em vez de espada usassemos um canhão;
sirvamo-nos pois do termo cinto na generalidade. Prosiga. Seis bellos
cavallos contra seis espadas e seus pertences, incluindo tres cintos,
obra prima da arte franceza; é pois a França contra a Dinamarca. Mas
qual é o motivo d’esta aposta?

OSRICO

O rei apostou que em doze golpes, Laerte não tocaria o principe senão
tres vezes. Laerte apostou que seriam nove em doze. A questão será
promptamente decidida se vossa alteza se dignar responder.

HAMLET

E se eu responder negativamente?

OSRICO

Quer dizer, se o principe convier em combater.

HAMLET

Senhor, vou agora passeiar n’esta sala; costumo todos os dias a esta
hora, entregar-me a esses exercicios: depois estou ás ordens do rei.
Tragam floretes com a annuencia de Laerte; e se o rei persistir no seu
empenho far-lhe-hei ganhar a aposta se podér; no caso contrario
restam-me os golpes recebidos e a vergonha.

OSRICO

Deverei dar ao rei a sua resposta?

HAMLET

Disse-lhe o meu pensamento: o seu talento saberá completar a resposta.

OSRICO

Um servo dedicado de vossa alteza. (Sáe.)

HAMLET

Muito agradecido, obrigado (a Horacio); fez bem de o dizer elle mesmo,
ninguem se encarregava por certo de tal missão.

HORACIO

Finalmente, estamos sós!

HAMLET

Estou certo que ao collo da ama, antes de o sugar, elogiava a alvura do
seu seio; similhante a tantas pessoas da sua tempera, que são o encanto
dos ignorantes, abraçam as modas do dia, e revestem-se de um falso
verniz de polidez, e, graças a essa mascara, são escutados pelos
sensatos; mas experimentem-os, são como bolas de sabão, que se
desvanecem ao menor sopro.

Entra UM SENHOR

O SENHOR

Senhor! o rei mandou o joven Osrico cumprimentar vossa alteza da sua
parte, o qual lhe disse que o principe esperava n’esta sala. El-rei
envia-me para saber se é intenção de vossa alteza combater já, ou adiar
o combate.

HAMLET

Tomei já a minha resolução, e concorda com os desejos de sua magestade.
Se Laerte está prompto, tambem eu o estou; immediatamente, ou quando
quizer, comtanto que me sinta sempre tão bem disposto como agora o
estou.

O SENHOR

Em breve chegarão o rei e a rainha, e toda a côrte.

HAMLET

Bemvindos sejam!

O SENHOR

É pedido da rainha que receba cordialmente Laerte, antes de dar
principio á contenda.

HAMLET

É justo o seu conselho. (O senhor sáe.)

HORACIO

Receio que o principe perca a aposta.

HAMLET

Não creias tal; depois que elle partiu, tenho-me continuamente
exercitado no jogo das armas: com a vantagem concedida a victoria é
certa. Se tu soubesse que dor sinto no coração! Não importa.

HORACIO

Comtudo, senhor!

HAMLET

É uma loucura, uma leve apprehensão, que apenas poderia influenciar uma
fraca mulher.

HORACIO

Se sente alguma repugnancia no seu espirito, obedeça-lhe. Vou
prevenil-os que não venham, que o principe se sente indisposto.

HAMLET

De modo nenhum! Luctarei com os meus presentimentos; a Providencia tem
já escripto o meu destino. Se tenho de morrer, nada o evitará, forçoso é
obedecer aos seus decretos; que seja hoje ou ámanhã, estou prompto;
tenho dito. Poisque o homem não é senhor do seu destino, que importa que
seja mais tarde ou mais cedo? Será o que Deus quizer.

Entram o REI, a RAINHA, LAERTE, OSRICO, SENHORES e CREADOS trazendo
floretes e luvas e uma mesa com frascos e taças

HAMLET (a Laerte)

Perdoe-me, se o offendi, mas perdoe-me como cavalheiro. Os que nos
cercam, sabem-o, e creio que tambem deve saber, que um terrivel
desvairamento se apossou de mim. Se alguma cousa fiz que podesse irritar
o seu caracter e a sua honra e melindre, proclamo-o bem alto: «Loucura!»
Seria ainda Hamlet que offendeu Laerte? Nunca, nunca poderia ser Hamlet.
Então não era elle, e não sendo elle, como offenderia Hamlet a Laerte? É
claro, não era elle; renego todos esses actos. Quem foi então? a
loucura. Sendo assim, Hamlet abraça o offendido; o verdadeiro inimigo do
desditoso Hamlet é a sua loucura. Senhor, depois d’esta confissão, em
que perante todos renego toda a má intenção, poderá ainda a sua
generosidade condemnar-me? É como se inconscientemente despedisse por
cima de uma casa um dardo, e fosse ferir um irmão.

LAERTE

Meu coração está satisfeito; era elle que mais me excitava á vingança;
mas no campo da honra recuso-me a toda a conciliação, até que arbitros
mais idosos e de provada lealdade, me imponham, fundados em precedentes,
uma sentença de paz, que ponha o meu nome ao abrigo de toda a suspeita.
Até então acceito a amisade que me offerece, e nada farei em seu
detrimento.

HAMLET

Acceito francamente essa promessa, e a lucta fraternal que vamos
encetar. Venham os floretes, comecemos.

LAERTE

Dêem-me um florete!

HAMLET

Vou ser o seu alvo, Laerte; ao pé da minha inexperiencia vae sobresaír a
sua pericia, como um astro brilhante em noite escura.

LAERTE

Zomba de mim?

HAMLET

Juro que não!

O REI

Dá-lhes floretes, Osrico, Primo Hamlet, conheces a aposta?

HAMLET

Perfeitamente, senhor; aposta demasiado vantajosa para o mais fraco.

O REI

Nada receio; já os conheço ambos, e poisque Hamlet é quem mais
avantajado está, a sorte está pelo nosso lado.

LAERTE (examinando um florete)

Este não, que é muito pesado; outro!

HAMLET

Este convem-me; os floretes são todos iguaes, não é verdade?

OSRICO

Sim, meu bom senhor. (Collocam-se.)

O REI

Ponham os frascos sobre a mesa. Se Hamlet o tocar a primeira e segunda
vez, ou se elle aparar o terceiro golpe, que as baterias rompam uma
salva geral; beberei á saude de Hamlet, e lançarei na taça uma perola
mais preciosa que as que usavam nos seus diademas os quatro reis meus
predecessores. Venham as taças. Que os timbales annunciem aos clarins,
os clarins aos canhões, os canhões aos céus, os céus á terra que o rei
brinda por Hamlet. Vamos, senhores, podem começar, e vós juizes,
attenção!

HAMLET

Em guarda!

LAERTE

Em guarda, principe! (Começam.)

HAMLET

Uma!

LAERTE

Não tocou.

HAMLET

Os juizes que decidam!

OSRICO

Tocou, não ha duvida.

LAERTE

Recomecemos.

O REI

Esperem, encham as taças. Hamlet, dou-te esta perola, brindo por ti.
Offereçam-lhe a taça. (Clarins e salvas.)

HAMLET

Prefiro acabar a contenda, esperem; depois beberei. Vamos, Laerte. Uma!
que diz agora?

LAERTE

Fui tocado, confesso-o.

O REI

Hamlet ganha.

A RAINHA

Estás fatigado, falta-te o fôlego. Limpa a fronte com o meu lenço. A
rainha bebe á tua victoria, Hamlet.

HAMLET

Minha senhora!

O REI

Não bebas, Gertrudes.

A RAINHA

Bebo, senhor, desculpe-me, desejo-o.

O REI (á parte)

Era a taça envenenada, já não ha remedio.

HAMLET

Ainda não bebo, mais tarde, senhora.

A RAINHA

Deixa-me limpar tua fronte, filho!

LAERTE (ao rei, á parte)

Senhor, agora verá.

O REI

Já não creio.

LAERTE (á parte)

E, comtudo, diz-me a consciencia que não.

HAMLET

Vamos, Laerte, a terceira prova; não me poupe, peço-lh’o; desenvolva
toda a sua pericia, não me trate como creança.

LAERTE

Que diz? em guarda, pois.

OSRICO

Ainda nada.

LAERTE

Agora toquei. (No encarniçado da lucta trocam os floretes, e Hamlet é
ferido e fere Laerte.)

O REI

Separem-nos, estão desesperados.

HAMLET

Não, recomecemos. (A rainha cáe)

OSRICO

Acudam á rainha; acudam!

HORACIO

Feridos ambos!! que é isto, senhor?

OSRICO

Como está Laerte?

LAERTE

Colhido no meu proprio laço, morro pela minha traição.

HAMLET

Que tem a rainha?

O REI

Desmaiou á vista do sangue.

A RAINHA

Não, não! a bebida, a bebida! meu Hamlet, a bebida! a bebida!
envenenada… (Morre.)

HAMLET

Oh! infamia! fechem as portas, traição! quero conhecel-a.

LAERTE

Eu t’o digo, é esta: Hamlet, morres assassinado, nada te póde salvar;
meia hora, quando muito, te resta de vida, na tua mão ainda conservas a
arma da traição afiada e envenenada; tambem sou victima da minha
perfidia. Escuta, já sinto a morte, tua mãe envenenada… morro, Hamlet!
o rei… só o rei culpado… (Desfallecendo.)

HAMLET

A ponta envenenada! veneno, cumpre o teu dever. (Fere o rei.)

OSRICO e SENHOR

Traição! traição!

O REI

Defendam-me, é apenas leve ferimento.

HAMLET

Bebe os restos d’esta taça, incestuoso assassino, damnado dinamarquez.
Procura a perola, achal-a-has seguindo minha mãe. (Vasa á força o resto
da taça pela bôca do rei, que cáe e morre.)

LAERTE (n’um ultimo alento de vida)

É justo o castigo; morre pelo veneno que preparáras. Hamlet,
perdoemo-nos mutuamente, e livres de qualquer reciproco remorso subam
nossas almas abraçadas ao céu. (Morre.)

HAMLET

Absolva-te o céu, como eu te perdôo; sigo-te, Laerte (a Horacio) morro,
Horacio. Rainha desgraçada, adeus. A vós todos, que ao ver esta
catastrophe empallideceis, mudos espectadores d’este drama, se tivesse
tempo ainda, se esta ancia terrivel não m’o vedasse, poderia dizer…
agora, resignação. Eu morro, Horacio, tu viverás, justifica-me, explica
o meu odio aos que o ignoram.

HORACIO

Isso nunca! sou mais romano que dinamarquez, e n’esta taça ainda ha
liquido.

HAMLET

Se és homem, dá-m’a; larga-a, por Deus, quero-a. Vive para revelar um
tão infame crime. Se alguma vez foste meu amigo, não apresses a tua
felicidade celeste e permanece n’este mundo odioso, conta a minha
historia. (Ouve-se uma marcha) Que rumor marcial é este?

HORACIO

É o jovem Fortimbraz, que regressa victorioso da Polonia, e que saúda os
embaixadores de Inglaterra com esta salva guerreira. (Ouvem-se tiros.)

HAMLET

Morro, Horacio, triumpha o veneno poderoso; nem já as noticias de
Inglaterra me é dado saber, mas predigo que Fortimbraz ha de reinar;
morrendo, voto por elle; conta-lhe mais ou menos os pormenores da causa
da minha morte. O resto… é… silencio… (Morre)

HORACIO

Que nobre alma! Adeus, meu adorado principe, os anjos do céu o embalem
com os seus canticos divinos. Mas porque é esta marcha? (Ouve-se uma
marcha militar.)

Entram FORTIMBRAZ, os EMBAIXADORES a outras pessoas

FORTIMBRAZ

Que vejo?

HORACIO

Vae sabel-o. Desgraça ou prodigio, está patente a seus olhos.

FORTIMBRAZ

Que hecatombe, que horror! Oh! morte, que festim cruento preparavas tu,
para precisar de uma só vez tanto sangue real?

PRIMEIRO EMBAIXADOR

Que horrivel espectaculo! tarde chegâmos de Inglaterra. Já não nos póde
ouvir aquelle de cujas ordens annunciavamos o cumprimento, trazendo a
nova da execução de Rosencrantz e Guildenstern. Quem nol-o agradecerá
agora?

HORACIO

Elle não, que os seus labios agora gelidos nunca o ordenaram. Mas,
poisque vindes de Inglaterra e de Polonia e presenceaes esta crise
sangrenta, ordenae que bem alto, á vista de todos, sejam collocados
estes corpos, e eu lhes direi a causa d’estes factos, poisque a ignoram.
Então soarão aos seus ouvidos actos carnaes, incestos, sangue,
expiações, assassinios fortuitos, mortes causadas pela perfidia ou por
força maior, e para desfecho traições que feriram os proprios auctores;
eis a minha narração, e juro que é verdade.

FORTIMBRAZ

Ouçâmol-o promptamente, convoquemos os nobres: dolorosamente acceito o
meu novo encargo, pois tenho sobre este reino direitos incontestaveis,
que é meu dever reivindicar.

HORACIO

Missão tenho de lhe fallar a esse respeito, da parte d’aquelle que vivo
teria tido os suffragios do povo. Seja pois rapida a decisão, antes que
os espiritos preplexos sejam dominados por alguma conspiração ou engano
que causem novas desgraças.

FORTIMBRAZ

Sejam por quatro capitães levados os restos mortaes de Hamlet:
façam-se-lhe todas as honras militares. Se vivesse teria sido um grande
rei. Quando passar, salvem os canhões. Levem os cadaveres, esta vista é
só propria dos campos de batalha; aqui causa horror! Executem as minhas
ordens, rompam as salvas de canhões e as descargas de fuzilaria, e as
marchas funebres. Morreu o que havia de ser rei de Dinamarca. (Desfilam
todos com os cadaveres: ouvem-se salvas de artilheria, descargas de
fuzilaria e marchas funebres. Cae o panno.)

Fim do quinto e ultimo acto

Ein Sommernachtstraum — August Wilhelm von Schlegel

Personen:

Theseus, (Herzog von Athen)

Egeus, (Vater der Hermia)

Lysander und Demetrius, (Liebhaber der Hermia)

Philostrat, (Aufseher der Lustbarkeiten am Hofe des Theseus)

Squenz, (der Zimmermann)

Schnock, (der Schreiner)

Zettel, (der Weber)

Flaut, (der Bälgenflicker)

Schnauz, (der Kesselflicker)

Schlucker, (der Schneider)

Hippolyta, (Königin der Amazonen, mit Theseus verlobt)

Hermia, (Tochter des Egeus, in Lysander verliebt)

Helena, (in Demetrius verliebt)

Oberon(, König der Elfen)

Titania, (Königin der Elfen)

Droll, (ein Elf)

Bohnenblüte, Spinnweb, Motte und Senfsamen, (Elfen)

Pyramus, Thisbe, Wand, Mondschein und Löwe,
(Rollen in dem Zwischenspiel, das von den Rüpeln vorgestellt wird)

(Andre Elfen, im Gefolge des Königs und der Königin)

(Gefolge des Theseus und der Hippolyta)

Szene: Athen und ein nahegelegener Wald

Erster Aufzug

Erste Szene

Ein Saal im Palaste des Theseus
(Theseus, Hippolyta, Philostrat und Gefolge treten auf)

Theseus.
Nun rückt, Hippolyta, die Hochzeitsstunde
Mit Eil heran; vier frohe Tage bringen
Den neuen Mond; doch, o wie langsam nimmt
Der alte ab!  Er hält mein Sehnen hin,
Gleich einer Witwe, deren dürres Alter
Von ihres Stiefsohns Renten lange zehrt.

Hippolyta.
Vier Tage tauchen sich ja schnell in Nächte,
Vier Nächte träumen schnell die Zeit hinweg:
Dann soll der Mond, gleich einem Silberbogen,
Am Himmel neu gespannt, die Nacht beschaun
Von unserm Fest.

Theseus.
Geh, Philostrat, berufe
Die junge Welt Athens zu Lustbarkeiten!
Erweck den raschen, leichten Geist der Lust,
Den Gram verweise hin zu Leichenzügen:
Der bleiche Gast geziemt nicht unserm Pomp.

(Philostrat ab.)

Hippolyta!  ich habe mit dem Schwert
Um dich gebuhlt, durch angetanes Leid
Dein Herz gewonnen; doch ich stimme nun
Aus einem andern Ton, mit Pomp, Triumph,
Bankett und Spielen die Vermählung an.

(Egeus, Hermia, Lysander und Demetrius treten auf.)

Egeus.
Dem großen Theseus, unserm Herzog, Heil!

Theseus.
Mein guter Egeus, Dank!  Was bringst du Neues?

Egeus.
Verdrusses voll erschein ich und verklage
Mein Kind hier, meine Tochter Hermia.—
Tritt her, Demetrius.—Erlauchter Herr,
Dem da verhieß mein Wort zum Weibe sie.
Tritt her, Lysander.—Und, mein gnädger Fürst,
Der da betörte meines Kindes Herz.
Ja!  Du, Lysander, du hast Liebespfänder
Mit ihr getauscht: du stecktest Reim ihr zu;
Du sangst im Mondlicht unter ihrem Fenster
Mit falscher Stimme Lieder falscher Liebe;
Du stahlst den Abdruck ihrer Phantasie
Mit Flechten deines Haares, buntem Tand,
Mit Ringen, Sträußen, Näschereien (Boten
Von viel Gewicht bei unbefangner Jugend);
Entwandest meiner Tochter Herz mit List
Verkehrtest ihren kindlichen Gehorsam
In eigensinngen Trotz.—Und nun, mein Fürst,
Verspricht sie hier vor Eurer Hoheit nicht
Sich dem Demetrius zur Eh, so fordr ich
Das alte Bürgervorrecht von Athen,
Mit ihr, wie sie mein eigen ist, zu schalten.
Dann übergeb ich diesem Manne sie,
Wo nicht, dem Tode, welchen unverzüglich
In diesem Falle das Gesetz verhängt.

Theseus.
Was sagt Ihr, Hermia?  Laßt Euch raten, Kind.
Der Vater sollte wie ein Gott Euch sein,
Der Euren Reiz gebildet; ja, wie einer,
Dem Ihr nur seid wie ein Gepräg, in Wachs
Von seiner Hand gedrückt, wie’s ihm gefällt,
Es stehnzulassen oder auszulöschen.
Demetrius ist ja ein wackrer Mann.

Hermia.
Lysander auch.

Theseus.
An sich betrachtet wohl;
So aber, da des Vaters Stimm ihm fehlt,
Müßt Ihr für wackrer doch den andern achten.

Hermia.
O säh mein Vater nur mit meinen Augen!

Theseus.
Eur Auge muß nach seinem Urteil sehn.

Hermia.
Ich bitt Euch, gnädger Fürst, mir zu verzeihn.
Ich weiß nicht, welche Macht mir Kühnheit gibt,
Noch wie es meiner Sittsamkeit geziemt,
In solcher Gegenwart das Wort zu führen;
Doch dürft ich mich zu fragen unterstehn:
Was ist das Härtste, das mich treffen kann,
Verweigr ich dem Demetrius die Hand?

Theseus.
Den Tod zu sterben oder immerdar
Den Umgang aller Männer abzuschwören.
Drum fraget Eure Wünsche, schönes Kind,
Bedenkt die Jugend, prüfet Euer Blut,
Ob Ihr die Nonnentracht ertragen könnt,
Wenn Ihr der Wahl des Vaters widerstrebt,
Im dumpfen Kloster ewig eingesperrt
Als unfruchtbare Schwester zu verharren,
Den keuschen Mond mit matten Hymnen feiernd.
O dreimal selig, die, des Bluts Beherrscher,
So jungfräuliche Pilgerschaft bestehn!
Doch die gepflückte Ros ist irdischer beglückt,
Als die am unberührten Dorne welkend
Wächst, lebt und stirbt in heilger Einsamkeit.

Hermia.
So will ich leben, gnädger Herr, so sterben,
Eh ich den Freiheitsbrief des Mädchentums
Der Herrschaft dessen überliefern will,
Des unwillkommnem Joche mein Gemüt
Die Huldigung versagt.

Theseus.
Nehmt Euch Bedenkzeit; auf den nächsten Neumond,
Den Tag, der zwischen mir und meiner Lieben
Den ewgen Bund der Treu besiegeln wird;
Auf diesen Tag bereitet Euch, zu sterben
Für Euren Ungehorsam, oder nehmt
Demetrius zum Gatten, oder schwört
Auf ewig an Dianens Weihaltar
Ehlosen Stand und Abgeschiedenheit.

Demetrius.
Gebt, Holde, nach; gib gegen meine Rechte,
Lysander, deinen kahlen Anspruch auf.

Lysander.
Demetrius, Ihr habt des Vaters Liebe:
Nehmt ihn zum Weibe; laßt mir Hermia.

Egeus.
Ganz recht, du Spötter!  Meine Liebe hat er;
Was mein ist, wird ihm meine Liebe geben;
Und sie ist mein; und alle meine Rechte
An sie verschreib ich dem Demetrius.

Lysander.
Ich bin, mein Fürst, so edlen Stamms wie er;
So reich an Gut; ich bin an Liebe reicher;
Mein Glücksstand hält die Waag auf alle Weise
Dem seinigen, wo er nicht überwiegt;
Und (dies gilt mehr als jeder andre Ruhm)
Ich bin es, den die schöne Hermia liebt.
Wie sollt ich nicht bestehn auf meinem Recht?
Demetrius (ich will’s auf seinen Kopf
Beteuern) buhlte sonst um Helena,
Die Tochter Nedars, und gewann ihr Herz:
Und sie, das holde Kind, schwärmt nun für ihn,
Schwärmt andachtsvoll, ja mit Abgötterei
Für diesen schuldgen, flatterhaften Mann.

Theseus.
Ich muß gestehn, daß ich dies auch gehört
Und mit Demetrius davon zu sprechen
Mir vorgesetzt; nur, da ich überhäuft
Mit eignen Sorgen bin, entfiel es mir.
Doch ihr, Demetrius und Egeus, kommt!
Ihr müßt jetzt mit mir gehn, weil ich mit euch
Verschiednes insgeheim verhandeln will.
Ihr, schöne Hermia, rüstet Euch, dem Sinn
Des Vaters Eure Grillen anzupassen;
Denn sonst bescheidet Euch Athens Gesetz,
Das wir auf keine Weise schmälern können,
Tod oder ein Gelübd des ledgen Standes.
Wie geht’s, Hippolyta?  Kommt, meine Traute!
Ihr, Egeus und Demetrius, geht mit!
Ich hab euch noch Geschäfte aufzutragen
Für unser Fest; auch muß ich noch mit euch
Von etwas reden, was euch nah betrifft.

Egeus.
Dienstwillig und mit Freuden folgen wir.

(Theseus, Hippolyta, Egeus, Demetrius und Gefolge ab.)

Lysander.
Nun, liebes Herz?  Warum so blaß die Wange?
Wie sind die Rosen dort so schnell verwelkt?

Hermia.
Vielleicht, weil Regen fehlt, womit gar wohl
Sie mein umwölktes Auge netzen könnte.

Lysander.
Weh mir!  Nach allem, was ich jemals las
Und jemals hört in Sagen und Geschichten,
Rann nie der Strom der treuen Liebe sanft;
Denn bald war sie verschieden an Geburt—

Hermia.
O Qual!  zu hoch, vor Niedrigem zu knien!

Lysander.
Bald war sie in den Jahren mißgepaart—

Hermia.
O Schmerz!  zu alt, mit jung vereint zu sein!

Lysander.
Bald hing sie ab von der Verwandten Wahl—

Hermia.
O Tod!  mit fremdem Aug den Liebsten wählen!

Lysander.
Und war auch Sympathie in ihrer Wahl,
So stürmte Krieg, Tod, Krankheit auf sie ein
Und macht’ ihr Glück gleich einem Schalle flüchtig,
Wie Schatten wandelbar, wie Träume kurz,
Schnell wie der Blitz, der in geschwärzter Nacht
Himmel und Erd in einem Wink entfaltet;
Doch eh ein Mensch vermag zu sagen: schaut!
Schlingt gierig ihn die Finsternis hinab:
So schnell verdunkelt sich des Glückes Schein.

Hermia.
Wenn Leid denn immer treue Liebe traf,
So steht es fest im Rate des Geschicks.
Drum laß Geduld uns durch die Prüfung lernen,
Weil Leid der Liebe so geeignet ist
Wie Träume, Seufzer, stille Wünsche, Tränen,
Der armen kranken Leidenschaft Gefolge.

Lysander.
Ein guter Glaube!  Hör denn, Hermia!
Es liegt nur sieben Meilen von Athen
Das Haus ‘ner alten Witwe, meiner Muhme;
Sie lebt von großen Renten, hat kein Kind
Und achtet mich wie ihren einzgen Sohn.
Dort, Holde, darf ich mich mit dir vermählen,
Dorthin verfolgt das grausame Gesetz
Athens uns nicht: liebst du mich denn, so schleiche
Aus deines Vaters Hause morgen nacht
Und in den Wald ‘ne Meile von der Stadt,
Wo ich einmal mit Helena dich traf,
Um einen Maienmorgen zu begehn;
Da will ich deiner warten.

Hermia.
Mein Lysander!
Ich schwör es dir bei Amors stärkstem Bogen,
Bei seinem besten, goldgespitzten Pfeil
Und bei der Unschuld von Cytherens Tauben;
Bei dem, was Seelen knüpft in Lieb und Glauben;
Bei jenem Feur, wo Dido einst verbrannt,
Als der Trojaner falsch sich ihr entwand;
Bei jedem Schwur, den Männer je gebrochen,
Mehr an der Zahl, als Frauen je gesprochen;
Du findest sicher morgen mitternacht
Mich an dem Platz, wo wir es ausgemacht.

Lysander.
Halt, Liebe, Wort!  Sieh, da kommt Helena.

(Helena tritt auf.)

Hermia.
Gott grüß Euch, schönes Kind!  Wohin soll’s gehn?

Helena.
Schön nennt Ihr mich?—Nein, widerruft dies Schön!
Euch liebt Demetrius, beglückte Schöne!—
Ein Angelstern ist Euer Aug; die Töne
Der Lippe süßer, als der Lerche Lied
Dem Hirten scheint, wenn alles grünt und blüht.
Krankheit steckt an; o tät’s Gestalt und Wesen!
Nie wollt ich, angesteckt von Euch, genesen.
Mein Aug lieh’ Euren Blick, die Zunge lieh’
Von Eurer Zunge Wort und Melodie.
Wär mein die Welt, ich ließ damit Euch schalten,
Nur diesen Mann wollt ich mir vorbehalten.
O lehrt mich, wie Ihr blickt!  Durch welche Kunst
Hängt so Demetrius an Eurer Gunst?

Hermia.
Er liebt mich stets, trotz meinen finstern Mienen.

Helena.
O lernte das mein Lächeln doch von ihnen!

Hermia.
Ich fluch ihm, doch das nährt sein Feuer nur.

Helena.
Ach, hegte solche Kraft mein Liebesschwur!

Hermia.
Je mehr gehaßt, je mehr verfolgt er mich.

Helena.
Je mehr geliebt, je ärger haßt er mich.

Hermia.
Soll ich denn schuld an seiner Torheit sein?

Helena.
Nur Eure Schönheit: wär die Schuld doch mein!

Hermia.
Getrost!  ich werd ihm mein Gesicht entziehen.
Lysander wird mit mir von hinnen fliehen.
Vor jener Zeit, als ich Lysandern sah,
Wie schien Athen ein Paradies mir da!
Nun denn, wofür sind Reize wohl zu achten,
Die einen Himmel mir zur Hölle machten?

Lysander.
Laß, Helena, dir unsern Schluß vertrauen:
Wenn morgen Phöbe die begrünten Auen
Mit ihrer Perlen feuchtem Schmuck betaut
Und ihre Stirn im Wellenspiegel schaut,
Wann Still’ und Nacht verliebten Raub verhehlen,
Dann wollen wir zum Tor hinaus uns stehlen.

Hermia.
Und in dem Wald, wo oftmals ich und du
Auf Veilchenbetten pflogen sanfter Ruh,
Wo unsre Herzen schwesterlich einander
Sich öffneten, da trifft mich mein Lysander.
Wir suchen, von Athen hinweggewandt,
Uns neue Freunde dann in fremdem Land.
Leb wohl, Gespielin, bete für uns beide!
Demetrius sei deines Herzens Freude!
Lysander, halte Wort!—Was Lieb erquickt,
Wird unserm Blick bis morgen nacht entrückt.

(Ab.)

Lysander.
Das will ich!—Lebet wohl nun, Helena!
Der Liebe Lohn sei Eurer Liebe nah.

(Ab.)

Helena.
Wie kann das Glück so wunderlich doch schalten!
Ich werde für so schön als sie gehalten.
Was hilft es mir, solang Demetrius
Nicht wissen will, was jeder wissen muß?
Wie Wahn ihn zwingt, an Hermias Blick zu hangen,
Vergöttr ich ihn, von gleichem Wahn befangen.
Dem schlechteren Ding an Art und an Gehalt
Leiht Liebe dennoch Ansehn und Gestalt.
Sie sieht mit dem Gemüt, nicht mit den Augen,
Und ihr Gemüt kann nie zum Urteil taugen.
Drum nennt man ja den Gott der Liebe blind.
Auch malt man ihn geflügelt und als Kind,
Weil er, von Spiel zu Spielen fortgezogen,
In seiner Wahl so häufig wird betrogen.
Wie Buben oft im Scherze lügen, so
Ist auch Cupido falscher Schwüre froh.
Eh Hermia meinen Liebsten mußt entführen,
Ergoß er mir sein Herz in tausend Schwüren;
Doch kaum erwärmt von jener neuen Glut,
Verrann, versiegte diese wilde Flut.
Jetzt geh ich, Hermias Flucht ihm mitzuteilen;
Er wird ihr nach zum Walde morgen eilen.
Zwar, wenn er Dank für den Bericht mir weiß,
So kauf ich ihn um einen teuren Preis.
Doch will ich, mich für meine Müh zu laben,
Hin und zurück des Holden Anblick haben.

(Ab.)

Zweite Szene

Eine Stube in einer Hütte
(Squenz, Schnock, Zettel, Flaut, Schnauz und Schlucker kommen)

Squenz.
Ist unsre ganze Kompanie beisammen?

Zettel.
Es wäre am besten, Ihr riefet sie auf einmal Mann für Mann
auf, wie es die Liste gibt.

Squenz.
Hier ist der Zettel von jedermanns Namen, der in ganz Athen
für tüchtig gehalten wird, in unserm Zwischenspiel vor dem
Herzog und der Herzogin zu agieren, an seinem Hochzeitstag
zu Nacht.

Zettel.
Erst, guter Peter Squenz, sag uns, wovon das Stück handelt;
dann lies die Namen der Akteure ab und komm so zur Sache.

Squenz.
Wetter, unser Stück ist—die höchst klägliche Komödie und
der höchst grausame Tod des Pyramus und der Thisbe.

Zettel.
Ein sehr gutes Stück Arbeit, ich sag’s euch!  und lustig!—
Nun, guter Peter Squenz, ruf die Akteure nach dem Zettel
auf.—Meister, stellt euch auseinander!

Squenz.
Antwortet, wie ich euch rufe!—Klaus Zettel, der Weber.

Zettel.
Hier!  Sagt, was ich für einen Part habe, und dann weiter.

Squenz.
Ihr, Klaus Zettel, seid als Pyramus angeschrieben.

Zettel.
Was ist Pyramus ?  Ein Liebhaber oder ein Tyrann?

Squenz.
Ein Liebhaber, der sich auf die honetteste Manier vor Liebe
umbringt.

Zettel.
Das wird einige Tränen kosten bei einer wahrhaftigen
Vorstellung.  Wenn ich’s mache, laßt die Zuhörer nach ihren
Augen sehn!  Ich will Sturm erregen, ich will einigermaßen
lamentieren.  Nun zu den übrigen;—eigentlich habe ich noch
das beste Genie zu einem Tyrannen; ich könnte einen Herkles
kostbarlich spielen, oder eine Rolle, wo man alles kurz und
klein schlagen muß.

Der Felsen Schoß
Und toller Stoß
Zerbricht das Schloß
Der Kerkertür, Und Phöbus’ Karrn
Kommt angefahrn
Und macht erstarrn
Des stolzen Schicksals Zier.
Das ging prächtig.—Nun nennt die übrigen Akteure.—Dies ist
Herklessens Natur, eines Tyrannen Natur; ein Liebhaber ist
schon mehr lamentabel.

Squenz.
Franz Flaut, der Bälgenflicker!

Flaut.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Flaut, Ihr müßt Thisbe über Euch nehmen.

Flaut.
Was ist Thisbe?  ein irrender Ritter?

Squenz.
Es ist das Fräulein, das Pyramus lieben muß.

Flaut.
Ne, meiner Seel, laßt mich keine Weiberrolle machen; ich
kriege schon einen Bart.

Squenz.
Das ist alles eins!  Ihr sollt’s in einer Maske spielen und
könnt so fein sprechen, als Ihr wollt.

Zettel.
Wenn ich das Gesicht verstecken darf, so gebt mir Thisbe
auch.  Ich will mit ‘ner terribel feinen Stimme reden:
«Thisne, Thisne!—Ach Pyramus, mein Liebster schön!  Deine
Thisbe schön und Fräulein schön!»

Squenz.
Nein, nein!  Ihr müßt den Pyramus spielen und, Flaut, Ihr,
die Thisbe.

Zettel.
Gut, nur weiter!

Squenz.
Matz Schlucker, der Schneider!

Schlucker.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Matz Schlucker, Ihr müßt Thisbes Mutter spielen.  Thoms
Schnauz, der Kesselflicker!

Schnauz.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Ihr, des Pyramus Vater, ich selbst Thisbes Vater; Schnock,
der Schreiner, Ihr des Löwen Rolle.  Und so wäre dann halt ‘ne
Komödie in den Schick gebracht.

Schnock.
Habt Ihr des Löwen Rolle aufgeschrieben?  Bitt Euch, wenn Ihr
sie habt, so gebt sie mir; denn ich habe einen schwachen Kopf
zum Lernen.

Squenz.
Ihr könnt sie (ex tempore) machen; es ist nichts wie brüllen.

Zettel.
Laßt mich den Löwen auch spielen.  Ich will brüllen, daß es
einem Menschen im Leibe wohl tun soll, mich zu hören.  Ich
will brüllen, daß der Herzog sagen soll: «Noch mal brüllen!
Noch mal brüllen!»

Squenz.
Wenn Ihr es gar zu fürchterlich machtet, so würdet Ihr die
Herzogin und die Damen erschrecken, daß sie schrien, und
das brächte uns alle an den Galgen.

Alle.
Ja, das brächte uns an den Galgen, wie wir da sind.

Zettel.
Zugegeben, Freunde!  wenn ihr die Damen erst so erschreckt,
daß sie um ihre fünf Sinne kommen, so werden sie unvernünftig
genug sein, uns aufzuhängen.  Aber ich will meine Stimme
forcieren, ich will euch so sanft brüllen wie ein saugendes
Täubchen:—ich will euch brüllen, als wär es ‘ne Nachtigall.

Squenz.
Ihr könnt keine Rolle spielen als den Pyramus.  Denn Pyramus
ist ein Mann mit einem süßen Gesicht, ein hübscher Mann, wie
man ihn nur an Festtagen verlangen kann, ein scharmanter,
artiger Kavalier.  Derhalben müßt Ihr platterdings den Pyramus
spielen.

Zettel.
Gut, ich nehm’s auf mich.  In was für einem Bart könnt ich ihn
wohl am besten spielen?

Squenz.
Nu, in was für einem Ihr wollt.

Zettel.
Ich will ihn machen entweder in dem strohfarbenen Bart, oder
in dem orangegelben Bart, oder in dem karmesinroten Bart, in
dem ganz gelben.

Squenz.
Hier, Meister, sind eure Rollen, und ich muß euch bitten,
ermahnen und ersuchen, sie bis morgen nacht auswendig zu
wissen.  Trefft mich in dem Schloßwalde, eine Meile von der
Stadt, bei Mondschein: da wollen wir probieren.  Denn wenn wir
in der Stadt zusammenkommen, werden wir ausgespürt, kriegen
Zuhörer, und die Sache kommt aus.  Zugleich will ich ein
Verzeichnis von Artikeln machen, die zu unserm Spiele nötig
sind.  Ich bitt euch, bleibt mir nicht aus.

Zettel.
Wir wollen kommen, und da können wir recht unverschämt und
herzhaft probieren.  Gebt euch Mühe!  Könnt eure Rollen perfekt!
Adieu!

Squenz.
Bei des Herzogs Eiche treffen wir uns.

Zettel.
Dabei bleibt’s, es mag biegen oder brechen!

(Alle ab.)

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Ein Wald bei Athen
(Eine Elfe kommt von der einen Seite, Droll von der andern)

Droll.
He, Geist!  Wo geht die Reise hin?

Elfe.
Über Täler und Höhn,
Durch Dornen und Steine,
Über Gräben und Zäune,
Durch Flammen und Seen
Wandl’ ich, schlüpf ich überall,
Schneller als des Mondes Ball.  Ich dien der Elfenkönigin
Und tau ihr Ring’ aufs Grüne hin.
Die Primeln sind ihr Hofgeleit;
Ihr seht die Fleck’ am goldnen Kleid,
Das sind Rubinen, Feengaben,
Wodurch sie süß mit Düften laben.
Nun such ich Tropfen Taus hervor
Und häng ‘ne Perl in jeder Primel Ohr.
Leb wohl!  ich geh, du täppischer Geselle!
Der Zug der Königin kommt auf der Stelle.

Droll.
Der König will sein Wesen nachts hier treiben.
Warnt nur die Königin, entfernt zu bleiben,
Weil Oberon vor wildem Grimme schnaubt,
Daß sie ein indisch Fürstenkind geraubt,
Als Edelknabe künftig ihr zu dienen;
Kein schönres Bübchen hat der Tag beschienen,
Und eifersüchtig fordert Ob’ron ihn,
Den rauhen Forst als Knappe zu durchziehn;
Doch sie versagt durchaus den holden Knaben,
Bekränzt ihn, will an ihm sich einzig laben.
Nun treffen sie sich nie in Wies und Hain,
Am klaren Quell, bei lustgem Sternenschein;
So zanken sie zu aller Elfen Schrecken,
Die sich geduckt in Eichelnäpfe stecken.

Elfe.
Wenn du nicht ganz dich zu verstellen weißt,
So bist du jener schlaue Poltergeist,
Der auf dem Dorf die Dirnen zu erhaschen,
Zu necken pflegt; den Milchtopf zu benaschen;
Durch den der Brau mißrät, und mit Verdruß
Die Hausfrau atemlos sich buttern muß;
Der oft bei Nacht den Wandrer irreleitet,
Dann schadenfroh mit Lachen ihn begleitet.
Doch wer dich freundlich grüßt, dir Liebes tut,
Dem hilfst du gern, und ihm gelingt es gut.
Bist du der Kobold nicht?

Droll.
Du hast’s geraten,
Ich schwärme nachts umher auf solche Taten;
Oft lacht bei meinen Scherzen Oberon.
Ich locke wiehernd mit der Stute Ton
Den Hengst, den Haber kitzelt in der Nase;
Auch lausch ich wohl in der Gevatt’rin Glase
Wie ein gebratner Apfel, klein und rund;
Und wenn sie trinkt, fahr ich ihr an den Mund,
Daß ihr das Bier die platte Brust betriefet.
Zuweilen hält, in Trauermär vertiefet,
Die weise Muhme für den Schemel mich;
Ich gleit ihr weg, sie setzt zur Erde sich
Auf ihren Steiß und schreit: «Perdauz!  » und hustet;
Der ganze Kreis hält sich die Seiten, prustet,
Lacht lauter dann, bis sich die Stimm erhebt:
Nein, solch ein Spaß sei nimmermehr erlebt!
Mach Platz nun, Elfchen, hier kommt Oberon.

Elfe.
Hier meine Königin.—O macht’ er sich davon!

(Oberon mit seinem Zuge von der einen Seite, Titania
mit dem ihrigen von der andern.)

Oberon.
Schlimm treffen wir bei Mondenlicht, du stolze
Titania!

Titania.
Wie?  Oberon ist hier,
Der Eifersüchtge?  Elfen, schlüpft von hinnen,
Denn ich verschwor sein Bett und sein Gespräch.

Oberon.
Vermeßne, halt!  Bin ich nicht dein Gemahl?

Titania.
So muß ich wohl dein Weib sein; doch ich weiß
Die Zeit, daß du dich aus dem Feenland
Geschlichen, tagelang als Corydon
Gesessen, spielend auf dem Haberrohr,
Und Minne der verliebten Phyllida
Gesungen hast.—Und warum kommst du jetzt
Von Indiens entferntestem Gebirg,
Als weil—ei denk doch!—weil die Amazone,
Die strotzende, hochaufgeschürzte Dame,
Dein Heldenliebchen, sich vermählen will?
Da kommst du denn, um ihrem Bette Heil
Und Segen zu verleihn.

Oberon.
Titania,
Wie kannst du dich vermessen, anzuspielen
Auf mein Verständnis mit Hippolyta?
Da du doch weißt, ich kenne deine Liebe
Zum Theseus?  Locktest du im Dämmerlichte
Der Nacht ihn nicht von Perigunen weg,
Die er vorher geraubt?  Warst du nicht schuld,
Daß er der schönen Ägle Treue brach,
Der Ariadne und Antiopa?

Titania.
Das sind die Grillen deiner Eifersucht!
Und nie seit Sommers Anfang trafen wir
Auf Hügeln noch im Tal, im Wald noch Wiese,
Am Kieselbrunnen, am beschilften Bach,
Noch an des Meeres Klippenstrand uns an
Und tanzten Ringel nach des Windes Pfeifen,
Daß dein Gezänk uns nicht die Lust verdarb.
Drum sog der Wind, der uns vergeblich pfiff,
Als wie zur Rache, böse Nebel auf
Vom Grund des Meers; die fielen auf das Land
Und machten jeden winzgen Bach so stolz,
Daß er des Bettes Dämme niederriß.
Drum schleppt der Stier sein Joch umsonst, der Pflüger
Vergeudet seinen Schweiß, das grüne Korn
Verfault, eh seine Jugend Bart gewinnt.
Leer steht die Hürd auf der ersäuften Flur,
Und Krähen prassen in der siechen Herde.
Verschlämmt vom Lehme liegt die Kegelbahn;
Unkennbar sind die artgen Labyrinthe
Im muntern Grün, weil niemand sie betritt.
Den Menschenkindern fehlt die Winterlust;
Kein Sang noch Jubel macht die Nächte froh.
Drum hat der Mond, der Fluten Oberherr,
Vor Zorne bleich, die ganze Luft gewaschen
Und fieberhafter Flüsse viel erzeugt.
Durch eben die Zerrüttung wandeln sich
Die Jahreszeiten; silberhaarger Frost
Fällt in den zarten Schoß der Purpurrose;
Indes ein würzger Kranz von Sommerknospen
Auf Hiems’ Kinn und der beeisten Scheitel
Als wie zum Spotte prangt.  Der Lenz, der Sommer,
Der zeitigende Herbst, der zornge Winter,
Sie alle tauschen die gewohnte Tracht,
Und die erstaunte Welt erkennt nicht mehr
An ihrer Frucht und Art, wer jeder ist.
Und diese ganze Brut von Plagen kommt
Von unserm Streit, von unserm Zwiespalt her;
Wir sind davon die Stifter und Erzeuger.

Oberon.
So hilf dem ab!  Es liegt an dir.  Warum
Kränkt ihren Oberon Titania?
Ich bitte nur ein kleines Wechselkind
Zum Edelknaben.

Titania.
Gib dein Herz zur Ruh!
Das Feenland kauft mir dies Kind nicht ab;
Denn seine Mutter war aus meinem Orden
Und hat in Indiens gewürzter Luft
Gar oft mit mir die Nächte weggeschwatzt.
Wir saßen auf Neptunus’ gelbem Sand,
Sahn nach den Handelsschiffen auf der Flut
Und lachten, wenn vom üppgen Spiel des Windes
Der Segel schwangrer Leib zu schwellen schien.
Dies ahmte sie, mit kleinen Schritten wankend
(Ihr Leib trug damals meinen kleinen Junker),
Aus Torheit nach und segelt’ auf dem Lande
Nach Spielereien aus und kehrte, reich
An Ware, wie von einer Reise, heim.
Doch sie, ein sterblich Weib, starb an dem Kinde,
Und ihr zulieb erzieh ich nun das Kind,
Und ihr zuliebe geb ich es nicht weg.

Oberon.
Wie lange denkt Ihr hier im Hain zu weilen?

Titania.
Vielleicht bis nach des Theseus Hochzeitsfest.
Wollt Ihr in unsern Ringen ruhig tanzen
Und unsre lustgen Mondscheinspiele sehn,
So kommt mit uns!  Wo nicht: vermeidet mich,
Und ich will nie mich nahen, wo Ihr haust.

Oberon.
Gib mir das Kind, so will ich mit dir gehn.

Titania.
Nicht um dein Königreich.—Ihr Elfen, fort mit mir;
Denn Zank erhebt sich, weil’ ich länger hier.

(Mit ihrem Gefolge ab.)

Oberon.
Gut, zieh nur hin!  du sollst aus diesem Walde
Nicht eher, bis du mir den Trotz gebüßt.
Mein guter Droll, komm her!  Weißt du noch wohl,
Wie ich einst saß auf einem Vorgebirge
Und ‘ne Sirene, die ein Delphin trug,
So süße Harmonien hauchen hörte,
Daß die empörte See gehorsam ward,
Daß Sterne wild aus ihren Kreisen fuhren,
Der Nymphe Lied zu hören?

Droll.
Ja, ich weiß.

Oberon.
Zur selben Zeit sah ich (du konntest nicht)
Cupido zwischen Mond und Erde fliegen
In voller Wehr; er zielt’ auf eine holde
Vestal’, im Westen thronend, scharfen Blicks,
Und schnellte rasch den Liebespfeil vom Bogen,
Als sollt er hunderttausend Herzen spalten.
Allein ich sah das feurige Geschoß
Im keuschen Strahl des feuchten Monds verlöschen;
Die königliche Priesterin ging weiter
In sittsamer Betrachtung, liebefrei;
Doch merkt ich auf den Pfeil, wohin er fiele;
Er fiel gen Westen auf ein zartes Blümchen,
Sonst milchweiß, purpurn nun durch Amors Wunde,
Und Mädchen nennen’s «Lieb’ im Müßiggang».
Hol mir die Blum!  Ich wies dir einst das Kraut;
Ihr Saft, geträufelt auf entschlafne Wimpern,
Macht Mann und Weib in jede Kreatur,
Die sie zunächst erblicken, toll vergafft.
Hol mir das Kraut; doch komm zurück, bevor
Der Leviathan eine Meile schwimmt.

Droll.
Rund um die Erde zieh ich einen Gürtel
In viermal zehn Minuten.

(Ab.)

Oberon.
Hab ich nur
Den Saft erst, so belausch ich, wenn sie schläft,
Titanien und träufl ihn ihr ins Auge.
Was sie zunächst erblickt, wenn sie erwacht,
Sei’s Löwe, sei es Bär, Wolf oder Stier,
Ein naseweiser Aff, ein Paviänchen:
Sie soll’s verfolgen mit der Liebe Sinn;
Und eh ich sie von diesem Zauber löse,
Wie ich’s vermag mit einem andern Kraut,
Muß sie mir ihren Edelknaben lassen.
Doch still, wer kommt hier?  Ich bin unsichtbar
Und will auf ihre Unterredung horchen.

(Demetrius und Helena treten auf.)

Demetrius.
Ich lieb dich nicht; verfolge mich nicht mehr!
Wo ist Lysander und die schöne Hermia?
Ihn töten möcht ich gern; sie tötet mich.
Du sagtest mir von ihrer Flucht hieher;
Nun bin ich hier, bin in der Wildnis wild,
Weil ich umsonst hier meine Hermia suche.
Fort!  heb dich weg und folge mir nicht mehr!

Helena.
Du ziehst mich an, hartherziger Magnet!
Doch ziehest du nicht Eisen, denn mein Herz
Ist echt wie Stahl.  Laß ab, mich anzuziehn,
So hab ich dir zu folgen keine Macht.

Demetrius.
Lock ich Euch an und tu ich schön mit Euch?
Sag ich Euch nicht die Wahrheit rund heraus,
Daß ich Euch nimmer lieb und lieben kann?

Helena.
Und eben darum lieb ich Euch nur mehr!
Ich bin Eur Hündchen, und, Demetrius,
Wenn Ihr mich schlagt, ich muß Euch dennoch schmeicheln.
Begegnet mir wie Eurem Hündchen nur,
Stoßt, schlagt mich, achtet mich gering, verliert mich:
Vergönnt mir nur, unwürdig, wie ich bin,
Euch zu begleiten.  Welchen schlechtern Platz
Kann ich mir wohl in Eurer Lieb erbitten

(Und doch ein Platz von hohem Wert für mich),

Als daß Ihr so wie Euren Hund mich haltet?

Demetrius.
Erreg nicht so den Abscheu meiner Seele!
Mir ist schon übel, blick ich nur auf dich.

Helena.
Und mir ist übel, blick ich nicht auf Euch.

Demetrius.
Ihr tretet Eurer Sittsamkeit zu nah,
Da Ihr die Stadt verlaßt und einem Mann
Euch in die Hände gebt, der Euch nicht liebt;
Da Ihr den Lockungen der stillen Nacht
Und einer öden Stätte bösem Rat
Das Kleinod Eures Mädchentums vertraut.

Helena.
Zum Schutzbrief dienet Eure Tugend mir;
Es ist nicht Nacht, wenn ich Eur Antlitz sehe;
Drum glaub ich jetzt, es sei nicht Nacht um mich.
Auch fehlt’s hier nicht an Welten von Gesellschaft,
Denn Ihr seid ja für mich die ganze Welt.
Wie kann man sagen nun, ich sei allein,
Da doch die ganze Welt hier auf mich schaut?

Demetrius.
Ich laufe fort, verberge mich im Busch
Und lasse dich der Gnade wilder Tiere.

Helena.
Das wildeste hat nicht ein Herz wie du.
Lauft, wenn Ihr wollt!  Die Fabel kehrt sich um:
Apollo flieht, und Daphne setzt ihm nach;
Die Taube jagt den Greif; die sanfte Hindin
Stürzt auf den Tiger sich.  Vergebne Eil,
Wenn vor der Zagheit Tapferkeit entflieht!

Demetrius.
Ich steh nicht länger Rede: laß mich gehn!
Wo du mir folgst, so glaube sicherlich,
Ich tue dir im Walde Leides noch.

Helena.
Ach, in der Stadt, im Tempel, auf dem Felde
Tust du mir Leides.  Pfui, Demetrius!
Dein Unglimpf würdigt mein Geschlecht herab.
Um Liebe kämpft ein Mann wohl mit den Waffen;
Wir sind, um euch zu werben, nicht geschaffen.
Ich folge dir und finde Wonn in Not,
Gibt die geliebte Hand mir nur den Tod.

(Beide ab.)

Oberon.
Geh, Nymphe, nur!  Er soll uns nicht von hinnen,
Bis du ihn fliehst und er dich will gewinnen—

(Droll kommt zurück.)

Hast du die Blume da?  Willkommen, Wildfang!

Droll.
Da ist sie, seht!

Oberon.
Ich bitt dich, gib sie mir.
Ich weiß ‘nen Hügel, wo man Quendel pflückt,
Wo aus dem Gras Viol’ und Maßlieb nickt,
Wo dicht gewölbt des Geißblatts üppge Schatten
Mit Hagedorn und mit Jasmin sich gatten.
Dort ruht Titania, halbe Nächte kühl
Auf Blumen eingewiegt durch Tanz und Spiel.
Die Schlange legt die bunte Haut dort nieder,
Ein weit Gewand für eines Elfen Glieder.
Ich netz ihr Aug mit dieser Blume Saft,
Der ihr den Kopf voll schnöder Grillen schafft.
Nimm auch davon, und such in diesem Holze:
Ein holdes Mädchen wird mit sprödem Stolze
Von einem Jüngling, den sie liebt, verschmäht.
Salb ihn, doch so, daß er die Schön’ erspäht,
Sobald er aufwacht.  Am athenischen Gewand
Wird ohne Müh der Mann von dir erkannt.
Verfahre sorgsam, daß mit heißerm Triebe,
Als sie den Liebling, er sie wieder liebe,
Und triff mich vor dem ersten Hahnenschrei.

Droll.
Verlaßt Euch, Herr, auf Eures Knechtes Treu.

(Sie gehen ab.)

Zweite Szene

Ein anderer Teil des Waldes
(Titania kommt mit ihrem Gefolge)

Titania.
Kommt!  einen Ringel-, einen Feensang!
Dann auf das Drittel ‘ner Minute fort!
Ihr, tötet Raupen in den Rosenknospen!
Ihr andern führt mit Fledermäusen Krieg,
Bringt ihrer Flügel Balg als Beute heim,
Den kleinen Elfen Röcke draus zu machen!
Ihr endlich sollt den Kauz, der nächtlich kreischt
Und über unsre schmucken Geister staunt,
Von uns verscheuchen!  Singt mich nun in Schlaf;
An eure Dienste dann und laßt mich ruhn!  (Lied).
(Erste Elfe).          Bunte Schlangen, zweigezüngt,
Igel, Molche, fort von hier!
Daß ihr euren Gift nicht bringt
In der Königin Revier!  (Chor).  Nachtigall, mit Melodei
Sing in unser Eiapopei!
Eiapopeia!  Eiapopei!
Daß kein Spruch,
Kein Zauberfluch
Der holden Herrin schädlich sei.
Nun gute Nacht mit Eiapopei!
(Zweite Elfe.) Schwarze Käfer, uns umgebt
Nicht mit Summen!  Macht euch fort!
Spinnen, die ihr künstlich webt,
Webt an einem andern Ort!  (Chor).  Nachtigall, mit Melodei
Sing in unser Eiapopei!
Eiapopeia!  Eiapopei!
Daß kein Spruch,
Kein Zauberfluch
Der holden Herrin schädlich sei.
Nun gute Nacht mit Eiapopei!
(Erste Elfe).  Alles gut, nun auf und fort!
Einer halte Wache dort!

(Elfen ab.  Titania schläft.)

(Oberon tritt auf.)

Oberon (zu Titania, indem er die Blume über ihren
Augenlidern ausdrückt).
Was du wirst erwachend sehn,
Wähl es dir zum Liebsten schön;
Seinetwegen schmacht und stöhn,
Sei es Brummbär, Kater, Luchs,
Borstger Eber oder Fuchs;
Was sich zeigt an diesem Platz,
Wenn du aufwachst, wird dein Schatz,
Sähst du gleich die ärgste Fratz!

(Ab.)

(Lysander und Hermia treten auf.)

Lysander.
Kaum tragen durch den Wald Euch noch die Füße,
Und ich gesteh es, ich verlor den Pfad.
Wollt Ihr, so laßt uns ruhen, meine Süße,
Bis tröstend sich das Licht des Tages naht.

Hermia.
Ach ja, Lysander!  sucht für Euch ein Bette;
Der Hügel hier sei meine Schlummerstätte.

Lysander.
(Ein) Rasen dien als Kissen für uns zwei:
(Ein) Herz, (ein) Bett, zwei Busen, (eine) Treu.

Hermia.
Ich bitt Euch sehr!  Um meinetwillen, Lieber!
Liegt nicht so nah!  Liegt weiter dort hinüber!

Lysander.
O ärgert Euch an meiner Unschuld nicht!
Die Liebe deute, was die Liebe spricht.
Ich meinte nur, mein Herz sei Eurem so verbunden,
Daß nur (ein) Herz in beiden wird gefunden.
Verkettet hat zwei Busen unser Schwur:
So wohnt in zweien (eine) Treue nur.
Erlaubet denn, daß ich mich zu Euch füge,
Denn, Herz, ich lüge nicht, wenn ich so liege.

Hermia.
Wie zierlich spielt mit Worten doch mein Freund!—
Ich würde selbst ja meiner Unart feind,
Hätt ich «Lysander lüge», je gemeint.
Doch aus Gefälligkeit und Lieb, ich bitte,
Rückt weiter weg!  so weit, wie nach der Sitte
Der Menschen sich, getrennt von einem Mann,
Ein tugendsames Mädchen betten kann.
(Der) Raum sei zwischen uns.—Schlaf süß!  Der Himmel gebe,
Daß, bis dein Leben schließt, die Liebe lebe!

Lysander.
Amen!  so holder Bitte stimm ich bei:
Mein Herz soll brechen, bricht es meine Treu.
Mög alle Ruh des Schlafes bei dir wohnen!

Hermia.
Des Wunsches Hälfte soll den Wünscher lohnen!

(Sie schlafen.)

Droll (tritt auf).
Wie ich auch den Wald durchstrich,
Kein Athener zeigte sich,
Zum Versuch auf seinem Auge,
Was dies Liebesblümchen tauge.
Aber wer—o Still und Nacht—
Liegt da in Athenertracht?
Er ist’s, den mein Herr gesehn
Die Athenerin verschmähn;
Hier schläft auch ruhig und gesund
Das Mädchen auf dem feuchten Grund.
Die Arme darf nicht liegen nah
Dem Schlagetot der Liebe da.
Allen Zauber dieses Taus,
Flegel, gieß ich auf dich aus.

(Indem er den Saft über seine Augen auspreßt.)

Wachst du auf, so scheuch den Schlummer
Dir vom Aug der Liebe Kummer!
Nun erwach!  Ich geh davon,
Denn ich muß zum Oberon.

(Demetrius und Helena, beide laufend.)

Helena.
Demetrius, sollt’s auch mein Tod sein, steh!

Demetrius.
O quäle mich nicht so!  Fort, sag ich, geh!

Helena.
Ach, du verlässest mich im Dunkel hier?

Demetrius.
Ich geh allein; du bleib, das rar ich dir.

(Demetrius ab.)

Helena.
Die tolle Jagd, sie macht mir weh und bange;
Je mehr ich fleh, je minder ich erlange.
Wo Hermia ruhen mag?  Sie ist beglückt;
Denn sie hat Augen, deren Strahl entzückt.
Wie wurden sie so hell?  Durch Tränen?  nein,
Sonst müßten meine ja noch heller sein.
Nein, ich bin ungestalt wie wilde Bären,
Daß Tiere sich voll Schrecken von mir kehren.
Was Wunder also, daß Demetrius
Gleich einem Ungeheur mich fliehen muß?
Vor welchem Spiegel konnt ich mich vergessen,
Mit Hermias Sternenaugen mich zu messen?
Doch, was ist dies?  Lysander, der hier ruht?
Tot oder schlafend?  Seh ich doch kein Blut.
Lysander, wenn Ihr lebt, so hört!  erwachet!

Lysander (im Erwachen).
Durchs Feuer lauf ich, wenn’s dir Freude machet!
Verklärte Helena, so zart gewebt,
Daß sichtbar sich dein Herz im Busen hebt!
Wo ist Demetrius?  O der Verbrecher!
Sein Name sei vertilgt!  Dies Schwert dein Rächer!

Helena.
Sprecht doch nicht so, Lysander, sprecht nicht so!
Liebt er schon Eure Braut: ei nun, seid froh!
Sie liebt Euch dennoch stets.

Lysander.
O nein!  wie reut
Mich die bei ihr verlebte träge Zeit!
Nicht Hermia, Helena ist jetzt mein Leben;
Wer will die Kräh nicht für die Taube geben?
Der Wille wird von der Vernunft regiert:
Mir sagt Vernunft, daß Euch der Preis gebührt.
Ein jedes Ding muß Zeit zum Reifen haben;
So reiften spät in mir des Geistes Gaben.
Erst jetzt, da ich am Ziel des Mannes bin,
Wird die Vernunft des Willens Führerin
Und läßt mich nun der Liebe Tun und Wesen
In goldner Schrift in Euren Augen lesen.

Helena.
Weswegen ward ich so zum Hohn erwählt?
Verdient ich es um Euch, daß Ihr mich quält?
War’s nicht genug, genug nicht, junger Mann,
Daß ich nicht einen Blick gewinnen kann,
Nicht einen holden Blick von meinem Lieben,
Müßt Ihr mit Spötterein mich noch betrüben?
Ihr tut, fürwahr, Ihr tut an mir nicht recht,
Daß Ihr um mich zu buhlen Euch erfrecht.
Gehabt Euch wohl!  Allein, ich muß gestehen,
Ich glaubt’ in Euch mehr Edelmut zu sehen.
O daß, verschmäht von einem Mann, ein Weib
Dem andern dienen muß zum Zeitvertreib!

(Ab.)

Lysander.
Sie siehet Hermia nicht.—So schlaf nur immer,
Und nahtest du Lysandern doch dich nimmer!
Wie nach dem Übermaß von Näschereien
Der Ekel pflegt am heftigsten zu sein;
Wie die am meisten Ketzereien hassen,
Die, einst betört, sie wiederum verlassen:
Mein Übermaß!  mein Wahn!  so flieh ich dich;
Dich hasse jeder, doch am ärgsten ich.—
Nun strebt nach Helena, Mut, Kraft und Sinne,
Daß ich ihr Ritter werd und sie gewinne!

(Ab.)

Hermia (fährt auf).
O hilf, Lysander, hilf mir!  Siehst du nicht
Die Schlange, die den Busen mir umflicht?
Weh mir!  Erbarmen!—Welch ein Traum, mein Lieber?
Noch schüttelt mich das Schrecken wie ein Fieber.
Mir schien es, eine Schlange fräß mein Herz,
Und lächelnd sähst du meinen Todesschmerz.—
Lysander!  wie, Lysander, du bist fort?
Du hörst mich nicht?  O Gott!  kein Laut?  kein Wort?
Wo bist du?  Um der Liebe willen, sprich,
Wenn du mich hörst!  Es bringt zur Ohnmacht mich.—
Noch nicht?  Nun seh ich wohl, ich darf nicht weilen:
Dich muß ich oder meinen Tod ereilen.

(Ab.)

Dritter Aufzug

Erste Szene

Der Wald.  Die Elfenkönigin liegt noch schlafend
(Squenz, Zettel, Schnock, Flaut, Schnauz, Schlucker treten auf)

Zettel.
Sind wir alle beisammen?

Squenz.
Aufs Haar; und hier ist ein prächtig bequemer Platz zu
unserer Probe.  Dieser grüne Fleck soll unser Theater sein,
diese Weißdornhecke unsre Kammer zum Anziehen, und wir
wollen’s in Aktion vorstellen, wie wirs vor dem Herzoge
vorstellen wollen.

Zettel.
Peter Squenz—

Squenz.
Was sagst du, lieber Sappermentszettel?

Zettel.
Es kommen Dinge vor in dieser Komödie von Pyramus und
Thisbe, die nimmermehr gefallen werden.  Erstens: Pyramus
muß ein Schwert ziehen, um sich selbst umzubringen, und
das können die Damen nicht vertragen.  He!  Was wollt Ihr
darauf antworten?

Schnauz.
Potz Kuckuck, ja!  ein gefährlicher Punkt.

Schlucker.
Ich denke, wir müssen am Ende das Totmachen auslassen.

Zettel.
Nicht ein Tüttelchen; ich habe einen Einfall, der alles
gutmacht.  Schreibt mir einen Prolog, und laßt den Prolog
verblümt zu verstehen geben, daß wir mit unsern Schwertern
keinen Schaden tun wollen; und daß Pyramus nicht wirklich
tot gemacht wird; und zu mehr besserer Sicherheit sagt
ihnen, daß ich, Pyramus, nicht Pyramus bin, sondern Zettel,
der Weber.  Das wird ihnen schon die Furcht benehmen.

Squenz.
Gut, wir wollen einen solchen Prologus haben, und er soll
in Acht- und Sechssilbern geschrieben sein.

Zettel.
Nein, nehmt zwei mehr, laßt’s Achtsilber sein.

Schnauz.
Werden die Damen nicht auch vor dem Löwen erschrecken?

Schlucker.
Ich fürcht es, davor steh ich euch.

Zettel.
Meister, ihr solltet dies bei euch selbst überlegen.
Einen Löwen—Gott behüt uns!—unter Damen zu bringen, ist
eine greuliche Geschichte; es gibt kein grausameres Wildbret
als so’n Löwe, wenn er lebendig ist; und wir sollten uns
vorsehn.

Schnauz.
Derhalben muß ein andrer Prologus sagen, daß er kein Löwe ist.

Zettel.
Ja, ihr müßt seinen Namen nennen, und sein Gesicht muß halb
durch des Löwen Hals gesehen werden; und er selbst muß
durchsprechen und sich so oder ungefähr so applizieren:
Gnädige Frauen, oder schöne gnädige Frauen, ich wollte
wünschen, oder ich wollte ersuchen, oder ich wollte gebeten
haben, fürchten Sie nichts, zittern Sie nicht so; mein Leben
für das Ihrige!  Wenn Sie dächten, ich käme hieher als ein
Löwe, so dauerte mich nur meine Haut.  Nein, ich bin nichts
dergleichen; ich bin ein Mensch wie andre auch;—und dann
laßt ihn nur seinen Namen nennen und ihnen rund heraus sagen,
daß er Schnock der Schreiner ist.

Squenz.
Gut, so soll’s auch sein.  Aber da sind noch zwei harte Punkte:
nämlich, den Mondschein in die Kammer zu bringen; denn ihr
wißt, Pyramus und Thisbe kommen bei Mondschein zusammen.

Schnock.
Scheint der Mond in der Nacht, wo wir unser Spiel spielen?

Zettel.
Einen Kalender!  Einen Kalender!  Seht in den Almanach!  Suchet
Mondschein!  Suchet Mondschein!

Squenz.
Ja, er scheint die Nacht.

Zettel.
Gut, so könnt ihr ja einen Flügel von dem großen Stubenfenster,
wo wir spielen, offenlassen, und der Mond kann durch den
Flügel herein scheinen.

Squenz.
Ja, oder es könnte auch einer mit einem Dornbusch und einer
Laterne herauskommen und sagen, er komme, die Person des
Mondscheins zu defigurieren oder zu präsentieren.  Aber da
ist noch ein Punkt: wir müssen in der großen Stube eine Wand
haben; denn Pyramus und Thisbe, sagt die Historie, redeten
durch die Spalte einer Wand miteinander.

Schnock.
Ihr bringt mein Leben keine Wand hinein.  Was sagst du, Zettel?

Zettel.
Einer oder der andre muß Wand vorstellen; und laßt ihn ein
bißchen Kalk, oder ein bißchen Lehm, oder ein bißchen Mörtel
an sich haben, um Wand zu bedeuten; und laßt ihn seine Finger
so halten, und durch die Klinze sollen Pyramus und Thisbe
wispern.

Squenz.
Wenn das sein kann, so ist alles gut.  Kommt, setzt euch,
jeder Mutter Sohn, und probiert eure Parte.  Pyramus, Ihr
fangt an; wann Ihr Eure Rede ausgeredet habt, so tretet
hinter den Zaun; und so jeder nach seinem Stichwort.

(Droll tritt auf.)

Droll.
Welch hausgebacknes Volk macht hier sich breit,
So nah der Wiege unsrer Königin?
Wie?  gibt’s ein Schauspiel?  Ich will Hörer sein,
Mitspieler auch vielleicht, nachdem sich’s fügt.

Squenz.
Sprecht, Pyramus; Thisbe, tretet vor.

Pyramus.
«Thisbe, wie eine Blum’ von Giften duftet süß—»

Squenz.
Düften!  Düften!

Pyramus.
«—von Düften duftet süß,
So tut dein Atem auch, o Thisbe, meine Zier.
Doch horch, ich hör ein’ Stimm; es ist mein Vater gwiß;
Bleib eine Weile stehn, ich bin gleich wieder hier.»

(Ab.)

Droll (beiseite).
Ein seltnes Stück von einem Pyramus.

(Ab.)

Thisbe.
Muß ich jetzt reden?

Squenz.
Ja, zum Henker, freilich müßt Ihr; Ihr müßt wissen, er geht
nur weg, um ein Geräusch zu sehen, das er gehört hat, und
wird gleich wiederkommen.

Thisbe.
«Umstrahlter Pyramus, an Farbe lilienweiß
Und rot wie eine Ros auf triumphierndem Strauch;
Du muntrer Juvenil, der Männer Zier und Preis,
Treu wie das treuste Roß, das nie ermüdet auch.
Ich will dich treffen an, glaub mir, bei Nickels Grab.»

Squenz.
Ninus’ Grab, Kerl.  Aber das müßt Ihr jetzt noch nicht sagen,
das antwortet Ihr dem Pyramus.  Ihr sagt Euren ganzen Part auf
einmal her, Stichwörter und den ganzen Plunder.—Pyramus,
tretet auf, Euer Stichwort ist schon dagewesen; es ist:
«ermüdet auch.»

(Zettel mit einem Eselskopfe und Droll kommen zurück.)

Thisbe.
Uf—«So treu, wie’s treuste Pferd, das nie ermüdet auch.»

Pyramus.
«Wenn, Thisbe, ich wär schön, so wär ich einzig dein.»

Squenz.
O greulich!  erschrecklich!  Es spukt hier.  Ich bitt euch,
Meister!  lauft, Meister!  Hilfe!  (Sie laufen davon.)

Droll.
Nun jag ich euch und führ euch kreuz und quer
Durch Dorn, durch Busch, durch Sumpf, durch Wald.
Bald bin ich Pferd, bald Eber, Hund und Bär,
Erschein als Werwolf und als Feuer bald,
Will grunzen, wiehern, bellen, brummen, flammen
Wie Eber, Pferd, Hund, Bär und Feur zusammen.

(Ab.)

Zettel.
Warum laufen sie weg?  Dies ist eine Schelmerei von ihnen,
um mich fürchten zu machen.

(Schnauz kommt zurück.)

Schnauz.
O Zettel!  du bist verwandelt!  Was seh ich an dir?

Zettel.
Was du siehst?  Du siehst deinen eigenen Eselskopf.  Nicht?

(Schnauz ab.  Squenz kommt zurück.)

Squenz.
Gott behüte dich, Zettel!  Gott behüte dich!  du bist transferiert.

(Ab.)

Zettel.
Ich merke ihre Schelmerei: sie wollen einen Esel aus mir
machen, mich fürchten machen, wenn sie können.  Aber ich
will hier nicht von der Stelle; lass’ sie machen, was sie
wollen; ich will hier auf und ab spazieren und singen,
damit sie sehen, daß ich mich nicht fürchte.
(Er singt.) Die Schwalbe, die den Sommer bringt,
Der Spatz, der Zeisig fein,
Die Lerche, die sich lustig schwingt
Bis in den Himmel ‘nein—:

Titania (erwachend).
Weckt mich von meinem Blumenbett ein Engel?

Zettel (singt).
Der Kuckuck, der der Grasmück
So gern ins Nestchen heckt
Und lacht darob mit arger Tück
Und manchen Ehmann neckt—: Denn sein Rufen soll eine
gar gefährliche Vorbedeutung sein, und wem jückt es nicht
ein bißchen an der Stirne, wenn er sich Kuckuck grüßen hört?

Titania.
Ich bitte dich, du holder Sterblicher,
Sing noch einmal!  Mein Ohr ist ganz verliebt
In deine Melodie; auch ist mein Auge
Betört von deiner lieblichen Gestalt;
Gewaltig treibt mich deine schöne Tugend,
Beim ersten Blick dir zu gestehn, zu schwören:
Daß ich dich liebe.

Zettel.
Mich dünkt, Madame, Sie könnten dazu nicht viel Ursache haben.
Und doch, die Wahrheit zu sagen, halten Vernunft und Liebe
heutzutage nicht viel Gemeinschaft.  Schade, daß ehrliche
Nachbarn sie nicht zu Freunden machen wollen!  Gelt, ich kann
auch spaßen, wenn’s darauf ankommt.

Titania.
Du bist so weise, wie du reizend bist.

Zettel.
Das nun just auch nicht.  Doch, wenn ich Witz genug hätte,
um aus diesem Walde zu kommen, so hätte ich just so viel,
als mir nötig täte.

Titania.
Begehre nicht, aus diesem Hain zu fliehn;
Du mußt hier, willig oder nicht, verziehn.
Ich bin ein Geist von nicht gemeinem Stande;
Ein ewger Sommer zieret meine Lande;
Und sieh, ich liebe dich!  drum folge mir.
Ich gebe Elfen zur Bedienung dir;
Sie sollen Perlen aus dem Meer dir bringen
Und, wenn du leicht auf Blumen schlummerst, singen.
Ich will vom Erdenstoffe dich befrein,
Daß du so luftig sollst wie Geister sein.
Senfsamen!  Bohnenblüte!  Motte!  Spinnweb!

(Vier Elfen treten auf.)

Erster Elf.
Hier!

Zweiter Elf.
Und ich!

Dritter Elf.
Und ich!

Vierter Elf.
Und ich!

Alle.
Was sollen wir?

Titania.
Gefällig seid und dienstbar diesem Herrn.
Hüpft, wo er geht, und gaukelt um ihn her;
Sucht Aprikos’ ihm auf und Stachelbeer’;
Maulbeeren gebt ihm, Feigen, Purpurtrauben;
Ihr müßt der Biene Honigsack ihm rauben;
Zur Kerze nehmt von ihr ein wächsern Bein
Und steckt es an bei eines Glühwurms Schein,
Zu leuchten meinem Freund Bett aus und ein;
Mit bunter Schmetterlinge Flügelein
Wehrt fächelnd ihm vom Aug den Mondenschein.
Nun, Elfen, huldigt ihm und neigt euch fein.

Erster Elf.
Heil dir, Sterblicher!

Zweiter Elf.
Heil!

Dritter Elf.
Heil!

Vierter Elf.
Heil!

Zettel.
Ich flehe Euer Gnaden von ganzem Herzen um Verzeihung,
Ich bitte um Euer Gnaden Namen.

Spinnweb.
Spinnweb.

Zettel.
Ich wünsche näher mit Ihnen bekannt zu werden, guter Musje
Spinnweb.  Wenn ich mich in den Finger schneide, werde ich
so frei sein, Sie zu gebrauchen.—Ihr Name, ehrsamer Herr?

Bohnenblüte.
Bohnenblüte.

Zettel.
Ich bitte Sie, empfehlen Sie mich Madame Hülse, Ihrer Frau
Mutter, und Herrn Bohnenschote, Ihrem Herrn Vater.  Guter
Herr Bohnenblüte, auch mit Ihnen hoffe ich näher bekannt
zu werden.—Ihren Namen, mein Herr, wenn ich bitten darf.

Senfsamen.
Senfsamen.

Zettel.
Lieber Musje Senfsamen, ich kenne Ihre Geduld gar wohl.
Jener niederträchtige und ungeschlachte Kerl, Rinderbraten,
hat schon manchen wackern Herrn von Ihrem Hause verschlungen.
Sei’n Sie versichert, Ihre Freundschaft hat mir schon oft
die Augen übergehen machen.  Ich wünsche nähere Bekanntschaft,
lieber Musje Senfsamen.

Titania.
Kommt, führt ihn hin zu meinem Heiligtume!
Mich dünkt, von Tränen blinke Lunas Glanz;
Und wenn sie weint, weint jede kleine Blume
Um einen wild zerrißnen Mädchenkranz.
Ein Zauber soll des Liebsten Zunge binden:
Wir wollen still den Weg zur Laube finden.

(Alle ab.)

Zweite Szene

Ein anderer Teil des Waldes

Oberon (tritt auf).
Mich wundert’s, ob Titania erwachte
Und welch Geschöpf ihr gleich ins Auge fiel,
Worin sie sterblich sich verlieben muß.

(Droll kommt.)

Da kommt mein Bote ja.—Nun, toller Geist,
Was spuken hier im Wald für Abenteuer?

Droll.
Herr, meine Fürstin liebt ein Ungeheuer.
Sie lag in Schlaf versunken auf dem Moos
In ihrer heilgen Laube dunklem Schoß,
Als eine Schar von lumpgen Handwerksleuten,
Die mühsam kaum ihr täglich Brot erbeuten,
Zusammenkommt und hier ein Stück probiert,
So sie auf Theseus’ Hochzeitstag studiert.
Der ungesalzenste von den Gesellen,
Den Pyramus berufen vorzustellen,
Tritt von der Bühn und wartet im Gesträuch;
Ich nutze diesen Augenblick sogleich,
Mit einem Eselskopf ihn zu begaben.
Nicht lange drauf muß Thisbe Antwort haben;
Mein Mime tritt heraus; kaum sehen ihn
Die Freund, als sie wie wilde Gänse fliehn,
Wenn sie des Jägers leisen Tritt erlauschen;
Wie graue Krähen, deren Schwarm mit Rauschen
Und Krächzen auffliegt, wenn ein Schuß geschieht,
Und wild am Himmel da- und dorthin zieht.
Vor meinem Spuk rollt der sich auf der Erde,
Der schreiet Mord!  mit kläglicher Gebärde;
Das Schrecken, das sie sinnlos machte, lieh
Sinnlosen Dingen Waffen gegen sie.
An Dorn und Busch bleibt Hut und Ärmel stecken;
Sie fliehn hindurch, berupft an allen Ecken.
In solcher Angst trieb ich sie weiter fort,
Nur Schätzchen Pyramus verharrte dort.
Gleich mußte nun Titania erwachen
Und aus dem Langohr ihren Liebling machen.

Oberon.
Das geht ja über mein Erwarten schön.
Doch hast du auch den Jüngling von Athen,
Wie ich dir auftrug, mit dem Saft bestrichen?

Droll.
O ja, ich habe schlafend ihn beschlichen.
Das Mädchen ruhte neben ihm ganz dicht:
Erwacht er, so entgeht sein Aug ihr nicht.

(Demetrius und Hermia treten auf.)

Oberon.
Tritt her; da kommt ja der Athener an.

Droll.
Das Mädchen ist es, aber nicht der Mann.

Demetrius.
O könnt Ihr so, weil ich Euch liebe, schmälen?
Den Todfeind solltet Ihr so tödlich quälen!

Hermia.
Noch mehr verdient, was ich von dir erfuhr;
Denn fluchen sollt ich dir und schalt dich nur.
Erschlugst du mir Lysandern, weil er ruhte,
So bad, einmal befleckt, dich ganz im Blute
Und töt auch mich!
Die Sonne liebt den Tag nicht treuer, steter,
Als wie er mich: nun wär er als Verräter
Entflohn, indes ich schlief?  Nein, nimmermehr!
Eh wollt ich glauben, daß es möglich wär,
Ganz zu durchbohren dieser Erde Boden
Und durch die Öffnung zu den Antipoden
Zu senden des verwegnen Mondes Gruß,
Der hellen Mittagssonne zum Verdruß.
Es kann nicht anders sein: du mordetest ihn mir.
So sieht ein Mörder aus, so graß, so stier!

Demetrius.
So siehet ein Erschlagner aus, so ich:
Denn Eure Grausamkeit durchbohrte mich.
Doch Ihr, die Mördrin, glänzet wie Cythere
Am Himmel dort in ihrer lichten Sphäre.

Hermia.
Was soll mir dies?  Wo ist Lysander?  spricht—
Gib ihn mir wieder, Freund, ich bitte dich.

Demetrius.
Den Hunden gäb ich lieber seine Leiche.

Hermia.
Hinweg, du Hund!  du treibst durch deine Streiche
Mich armes Weib zur Wut.  Hast du ihn umgebracht:
Nie werde mehr für einen Mann geacht’t.
Sprich einmal wahr, sprich mir zuliebe wahr!
Hättst du, wenn er gewacht, ihm wohl ein Haar
Gekrümmt?  und hast ihn, weil er schlief, erschlagen?
O Kühnheit!  eine Natter konnt es wagen.
Ja, eine Natter tat’s; die ärgste sticht
Zweizüngiger als du, o Schlange, nicht.

Demetrius.
An einen Wahn verschwendst du deine Wut.
Ich bin nicht schuldig an Lysanders Blut;
Auch mag er wohl, soviel ich weiß, noch leben.

Hermia.
Und geht’s ihm wohl?  Kannst du mir Nachricht geben?

Demetrius.
Und könnt ich nun, was würde mir dafür?

Hermia.
Mich nie zu sehn, dies Vorrecht schenk ich dir.
Und so verlaß ich deine schnöde Nähe;
Tot sei er oder nicht, wenn ich nur dich nicht sehe.

(Ab.)

Demetrius.
Ihr folgen ist vergebliches Bemühn
In diesem Sturm; so will ich hier verziehn.
Noch höher wird des Grames Not gesteigert,
Seit sich sein Schuldner Schlaf zu zahlen weigert.
Vielleicht empfang ich einen Teil der Schuld,
Erwart ich hier den Abtrag in Geduld.

(Er legt sich nieder.)

Oberon.
Was tatest du?  du hast dich ganz betrogen.
Ein treues Auge hat den Liebessaft gesogen;
Dein Fehlgriff hat den treuen Bund gestört
Und nicht den Unbestand zur Treu bekehrt.

Droll.
So siegt das Schicksal denn, daß gegen (einen) Treuen
Millionen falsch auf Schwüre Schwür’ entweihen.

Oberon.
Streif durch den Wald behender als der Wind
Und suche Helena, das schöne Kind.
Sie ist ganz liebekrank und blaß von Wangen,
Von Seufzern, die ihr sehr ans Leben drangen.
Geh, locke sie durch Täuschung her zu mir;
Derweil sie kommt, bezaubr’ ich diesen hier.

Droll.
Ich eil, ich eil, sieh, wie ich eil;
So fliegt vom Bogen des Tataren Pfeil.

(Ab.)

Oberon.  Blume mit dem Purpurschein
Die Cupidos Pfeile weihn,
Senk dich in sein Aug hinein;
Wenn er sieht sein Liebchen fein,
Daß sie glorreich ihm erschein
Wie Cyther’ im Sternenreihn.
Wachst du auf, wenn sie dabei:
Bitte, daß sie hilfreich sei.

(Droll kommt zurück.)

Droll.
Hauptmann unsrer Elfenschar,
Hier stellt Helena sich dar.
Der von mir gesalbte Mann
Fleht um Liebeslohn sie an.
Wollen wir ihr Wesen sehn?
O die tollen Sterblichen!  Oberon.  Tritt beiseit!  Erwachen muß
Von dem Lärm Demetrius.  Droll.  Wenn dann zwei um eine frein:
Das wird erst ein Hauptspaß sein.
Gehn die Sachen kraus und bunt,
Freu ich mich von Herzensgrund.

(Lysander und Helena treten auf.)

Lysander.
Pflegt Spott und Hohn in Tränen sich zu kleiden?
Wie glaubst du denn, ich huldge dir zum Hohn?
Sieh, wenn ich schwöre, wein ich: solchen Eiden
Dient zur Beglaubigung ihr Ursprung schon.
Kannst du des Spottes Reden wohl verklagen,
Die an der Stirn des Ernstes Siegel tragen?

Helena.
Stets mehr und mehr wird deine Schalkheit kund.
Wie teuflisch fromm, mit Schwur den Schwur erlegen!
Beschwurst du nicht mit Hermia so den Bund?
Wäg Eid an Eid, so wirst du gar nichts wägen.
Die Eid an sie und mich, wie Märchen leicht,
Leg in zwei Schalen sie, und keine steigt.

Lysander.
Verblendung war’s, mein Herz ihr zu versprechen.

Helena.
Verblendung nenn ich’s, jetzt den Schwur zu brechen.

Lysander.
Demetrius liebt (sie;) dich liebt er nicht.

Demetrius (erwachend).
O Huldin!  schönste Göttin meiner Wahl!
Womit vergleich ich deiner Augen Strahl?
Kristall ist trübe.  O wie reifend schwellen
Die Lippen dir, zwei küssende Morellen!
Und jenes dichte Weiß, des Taurus Schnee,
Vom Ostwind rein gelächelt, wird zur Kräh,
Wenn du die Hand erhebst.  Laß mich dies Siegel
Der Wonne küssen, aller Reinheit Spiegel!

Helena.
O Schmach!  o Höll!  ich seh, ihr alle seid
Zu eurer Lust zu plagen mich bereit.
Wär Sitt und Edelmut in euch Verwegnen,
Ihr würdet mir so schmählich nicht begegnen.
Könnt ihr mich denn nicht hassen, wie ihr tut,
Wenn ihr mich nicht verhöhnt in frechem Mut?
Wärt ihr in Wahrheit Männer, wie im Schein,
So flößt’ ein armes Weib euch Mitleid ein.
Ihr würdet nicht mit Lob und Schwüren scherzen,
Da ich doch weiß, ihr hasset mich von Herzen;
Als Nebenbuhler liebt ihr Hermia,
Wetteifernd nun verhöhnt ihr Helena.
Ein tapfres Stück, ein männlich Unternehmen,
Durch Spott ein armes Mädchen zu beschämen,
Ihr Tränen abzulocken!  Quält ein Weib
Ein edler Mann wohl bloß zum Zeitvertreib?

Lysander.
Demetrius, du bist nicht bieder: sei’s!
Du liebst ja Hermia; weißt, daß ich es weiß.
Hier sei von Herzensgrund, in Güt und Frieden,
An Hermias Huld mein Anteil dir beschieden.
Tritt deinen nun an Helena mir ab;
Ich lieb und will sie lieben bis ins Grab.

Helena.
Ihr losen Schwätzer, wie es keine gab!

Demetrius.
Nein, Hermia mag ich nicht: behalt sie, Lieber!
Liebt ich sie je, die Lieb ist längst vorüber.
Mein Herz war dort nur wie in fremdem Land;
Nun hat’s zu Helena sich heimgewandt,
Um dazubleiben.

Lysander.
Glaubs nicht, Helena.

Demetrius.
Tritt nicht der Treu, die du nicht kennst, zu nah;
Du möchtest sonst vielleicht es teuer büßen.
Da kommt dein Liebchen; geh, sie zu begrüßen.
(Hermia tritt auf)

Hermia.
Die Nacht, die uns der Augen Dienst entzieht,
Macht, daß dem Ohr kein leiser Laut entflieht.
Was dem Gesicht an Schärfe wird benommen,
Muß doppelt dem Gehör zugute kommen.
Mein Aug war’s nicht, das dich, Lysander, fand;
Mein Ohr, ich dank ihm, hat die Stimm erkannt.
Doch warum mußtest du so von mir eilen?

Lysander.
Den Liebe fortriß, warum sollt er weilen?

Hermia.
Und welche Liebe war’s, die fort von mir dich trieb?

Lysander.
Lysanders Liebe litt nicht, daß er blieb;
Die schöne Helena, die so die Nacht durchfunkelt,
Daß sie die lichten O’s, die Augen dort, verdunkelt.
Was suchst du mich?  Tat dies dir noch nicht kund,
Mein Haß zu dir sei meines Fliehens Grund?

Hermia.
Ihr sprecht nicht, wie Ihr denkt.  Es kann nicht sein.

Helena.
Ha!  sie stimmt auch in die Verschwörung ein.
Nun merk ich’s: alle drei verbanden sich
Zu dieser falschen Posse gegen mich.
Feindselge Hermia!  undankbares Mädchen!
Verstandest du, verschworst mit diesen dich,
Um mich zu necken mit so schnödem Spott?
Sind alle Heimlichkeiten, die wir teilten,
Der Schwestertreu Gelübde, jene Stunden,
Wo wir den raschen Tritt der Zeit verwünscht,
Wie sie uns schied: o alles nun vergessen?
Die Schulgenossenschaft, die Kinderunschuld?
Wie kunstbegabte Götter schufen wir
Mit unsern Nadeln (eine) Blume beide,
Nach (einem) Muster und auf (einem) Sitz;
(Ein) Liedchen wirbelnd, beid in (einem) Ton,
Als wären unsre Hände, Stimmen, Herzen
Einander einverleibt.  So wuchsen wir
Zusammen, einer Doppelkirsche gleich,
Zum Schein getrennt, doch in der Trennung eins;
Zwei holde Beeren, (einem) Stiel entwachsen,
Dem Scheine nach zwei Körper, doch (ein) Herz.
Zwei Schildern (eines) Wappens glichen wir,
Die friedlich stehn, gekrönt von (einem) Helm.
Und nun zerreißt Ihr so die alte Liebe?
Gesellt im Hohne Eurer armen Freundin
Zu Männern Euch?  Das ist nicht freundschaftlich,
Das ist nicht jungfräulich; und mein Geschlecht
Sowohl wie ich darf Euch darüber schelten,
Obschon die Kränkung mich allein betrifft.

Hermia.
Ich hör erstaunt die ungestümen Reden;
Ich höhn Euch nicht; es scheint, Ihr höhnet mich.

Helena.
Habt Ihr Lysandern nicht bestellt, zum Hohn
Mir nachzugehn, zu preisen mein Gesicht?
Und Euren andern Buhlen, den Demetrius,
Der eben jetzt noch mich mit Füßen stieß,
Mich Göttin, Nymphe, wunderschön zu nennen,
Und köstlich, himmlisch?  Warum sagt er das
Der, die er haßt?  Und warum schwört Lysander
Die Liebe ab, die ganz die Seel ihm füllt,
Und bietet mir (man denke nur!) sein Herz,
Als weil Ihr ihn gereizt, weil Ihr’s gewollt?
Bin ich schon nicht so in der Gunst wie Ihr,
Mit Liebe so umkettet, so beglückt,
Ja, elend gnug, um ungeliebt zu lieben:
Ihr solltet mich bedauern, nicht verachten.

Hermia.
Ich kann mir nicht erklären, was Ihr meint.

Helena.
Schon recht!  Beharrt nur!  Heuchelt ernste Blicke
Und zieht Gesichter hinterm Rücken mir!
Blinzt euch nur zu!  Verfolgt den feinen Scherz!
Wohl ausgeführt, wird er euch nachgerühmt.
Wär Mitleid, Huld und Sitte noch in euch,
Ihr machtet so mich nicht zu eurem Ziel.
Doch lebet wohl!  Zum Teil ist’s meine Schuld:
Bald wird Entfernung oder Tod sie büßen.

Lysander.
Bleib, holde Helena, und hör mich an!
Mein Herz!  mein Leben!  meine Helena!

Helena.
O herrlich!

Hermia.
Lieber, höhne sie nicht so!

Demetrius.
Und gilt ihr Bitten nichts, so kann ich zwingen.

Lysander.
Nichts mehr erzwingen, als was sie erbittet;
Dein Drohn ist kraftlos wie ihr schwaches Flehn.
Dich lieb ich, Helena!  Bei meinem Leben,
Ich liebe dich und will dies Leben wagen,
Der Lüge den zu zeihn, der widerspricht.

Demetrius.
Ich sag, ich liebe dich weit mehr als er.

Lysander.
Ha!  sagst du das, so komm, beweis es auch.

Demetrius.
Auf, komm!

Hermia.
Lysander, wohin zielt dies alles?

Lysander.
Fort, Mohrenmädchen!

Demetrius.
Nein, o nein!  er tut,
Als bräch er los; er tobt, als wollt er folgen,
Kommt aber nicht.  O geht mir, zahmer Mensch!

Lysander.
Fort, Katze, Klette!  Mißgeschöpf, laß los!
Sonst schleudr ich dich wie eine Natter weg.

Hermia.
Wie wurdet Ihr so wild?  wie so verwandelt,
Mein süßes Herz?

Lysander.
Dein Herz?  Fort, fort, hinweg!
Zigeunerin!  fort, widerwärtger Trank!

Hermia.
Ihr scherzet nicht?

Helena.
Ja wahrlich, und Ihr auch!

Lysander.
Demetrius, ich halte dir mein Wort.

Demetrius.
Ich hätt es schriftlich gern von deiner Hand;
Dich hält ‘ne schwache Hand, ich trau dir nicht.

Lysander.
Wie?  sollt ich sie verwunden, schlagen, töten?
Hass’ ich sie schon, ich will kein Leid ihr tun.

Hermia.
Wie?  könnt Ihr mehr mir Leid tun, als mich hassen?
Warum mich hassen?  Was geschah, Geliebter?
Bin ich nicht Hermia?  Seid Ihr nicht Lysander?
Ich bin so schön noch, wie ich eben war.
Ihr liebtet über Nacht mich; doch verließt Ihr
Mich über Nacht.  Und muß ich also sagen
(Verhüten es die Götter!), Ihr verließt
Im Ernste mich?

Lysander.
Im Ernst, so wahr ich lebe!
Und nie begehrt ich wieder dich zu sehn.
Drum gib nur Hoffnung, Frage, Zweifel auf!
Sei sicher, nichts ist wahrer, ‘s ist kein Scherz:
Ich hasse dich und liebe Helena.

Hermia.
Weh mir!—Du Gauklerin!  du Blütenwurm!
Du Liebesdiebin!  Was?  du kamst bei Nacht,
Stahlst meines Liebsten Herz!

Helena.
Schön, meiner Treu!
Hast du denn keine Scheu, noch Mädchensitte,
Nicht eine Spur von Scham?  Und zwingst du so
Zu harten Reden meine sanften Lippen?
Du Marionette, pfui!  du Puppe, du!

Hermia.
Wie?  Puppe?  Ha, nun wird ihr Spiel mir klar:
Sie hat ihn unsern Wuchs vergleichen lassen—
Ich merke schon—auf ihre Höh getrotzt.
Mit ihrer Figur, mit ihrer langen Figur
Hat sie sich seiner, seht mir doch!  bemeistert.
Und stehst du nun so groß bei ihm in Gunst,
Weil ich so klein, weil ich so zwerghaft bin?
Wie klein bin ich, du bunte Bohnenstange?
Wie klein bin ich?  Nicht gar so klein, daß nicht
Dir meine Nägel an die Augen reichten.

Helena.
Ihr Herrn, ich bitt euch, wenn ihr schon mich höhnt,
Beschirmt mich doch vor ihr.  Nie war ich böse,
Bin keineswegs geschickt zur Zänkerin;
Ich bin so feig wie irgend nur ein Mädchen.
Verwehrt ihr, mich zu schlagen; denket nicht,
Weil sie ein wenig kleiner ist als ich,
Ich nähm es mit ihr auf.

Hermia.
Schon wieder kleiner?

Helena.
Seid, gute Hermia, nicht so bös auf mich,
Ich liebt Euch immer, hab Euch nie gekränkt,
Und stets bewahrt, was Ihr mir anvertraut;
Nur daß ich, dem Demetrius zuliebe,
Ihm Eure Flucht in diesen Wald verriet.
Er folgte Euch, aus Liebe folgt ich (ihm);
Er aber schalt mich weg und drohte, mich
Zu schlagen, stoßen, ja zu töten gar;
Und nun, wo Ihr mich ruhig gehen laßt,
So trag ich meine Torheit heim zur Stadt
Und folg Euch ferner nicht.  O laßt mich gehn!
Ihr seht, wie kindisch und wie blöd ich bin.

Hermia.
Gut, zieht nur hin!  Wer hindert Euch daran?

Helena.
Ein töricht Herz, das ich zurück hier lasse.

Hermia.
Wie?  Bei Lysander?

Helena.
Bei Demetrius.

Lysander.
Sei ruhig, Helena!  sie soll kein Leid dir tun.

Demetrius.
Sie soll nicht, Herr, wenn Ihr sie schon beschützt.

Helena.
Oh, sie hat arge Tück in ihrem Zorn.
Sie war ‘ne böse Sieben in der Schule
Und ist entsetzlich wild, obschon so klein.

Hermia.
Schon wieder klein, und anders nicht wie klein?
Wie duldet Ihr’s, daß sie mich so verspottet?
Weg!  laß mich zu ihr!

Lysander.
Packe dich, du Zwergin!
Du Knirps aus Knötrich, der das Wachstum hemmt!
Du Ecker du, du Paternosterkralle!

Demetrius.
Ihr seid zu dienstgeschäftig, guter Freund,
Zugunsten der, die Euren Dienst verschmäht.
Laß mir sie gehn!  Sprich nicht von Helena!
Nimm nicht Partei für sie!  Vermissest du
Dich im geringsten, Lieb ihr zu bezeugen,
So sollst du’s büßen.

Lysander.
Jetzo bin ich frei;
Nun komm, wofern du’s wagst; laß sehn, wes Recht
An Helena, ob deins, ob meines gilt.

Demetrius.
Dir folgen?  Nein, ich halte Schritt mit dir.

(Lysander und Demetrius ab.)

Hermia.
Nun, Fräulein!  Ihr seid schuld an all dem Lärm.
Ei, bleibt doch stehn!

Helena.
Nein, nein!  ich will nicht traun,
Noch länger Eur verhaßtes Antlitz schaun.
Sind Eure Hände hurtiger zum Raufen,
So hab ich längre Beine doch zum Laufen.

(Ab.)

Hermia.
Ich staun und weiß nicht, was ich sagen soll.

(Sie läuft der Helena nach.)

Oberon.
Das ist dein Unbedacht!  Stets irrst du dich,
Wenn’s nicht geflißne Schelmenstreiche sind.

Droll.
Ich irrte diesmal, glaubt mir, Fürst der Schatten,
Gabt Ihr denn nicht von dem bestimmten Mann
Mir die Athenertracht als Merkmal an?
Und so weit bin ich ohne Schuld, daß jener,
Den ich gesalbt, doch wirklich ein Athener;
Und so weit bin ich froh, daß so sich’s fügt,
Weil diese Balgerei mich sehr vergnügt.

Oberon.
Du siehst zum Kampf bereit die hitzgen Freier:
Drum eile, Droll: wirf einen nächtgen Schleier,
Bedecke die gestirnte Feste schnell
Mit Nebeln, düster wie Kozytus’ Quell;
Und locke sie auf falsche Weg und Stege,
Damit sie nicht sich kommen ins Gehege.
Bald borg die Stimme vom Demetrius
Und reize keck Lysandern zum Verdruß;
Bald schimpf und höhne wieder wie Lysander
Und bringe so sie weiter auseinander,
Bis ihre Stirnen Schlaf, der sich dem Tod vergleicht,
Mit dichter Schwing und bleirnem Tritt beschleicht.
Zerdrück dies Kraut dann auf Lysanders Augen,
Die Zauberkräfte seines Saftes taugen,
Von allem Wahn sie wieder zu befrein
Und den gewohnten Blick ihm zu verleihn.
Wenn sie erwachen, ist, was sie betrogen,
Wie Träum und eitle Nachtgebild entflogen;
Dann kehren wieder nach Athen zurück
Die Liebenden, vereint zu stetem Glück.
Derweil dies alles deine Sorgen sind,
Bitt ich Titanien um ihr indisch Kind;
Ich bann ihr vom betörten Augenlide
Des Unholds Bild, und alles werde Friede.

Droll.
Mein Elfenfürst, wir müssen eilig machen.
Die Nacht teilt das Gewölk mit schnellen Drachen.
Auch schimmert schon Auroras Herold dort,
Und seine Näh scheucht irre Geister fort
Zum Totenacker; banger Seelen Heere,
Am Scheideweg begraben und im Meere:
Man sieht ins wurmbenagte Bett sie gehn.
Aus Angst, der Tag möcht ihre Schande sehn,
Verbannt vom Lichte sie ihr eigner Wille,
Und ihnen dient die Nacht zur ewgen Hülle.

Oberon.
Doch wir sind Geister andrer Region.
Oft jagt ich mit Aurorens Liebling schon,
Darf, wie ein Weidmann, noch den Wald betreten,
Wenn flammend sich des Ostens Pforten röten
Und, aufgetan, der Meeresfluten Grün
Mit schönem Strahle golden überglühn.
Doch zaudre nicht!  Sei schnell vor allen Dingen!
Wir können dies vor Tage noch vollbringen.

(Oberon ab.)

Droll.
Hin und her, hin und her,
Alle führ ich hin und her.
Land und Städte scheun mich sehr.
Kobold, führ sie hin und her!  Hier kommt der eine.

(Lysander tritt auf.)

Lysander.
Demetrius!  Wo bist du, Stolzer, du?

Droll.
Hier, Schurk, mit bloßem Degen; mach nur zu!

Lysander.
Ich komme schon.

Droll.
So laß uns miteinander
Auf ebnem Boden gehn.

(Lysander ab, als ging’ er der Stimme nach.
Demetrius tritt auf.)

Demetrius.
Antworte doch, Lysander!
Ausreißer!  Memme!  liefst du so mir fort?
In welchem Busche steckst du?  sprich ein Wort!

Droll.
Du Memme, forderst hier heraus die Sterne,
Erzählst dem Busch, du fochtest gar zu gerne,
Und kommst doch nicht?  Komm, Bübchen, komm doch her,
Ich geb die Rute dir.  Beschimpft ist der,
Der gegen dich nur zieht.

Demetrius.
He, bist du dort?

Droll.
Folg meinem Ruf, zum Kampf ist dies kein Ort.

(Droll und Demetrius ab.  Lysander kommt zurück.)

Lysander.
Stets zieht er vor mir her mit lautem Drohen;
Komm ich, wohin er ruft, ist er entflohen.
Behender ist der Schurk im Lauf als ich:
Ich folgt ihm schnell, doch schneller mied er mich,
So daß ich fiel auf dunkler, rauher Bahn,
Und hier nun ruhn will.—

(Legt sich nieder.)

Holder Tag, brich an!
Sobald mir nur dein graues Licht erscheint,
Räch ich den Hohn und strafe meinen Feind.

(Entschläft.)
(Droll und Demetrius kommen zurück.)

Droll.
Ho, ho!  du Memme, warum kommst du nicht?

Demetrius.
Steh, wenn du darfst, und sieh mir ins Gesicht.
Ich merke wohl, von einem Platz zum andern
Entgehst du mir und läßt umher mich wandern.
Wo bist du nun?

Droll.
Hieher komm!  ich bin hier.

Demetrius.
Du neckst mich nur, doch zahlst du’s teuer mir,
Wenn je der Tag dich mir vors Auge bringt.
Jetzt zieh nur hin, weil Müdigkeit mich zwingt,
Mich hinzustrecken auf dies kalte Kissen;
Frühmorgens werd ich dich zu finden wissen.

(Legt sich nieder und entschläft.  Helena tritt auf)

Helena.
O träge, lange Nacht, verkürze dich!
Und Tageslicht, laß mich nicht länger schmachten
Zur Heimat führe weg von diesen mich,
Die meine arme Gegenwart verachten.
Du, Schlaf, der oft dem Grame Lindrung leiht,
Entziehe mich mir selbst auf kurze Zeit.

(Schläft ein.)

Droll.
Dreie nur!—Fehlt eins noch hier:
Zwei von jeder Art macht vier.
Seht, sie kommt ja, wie sie soll,
Auf der Stirn Verdruß und Groll.
Amor steckt von Schalkheit voll,
Macht die armen Weiblein toll.

(Hermia tritt auf.)

Hermia.
Wie matt!  wie krank!  Zerzaust von Dornensträuchen,
Vom Tau beschmutzt und tausendfach in Not:
Ich kann nicht weitergehn, nicht weiterschleichen;
Mein Fuß vernimmt nicht der Begier Gebot.
Hier will ich ruhn; und soll’s ein Treffen geben,
O Himmel, schütze mir Lysanders Leben!

(Schläft ein.)

Droll.
Auf dem Grund
Schlaf gesund!
Gießen will
Ich dir still
Auf die Augen Arzenei.

(Träufelt den Saft auf Lysanders Augen.)

Wirst du wach,
O so lach
Freundlich der,
Die vorher
Du geliebt, und bleib ihr treu.
Dann geht es, wie das Sprüchlein rühmt:
Gebt jedem das, was ihm geziemt.
Hans nimmt sein Gretchen,
Jeder sein Mädchen;
Find’t seinen Deckel jeder Topf,
Und allen gehts nach ihrem Kopf.

(Ab.)

Vierter Aufzug

Erste Szene

Der Wald
(Titania und Zettel mit einem Gefolge von Elfen
Oberon im Hintergrunde, ungesehen)

Titania.
Komm, laß uns hier auf Blumenbetten kosen!
Beut, Holder, mir die zarte Wange dar:
Den glatten Kopf besteck ich dir mit Rosen
Und küsse dir dein schönes Ohrenpaar.

Zettel.
Wo ist Bohnenblüte?

Bohnenblüte.
Hier.

Zettel.
Kratz mir den Kopf, Bohnenblüte.—Wo ist Musje Spinnweb?

Spinnweb.
Hier.

Zettel.
Musje Spinnweb, lieber Musje, kriegen Sie Ihre Waffen
zurhand und schlagen Sie mir eine rotbeinige Biene auf
einem Distelkopfe tot, und, lieber Musje, bringen Sie mir
den Honigbeutel.  Tummeln Sie sich nicht allzusehr bei
dieser Verrichtung, Musje; und, lieber Musje, haben Sie
acht, daß der Honigbeutel nicht entzwei geht; es würde
mir leid tun, Signor, wenn Sie sich mit einem Honigbeutel
beschütteten.  Wo ist Musje Senfsamen?

Senfsamen.
Hier.

Zettel.
Geben Sie die Pfote, Musje Senfsamen; ich bitte Sie, lassen
Sie die Reverenzen, lieber Musje.

Senfsamen.
Was befehlen Sie?

Zettel.
Nichts, lieber Musje, als daß Sie dem Kavalier Bohnenblüte
kratzen helfen.  Ich muß zum Balbier, Musje; denn mir ist,
als wär ich gewaltig haarig ums Gesicht herum, und ich
bin ein so zärtlicher Esel: wenn mein Haar mich nur ein
bißchen kitzelt, gleich muß ich kratzen.

Titania.
Willst du Musik vernehmen, süßer Freund?

Zettel.
Ich hab ein räsonabel gutes Ohr für Musik; spielt mir ein
Stück auf der Maultrommel.

Titania.
Sag, süßer Freund, was hast du Lust zu essen?

Zettel.
Ja, meiner Seel!  Eine Krippe voll Futter.  Ich könnte
auch guten, trocknen Hafer käuen.  Mir ist, als hätte
ich großen Appetit nach einem Bunde Heu; gutes Heu,
süßes Heu hat seinesgleichen auf der Welt nicht.

Titania.
Ich hab ‘nen dreisten Elfen, der nach Nüssen
Im Magazin des Eichhorns suchen soll.

Zettel.
Ich hätte lieber ein oder zwei Hand voll trockner Erbsen.
Aber ich bitt Euch, laßt keinen von Euren Leuten mich
stören.  Es kommt mir eine Exposition zum Schlaf an.

Titania.
Schlaf du!  Dich soll indes mein Arm umwinden.
Ihr Elfen, weg!  Nach allen Seiten fort!—
So lind umflicht mit süßen Blütenranken
Das Geißblatt; so umzingelt, weiblich zart,
Das Efeu seines Ulmbaums rauhe Finger:
Wie ich dich liebe!  wie ich dich vergöttre!

(Sie schlafen ein.  Oberon tritt vor.  Droll kommt.)

Oberon.
Willkommen, Droll!  Siehst du dies süße Schauspiel?
Jetzt fängt mich doch ihr Wahnsinn an zu dauern.
Denn da ich eben im Gebüsch sie traf,
Wie sie für diesen Tropf nach Düften suchte,
Da schalt ich sie und ließ sie zornig an.
Sie hatt ihm die behaarten Schläf’ umwunden
Mit einem frischen, würzgen Blumenkranz.
Derselbe Tau, der sonst wie runde Perlen
Des Morgenlandes an den Knospen schwoll,
Stand in der zarten Blümchen Augen jetzt,
Wie Tränen, trauernd über eigne Schmach.
Als ich sie nach Gefallen ausgeschmält
Und sie voll Demut und Geduld mich bat,
Da fordert ich von ihr das Wechselkind;
Sie gab’s mir gleich und sandte ihren Elfen
Zu meiner Laub’ im Feenland mit ihm.
Nun, da der Knabe mein ist, sei ihr Auge
Von dieser häßlichen Verblendung frei.
Du, lieber Droll, nimm diese fremde Larve
Vom Kopfe des Gesellen aus Athen;
Auf daß er mit den andern hier, erwachend,
Sich wieder heimbegebe nach Athen,
Und alle der Geschichten dieser Nacht
Nur wie der Launen eines Traums gedenken.
Doch lös ich erst die Elfenkönigin:

(Er berührt ihre Augen mit einem Kraut.)

Sei, als wäre nichts geschehn!
Sieh, wie du zuvor gesehn!
So besiegt zu hohem Ruhme
Cynthias Knospe Amors Blume.
Nun, holde Königin!  wach auf, Titania!

Titania.
Mein Oberon, was für Gesicht’ ich sah!
Mir schien, ein Esel hielt mein Herz gefangen.

Oberon.
Da liegt dein Freund.

Titania.
Wie ist dies zugegangen?
O wie mir nun vor dieser Larve graut!

Oberon.
Ein Weilchen still!—Droll, nimm den Kopf da weg.
Titania, du laß Musik beginnen
Und binde stärker aller fünfe Sinnen
Als durch gemeinen Schlaf.

Titania.
Musik her!  Schlafbeschwörende Musik!

Droll.
Wenn du erwachst, so sollst du umgeschaffen
Aus deinen eignen dummen Augen gaffen.

Oberon.
Ertön Musik!  (Sanfte Musik.)
Nun komm, Gemahlin!  Hand in Hand gefügt,
Und dieser Schläfer Ruheplatz gewiegt!
Die Freundschaft zwischen uns ist nun erneut:
Wir tanzen morgen Mitternacht erfreut
In Theseus’ Hause bei der Festlichkeit
Und segnen es mit aller Herrlichkeit.
Auch werden da vermählt zu gleicher Zeit
Die Paare hier in Wonn und Fröhlichkeit.

Droll.  Elfenkönig, horch!  da klang
Schon der Lerche Morgensang.  Oberon.  Hüpfen wir denn, Königin,
Schweigend nach den Schatten hin!
Schneller als die Monde kreisen
Können wir die Erd umreisen.  Titania.  Komm, Gemahl, und sage du
Mir im Fliehn: wie ging es zu,
Daß man diese Nacht im Schlaf
Bei den Sterblichen mich traf?

(Alle ab.  Waldhörner hinter der Szene.
Theseus, Hippolyta, Egeus und Gefolge treten auf.)

Theseus.
Geh einer hin und finde mir den Förster,
Denn unsre Maienandacht ist vollbracht;
Und da sich schon des Tages Vortrab zeigt,
So soll Hippolyta die Jagdmusik
Der Hunde hören.—Koppelt sie im Tal
Gen Westen los; eilt, sucht den Förster auf.
Komm, schöne Fürstin, auf des Berges Höh;
Dort laßt uns in melodischer Verwirrung
Das Bellen hören samt dem Widerhall.

Hippolyta.
Ich bin beim Herkules und Kadmus einst,
Die mit spartanschen Hunden einen Bär
In Kretas Wäldern hetzten; nie vernahm ich
So tapfres Toben.  Nicht die Haine nur,
Das Firmament, die Quellen, die Reviere,
Sie schienen all’ (ein) Ruf und Gegenruf.
Nie hört ich so harmonschen Zwist der Töne,
So hellen Donner.

Theseus.
Auch meine Hunde sind aus Spartas Zucht,
Weitmäulig, scheckig und ihr Kopf behangen
Mit Ohren, die den Tau vom Grase streifen;
Krummbeinig, wammig wie Thessaliens Stiere;
Nicht schnell zur Jagd, doch ihrer Kehlen Ton
Folgt aufeinander wie ein Glockenspiel.
Harmonischer scholl niemals ein Gebell
Zum Hussa und zum frohen Hörnerschall
In Kreta, Sparta, noch Thessalien.
Entscheidet selbst.—Doch still!  wer sind hier diese?

Egeus.
Hier schlummert meine Tochter, gnädger Herr;
Dies ist Lysander, dies Demetrius,
Dies Helena, des alten Nedars Kind.
Ich bin erstaunt, beisammen sie zu treffen.

Theseus.
Sie machten ohne Zweifel früh sich auf,
Den Mai zu feiern, hörten unsre Absicht
Und kamen her zu unsrer Festlichkeit.
Doch sag mir, Egeus, ist dies nicht der Tag,
Wo Hermia ihre Wahl erklären sollte?

Egeus.
Er ist’s, mein Fürst.

Theseus.
Geh, heiß die Jäger, sie
Mit ihren Hörnern wecken.

(Waldhörner und Jagdgeschrei hinter der Szene, Demetrius,
Lysander, Hermia und Helena erwachen und fahren auf.)

Theseus.
Ei, guten Tag!  Sankt Velten ist vorbei,
Und paaren jetzt sich diese Vögel erst?

Lysander.
Verzeihung, Herr!

(Er und die übrigen knien.)

Theseus.
Steht auf, ich bitt euch alle.
Ich weiß, ihr seid zwei Feind und Nebenbuhler:
Wo kommt nun diese milde Eintracht her,
Daß, fern vom Argwohn, Haß beim Hasse schläft
Und keiner Furcht vor Feindlichkeiten hegt?

Lysander.
Mein Fürst, ich werd verworren Antwort geben,
Halb wachend, halb im Schlaf; noch, schwör ich Euch,
Weiß ich nicht recht, wie ich hieher mich fand.
Doch denk ich (denn ich möchte wahrhaft reden—
Und jetzt besinn ich mich, so ist es auch),
Ich kam mit Hermia her; wir hatten vor,
Weg von Athen an einen Ort zu fliehn,
Wo des Gesetzes Bann uns nicht erreichte.—

Egeus.
Genug, genug!  Mein Fürst, Ihr habt genug;
Ich will den Bann, den Bann auf seinen Kopf.
Fliehn wollten sie, ja fliehn, Demetrius!
Und wollten so berauben dich und mich,
Dich deines Weibs und meines Wortes mich;
Des Wortes, das zum Weibe dir sie gab!

Demetrius.
Mein Fürst, die schöne Helena verriet
Mir ihren Plan, in diesen Wald zu flüchten;
Und ich verfolgte sie hieher aus Wut,
Die schöne Helena aus Liebe mich.
Doch weiß ich nicht, mein Fürst, durch welche Macht
(Doch eine höhre Macht ist’s) meine Liebe
Zu Hermia, wie Schnee zerronnen, jetzt
Mir eines eitlen Tands Erinnrung scheint,
Worein ich in der Kindheit mich vergafft.
Der Gegenstand, die Wonne meiner Augen
Und alle Treu und Tugend meiner Brust
Ist Helena allein.  Mit ihr, mein Fürst,
War ich verlobt, bevor ich Hermia sah.
Doch wie ein Kranker haßt ich diese Nahrung.
Nun, zum natürlichen Geschmack genesen,
Begehr ich, lieb ich sie, schmacht ich nach ihr
Und will ihr treu sein nun und immerdar.

Theseus.
Ihr Liebenden, ein Glück, daß ich euch traf!
Wir setzen dies Gespräch bald weiter fort.—
Ihr, Egeus, müßt Euch meinem Willen fügen:
Denn schließen sollen diese Paar im Tempel
Zugleich mit uns den ewigen Verein.
Und weil der Morgen schon zum Teil verstrich,
So bleib auch unsre Jagd nun ausgesetzt.—
Kommt mit zur Stadt!  Wir wollen drei selb drei
Ein Fest begehn, das ohnegleichen sei.—
Komm denn, Hippolyta.

(Theseus, Hippolyta, Egeus und Gefolge ab.)

Demetrius.
Dies alles scheint so klein und unerkennbar
Wie ferne Berge, schwindend im Gewölk.

Hermia.
Mir ist, ich säh dies mit geteiltem Auge,
Dem alles doppelt scheint.

Helena.
So ist’s auch mir.
Ich fand Demetrius, so wie ein Kleinod,
Mein und auch nicht mein eigen.

Demetrius.
Seid Ihr denn
Des Wachens auch gewiß?  Mir scheint’s, wir schlafen,
Wir träumen noch.  Denkt Ihr nicht, daß der Herzog
Hier war und ihm zu folgen uns gebot?

Hermia.
Ja, auch mein Vater.

Helena.
Und Hippolyta.

Lysander.
Und er beschied uns zu sich in den Tempel.

Demetrius.
Wohl denn, wir wachen also.  Auf, ihm nach!
Und plaudern wir im Gehn von unsern Träumen.

(Ab.)
(Wie sie abgehn, wacht Zettel auf.)

Zettel.
Wenn mein Stichwort kommt, ruft mich, und ich will
antworten.  Mein nächstes ist: «O schönster Pyramus!»—
He!  holla!—Peter Squenz!  Flaut, der Bälgenflicker!
Schnauz, der Kesselflicker!  Schlucker!—Sapperment!
Alle davongelaufen und lassen mich hier schlafen!—
Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt.  Ich hatte
‘nen Traum—‘s geht über Menschenwitz, zu sagen, was
es für ein Traum war.  Der Mensch ist nur ein Esel, wenn
er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen.  Mir
war, als wär ich—kein Menschenkind kann sagen, was.
Mir war, als wär ich, und mir war, als hätt ich—aber
der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er
sich unterfängt zu sagen, was mir war, als hätt ichs;
des Menschen Auge hat’s nicht gehört, des Menschen Ohr
hats nicht gesehen, des Menschen Hand kann’s nicht
schmecken, seine Zunge kanns nicht begreifen und sein
Herz nicht wieder sagen, was mein Traum war.—Ich will
den Peter Squenz dazukriegen, mir von diesem Traum
eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettels Traum
heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich
will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge
singen.  Vielleicht, um sie noch anmutiger zu machen,
werde ich sie nach dem Tode singen.

(Ab.)

Zweite Szene

Athen
Eine Stube in Squenzens Hause
(Squenz, Flaut, Schnauz und Schlucker kommen)

Squenz.
Habt ihr nach Zettels Hause geschickt?  Ist er noch nicht
nach Haus gekommen?

Schlucker.
Man hört nichts von ihm.  Ohne Zweifel ist er transportiert.

Flaut.
Wenn er nicht kommt, so ist das Stück zum Henker.  Es geht
nicht vor sich, nicht wahr?

Squenz.
Es ist nicht möglich.  Ihr habt keinen Mann in ganz Athen
außer ihm, der kapabel ist, den Pyramus herauszubringen.

Flaut.
Nein; er hat schlechterdings den besten Witz von allen
Handwerksleuten in Athen.

Squenz.
Ja, der Tausend!  und die beste Person dazu.  Und was eine
süße Stimme betrifft, da ist er ein rechtes Phänomen.

Flaut.
Ein Phönix müßt Ihr sagen.  Ein Phänomen (Gott behüte uns)
ist ein garstiges Ding.

(Schnock kommt.)

Schnock.
Meister, der Herzog kommt eben vom Tempel, und noch drei
oder vier andere Herren und Damen mehr sind verheiratet.
Wenn unser Spiel vor sich gegangen wäre, so wären wir
alle gemachte Leute gewesen.

Flaut.
O lieber Sappermentsjunge, Zettel!  So hat er nun sechs
Batzen des Tags für Lebenszeit verloren.  Er konnte sechs
Batzen des Tags nicht entgehn—und wenn ihm der Herzog
nicht sechs Batzen des Tags für den Pyramus gegeben hätte,
will ich mich hängen lassen!  Er hätt es verdient.—Sechs
Batzen des Tags für den Pyramus, oder gar nichts!
(Zettel kommt.)

Zettel.
Wo sind die Buben?  Wo sind die Herzensjungen?

Squenz.
Zettel!—O allertrefflichster Tag!  gebenedeite Stunde!

Zettel.
Meister, ich muß Wunderdinge reden, aber fragt mich nicht
was; denn wenn ich’s euch sage, bin ich kein ehrlicher
Athener.  Ich will euch alles sagen, just wie es sich zutrug.

Squenz.
Laß uns hören, lieber Zettel.

Zettel.
Nicht eine Silbe.  Nur soviel will ich euch sagen: der Herzog
haben zu Mittage gespeist.  Kriegt eure Gerätschaften herbei!
Gute Schnüre an eure Bärte!  Neue Bänder an eure Schuh!  Kommt
gleich beim Palaste zusammen; laßt jeden seine Rolle
überlesen; denn das Kurze und das Lange von der Sache ist:
unser Spiel geht vor sich.  Auf allen Fall laßt Thisbe reine
Wäsche anziehn, und laßt dem, der den Löwen macht, seine
Nägel nicht verschneiden; denn sie sollen heraushängen als
des Löwen Klauen.  Und, allerliebste Akteure!  eßt keine
Zwiebeln, keinen Knoblauch; denn wir sollen süßen Odem von
uns geben, und ich zweifle nicht, sie werden sagen: Es ist
eine sehr süße Komödie.  Keine Worte weiter!  Fort!  marsch!
fort!

(Alle ab.)

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Ein Zimmer im Palast des Theseus
(Theseus, Hippolyta, Philostrat, Herren vom Hofe und
Gefolge treten auf)

Hippolyta.
Was diese Liebenden erzählen, mein Gemahl,
Ist wundervoll.

Theseus.
Mehr wundervoll wie wahr.
Ich glaubte nie an diese Feenpossen
Und Fabelein.  Verliebte und Verrückte
Sind beide von so brausendem Gehirn,
So bildungsreicher Phantasie, die wahrnimmt,
Was nie die kühlere Vernunft begreift.
Wahnwitzige, Poeten und Verliebte
Bestehn aus Einbildung.  Der eine sieht
Mehr Teufel, als die weite Hölle faßt:
Der Tolle nämlich; der Verliebte sieht,
Nicht minder irr, die Schönheit Helenas
Auf einer äthiopisch braunen Stirn.
Des Dichters Aug, in schönem Wahnsinn rollend,
Blitzt auf zum Himmel, blitzt zur Erd hinab,
Und wie die schwangre Phantasie Gebilde
Von unbekannten Dingen ausgebiert,
Gestaltet sie des Dichters Kiel, benennt
Das luftge Nichts und gibt ihm festen Wohnsitz.
So gaukelt die gewaltge Einbildung;
Empfindet sie nur irgend eine Freude,
Sie ahnet einen Bringer dieser Freude;
Und in der Nacht, wenn uns ein Graun befällt,
Wie leicht, daß man den Busch für einen Bären hält!

Hippolyta.
Doch diese ganze Nachtbegebenheit
Und ihrer aller Sinn, zugleich verwandelt,
Bezeugen mehr als Spiel der Einbildung:
Es wird daraus ein Ganzes voll Bestand,
Doch seltsam immer noch und wundervoll.

(Lysander, Demetrius, Hermia und Helena treten auf.)

Theseus.
Hier kommen die Verliebten, froh entzückt.
Glück, Freunde, Glück!  Und heitre Liebestage
Nach Herzenswunsch!

Lysander.
Beglückter noch, mein Fürst,
Sei Euer Aus- und Eingang, Tisch und Bett!

Theseus.
Nun kommt!  Was haben wir für Spiel’ und Tänze?
Wie bringen wir nach Tisch bis Schlafengehn
Den langen Zeitraum von drei Stunden hin?
Wo ist der Meister unsrer Lustbarkeiten?
Was gibt’s für Kurzweil?  Ist kein Schauspiel da,
Um einer langen Stunde Qual zu lindern?—
Ruft mir den Philostrat.

Philostrat.
Hier, großer Theseus!

Theseus.
Was gibt’s für Zeitvertreib auf diesen Abend?
Was für Musik und Tanz?  Wie täuschen wir
Die träge Zeit als durch Belustigung?

Philostrat.
Der Zettel hier besagt die fertgen Spiele:
Wähl Eure Hoheit, was sie sehen will.

(Überreicht ein Papier.)

Theseus (liest).
«Das Treffen der Kentauren—wird zur Harfe
Von einem Hämling aus Athen gesungen.»
Nein, nichts hievon!  Das hab ich meiner Braut
Zum Ruhm des Vetter Herkules erzählt.—
«Der wohlbezechten Bacchanalen Wut,
Wie sie den Sänger Thraziens zerreißen.»
Das ist ein altes Stück; es ward gespielt,
Als ich von Theben siegreich wiederkam.—
«Der Musen Neunzahl, traurend um den Tod
Der jüngst im Bettelstand verstorbenen Gelahrtheit.»
Das ist ‘ne strenge, beißende Satire,
Die nicht zu einer Hochzeitsfeier paßt.—
«Ein kurz langweilger Akt vom jungen Pyramus
Und Thisbe, seinem Lieb.  Spaßhafte Tragödie.»
Kurz und langweilig?  Spaßhaft und doch tragisch?
Das ist ja glühend Eis und schwarzer Schnee.
Wer findet mir die Eintracht dieser Zwietracht?

Philostrat.
Es ist ein Stück, ein Dutzend Worte lang,
Und also kurz, wie ich nur eines weiß;
Langweilig wird es, weils ein Dutzend Worte
Zu lang ist, gnädger Fürst; kein Wort ist recht
Im ganzen Stück, kein Spieler weiß Bescheid.
Und tragisch ist es auch, mein Gnädigster,
Denn Pyramus bringt selbst darin sich um.
Als ichs probieren sah, ich muß gestehn,
Es zwang mir Tränen ab; doch lustger weinte
Des lauten Lachens Ungestüm sie nie.

Theseus.
Wer sind die Spieler?

Philostrat.
Männer, hart von Faust,
Die in Athen hier ein Gewerbe treiben,
Die nie den Geist zur Arbeit noch geübt
Und nun ihr widerspenstiges Gedächtnis
Mit diesem Stück auf Euer Fest geplagt.

Theseus.
Wir wollen’s hören.

Philostrat.
Nein, mein gnädger Fürst,
Es ist kein Stück für Euch.  Ich hört es an,
Und es ist nichts daran, nichts auf der Welt,
Wenn Ihr nicht Spaß an ihren Künsten findet,
Die sie mit schwerer Müh sich eingeprägt,
Euch damit aufzuwarten.

Theseus.
Ich will’s hören,
Denn nie kann etwas unwillkommen sein,
Was Einfalt darbringt und Ergebenheit.
Geht, führt sie her!  Ihr Frauen, nehmet Platz!

(Philostrat ab.)

Hippolyta.
Ich mag nicht gern Armseligkeit bedrückt,
Ergebenheit im Dienst erliegen sehn.

Theseus.
Du sollst ja, Teure, nichts dergleichen sehn.

Hippolyta.
Er sagt ja, sie verstehen nichts hievon.

Theseus.
Um desto gütger ist’s, für nichts zu danken.
Was sie versehen, ihnen nachzusehen,
Sei unsre Lust.  Was armer, willger Eifer
Zu leisten nicht vermag, schätz edle Rücksicht
Nach dem Vermögen nur, nicht nach dem Wert.
Wohin ich kam, da hatten sich Gelahrte
Auf wohlgesetzte Reden vorbereitet;
Da haben sie gezittert, sich entfärbt,
Gestockt in einer halb gesagten Phrase;
Die Angst erstickte die erlernte Rede,
Noch eh sie ihren Willkomm vorgebracht,
Und endlich brachen sie verstummend ab.
Sogar aus diesem Schweigen, liebes Kind,
Glaub mir, fand ich den Willkomm doch heraus;
Ja, in der Schüchternheit bescheidnen Eifers
Las ich soviel als von der Plapperzunge
Vorwitzig prahlender Beredsamkeit.
Wenn Lieb und Einfalt sich zu reden nicht erdreisten,
Dann, dünkt mich, sagen sie im Wenigsten am meisten.

(Philostrat kommt zurück.)

Philostrat.
Beliebt es Eurer Hoheit?  Der Prolog
Ist fertig.

Theseus.
Laßt ihn kommen.

(Trompeten.—Der Prolog tritt auf.)

Prolog.
Wenn wir mißfallen tun, so ist’s mit gutem Willen;
Der Vorsatz bleibt doch gut, wenn wir ihn nicht erfüllen.
Zu zeigen unsre Pflicht durch dieses kurze Spiel,
Das ist der wahre Zweck von unserm End und Ziel.
Erwäget also denn: warum wir kommen sein:
Wir kommen nicht, als sollt ihr euch daran ergetzen;
Die wahre Absicht ist—zu eurer Lust allein
Sind wir nicht hier—daß wir in Reu und Leid euch setzen.
Die Spieler sind bereit; wenn ihr sie werdet sehen,
Versteht ihr alles schon, was ihr nur wollt verstehen.

Theseus.
Dieser Bursche nimmt’s nicht sehr genau.

Lysander.
Er hat seinen Prolog geritten wie ein wildes Füllen; er
weiß noch nicht, wo er halt machen soll.  Eine gute Lehre,
gnädiger Herr: es ist nicht genug, daß man rede; man muß
auch richtig reden.

Hippolyta.
In der Tat, er hat auf seinem Prolog gespielt wie ein
Kind auf der Flöte.  Er brachte wohl einen Ton heraus,
aber keine Note.

Theseus.
Seine Rede war wie eine verwickelte Kette: nichts zerrissen,
aber alles in Unordnung.  Wer kommt zunächst?

(Pyramus, Thisbe, Wand, Mondschein und Löwe treten als
stumme Personen auf.)

Prolog.
Was dies bedeuten soll, das wird euch wundern müssen,
Bis Wahrheit alle Ding’ stellt an das Licht herfür.
Der Mann ist Pyramus, wofern ihr es wollt wissen;
Und dieses Fräulein schön ist Thisbe, glaubt es mir.
Der Mann mit Mörtel hier und Leimen soll bedeuten
Die Wand, die garstge Wand, die ihre Lieb tät scheiden.
Doch freut es sie, drob auch sich niemand wundern soll,
Wenn durch die Spalte klein sie konnten flüstern wohl.
Der Mann da mit Latern und Hund und Busch von Dorn
Den Mondschein präsentiert, denn, wann ihr’s wollt erwägen:
Bei Mondschein hatten die Verliebten sich verschworn,
Zu gehen nach Nini Grab, um dort der Lieb zu pflegen.
Dies gräßlich wilde Tier, mit Namen Löwe groß,
Die treue Thisbe, die des Nachts zuerst gekommen,
Tät scheuchen, ja vielmehr erschrecken, daß sie bloß
Den Mantel fallen ließ und drauf die Flucht genommen.
Drauf dieser schnöde Löw in seinen Rachen nahm
Und ließ mit Blut befleckt den Mantel lobesam.
Sofort kommt Pyramus, ein Jüngling weiß und rot,
Und find’t den Mantel da von seiner Thisbe tot;
Worauf er mit dem Deg’n, mit blutig bösem Degen
Die blutge heiße Brust sich tapferlich durchstach;
Und Thisbe, die indes im Maulbeerschatten glegen,
Zog seinen Dolch heraus und sich das Herz zerbrach.
Was noch zu sagen ist, das wird—glaubt mir fürwahr!—
Euch Mondschein, Wand und Löw und das verliebte Paar
Der Läng und Breite nach, solang sie hier verweilen,
Erzählen, wenn ihr wollt, in wohlgereimten Zeilen.

(Prolog, Thisbe, Löwe und Mondschein ab.)

Theseus.
Mich nimmt wunder, ob der Löwe sprechen wird.

Demetrius.
Kein Wunder, gnädiger Herr: ein Löwe kann’s wohl, da so
viele Esel es tun.

Wand.
In dem besagten Stück es sich zutragen tut,
Daß ich, Thoms Schnauz genannt, die Wand vorstelle gut.
Und eine solche Wand, wovon ihr solltet halten,
Sie sei durch einen Schlitz recht durch und durch gespalten,
Wodurch der Pyramus und seine Thisbe fein
Oft flüsterten fürwahr ganz leis und insgeheim.
Der Mörtel und der Lehm und dieser Stein tut zeigen,
Daß ich bin diese Wand, ich wills euch nicht verschweigen;
Und dies die Spalte ist, zur Linken und zur Rechten,
Wodurch die Buhler zwei sich täten wohl besprechen.

Theseus.
Kann man verlangen, daß Lehm und Haar besser reden sollten?

Demetrius.
Es ist die witzigste Abteilung, die ich jemals vortragen hörte.

Theseus.
Pyramus geht auf die Wand los!  Stille!

Pyramus.
O Nacht, so schwarz von Farb, o grimmerfüllte Nacht!
O Nacht, die immer ist, sobald der Tag vorbei.
O Nacht!  O Nacht!  O Nacht!  ach!  ach!  ach!  Himmel!  ach!
Ich fürcht, daß Thisbes Wort vergessen worden sei.—
Und du, o Wand, o süß’ und liebenswerte Wand,
Die zwischen unsrer beiden Eltern Haus tut stehen;
Du Wand, o Wand, o süß’ und liebenswerte Wand!
Zeig deine Spalte mir, daß ich dadurch mag sehen.

(Wand hält die Finger in die Höhe.)

Hab Dank, du gute Wand!  der Himmel lohn es dir!
Jedoch, was seh ich dort?  Thisbe, die seh ich nicht.
O böse Wand, durch die ich nicht seh meine Zier,
Verflucht sei’n deine Stein’, daß du so äffest mich.

Theseus.
Mich dünkt, die Wand müßte wieder fluchen, da sie
Empfindung hat.

Pyramus.
Nein, fürwahr, Herr, das muß er nicht.  «Äffest mich»
ist Thisbes Stichwort; sie muß hereinkommen, und ich
muß sie dann durch die Wand ausspionieren.  Ihr sollt
sehen, es wird just zutreffen, wie ich’s Euch sage.
Da kommt sie schon.

(Thisbe kommt.)

Thisbe.
O Wand, du hast schon oft gehört das Seufzen mein,
Mein’n schönsten Pyramus weil du so trennst von mir;
Mein roter Mund hat oft geküsset deine Stein’,
Dein’ Stein’, mit Lehm und Haar geküttet auf in dir.

Pyramus.
Ein’ Stimm ich sehen tu; ich will zur Spalt und schauen,
Ob ich nicht hören kann meiner Thisbe Antlitz klar.
Thisbe!

Thisbe.
Dies ist mein Schatz, mein Liebchen ist’s, fürwahr!

Pyramus.
Denk was du willst, ich bin’s; du kannst mir sicher trauen,
Und gleich Limander bin ich treu in meiner Pflicht.

Thisbe.
Und ich gleich Helena, bis mich der Tod ersticht.

Pyramus.
So treu war Schefelus einst seiner Procrus nicht.

Thisbe.
Wie Procrus Schef’lus liebt’, lieb ich dein Angesicht.

Pyramus.
O küß mich durch das Loch von dieser garstgen Wand!

Thisbe.
Mein Kuß trifft nur das Loch, nicht deiner Lippen Rand.

Pyramus.
Willst du bei Nickels Grab heut nacht mich treffen an?

Thisbe.
Sei’s lebend oder tot, ich komme, wenn ich kann.

Wand.
So hab ich Wand nunmehr mein Part gemachet gut,
Und nun sich also Wand hinwegbegeben tut.

(Wand, Pyramus und Thisbe ab.)

Theseus.
Nun ist also die Wand zwischen den beiden Nachbarn nieder.

Demetrius.
Das ist nicht mehr als billig, gnädiger Herr, wenn Wände
Ohren haben.

Hippolyta.
Dies ist das einfältigste Zeug, das ich jemals hörte.

Theseus.
Das Beste in dieser Art ist nur Schattenspiel, und das
Schlechteste ist nichts Schlechteres, wenn die
Einbildungskraft nachhilft.

Hippolyta.
Das muß denn Eure Einbildungskraft tun und nicht die
ihrige.

Theseus.
Wenn wir uns nichts Schlechteres von ihnen einbilden als
sie selbst, so mögen sie für vortreffliche Leute gelten.
Hier kommen zwei edle Tiere herein, ein Mond und ein Löwe.

(Löwe und Mondschein treten auf.)

Löwe.
Ihr, Fräulein, deren Herz fürchtet die kleinste Maus,
Die in monströser Gestalt tut auf dem Boden schweben,
Mögt itzo zweifelsohn erzittern und erbeben,
Wenn Löwe, rauh von Wut, läßt sein Gebrüll heraus.
So wisset denn, daß ich Hans Schnock der Schreiner bin,
Kein böser Löw fürwahr, noch eines Löwen Weib;
Denn käm ich als ein Löw und hätte Harm im Sinn,
So daurte, meiner Treu, mich mein gesunder Leib.

Theseus.
Eine sehr höfliche Bestie und sehr gewissenhaft.

Demetrius.
Das Beste von Bestien, gnädiger Herr, was ich je gesehn habe.

Lysander.
Dieser Löwe ist ein rechter Fuchs an Herzhaftigkeit.

Theseus.
Wahrhaftig, und eine Gans an Klugheit.

Demetrius.
Nicht so, gnädiger Herr, denn seine Herzhaftigkeit kann
sich seiner Klugheit nicht bemeistern wie der Fuchs einer
Gans.

Theseus.
Ich bin gewiß, seine Klugheit kann sich seiner
Herzhaftigkeit nicht bemeistern; denn eine Gans
bemeistert sich keines Fuchses.  Wohl!  überlaßt es
seiner Klugheit und laßt uns auf den Mond horchen.

Mond.
Den wohlgehörnten Mond d’Latern z’erkennen gibt.

Demetrius.
Er sollte die Hörner auf dem Kopfe tragen.

Theseus.
Er ist ein Vollmond, seine Hörner stecken unsichtbar
in der Scheibe.</