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Maaß für Maaß — Christoph Martin Wieland

Personen des Lustspiels.

Vincentio, Herzog zu Wien.
Angelo, Stadthalter in Abwesenheit des Herzogs.
Escalus, ein alter Herr von Stande, dem Angelo in Verwaltung der
Regierung beygefügt.
Claudio, ein junger Edelmann.
Lucio, ein Libertiner.
Zwey Edelleute.
Varrius, einer von den Hofleuten des Herzogs.
Thomas und Peter, zwey Franciscaner-Mönche.
Ein Richter.
Kerkermeister.
Ellbogen, ein Policey-Aufseher in einem Quartier der Stadt.
Schaum, ein närrischer Junker.
Harlequin, Diener der Frau Overdone.
Abhorson, ein Nachrichter.
Bernardin, ein ruchloser Gefangner.
Isabella, Claudios Schwester.
Mariane, mit Angelo versprochen.
Juliette, Claudios Liebste.
Francisca, eine Nonne.
Frau Overdone, eine Kupplerin.
Wache, Stadtbediente, und andre aufwartende Personen.

Der Schauplaz ist in Wien.

Die Geschichte ist aus Cinthios* Novellen genommen.

{ed.-* «Epitia» von Giambattista Giraldi, gen. Cintio (Cinzio),
1504—1573.}

Erster Aufzug.

Erste Scene.
(Des Herzogs Palast.)
(Der Herzog, Escalus, und einige Herren vom Hofe.)

Herzog.
Escalus—

Escalus.
Gnädigster Herr—

Herzog.
Es würde eine unzeitige Sucht zu reden an mir scheinen, wenn ich
euch die Eigenschaften einer klugen Regierungsart entfalten wollte,
da mir bekannt ist, daß eure Wissenschaft hierinn alle Erinnerungen,
die ich euch geben könnte, überflüssig macht; es bleibt mir also
nichts übrig, als euch die Gelegenheit zu geben, diese
Geschiklichkeit im Werke zu zeigen. Fleiß und Erfahrung hat euch
den Character unsers Volkes, die Geseze unsrer Stadt, und die
allgemeinen Regeln der Gerechtigkeit so bekannt gemacht, daß wir
niemand kennen, der euch hierinn übertreffe. Hier ist unser
Auftrag, welchem wir pünctlich nachgelebt wissen wollen—Man rufe
den Angelo hieher—Wie meynt ihr, daß er unsre Stelle vertreten
werde? Denn ihr müßt wissen, daß wir ihn mit besonderer Vollmacht
ersehen haben, unsre Abwesenheit zu ersezen; ihm haben wir unsre
volle Macht zu strafen und gutes zu thun geliehen; sagt, was denkt
ihr hiezu?

Escalus.
Wenn jemand in Wien eines solchen Vertrauens, und einer so hohen
Ehre würdig ist, so ist es Angelo.

Zweyte Scene.
(Angelo zu den Vorigen.)

Angelo.
Ich komme, Euer Durchlaucht Befehle zu vernehmen.

Herzog.
Angelo, dein Leben entdekt dem aufmerksamen Beobachter die ganze
Gestalt deines Characters. Die Ausübung jeder Tugend ist durch
eine lange Uebung deine Natur geworden. Wir zünden keine Fakeln an,
damit sie sich selbst leuchten; so macht es der Himmel mit uns;
wofern unsre Tugenden nicht ausser uns würken, so wäre es gleich
viel, wenn wir sie gar nicht hätten. Geister werden nur zu grossen
Endzweken vollkommner von der Natur ausgebildet, und diese sparsame
Göttin leyht nicht das kleinste Quintchen von ihrer Vortreflichkeit,
ohne die Absicht, Dank und Interesse davon zu ziehen. Doch ich
rede dieses zu einem, der mich selbst in dem Amt, das ich ihm
auftrage, unterrichten könnte. Sey also in unsrer Abwesenheit der
Vertreter unsres völligen Selbst in dieser Stadt; Leben und Tod,
Angelo, hange von deinen Lippen ab; der alte Escalus, ob gleich der
erste deiner Räthe, ist nur der zweyte nach dir. Hier ist deine
Commißion.

Angelo.
Nein, mein gnädigster Herr; laßt mein Metall vorher auf irgend eine
schärfere Probe gesezt werden, eh eine so edle und grosse Figur
darauf gestempelt wird.

Herzog.
Kommt, keine Ausflüchte mehr; wir haben euch mit wohlbedachter Wahl
hiezu ersehen; übernehmt also unsre Stelle. Unsre Abreise von hier
wird so schleunig seyn, daß wir Sachen von Wichtigkeit
unentschieden zurüklassen müssen. Wir werden euch, so viel Zeit
und Umstände zulassen, von unserm Befinden Nachricht geben, und uns
erkundigen, wie es hier stehe. Lebet also wohl; ich überlasse euch
der hoffnungsvollen Ausführung unsrer Aufträge.

Angelo.
Erlaubet wenigstens, gnädigster Herr, daß wir euch einige Umstände—

Herzog.
Wir können keinen Augenblik länger verziehen. Auch habt ihr, bey
meiner Ehre, nicht nöthig euch das mindeste Bedenken zu machen.
Euer Werk ist, wie das unsrige, die Geseze so einzurichten und in
Würksamkeit zu sezen, wie ihr es am besten achtet. Gebt mir eure
Hand, ich werde in geheim abreisen. Ich liebe das Volk, aber ich
seze mich ihm nicht gern zur Schau aus; ob es gleich wohl thut, so
bin ich doch kein Liebhaber ihres lauten Zujauchzens, und habe
keine grosse Meynung von der Bescheidenheit derjenigen, die
dergleichen Dinge lieben. Noch einmal, lebet wohl.

Angelo.
Der Himmel befördere euer Vorhaben.

Escalus.
Und bringe euch glüklich zurük.

Herzog.
Ich danke euch, lebet wohl.

(Er geht ab.)

Escalus.
Ich muß euch, mein Herr, um Erlaubniß bitten, eine freye
Unterredung mit euch zu haben. Es ist mir daran gelegen, mein Amt
recht zu kennen. Ich habe eine Gewalt; aber ich bin nicht belehrt,
wie weit sie sich erstrekt.

Angelo.
Es geht mir eben so; wir wollen uns mit einander hinwegbegeben, und
durch Vergleichung unsrer Instructionen uns ins Klare sezen.

Escalus.
Ich werde Euer Gnaden folgen.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.
(Eine Straasse.)
(Lucio und zween Edelleute.)

Lucio.
Wenn der Herzog, und die übrigen Herzoge sich mit dem König von
Ungarn nicht vergleichen können, so werden sich alle Herzoge wider
den König vereinigen.

1. Edelmann.
Der Himmel geb uns seinen Frieden, aber nicht des Königs in Ungarn
seinen.

2. Edelmann.
Amen!

Lucio.
Du betest wie jener andächtiger Seeräuber, der mit den zehen
Gebotten zu Schiffe stieg, aber eines aus der andern Tafel
auskrazte.

2. Edelmann.
Du sollt nicht stehlen—

Lucio.
Eben das.

1. Edelmann.
Hatte er nicht Ursache? Das ist ein Gebott, das seine Leute von
ihrer Schuldigkeit abgehalten hätte; denn sie schiften sich ein, um
zu stehlen. Es ist nicht einer unter uns Soldaten, dem in dem
Gebet vor dem Essen, die Bitte für den Frieden gefiele.

2. Edelmann.
Ich habe doch nie keinen Soldaten gehört, der sie mißbilligt hätte.

Lucio.
Das glaub ich dir; du bist vermuthlich nie dabey gewesen, wenn man
das Tischgebet gesprochen hat.

2. Edelmann.
Nie? wenigstens ein duzendmal.

1. Edelmann.
Wie? In Reimen?

Lucio.
In allen Reim-Arten und in allen Sprachen.

1. Edelmann.
Und auch in allen Religionen denk’ ich.

Lucio.
Warum das nicht?—Aber seht, seht, hier kommt Madam Gutherzigkeit.

1. Edelmann.
Wahrhaftig, die Krankheiten, die ich unter ihrem Dach aufgelesen
habe, kommen mich—

2. Edelmann.
Wie hoch, wenn ich bitten darf?

1. Edelmann.
Rathet?

2. Edelmann.
Dreytausend Thaler jährlich?

1. Edelmann.
Ja, und mehr.

Lucio.
Eine französische Crone mehr.

Vierte Scene.
(Die Kupplerin, die Vorigen.)

1. Edelmann.
Wie gehts, Mutter, auf welcher Seite habt ihr das Hüftweh am
nachdrüklichsten?

Kupplerin.
Gut, gut, dort wird einer ins Gefängniß geführt, der fünftausend
wie ihr seyd werth ist.

1. Edelmann.
Wer ist das, ich bitte dich?

Kupplerin.
Zum Henker, Junker, es ist Claudio; Signor Claudio.

1. Edelmann.
Claudio ins Gefängniß? das kan nicht seyn.

Kupplerin.
Ich weiß aber daß es ist; ich sah, wie er angehalten wurde; ich sah
ihn wegführen, und was noch mehr ist, in den nächsten drey Tagen
wird ihm der Kopf abgeschlagen werden.

Lucio.
Das stünde mir gar nicht an; bist du dessen gewiß?

Kupplerin.
Nur allzugewiß; und das alles, weil er der Fräulein Juliette ein
Kind gemacht hat.

Lucio.
Glaubt mir, es kan seyn; er versprach mir, vor zwey Stunden mich
hier anzutreffen, und er war immer genau sein Wort zu halten.

1. Edelmann.
Und überdas stimmt dieser Bericht mit dem öffentlichen Ausruf ein.

Lucio.
Kommt, wir wollen sehen, was an der Sache ist.

Fünfte Scene.
(Die Kupplerin, Harlequin.)

Kupplerin.
Was bringst du neues?

Harlequin.
Seht ihr nicht den Mann dort, den man ins Gefängniß führt?

Kupplerin.
Was hat er denn gemacht?

Harlequin.
Eine Frau.

Kupplerin.
Ich frage, was ist sein Verbrechen?

Harlequin.
Daß er in einem fremden Bache Dreuschen gefangen hat.

Kupplerin.
Wie? geht ein Mädchen mit einem Kind von ihm?

Harlequin.
Nein, aber ein Weib geht mit einem Mädchen von ihm. Ihr habt den
Ausruf nicht gehört, habt ihr?

Kupplerin.
Was für einen Ausruf, Mann?

Harlequin.
Alle Häuser in den Vorstädten von Wien sollen niedergerissen werden.

Kupplerin.
Und was soll aus denen in der Stadt werden?

Harlequin.
Die läßt man zum Saamen stehen; sie hätten auch weg sollen, aber
einige weise Bürger haben sich für sie ins Mittel geschlagen.

Kupplerin.
So sollen also alle unsre Schenk- und Spiel-Häuser in den
Vorstädten niedergerissen werden?

Harlequin.
Bis auf den Grund, Madam.

Kupplerin.
Wahrhaftig, es geht eine grosse Veränderung im gemeinen Wesen vor;
was wird aus mir werden?

Harlequin.
O, dafür macht euch keine Sorgen: gute Rathgeber haben nie Mangel
an Clienten; wenn ihr schon euern Plaz ändert, so braucht ihr
deßwegen nicht euer Gewerbe zu ändern; ich will immer euer treuer
Diener bleiben. Habt nur gut Herz, man wird Mitleiden mit euch
haben; ihr, die ihr eure Augen im Dienst des gemeinen Wesens
beynahe aufgebraucht habt, ihr werdet in Betrachtung gezogen werden.

Kupplerin.
Was giebts hier, Thomas, wir wollen uns zurük ziehen.

(Sie gehen ab.)

Sechste Scene.
(Der Kerkermeister, Claudio, Juliette, und Stadtbediente.)
(Lucio, und zwey Edelleute.)

Claudio.
Guter Freund, warum führst du mich so zur Schau herum? führe mich
in das Gefängniß, wohin ich verurtheilet bin.

Kerkermeister.
Ich thu es nicht aus bösem Willen, sondern auf ausdrüklichen Befehl
des Herrn Stadthalters.

Claudio.
So kan der Halbgott, Authorität, uns das volle Gewicht unsrer
Uebertretungen bezahlen machen. So sind die Urtheile des Himmels;
wem er verzeihen will, dem will er; wem er nicht will, will er
nicht, und ist doch immer gerecht.

Lucio.
Wie, was ist dieses, Claudio? Warum befindet ihr euch in solchen
Umständen? Was ist euer Verbrechen?

Claudio.
Nur davon zu reden, würde ein neues Verbrechen seyn.

Lucio.
Wie, ist es eine Mordthat?

Claudio.
Nein.

Lucio.
Unzucht?

Claudio.
Wenn ihr es so nennen wollt.

Kerkermeister.
Fort, mein Herr, ihr müßt gehen.

Claudio.
Nur ein Wort, guter Freund Lucio, ein Wort mit euch.

Lucio.
Hundert, wenn sie euch etwas nüzen können; wird Unzucht so hart
angesehen?

Claudio.
Diß ist mein Fall: Auf ein beydseitiges Eheversprechen hin nahm ich
Besiz von Juliettens Bette; (ihr kennet sie;) sie ist mein wahres
Eheweib, ausser daß uns die Ceremonien mangeln, wodurch unsre
Heurath öffentlich gemacht worden wäre. Die einzige Ursache warum
wir sie unterliessen, war ein Erbe, das noch in den Kisten ihrer
Verwandten ligt, denen wir unsre Liebe noch so lange zu verbergen
gedachten, bis die Zeit sie uns günstiger gemacht haben würde.
Allein das Unglük wollte, daß das Geheimniß unsrer Vertraulichkeit
vor der Zeit verrathen würde—es ist mit zu grossen Buchstaben an
Julietten geschrieben.

Lucio.
Mit einem Kind, vielleicht?

Claudio.
Leider! und der neue Stadthalter des Herzogs (ob es daher kommt,
daß der Staatskörper ein Pferd ist, welches der Stadthalter
zureiten soll, und dem er, das erste mal, die Sporren stärker zu
fühlen giebt, damit es wisse, daß er seiner meister ist; oder ob
die Tyranney in dem Plaz oder in demjenigen ist, der ihn einnimmt?
kan ich nicht entscheiden:) Kurz, der neue Stadthalter erwekt bey
meinem Anlas alle die veralteten Straffen, die gleich einer
ungepuzten Rüstung, so lange an der Wand gehangen, bis neunzehn
Zodiaci sich umgewälzt haben, ohne daß sie in einem einzigen
gebraucht worden; und um eines Namens willen, wekt er das vergeßne
tiefeingeschlafne Gesez wider mich auf; in der That, um eines
Namens willen.

Lucio.
Du hast recht, es ist nicht anders; und dein Kopf steht so schwach
auf deinen Schultern, daß ihn ein verliebtes Milchmädchen
wegseufzen könnte. Schikt dem Herzog nach, und appellirt an ihn.

Claudio.
Ich hab es gethan; aber man kan ihn nirgends finden. Ich bitte
dich, Lucio, thu mir diesen Liebesdienst; ich hab eine Schwester im
Kloster, die an diesem Tag ihre Probzeit enden soll. Gieb ihr
Nachricht von der Gefahr worinn ich bin; bitte sie in meinem Namen,
daß sie Freunde an den strengen Stadthalter schike; bitte sie, daß
sie in eigner Person einen Anfall auf ihn thue; von dem leztern
macht’ ich mir die meiste Hoffnung. Eine junge Person wie sie, hat
eine Art von sprachloser Beredsamkeit, der die Männer selten
widerstehen können; und ausserdem, so ist sie auch geschikt genug,
wenn sie durch Gründe und Vorstellungen überreden will.

Lucio.
Ich wünsche, daß sie es könne; sowol zum Trost Aller die sich in
ähnlichen Umständen befinden, als um deines Lebens willen; es würde
mich sehr verdriessen, wenn es wegen eines Spiels Trictrak so
närrischer Weise verlohren gehen sollte. Ich will zu ihr.

Claudio.
Habe Dank, mein guter Freund, Lucio.

Lucio.
Binnen zwo Stunden—

Claudio.
Kommt, Kerkermeister, wir wollen gehen.

(Sie gehen ab.)

Siebende Scene.
(Ein Kloster.)
(Der Herzog und Bruder Thomas.)

Herzog.
Nein, heiliger Vater, laßt diesen Gedanken fahren: Glaubet nicht,
daß der schmuzige Pfeil der Liebe einen männlichen Busen
durchdringen könne. Die Ursache, warum ich euch um eine geheime
Beherbergung bitte, ist wichtiger und ernsthafter, als die
ausschweiffenden Absichten der glühenden Jugend.

Bruder.
Kan Eure Durchlaucht davon reden—

Herzog.
Mein ehrwürdiger Vater, niemand weiß besser als ihr, wie sehr ich
immer das abgesonderte Leben geliebt, und wie wenig ich an den
Gesellschaften, wo Jugend, Verschwendung, und fröliche Thorheit
sich vereinigen, Geschmak gehabt habe. Ich habe dem Freyherrn
Angelo, einem Mann von strengen Sitten und geübter Enthaltsamkeit,
meine ganze unumschränkte Gewalt in Wien übertragen; und er ist in
der Einbildung, daß ich nach Polen gereißt sey; denn so hab’ ich
unter die Leute streuen lassen, und so ist es angenommen: Nun, mein
frommer Herr, werdet ihr mich fragen, warum ich das thue?

Bruder.
Wenn es erlaubt ist, Gnädigster Herr.

Herzog.
Wir haben strenge Geseze, (ein nothwendiges Gebiß für unbändige
Unterthanen) die wir diese neunzehn Jahre her haben schlaffen
lassen, gleich einem überfüllten Löwen, der in seiner Höle ligen
bleibt, und nicht auf Beute ausgeht. Wie es nun zu begegnen pflegt,
daß wenn allzu zärtliche Väter die Ruthe nicht zum Gebrauch,
sondern nur zum Schreken, ihren Kindern vor die Augen steken, sie
in kurzer Zeit mehr verlacht als gefürchtet wird; so ist es unsern
Gesezen gegangen: Anstatt den Verbrechern den Tod zu geben, sind
sie selbst todt; die ungebundne Freyheit zieht die Gerechtigkeit
bey der Nase, der Säugling schlägt die Amme, und alle Anständigkeit
der Sitten geht verlohren.

Bruder.
Es hieng nur von Euer Durchlaucht ab, diese gefesselte
Gerechtigkeit wieder los zu lassen, und es würde an Euch
furchtbarer geschienen haben, als an Angelo.

Herzog.
Ich besorge, nur allzu furchtbar. Da es mein Fehler war, dem Volk
so viel Freyheit zu lassen, so würde es Tyranney gewesen seyn, sie
für das zu strafen, was ich selbst ihnen zu thun befahl. Denn wir
befehlen Böses zu thun, wenn wir den Uebelthaten statt der Straffe
ihren freyen Lauf lassen. Dieses ist der wahre Grund, mein Vater,
warum ich dieses Amt dem Angelo aufgetragen habe, der unter dem
schüzenden Ansehen meines Namens straffen kan, ohne daß, so lange
meine Person nicht gesehen wird, der Tadel auf mich fällt. Um aber
selbst ein Augenzeuge von dieser Regierung zu seyn, will ich unter
dem Namen eines Bruders von euerm Orden, sowol den Regenten als das
Volk besuchen. Ich bitte dich also, schaffe mir einen Habit, und
unterrichte mich, damit ich die vollständige Person eines ächten
Franciscaner-Mönchs spielen könne. Noch mehr Gründe für diese
Handlung will ich bey mehrerer Musse eröffnen; einer davon ist
dieser: Angelo ist strenge; steht gegen jeden Tadel auf der Hut,
gesteht kaum, daß sein Blut fließt, oder daß er zu Brot mehr
Appetit hat als zu Stein. Wir können vielleicht bey dieser
Gelegenheit lernen, wie viel man sich auf diese strengen Tugenden
verlassen kan.

(Sie gehen ab.)

Achte Scene.
(Ein Frauen-Kloster.)
(Isabella, und Francisca.)

Isabella.
Und habt ihr Kloster-Frauen keine andern Freyheiten?

Francisca.
Sind diese nicht groß genug?

Isabella.
Ja, freylich; ich frage nicht, als ob ich mehr wünschte; sondern
weil ich wünschte, daß die Schwesterschaft der heiligen Clara noch
enger eingeschränkt seyn möchte. (Lucio läßt seine Stimme hinter
der Scene hören.)

Isabella.
Was ist das? Wer ruft?

Francisca.
Es ist eines Mannes Stimme. Meine liebe Isabella, schließt ihr auf,
und fragt ihn was er will; ihr dürft es thun, ich nicht; ihr habt
das Gelübde noch nicht gethan; wenn ihr es gethan habt, so dürft
ihr mit keiner Mannsperson sprechen, ausser in Gegenwart der
Priorin; und auch dann, wenn ihr redet, dürft ihr euer Gesicht
nicht zeigen, oder wenn ihr das Gesicht zeigt, dürft ihr nicht
reden. Er ruft wieder; ich bitte euch, gebt ihm Antwort.

(Francisca geht ab.)

Isabella.
Wer ruft hier?

(Sie macht die Thüre auf.)

(Lucio kommt herein.)

Lucio.
Heil, Jungfrau, wenn ihr seyd, wofür euch diese Rosenwangen
ankündigen; wollt ihr so gefällig seyn, und mich vor Isabellen
bringen, der schönen Schwester des unglüklichen Claudio, die sich
unter den Probe-Schwestern dieses Hauses befindet.

Isabella.
Warum des unglüklichen Claudio, laßt mich zurükfragen, indem ich
euch sage, daß ich diese Isabella und seine Schwester bin.

Lucio.
Holdselige Schöne, euer Bruder grüsset euch; um euch nicht lange
aufzuhalten, er ligt im Gefängniß.

Isabella.
Weh mir! Und warum?

Lucio.
Für etwas, wofür er, wenn ich sein Richter wäre, Belohnung statt
Strafe erhalten sollte; er hat einer guten Freundin ein Kind
gemacht.

Isabella.
Mein Herr, erzählt mir nicht eure eigne Geschichte.

Lucio.
Es ist wie ich sage; wenn es gleich meine Schooßsünde ist, den
Kybizen mit den Mädchen zu spielen, und ihnen zum Spaß Dinge
vorzusagen, wovon mein Herz nichts weiß, so wollte ich doch nicht
mit allen Jungfrauen so scherzen. Ich sehe euch für ein
geheiligtes und dem Himmel geweyhtes Geschöpf an; und, aufrichtig
zu reden, euer Stand macht euch in meinen Augen schon zu einem
abgeschiednen seligen Geist.

Isabella.
Ihr lästert das Gute, indem ihr meiner spottet.

Lucio.
Denket das nicht von mir. In wahrem Ernst, diß ist die Sache: Euer
Bruder hat seine Liebste in einen Zustand gesezt, der dasjenige was
zwischen ihnen vorgegangen, unleugbar macht.

Isabella.
Ist eine schwanger von ihm?—Meine Base Juliette?

Lucio.
Ist sie eure Base?

Isabella.
Durch Adoption, durch die Liebe, die wir als Kinder für einander
gehabt.

Lucio.
Sie ist es.

Isabella.
O! So kan er sie ja heurathen.

Lucio.
Das ist eben der Knoten. Der Herzog hat sich auf eine sehr
seltsame Art von hier wegbegeben; und manchen Edelmann, worunter
ich selbst einer bin, in der Hoffnung, einen Antheil an der Staats
Verwaltung zu bekommen, getäuscht. Allein wenn denjenigen zu
glauben ist, welche die wahren Nerven des Staats kennen, so ist die
Bestellung die er gemacht, unendlich weit von seiner würklichen
Absicht entfernt. Indessen herrschet an seinem Plaz, und mit
seiner ganzen unumschränkten Gewalt, der Freyherr Angelo, ein Mann
dessen Blut Schneewasser ist; ein Mann der durch die Stärke seiner
Seele, durch Studieren und Fasten den Stachel der Natur stumpf
gemacht hat; der die Bewegung der Sinne, und den Trieb der
unordentlichen Lust nie gefühlt hat. Dieser, (um den Muthwillen
und die Ausgelassenheit, die eine lange Zeit um die drohenden
Geseze, wie Mäuse um Löwen, herumgeschwärmt, in Schreken zu sezen)
hat ein Gesez hervorgesucht, unter dessen schwerem Inhalt eures
Bruders Leben der Todesstraffe verfallen ist; er hat ihn also
gefangen gesezt, und will durch Vollziehung der ganzen Strenge des
Gesezes, ihn andern zu einem Beyspiel machen. Alle Hoffnung ist
hin, wofern ihr nicht das Glük habt, durch eure schöne Fürbitte den
Angelo zu rühren; und dieses ist, warum ich euch in euers Bruders
Namen bitte.

Isabella.
Er will ihm das Leben nehmen, sagt ihr?

Lucio.
Er hat das Urtheil schon gesprochen, und der Kerkermeister hat, wie
ich höre, schon den Befehl wegen der Hinrichtung.

Isabella.
Ach Himmel! Was kan ich ihm also helfen?

Lucio.
Versucht die Macht, die ihr habt.

Isabella.
Meine Macht? Ach! ich zweifle—

Lucio.
Unsre Zweifel sind Betrüger, und bringen uns oft um das Gute, das
wir gewinnen könnten, durch die blosse Furcht vor dem Versuch.
Geht zu dem Stadthalter, und laßt ihn erfahren lernen, was die
Bitten, die gebognen Knie und die Thränen der Schönheit über einen
Mann vermögen.

Isabella.
Ich will sehen was ich thun kan.

Lucio.
Aber beschleuniget euch.

Isabella.
Ich will nicht länger säumen, als um der würdigen Mutter Nachricht
von meinem Geschäfte zu geben. Ich danke euch von Herzen; grüsset
meinen Bruder: eh es Nacht ist, will ich ihm von meiner Ausrichtung
Nachricht geben.

Lucio.
Ich beurlaube mich von euch, schöne Schwester—

Isabella.
Lebet wohl, mein gütiger Herr.

(Sie gehen ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene.
(Der Palast.)
(Angelo, Escalus, ein Richter, Bediente.)

Angelo.
Wir müssen kein Schrek-Bild aus dem Gesez machen, das, die
Raubvögel zu verscheuchen, aufgestellt wird; und ihm so lang
einerley Gestalt lassen, bis die Gewohnheit macht, das sie sich
darauf sezen, anstatt davor zu fliehen.

Escalus.
Auch ist mein Rath, nur in diesem Fall einige Nachsicht verwalten
zu lassen. Ach! der junge Mann den ich retten wollte, hatte einen
sehr edeln Vatter. Ich halte Euer Gnaden für einen Mann von
strenger Tugend; aber möchtet ihr die Ueberlegung machen, ob ihr
selbst, wenn Zeit und Gelegenheit euerm Wunsch oder dem Trieb des
feurigen Blutes günstig gewesen wäre, ob ihr nicht selbst in
gewissen Augenbliken euers Lebens, in eben diesem Punct, weßwegen
ihr ihn strafen wollt, gefehlt und das Gesez wider euch gereizt
hättet.

Angelo.
Ein anders ist, versucht werden, Escalus, ein anders, fallen. Ich
läugne nicht, daß unter den zwölf Geschwornen, die über eines
Gefangnen Leben sprechen sollen, einer oder zween seyn können, die
noch grössere Diebe sind, als der den sie verhören. Die
Gerechtigkeit straft nur die Verbrechen, die ihr bekannt sind. Was
weiß das Gesez davon, daß Diebe über Diebe urtheilen? Es ist
natürlich, daß wir bey einem Edelstein, den wir finden, still
stehen und ihn aufheben, weil wir ihn sehen; aber wenn wir ihn
nicht sehen, so treten wir auf ihn und denken nicht daran. Ihr
könnt sein Vergehen dadurch nicht verringern, daß ihr voraussezt,
ich habe auch solche Fehler machen können; aber dann, wenn ich, der
ihn bestraft, mich würklich so vergehe, dann redet, und laßt mein
eignes Urtheil mir den Tod zu erkennen. Mein Herr, er muß sterben!
(Der Kerkermeister zu den Vorigen.)

Escalus.
So sey es, wie eure bessere Einsicht es will.

Angelo.
Wo ist der Kerkermeister?

Kerkermeister.
Hier, zu Euer Gnaden Befehl.

Angelo.
Sorget dafür, daß Claudio bis morgen um neun Uhr gerichtet werde.
Bringt ihm seinen Beichtiger, laßt ihn vorbereitet werden; denn
diese Zeit ist alles, was er noch zu leben hat.

(Kerkermeister geht ab.)

Escalus (vor sich.)
Gut, der Himmel verzeihe ihm! und verzeih’ uns allen! Einige
steigen durch Sünde, andre fallen durch Tugend: Einige überwälzen
sich in Lastern, und werden nur nicht zur Rede gestellet; andre
müssen für einen einzigen Fehltritt die Straffe des grösten
Verbrechens leiden.

Zweyte Scene.
(Ellbogen, Schaum, Harlequin und Gerichtsdiener.)

Ellbogen.
Kommt, führt sie her; wenn das nüzliche Leute im gemeinen Wesen
sind, die nichts thun, als das Pflaster treten, und in H** Häusern
herumschwärmen, so versteh ich nichts vom Gesez. Führt sie her.

Angelo.
Was giebts, mein Herr? Wie heißt ihr? Wovon ist die Rede?

Ellbogen.
Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ich bin des armen Herzogs Policey-
Aufseher in diesem Quartier, und mein Name ist Ellbogen. Ich
appelliere an die Justiz, und bringe hier vor Euer Gnaden ein paar
notorische Beneficanten.

Angelo.
Beneficanten? Was haben sie denn Gutes gethan? Du willt
Maleficanten sagen, vermuthlich.

Ellbogen.
Euer Gnaden nehmen mir nicht übel, ich weiß nicht wer sie sind;
aber ausgemachte Buben sind es, das weiß ich gewiß, und leer an
aller Profanation, welche gute Christen haben sollten.

Escalus.
Das geht gut; das ist ein weiser Official.

Angelo.
Zur Sache; von was für einer Gattung Leute sind sie? Ellbogen
heißt ihr? Warum redst du nicht, Ellbogen?

Harlequin.
Er kan nicht, Gnädiger Herr; er hat ein Loch im Ellbogen.

Angelo.
Wer seyd ihr, Monsieur?

Ellbogen.
Er? Ein Bierzapfer, Gnädiger Herr, ein Schlingel von einem H**
Wirth, einer der bey einem übelberüchtigten Weibsbild in Diensten
ist; dessen Haus, Gnädiger Herr, wie die Leute sagen, in den
Vorstädten nieder gerissen worden ist. Izt hält sie ein Badhaus,
welches, denk ich, wohl so gut oder nicht besser seyn wird, als ein
H** Haus.

Escalus.
Woher wißt ihr das?

Ellbogen.
Mein Weib, Gnädiger Herr, die ich vorm Angesicht des Himmels und
Euer Gnaden detestire—

Escalus.
Wie? dein Weib?

Ellbogen.
Ja, Gnädiger Herr, Gott sey Dank, sie ist ein ehrliches Weib—

Escalus.
Und darum detestirst du sie?

Ellbogen.
Ich sage Gnädiger Herr, ich detestire mich selbst sowohl als sie,
daß dieses Haus, wenn es nicht ein H** Haus ist, so daurt mich ihr
Leben, denn es ist ein schlimmes Haus.

Escalus.
Und woher weist du es denn?

Ellbogen.
Sapperment, Gnädiger Herr, von meinem Weib, die, wenn sie ein Weib
wäre, das den cardinalischen* Lüsten nachhienge, in diesem Haus in
Hurerey, Ehebruch, und alle Unreinigkeit hätte gerathen können.

{ed.-* Es braucht kaum der Anmerkung, daß Ellbogen den Fehler hat,
gerne lateinische Worte einzumengen, die er nicht recht ausspricht;
er sagt detestiren für attestiren, cardinalisch für carnalisch.
respectirt für suspect, u.s.w.}

Escalus.
Durch dieser Frauen Vorschub?

Ellbogen.
Ja, Gnädiger Herr, durch Frau Overdons Vorschub; aber sie spie ihm
ins Gesicht, wie er sie—

Harlequin.
Mit Euer Gnaden Erlaubniß, es ist nicht so.

Ellbogen.
Beweis es, beweis es vor diesen Schurken, du Ehrenmann! beweis es.

Escalus.
Hört ihr, wie er sich verspricht?

Harlequin.
Gnädiger Herr, sie gieng mit dem Kind als sie in unser Haus kam,
und hatte (mit Respect vor Euer Gnaden zu sagen) einen Gelust nach
gebratnen Pflaumen; Gnädiger Herr, wir hatten nur zwey im Hause,
und die lagen zu eben derselben Zeit, wie das begegnete, in einem
Confect-Teller, einem Teller für drey oder vier Groschen; Euer
Gnaden haben wol auch solche Teller gesehen, es sind keine
Porcellan-Teller, aber sehr gute Teller.

Escalus.
Weiter, weiter, es ist am Teller nichts gelegen—

Harlequin.
Nein, in der That nicht, Gnädiger Herr, in diesem Stük hat Euer
Gnaden recht: Aber zur Sache zu kommen; wie ich sagte, diese Madam
Ellbogen gieng mit dem Kind, und hatte, wie ich sagte, schon einen
ziemlich grossen Bauch, und gelüstete, wie ich sagte, nach Pflaumen,
und es waren nur noch zwey auf dem Teller, wie ich sagte; denn
dieser Herr von Schaum hier, dieser Junker, der hier steht, hatte
die übrigen gegessen, wie ich sagte, und er bezahlte sie ehrlich,
das muß ich sagen; denn, wie ihr wißt, Junker Schaum, ich konnte
euch nicht drey Kreuzer herausgeben—

Schaum.
Nein, in der That.

Harlequin.
Das muß wahr seyn; ihr waret eben daran, wenn ihr euch noch
erinnert, die Steine von den vorbesagten Pflaumen aufzuknaken.

Schaum.
Ja, das that ich, in der That.

Escalus.
Fort, ihr seyd ein langweiliger Narr, zur Sache; was that man denn
Ellbogens seinem Weib, daß er Ursach zu klagen hat? Kommt auf das,
was man ihr that.

Harlequin.
Gnädiger Herr, Euer Gnaden kan noch nicht auf das kommen.

Escalus.
Das ist auch nicht meine Absicht.

Harlequin.
Aber Euer Gnaden soll darauf kommen, mit Euer Gnaden Erlaubniß; und
ich bitte euch, sehet einmal diesen Junker Schaum an, Gnädiger Herr,
einen Mann von achtzig Pfund Renten des Jahrs, dessen Vater an
aller Heiligen Tag gestorben ist. War es nicht aller Heiligen Tag,
Junker Schaum?

Schaum.
Aller Heiligen Abend.

Harlequin.
Gut, gut; ich hoffe, das ist ein Mann dem man glauben muß. Er saß
eben, Gnädiger Herr, wie ich sagte, in einem niedern Sessel,
Gnädiger Herr; es war in der Traube, wo ihr in der That so gerne zu
sizen pflegt; nicht wahr?

Schaum.
Es ist so, weil es eine hübsche offne Stube ist, und gut für den
Winter.

Harlequin.
Das heißt gesprochen, wie es sich gehört; ich hoffe, hier ist ein
Mann, der Glauben finden wird.

Angelo.
Das wird eine Rußische Nacht auswähren, wenn die Nächte am längsten
sind. Ich will mich beurlauben und es euch überlassen, die Sache
zu untersuchen, in der Hoffnung, ihr werdet gute Ursache finden,
ihnen allerseits den Staupbesen geben zu lassen.

(Geht ab.)

Dritte Scene.
(Die Vorigen.)

Escalus.
Nun, Monsieur, zur Hauptsache; was that man Ellbogens Weib?

Harlequin.
Was man ihr that, Gnädiger Herr? Nichts, gar nichts, mit Euer
Gnaden Erlaubniß.

Ellbogen.
Ich bitte Euer Gnaden, fragt ihn, was dieser Mann hier meinem Weibe
gethan hat?

Harlequin.
Ich bitte Euer Gnaden, fragt mich.

Escalus.
Gut, Herr, was that ihr dann dieser Edelmann?

Harlequin.
Ich bitte Euer Gnaden, schauet diesem Edelmann ins Gesicht; Junker
Schaum, sehet den Gnädigen Herrn an; es geschieht aus keiner bösen
Absicht; beobachtet Euer Gnaden seine Physionomie?

Escalus.
Ja, Herr, sehr wohl.

Harlequin.
Nun, ich bitte euch, beobachtet es nur wol.

Escalus.
Das thu ich.

Harlequin.
Kan Euer Gnaden etwas gefährliches darinn entdeken?

Escalus.
Nein.

Harlequin.
Nun will ich auf ein Buch schwören, daß sein Gesicht das schlimmste
Ding an seiner ganzen Person ist; wohlan dann, wenn sein Gesicht
das schlimmste an ihm ist, wie konnte Jkr. Schaum des Ellbogens
Weib etwas zuleide thun? Das möcht ich von Euer Gnaden hören.

Escalus.
Er hat recht; Herr Commiß, was sagt ihr dazu?

Ellbogen.
Fürs Erste, so ist das Haus, mit Euer Gnaden Erlaubniß, ein
respectirtes Haus; Zweytens, ist das ein respectirter Bursche, und
seine Frau ein respectirtes Weib.

Harlequin.
Bey dieser Hand, Gnädiger Herr, sein Weib ist die respectirteste
Person unter uns allen.

Ellbogen.
Schurke, du lügst; du lügst, du Schurke du; die Zeit soll noch
kommen, da sie jemals mit einem Mann, Weib oder Kind respectirt
gewesen—

Harlequin.
Gnädiger Herr, er war mit ihr respectirt; eh er sie heurathete.

Escalus.
Ist das wahr, Ellbogen?

Ellbogen.
O du Galgenschwengel! o du Schurke! du gottloser Hannibal! Ich,
respectirt mit ihr, eh ich sie heurathete? Wenn ich jemals mit ihr
respectirt war, oder sie mit mir, so soll Euer Gnaden mich nicht
für des armen Herzogs Beamten halten; beweis es, du verruchter
Hannibal, oder ich will eine Injurien-Actie gegen dich anstellen.
Was ist Euer Gnaden Befehl, daß ich mit diesem gottlosen
Galgenbuben anfangen soll?

Escalus.
Im Ernst, Herr Commiß, weil er ein und anders angestellt hat, das
du gern entdeken möchtest wenn du könntest, so laß ihn seinen Weg
fortgehen, bis du weist was es ist.

Ellbogen.
Sapperment; ich danke Euer Gnaden davor; da siehst du, du
leichtfertiger Schurke, wo es mit dir hinkommt; du darfst nur so
fortmachen, du Schurke, du darfst nur so fortmachen—

Escalus (zu Schaum.)
Wo seyd ihr gebohren, guter Freund?

Schaum.
Hier, in Wien.

Escalus.
Habt ihr achtzig Pfund Renten, Herr?

Schaum.
Ja, mit Euer Gnaden Erlaubniß.

Escalus.
So.

(Zum Harlequin)

was ist eure Profession, Meister—

Harlequin.
Ein Bierzapfer, einer armen Wittfrauen Bierzapfer.

Escalus.
Wie heißt eure Frau?

Harlequin.
Frau Overdon.

Escalus.
Hat sie mehr als einen Mann gehabt?

Harlequin.
Neune, Gnädiger Herr, Overdon war der lezte.

Escalus.
Neune? tretet näher her, Junker Schaum; Junker Schaum, ich sehe
nicht gerne daß ihr mit Bierzapfern so wohl bekannt seyd; sie
zapfen euch euer Geld ab, Junker Schaum, und ihr bringt sie an den
Galgen. Gehet euers Weges, und laßt mich nichts mehr von euch
hören.

Schaum.
Ich danke Euer Gnaden; ich für meinen Theil bin noch nie in keiner
Bierschenke gesessen, da ich nicht hineingezogen worden wäre.

Escalus.
Genug, und nichts weiter mehr von dieser Art, Junker Schaum, gehabt
euch wohl. —

(Schaum geht ab.)

Vierte Scene.

Escalus.
Kommt zu mir her, Meister Bierzapfer, wie ist euer Name, Meister
Bierzapfer?

Harlequin.
Pompey.

Escalus.
Meister Pompey, ihr seyd ein Stük von einem H** Wirth, ob ihr es
gleich hinter dem Bierzapfer versteken wollt. Seyd ihr’s nicht?
Kommt, sagt mir die Wahrheit, es wird euch nicht desto schlimmer
gehen.

Harlequin.
In gutem Ernst, Gnädiger Herr, ich bin ein armer Kerl, der gerne
leben möchte.

Escalus.
Wie wollt ihr leben, Pompey? Von der H** Wirthschaft? Was dünkt
euch zu dieser Handthierung? Ist es eine gesezmäßige
Begangenschaft?

Harlequin.
Wenn das Gesez sie gestattet, Gnädiger Herr.

Escalus.
Aber das Gesez gestattet sie nicht, Pompey; dazu soll es in Wien
nimmermehr kommen.

Harlequin.
Hat Euer Gnaden vielleicht im Sinn, alle jungen Leute in der Stadt
verschneiden zu lassen?

Escalus.
Nein, Pompey.

Harlequin.
Wahrhaftig, gnädiger Herr, so werden sie nach meiner einfältigen
Meynung nicht davon abzuhalten seyn; wenn Euer Gnaden den H** und
den lüderlichen Mannsleuten wehren wird, so habt ihr nicht nöthig
die Kuppler und Kupplerinnen zu fürchten.

Escalus.
Dafür sind hübsche Anstalten im Werk; es ist nur um Köpfen und
Hängen zu thun.

Harlequin.
Wenn ihr nur zehn Jahre nach einander alle die sich in diesem Stüke
verfehlen, köpfen und hängen lassen wollt, so werdet ihr in Zeiten
Commißion für mehr Köpfe geben müssen; wenn dieses Gesez zehen
Jahre in Wien gehalten wird, so will ich das schönste Haus in der
Stadt das Stokwerk für drey Kreuzer miethen; wenn ihr so lang lebt,
das zu erleben, so sagt, Pompey hab es euch vorher gesagt.

Escalus.
Grossen Dank, Pompey, und, um eure Propheceyung zu erwiedern, so
sag ich euch hiemit gleichfalls, laßt mich keine Klage mehr wider
euch hören, worüber es seyn mag, auch nicht über längern Aufenthalt
in dem Hause, wo ihr gewesen seyd; hör ich das mindeste, Pompey, so
will ich euch in euer Lager zurük schlagen, und ein strenger Cäsar
gegen euch seyn; aufrichtig zu sprechen, Pompey, ihr hättet
verdient, daß ich euch ein wenig abpeitschen liesse; und hiemit,
Pompey, gehabt euch für dißmal wohl.

Harlequin.
Ich danke Euer Gnaden für den guten Rath; ich werde ihm folgen, wie
das Schiksal, und Fleisch und Blut es erlauben werden—

(für sich)

Sapperment! Ein dapfrer Mann läßt sich nicht sogleich aus seinem
Handwerk peitschen.

(Geht ab.)

Fünfte Scene.

Escalus.
Kommt zu mir hieher, Meister Ellbogen; kommt her, Herr Commis; wie
lang ist es, daß ihr dieses Amt in euerm Quartier verwaltet?

Ellbogen.
Sieben und ein halb Jahr, Gnädiger Herr.

Escalus.
Ich dachte, nach euerer Fertigkeit in diesem Amte zu urtheilen, ihr
hättet es schon eine gute Zeit getrieben. Sieben ganze Jahre, sagt
ihr?

Ellbogen.
Und ein halbes, Gnädiger Herr.

Escalus.
Es wird euch viele Mühe gemacht haben, mein guter Mann; sie meynen
es nicht gut mit euch, daß sie euch so oft dazu anstrengen; hat es
denn keine Leute in euerm Kirchspiel, die im Stande wären es zu
versehen?

Ellbogen.
Mein Treu, Gnädiger Herr, nicht viele die den Verstand zu solchen
Geschäften haben; wenn sie gewählt werden, so ist es ihnen immer
eine Gefälligkeit, wenn ich den Dienst für sie versehe; sie
bezahlen mich dafür, und so trag ich eben das Amt für alle.

Escalus.
Seht ihr, bringt mir die Namen von sechs oder sieben, die die
tauglichsten in euerm Kirchspiel sind.

Ellbogen.
In Euer Gnaden Haus?

Escalus.
In mein Haus; behüt euch Gott.

(Ellbogen geht ab.)

(Zum Richter.)

Wie viel denkt ihr daß die Gloke ist?

Richter.
Eilfe, Gnädiger Herr.

Escalus.
Ich bitte euch, kommt mit mir zum Mittag-Essen.

Richter.
Ich danke euer Gnaden unterthänig.

Escalus.
Ich kränke mich herzlich über Claudios Tod; aber es ist nicht zu
helfen.

Richter.
Der Freyherr Angelo ist streng.

Escalus.
Es ist nur allzu nöthig; Güte hört auf es zu seyn, wenn sie immer
die gleiche Mine macht; und Nachsicht ist allemal die Mutter neuer
Verbrechen. Und doch—armer Claudio! Es ist nicht zu helfen!—
Folget mir, mein Herr.

(Gehen ab.)

Sechste Scene.
(Der Kerkermeister, ein Bedienter.)

Bedienter.
Er giebt nur einer Partey Gehör; er wird gleich kommen: Ich will
ihm sagen, daß ihr hier seyd.

Kerkermeister.
Ich bitte euch, thut es; ich möchte wissen, was sein Wille ist;
vielleicht ihn wieder frey zu lassen—Ach! Er hat kaum mehr als in
einem Traum gesündiget; alle Stände, alle Alter riechen nach diesem
Laster—und er soll dafür sterben. (Angelo zu den Vorigen.)

Angelo.
Nun, was giebt es, Kerkermeister?

Kerkermeister.
Ist es Euer Gnaden Wille, daß Claudio morgen sterben solle?

Angelo.
Sagt’ ich dir nicht schon, ja? Hast du nicht Befehl? Wozu
brauchst du noch einmal zu fragen?

Kerkermeister.
Aus Furcht, ich möchte zu rasch seyn. Mit Euer Gnaden Erlaubniß,
ich habe den Fall schon erlebt, da der Richter nach der Vollziehung
sein Urtheil gerne wiederruffen hätte.

Angelo.
Thu du deine Pflicht, und laß das meine Sorge seyn; thu deine
Pflicht, oder gieb dein Amt auf; und es soll dir keine Mühe mehr
gemacht werden.

Kerkermeister.
Ich bitt’ unterthänig um Verzeihung, Gnädiger Herr—Und was soll
ich mit der winselnden Juliette anfangen? Sie ist ihrer Entbindung
sehr nahe.

Angelo.
Bringe sie an einen bequemem Ort, und das unverzüglich.

Der Bediente.
Gnädiger Herr, hier ist die Schwester des verurtheilten Manns, und
bittet vor Euer Gnaden gelassen zu werden.

Angelo.
Hat er eine Schwester?

Kerkermeister.
Ja, Gnädiger Herr, eine sehr tugendhafte junge Person, die im
Begriff ist eine Klosterfrau zu werden, wenn sie es nicht schon ist.

Angelo.
Gut; laß sie herein kommen.

(Bedienter geht ab.)

Sorgt ihr davor, daß die Hure in einen andern Ort gebracht werde;
laßt ihr bloß die nothdürftige, und keine überflüssige Unterhaltung
geben; es soll Befehl deshalb ertheilt werden.

Siebende Scene.
(Lucio und Isabella, zu den Vorigen.)
(Kerkermeister will abtreten.)

Angelo.
Bleibt noch ein wenig—

(Zu Isabella.)

Seyd willkommen; was ist euer Begehren?

Isabella.
Ich bin eine bekümmerte Person, die eine Bitte an Euer Gnaden thun
möchte, wenn es euch gefiele mich anzuhören.

Angelo.
Gut; was ist eure Bitte?

Isabella.
Es ist ein Laster, das ich von Herzen verabscheue; das ich gestraft
zu sehen wünsche, und für welches ich keine Fürbitte thun würde,
wenn ich nicht müßte.

Angelo.
Gut, zur Sache.

Isabella.
Ich habe einen Bruder der zum Tod verurtheilt ist; ich bitte euch,
laßt das Urtheil auf sein Verbrechen, und nicht auf meinen Bruder
fallen.

Kerkermeister (leise.)
Der Himmel gebe dir die Gnade, ihn zu rühren;

Angelo.
Das Verbrechen verurtheilen, und nicht den Thäter? Ein jedes
Verbrechen ist schon verurtheilt, eh es gethan wird. Was würde
mein Amt seyn, wenn ich die Verbrechen fände, deren Strafe die
Geseze bestimmt haben, und die Thäter gehen liesse?

Isabella.
O! allzugerechtes wiewohl strenges Gesez!—Ich habe also keinen
Bruder mehr—

(Sie will fortgehen.)

Lucio (leise.)
Gebt nicht so gleich auf; versucht es noch einmal, bittet ihn,
fallt auf die Knie, hängt euch an seinen Rok; ihr seyd zu kalt;
wenn ihr eine Steknadel nöthig hättet, könntet ihr sie mit keiner
gleichgültigern Art verlangen. Noch einmal an ihn, sag’ ich.

Isabella (zu Angelo.)
Muß er denn nothwendig sterben?

Angelo.
Mädchen, dafür ist kein Mittel.

Isabella.
Ey ja, ich denke ihr könntet ihm Gnade widerfahren lassen; weder
der Himmel noch die Menschen mißbilligen es, wenn man Gnade vor
Recht gehen läßt.

Angelo.
Ich will aber nicht.

Isabella.
Könntet ihr, wenn ihr wolltet?

Angelo.
Seht, was ich nicht will, das kan ich auch nicht.

Isabella.
Aber könntet ihr es thun, ohne daß die Welt einen Schaden davon
hätte, wenn euer Herz das Mitleiden des meinigen gegen ihn fühlte?

Angelo.
Sein Urtheil ist gesprochen; es ist zu spät.

Lucio (leise.)
Ihr seyd zu kalt.

Isabella.
Zu spät? Warum? nein; ich kan ja ein Wort wiederruffen, das ich
gesprochen habe: Glaubet nur, den König ziert seine Crone, den
Statthalter sein Schwerdt, den Marschall sein Stab, und den Richter
sein Rok nicht halb so sehr als Gnade; wäret ihr an seinem Plaze
gewesen und er an euerm, ihr würdet gestrauchelt haben, wie er;
aber er würde nicht so strenge gewesen seyn.

Angelo.
Ich bitte euch, geht.

Isabella.
Wollte der Himmel, ich hätte eure Macht, und ihr wäret Isabella; es
sollte nicht so seyn.

Lucio.
Nur weiter—das ist der rechte Ton—

Angelo.
Das Gesez hat euern Bruder verurtheilt; alle eure Worte sind
verschwendet.

Isabella.
Ach! gnädiger Himmel! wie? Alle Seelen hatten einst gesündigt,
und waren vom Gesez verurtheilt. Aber der, der sie mit bestem Fug
straffen konnte, fand ein Mittel aus. Wenn er euch richten wollte,
wie ihr seyd? O! denkt an das! und Gnade wird, gleich dem
neuerschaffnen Menschen, aus euern Lippen athmen.

Angelo.
Gebt euch zufrieden, schönes Mädchen; das Gesez verurtheilt euern
Bruder, nicht ich. Wär’ er mein Verwandter, mein Bruder, mein Sohn,
so würd’ es ihm nicht anders ergehen; morgen stirbt er.

Isabella.
Morgen? O! das ist zu schnell. Schonet seiner, gebt ihm noch
Frist; er ist nicht zum Sterben bereitet. Wir tödten ja das
Geflügel für unsre Küche nicht eher, bis es Zeit ist; sollen wir
den Himmel schlechter bedienen, als den gröbsten Theil von uns
selbst? O! mein gütiger Herr, bedenkt euch: Wenn ist jemals einer
für diß Vergehen gestorben. Es sind manche, die es begangen haben.

Lucio (leise.)
Gut, wohl gesprochen!

Angelo.
Das Gesez ist nicht todt gewesen, ob es gleich geschlaffen hat.
Diese (Manche) hätten sich nicht unterstanden zu sündigen, wenn der
erste, der das Gesez übertrat, gestraft worden wäre. Izt, ist es
aufgewacht, erkundigt sich dessen was gethan wird, und sieht,
gleich einem Wahrsager, in einem Spiegel, alle die künftigen
Verbrechen vor, die durch eine längere Nachsicht veranlaßt würden,
und auf keine andere Art verhindert werden können, als wenn sie vor
ihrer Geburt getödtet werden.

Isabella.
Laßt wenigstens einiges Mitleiden sehen.

Angelo.
Ich kan es nicht besser sehen lassen, als wenn ich Gerechtigkeit
sehen lasse; denn alsdann hab’ ich sogar Mitleiden mit denen, die
ich nicht kenne, indem ich verhindere, daß ein ungestraftes
Verbrechen sie nicht zur Nachfolge reize; ja mit dem Verbrecher
selbst, der wenn er für eine böse That büssen muß, nicht lebt um
die zweyte zu begehen. Gebt euch zufrieden; euer Bruder stirbt
morgen; gebt euch zufrieden.

Isabella.
So müßt ihr also der erste seyn, der ein solches Urtheil spricht,
und er der erste, der dadurch leidet. O! es ist vortrefflich, die
Stärke eines Riesen zu haben; aber es ist tyrannisch, sie wie ein
Riese zu gebrauchen.

Lucio (leise.)
Das ist wohl gesprochen.

Isabella.
Könnten die Grossen der Welt donnern wie Jupiter, so würde Jupiter
selbst keine Ruhe vor ihnen haben; denn bis auf den kleinsten
ledernen Officianten würde ein jeder seinen Himmel zum donnern
brauchen wollen. Nichts als donnern—Gütiger Himmel! dein
scharfer schweflichter Keil zersplittert lieber die harte und
knottichte Eiche als die sanfte Myrrthe: O! nur der Mensch, der
stolze Mensch, für etliche Augenblike in ein wenig Ansehen
gekleidet, vergißt was er am gewissesten wissen kan, seiner
zerbrechlichen Natur; und spielt, gleich einem erboßen Affen, so
phantastische Streiche vor den Augen des Himmels, daß die Engel
darüber weinen, die, wenn sie unsre Milz* hätten, sich alle
sterblich lachen müßten.

{ed.-* Die Alten schrieben ein unmäßiges Gelächter der Grösse der Milz
zu. Warbürton.}

Lucio (leise.)
Weiter, weiter, Mädchen—das wird würken—es kömmt ihm, ich merk’
es.

Kerkermeister.
Wollte Gott, sie möchte ihn gewinnen!

Isabella.
Ich darf meinen Bruder nicht gegen euch abwägen; grosse Herren
dürfen mit Heiligen scherzen; an ihnen ist Wiz, was an geringem
Gottlosigkeit wäre.

Lucio.
Du hast recht, Mädchen; mehr dergleichen—

Isabella.
An dem Hauptmann ist das nur ein hastiges Wort, was an dem gemeinen
Soldaten eine platte Lästerung ist.

Angelo.
Wozu sagt ihr diese Dinge mir?

Isabella.
Weil das höchste Ansehn, ob es gleich dem Irrthum eben so sehr
unterworffen ist als andre Leute, doch immer eine Art von Arzney
bey sich führt, die seine Vergehungen sogleich wieder zuheilt; geht
in euch selbst; klopft an euerm Busen an, und fragt euer Herz, was
es sich bewußt ist, das meines Bruders Fehler ähnlich ist; und wenn
es euch wenigstens die Fähigkeit gesteht, eben so zu sündigen wie
er, so erlaubt ihm keinen Gedanken gegen meines Bruders Leben auf
eure Zunge zu tönen.

Angelo (für sich.)
Sie spricht mit einem Verstand, der den meinigen überwältiget—
Lebet wohl—

(Er will weggehen.)

Isabella.
O! mein Gnädiger Herr, kehret zurük.

Angelo.
Ich will mich bedenken; kommt morgen wieder.

Isabella.
Höret doch, wie ich euch bestechen will; mein gütiger Herr, kehret
zurück.

Angelo.
Wie? Mich bestechen?

Isabella.
Ja, mit solchen Geschenken, die der Himmel mit euch theilen soll.

Lucio (leise.)
Gut, sonst hättet ihr alles verdorben.

Isabella.
Nicht mit Gold oder Steinen, die nur werth sind, was die Einbildung
sie gelten läßt, sondern mit unschuldigen Fürbitten, die zum Himmel
aufsteigen, und durch ihn eindringen sollen, eh die Sonne wieder
aufgeht; mit Fürbitten von unbeflekten Seelen, von fastenden
Jungfrauen, deren Herzen zu nichts Zeitlichem geweihet sind.

Angelo.
Gut, kommt morgen wieder.

Lucio (leise.)
Geht izt, es ist genug—weg.

Isabella.
Der Himmel erhalte Euer Gnaden gesund. Um welche Zeit soll ich
morgen Euer Gnaden aufwarten?

Angelo.
Vor Mittag, wenn ihr wollt.

(Isabella geht ab mit Lucio und Kerkermeister.)

Achte Scene.

Angelo (allein.)
Von dir? Von deiner Tugend selbst? Was ist das? Was ist das?
Ist es deine Schuld oder meine? Wer sündiget am meisten, der
Versucher, oder der Versuchte? Nicht sie, denn sie denkt nur nicht
daran mich versuchen zu wollen; ich bin es, der neben dem Veilchen
in der Sonne ligend, gleich einem Aaß, nicht wie die Blume, von der
holden Frühlings-Wärme faule. Ists möglich, daß die Sittsamkeit
eines Weibes unsern Sinnen gefährlicher seyn soll, als ihre
Schlüpfrigkeit? Sollen wir, da wir genug unnüzen Boden haben,
einen Tempel niederreissen, um unsre Laster hinein zu steken?—O
pfui, pfui, pfui! Was thust du, oder was bist du, Angelo? O laß
ihren Bruder leben: Diebe haben Entschuldigung für ihre Räubereyen,
wenn die Richter selbst stehlen. Wie? lieb ich sie, daß ich so
begierig bin, sie wieder zu hören, und mich an ihren Augen zu
weiden? Was war diß was ich träumte? O! listiger Teufel, der, um
Heilige zu fangen, eine Heilige an deinen Angel stekst! Die
gefährlichste Versuchung ist, die uns durch die Liebe zur Tugend
zur Sünde reizt. Nimmermehr könnt ein feiles Weibsbild, mit aller
ihrer verdoppelten Stärke, mit allen Reizungen der Natur und Kunst,
meine Sinnen nur einen Augenblik aufrührisch machen; aber dieses
tugendhafte Mädchen überwältiget mich ganz, mich, der bis auf
diesen Augenblik, wenn ich von verliebten Mannsleuten hörte,
lächelte, und nicht begreiffen konnte, wie sie es seyn könnten.

(Geht ab.)

Neunte Scene.
(Verwandelt sich in ein Gefängniß.)
(Der Herzog in einem Mönchshabit, und der Kerkermeister, treten
auf.)

Herzog.
Gott grüsse euch, Kerkermeister; denn das seyd ihr, denke ich.

Kerkermeister.
Ich bin’s; was ist euer Wille, mein guter Pater?

Herzog.
Von Christlicher Liebe getrieben, und nach den Pflichten meines
Ordens komm’ ich, die betrübten Seelen in diesem Gefängniß zu
besuchen; laßt mich sie sehen, damit ich die Natur ihrer Sünden
erkundigen, und nach Befinden mein Amt bey ihnen verrichten könne.

Kerkermeister.
Ich wollte noch mehr thun als das, wenn es nöthig wäre. (Juliette
tritt auf.)

Kerkermeister.
Seht, hier kommt eine von meinen Gefangnen, ein Fräulein, die in
die Flammen ihrer eignen Jugend gefallen ist, und ihren guten Namen
darinn versengt hat: Sie ist schwanger, und der Vater ihres Kinds
ist zum Tode verurtheilt; ein junger Mann, der bereiter ist, noch
eine solche Sünde zu begehen, als für diese zu sterben.

Herzog.
Wenn soll er sterben?

Kerkermeister.
Ich denke, morgen.

(Zu Juliette.)

Ich habe Vorsehung für euch gethan, bleibt eine Weile, und ihr
sollt weggeführt werden.

Herzog.
Bereuet ihr, schönes Kind, die Sünde, die ihr begangen habt?

Juliette.
Ich bereue sie und trage die Schmach gedultig.

Herzog.
Ich will euch lehren, wie ihr euer Gewissen prüfen könnt, um zu
erfahren, ob eure Busse aufrichtig ist oder nicht.

Juliette.
Ich will es gerne lernen.

Herzog.
Liebt ihr den Mann, der euch zu Falle gebracht hat?

Juliette.
Ja, so sehr als ich die Weibsperson liebe, die ihn zu Falle
gebracht hat.

Herzog.
Es scheint also, ihr habt aus beydseitigem Einverständniß
gesündiget.

Juliette.
So ist es.

Herzog.
Also war eure Sünde von einer schwerern Art, als die Seinige.

Juliette.
Ich bekenn’ und bereu’ es, mein Vater.

Herzog.
Es ist billig, meine Tochter; aber bereut ihr eure Sünde vielleicht
nur darum, weil sie euch in diese Schmach gebracht hat, anstatt aus
Betrübniß daß ihr den Himmel beleidiget habt? Eine gewöhnliche Art
von Reue, wodurch wir beweisen, daß wir den Himmel nicht suchen
weil wir ihn lieben, sondern nur wenn wir seine Strafen fürchten.

Juliette.
Es reut mich, in so fern es ein Uebel ist, und ich ertrage die
Schmach mit Freuden.

Herzog.
Bleibet bey dieser Gesinnung. Euer Mitschuldiger muß, wie ich höre,
morgen sterben, und ich gehe izt zu ihm, ihn vorzubereiten. Also
geb ich euch meinen Segen.

(Er geht ab.)

Zehnte Scene.
(Der Palast.)
(Angelo tritt auf.)

Angelo.
Wenn ich beten oder mit geistlichen Gedanken mich unterhalten will,
so bete ich, und denke an verschiedne Gegenstände; aber der Himmel
hat nur meine leeren Worte, indeß mein Gemüth, ohne meine Zunge zu
hören, auf Isabellen ankert. Der Himmel ist auf meinen Lippen, und
der mächtige und schwellende Vorsaz der Sünde in meinem Herzen.
Der Staat, worinn ich studirte, ist mir wie ein gutes Buch, das man
so oft gelesen hat, bis man es überdrüßig worden ist; ja, diese
Ernsthaftigkeit, auf die ich (laß niemand es hören) stolz war,
könnt ich mit Aufgabe gegen eine leichte Feder vertauschen, die der
Wind hin und her treibt. O! Plaz, o äusserliches Ansehen! Wie
oft erzwingst du Ehrfurcht von den Thoren, und hintergehest selbst
die weisern Seelen durch deine betrügliche Gestalt! Wir brauchen
nur (guter Engel) auf des Teufels Horn zu schreiben, so ists nicht
mehr des Teufels Horn—
(Ein Bedienter kommt herein.) Was giebts, wer ist da?

Bedienter.
Eine gewisse Isabella, eine Nonne, verlangt vor Euer Gnaden
gelassen zu werden.

Angelo.
Führe sie herein—O Himmel! wie treibt mein Blut zu meinem Herzen,
und entsezt auf einmal alle meine andern Theile ihrer nöthigen
Stärke—So spielt der alberne Hauffe mit einem der in Ohnmacht
sinkt; alle lauffen ihm zu Hülfe, und verstopfen dadurch die Luft,
durch die er wieder aufleben könnte: Und so verlassen die
Unterthanen, einen geliebten König zu sehen, ihre eignen Geschäfte,
und drängen sich in dienstfertiger Zärtlichkeit zu seiner Gegenwart,
wo ihre unbescheidene Liebe einer Beleidigung gleich sehen muß—
(Isabella kommt herein.) Wie geht es, schönes Mädchen?

Eilfte Scene.

Isabella.
Ich komme zu hören, was Euer Gnaden beliebt—

Angelo.
Daß ihr es wissen möchtet, würde mir besser belieben, als daß ihr
darnach fragt. Euer Bruder kan nicht bey Leben bleiben.

Isabella.
Ist es dieses?—Der Himmel erhalte Eu. Gnaden.

(Sie will gehen.)

Angelo.
Und doch möcht’ er noch eine Zeitlang leben, und das möchte seyn,
so lang als ihr oder ich; aber er muß sterben.

Isabella.
Durch euer Urtheil?

Angelo.
Ja.

Isabella.
Wenn, ich bitte euch? Laßt ihm wenigstens so viel Zeit als er
nöthig hat, damit seine Seele geheilt werden könne.

Angelo.
Ha? Pfui dieser garstigen Laster! Es wäre eben so gut denjenigen
zu begnadigen, der einen schon gemachten Menschen aus der Natur
weggestohlen hätte, als solchen Leuten, die das Bild des Himmels
auf verbotne Stempel graben, ihre unverschämte Ueppigkeit zu
verzeihen.

Isabella.
So wird im Himmel geurtheilt, aber nicht auf Erden.

Angelo.
Sagt ihr das? Nun will ich euch bald zum Stillschweigen bringen.
Was wolltet ihr lieber, daß das gerechteste Gesez euerm Bruder das
Leben nehme; oder daß ihr, um ihn zu retten, euern Leib eben so
behandeln lassen müßtet, wie diejenige, die er beflekt hat?

Isabella.
Gnädiger Herr, glaubt mir das, ich wollte lieber meinen Leib preiß
geben als meine Seele.

Angelo.
Ich rede nicht von eurer Seele; Sünden, wozu wir genöthiget werden,
stehen nicht auf unsrer Rechnung.

Isabella.
Wie sagt ihr?

Angelo.
Ich will nicht davor gut stehen; denn ich kan vieles gegen das was
ich gesagt habe, einwenden. Antwortet mir nur auf das: Ich, durch
dessen Mund nur das Gesez redet, spreche das Todes-Urtheil wider
euern Bruder aus: Wäre nicht Barmherzigkeit in einer Sünde, die ihr
nur darum begienget, um euers Bruders Leben zu retten?

Isabella.
Schenket ihm das Leben, ich will es auf die Gefahr meiner Seele
nehmen, dann ist gar keine Sünde darinn, sondern blosse
Barmherzigkeit.

Angelo.
Hört mich nur, ihr versteht mich nicht; entweder seyd ihr unwissend,
oder stellt euch so, und das ist nicht gut.

Isabella.
Laßt mich unwissend seyn, und in nichts gut, als in der demüthigen
Erkenntniß, daß ich nicht besser bin.

Angelo.
So wünscht die Weisheit nur desto glänzender zu scheinen, wenn sie
sich selbst tadelt; wie diese schwarze Tücher die eingehüllte
Schönheit zehnmal lauter ankündigen als die enthüllte Schönheit
selbst thun könnte. Aber höret mich, um besser verstanden zu
werden, will ich deutlicher reden; euer Bruder muß sterben.

Isabella.
So.

Angelo.
Und wegen eines Verbrechens, worauf das Gesez diese Strafe gelegt
hat.

Isabella.
Es ist wahr.

Angelo.
Gesezt, es wäre kein ander Mittel ihm das Leben zu retten (ich sage
nicht, daß ich es gelten lassen würde, sondern nur um den Fall zu
sezen) als daß ihr, seine Schwester, wofern jemand euer begehrte,
den sein eigner Plaz oder sein Ansehen bey dem Richter in den Stand
sezte, euern Bruder aus den Fesseln des Gesezes zu befreyen, und
daß kein andres Mittel ihn zu retten wäre, als ihr müßtet entweder
diesem vorausgesezten den Genuß eurer Schönheit überlassen, oder
euern Bruder leiden sehen, was würdet ihr thun?*

{ed.-* Die unrichtige Construction dieser Rede ist im Original,
und man hat sie beybehalten, weil sie die Verwirrung ausdrukt,
worinn sich Angelo in diesem Augenblik befinden mußte.}

Isabella.
Soviel für meinen armen Bruder, als für mich selbst; das ist, wär
ich zum Tode verurtheilt, so wollt ich die Striemen scharfer
Geisseln wie Rubinen tragen, und mich auf die Marterbank mit der
Sehnsucht eines Kranken wie auf ein Ruhbette werfen, eh ich meinen
Leib der Schande preiß geben wollte.

Angelo.
So müßte euer Bruder sterben.

Isabella.
Besser, daß ein Bruder einen einzigen Augenblik sterbe, als daß die
Schwester, um ihn zu retten, ewig sterbe.

Angelo.
Wäret ihr in diesem Falle nicht eben so grausam als das Urtheil,
das ihr so genennt habt?

Isabella.
So wie eine schändliche Ranzion, und eine freye Begnadigung von
zweyerley Häusern sind; so ist auch ganz gewiß nicht die mindeste
Verwandtschaft zwischen einer gesezmäßigen Barmherzigkeit, und
einer lasterhaften Erlösung.

Angelo.
Ihr schienet lezthin das Gesez für einen Tyrannen, und den
Fehltritt euers Bruders eher für eine Kurzweil als für ein
Verbrechen anzusehen.

Isabella.
Verzeihet mir Gnädiger Herr; um zu erhalten was wir suchen, sind
wir oft genöthiget nicht zu sagen, was wir denken. Aus Liebe zu
einem unglüklichen Bruder wünschte ich die That entschuldigen zu
können, die ich verabscheue.

Angelo.
Wir sind alle gebrechlich.

Isabella.
Wär’ es nicht so, so möchte mein Bruder immerhin sterben.

Angelo.
Die Weiber sind auch gebrechlich.

Isabella.
Ja, wie die Spiegel, worinn sie sich beschauen; die Weiber! Der
Himmel stehe ihnen bey! Die Männer verderben ihre angebohrne
Unschuld zum Vortheil ihrer Leidenschaften; ja, nennet uns zehenmal
gebrechlich, denn wir sind sanft wie unsre Bildung, und weich genug
jeden fremden Eindruk anzunehmen.

Angelo.
So denke ich auch; und durch das Zeugniß euers eignen Geschlechts
laßt mich kühner werden. Ich halte euch bey euern Worten. Seyd
was ihr seyd, ein Weib; wenn ihr mehr seyd, seyd ihr keines. Seyd
ihr’s, wie diese Gestalt auf eine so reizende Art es bezeuget, so
zeiget es izt, indem ihr diese geweyhte Liverey ableget.

Isabella.
Ich habe nur eine Zunge; ich bitte Euer Gnaden, deutlich zu
sprechen.

Angelo.
Ich liebe euch.

Isabella.
Mein Bruder liebte die Juliette, und ihr sagt mir, daß er dafür
sterben müsse.

Angelo.
Er soll nicht sterben, wenn ihr meine Liebe begünstiget.

Isabella.
Ich weiß daß eure Tugend die Freyheit hat, ein wenig schlimmer zu
scheinen als sie ist, um andre auf die Probe zu sezen.

Angelo.
Glaubt mir, auf meine Ehre, meine Worte erklären meine Absicht.

Isabella.
Ha! was für eine Ehre? und was für eine Absicht? O! Schein!
Schein! Ich will dich ausruffen, Angelo; siehe zu! Unterzeichne
mir diesen Augenblik die Begnadigung meines Bruders, oder ich will
so laut als ich schreyen kan, der Welt sagen, was für ein Mann du
bist.

Angelo.
Wer wird dir glauben, Isabella? Mein unbeflekter Name, mein
strenges Leben, mein Ansehen im Staat, mein blosses Zeugniß wider
dich, werden deine Anklage so sehr überwiegen, daß du in deiner
eignen Aussage erstiken und nach Verläumdung stinken wirst. Der
erste Schritt ist gethan, und nun will ich meinem sinnlichen Theil
den Zügel lassen. Bereite dich meiner erhizten Begierde
nachzugeben, lege alle Sprödigkeit, alle diese verzögernden
Erröthungen ab, die das verbannen warum sie bitten; erlöse deinen
Bruder, indem du deinen Leib meinem Willen überlassest; oder er muß
nicht nur den Tod sterben, sondern deine Sprödigkeit soll seinen
Tod durch langsame Martern verlängern. Bringe mir morgen die
Antwort, oder, bey der Leidenschaft, die mich izt beherrschst, ich
will ein Tyrann gegen ihn werden. Was euch betrift, sagt was ihr
könnt; meine Lügen überwiegen eure Wahrheiten.

(Er geht ab.)

Isabella.
Gegen wen soll ich mich beklagen? Würd’ ich diß erzählen, wer
würde mir glauben? Ich will zu meinem Bruder gehen. Ob er gleich
durch Antrieb des wallenden Blutes gefallen ist, so hat er doch so
viel Empfindung von Ehre, daß wenn er auch zwanzig Häupter auf
zwanzig Blöke hinzustreken hätte, er eher sie alle hingeben würde,
eh seine Schwester ihren Leib zu einer so schändlichen Beflekung
mißbrauchen lassen sollte. Leb’ also keusch, Isabella, und stirb
du, Bruder; unsre Keuschheit ist mehr als unser Bruder; inzwischen
will ich ihm das Zumuthen dieses Angelo kund machen, und ihn
sterben lehren, damit seine Seele leben möge.

Dritter Aufzug.

Erste Scene.
(Das Gefängniß.)
(Der Herzog, Claudio und Kerkermeister treten auf.)

Herzog.
Ihr hofft also Begnadigung von dem Stadthalter Angelo?

Claudio.
Die Unglüklichen haben keine andre Arzney als Hoffnung: Ich hoffe
zu leben, und bin bereitet zum Sterben.

Herzog.
Stellt euch als gewiß vor, daß ihr sterben müßt; Tod oder Leben
wird euch dadurch nur desto süsser werden. Redet so mit dem Leben:
Verliehr ich dich, so verliehr ich ein Ding, das nur von Thoren
hochgeachtet wird; was bist du als ein Hauch, allen Einflüssen der
Elemente unterwürffig, welche diese Wohnung, worinn du dich
aufhältst, stündlich beunruhigen; du bist nichts anders als des
Todes Narr,* du arbeitest, ihm durch deine Flucht zu entgehn, und
rennst ihm immer entgegen; du bist nicht edel, denn du nährst dich
von den verächtlichsten Dingen; du bist nicht dapfer, denn du
fürchtest die kleine und schwache Zange eines armen Wurms; dein
bester Theil ist der Schlaf, du liebest ihn, und fürchtest doch den
Tod, der nichts mehr ist. Du bist nichts Selbstbeständiges, denn
du bestehst durch viele tausend Körner, die aus einem Staub
hervorkeimen; glüklich bist du nicht, denn immer bestrebst du dich,
was du nicht hast zu gewinnen, und zu vergessen was du hast; du
bist nicht gewiß, denn dein Zustand wechselt, wie der Mond; wenn du
reich bist, bist du doch arm, denn du trägst gleich einem mit
Silberstangen beladnen Esel deinen schweren Reichthum nur eine
Tagreise, und der Tod ladet dich ab; Freunde hast du keine, denn
deine eigene Eingeweide, die dich Vater nennen, fluchen dem Podagra,
der Gicht und dem Aussaz, daß sie dir nicht bälder ein Ende machen.
Du hast weder Jugend noch Alter; beydes ist nur ein Traum in
einem nachmittäglichen Schlaf; denn kaum ist das Feuer deiner
Jugend verrochen, so steht sie ab, und bettelt Almosen von dem
gichtbrüchigen Alter; und wenn du alt und reich bist, so hast du
weder Güte, noch Hize, Trieb und Glieder, deines Reichthums froh zu
werden. Was ist denn in diesem allem, das den Namen des Lebens
trägt? Und doch ligen in diesem Leben zehentausend Tode verborgen;
und wir fürchten den Tod, der alle diese seltsamen Dinge eben macht?

{ed.-* Dieses ist eine Anspielung auf gewisse Schauspiele, die in den
barbarischen Zeiten unter dem Namen (Moralitys) in England üblich
waren, worinn die lustige Person und der Tod die Hauptpersonen
waren, und die erste alle nur ersinnliche Kunstgriffe anwenden
mußte, dem lezten, dem sie alle Augenblike in die Hände lief, zu
entgehen.}

Claudio.
Ich danke euch; nun find ich, daß ich, wenn ich zu leben wünsche,
zu sterben suche; und wenn ich den Tod suche, das Leben finde: Laß
es kommen. (Isabella zu den Vorigen.)

Isabella.
Wie? Friede sey mit dieser guten Gesellschaft.

Kerkermeister.
Wer ist da? herein—der Wunsch verdient einen Willkomm.

Herzog.
Mein lieber Herr, ich werde euch in kurzem wieder besuchen.

Claudio.
Ich danke euch, heiliger Vater.

Isabella.
Mein Geschäfte besteht in einem oder zwey Worten mit Claudio.

Kerkermeister.
Von Herzen willkommen. Sehet, mein Herr, hier ist eure Schwester.

Herzog.
Kerkermeister, ein Wort mit euch.

Kerkermeister.
Soviele als euch beliebt.

Herzog (leise.)
Bringet mich an einen Ort, wo ich sie hören kan, ohne daß sie mich
sehen.

(Herzog und Kerkermeister gehen ab.)

Zweyte Scene.

Claudio.
Nun, Schwester, was für einen Trost bringt ihr?

Isabella.
Wie sie alle zu seyn pflegen; einen sehr guten in der That; der
Freyherr Angelo, welcher Geschäfte im Himmel hat, ist entschlossen
euch zu seinem Abgesandten dahin zu machen; macht euch also ohne
Verzug reisefertig, morgen sollt ihr übersezen.

Claudio.
Ist denn kein Mittel?

Isabella.
Keines als solch ein Mittel, das, um einen Kopf zu retten, ein Herz
entzwey brechen würde.

Claudio.
Aber ist denn eines?

Isabella.
Ja, Bruder, ihr könnt bey Leben bleiben; es ist ein Mittel—Aber
eines, daß wenn ihr fähig wäret es zu billigen, eure Ehre sich von
diesem Rumpf, den ihr tragt, abstreifen, und euch nakend lassen
würde.

Claudio.
Und was ist es denn?

Isabella.
O, ich fürchte dich, Claudio, ich fürchte du möchtest, um ein
fieberhaftes Leben zu verlängern, sechs oder sieben Winter theurer
schäzen als eine immerwährende Ehre—Hast du den Muth zu sterben?
Die Empfindung des Todes ist das fürchterlichste an ihm; der arme
Käfer, auf den wir treten, leidet so viel als ein sterbender Riese.

Claudio.
Warum denkst du so schmählich von mir? Haltst du mich für so
schwach, daß ich keiner männlichen Entschliessung fähig seyn
sollte? Wenn ich sterben muß, so will ich der Finsterniß wie einer
Braut entgegen gehn, und sie in meine Arme drüken.

Isabella.
Izt sprach mein Bruder, und eine Stimme stieg aus meines Vaters
Grab empor. Ja, du mußt sterben; du bist zu edel, ein Leben durch
niederträchtige Gefälligkeiten zu erkauffen. Dieser, mit
Heiligkeit übertünchte Stadthalter, dessen gesezte Mine und
wohlbedächtliche Rede der Jugend die Klauen in den Kopf schlägt,
und ihre Thorheiten berupft, wie der Falke die Eule, ist doch nur
ein Teufel, dessen Herz einen Abgrund von Unrath, so tief als die
Hölle, in sich hat.

Claudio.
Der priesterliche Angelo?

Isabella.
O das ist die betrügerische Liverey der Hölle, den verdammtesten
Körper in priesterliches Gewand einzuhüllen. Kanst du glauben,
Claudio, daß wenn ich ihm meine Jungfrauschaft überlassen wollte,
du frey werden könntest?

Claudio.
O Himmel! das kan nicht seyn.

Isabella.
So ist es; diese Nacht ist die Zeit, da ich thun soll, was ich zu
nennen verabscheue, oder morgen stirbst du.

Claudio.
Du sollst es nicht thun.

Isabella.
O! wär’ es nur mein Leben, ich wollt es für deine Befreyung so
willig hinwerfen, als eine Steknadel.

Claudio.
Ich danke dir, meine theurste Isabella.

Isabella.
Bereite dich also morgen zu sterben, Claudio.

Claudio.
Ja. So hat er auch solche Begierden, die das Gesez in die Nase
beissen, wenn er es übertreten will—Gewißlich, es ist keine Sünde,
oder es ist doch wenigstens von den sieben Todsünden die lezte.

Isabella.
Was ist die lezte?

Claudio.
Wenn es so verdammlich wäre, würde er, der ein so weiser Mann ist,
um die Lust eines Augenbliks ewig verdammt seyn wollen? O Isabella

Isabella.
Was sagt mein Bruder?

Claudio.
Tod ist ein fürchterliches Ding.

Isabella.
Und ein schändliches Leben ein hassenswürdiges.

Claudio.
Ja, aber sterben, und gehn wo man nicht weiß wohin; in kalter
Erstarrung da ligen und verfaulen; diese warme gefühlvolle Bewegung
zum starren Kloz werden, indeß daß der wollustgewohnte Geist sich
in feurigen Fluthen badet, oder in Gegenden von aufgehäuftem Eyß
erstarret, oder in unsichtbare Winde eingekerkert mit rastloser
Gewalt rund um die schwebende Welt getrieben wird; oder noch
unseliger ist als das unseligste, was zügellose und schwärmende
Gedanken heulend sich vorbilden—Das ist entsezlich! Das
armseligste Leben, mit allem Ungemach belastet, was Alter,
Krankheit, Dürftigkeit und Gefangenschaft der Natur auflegen können,
ist ein Paradies gegen das, was wir auf den Tod fürchten.

Isabella.
O weh!

Claudio.
Liebste Schwester, laß mich leben. Wenn das Sünde seyn kan,
wodurch du deines Bruders Leben erkaufst, so spricht die Natur so
nachdrüklich für eine solche That, daß sie zur Tugend wird.

Isabella.
O! du Thier! O! du ehrlose Memme! O! du schändlicher Elender!
Willt du durch mein Verbrechen zum Menschen gemacht werden? Ist es
nicht eine Art von Blutschande, dein Leben von deiner eignen
Schwester Schaam zu empfangen? Was muß ich denken? Möge der
Himmel verhütet haben, daß meine Mutter meinem Vater untreu gewesen;
ein so niederträchtiges Unkraut konnte nicht aus seinem Blut
entstehen. Stirb, vergeh Elender! Könnt ich dich durch einen
blassen Kniefall vom Tod erretten, ich wollt es nicht thun. Ich
will tausend Gebette für deinen Tod sprechen, und nicht ein Wort,
dich zu retten.

Claudio.
Nein, höre mich, Isabella.

Isabella.
O Pfui, Pfui, Pfui, deine Sünde, izt seh ichs, ist kein Fall,
sondern ein Handwerk; Gnade gegen dich würde selbst zur Kupplerin
werden; das beste ist, du sterbest ungesäumt.

Claudio.
O höre mich, Isabella.

Dritte Scene.
(Der Herzog und der Kerkermeister zu den Vorigen.)

Herzog.
Ein Wort mit euch, junge Schwester, nur ein Wort.

Isabella.
Was ist euer Begehren?

Herzog.
Wenn eure Zeit es zuliesse, so möcht ich eine kleine Unterredung
mit euch haben, deren Inhalt zu euerm eignen Besten abzielt.

Isabella.
Ich habe keine überflüßige Zeit; ich muß mein Verweilen andern
Geschäften stehlen; aber doch will ich noch eine Weile hier bleiben,
euch anzuhören.

Herzog.
Sohn, ich habe gehört was zwischen euch und eurer Schwester
vorgegangen ist. Angelo hat nie den Vorsaz gehabt sie zu verführen;
seine Absicht war nur, ihre Tugend auf die Probe zu stellen, und
er ist erfreut daß sie ihn so muthig abgewiesen hat. Ich bin des
Angelo Beichtiger, und weiß daß diß wahr ist; bereitet euch also
zum Tode. Entkräftet eure Entschlossenheit nicht durch betrügliche
Hoffnungen; morgen müßt ihr sterben; auf eure Knie nieder, und
bereitet euch zu!

Claudio.
Laßt mich meine Schwester um Verzeihung bitten. Die Liebe zum
Leben ist mir so vergangen, daß ich froh seyn werde, davon los zu
kommen.

(Claudio geht ab.)

Herzog.
Gehabt euch wohl. Kerkermeister, ein Wort mit euch.

Kerkermeister.
Was ist euer Wille, Vater?

Herzog.
Daß ihr euch ein wenig entfernen sollt; laßt mich eine Weile bey
dieser Schwester; mein Habit und mein Character sind euch Bürge,
daß sie von meiner Gesellschaft nichts zu besorgen hat.

Kerkermeister.
Das kan wohl geschehen.

(Geht ab.)

Herzog.
Das Glük hat es so gefügt, daß ich von dem Anfall, den Angelo auf
eure Tugend gethan hat, benachrichtiget worden bin; und wenn diese
Gebrechlichkeit nicht durch andre Beyspiele begreiflich gemacht
würde, so würde sie mich an Angelo wundern: aber was wollt ihr thun,
diesen Statthalter zu befriedigen, und euern Bruder zu retten?

Isabella.
Ich bin im Begriff ihm meinen Entschluß zu melden; ich will lieber,
mein Bruder sterbe durch das Gesez, als mein Sohn werde gegen das
Gesez gebohren. Aber, o! wie sehr hat sich der gute Herzog in
diesem Angelo betrogen! Wenn er jemals wieder zurük kömmt, und ich
vor ihn kommen kan, so will ich die Sprache verliehren, oder ihm
diese schändliche Regierung entdeken.

Herzog.
Das wird nicht übel gethan seyn; aber so wie die Sache izt steht,
wird Angelo eure Anklage unkräftig machen; er wird sagen, er habe
euch nur auf die Probe gesezt. Höret also meinen Rath; meine
Begierde Gutes zu thun, giebt mir ein Mittel ein: Mich däucht, ihr
könntet auf die unschuldigste Art und zu gleicher Zeit einem armen
beleidigten Frauenzimmer einen Dienst leisten den sie verdient,
euerm Bruder das Leben retten, und euch dem abwesenden Herzog nicht
wenig gefällig machen, wenn er jemals wiederkommen, und von dieser
Sache hören sollte.

Isabella.
Redet weiter; ich habe Muth genug alles zu unternehmen, wovon mein
Herz mir nicht sagt, daß es unrecht ist.

Herzog.
Die Tugend ist herzhaft, und die Güte niemals furchtsam. Habt ihr
nicht von einer gewissen Mariana gehört, einer Schwester des
Schiffhauptmann Friedrichs der auf dem Meer verunglükte?

Isabella.
Ich habe viel Gutes von diesem Frauenzimmer sagen gehört.

Herzog.
Sie sollte dieser Angelo geheurathet haben, er hatte sich mit ihr
versprochen, und der Hochzeit-Tag war schon angesezt: Allein
während der Zwischenzeit hatte Friedrich das Unglük, in einem
Schiffbruch sein Vermögen, seiner Schwester Erbtheil, und sein
Leben zu verliehren. Die arme Fräulein verlor dadurch einen edeln
und angesehnen Bruder der sie zärtlichst liebte, mit ihm ihr
Heurathgut, und mit beyden ihren Bräutigam, diesen scheinbaren
Angelo.

Isabella.
Ist das möglich? Angelo verließ sie?

Herzog.
Verließ sie in Thränen, und troknete nicht eine derselben mit
seinem Trost ab, brach sein Gelübde unter dem Vorwand einige Fleken
an ihrer Ehre entdekt zu haben; kurz, überließ sie ihrem Elend, und
den Schmerzen die sie um seinetwillen leidet—

Isabella.
Wie wohl würde der Tod thun, wenn er dieses arme Mädchen aus der
Welt nähme! Und wie ungerecht ist dieses Leben, daß es einen
solchen Mann leben läßt! Aber wie kan ihr geholfen werden?

Herzog.
Es ist ein Bruch, den ihr leicht heilen könnet; und die Heilung
desselben rettet nicht nur euern Bruder, sondern macht auch daß ihr
ihn ohne Verlezung eurer Ehre retten könnet.

Isabella.
Wie kan das geschehen, mein guter Vater?

Herzog.
Die vorbenannte Person hegt noch immer ihre erste Leidenschaft;
sein ungerechter Kaltsinn, der ihre Liebe billig ausgelöscht haben
sollte, hat sie, gleich einem Hinderniß das dem Lauf eines Stroms
entgegensieht, nur heftiger und unordentlicher gemacht. Geht ihr
zu Angelo, antwortet seinem Begehren durch den Verspruch eines
verstellten Gehorsams; gestehet ihm die Hauptsache zu, nur behaltet
euch diese Bedingungen vor, daß ihr euch nicht lange bey ihm
verweilen müsset, daß die Zeit von Dunkelheit und Stillschweigen
begleitet sey, und der Ort die Bequemlichkeiten habe, die ein
Geheimniß erfodert. Gesteht er euch dieses zu, so geht alles nach
unserm Wunsche; wir unterrichten alsdenn dieses beleidigte Mädchen,
sich zur gesezten Stunde an euern Plaz zu stehlen; dieses kan, wenn
die Wahrheit sich in der Folg’ entdekt, ihn nöthigen ihr
Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, euer Bruder kommt dadurch in
Freyheit, eure Ehre bleibt unbeflekt, die arme Mariana wird
versorgt, und dem Stadthalter wird die Larve abgezogen. Ich nehm’
es über mich, das gute Mädchen dazu vorzubereiten; wenn euch dieser
Entwurf sonst gefällt, so braucht ihr euch kein Bedenken zu machen;
das dreyfache Gute das daraus entspringt, macht den Betrug
untadelhaft. Was dünkt euch hiezu?

Isabella.
Die Vorstellung davon beruhigt mich bereits und ich hoffe der
Ausgang werde erfreulich seyn.

Herzog.
Es kommt alles auf euern Beytrag an; eilet unverzüglich zu Angelo;
wenn er euch um diese Nacht bittet, so sagt es ihm zu, unter den
Bedingungen, die wir abgeredt haben. Ich will indessen zu Marianen
gehen; fraget mir bey St. Lucas wieder nach, und macht daß ihr von
Angelo bald zurükkommt.

Isabella.
Ich danke euch für diesen Beystand; lebet wohl indessen, mein guter
Vater.

(Sie gehen ab.)

Vierte Scene.
(Die Straasse.)
(Der Herzog als ein Mönch, Ellbogen, Harlequin, und Stadtbediente.)

Ellbogen.
Was wird noch aus der Welt werden, wenn man euch das Handwerk nicht
legt, Männer und Weiber wie das liebe Vieh zu verkauffen? Fort,
fort, euers Weges—He! Gott grüß euch, guter Pater Bruder.

Herzog.
Und euch, guter Bruder Vater, was hat dieser Mann begangen, mein
Herr?

Ellbogen.
Beym Sapperment, Herr, er hat wider das Gesez gesündiget, und, Herr,
wir glauben er sey ein Dieb dazu, Herr; denn wir haben einen
seltsamen Schlüssel-Haken bey ihm gefunden, Herr, den wir dem
Stadthalter geschikt haben.

Herzog.
Pfui, du Schurke, ein H** Wirth, ein schändlicher H** Wirth! Du
lebst von dem Bösen das du verursachst. Hast du auch einmal daran
gedacht, was das ist, von einem so unflätigen Laster den Magen zu
füllen, oder den Rüken zu kleiden? Sage zu dir selbst: Von ihren
abscheulichen viehischen Betastungen, eß’ ich, trink’ ich, kleid’
ich mich und lebe. Kanst du das für ein Leben halten, das von
einem so stinkenden Unterhalt abhängt? Geh, beßre dich, beßre dich!

Harlequin.
In der That, es stinkt in gewisser Maasse, Herr; aber doch, Herr,
wollt’ ich beweisen können—

Herzog.
Was willt du beweisen? Du bist ein verstokter Bube. Führ ihn in
den Kerker, Commiß; Züchtigung und Unterricht müssen zugleich
würken, um ein so wildes Vieh zahm zu machen.

Ellbogen.
Er muß vor den Stadthalter, Herr; er ist gewarnet worden; der
Stadthalter kan einen H** Wirth nicht leiden. Wenn er ein H**
Wirth ist, und kommt vor den Stadthalter, so wär’ es ihm eben so
gut, er wär’ eine halbe Stunde weit von ihm.

Harlequin.
Hier kommt ein junger Herr von meinen guten Freunden.

Fünfte Scene.
(Lucio zu den Vorigen.)

Lucio.
Wie gehts, edler Pompey? Wie? in Cäsars Fesseln? Wirst du im
Triumph geführt? Wie? war keine von Pygmalions Statuen, die
kürzlich wieder zu einem Weib gemacht worden*, die man hätte dafür
beym Kopf kriegen können, daß sie die Hand in eine Tasche gestekt,
und eine Faust wieder herausgezogen? He! was sagst du zu dieser
neuen Methode? So gieng es nicht unter der lezten Regierung. Ha?
Was sagst du, Pflastertreter? wie gefällt dir diese neue Welt? Du
wanderst, däucht mich, ins Gefängniß?

{ed.-* Das ist: Die aus der Salivations-Cur gekommen. Warbürton.}

Harlequin.
Ihr habt’s errathen, mein Herr.

Lucio.
Das läßt sich hören, Pompey, Glük zu; allenfalls kanst du sagen,
ich habe dich wegen einer Schuld dahin geschikt; oder warum—

Ellbogen.
Weil er ein H** Wirth ist, ein H** Wirth.

Lucio.
Gut, so sezt ihn immer ein; wenn das die Straffe ist die einem H**
Wirth gehört, so geht die Sache in ihrer Ordnung. Ein H** Wirth
ist er, das hat seine Richtigkeit, und das nicht erst von gestern
her; er ist ein gebohrner H** Wirth. Guten Abend, Pompey; mein
Compliment an das Gefängniß, Pompey; ihr werdet nun ein braver
Hausmann werden, Pompey, ihr werdet hübsch das Haus hüten.

Harlequin.
Ich hoffe Euer Gnaden werden Bürge für mich seyn.

Lucio.
Nein, wahrhaftig, das werd ich nicht, Pompey; es verlohnt sich der
Mühe nicht; ich will um die Verlängrung eurer Gefangenschaft bitten;
schikt ihr euch nicht geduldig drein, desto schlimmer für euch;
fahr wohl, ehrlicher Pompey. Guten Abend, Bruder!

Herzog.
Ebenfalls.

Lucio.
Mahlt sich Brigitte noch immer, Pompey? ha?

Ellbogen.
Fort euers Weges, Herr, fort.

Lucio.
Munter, Pompey, es muß schon seyn. Was giebts neues, Frater, was
Neues?

Ellbogen.
Fort, Herr, geht euers Weges.

Lucio.
Geh, in den Stall, Pompey, geh.

(Ellbogen, Harlequin und Bediente geben ab.)

Sechste Scene.

Lucio.
Was giebts neues, Frater, vom Herzog?

Herzog.
Ich weiß nichts; wißt ihr etwas?

Lucio.
Einige sagen, er sey bey dem Rußischen Kayser; andre, er sey in Rom;
aber wo meynt ihr, daß er ist?

Herzog.
Das weiß ich nicht, aber wo er auch seyn mag, wünsch’ ich ihm Gutes.

Lucio.
Das war ein wunderlicher Einfall von ihm, sich aus dem Staat
wegzustehlen, und auf der Betteley herumzuziehen, die seines
Handwerks nicht ist. Der Herr Angelo hält indessen hübsch Haus, er
beunruhiget die Uebertretung, daß es nicht auszustehen ist.

Herzog.
Daran thut er wohl.

Lucio.
Ein wenig mehr Gelindigkeit gegen die Galanterie möchte nicht
schaden; in diesem Stük ist er ein wenig zu streng, Bruder.

Herzog.
Ein so verführisches Laster kan nur durch Strenge geheilt werden.

Lucio.
Frater, so lang essen und trinken nicht abgeschaft werden kan, wird
es unmöglich seyn, es ganz auszurotten. Man sagt, dieser Angelo
sey nicht durch den ordentlichen Weg der Natur von einem Mann und
einem Weib entstanden; ist es wahr, was däucht euch?

Herzog.
Wie soll er denn entstanden seyn?

Lucio.
Einige erzählen, eine Wassernixe habe ihn gebrutet; andre, er sey
von zwey Stokfischen gezeugt worden. Soviel ist gewiß, daß wenn er
das Wasser abschlägt, sein Urin gleich zu Eis gefriert; ich weiß
daß es wahr ist, und daß er zur Zeugung unfähig ist, daran ist auch
nicht zu zweifeln.

Herzog.
Ihr scherzet, mein Herr—

Lucio.
Zum Henker, was für eine Unbarmherzigkeit ist es von ihm, um der
Empörung eines H*s*nlazes willen einem ehrlichen Kerl das Leben zu
nehmen? Hätte der abwesende Herzog das gethan? Ehe er jemand, und
wenn es auch um hundert Bastarte willen gewesen wäre, hätte hängen
lassen, ehe hätte er für tausend das Kostgeld aus seinem Beutel
bezahlt. Er liebte das Spiel selbst ein wenig, und das machte ihn
gelinde.

Herzog.
Ich habe nie gehört, daß man den abwesenden Herzog mit Weibsleuten
im Verdacht gehabt hätte; seine Neigung gieng nicht dahin.

Lucio.
O mein Herr, ihr betrügt euch sehr.

Herzog.
Es ist nicht möglich.

Lucio.
Wie? der Herzog nicht? Das alte Mensch, das für euch bettelt,
könnte euch davon sagen; er warf ihr nicht umsonst allemal einen
Ducaten in ihre Büchse. Der Herzog hat seine Schliche. Er liebte
auch den Trunk, das könnt ihr mir glauben.

Herzog.
Gewißlich, ihr thut ihm unrecht.

Lucio.
Herr, ich war ein Vertrauter von ihm; ein schlauer Bursche ist der
Herzog, und ich glaube ich weiß warum er sich entfernt hat.

Herzog.
Ich bitte euch, was mag die Ursache seyn?

Lucio.
Um Vergebung, das ist ein Geheimniß, davon sich nicht reden läßt;
aber so viel kan ich euch zu verstehen geben; der gröste Theil
seiner Unterthanen hielt den Herzog für weise?

Herzog.
Weise? wie, es ist wohl keine Frage, ob er es war.

Lucio.
Ein sehr superficieller, unwissender, unbedächtlicher Geselle.

Herzog.
Entweder ist es Neid, oder Narrheit oder Irrthum daß ihr so redet.
Sein ganzes Leben, und alle seine öffentlichen Handlungen geben ihm
ein besseres Zeugniß; und der Neid selbst muß gestehen, daß er
gelehrt, ein Staatsmann und ein Soldat ist. Ihr sprecht also sehr
unbesonnen; oder wenn es nicht aus Mangel an Einsicht geschieht, so
verrathet ihr viel Bosheit.

Lucio.
Herr, ich kenn’ ihn und ich lieb’ ihn.

Herzog.
Ihr würdet ihn besser lieben wenn ihr in kenntet, und ihn besser
kennen wenn ihr ihn liebtet.

Lucio.
Gut, Herr, ich weiß was ich weiß.

Herzog.
Ich kan es schwerlich glauben, da ihr nicht wißt was ihr redet.
Wofern aber der Herzog wieder zurükkommt, so gestattet daß ich von
euch begehre, euch bey ihm zu verantworten. Habt ihr die Wahrheit
gesagt, so werdet ihr auch Herz haben, sie zu behaupten; meine
Schuldigkeit ist, euch dazu aufzufordern, und ich bitte euch
deßwegen um euern Namen.

Lucio.
Herr, mein Name ist Lucio, der Herzog kennt ihn wohl.

Herzog.
Er wird euch noch besser kennen lernen, wenn ich so lange lebe, ihm
Nachricht von euch geben zu können.

Lucio.
Ich fürchte euch nicht.

Herzog.
O! ihr hoft, der Herzog werde nicht wieder kommen, oder ihr bildet
euch ein ich sey ein Gegner, der euch nicht schaden könne; und in
der That, ich werde euch wenig schaden, denn ihr werdet alles was
ihr hier gesagt habt, wieder abschwören.

Lucio.
Erst will ich mich hängen lassen; du kennst mich nicht, Frater.
Doch nichts weiter hievon. Kanst du sagen, ob Claudio morgen
stirbt oder nicht?

Herzog.
Warum sollt’ er sterben, mein Herr?

Lucio.
In der That ist es hart, einem darum den Kopf zu nehmen, weil er
die Hosen herunter gelassen hat; denn das ist doch zulezt alles,
was er gethan hat. Ich wollte, der Herzog von dem wir reden, wäre
wieder da; dieser unvermögende Statthalter wird das ganze Land
durch Enthaltsamkeit entvölkern. Er leidet nicht, daß die
Sperlinge in seinem Hause nisten, weil sie Liebhaber vom Paaren
sind. Der Herzog würde Dinge, die im Finstern geschehen, auch im
Finstern ausmachen; er würde sie gewiß nicht ans Licht ziehen. Ich
wollt’ er wäre wieder da! Leb’ wohl, mein guter Frater; ich bitte
um dein Gebet. Der Herzog, ich sag dir’s noch einmal, macht sich
nichts daraus, an einem Freytag von einer Schöpskeule zu essen;
seine Zeit ist noch nicht vorbey; ich versichre dich, er würde eine
Bettlerin schnäbeln, wenn sie gleich nach schwarz Brot und
Knoblauch röche. Sag, ich hab’ es gesagt, und gehab dich wohl.

(Lucio geht ab.)

Herzog.
Weder Macht noch Hoheit kan dem Tadel entgehen, und die hinterrüks
verwundende Verläumdung scheuet sich nicht, die weisseste Tugend
anzugeifern.

Siebende Scene.
(Escalus, Kerkermeister, Kupplerin, und Stadtbediente.)

Escalus.
Geht, führt sie ins Gefängniß.

Kupplerin.
Ach, Gnädiger Herr, schonet meiner; Euer Gnaden wird von jedermann
für einen so mitleidigen Herrn gehalten! Ach mein gütiger Herr!

Escalus.
Doppelt, dreyfach gewarnt werden, und doch immer in dem gleichen
Verbrechen fortzufahren—das könnte die Gnade selbst zum Tyrannen
machen.

Kerkermeister.
Eine H** Wirthin, die das Handwerk eilf ganzer Jahre hinter
einander treibt, mit Euer Gnaden Erlaubniß.

Kupplerin.
Gnädiger Herr, das geschieht alles auf Anstiften eines gewissen
Lucio; Jungfer Käthchen Legdich wurde schwanger von ihm, in des
Herzogs Zeiten; er versprach ihr die Ehe; sein Kind ist auf
nächsten Philippi und Jacobi fünf Virtheil Jahr alt; ich hab es
selbst unterhalten, und das ist nun der Dank den er mir davor giebt.

Escalus.
Dieser Lucio ist ein sehr ausgelassener Bursche; laßt ihn vor uns
ruffen. Weg mit ihr ins Gefängniß; fort, fort, keine Worte mehr.

(Sie gehen mit der Kupplerin ab.)

Kerkermeister, mein Bruder Angelo läßt sich nicht überreden;
Claudio muß morgen sterben, versorget ihn mit Geistlichen, und mit
allem was er zu seiner Vorbereitung nöthig hat. Wenn mein
Mitleiden ihm etwas helfen könnte, sollte es nicht so seyn.

Kerkermeister.
Dieser Franciscaner ist bey ihm gewesen, und hat ihn zum Tod
vorbereitet.

Escalus.
Guten Abend, Vater.

Herzog.
Heil und Segen sey mit euch!

Escalus.
Woher seyd ihr?

Herzog.
Nicht aus diesem Land, ob es mich gleich getroffen hat, eine
Zeitlang mich darinn aufzuhalten; ich bin ein Bruder aus einem
gesegneten Orden, und vor kurzem mit einem besondern Auftrag von
seiner Heiligkeit über das Meer gekommen.

Escalus.
Was giebt es Neues in der Welt?

Herzog.
Nichts, als eine Neuigkeit die so alt ist als die Welt, und die
doch die Neuigkeit jedes Tages ist, daß die Tugend siech und das
Laster munter, und daß es leichter ist, das Böse zu strafen als
selbst unverwerflich zu seyn. Ich bitte euch, mein Herr, von was
für einer Denkungsart war der Herzog?

Escalus.
Von einer, die sich nichts angelegner seyn läßt, als sich selbst zu
kennen.

Herzog.
Was für einem Vergnügen war er ergeben?

Escalus.
Wenn er sich über etwas freute, so war es mehr über die Freude
andrer Leute, als daß er an irgend etwas, das ihn belustigen wollte,
eine sonderliche Lust gehabt hätte. Doch wir wollen ihn seinen
Geschäften überlassen, und nur bitten, daß sie glüklich seyn mögen;
erlaubet mir euch zu fragen, wie findet ihr den Claudio
vorbereitet? Ich höre, daß ihr ihn besucht habt.

Herzog.
Er bekennt, daß ihm sein Richter nicht zuviel gethan habe, und
ergiebt sich mit gelaßner Demuth in den Willen der Gerechtigkeit;
doch hat er Schwachheit genug gehabt, sich allerley betrügliche
Hoffnungen zum Leben zu machen, die ich ihm aber so benommen habe,
daß er izt entschlossen ist zu sterben.

Escalus.
Ihr habt gegen den Himmel und den Gefangnen die Pflichten euers
Berufs erfüllt. Ich habe mir für den armen Edelmann so viel Mühe
gegeben, als es die Bescheidenheit zuließ; allein ich habe meinen
Collegen Angelo so strenge gefunden, daß er mich genöthiget hat ihm
zu sagen, er sey in der That die Gerechtigkeit selbst.

Herzog.
Wenn sein eignes Leben mit der Strenge seines Richter-Amts
übereinstimmt, wird es ihm wohl bekommen; wo nicht, so hat er sich
selbst das Urtheil gesprochen.

Escalus.
Ich gehe den Gefangnen zu besuchen; lebet wohl.

(Er geht ab.)

Achte Scene.
(Der Herzog allein.)

Herzog.
Wer das Schwerdt des Himmels tragen will, soll eben so heilig und
unverwerflich seyn als er streng ist. Schaam über den, dessen
tyrannische Hand die Verbrechen an andern bestraft, die er sich
selbst nachsieht; dreyfache Schaam über Angelo, der andrer Laster
ausreutet, und die seinigen wachsen läßt. O! was für Unrath kan
in einem Menschen verborgen seyn, wenn er von aussen gleich ein
Engel scheint! Wie leicht ist’s dem Laster, unter dieser Gestalt,
die Welt und die Zeit selbst zu betrügen, und mit schwachen
Spinnenfaden die gewichtigsten Dinge, Reichthum, Macht und Ehre, an
sich zu ziehen. Ich muß List gegen Laster gebrauchen. Diese Nacht
soll seine ehmalige verlaßne und verschmähte Braut bey dem Angelo
ligen, um durch einen unschuldigen Betrug die keusche Unschuld zu
befreyen, und einen alten Eheverspruch gültig zu machen.

Vierter Aufzug.

Erste Scene.
(Eine Scheuer.)
(Mariane und ein kleiner Knabe treten singend auf.
Der Herzog als ein Franciscaner-Mönch kommt dazu.)

Mariane.
Hör auf zu singen, und begieb dich eilends hinweg. Hier kommt ein
Mann des Trostes, dessen Zuspruch schon oft meinen murrenden Kummer
gestillet hat—

(Zum Herzog.)

Ich bitte euch um Vergebung, mein ehrwürdiger Herr, und wünschte,
daß ihr mich hier nicht so musicalisch angetroffen hättet;
entschuldiget mich und glaubet mir, diese erzwungne Frölichkeit ist
nur ein schwaches Lindrungsmittel meines Schmerzens.

Herzog.
Es ist gut; obgleich die Musik oft eine so zaubrische Kraft hat,
daß sie das Böse gut und das Gute böse machen kan. Ich bitte euch,
hat niemand hier nach mir gefragt; es wird schon über die Zeit seyn,
da ich versprochen habe, mit jemand an diesem Orte zusammen zu
kommen.

Mariane.
Es hat niemand bey mir nach euch gefragt, ob ich gleich den ganzen
Tag hier gesessen bin. (Isabella kommt.)

Herzog.
Ich glaube euch in allen Sachen;—Die Zeit ist gekommen, eben izt—
Ich muß euch um ein wenig Geduld bitten; ich werde euch sogleich
wieder zurük rufen, um von einer Sache mit euch zu sprechen, die zu
euerm Besten abgezielt ist.

Mariane.
Ich werde euern Befehl erwarten.

(Sie geht ab.)

Zweyte Scene.

Herzog.
Willkommen, Isabella, ihr haltet euer Wort genau; was giebt es
Neues von dem ehrlichen Stadthalter?

Isabella.
Er hat einen Garten, der mit einer Mauer von Ziegelsteinen
eingeschlossen ist, und an der West-Seite an einen Weinberg stößt;
hier ist der Schlüssel, der das Thor in diesen Weinberg aufschließt;
und hier ein andrer, der eine kleine Thür öffnet, die aus dem
Weinberg in den Garten führt. Hier habe ich versprochen, in der
finstern Mitternacht ihm einen Besuch zu geben.

Herzog.
Aber seyd ihr auch gewiß, den Weg zu finden?

Isabella.
Er hat mir denselben mit einer so grossen Sorgfalt zu wiederholten
malen gezeigt, daß ich ihn ganz genau angeben kan.

Herzog.
Sind keine andre Verabredungen zwischen euch genommen worden, die
das Frauenzimmer wissen muß, das eure Stelle vertreten wird?

Isabella.
Keine andre, als daß die Zusammenkunft im Finstern geschehen soll;
und daß ich ihm beygebracht, mein Aufenthalt könne nur sehr kurz
seyn, indem ich mit einer Magd kommen werde, die, in der Meynung,
daß ich eine heimliche Zusammenkunft mit meinem Bruder habe, auf
mich warten solle.

Herzog.
Das ist wohl ausgesonnen. Aber ich habe Marianen noch kein Wort
von der Sache entdekt. Ha! kommt heraus, wenn es euch beliebt!

Dritte Scene.
(Mariane zu den Vorigen.)

Herzog (zu Isabella.)
Ich bitte euch, macht Bekanntschaft mit diesem jungen Frauenzimmer;
sie kommt, euch Gutes zu thun.

Isabella.
Ich wünsche, daß es zu ihrem eignen Besten ausschlage.

Herzog (zu Mariane.)
Seyd ihr überzeugt, daß ich euch hoch schäze?

Mariane.
Mein gütiger Vater, ich bin vollkommen überzeugt, und habe Proben
davon.

Herzog.
So nehmt dann diese eure Freundin bey der Hand, und höret die
Geschichte, die sie euch zu erzählen hat; ich will hier auf eure
Zurükkunft warten; aber beschleuniget euch; die Nacht bricht an.

(Mariane und Isabella gehen ab.)

Herzog (allein.)
* O Macht und Grösse. Millionen falscher Augen sind auf dich
geheftet; ganze Bände voll unächter und widersprechender
Nachrichten verfälschen deine Thaten; und tausend halbkluge
Wizlinge machen dich zum Vater ihrer müssigen Träume, und foltern
dich in ihrer Einbildung—Willkommen! Wie versteht ihr euch mit
einander?

{ed.-* Diese Rede, die augenscheinlicher Weise keinen
begreiflichen Zusammenhang mit dem Inhalt dieser Scene hat, gehört,
nach des Dr. Warbürtons Meynung, zum Schluß der Scene zwischen
Lucio und dem Herzog in dem vorigen Aufzug; und ist, wie er glaubt,
von den Schauspielern, die es nicht so genau zu nehmen pflegen,
hieher versezt worden, damit der Herzog in der Abwesenheit der
beyden Damen keine lange Weile habe.}

Vierte Scene.
(Mariane und Isabella kommen zurük.)

Isabella.
Sie will die Verrichtung auf sich nehmen, wenn ihr nichts dawider
einzuwenden habt, Vater.

Herzog.
Ich gebe nicht nur meine Einwilligung, sondern ich bitte euch darum.

Isabella.
Wenn ihr euch wieder wegbegebet, so braucht ihr ihm nichts zu sagen,
als mit leiser Stimme: («Erinnert euch nun meines Bruders.»)

Mariane.
Seyd unbekümmert—

Herzog.
Auch seyd ihr es nicht um euer selbst willen, meine liebe Tochter.
Ein gültiger Eheverspruch macht ihn zu euerm Gemahl, und es ist
also keine Sünde euch so zusammen zu bringen, indem die
Gerechtigkeit euers Anspruchs an ihn den Betrug unschuldig macht.
Kommt, laßt uns gehen; wir haben das wichtigste noch vor uns.

(Sie gehen ab.)

Fünfte Scene.
(Das Gefängniß.)
(Der Kerkermeister und Harlequin.)

Kerkermeister.
Hieher, Bursche, könnt ihr einem Mann den Kopf abschlagen?

Harlequin.
Wenn der Mann ein Junggeselle ist, Herr, so kan ich’s; wenn er aber
ein Ehemann ist, so ist er seines Weibes Haupt; und ich kan
unmöglich einem Weibsbild den Kopf abschlagen.*

{ed.-* Der Spaß ligt hier in einem Wortspiel, das
sich nicht übersezen läßt.}

Kerkermeister.
Laßt eure Schäkereyen, Herr, und gebt mir eine gescheidte Antwort.
Morgen früh sollen Claudio und Bernardin sterben; wir haben hier in
diesem Gefängniß einen öffentlichen Scharfrichter, der einen
Gehülfen nöthig hat; wenn ihr euch entschliessen wollt, dieser
Gehülfe zu seyn, so wird es euch von euern Fesseln frey machen; wo
nicht, so macht euch gefaßt eure volle Zeit im Gefängniß
auszuhalten, und bey eurer Entlassung eine unbarmherzige Tracht
Prügel mit auf den Weg zu bekommen; denn ihr wißt, daß ihr ein
stadtkündiger H** Wirth gewesen seyd.

Harlequin.
Herr, ich bin ein unehrlicher H** Wirth gewesen; doch, das ist nun
vorbey, und man redt nicht gerne davon; ich bin es zufrieden, nun
ein ehrlicher Henker zu werden; es wird mir ein Vergnügen seyn,
einigen Unterricht von meinem Herrn Collegen zu erhalten.

Kerkermeister.
Holla, Abhorson! Wo ist Abhorson? (Abhorson kommt.)

Abhorson.
Ruft ihr mir, mein Herr?

Kerkermeister.
Hier ist ein Kerl, der euch morgen bey Hinrichtung der
Verurtheilten helfen will; wenn ihr es gut findet, so vergleicht
euch mit ihm für ein Jahr, und behaltet ihn hier bey euch; wo nicht,
so braucht ihn für diesesmal, und laßt ihn wieder seines Weges
gehen. Er kan sich nicht beschweren, daß er mit euch in die
gleiche Linie gestellt wird; er ist ein H** Wirth gewesen.

Abhorson.
Ein H** Wirth, mein Herr? Pfui, er wird unsre Kunst in einen bösen
Ruf bringen.

Kerkermeister.
Geht, geht, und macht euch keinen Scrupel; ihr wägt gleich viel;
eine Feder würde die Wagschalen verrüken.

(Er geht ab.)

Harlequin (zu Abhorson.)
Ich bitte euch, mein Herr, mit eurer Erlaubniß, nennt ihr eure
Beschäftigung eine Kunst?

Abhorson.
Ja, Herr, eine Kunst.

Harlequin.
Mahlen, Herr, hab ich sagen gehört, ist eine Kunst, und da eure H**,
welche sich sehr gut auf das Mahlen verstehen, Mitglieder meiner
Zunft sind, so ist also bewiesen, daß meine Beschäftigung eine
Kunst ist; aber was für eine Kunst—im Hängen seyn sollte, wenn ich
gehenkt würde, kan ich mir nicht vorstellen—
** (Der Kerkermeister kommt zurük.)

{ed.-** Hier ist, nach Herrn Warbürtons Anmerkung, eine ziemliche
Lüke im Original, welche auch die zwey Reden, die noch übrig sind,
ganz unverständlich macht. Es verlohnt sich der Mühe nicht, diese
Scene ergänzen zu wollen, da sie selbst nach Warbürtons darauf
übelangewandter Arbeit ein abgeschmaktes Gewebe von albernen
Wortspielen bleibt.}

Kerkermeister.
Seyd ihr mit einander übereingekommen?

Harlequin.
Herr, ich bin entschlossen, sein Knecht zu seyn; denn es däucht
mich, ein Henker zu seyn ist ein bußfertigeres Gewerbe als ein H**
Wirth zu seyn; er bittet öfter um Verzeihung.

Kerkermeister.
Macht euern Blok und euer Beil zu rechte, bis morgen um vier Uhr.

Abhorson.
Komme mit, H**bube, ich will dir zeigen wie du dich zu deinem neuen
Handwerk anschiken must; folge mir.

Harlequin.
Ich bin sehr lehrbegierig, Herr; und ich hoffe, wenn ihr etwann
Gelegenheit bekommen solltet, mich für euch selbst zu gebrauchen,
ihr werdet mich eifrig finden; Eure Gewogenheit für mich verdient
wahrhaftig keine geringere Dankbarkeit von meiner Seiten.

(Sie gehen ab.)

Kerkermeister.
Ruft Claudio und Bernardin hieher; mit dem einen hab’ ich Mitleiden;
mit dem andren, der ein Mörder ist, nicht ein Jot, und wenn er
mein Bruder wäre.

Sechste Scene.
(Claudio kommt herein.)

Kerkermeister.
Siehe hier, Claudio, dein Todesurtheil; es ist izt Mitternacht, und
bis morgen um acht Uhr must du unsterblich gemacht werden. Wo ist
Bernardin?

Claudio.
So stark vom Schlaf gefesselt als ob er unschuldig wäre, und nichts
zu befürchten hätte. Er wird nicht aufzuweken seyn.

Kerkermeister.
Und was würd’ es ihm auch helfen; er ist ein verhärteter Bube—Gut,
begebt euch wieder weg und bereitet euch.

(Claudio geht ab.)

Still! was für ein Getöse ist das?—der Himmel stärke euch!—Ich
komme—Hoffentlich ist es Begnadigung, oder doch einiger Aufschub
für den wakern Claudio—Willkommen, Vater. (Der Herzog kommt
herein.)

Herzog.
Die besten und heilsamsten Geister der Nacht steigen auf euch herab,
wakrer Kerkermeister! Wer klopfte seit einiger Zeit hier an?

Kerkermeister.
Niemand, seitdem die Nachtgloke geläutet worden.

Herzog.
Nicht Isabella?

Kerkermeister.
Nein.

Herzog.
So wird sie doch nicht lange mehr ausbleiben.

Kerkermeister.
Was für Hoffnung haben wir für den Claudio?

Herzog.
Es ist noch nicht alle verlohren.

Kerkermeister.
Der Statthalter ist ein harter Mann.

Herzog.
Nicht so, nicht so; sein Leben lauft mit seiner strengen
Gerechtigkeit in gleicher Linie: Mit der Enthaltung eines Heiligen
bezwingt er den Trieb in ihm selbst, dessen Ausschweiffungen sein
Amt an andern strafen muß. Ja, dann wenn er selbst ausübte, was er
an andern straft, dann wär’ er tyrannisch; aber so wie er ist, ist
er gerecht—Nun kommen sie.

(Man hört an der Thüre klopfen. Der Kerkermeister geht hinaus.)

Dieser Kerkermeister ist ein wakrer Mann; es ist etwas seltnes an
einem Mann von seinem Beruf, ein Menschenfreund zu seyn. Aber was
giebts? Was für ein Getöse? Das muß ein hastiger Geist seyn, der
so ungestüm an der Thüre pocht. (Der Kerkermeister kommt zurük.)

Kerkermeister.
Er kan warten, bis der Wächter wieder kommt, der ihn hineinführen
soll; er ist abgeruffen worden.

Herzog.
Habt ihr noch keinen Gegenbefehl wegen des Claudio? Muß er morgen
sterben?

Kerkermeister.
Keinen, ehrwürdiger Herr, keinen.

Herzog.
Es fängt schon an zu dämmern, Kerkermeister; ihr werdet, eh es
Morgen seyn wird, mehr hören.

Kerkermeister.
Wie glüklich wär’s, wenn ihr etwas wißtet; aber ich fürchte, es
kommt kein Gegenbefehl; wir haben kein solch Exempel; und zudem, so
hat der Stadthalter, auf dem Thron der Gerechtigkeit selbst, und
vor den Ohren des ganzen Volks das Gegentheil versichert.

Siebende Scene.
(Ein Bote zu den Vorigen.)

Herzog.
Dieses ist einer von Sr. Gnaden Bedienten.

Kerkermeister.
Und hier kommt Claudios Begnadigung.

Bote.
Mein Gnädiger Herr überschikt euch diesen schriftlichen Befehl, und
durch mich diesen mündlichen Zusaz, daß ihr nicht von dem kleinsten
Theil desselben abweichen sollt, weder was die Zeit, noch die
andern Umstände betrift. Guten Morgen, denn ich denke, es ist
beynahe Tag.

Kerkermeister.
Ich werde gehorchen.

(Der Bote geht.)

Herzog (für sich.)
Diß ist seine Begnadigung; Angelo findet billig eine Sünde zu
vergeben die er selbst begeht—Nun, mein Herr, was habt ihr Neues?

Kerkermeister.
Was ich euch sagte; Angelo, der mich vermuthlich für nachläßig in
meinem Dienst ansieht, erwekt mich durch dieses ungewöhnliche
Betreiben; ich begreiffe nicht was es zu bedeuten hat; denn er hat
es noch niemals so gemacht.

Herzog.
Ich bitte euch, laßt mich’s hören.

Der Kerkermeister (lißt den Befehl.)
«Alles was ihr auch diesem meinem Befehl widersprechendes hören
möget, ungeachtet, lasset den Claudio morgen um vier Uhr hinrichten,
und des Nachmittags den Bernardin; und zu meiner bessern
Versicherung sorget dafür, daß mir der Kopf des Claudio um fünf Uhr
zugeschikt werde. Laßt dieses gehörig vollzogen werden, und
beobachtet hierinn eine noch grössere Sorgfalt als wir euch
anbefohlen. Eure eigne Gefahr soll uns für die Ausübung eurer
Pflicht Bürge seyn.» Was sagt ihr hiezu, mein Herr?

Herzog.
Wer ist dieser Bernardin, der Nachmittags hingerichtet werden soll?

Kerkermeister.
Ein gebohrner Zigeuner, der aber hier zu Lande erzogen worden, und
schon neun Jahre gefangen ligt.

Herzog.
Wie kam es, daß der abwesende Herzog ihn nicht entweder in Freyheit
sezte, oder hinrichten ließ? Ich hörte, es sey allezeit sein
Gebrauch gewesen, es so zu machen.

Kerkermeister.
Seine Freunde würkten immer einen Aufschub nach dem andern aus; und
in der That, kam sein Verbrechen, bis izo in der Regierung des
Freyherrn Angelo, zu keinem vollständigen Beweis.

Herzog.
Es ist also nun erwiesen?

Kerkermeister.
Vollkommen erwiesen, und von ihm selbst nicht geläugnet.

Herzog.
Wie hat er sich im Gefängniß aufgeführt? Scheint er gerührt zu
seyn?

Kerkermeister.
Er ist ein Mann, der sich nicht mehr vor dem Tod fürchtet, als vor
einem trunknen Schlaf; ohne Reue, ohne Kummer und ohne Furcht vor
irgend etwas Vergangnem, Gegenwärtigen oder Zukünftigen,
unempfindlich gegen die Unsterblichkeit, und auf eine viehische Art
sterblich.

Herzog.
Es mangelt ihm an Unterricht.

Kerkermeister.
Er nimmt keinen an; er hat im Gefängniß allezeit viel Freyheit
gehabt; man könnte ihm erlauben, zu entwischen, ohne daß er es thun
würde; er ist die meiste Zeit vom Tag, und oft ganze Tage
hintereinander betrunken. Wir haben ihn oft aufgewekt, als ob wir
ihn zur Hinrichtung führen wollten, und ihm alle Zurüstungen dazu
gezeigt, ohne daß es ihn im mindesten bewegt hat.

Herzog.
Hernach ein mehrers von ihm. Kerkermeister, Redlichkeit und
Standhaftigkeit sind auf eure Stirne geschrieben; wenn ich nicht
recht lese, so betrügt mich eine Kunst, in der ich einige
Erfahrenheit habe. Ich will mich selbst auf diese gute Meynung hin
wagen. Claudio, zu dessen Hinrichtung ihr hier einen Befehl habt,
ist kein grösserer Sünder gegen das Gesez als Angelo, der ihn
verurtheilt hat. Um euch hievon durch eine augenscheinliche Probe
zu überzeugen, verlange ich nur vier Tage Zeit; für welche ich euch
um eine eben so verbindliche als gefährliche Gefälligkeit ersuche.

Kerkermeister.
Und worinn besteht sie, ich bitte euch.

Herzog.
Den Tod des Claudio aufzuschieben.

Kerkermeister.
Aber wie kan ichs, da mir die Stunde vorgeschrieben, und der
ausdrükliche Befehl bey angedrohter Straffe gegeben ist, sein Haupt
dem Angelo vor Augen zu bringen? Die Ueberschreitung des kleinsten
Umstands könnte mir das Schiksal des Claudio zuziehen.

Herzog.
Bey meinem Ordens-Gelübde, ich steh euch für alles, wenn ihr meinem
Rath Gehör geben wollt. Laßt diesen Bernardin morgen hingerichtet
werden, und schiket dem Angelo seinen Kopf statt Claudios.

Kerkermeister.
Angelo hat beyde gesehen, und wird den Betrug entdeken.

Herzog.
O! besorget das nicht, der Tod ist ein Meister im Verstellen, und
ihr könnt ihm noch helfen, die Unkenntlichkeit vollkommen zu machen;
scheert ihm den Kopf glatt und den Bart weg, und sagt, der arme
Sünder hab’ es vor seinem Ende so haben wollen; ihr wißt, daß es
gewöhnlich ist. Wenn ihr irgend etwas anders davon haben werdet,
als Dank und gutes Glük, so will ich, bey dem Heiligen, von dessen
Familie ich bin, es mit meinem Leben von euch abwenden.

Kerkermeister.
Verzeihet mir, mein guter Vater, es ist wider meinen Eid.

Herzog.
Habt ihr dem Herzog geschworen, oder seinem Stadthalter?

Kerkermeister.
Dem Herzog, und allen die seine Stelle vertreten würden.

Herzog.
Wollt ihr glauben, daß ihr euch nicht vergehet, wenn der Herzog
diese Handlung billiget?

Kerkermeister.
Wie kan er das, da er abwesend ist?

Herzog.
Er kan es, weil er es würklich thut; da ich sehe daß ihr so
furchtsam seyd, daß weder mein Habit, noch meine Redlichkeit, noch
meine Ueberredung euch bewegen können, so will ich weiter gehen,
als ich im Sinn hatte, um alle Furcht in euch auszureuten. Sehet,
mein Herr, hier ist des Herzogs Hand und Sigel; ihr kennt ohne
Zweifel seine Hand, und das Signet wird euch auch nicht fremde seyn.

Kerkermeister.
Ich erkenne beydes.

Herzog.
Der Inhalt dieses Briefs ist die Wiederkunft des Herzogs. Ihr
sollt ihn hernach bey Musse ganz durchlesen, ihr werdet finden, daß
er binnen diesen zween Tagen hier seyn wird. Diß ist ein Umstand,
den Angelo nicht weiß, denn diesen heutigen Tag erhält er Briefe
von seltsamem Inhalt; vielleicht von des Herzogs Tod; vielleicht
daß er in ein Kloster gegangen sey; aber, zum Glük, nichts von dem
was hier geschrieben ist. Seht, der Morgen bricht schon an.
Hänget der Verwundrung nicht nach, wie diese Dinge zugehen; alle
Schwierigkeiten sind nur leicht, wenn man sie kennt. Ruft euern
Nachrichter, und weg mit Bernardins Kopf; ich will sogleich seine
Beichte hören, und ihm dann an einen bessern Ort Anweisung geben.
Ich sehe daß ihr noch erstaunt seyd, aber dieses hier muß euch
schlechterdings zum Entschluß bringen. Kommt mit mir, es ist schon
beynahe heitrer Tag.

Achte Scene.
(Harlequin tritt auf.)

Harlequin.
Ich bin hier so bekannt als ob ich daheim wäre; einer möchte denken,
es wäre Frau Overdons eignes Haus, soviel von ihren alten
Kundsleuten trift man hier an. Fürs erste ist hier der junge Herr
Rasch, wegen einer Kleinigkeit von braunem Pfeffer und altem Ingwer,
hundert und sieben und neunzig Pfund, aus denen er fünf Mark
baares Geld gemacht hat: Meiner Six, der Ingwer muß damals nicht
viel Abgang gefunden haben; die alten Weiber müssen alle todt
gewesen seyn. Hernach ist hier ein gewisser Herr Caper, auf
Ansuchen Meister Three-Pile, des Krämers, wegen etlicher Stüke
Pfersichblüthfarbnen Atlas, welche Herr Caper umsonst gekauft haben
möchte. Ferner der junge Schwindel, der junge Herr Kupfersporn,
und Monsieur Hungerdarm der Klopffechter, und der junge Herr
Lüderlich, der den braven Pudding erschlug, und Hr. Schüzen, der
grosse Wanderer, und der wilde Halbkanne, der den Pott’ erstochen
hat, und ich denke, noch vierzig andre, lauter grosse Männer in
unsrer Profession, die izt hier sind, und sehen mögen, wie sie
wieder heraus kommen. (Abhorson kommt herein.)

Abhorson.
Fort, Kerl, Bring den Bernardin hieher.

Harlequin.
Monsieur Bernardin, ihr sollt aufwachen und euch hängen lassen;
Monsieur Bernardin!

Abhorson.
Holla, ho, Bernardin.

Bernardin (hinter der Scene.)
Daß ihr die Kränke kriegt, ihr Hunde! Was für einen Lerm macht ihr
da? Wer seyd ihr?

Harlequin.
Herr, euer guter Freund, der Henker; ihr sollt so gut seyn, Herr,
und aufstehen und euch erdrosseln lassen.

Bernardin (hinter der Scene.)
Geh zum T** du Schurke, geh, sag ich; ich bin schläfrig.

Abhorson.
Sag ihm, er müsse aufstehen, und das nur gleich.

Harlequin.
Ich bitte euch, Monsieur Bernardin, wacht nur auf, bis ihr gehenkt
seyd, und schlaft denn wieder so lang ihr wollt.

Abhorson.
Geh zu ihm hinein, und schaff ihn heraus.

Harlequin.
Er kommt, Herr, er kommt; ich höre das Stroh rascheln. (Bernardin
zu den Vorigen.)

Abhorson.
Ligt das Beil auf dem Blok, Kerl?

Harlequin.
Ja, Herr.

Bernardin.
Wie gehts, Abhorson? Was habt ihr Neues?

Abhorson.
In gutem Ernst, Herr, ich wollte ihr würdet hurtig euer Gebet
verrichten; denn, seht hier, der Befehl für eure Execution ist da.

Bernardin.
Ihr Schurke, ich habe die ganze Nacht durch gesoffen, es ist mir
izt ungelegen.

Harlequin.
O, desto besser, Herr; einer der die ganze Nacht trinkt, und des
Morgens bey Zeiten gehenkt wird, kan den ganzen nächsten Tag desto
ruhiger schlafen. (Der Herzog zu den Vorigen.)

Abhorson.
Seht, Herr, hier kommt euer geistlicher Vater; meynt ihr noch, daß
es nur Spaß sey?

Herzog.
Mein Herr, da ich gehört habe, wir schnell ihr die Welt verlassen
sollt, so komm ich aus Christlicher Liebe bewogen, euch
vorzubereiten, zu trösten, und mit euch zu beten.

Bernardin.
Frater, ich nicht; Ich habe die ganze Nacht stark getrunken, und
ich will mehr Zeit zu meiner Vorbereitung haben, oder sie sollen
mir das Hirn mit Knitteln ausschlagen; ich werde mich nimmermehr
dazu verstehen, heute zu sterben, das ist ausgemacht.

Herzog.
O, mein Herr, ihr müßt; und also bitte ich euch, bedenket die Reise
wohl, die ihr zu machen habt.

Bernardin.
Ich schwör euch aber, daß mich kein Mensch in der Welt überreden
soll, heute zu sterben.

Herzog.
Aber ihr hört ja—

Bernardin.
Nicht ein Wort; wenn ihr mir etwas zu sagen habt, so kommt in mein
Gefängniß, denn heute soll mich niemand anders wo hin bringen.

(Er geht ab.)

Neunte Scene.
(Der Kerkermeister zu den Vorigen.)

Herzog.
Er ist ungeschikt zum Leben und zum Sterben: es ängstiget mein Herz!
aber es muß seyn—Geht ihm nach, ihr Leute, und führt ihn zu dem
Blok.

Kerkermeister.
Nun, mein Ehrwürdiger Herr, wie findet ihr den Gefangnen?

Herzog.
Unbereitet und untüchtig zum Sterben; ihn in der Gemüthsfassung
worinn er ist, in die andre Welt zu schiken, wäre verdammlich.

Kerkermeister.
Diesen Morgen, Vater, starb hier im Gefängniß an einem hizigen
Fieber ein gewisser Ragozin, ein sehr berüchtigter Räuber, ein Mann
von Claudios Jahren; Bart und Haar völlig von der nemlichen Farbe;
wie wenn wir diesen Ruchlosen gehen liessen, bis er sich besser
anläßt, und den Statthalter mit Ragozins Haupt befriedigten, der
dem Claudio ähnlicher sieht?

Herzog.
O, diß ist ein Zufall, den uns der Himmel geschikt hat; nur hurtig
zur Ausführung geschritten; die von Angelo bestimmte Stunde rükt
heran; sorget davor, daß alles seinem Befehl so gemäß eingerichtet
werde, daß er den Tausch nicht merken könne; indessen daß ich mich
bemühen werde, diesen rohen Unglükseligen zum Tode willig zu machen.

Kerkermeister.
Es soll alles sogleich geschehen, mein guter Vater; aber Bernardin
muß diesen Nachmittag sterben; und wie sollen wir den Claudio
länger hier behalten, ohne daß ich in Gefahr komme, wenn es bekannt
wird daß er noch lebt?

Herzog.
Bringet Claudio und Bernardin jeden in irgend einen geheimen
Enthalt; eh die Sonne zweymal untergegangen seyn wird, sollt ihr
von eurer Sicherheit durch den Augenschein überzeugt werden.

Kerkermeister.
Ich gehorche euch mit Vergnügen.

Herzog.
Schnell, beschleunigt euch, und schiket dem Angelo den Kopf.

(Kerkermeister geht ab.)

Nun will ich dem Angelo neue Briefe zufertigen, aus denen er
ersehen soll, daß ich nahe bey der Stadt bin, und daß wichtige
Ursachen mich verbinden, einen öffentlichen Einzug zu halten; ich
will ihm darinn befehlen, mir eine halbe Stunde weit vor der Stadt
bis zum heiligen Brunnen entgegen zu gehen: Von da soll sich dann,
nach der geheimen Veranstaltung, die wir machen werden, ein Umstand
nach dem andern entfalten; und Angelo, in die Unmöglichkeit gesezt,
sich loßzuwinden, soll sich selbst das Urtheil sprechen. (Der
Kerkermeister kommt.)

Kerkermeister.
Hier ist der Kopf; ich will ihn selbst hintragen.

Herzog.
Es ist das sicherste; beschleunigt eure Rükkunft, denn ich habe
euch Sachen zu eröffnen, die keine andre Ohren brauchen als die
eurigen.

Kerkermeister.
Ich will so hurtig seyn als ich kan.

(Geht ab.)

(Isabella ruft hinter der Scene.)

Herzog.
Das ist der Isabella Stimme—Sie kommt sich zu erkundigen, ob ihres
Bruders Begnadigung angelangt sey. Aber ich will ihr das Beste
noch verhalten, damit sie desto angenehmer davon überraschet werde,
wenn sie es am wenigsten erwarten kan.

Zehnte Scene.

Isabella.
Mit eurer Erlaubniß—

Herzog.
Guten Morgen, meine schöne und liebenswürdige Tochter.

Isabella.
Von einem so heiligen Mann kan dieser Gruß nicht anders als werth
seyn. Hat der Stadthalter Befehl für meines Bruders Begnadigung
geschikt?

Herzog.
Er hat ihn von der Welt abgeruffen, Isabella; sein Kopf ist
abgeschlagen, und dem Angelo zugeschikt.

Isabella.
Nein, es ist nicht so, will ich hoffen.

Herzog.
Es ist nicht anders. Gebt durch eure gedultigste Gelassenheit,
meine Tochter, eine Probe eurer Weisheit.

Isabella.
O, ich will zu ihm, und ihm die Augen ausreissen.

Herzog.
Ihr würdet nicht vor ihn gelassen werden.

Isabella.
Unglüklicher Claudio! Arme Isabella! Ungerechte Welt! Verdammter
Angelo!

Herzog.
Diß schadet ihm nichts, und nüzt euch nicht ein Jot. Geduldet euch
also, stellet eure Sache dem Himmel anheim; höret was ich euch sage;
ihr werdet ganz gewiß erfahren, daß es von Sylbe zu Sylbe eine
sichre Wahrheit ist. Morgen kommt der Herzog wieder heim; troknet
eure Augen; ein Priester von eurem Orden, der sein Beichtvater ist,
hat mir diese Nachricht gegeben: Er hat dieses dem Angelo und
Escalus schon zuwissen gethan, welche sich rüsten, ihm vor die
Stadt entgegen zu gehen, und ihre Gewalt zu übergeben. Wenn ihr
soviel von euch selbst gewinnen könnet, meinem Rath zu folgen, so
werdet ihr durch den Herzog alle Rache die euer Herz wünschen kan,
an diesem Unglükseligen nehmen, und allgemeinen Ruhm davon tragen.

Isabella.
Ich überlasse mich eurer Führung.

Herzog.
Uebergebet also dieses Schreiben dem Bruder Peter; es ist eben
dasjenige, worinn er mir von des Herzogs Wiederkunft Nachricht
giebt. Sagt ihm, es soll das Zeichen seyn, daß ich ihn heute
Nachts in Marianens Hause sprechen wolle. Ich will ihm daselbst
von eurer und Marianens Sache vollkommne Wissenschaft geben; er
soll euch vor den Herzog stellen, und den Angelo ins Angesicht
anklagen und überweisen. Denn ich selbst bin durch ein geheiligtes
Gelübde genöthiget, um diese Zeit abwesend zu seyn. Geht izt mit
diesem Briefe: Fasset guten Muth, und befehlet diese äzenden
Thränen aus euern Augen. Bey der Ehre meines heiligen Ordens, eure
Sache soll einen guten Ausgang gewinnen. Wer ist hier?

Eilfte Scene.
(Lucio zu den Vorigen.)

Lucio.
Guten Abend; Frater, wo ist der Kerkermeister?

Herzog.
Nicht hier, mein Herr.

Lucio.
O! meine artige Isabella, ich bin recht von Herzen blaß, deine
schöne Augen so roth zu sehen; du must geduldig seyn; ich muß mich
auch gedulden, statt der Mittags- und Abend-Mahlzeit mit Wasser und
Brot vorlieb zu nehmen; ich darf mich für meinen Kopf nicht
unterstehen, meinen Bauch zu füllen; eine einzige gute Mahlzeit
würde mich liefern. Aber sie sagen, der Herzog werde morgen hier
seyn. Bey meiner Treu, Isabell, ich liebte deinen Bruder; wäre der
alte phantastische Herzog anstatt der finstern Winkel, bey Hause
gewesen, so lebte er noch.

(Isabella geht ab.)

Herzog.
Mein Herr, der Herzog ist euch für eure Discourse von ihm
ausserordentlich wenig Dank schuldig; das beste ist indessen, daß
sie nicht wahr sind.

Lucio.
Frater, du kennst den Herzog nicht sowol als ich; er ist ein beßrer
Weidmann als du dir einbildest.

Herzog.
Gut, ihr sollt zu seiner Zeit Red’ und Antwort davor geben. Lebet
wohl.

Lucio.
Nein, warte noch, ich will mit dir gehen; ich kan dir artige
Histörchen von dem Herzog erzählen.

Herzog.
Ihr habt mir bereits schon zuviel von ihm erzählt, wenn sie wahr
sind; und sind sie es nicht, so wären gar keine schon genug.

Lucio.
Ich bin einmal vor ihm gewesen, weil ich einem Menschen ein Kind
gemacht hatte.

Herzog.
Thatet ihr das?

Lucio.
Das denk ich, zum Henker, daß ich es that; aber ich schwur es
sauber weg; mein Seel, wenn ichs nicht gethan hätte, sie hätten
mich an die faule Mispel verheurathet.

Herzog.
Mein Herr, eure Gesellschaft ist schöner als ehrenhaft: Bleibt ein
wenig zurük oder geht voraus, wenn ich bitten darf.

Lucio.
Mein Seel, ich gehe mit dir, bis die Gasse zu Ende ist; wenn dir
H**jägers-Discourse ärgerlich sind, so wollen wir sparsam damit
seyn; mein Seel, Frater, ich bin eine Art von Klette, ich hänge
mich an.

(Sie gehen ab.)

Zwölfte Scene.
(Der Palast.)
(Angelo. Escalus.)

Escalus.
Jeder Brief den er geschrieben hat, widerspricht dem vorhergehenden.

Angelo.
Seine Handlungen sehen dem Wahnwiz nur allzu gleich. Der Himmel
gebe, daß sein Verstand nicht angegriffen seyn möge! Und warum
sollen wir ihm vor dem Thor entgegen kommen, und unsre Ämter dort
niederlegen?

Escalus.
Das kan ich nicht errathen.

Angelo.
Und warum sollen wir eine Stunde vor seinem Einzug ausruffen lassen,
daß wofern irgendjemand sich durch einen ungerechten Spruch
beschwert zu seyn glaube, er seine Bitte auf der Strasse übergeben
solle?

Escalus.
Für dieses sagt er uns seine Ursache; seine Absicht ist, allen
Klagen auf einmal abzuhelfen, und uns fürs künftige gegen
Beschwerungen sicher zu stellen, die hernach keine Kraft mehr gegen
uns haben sollen.

Angelo.
Gut; ich bitte euch, laßt den Ausruf morgen bey Zeiten geschehen;
ich will euch in euerm Hause abholen: Lasset es alle diejenige
wissen, denen es zusteht, ihm mit uns entgegen zu gehen.

Escalus.
Ich werde nicht ermangeln, mein Herr; lebet wohl.

Angelo.
Gute Nacht. Diese That entmannet mich gänzlich, macht mich unfähig
zum Denken, und ungeschikt zu allem was ich thun soll? Eine
geschändete Jungfrau! Und von wem? Von demjenigen, der das Gesez
wider solche Verbrechen in seiner ganzen Strenge gelten machte.
Allein, ausserdem daß ihre zärtliche Schaamhaftigkeit sich nicht
wird überwinden können, den Verlust ihrer jungfräulichen Ehre
selbst auszuruffen, was würde ihr Zeugniß gegen mich vermögen? Was
ich auch sagen mag, so kan ich allemal ihrem Nein troz bieten.
Mein Ansehen ist zu groß, zu befestigt, als daß irgend eine
Beschuldigung von dieser Art an mir haften könnte, und nicht mit
Schaam auf denjenigen zurückfiele, der meinen Ruhm anhauchen wollte—
Ich hätte ihn leben lassen, wenn ich nicht besorgt hätte, seine
hizige Jugend möchte dereinst seine beleidigte Ehre rächen, ohne
sich mir für ein Leben verbunden zu halten, das er mit einer
solchen Schande erkauffen mußte. Und doch wünschte ich, daß er
noch lebte! Himmel! Wie unglüklich sind wir, wenn wir nur einmal
unsrer Pflicht vergessen haben! Wie schnell reißt uns eine böse
That zur andern fort! Und wie wenig bleiben wir Meister über das,
was wir wollen oder nicht wollen!

(Geht ab.)

Dreyzehnte Scene.
(Eine Gegend vor der Stadt.)
(Der Herzog in seiner eignen Kleidung, und Bruder Peter.)

Herzog.
Vor allen Dingen gebt diese Briefe ab, wohin sie gehören. Der
Kerkermeister weiß bereits von unserm Vorhaben und von der
Veranstaltung desselben. Wenn die Sache einmal anhängig gemacht
ist, so spielet eure Rolle wohl, und haltet euch immer an eure
besondere Instruction, ob ihr gleich zuweilen einen kleinen
Absprung machen könnt, wenn es die Gelegenheit erfordert: Geht,
suchet den Flavius auf, und sagt ihm, wo ich anzutreffen bin; eben
diese Nachricht gebt auch dem Valentius, Roland und Crassus, und
befehlet ihnen, die Trompeten vor das Thor bringen zu lassen. Aber
schiket vorher zu dem Flavius.

Peter.
Es soll aufs schleunigste geschehen.

(Peter geht ab.)

(Varrius.)

Herzog.
Ich danke dir, Varrius; du bist sehr hurtig gewesen; Komm, wir
wollen auf und abgehen; Es sind noch andre gute Freunde, die uns
hier grüssen werden, mein werther Varrius.

(Sie gehen ab.)

Vierzehnte Scene.
(Isabella und Mariane treten auf.)

Isabella.
Ich verstehe mich ungern dazu, so viele Umschweife zu gebrauchen;
ich möchte die Wahrheit sagen; aber ihn so geradezu anzuklagen, ist
eure Rolle; die meinige ist mir so vorgeschrieben; er sagt, daß es
zu Erreichung unsrer Absicht nöthig sey.

Mariane.
Ueberlaßt es ihm, euch zu sagen, was ihr thun sollt.

Isabella.
Er sagt mir auch, ich soll’ es mir nicht seltsam vorkommen lassen,
wenn er allenfalls auch auf die andre Seite, und wider mich reden
sollte—

Mariane.
Ich wünschte, der Bruder Peter—

Isabella.
Stille, da kommt er ja.

(Peter zu den Vorigen.)

Peter.
Kommt, ich habe einen Ort für euch ausfündig gemacht, wo ihr ganz
bequem warten könnet, und wo euch der Herzog nicht entgehen kan.
Die Trompeten haben schon zweymal getönt; die angesehensten Bürger
haben sich schon bey dem Stadt-Thor versammelt; der Herzog ist im
Anzug; wir müssen eilen.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.
(Ein öffentlicher Plaz nahe bey der Stadt.)
(Der Herzog, Varrius, etliche andre Edelleute, Angelo, Escalus,
Lucio und einige Bürger, treten auf verschiednen Seiten auf.)

Herzog.
Mein würdiger Vetter, ich danke euch für diesen Willkomm; unser
alter und getreuer Freund, wir sind erfreut euch zusehen.

Angelo und Escalus.
Beglükt sey Euer Durchlaucht Wiederkunft!

Herzog.
Wir danken euch beyden von Herzen.

(Zu Angelo.)

Wir haben uns nach euch erkundiget, und wir hören so viel Gutes
von der Gerechtigkeit eurer Staatsverwaltung, daß wir nicht umhin
können, euch deßwegen öffentlichen Dank zu erstatten, bis wir
Gelegenheit haben, es auf eine vollständigere Art zu thun.

Angelo.
Euer Durchlaucht macht meine Verpflichtungen immer grösser.

Herzog.
O! euer Verdienst redet laut, und ich würde ungerecht gegen
dasselbe seyn, wenn ich es in den Kerker meines eignen Busens
einschliessen wollte; da es würdig ist, mit Buchstaben von Erzt
gegen den Zahn der Zeit und den Rost der Vergessenheit gesichert zu
werden. Gebt mir eure Hand, und laßt die Unterthanen sehen, wie
begierig wir sind, unsre innerliche Achtung für euch durch
äusserliche Merkmale öffentlich bekannt zu machen. Kommt, Escalus;
ihr sollt auf der andern Seite mit uns gehen, ihr habt euch unsers
Zutrauens würdig bewiesen.

(Der Herzog macht einige Schritte, als ob er weiter gehen wollte.)

Zweyte Scene.
(Peter und Isabella zu den Vorigen.)

Peter (zu Isabella.)
Izt ist eure Zeit: Redet laut, und kniet vor ihm.

Isabella.
Gerechtigkeit, Gnädigster Herr; werfet euern Blik auf eine
unglükliche, mißhandelte—Schier hätte ich gesagt, Jungfrau: O,
würdiger Fürst, entehret euer Auge nicht, es auf einen andern
Gegenstand zu richten, bevor ihr meine gerechten Klagen angehört,
und mir Recht verschaft habt.

Herzog.
Was für Unrecht ist euch dann geschehen, worinn? von wem? macht
es kurz; hier ist der Freyherr Angelo, der euch Recht schaffen wird;
eröffnet euch ihm.

Isabella.
O mein Gnädigster Herr! Ihr befehlet mir, Erlösung bey dem Teufel
zu suchen. Höret mich selbst an, denn das was ich zu sagen habe,
muß entweder mich straffen, wenn ich keinen Glauben finde, oder
euch Rache abnöthigen; o, höret mich, höret mich.

Angelo.
Gnädigster Herr, ich besorge, sie ist nicht recht bey Vernunft; sie
hat eine vergebliche Fürbitte für ihren Bruder bey mir eingelegt,
der nach dem Lauf der Gerechtigkeit den Kopf verlohren hat.

Isabella.
Lauf der Gerechtigkeit!

Angelo.
Und izt wird sie in ihrer Verbitterung seltsame Reden ausstossen.

Isabella.
Höchst seltsame; aber nur allzuwahr ist es, was ich sagen werde;
daß Angelo ein meyneydiger Mann ist, ist das nicht seltsam? daß
Angelo ein Mörder ist, ist das nicht seltsam? daß Angelo ein
ehebrechrischer Räuber, ein Heuchler, ein Jungfrauen-Schänder ist?
ist das nicht seltsam, und abermal seltsam?

Herzog.
In der That, es ist zehenmal seltsam.

Isabella.
Und doch ist es nicht wahrer, daß er Angelo ist, als daß alles
dieses so wahr ist, als es seltsam ist; ja, es ist zehenmal wahrer;
denn Wahrheit ist am Schluß allemal Wahrheit.

Herzog.
Schaft sie hinweg, die arme Seele; sie sagt das in der Verrükung
ihres Gehirns.

Isabella.
O Fürst ich beschwöhre dich, wenn du anders glaubest daß noch ein
andrer Trost ist als diese Welt, verachte mich nicht, in der
Meynung, daß ich nicht bey gesunder Vernunft sey. Mache nicht
unmöglich, was nur unbegreiflich scheint; es ist nicht unmöglich,
daß der ärgste Bube im Herzen von aussen so spröde, so ernsthaft,
so gerecht, so unsträflich scheinen kan, als Angelo;
gleichergestalt kan Angelo, mit allen seinen Masken, Charactern,
Titeln und Anscheinungen, doch nur ein Erz-Bösewicht seyn; Glaubet
mir, gnädigster Herr, er ist es; wenn er weniger ist, so ist er gar
nichts; aber er ist mehr, wenn ich Namen für seine Boßheit hätte.

Herzog.
Bey meiner Ehre, wenn sie unsinnig ist, wie ich nicht anders glaube,
so hat doch ihr Unsinn die seltsamste Gestalt von Vernunft; so
viel Zusammenhang in allem was sie spricht, als ich jemals in den
Reden eines Wahnwizigen gehört habe.

Isabella.
Gnädigster Herr, bleibet doch nicht immer auf dieser Einbildung;
verwerfet die Vernunft nicht, weil sie unwahrscheinliche Dinge sagt;
sondern bedient euch der eurigen, die Wahrheit ans Licht zu ziehen,
wo sie verborgen scheint, anstatt den Irrthum zu verbergen, weil
er Wahrheit scheint.

Herzog.
Manche, die nicht wahnwizig sind, haben, wahrhaftig, weniger
Vernunft—Was wollt ihr dann sagen?

Isabella.
Ich bin die Schwester eines gewissen Claudio, der wegen der Sünde
der Hurerey verurtheilt wurde, den Kopf zu verliehren; Angelo war
es, der ihn verurtheilte: Ich, die im Begriff bin meine Probzeit in
einem Kloster zu vollenden, wurde von meinem Bruder zu ihm geschikt;
ein gewisser Lucio, von dem ich die Nachricht hatte—

Lucio.
Das bin ich, mit Euer Durchlaucht Erlaubniß; Claudio hatte mich zu
ihr geschikt, um sie zu bewegen, daß sie versuchen sollte, durch
ihre rührende Fürbitte die Begnadigung ihres Bruders auszuwürken.

Isabella.
Er ist es, in der That.

Herzog (zu Lucio.)
Man hat euch nicht befohlen zu reden.

Lucio.
Nein, Gnädigster Herr, noch gewünscht daß ich schweigen möchte.

Herzog.
Ich wünsch euch’s also izt; seyd so gut und merkt euch das; und
wenn ihr Gelegenheit bekommt für euch selbst zu sprechen, so bittet
den Himmel, daß ihr alsdenn nicht verstummen möget.

Lucio.
Dafür steh’ ich Euer Gnaden.

Herzog.
Es wird sich zeigen.

Isabella.
Dieser Edelmann erzählte etwas von meiner Geschichte.

Lucio.
So ists.

Herzog.
Es mag so seyn, aber ihr sollt nicht eher reden bis die Reyhe an
euch kommt. Weiter!

Isabella.
Ich gieng also zu diesem verderblichen gottlosen Stadthalter.

Herzog.
Das ist ein wenig wahnwizig gesprochen.

Isabella.
Vergebet mir, der Ausdruk ist der Materie gemäß.

Herzog.
Wieder verbessert—der Materie—Nur weiter.

Isabella.
Kurz, um die unnöthigen Umstände zu übergehen, wie viel
Vorstellungen ich ihm gemacht, wie sehr ich gebeten, wie ich ihm zu
Fusse gefallen, was er mir entgegengesezt, und wie ich ihm
geantwortet, denn dieses daurte sehr lang—ich will den Anfang
damit machen, womit dieser Auftritt sich beschloß, wenn ich es
anders vor Schmerz und Schaam heraussagen kan. Er beharrte darauf,
daß er meinen Bruder unter keiner andern Bedingung losgeben wollte,
als wenn ich meinen jungfräulichen Leib seiner unkeuschen Begierde
überlassen würde; und nach vielem Wortwechsel übertäubte endlich
das schwesterliche Mitleiden die Stimme der Ehre, und ich gab nach:
Aber den folgenden Morgen früh, nachdem er seinen Zwek erhalten
hatte, schikt’ er Befehl, daß meinem Bruder der Kopf abgeschlagen
werden sollte.

Herzog (spöttisch.)
Das ist sehr wahrscheinlich!

Isabella.
O möcht es so scheinbar* seyn, als es wahr ist.

{ed.-* Der Sinn dieser Rede besteht in einem Spiel mit dem Wort (like),
welches der Herzog für wahrscheinlich, und Isabella für artig oder
anständig gebraucht; denn es hat beyde Bedeutungen.}

Herzog.
Beym Himmel, du wahnwiziger Tropf, du weist nicht was du sprichst,
oder du bist durch boshafte Künste gegen seine Ehre aufgestiftet
worden. Fürs erste, so ist er ein Mann, dessen Tugend ausser
Zweifel ist. Zweytens ist es wider alle Vernunft, daß er eine
Vergehung, deren er sich selbst schuldig gemacht, so hart an einem
andern gestraft haben sollte; hätte er sich so vergangen, so würde
er deinen Bruder nach sich selbst gemessen, und ihm seinen Kopf
gelassen haben. Ihr seyd von jemand aufgestiftet worden; Gesteht
die Wahrheit, und sagt, auf wessen Anrathen habt ihr diese Anklage
hier vorgebracht?

Isabella.
Und ist das alles? O dann, so verleihet mir Geduld, ihr Heiligen
dort oben! und entdeket zu seiner Zeit die Uebelthat, die hier in
partheyische Gunst eingehüllet wird! Der Himmel bewahre Euer
Durchlaucht so gewiß vor Unfall, als es wahr ist, daß ich das
Unrecht erlitten habe, ob ich gleich keinen Glauben finde.

Herzog.
Das glaube ich, daß ihr gerne davon gehen möchtet. Einen
Stadtbedienten, ins Gefängnis mit ihr. Sollten wir gestatten, daß
eine Person die uns so nahe ist, ungestraft so ärgerlich
angeschmizt werden dürfte? Das muß nothwendig eine angestellte
Sache seyn. Wer weiß mit von euerm Vorhaben und Hieherkommen?

Isabella.
Einer den ich gerne hieher wünschen möchte, der Pater Ludewig.

Herzog.
Ein Ordensmann, wie es scheint; wer kennt diesen Ludewig?

Lucio.
Gnädigster Herr, ich kenn’ ihn; es ist ein Mönch, der seine Nase in
alles stekt, ich kan ihn nicht leiden; wär er ein Lay gewesen,
Gnädigster Herr, ich wollte ihn wegen einiger Reden, die er wider
Euer Durchlaucht, in Dero Abwesenheit ausgestossen hat,
abgeschmiert haben, daß er es gefühlt hätte.

Herzog.
Reden wider mich? Das ist ein feiner Ordensmann, dem Ansehen nach;
und dieses unglükliche Weibsbild wider unsern Stadthalter
aufzustiften! Laßt diesen Mönchen aufsuchen.

Lucio.
Erst noch in verwichner Nacht, traf ich sie und diesen Mönch im
Gefängniß bey einander an; eine unverschämte Kutte, wie gesagt, ein
recht boshafter Geselle.

Peter.
Mit Euer Durchlaucht gnädigster Erlaubniß, ich stand dabey, und ich
hörte genug um zu sehen, wie sehr euer königliches Ohr mißbraucht
wird. Fürs erste; so hat dieses Weibsbild euern Stadthalter höchst
frefelhafter Weise angeklagt; er ist so rein von einiger Besudlung
mit ihr, als sie von einem, der noch nicht gebohren ist.

Herzog.
Ich glaube auch nichts anders. Kennt ihr diesen Pater Ludewig, von
dem sie spricht?

Peter.
Ich kenn ihn als einen heiligen Mann; nicht boshaft, nicht fürwizig
sich in zeitliche Dinge einzumischen, wie dieser Edelmann gesagt
hat; und ein Mann, bey meiner Treue, der niemals, wie er vorgiebt,
von Euer Durchlaucht ungebührlich gesprochen hat.

Lucio.
Gnädigster Herr, auf eine ganz infame Art; glaubet mir.

Peter.
Gut; er kan noch zeitig genug kommen sich zu rechtfertigen; aber in
diesem Augenblik, Gnädigster Herr, ist er an einem wunderbaren
Fieber krank. Bloß auf sein Bitten (da es bekannt wurde, daß hier
eine Klage wieder den Freyherrn Angelo angestellt werden sollte)
bin ich hieher gekommen, um aus seinem Munde zu sagen, was er von
der Sache weiß, und was er, wenn er vorgeladen werden sollte, mit
seinem Eyde zu bekräftigen im Stand ist. Was anforderst dieses
Weibsbild betrift, so sollt ihr, zur Rechtfertigung dieses würdigen
Herrn, der auf eine so öffentliche und persönliche Art von ihr
beschimpft wird, hören wie sie vor euern Augen dergestalt wird
überwiesen werden, daß sie es selbst wird eingestehen müssen.

Herzog.
Mein guter Pater; laßt’s uns hören. Lächelt ihr nicht über diese
Begebenheiten, Angelo? Himmel! Was für eine Unbesonnenheit von
diesen unglüklichen Thoren!—Gebt uns Size; kommt, mein Vetter
Angelo; ich will an dieser Sache keinen Theil nehmen; seyd ihr
Richter in eurer eignen Sache.

(Isabella wird mit einer Wache weggeführt,
und Mariane tritt mit einem Schleyer bedekt auf.)

Dritte Scene.

Herzog.
Ist das der Zeuge, Pater? Sie mag zuerst ihr Gesicht sehen lassen,
eh sie spricht.

Mariane.
Um Vergebung, Gnädigster Herr; ich lasse mein Gesicht nicht sehen,
ausser mein Gemahl beföhl’ es mir.

Herzog.
So seyd ihr verheurathet?

Mariane.
Nein, Gnädigster Herr.

Herzog.
Seyd ihr ein Mädchen?

Mariane.
Nein, Gnädigster Herr.

Herzog.
Eine Wittwe also?

Mariane.
Auch das nicht, Gnädigster Herr.

Herzog.
Wie, seyd ihr denn nichts? Weder Mädchen, noch Frau, noch Wittwe?

Lucio.
Gnädigster Herr, sie ist vielleicht eine Pf** Köchin—

Herzog.
Macht doch diesen Kerl schweigen; ich wollte, er hätte etwas mit
sich selbst zu dahlen.

Lucio.
Gut, Gnädigster Herr.

Mariane.
Gnädigster Herr, ich gesteh’s, ich bin nie verheurathet gewesen;
ich gesteh auch zugleich, daß ich kein Mädchen bin; ich habe meinen
Gemahl gekannt, aber mein Gemahl weiß nicht, daß er mich jemals
gekannt hat.

Lucio.
So war er also betrunken, Gnädigster Herr, es kan nicht anders seyn.

Herzog.
Ich wollte du wär’st es auch, so schwiegest du doch wenigstens.

Lucio.
Gut, Gnädigster Herr.

Herzog.
Das ist keine Zeugin für den Freyherrn Angelo.

Mariane.
Ich komme nun dazu, Gnädigster Herr. Das Frauenzimmer, das ihn
beschuldiget, daß er sie entehrt habe, klagt dadurch meinen Gemahl
an, indem sie vorgiebt, daß es zu einer Zeit geschehen sey, von der
ich behaupte, daß ich ihn mit allen Würkungen der Liebe in meinen
Armen hatte.

Angelo.
Beschuldiget sie jemand mehr als mich?

Mariane.
Nicht daß ich wüßte.

Herzog.
Nicht? Ihr sagt, euer Gemahl?

Mariane.
So ist es, Gnädigster Herr, und der ist Angelo; der sich einbildt,
er wisse gewiß, daß er mich nie berührt habe, aber gewiß weiß, daß
er sich einbildt, es sey Isabella gewesen.

Angelo.
Das heißt die Bosheit weit getrieben; laß dein Gesicht sehen!

Mariane.
Mein Gemahl befiehlt es, nun will ichs thun.

(Sie nimmt ihren Schleyer ab.)

Siehe hier, du grausamer Angelo, siehe das Gesicht, welches einst,
wenn deine Schwüre Glauben verdienten, werth war angesehen zu
werden; dieses ist die Hand, die durch einen feyerlichen
Ehverspruch in die deinige geschlossen wurde; diß ist der Leib, der
das Versprechen der Isabella bezahlte, und in deinem Gartenhaus
ihre eingebildete Person vorstellte!

Herzog (zu Angelo.)
Kennt ihr dieses Frauenzimmer?

Lucio.
Fleischlicher Weise, sagt sie.

Herzog.
Schlingel, kein Wort mehr.

Lucio.
Genug, Gnädigster Herr.

Angelo.
Gnädigster Herr, ich muß gestehen, daß ich dieses Frauenzimmer
kenne. Vor ungefehr fünf Jahren wurde eine Verbindung zwischen mir
und ihr in Vorschlag gebracht, die sich aber wieder zerschlug,
theils weil ihr Vermögen sich weit geringer befand als man es
angegeben hatte; vornemlich aber, weil der Ruf einer unvorsichtigen
Aufführung ihre Ehre zweifelhaft machte. Seit diesem bezeuge ich
bey meiner Ehre und Treue, daß ich sie binnen fünf Jahren weder
gesehen, noch mit ihr gesprochen, noch von ihr gehört habe.

Mariane.
Grosser Fürst, so gewiß als das Licht vom Himmel, und Worte vom
Athem kommen; so gewiß als Vernunft in der Wahrheit, und Wahrheit
in der Tugend ist; so gewiß bin ich, in Kraft der feyerlichsten
Gelübde, dieses Mannes verlobtes Weib: Und nur erst in verwichner
Dienstags-Nacht, in seinem Garten-Hause, erkannte er mich wie ein
Weib. So wahr als diß ist, möge ich gesund von meinen Knien wieder
aufstehen, oder wo nicht, auf ewig hier als ein marmornes Denkbild
stehen bleiben.

Angelo.
Ich lächelte bisher nur; aber nun, Gnädigster Herr, muß ich Euer
Durchlaucht bitten, mir Recht zu schaffen. Meine Geduld geht zu
Ende; ich sehe, daß diese armen einfältigen Weibsbilder nur die
Werkzeuge einer verborgnen und mächtigern Hand sind, die sie in
Bewegung sezt. Verstattet mir, Gnädigster Herr, daß ich mich
bemühe, auf den Grund dieses Complots zu kommen.

Herzog.
Von Herzen gern, und die Schuldigen so hart als ihr wollt,
abzustraffen. Du thörichter Mönch und du boshaftes Weibsbild,
denkt ihr, eure Eydschwüre selbst, und wenn sie alle Heiligen
persönlich herabschwören würden, wären ein hinlängliches Zeugniß
gegen sein bewährtes und so lange festgeseztes Ansehen? Escalus,
sezet euch mit meinem Vetter, und leihet ihm eure freundschaftliche
Mühe, die Quelle dieser schändlichen Verläumdungen zu entdeken. Es
ist noch ein andrer Mönch, der sie aufgestiftet hat; laßt ihn
herbeyschaffen.

Peter.
Ich wünschte, Gnädigster Herr, er wäre hier; denn in der That ist
er derjenige, der diese Frauenzimmer aufgemuntert, diese Klagen
anhängig zu machen. Euer Kerkermeister kennt den Ort, wo er sich
aufhält, und kan ihn holen.

Herzog.
Geht, thut es augenbliklich; und ihr, mein edler und würdiger
Vetter, dem am meisten daran ligt, diese Sache genauer zu
untersuchen, verfahret nach euerm Gutdünken in Bestrafung der
Schuldigen. Ich will euch für eine Weile verlassen; aber bleibt
ihr so lange zurük, bis ihr die Bosheit dieser Verläumder völlig zu
Schanden gemacht habt.

(Er geht ab.)

Vierte Scene.

Escalus.
Gnädigster Herr, wir wollen nichts ermangeln lassen. Herr Lucio,
sagtet ihr nicht, ihr kennet diesen Frater Ludewig für einen Mann
von schlechter Aufführung?

Lucio.
(Cucullus non facit Monachum;) es ist nichts ehrwürdig an ihm als
seine Kutte; er hat auf eine höchst infame Art von der Person des
Herzogs gesprochen.

Escalus.
Wir ersuchen euch, hier zu bleiben, bis er kommt, und ihn dessen zu
überweisen; es wird sich finden, daß dieser Mönch ein schlimmer
Vogel ist.

Lucio.
Als irgend einer in Wien, auf mein Wort.

Escalus.
Ruft diese Isabella wieder hieher; ich möchte mit ihr reden; ich
bitte euch, Gnädiger Herr, erlaubet mir, sie abzuhören; ihr sollt
sehen wie ich sie behandeln werde.

Lucio (vor sich.)
Ich denke nicht besser als er, nach ihrer eignen Aussage.

Escalus.
Wie beliebt?

Lucio.
Mein Seel, ich denke mein Herr, wenn ihr sie ohne Zeugen behandeln
würdet, sie würde schneller bekennen; vielleicht schämt sie sich,
es so vor allen Leuten zu thun. (Der Herzog in Mönchshabit, und
der Kerkermeister;
Isabella wird herbeygeführt.)

Escalus.
Ich will ernstlich mit ihr zu Werke gehen. Ein wenig näher Madam;
Hier ist ein Frauenzimmer, das allem widerspricht, was ihr gesagt
habt.

Lucio.
Gnädiger Herr, hier kommt der Schurke, von dem ich sagte, hier mit
dem Kerkermeister.

Escalus.
Er kommt eben recht; sagt ihr nichts zu ihm, bis wir euch aufruffen.

Lucio.
Nein!—

Escalus.
Kommt, Herr, seyd ihr derjenige, der diese Weibsbilder aufstiftete,
den Freyherrn Angelo zu verläumden? Sie haben bekennt, daß ihr es
seyd.

Herzog.
Es ist nicht wahr.

Escalus.
Wie? Wißt ihr auch wo ihr seyd?

Herzog.
Den Respect vor eurer hohen Würde vorbehalten, der Teufel selbst
kan manchmal um seines brennenden Throns willen geehrt werden. Wo
ist der Herzog? Er soll mich hören, wenn ich reden soll.

Escalus.
Der Herzog ist in uns, und wir wollen euch reden hören; sehet zu,
daß ihr die Wahrheit sagt.

Herzog.
Ganz ungescheut. Aber, o ihr armen Seelen, kommt ihr, das Lamm
hier von dem Fuchs zu fordern? Gute Nacht eurer Satisfaction!
Wenn der Herzog weggegangen ist, so ist eure Sache verlohren. Der
Herzog handelt unbillig, eure Appellation an ihn so abzuweisen, und
die Untersuchung eurer Sache dem Bösewicht zu überlassen, den ihr
anzuklagen gekommen seyd.

Lucio.
Da haben wir den Schurken; es ist der von dem ich sagte.

Escalus.
Wie, du unehrwürdiger und unheiliger Mönch, ist es dir nicht genug,
daß du diese Weibsleute heimlich gewonnen hast, diesen würdigen
Mann anzuklagen; unterstehst du dich noch, ihn unverschämter Weise
und vor seinen eignen Ohren einen Bösewicht zu nennen? ja von ihm
auf den Herzog selbst zu fallen, und ihn der Ungerechtigkeit zu
beschuldigen? Führt ihn fort; an die Folter mit ihm; wir wollen
dir eher Glied für Glied verzetteln, eh du uns dein Vorhaben
abläugnen sollst. Was? Ungerecht?

Herzog.
Nicht so hizig; der Herzog hat so wenig das Herz, einen Finger von
mir streken zu lassen, als seinen eignen: Ich bin sein Unterthan
nicht, ich stehe auch nicht unter der hiesigen Provinz; meine
Geschäfte in diesem Staat gaben mir Gelegenheit, auf das was hier
in Wien vorgeht Acht zu geben; ich habe gesehen, wie die Verderbniß
der Sitten siedet und strudelt, bis der Kessel überlauft; Geseze
gegen alle Verbrechen; aber Verbrechen, die so vorsichtig begangen
werden, daß sie der Geseze spotten.

Escalus.
Er schmäht den Staat, weg mit ihm ins Gefängniß.

Angelo.
Was habt ihr wider ihn vorzubringen, Herr Lucio? Ist das der Mann,
von dem ihr uns erzähltet?

Lucio.
Er ists, Gnädiger Herr; kommt näher, guter Freund Kahlkopf; kennt
ihr mich?

Herzog.
Ich erinnre mich eurer am Ton eurer Stimme; ich traf euch währender
Abwesenheit des Herzogs im Gefängniß an.

Lucio.
So, traft ihr mich an? und erinnert ihr euch noch, was ihr von dem
Herzog sagtet?

Herzog.
Vollkommen, mein Herr.

Lucio.
Vollkommen, mein Herr? Und war denn der Herzog ein Hurenjäger, ein
Gek, ein Hasenfuß, wie ihr sagtet?

Herzog.
Ihr müßt erst eure Person mit mir tauschen, eh ihr mich das sagen
lassen könnt; ihr sagtet das von ihm, und noch ärgers.

Lucio.
O du verruchter Geselle! Zog ich dich nicht bey der Nase, wie du
so redtest?

Herzog.
Ich versichre, daß ich den Herzog so sehr liebe als mich selbst.

Angelo.
Hört ihr, wie der Bube sich wieder heraushalftern möchte, nachdem
er so verräthrische Reden ausgestossen hat?

Escalus.
Mit einem solchen Kerl muß man sich nicht einlassen; weg mit ihm
ins Gefängniß; wo ist der Kerkermeister? weg mit ihm ins Gefängniß;
legt ihm Fesseln an; laßt ihn nicht mehr reden; weg mit diesen
Mezen, ins Gefängniß, und mit den übrigen Zusammenverschwornen.

Herzog.
Haltet, mein Herr, haltet noch ein wenig.

Angelo.
Wie? er widersezt sich? helft ihm, Lucio.

Lucio.
Kommt, mein Herr; hey da, Herr, kommt, ein wenig hieher, mein Herr;
wie? du kahlköpfichter lügenhafter Schurke; du must um einen Kopf
kürzer gemacht werden; gelt, du must? Zeig dein Schelmengesicht,
daß du die Kränke kriegest; zeig dein bißiges Schaafs-Gesicht, und
laß dich in einer Stunde hängen: Willt du nicht fort?

(Er reißt die Mönchs-Kutte ab, und entdekt den Herzog.)

Herzog.
Du bist der erste Spizbube, der jemals einen Herzog gemacht hat.
Fürs erste, Kerkermeister, laß mich für diese drey wakern Leute
Bürge seyn—Schleicht euch nicht hinweg, junger Herr, denn der
Frater und ihr haben noch ein Wort mit einander zu sprechen; macht
ihn feste.

Lucio.
Das kan noch ärger werden, als hängen.

Herzog (zu Escalus.)
Was ihr gesprochen habt, soll vergeben seyn; Sezt euch; wir wollen
einen Plaz von diesem Herrn da borgen.

(Zu Angelo.)

Mit eurer Erlaubniß, mein Herr—Hast du Worte, oder Wiz, oder
Unverschämtheit, die dir noch Dienste thun können? Wenn du hast,
so stüze dich darauf, bis ich meine Erzählung gemacht habe, und
halte dann noch aus, wenn du kanst.

Angelo.
O mein furchtbarer Fürst, ich müßte schuldiger seyn als meine
Schuld, wenn ich hoffen wollte verborgen zu bleiben, da ich merke,
daß Euer Durchlaucht, gleich einer unsichtbaren Gottheit, meine
Tritte beobachtet hat: Lasset also, Gnädigster Herr, kein längeres
Gericht über meine Schande gehalten werden, mein eignes Bekenntniß
macht alle Untersuchung überflüssig; ein unmittelbares Urtheil und
der Tod, ist alle Gnade, um die ich bitte.

Herzog.
Kommt hieher, Mariane! Sprich, warst du jemals mit diesem
Frauenzimmer verlobt?

Angelo.
Ich war, Gnädigster Herr.

Herzog.
So nimm sie hier, und heurathe sie diesen Augenblik; verrichtet ihr
die Ceremonie, Pater; wenn sie vorbey ist, so bringt ihn wieder
hieher: Geht mit ihm, Kerkermeister.

(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister gehen ab.)

Fünfte Scene.

Escalus.
Gnädigster Herr, ich bin mehr über seine Schande bestürzt, als über
die Seltsamkeit der Sache.

Herzog.
Tretet näher, Isabella; euer Frater ist nun euer Fürst, ich war in
jener Person euer getreuer Freund und Rathgeber, und, ohne mein
Herz mit meinem Anzug zu verändern, werde ich allezeit zu euerm
Dienst gewidmet bleiben.

Isabella.
O! vergebet mir, mein gnädigster Herr, daß ich, eure Vasallin,
eure unerkannte Hoheit beschäftigt und bemühet habe.

Herzog.
Es ist euch vergeben, Isabella; und nun, theures Mädchen, lasset
mir das gleiche Recht wiederfahren. Ich weiß es, euers Bruders Tod
ligt schwer auf euerm Herzen, und ihr werdet euch wundern, warum
ich mich begnügt, verborgner Weise seine Rettung zu suchen, und
nicht lieber meine verkleidete Macht plözlich zu erkennen gegeben,
als ihn so verlohren gehen zu lassen; aber wisset,
liebenswürdigstes Geschöpf, daß nichts als die zuschnelle
Vollziehung seines Todesurtheils, von der ich dachte, daß sie
später erfolgen würde, meinem Vorsaz zuvoreilte; doch Friede sey
über ihn! Das Leben ist das Beste, das sich vor keinem Tode mehr
fürchten muß; tröstet euch damit; euer Bruder ist glüklich.

Isabella.
Ich thu es, Gnädigster Herr.

Sechste Scene.
(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister zu den Vorigen.)

Herzog (zu Isabella.)
Was diesen neuvermählten Mann, der hier wieder zurük kommt, betrift,
dessen üppige Einbildungskraft eure wolvertheidigte Ehre beleidigt
hat, so vergebt ihm um Marianens willen: Allein in sofern er, der
eines doppelten Verbrechens, der verlezten Keuschheit und des
gebrochnen Versprechens, sich schuldig wußte, euerm Bruder das
Todes-Urtheil sprach, so ruft selbst die Barmherzigkeit des Gesezes
mit lauter Stimme, und aus seinem eignen Munde, Angelo für Claudio,
Tod für Tod, Gleiches für gleiches, und Maaß für Maaß.

(Er wendet sich zum Angelo.)

Angelo, deine Verbrechen sind so offenbar, daß du sie nicht
läugnen könntest, wenn du auch wolltest; wir verurtheilen dich also,
auf eben demselben Blok dein Leben zu verliehren, worauf Claudio
sich zum Tod bükte, und mit eben solcher Eile. Hinweg mit ihm.

Mariane.
O! mein Gnädigster Herr, ich hoffe Euer Durchlaucht hat mir nicht
zum Scherz einen Gemahl gegeben.

Herzog.
Ich hielt eure Vermählung nur nöthig, um eure Ehre sicher zu
stellen, und einen Vorwurf von euch abzuwenden, der euerm künftigen
Glük im Wege gestanden wäre; was seine Güter betrift, so sezen wir,
ob sie gleich durch Confiscation unser wären, euch in den Besiz
davon, und machen sie zu euerm Witthum, damit ihr einen bessern
Gemahl kauffen könnet.

Mariane.
O Mein theurester Fürst, ich verlange keinen andern und keinen
bessern Mann.

Herzog.
Bittet nicht für ihn, unser Schluß ist gefaßt.

Mariane.
Mein gnädigster Herr—

Herzog.
Ihr verliehrt nur eure Mühe—weg mit ihm zum Tode.

(Zu Lucio.)

Nun, mein Herr, kommt die Reyhe an euch.

Mariane.
O! mein gnädigster Herr! O! theurste Isabella, kommet mir
zuhülfe; lehnt mir eure Knie, und mein ganzes künftiges Leben soll
zu eurem Dienst gewidmet seyn.

Herzog.
Was ihr von ihr fordert ist unbillig, und wider die Natur; sollte
sie niederknien, um für eine solche That Erbarmung zu erflehen,
ihres Bruders Geist würde sein Grab durchbrechen, und sie in
Schreknissen von hinnen reissen.

Mariane.
Isabella, liebste Isabella, kniet doch mit mir hin; breitet eure
Hände aus, redet nichts, ich will alles sagen. Die besten Menschen,
sagt man, werden erst durch die Fehler die sie gemacht haben,
vollkommen; dieses kan auch meines Mannes Fall seyn. O Isabella,
wollt ihr nicht mit mir knien?

Herzog.
Er stirbt für Claudios Tod.

Isabella (kniend.)
Gütigster Fürst, sehet, wenn es euch gefällt, auf diesen
verurtheilten Mann, als ob er mein Bruder wäre; ich glaube, ich
hoffe es, seine Tugend war aufrichtig, bis er mich sah; wenn dieses
ist, so laßt ihn nicht sterben. Meinem Bruder ist nichts als
Gerechtigkeit widerfahren; er starb für eine Sünde, die er würklich
ausgeübt hatte; Angelo sündigte nur durch einen Vorsaz der nicht
zur Vollziehung kam; Gedanken sind dem Gesez nicht unterworffen,
und Vorsäze sind blosse Gedanken.

Mariane.
Blosse Gedanken, Gnädigster Herr.

Herzog.
Eure Fürbitte ist fruchtlos; stehet auf, sage ich. Ich habe mich
indessen eines andern Fehlers erinnert. Kerkermeister, wie kam es,
daß Claudio zu einer ungewöhnlichen Stunde enthauptet wurde?

Kerkermeister.
Es wurde so befohlen.

Herzog.
Hattet ihr einen Richterlichen Befehl deßwegen?

Kerkermeister.
Nein, Gnädigster Herr, es geschah auf eine privat-Botschaft.

Herzog.
Und deßwegen entseze ich euch eures Amts; gebt die Schlüssel ab.

Kerkermeister.
Vergebet mir, Gnädigster Herr; ich dachte gleich, es möchte ein
Fehler seyn, doch wußte ichs nicht gewiß; aber es reuete mich, da
ich mich besser erkundigt hatte; und der Beweiß hievon ist dieses,
daß ich einen gewissen Gefangnen, der kraft eines privat-Befehls
sterben sollte, noch habe leben lassen.

Herzog.
Wer ist er?

Kerkermeister.
Er nennt sich Bernardin.

Herzog.
Ich wollte, du hättest dieses beym Claudio gethan; geht, holt ihn
hieher, ich will ihn sehen.

Escalus.
Es ist mir leid, daß ein so gelehrter und weiser Mann, als ihr,
Freyherr Angelo, allezeit geschienen habt, beydes durch Hize des
Bluts und Mangel einer klugen Ueberlegung, so grosse Fehltritte
gemacht habt.

Angelo.
Mir ist leid, daß ich euch dieses Leid verursache, und ich fühle
mein Verbrechen so sehr, daß ich mit grösserm Verlangen um den Tod
flehe als um Gnade: Ich habe ihn verdient, und ich bitte darum.

Siebende Scene.
(Der Kerkermeister, Bernardin, Claudio und Juliette zu den Vorigen.)

Herzog.
Welcher ist dieser Bernardin, von dem ihr sprachet?

Kerkermeister.
Dieser, Gnädigster Herr.

Herzog.
Ein gewisser Mönch sagte mir von diesem Manne; Kerl, man sagt du
habest eine verstokte Seele, die nach dieser Welt nichts fürchte,
und du lebest dieser Denkungsart gemäß; du bist zum Tode
verurtheilt; doch will ich dir die Strafe nachlassen, die deine
Verbrechen in dieser Welt verdient haben; ich bitte dich, wende
diese Gnade dazu an, für eine bessere Zukunft besorgt zu seyn;
Frater, gebt ihm Anleitung dazu, ich übergebe ihn in eure Hände.
Was für ein vermummter Geselle ist das?

Kerkermeister.
Es ist ein andrer Gefangner, den ich rettete und welcher sterben
sollte, als Claudio den Kopf verlohr; er gleicht dem Claudio so
sehr als sich selbst.

Herzog (zu Isabella.)
Wenn er euerm Bruder gleicht, so sey er um euertwillen begnadiget,
und um euers liebenswürdigen Selbst willen, gebt mir eure Hand, und
sagt ihr wollt mein seyn, so ist er mein Bruder dazu; doch hievon
zu gelegnerer Zeit. Angelo siehet hieraus, daß er nichts mehr zu
besorgen hat; mich däucht ich sehe einen Schimmer von Hoffnung in
seinen Augen. Gut, Angelo, ihr habt euer Vergehen abgebüßt; liebet
eure Gemahlin, ihr Werth ergänzt den Eurigen. Ich finde mich heut
ungemein aufgelegt zur Nachsicht, und doch ist hier einer, dem ich
nicht verzeihen kan.

(Zu Lucio.)

Ihr, frecher Bursche, der mich für einen Geken, eine Memme, einen
lüderlichen Bruder, einen Esel, einen Wahnwizigen kennet, womit hab
ich um euch verdient, daß ihr mich so erhebet?

Lucio.
Bey meiner Seele, Gnädigster Herr, ich sagt’ es nur, weil es Mode
ist, böses von den Leuten zu sagen; wenn Euer Durchlaucht mich
deswegen hängen lassen will, so muß ich es leiden; aber ich wollte
lieber, daß es euch gefallen möchte, mir den Staupbesen geben zu
lassen.

Herzog.
Den Staupbesen zuerst, Herr, und hernach den Galgen. Kerkermeister,
laßt durch die ganze Stadt ausruffen, wenn irgend ein Weibsbild
sey, die sich über diesen Gesellen zu beschweren habe, (wie ich ihn
dann selbst habe sagen gehört, es sey eine schwanger von ihm,) so
soll sie sich darstellen, und er soll sie heurathen; wenn die
Hochzeit vorbey ist, so laßt ihn peitschen und aufhängen.

Lucio.
Ich bitte Euer Durchlaucht, mich nicht an eine H** zu verheurathen;
Euer Durchlaucht sagte nur erst, ich habe euch zum Herzog gemacht;
Mein Gnädigster Herr, belohnet mich nicht so übel dafür, und macht
mich zu einem Hahnrey.

Herzog.
Bey meiner Ehre, du sollst sie heurathen. Deine Schmähungen und
alle deine übrigen Uebelthaten sollen dir vergeben seyn; führt ihn
indessen ins Gefängniß, und sehet, daß mein Wille hierinn vollzogen
werde. Ihr, Claudio, säumet euch nicht, dem Frauenzimmer, das ihr
gekränkt habt, Genugthüung zu geben. Ich wünsche euch Glük,
Mariane; liebet sie, Angelo, ich habe ihre Beichte gehört, und
kenne ihre Tugend. Habe Dank, mein guter Freund Escalus, für
deinen guten Willen, du sollt Ursache finden dich dessen zu
erfreuen. Habe Dank, Kerkermeister, für deine Sorgfalt und
Verschwiegenheit; wir werden dich in einem würdigern Plaz zu
gebrauchen wissen. Vergebt ihm, Angelo, daß er euch Ragozins Kopf
statt Claudios gebracht hat; die Beleidigung vergiebt sich von
selbst. Und ihr, meine theure Isabella, wenn ihr ein williges Ohr
zu der guten Gesinnung neiget, die ich für euch trage, so ist was
mein ist euer, und was euer ist, mein; und hiemit führet uns in
unsern Palast, wo wir euch deutlicher entdeken werden, was ihr alle
zu wissen nöthig habt.

Ein St. Johannis Nachts-Traum — Christoph Martin Wieland

Personen:
Theseus.
Egeus.
Lysander.
Demetrius.
Philostratus.
Hippolita.
Hermia.
Helena.
Squenz.
Schnok.
Zettel.
Flaut.
Schnauz.
Schluker.
Vorredner.
Löwe.
Mondschein.
Pyramus.
Thisbe.
Oberon, König der Feen.
Puk.
Titania, die Königin.
Feen.
Spinneweb.
Senfsaamen.

Die Scene ist in Athen, und einem Wald nicht weit davon.

Erster Aufzug.

Erster Auftritt.
(Des Herzogs Pallast in Athen.)
(Theseus, Hippolita, Philostratus und Gefolge, treten auf.)

Theseus.
Nun nähert sich, Hippolita, die Stunde
Die unser Bündniß knüpft, mit starken Schritten.
Vier frohe Tage bringen einen andern Mond.
Doch o! wie langsam, deucht mich, schwindet
Nicht diese alte Luna! Sie ermüdet
Mein sehnend Herz, gleich einer allzuzähen
Stiefmutter oder Wittwe, die zu lang
An eines jungen Mannes Renten zehrt.

Hippolita.
Schnell werden sich vier Tag’ in Nächte tauchen,
Vier Nächte schnell die Zeit vorüberträumen;
Dann wird der Mond gleich einem Silberbogen
Neu aufgespannt im Himmel, auf die Nacht
Die unsre Liebe krönt, herunter winken.

Theseus.
Geh, Philostrat, und ruffe durch Athen
Die Jugend auf zu Lustbarkeiten! wecke
Den leichten muntern Geist der Frölichkeit.
Die blasse Schwermuth sey zu Leichen-Zügen,
Wozu sie besser taugt, von unserm Fest verbannt!
Hippolita, ich buhlte mit dem Schwerdt
Um dich, und unterm Lerm der wilden Waffen
Gewann ich deine Gunst; doch froher soll
Mit Pomp, Triumph und mitternächtlichen Spielen
Der Tag, der uns vermählt, begangen werden. (Egeus, Hermia,
Lysander und Demetrius treten auf.)

Egeus.
Glüklich sey Theseus, unser grosser Fürst.

Theseus.
Dank, edler Egeus! was bringst du uns Neues?

Egeus.
Voll Unmuth komm ich, Fürst, mit Klagen über
Mein Kind, mit Klagen über Hermia—tritt
Hervor, Demetrius!—dieser Mann, o Herr,
Hat meinen Beyfall, sie zur Eh zunehmen—
Lysander, steh’ hervor! Und dieser Mann
Hat meines Kindes Herz bezaubert. Ja du,
Lysander, du, du gabst ihr Reime,
Und wechseltest verstohlne Liebespfänder
Mit meinem Kinde. Falsche Buhlerlieder
Sangst du beym Mondschein mit verstellter Stimme
Vor ihrem Fenster ab, und hast durch Bänder
Von deinen Haaren, Ringe, Trödelwerke,
Durch Naschereyen, Puppen, Blumensträusse
Den Abdruk ihrer Phantasie gestohlen.
Durch Ränke hast du meiner Tochter Herz
Entwandt und den Gehorsam, welchen sie
Mir schuldig ist, in Widerspenstigkeit
Und schnöden Troz verkehrt. Wofern sie also,
Mein königlicher Herr, nicht hier
Vor Eurer Hoheit sich bequemen will,
Dem Mann, den ich erkohr’, die Hand zu geben;
So sprech ich hier der Bürger von Athen
Uraltes Vorrecht, und die Freyheit an,
Mit ihr als meinem Eigenthum zu schalten:
Und diß wird seyn, sie diesem Edelmanne,
Wo nicht, dem Tod zu überliefern, wie
In einem solchen Fall der Buchstab’ des Gesezes
Ausdrüklich lautet—

Theseus.
Was sagt Hermia
Hiezu? bedenke dich, mein schönes Kind!
In deinen Augen soll dein Vater
Ein Gott, der Schöpfer deiner Schönheit, seyn.
Mit ihm verglichen, bist du nichts als eine
Von ihm in Wachs gebildete Figur,
Die er, nachdem es ihm beliebt, erheben
Und wieder tilgen kan. Demetrius ist
Ein würdiger Edelmann.

Hermia.
Das ist Lysander auch.

Theseus.
Er ist es an sich selbst,
Doch da ihm deines Vaters Stimme mangelt,
So ist der andre würdiger anzusehen.

Hermia.
O! daß mein Vater nicht mit meinen Augen sieht.

Theseus.
Weit besser wär’ es, deine Augen sähen
Mit deines Vaters Klugheit.

Hermia.
—Eure Hoheit
Vergebe mir. Ich weiß nicht, welche Macht
Mir diese Kühnheit eingehaucht, noch wie
Vor so viel Augen, meine Sittsamkeit
Sich überwinden kan, für meine Neigung
Das Wort zu nehmen. Aber, meldet mir,
Mein Herr, das schlimmste, das mich treffen kan,
Wenn ich mich weig’re diesen Mann zu nehmen.

Theseus.
Den Tod zu sterben, oder Lebenslang
Die männliche Gesellschaft abzuschwören.
Befrage also deine Neigung, Hermia!
Bedenke deine Jugend; Ist dein Blut
So kühl, und hast du, wenn du deines Vaters
Beschloßner Wahl dich nicht ergeben willst,
Auch Muth genug, auf ewig eingeschleyert
In eines öden Klosters trübe Schatten
Verschlossen, eine unfruchtbare Schwester
Dein Leben hinzuleben; traurige Hymnen
Dem kalten Mond entgegenächzend—
Dreymal beglükt, die, ihres Blutes Meister,
Solch’ eine keusche Pilgrimschaft bestehen!
Doch irdischer glüklich ist die abgepflükte Rose,
Als die am unvermählten Stoke welkend
In einzelner Glükseligkeit, von niemand
Gesehen, ungenossen, wächßt und blüht und stirbt.

Hermia.
So will ich wachsen, so verblüh’n und sterben,
Mein Königlicher Herr, eh meine Freyheit
Dem Joch des Manns sich unterwerffen soll,
Deß unerwünschte Herrschaft meine Seele
Nicht über sich erkennt.

Theseus.
Nimm dir Bedenkzeit,
Und auf den nächsten Neuenmond, den Tag
Der durch Hippolita mich glüklich macht,
Bereite dich, nach deines Vaters Willen
Dich dem Demetrius zu ergeben; oder
Durch deinen Tod des Ungehorsams Frefel
Zu büssen; oder an Dianens Altar
Des Klosterlebens strenge Pflicht zu schwören.

Demetrius.
Erweiche, Schönste, dich; und du Lysander,
Tritt deinen schwachen Anspruch meinem stärkern Rechte
Freywillig ab—

Lysander.
Du hast, Demetrius, ihres Vaters Liebe,
Laß du nur Hermias mir; heurathe ihn!

Egeus.
Ja, hönischer Lysander, es ist wahr,
Er hat sie, meine Liebe; und was mein ist,
Soll meine Lieb’ ihm geben; sie ist mein,
Und all mein Recht an sie trett’ ich Demetrio ab.

Lysander.
Ich bin so edel als wie er gebohren;
Ich bin so reich als er, und liebe mehr
Als er; mein Glüke blüht an jedem Zweige,
So schön als seines, um nicht mehr zu sagen;
Und was diß alles dessen er sich rühmet
Allein schon überwiegt, mich liebt die schöne Hermia.
Und sollt ich denn mein Recht nicht durchzusezen suchen?
Demetrius, ins Gesicht behaupt’ ichs ihm,
Bewarb sich kürzlich noch um Nedars Tochter
Die schöne Helena, und gewann ihr Herz.
Izt schmachtet sie, die sanfte Seele! schmachtet
Bis zur Abgötterey um diesen falschen
Treulosen Mann—

Theseus.
Ich muß gestehen
Daß ich davon gehört, und mit Demetrius
Davon geredt zu haben, mich beredet;
Doch eigne Sorgen machten’s mir entfallen.
Kommt ihr indeß, Demetrius und Egeus,
Ich hab euch beyden etwas aufzutragen,
Das mich sehr nah’ betrift. Du aber, Hermia,
Sieh’ zu, soll anders nicht die ganze Strenge
Der Sazung von Athen, die ich nicht schwächen kan,
Dich treffen, daß du deine Schwärmerey
Dem Willen deines Vaters unterwerffest.
Wie steht’s, Hippolita?* Komm, meine Liebe!
Demetrius, und Egeus folget mir!

{ed.-* Hippolita hatte diese ganze Zeit über nicht ein einziges Wort
gesprochen. Hätte ein neuerer Poet das Amt gehabt, ihr ihre Rolle
anzuweisen, so würden wir sie geschäftiger als alle andre gefunden,
und zweifelsohne möchten auch die Liebhaber ein gelinderes Urtheil
von ihr erwartet haben: Allein Shakespearewußte besser was er zu
thun hatte, und beobachtete das Decorum. Warbürton.}

(Sie gehen ab.)

Zweyter Auftritt.
(Lysander und Hermia bleiben.)

Lysander.
Wie? meine Liebe? wie ist deine Wange
So blaß? warum verwelken ihre Rosen?

Hermia.
Vielleicht weil sie des Regens mangeln,
Woraus ich aus den Wolken meiner Augen
Sie reichlich überthauen könnte.

Lysander.
Hermia; so viel ich in Geschichten las,
Und aus Erzählung hörte, floß der Strom
Der wahren Liebe niemals sanft dahin.
Entweder hemmte ihn des Standes, oder
Der Jahre Abstand, oder Widerwille
Der Anverwandten; und wenn ja die Wahl
Der Liebenden durch ihre Sympathie
Beglükt zu seyn versprach, so stellte sich
Krieg, Krankheit oder Tod dazwischen
Und macht’ ihr Glük vergänglich wie der Schall,
Flüchtig wie Schatten, kurz als wie ein Traum,
Vorüberfahrend wie der helle Bliz
In einer schwarzen Nacht, der Erd und Himmel
In einem Wink enthüllt, und eh noch einer Zeit hat
Zu sagen: Sieh! schon von dem offnen Schlunde
Der Finsterniß verschlungen ist.
So eitel sind die Dinge, die am schönsten glänzen!

Hermia.
Wenn denn getreue Liebe jederzeit
Durch Wiederwärtigkeit geprüfet wurde,
Und diß der feste Schluß des Schiksals ist;
So laß uns unsre Prüfung mit Geduld
Besteh’n, weil Widerwärtigkeit und Leiden
Ein eben so gewöhnlichs Zugehör
Der Liebe ist, als Staunen, Träume, Seufzer,
Wünsche und Thränen, das gewöhnliche
Gefolg der liebeskranken Phantasie.

Lysander.
Ein guter Glaube! Höre mich dann, Hermia.
Nur sieben Stadien von Athen entfernt
Wohnt eine meiner Basen, reich, verwittwet,
Und kinderlos. Sie hält und liebet mich
Wie ihren eignen Sohn. Dort, schönste Hermia,
Dort kan ein ewig Bündniß uns vereinen,
Und bis dorthin kan auch Athens Gesez
Uns nicht verfolgen. Liebest du mich also,
So schleiche morgen Nachts aus deines Vaters Hause
Dich weg, in jenen Wald, nah’ bey Athen,
Wo ich dich einst mit Helena gefunden,
Als ihr des ersten Maytags Ankunft feyrtet.

Hermia.
Ach! mein Lysander!

Lysander.
Zaudert Hermia?—

Hermia.
Nein!
Bey Amors stärkstem Bogen schwör ich dir,*
Beym schärfsten seiner goldgespizten Pfeile,
Lysander, bey der unschuldvollen Einfalt
Der Dauben, die der Venus Wagen ziehen,
Beym Feuer das Carthagos Königin
Verzehrte, da sie mit geblähten Seegeln
Den ungetreuen Troyer fliehen sah;
Bey dem was Seelen an einander küttet,
Bey jedem Schwur, den je ein Mann gebrochen,
Bey mehr als Mädchen jemals ausgesprochen;
An jenem Plaz, im Schatten jener Linden,
Sollt du mich zur bestimmten Stunde finden.

{ed.-* Der Dr. Warbürton fand, daß Hermia sich zu schnell, und
was das schlimmste ist, auf den ersten Antrag, durch eine Reihe
von Eyden verbinde, mit dem Lysander davon zu lauffen. Er
glaubt, daß Shakespearenicht fähig gewesen einen solchen Fehler
zu machen, und schreibt also allen alten und neuen Ausgaben
unsers Dichters zuwider, diese schöne Rede: (Bey Amors
stärkstem Bogen,) u.s.w. dem Lysander, und nur die zween lezten
Verse der Hermia zu. Meine Empfindung widerspricht hier den
Vernunftschlüssen des Kunstrichters. Ich finde eine solche
Weiblichkeit in dieser Rede, daß sie mit Anständigkeit nur von
Hermia gesagt werden kan. Empfindende Leserinnen mögen den
Ausspruch thun. Damit aber doch das von Warbürton in dem Text
vermißte Decorum gerettet werde, habe ich nach seinem Beyspiel die
Freyheit gebraucht, auf die Worte Hermias, (my good Lysander), den
Lysander sagen zu lassen: Zaudert Hermia? welches er im Englischen
nicht sagt. Worauf dann Hermia, als ob sie sich recolligire,
erwiedert: Nein! bey Amors u.s.w.}

Lysander.
Vergiß nicht dein Versprechen, holde Liebe.
Schau, hier kömmt Helena.

Dritter Auftritt.

Hermia.
Wie eilig, schöne Helena, wohin?

Helena.
Mich nennst du schön? O! nimm diß Schön zurük.
Demetrius liebet dich! du bist ihm schön
Glüksel’ge Schöne! Deine Augen sind
Die Sterne, die ihn leiten; süsser tönt
Ihm deine Stimme, als der Lerche Lied
Dem Ohr des Hirten, wenn die Wiesen grünen,
Und junge Knospen um den Hagdorn blinken!
Krankheit ist erblich! O! wär’s auch die Kunst
Die uns gefallen macht: Wie wollt ich, eh ich gehe,
Die deine haschen! Meine Blike sollten
Die Zauberkraft von deinem Blik, mein Mund
Den süssen Wohlklang deiner Lippe haschen.
Wär’ mein die Welt, und blieb Demetrius mir,
Wie gerne ließ ich alles andre dir!
O lehre mich, wie blikest du ihn an?
Mit was für Künsten, schöne Freundin, sprich,
Beherrschest du die Triebe seines Herzens?

Hermia.
Die Stirne rümpf ich ihm, doch liebt er mich.

Helena.
O möchten deiner Stirne Falten
Mein Lächeln solche Wirkung lehren.

Hermia.
Verwünschung geb ich ihm, doch giebt er stets mir Liebe.

Helena.
O! wäre mein Gebett von solcher Kraft!

Hermia.
Je mehr ich hasse, folgt er mir.

Helena.
Je mehr ich liebe, haßt er mich.

Hermia.
Sey guten Muths! er soll mich nicht mehr sehen.
Lysander und ich selbst verlassen diese Gegend.
Eh ich Lysandern sah, schien mir Athen
Elysium. O! welch ein Reiz muß dann
In meiner Liebe seyn, da sie den Ort
Der einst ein Himmel war, zur Hölle macht.

Lysander.
Laß uns, o Freundin, unsre Seelen dir
Vertraut enthüllen. Morgen Mitternachts,
Wenn Phöbe in der Wellen feuchtem Spiegel
Ihr silbern Angesicht beschaut, und dekt
Den grünen Wasen mit zerfloßnen Perlen,
Zur Zeit, die oft der Liebe Flucht verheelte,
Sind wir entschlossen, Helena, uns durch
Die Thore von Athen hinweg zu stehlen.

Hermia.
Und in dem Hayn, wo oftmals du und ich
Auf Frühlings-Blumen hingegossen lagen,
Und unsre von jungfräulichen Gedanken
Geschwellte Busen ihrer Last entleerten;
Dort werden wir, Lysander und ich selbst,
Uns finden, und dann von Athen die Augen wenden,
Um neue Freunde unter neuen Himmeln
Zu suchen. Lebe wohl, anmuthige Gespielin!
Und wie du für uns betest, gebe dir
Ein günstig Glük den Jüngling den du liebest!
Lysander halte Wort!—Nun müssen unsre Augen
Bis morgen Nachts der Liebe Kost entbehren.

Lysander.
Ich will, meine Hermia!—Lebe wohl, Helena,
Demetrius liebe dich, wie du ihn liebest!

(Lysander und Hermia gehen ab.)

Helena (allein.)
Wie manche doch vor manchen glüklich sind!
Durch ganz Athen werd ich so schön geachtet
Als Sie—Was hilft es mir? Demetrius nur
Denkt anders! Er für den ich es allein
Zu seyn verlange, kan nicht, will nicht sehen,
Was Aller Augen ausser ihm gestehen.
Der gleiche Irrthum, der nach Hermias Bliken
Ihn schmachten macht, bethört mein Herz für ihn.
Den unscheinbarsten blödsten Dingen kan
Die Liebe Glanz, Gestalt und Würde geben.
Die Liebe siehet durch die Phantasie,
Nicht durch die Augen, und deßwegen wird
Der goldbeschwingte Amor blind gemahlt.
Geflügelt ohne Augen deutet er
Der Liebe Hastigkeit im Wählen an;
Und weil sie leicht verläßt was sie erkohr,
So stellt man ihn als einen Knaben vor;
Wie Knaben oft beym Spiel meineydig werden,
So scherzt des Knaben Amors Leichtsinn auch
Mit seinen Schwüren. Eh Demetrius
Auf Hermias Augen sahe, hagelt er
Eydschwüre ewig mein zu seyn, herab;
Allein es fühlte dieser Hagel kaum
Die Glut von ihrem Blik, so schmolz er hin.
Izt will ich geh’n und Hermias Flucht ihm melden.
Dann wird er morgen Nachts sie in den Hayn
Verfolgen, und wenn anders die Entdekung
Mir Dank gewinnt, so wird er theur erkauft.
Doch wird mir dieses meine Pein versüssen,
Wenn ich es sehe* wie er sie zu finden,
Der Ungetreue! hie und dort und da
Umsonst in zitternder Verwirrung läuft;
Und mein verschmähtes Auge durch den Anblik
Der eiteln Wuth ergözt, womit er wieder kehrt.

{ed.-* Der Übersezer hat sich hier eine Freyheit erlaubt, die er
selten zu nehmen gedenkt, nemlich einen etwas dunkeln Vers durch
fünf andre zu paraphrasieren. Ob er aber den Sinn des Poeten
getroffen, wird dem Ausspruch der Kunstrichter überlassen.}

(Geht ab.)

Vierter Auftritt.
(Squenz, Schnok, Zettel, Flaut, Schnauz und Schluker treten auf.)

Squenz.
Ist die Companie beysammen?

Zettel.
Es wär’ am besten, ihr rieffet sie alle Mann für Mann auf, wie es
der Rodel giebt.

Squenz.
Hier ist die Liste von jedermanns Namen, der in ganz Athen für
tüchtig gehalten wird, in unserm Zwischenspiel vor dem Herzog und
der Herzogin zu spielen, an seinem Hochzeittag zu Nacht.

Zettel.
Vor allen Dingen, guter Peter Squenz, sagt uns, wovon das Stük
handelt; dann leset die Namen von den Agenten, und so eins nach dem
andern.

Squenz.
Sapperment! es ist die höchstklägliche Comödie, und der
jämmerliche Tod von Pyramus und Thisbe.

Zettel.
Ein recht gutes Stük Arbeit, ich kan’s euch sagen; und lustig! Izt,
wakrer Peter Squenz, ruft euere Agenten nach dem Rodel auf—ihr
Herren! macht euch fertig!

Squenz.
Antwortet wie ich euch ruffe. Claus Zettel, der Weber!

Zettel.
Hier! Nennet meinen Part, und weiter!

Squenz.
Ihr, Claus Zettel, seyd für den Pyramus hingesezt.

Zettel.
Was ist Pyramus? Ein Liebhaber oder ein Tyrann?

Squenz.
Ein Liebhaber, der sich selber nur auf eine recht galante Art aus
Liebe ersticht.

Zettel.
Das wird einige Zähren erfodern, wofern es recht gemacht werden
soll. Wenn ich es mache, dann mögen die Zuschauer zu ihren Augen
sehen! Ich will Stürme erregen, ich will condolieren, daß es eine
Art haben soll! weiter!—Aber meine gröste Declination ist zu
einem Tyrannen. Ich wollte einen Herkles spielen, etwas rares!
Oder einen Part, wo ich ein Vorgebürg einreissen müßte, daß alles
zersplitterte—«Der Felsen Schooß und toller Stoß zerbricht das
Schloß der Kerkerthür, und Febbus Karr’n, Kommt angefahr’n, und
macht erstarr’n, des stolzen Schiksals Zier!»—Das gieng hoch!—
Namset izt die übrigen Agenten—Das war Herklessens Ader! Eine
Tyrannen-Ader! Ein Liebhaber geht schon gravitätischer.

Squenz.
Franz Flaut, der Blasbalg-Fliker.

Flaut.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Ihr müßt Thisbe über euch nehmen.

Flaut.
Was ist Thisbe? Ein irrender Ritter?

Squenz.
Es ist die Princessin, in die Pyramus verliebt ist.

Flaut.
Nein, mein Six! gebt mir keinen Weiber-Part, ich fange schon an
einen Bart zu bekommen.

Squenz.
Das ist all eins! Ihr müßt in einer Maske spielen; und ihr könnt
so zart reden, als ihr wollt.

Zettel.
Wenn ich mein Gesicht verbergen darf, so gebt mir Thisbe auch; ich
will mit einer monstrosen zarten Stimme reden—«Thisne, Thisne, ach!
Pyrimus, mein Liebster werth, dein’ Thisbe zart, dein Liebchen
zart»—

Squenz.
Nein, nein, ihr müßt beym Pyramus bleiben, und Flaut muß Thisbe
seyn.

Zettel.
Gut! fortgefahren!

Squenz.
Max Schluker, der Schneider.

Schluker.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Max Schluker, ihr müßt Thisbes Mutter seyn. Hans Schnauz, der
Keßler!

Schnauz.
Hier, Peter Squenz.

Squenz.
Ihr, des Pyramus Vater, ich selbst Thisbes Vater. Schnok, der
Schreiner, ihr macht des Löwen Part. Ich hoffe, nun ist unsre
Comödie in der Ordnung.

Schnok.
Habt ihr des Löwen Part geschrieben? Wenn es ist, so seyd so gut
und gebt ihn mir; denn ich bin nicht gar fix zum Studieren.

Squenz.
Ihr könnt ihn ex tempore machen; denn es ist weiter nichts zu thun,
als zu brüllen.

Zettel.
Gebt ihr mir den Löwen noch dazu; ich will brüllen, daß es den
Leuten im Herzen wohl thun soll; ich will brüllen, daß der Herzog
sagen soll: Laßt ihn noch einmal brüllen, laßt ihn noch einmal
brüllen!

Squenz.
Wenn ihr es gar zu gut machtet, so könntet ihr die Herzogin und die
Damen so erschreken, daß sie zu schreyen anfiengen, und das wäre
genug, uns alle an den Galgen zu bringen.

Alle.
Ja, das würde uns jeden Mutter-Sohn hängen.

Zettel.
Sapperment! Das glaub ich wol, wenn wir sie erst aus ihren fünf
Sinnen schrekten, so würden sie nicht mehr Secretion haben, als uns
aufzuhängen. Aber ich will meine Stimme schon aggraviren, ich will
euch so artig brüllen wie irgend eine junge Daube, ich will euch
brüllen, als ob es eine Nachtigall wäre.

Squenz.
Ihr könnet keinen andern Part machen als den Pyramus; denn Pyramus
ist ein Mann mit einem Weibergesichtchen, ein sauberer Mann als man
irgend an einem Sommers-Tag sehen mag, gar ein hübscher Junker-
mässiger Mann; und also müßt ihr nothwendig den Pyramus machen.

Zettel.
Gut, ich will ihn auf mich nehmen. Mit was für einem Bart wollt
ihr, daß ich spielen soll?

Squenz.
Wie? Was für einen ihr wollt!

Zettel.
Mir gilt es auch gleich; ich will ihn entweder in euerm
strohfarbnen Bart machen, oder in euerm orangebraunen Bart, oder in
euerm carmesin-rothen Bart, oder in euerm französisch-kron-farbnen
Bart, in euerm hochgelben!

Squenz.
Etliche von unsern französischen Kronen haben gar kein Haar mehr,
und das liesse als ob ihr gar mit einem kahlen Gesicht spieltet.
Aber, ihr Herren, hier sind eure Pärte, und ich bitte, ermahne und
ersuche euch, sie bis morgen Nachts auswendig zu lernen, und in den
Schloßwald, eine halbe Stunde von der Stadt, wieder zu mir zu
kommen, damit wir dort beym Mondschein probieren; denn wenn wir in
der Stadt zusammen kämen, so würden wir Zuhörer kriegen, und die
Sache käme aus. Unterdessen will ich einen Aufsaz von den
Zurüstungen machen, die wir zu unserm Spiele nöthig haben. Ich
bitte, bleibt mir nicht aus.

Zettel.
Wir wollen kommen! Der Einfall ist gut; wir können im Wald
obscener und herzhafter probieren.

Squenz.
Bey des Herzogs Eiche wollen wir einander antreffen.

Zettel.
Genug, die Stränge mögen halten oder brechen!—

(Sie gehen alle ab.)

Zweyter Aufzug.

Erster Auftritt.
(Ein Wald. Eine Fee tritt von einer, und Puk von der andern Seite
auf.)

Puk.
Wohin, Geist, wohin wanderst du?

Fee.
Über Berg, über Thal,
Durch Heken und Ruthen,
Über Holz, über Pfahl,
Durch Feuer und Fluthen;
Schneller als des Mondes Sphär
Wandr’ ich rastlos hin und her.
Ich dien’ der Feen-Königin,
Zum stillen Tanz,
Beym Sternen-Glanz,
Bethaute Kreis’ im Grünen ihr zu zieh’n.
Sie ist der Primuln Pflegerin,
Die auf den jungen Wiesen glüh’n.
Auf ihrem göldenen Gewand
Ist jeder Fleken ein Rubin,
Worein der milden Feyen Hand
Die Düfte gießt, die euch entzüken.
Izt muß ich geh’n, und Thau vom Grase pflüken,
Und jeder Primul Ohr mit einer Perle schmüken.
Fahr wol, du tölpelhafter Geist, ich muß entflieh’n;
Die Königin mit allen ihren Elfen
Ist im Begriff hieher zu zieh’n.

Puk.
Der König pflegt die Nacht durch hier zu schlummern.
Gieb Acht, daß deine Königin
Ihm ja nicht vor die Augen komme.
Denn Oberon ist noch von Zorn entbrannt,
Daß sie am Indus jüngst den schönsten Knaben,
Zu ihrer Aufwart, einem König raubte.
Der eifersücht’ge Oberon begehrt
Den schönen Knaben, daß er auf die Jagd
Ihn durch den wilden Forst begleiten helfe,
Von ihr zurük; doch immer unerbittlich
Behält sie ihren Liebling ganz für sich,
Bekränzt mit eigner Hand sein lokicht Haar,
Und macht aus ihm nur alle ihre Lust.
Seitdem begegnen sie sich niemals mehr
In Lauben, noch auf grünen Fluren, noch
An Silber-Quellen, noch beym Sternen-Licht;
So heftig ist ihr Zwist, daß alle ihre Elfen
Vor Angst in Ahorn-Becher sich verkriechen.

Feye.
Entweder irr’ ich mich an deiner Bildung
Und Mine gänzlich, oder du
Bist jener schelmische leichtfert’ge Geist,
Den Robin Gutgesell das Landvolk nennt.
Bist du’s nicht, der die Mädchen aus dem Dorfe
Bey Nacht erschrekt, der Milch die Sahne raubt,
Die Mühle heimlich dreht, macht daß umsonst die Bäurin
An fettem Rahm sich aus dem Athem rührt,
Und daß im Bier sich keine Hefen sezt;
Der arme Wandrer oft des Nachts verleitet,
In Sümpfe fährt, und ihres Harms noch lachet;
Allein für die, die dich Hob-Goblin nennen,
Und holden Puk, ihr Werk unsichtbar thust,
Und machst, daß sie gut Glük in allem haben;
Bist du nicht der?

Puk.
Du irrst dich nicht, ich bin’s.
Ich bin der muntre Nachtgeist, den du meynest.
Ich gaukle stets um Oberon, und mach’ ihn lächeln,
Wenn ich ein fettes bohnen-sattes Roß
Vergeblich wiehern mach’; ihm in Gestalt
Der schönsten Stutte nahend. Auch verberg ich mich
Oft in den Becher einer guten alten
Gevatterin, die gern den Becher leert;
Gleich einem rothgesottnen Krebs schwimm ich
Darinn herum, und wenn sie trinken will
Spring ich an ihre Lippen auf, und schütte
Den Kofent über ihren schlappen Busen.
Oft sieht, indem sie durch ein fröstig Mährchen
Die Nachbarinnen sanft zum Schlaf befödert,
Ein weises Mütterlein, troz ihrer Weisheit,
Für einen dreygebeinten Stuhl mich an;
Dann schlüpf ich unter ihr hinweg, sie wakelt
Mit Schwur und lächerlichem Zorn zu Boden;
Die ganze Zeche hält mit beyden Händen
Den Bauch, und schlägt das hallende Getäfel
Mit wieherndem Gelächter, klatscht und schwört,
Noch nie so lustig sich gemacht zu haben.*
Doch, Fee, flieh du, hier kömmt Oberon!

{ed.-* Ich habe mich genöthiget gesehen, einige ekelhafte Ausdrüke
aus diesem Gemählde in Ostadens Geschmak, wegzulassen. Ein Dichter,
der nur für Zuhörer arbeitete, hat sich im sechszehnten Jahrhundert
Freyheiten erlauben können, die sein Übersezer, der im achtzehnten
für Leser arbeitet, nicht nehmen darf.}

Feye.
Und hier, zum Unglük, meine Königin.

Zweyter Auftritt.
(Oberon der König der Feen, tritt auf einer, und Titania die
Königin der Feen, auf der andern Seite auf.)

Oberon.
Du suchst beim Mondschein mich, Titania?

Titania.
Wie, eifersücht’ger Oberon? du irrest!
Ihr Feen, schlüpft mit mir hinweg, ich habe
Sein Bett, und seinen Umgang abgeschworen.

Oberon.
Halt, Unverschämte, bin ich nicht dein Herr?

Titania.
So bin ich deine Frau! allein ich weiß
Die Zeit noch wol, da du vom Feen-Land
Dich heimlich stahlst, und in Corins Gestalt,
Den ganzen Tag an einer Linde sizend,
Auf deinem Haber-Rohr verliebte Seufzer
Der schönen Phyllida entgegen girrtest!
Sprich, warum eiltest du vom fernsten Gipfel
Des Inder-Lands hieher? Weßwegen sonst,
Als weil die strozende, Dianen-gleich
Geschürzte Amazonin, deine kriegrische
Gebieterin, mit Theseus sich vermählt?
Du kömmst, nicht wahr? ihr Bette zu beglüken?

Oberon.
Wie? läßt die Schaam diß zu, Titania,
Die Gunst Hippolitas mir vorzurüken?
Und weissest doch, ich kenne deine Liebe
Zu Theseus? Warest du es nicht, die ihn
Bey deinem eignen Schimmer, durch die Schatten
Der stillen Nacht, von Perigenias Seite,
Die er vorher geraubet hatt’, entführte!
Und wer als du verführt’ ihn, seine Schwüre
So viel betrognen Nymphen, Ariadnen,
Der schönen Ägle, und Antiope
Zu brechen?—

Titania.
Falsche, grillenhafte Träume
Der Eifersucht! Seit diese dich beherrschet,
Seit jenem Sommer kamen wir nicht mehr
Auf Hügeln, noch im Thal, im Hayn, auf Wiesen,
Am Quell’ der über kleine Kiesel rauschet,
Noch raschen Bächen, die aus Felsen sprudeln,
Noch an des Meeres klippenvollem Strande,
Zum frohen Tanz zusammen, unsre Loken
Zum Spiel der flüsternden, scherzhaften Winde
Zu machen. Alle unsre Spiele hat
Dein Groll gestört. Drum haben auch die Winde,
Vergeblich uns zu pfeiffen überdrüssig,
Als wie zur Rache, seuchenschwangre Nebel
Tief aus der See gesogen, die hernach,
Aufs Land ergossen, jeden über uns
Erzürnten Bach mit solchem Stolze schwellten,
Daß ihre Fluth die Ebnen überströmte.
Umsonst hat nun der Stier sein Joch getragen,
Der Akermann hat seinen Schweiß verlohren,
Die grüne Ähre fault, eh ihre Jugend
Das erste Milchhaar kränzt.
Leer steh’n die Hürden im ertränkten Felde,
Und Krähen mästet die ersäufte Heerde.
Mit Schlamme ligt der Kegelplaz erfüllt,
Unkennbar und verschwemmt der glatte Pfad,
Der durch des Frühlings grüne Labyrinthe
Sonst leitete. Die Sterblichen entbehren
Der winterkürzenden gewohnten Freuden,
Und keine Nacht wird Hymnen mehr geweyht.
Nur Luna, die Beherrscherin der Fluthen,
Vor Unmuth bleich, wascht überall die Luft,
Und füllet sie mit fieberhaften Flüssen.
Die Jahreszeiten selbst verwirren sich,
Beschneyte Fröste sinken in den Schoos
Der frischen Ros’, und auf des alten Winters
Eys-grauer Scheitel wird, als wie zum Spott,
Ein Kranz gesezt von holden Sommer-Knospen.
Der Lenz, der Sommer, der fruchtreiche Herbst,
Der Winter wechseln ihre Liverey,
Und die erstaunte Welt erkennt nicht mehr
An dem gewohnten Schmuk, wer jeder ist.
Diß ganze Heer von Plagen kömmt allein
Von unserm Groll, von unsrer Zwiespalt her.
Wir sind die Eltern dieser schwarzen Brut!

Oberon.
So helfet dann, es ligt allein an euch!
Wie kan Titania ihren Oberon
Noch länger quälen? Alles was ich bitte,
Ist nur ein kleiner Laff von einem Jungen,
Aus dem ich einen Pagen machen will.

Titania.
Gebt euch zufrieden! Niemals kan diß seyn.
Das ganze Feenland erkaufte nicht
Diß Kind von mir. Ich liebte seine Mutter,
Sie war von meinem Orden, und hat oft
Des Nachts in Indiens süß-gewürzter Luft
Durch ihre Spiele mir die Nacht verkürzt.
Sie saß dann auf Neptuni gelbem Sand
Bey mir, und sah den göldnen Schiffen nach,
Die durch die Fluth mit Pegus Schäzen eilten;
Wir lachten, wenn wir sahen, wie die Seegel,
Vom ausgelaßnen Wind geschwängert, schwollen;
Diß äffte sie, mir eine Lust zu machen,
Mit anmuthsvoller schwimmender Bewegung,
Kurzweilend nach, (ihr Leib war damals reich
Von meinem jungen Ritter) segelte
Ans Land, mir Kleinigkeiten abzuholen,
Und kehrte wieder, wie von einer Reise,
Mit reichen Waaren, um. Jedoch da sie
Nur sterblich war, starb sie an diesem Kinde,
Und ihrentwegen zieh’ ich ihren Knaben auf,
Und ihrentwegen will ich ihn nicht lassen.

Oberon.
Wie lange denkt ihr noch in diesem Hayn zu bleiben?

Titania.
Vielleicht bis nach dem Hochzeittag des Theseus.
Gefällt es euch in unserm Kreis zu tanzen,
Und unsern Mondlicht-Spielen zuzusehen,
So folget uns; wo nicht, so weicht mich aus,
So wie ich eure Jagden meiden will.

Oberon.
Gieb mir den Knaben, und ich geh’ mit dir.

Titania.
Nicht für dein Königreich. Ihr Elfen, weg!
Es giebt nur Zank, wenn wir uns länger säumen.

(Die Königin, und ihr Gefolg geht ab.)

Oberon.
Gut, geh’ nur deinen Weg! eh du den Hayn
Verlassen hast, soll dich dein Troz bestraffen—
Hieher, mein muntrer Puk! Besinn’st du dich,
Daß ich auf einem Vorgebürg einst saß,
Und hörte der Syrenen einer zu,
Wie sie, auf eines Delphins Rüken sizend,
So zaubrisch-süsse Töne von sich hauchte,
Daß selbst die rohe See bey ihrem Liede
Mild ward, und liebestrunkne Sterne taumelnd
Aus ihren Sphären sanken, der Musik
Der Wasser-Nymphe zuzuhören?—

Puk.
—Ich
Erinnere mich’s ganz wol.

Oberon.
Zu gleicher Zeit sah’ ich, (du konntest nicht)
Den Liebesgott in hastiger Unruh, zwischen
Dem Erdball und dem kalten Monde fliegen;
Er hielt, und richtete den straffen Bogen
Nach einer göttlichen Vestalin,* die
Im Westen thront’, und schoß mit solcher Macht
Den Liebespfeil von seinem Bogen ab,
Als sollt’ er hunderttausend Herzen spalten;
Allein ich sah’ es, wie sein feur’ger Pfeil
Im keuschen Stral des feuchten Monds sich löschte,
Und in jungfräulichen Betrachtungen,
Mit freyem Geist, die königliche Schöne
Vorübergieng. Da merkt’ ich, wo der Pfeil
Des Amors fiel—Er fiel
Auf eine kleine Blume, vormals weiß
Wie Milch, izt röthlicht von der Liebes-Wunde,
Und Mäd’gens nennen sie die müssige Liebe.
Brich’ diese Blume mir; ich zeigte dir
Das Kräutchen einst; ihr Saft auf schlummernde
Auglieder ausgegossen, hat die Kraft,
Mann oder Mädchen bis zum Aberwiz
Ins nächste Ding, das ihrem Blik begegnet,
Verliebt zu machen. Pflüke diese Blume,
Und sey mir wieder hier,
Eh Leviathan eine Meile schwimmt.

{ed.-* Der Umstand, daß dieses Lustspiel noch unter der Regierung der
Königin Elisabeth aufgeführt worden, wird es einem jeden merklich
machen, daß die Vestalin niemand anders als diese jungfräuliche
Heldin bezeichne. Daß aber unter der Syrene die Königin Maria von
Schottland abgebildet sey, scheint der scharfsichtige Warbürton
zuerst angemerkt zu haben. Er bemerkt überhaupt, dieser
allegorische Schleyer, unter welchem ein Gemisch von Lob und
Satyre verborgen ist, müsse uns auf den Schluß leiten, daß die
Rede von einer Person sey, welche der Poet unverdekt weder loben
noch schelten durfte. Dieses passe nun völlig auf Maria von
Schottland. Die Königin Elisabeth konnte nicht leiden, wenn Maria
gelobt wurde; und ihr Nachfolger, (Jakob der 1ste,) würde eine
Satyre auf seine Mutter nicht vergeben haben. Allein, fährt
Warbürton fort, der Poet hat jeden unterscheidenden Umstand ihres
Lebens und Charakters in dieser schönen Allegorie so deutlich
ausgezeichnet, daß über seine geheime Absicht kein Zweifel übrig
bleiben kan. Sie wird 1.) eine Syrene genannt aus dem
entgegengesezten Grunde, warum Elisabeth eine Vestalin heißt,
nemlich einer Untugend wegen, um derentwillen diese unglükliche
Princessin eben so berüchtigt ist, als die Syrene bey den alten
Dichtern. 2.) Der Rüken des Delphins, worauf sie sizt, deutet auf
die Vermählung der Königin Maria mit dem Dauphin von Frankreich,
dem Sohn Heinrichs des 2ten. 3.) Der bezaubernde Gesang dieser
Syrene ist eine Anspielung auf die ausserordentlichen Reizungen und
Talente der gedachten Princessin, wodurch sie bey ihrem Aufenthalt
am Französischen Hofe alle Welt in Verwundrung sezte. 4.) Daß ihre
Stimme die wilde See selbst zahm gemacht, deutet auf die während
ihrer Abwesenheit in Schottland entstandnen Unruhen, die ihre
Wiederkunft sogleich wieder gestillet. Warbürton merkt an, die
Schönheit dieses Bildes sey desto grösser, weil der gemeinen Sage
nach, die Syrenen oder Meerweiber nur in Stürmen singen. 5.) Die
verliebten Sterne, die ihr zulieb aus ihren Sphären sanken,
bezeichnen verschiedene Herren von dem Englischen hohen Adel,
welche von dieser Princessin in ihr unglükliches Schiksal gezogen
worden, besonders die Grafen von Northumberland und Westmorland,
und den Herzog von Norfolk, den das Project sie zu heurathen das
Leben kostete.}

Puk.
Ich wollte, wenn du es befählest,
In viermal zeh’n Minuten einen Gürtel
Rings um die Erde zieh’n.

(Geht ab.)

Oberon.
—Hab’ ich nun
Erst diesen Saft, so will ich lauern, bis
Titania schlafend ligt, und dann die Tropfen
Auf ihre Augen träufeln.
Das nächste Ding, worauf sodann erwachend
Ihr Auge ruht, sey’s Löwe oder Bär,
Wolf oder Stier, Waldteufel oder Affe,
Wird sie mit Sehnsucht, mit dem Geist der Liebe
Verfolgen. Nimmer will ich diesen Zauber
Von ihren Augen nehmen, (wie ich’s kan),
Bis sie den Knaben mir bewilligt hat.
Wer kömmt hier, ich bin unsichtbar, und will
Behorchen, was sie sprechen—

Dritter Auftritt.
(Demetrius, welchem Helena folget)

Demetrius.
Was verfolgst
Du den, der dich nicht liebt? Wo ist Lysander? wo
Die schöne Hermia? jenen will ich tödten,
Und diese tödtet mich. Du sagtest mir,
Sie hätten sich in diesen Wald gestohlen;
Und hier bin ich, und wild in diesem Walde,*
Weil ich hier meine Hermia nicht entdeke.
Weg, pake dich, und folge mir nicht mehr!

{ed.-* (And here am I, and Wood within this Wood. Wood) heißt
Wald, und heißt auch wüthend, wild; dieses dem Shakespeareso
gewöhnliche Spiel mit dem Schall der Worte hat im Deutschen hier
nur unvollkommen ausgedrükt werden können, und wird künftig oft
gar nicht geachtet werden.}

Helena.
Du ziehst mich an, hartherziger Magnet,
Doch ziehest du nicht Eisen; denn mein Herz
Ist treu wie Stah’l. Hör’ auf mich anzuziehen,
Und ich will unterlassen dir zu folgen.

Demetrius.
Such’ ich dich zu gewinnen? Sag’ ich dir
Liebkosungen? und nicht vielmehr mit runder
Aufrichtigkeit, daß ich dich weder liebe,
Noch lieben kan?

Helena.
—Und eben dessentwegen
Lieb’ ich dich desto mehr; ich bin dein Hündchen,
Demetrius! das nur destomehr liebkoset,
Je mehr du’s schlägest. Halte mich nur so,
Als wie dein Hündchen, scheuche, schlage mich,
Vergiß, verliehr’ mich, nur erlaube mir,
So werthlos als ich bin, dir stets zu folgen;
Welch schlechtern Plaz kan ich in deiner Liebe
Erfleh’n, (und doch ist er in meinen Augen hoch!)
Als daß du mich wie deinen Hund nur haltest?

Demetrius.
Reiz nicht zu sehr den Abscheu meiner Seele;
Mir wird schon übel, wenn ich dich nur sehe.

Helena.
Und mir ist übel, wenn ich dich nicht sehe.

Demetrius.
Du sezest deine Tugend in zu grosse
Gefahr, die Stadt so zu verlassen, und
Dich in die Hände eines Manns, der dich
Nicht liebt zu liefern, und der lokenden
Bequemen Nacht, und dieses öden Waldes
Versuchung, deiner jungferlichen Ehre
Kostbaren Werth so sorglos zu vertrauen.

Helena.
O! Meine Sicherheit ist deine Tugend!
Und darum, däucht mich, bin ich nicht im Dunkeln.
Es ist nicht Nacht, wenn ich dein Antliz sehe;
Auch fehlt es diesem Hayne nicht an Welten
Gesellschaft; denn für mich bist du die ganze Welt.
Wie kan man denn, daß ich allein sey, sagen,
Wenn alle Welt hier ist, und auf mich schaut?

Demetrius.
Ich werde von dir rennen, in das Farrenkraut;
Mich dort versteken, und den wilden Thieren
Dich überlassen—

Helena.
—O! das wildeste
Hat kein solch Herz wie du! Flieh’, wenn du willst,
Flieh’ nur, so wird sich die Geschichte drehen,
Apollo flieh’n, und Daphne ihn verfolgen.
Die Daube jagt den Gey’r, die sanfte Hindin eilt
Den Tyger zu erhaschen. Schwaches Eilen!
Wenn Zagheit jagt, und Dapferkeit entflieht.

Demetrius.
Ich will nicht länger säumen, deine Fragen
Zu hören. Laß mich geh’n; und folgst du mir,
So glaube nur, ich füge dir ein Leid
In diesem Holze zu—

Helena.
—O! in der Stadt
Im Feld, im Tempel fügst du Leid mir zu!
O! schäme dich, Demetrius, deine Härte
Entehret mein Geschlecht. Wir können nicht
Für Liebe fechten, wie die Männer mögen;
Gesucht zu werden, und nicht selbst zu suchen,
Sind wir gemacht!—jedoch, ich folge dir;
Und selbst der Tod von dieser werthen Hand
Wird eine Hölle mir zum Himmel machen.

(Sie gehen ab.)

Vierter Auftritt.

Oberon.
Fahr wol, o Nymph’! eh du den Hayn verlässest,
Sollt du ihn flieh’n, er deine Liebe suchen. (Puk tritt auf.) Wo
ist die Blume? Willkommen, Wand’rer!

Puk.
Hier ist sie!

Oberon.
Gieb sie her. Ein Hügel
Ist mir bekannt, wo wilder Thymus blüht,
Wo Ochsenzung’ und wankende Violen,
Hoch überwölbt von weichem Geißblatt,
Von Muscus-Rosen und Hambutten wachsen;
Dort schläft Titania einen Theil der Nacht,
Durch Tänz’ und Scherz in Blumen eingewiegt,
Und eingeschleyert in der schönsten Schlange
Geschmelzte Haut, die sie dort abwarf, weit
Genug, um eine Fee darein zu wikeln.
Schläft sie, dann will ich diesen Zauber-Saft
Auf ihre Augen streichen, und ihr Hirn
Mit ungereimten Phantasien füllen.
Nimm du davon, und suche durch den Hayn.
Ein holdes Mädchen von Athen verfolgt,
Von Liebe krank, den Jüngling der sie hasset.
Bestreiche seine Augen, aber so,
Damit das erste was er wachend sieht
Das Mädchen sey. Du wirst am Attischen Gewand
Ihn leicht erkennen. Mache daß er sie
Inbrünstiger noch liebe, als sie ihn,
Und siehe zu noch vor dem ersten Krähen
Des frühen Hahns, mich wieder hier zu finden.

Puk.
Verlaß dich, Herr, auf deines Dieners Fleiß!

(Sie gehen ab.)

Fünfter Auftritt.
(Die Königin der Feen, und ihr Gefolge.)

Königin.
Kommt einen Rundtanz und ein Feen-Lied,
Dann für den dritten Theil der Nacht hinweg!
Die einen in der Muscus-Rose Knospen
Der Raupen Brut zu tödten; andre sollen
Mit Fledermäusen um ihre Flügel kämpfen,
Um meinen Elfen Röke draus zu machen!
Andre die schreyerische Eule, die uns nächtlich
Belauscht, und unsrer Scherze sich verwundert
Von hinnen treiben! Singt mich nun in Schlaf,
Denn weg zu eurer Pflicht, und laßt mich ruhen. (Die Feen singen.)

1. Ihr zweygezüngten bunten Schlangen,
Ihr dornenvollen Igel, hin!
Ihr Nattern, die um Blumen hangen
Nah’t nicht unsrer Königin!
Philomelens Melodey
Sing’ in unsrer Lullabey!
Lulla, lulla, lullabey, :|:
Kein Harm und keine Zauberey,
Komm unsrer holden Frauen bey!
So gute Nacht mit lullabey. 2. Ihr webenden Spinnen flieht von
hier,
Du langgebeinte—* flieh!
Ihr schwarzen Schröter nah’t nicht ihr!
Kein Wurm noch Schnaak berühre sie!
Philomelens Melodie u.s.w.

{ed.-* Spider.}

Eine Fee.
Hinweg, Sie schläft schon, folget mir,
Doch Eine bleib und wache hier!

(Die Feen gehen ab.)

(Oberon tritt wieder auf.)

Oberon.
Was du sieh’st, wenn du erwach’st,
Soll dein Herz mit Glut erfüllen,
Brenn’ und schmacht’ um seinetwillen,
Möcht es Panther, Stachelschwein,
Löwe oder Kaze seyn!
Was zuerst dein Aug erblikt,
Ist der Schaz, der dich entzükt!

Sechster Auftritt.
(Lysander und Hermia.)

Lysander.
Du schmachtest, Theure, von dem langen Irren
Im Walde, und die Wahrheit zu gesteh’n,
Die Nacht hat uns vom rechten Weg verleitet;
Laß uns hier ruhen, Hermia, und den Tag
Wenn dir’s beliebt, erwarten.

Hermia.
—Sey es so
Lysander! Suche dir ein Lager aus;
Ich will mein Haupt auf diesen Wasen legen.

Lysander.
Ein Wasen soll zum Kissen beyden dienen;
Ein Herz, ein Bett, zween Busen, eine Treu!

Hermia.
Nicht so, Lysander! Mir zu lieb, mein Werther,
Lig weiter weg, lig nicht so nah’ bey mir!

Lysander.
Nimm, Holde, was ich sagte, wie ich’s meynte;
Laß deiner eignen Liebe Unschuld dir
Die Sprache meiner Liebe deuten.
Mein Herz ist so dem deinigen verwebt,
Daß eine Seele nur in beyden lebt!
Zween Busen, durch den gleichen Eyd verschlungen;
So sind’s zween Busen zwar, doch eine Treue!
Versag’ mir also nicht den Plaz an deiner Seite,
O Hermia, denn so ligend lüg ich nicht.

Hermia.
Lysander spielt ganz artig mit den Worten.
Doch, liebster Freund, aus Zärtlichkeit und Achtung
Für mich, lig weiter weg; so weit die Zucht,
Der Menschheit Vorrecht, sagt, daß einem Mädchen
Und einem tugendhaften Jüngling zieme,
So weit entferne dich! Nun gute Nacht,
Mein süsser Freund, und möge deine Liebe
Sich nur mit deinem holden Leben enden!

Lysander.
Mein Leben ende dann, wenn meine Liebe!
Hier soll mein Bette seyn. Der sanfte Schlaf
Mög’ alle seine Ruh’ auf dich ergiessen!

Hermia.
Und dieses Wunsches Helfte des Wünschers Augen schliessen!

(Sie schlaffen.)

(Puk tritt auf)

Puk.
Keinen Jüngling von Athen
Konnt ich in dem Hayn erspäh’n,
Dessen Auge dieser Blume
Zauberkraft bewähren könne!
Nacht und Stille! Wer ist der?
Kleider von Athen trägt er.
Der ist’s, den der König meynt,
Um den diß gute Mädchen weint.
Hier ligt es, hier, und schläft gesund
Auf dem feuchten lokern Grund.
Die holde Seele! durft’s nicht wagen,
Sich näher zu dem wilden Manne,
Dem Mädchen-Hässer hinzulegen.
Kerl’! ich gieß auf deine Augen
Allen Zauber dieser Blume!
Wach’st du auf, so soll dem Schlummer
Amors Zorn auf deinem Auglied
Den gewohnten Siz verbieten.

(Geht ab.)

Siebender Auftritt.
(Demetrius, und Helena, die ihm nacheilt.)

Helena.
Steh’ hier, Demetrius, wär’s auch mich zu tödten!

Demetrius.
Ich sag’s dir, weg, und jage mich nicht so!

Helena.
Ach! willt du hier im Dunkeln mich verlassen?

Demetrius.
Bleib wo du willt, ich will alleine geh’n.

(Demetrius geht ab.)

Helena.
O! ich bin athemlos von dieser Jagd.
Glüksel’ge Hermia, wo du izt auch ligst,
Dich hat des Himmels Gunst allein mit Augen
Die Seelen an sich zieh’n, begabt.
Was machte sie so glänzend? wahrlich nicht
Gesalzne Thränen; diese waschen öfter
Die meinen als die ihrigen! Nein! ich bin
So häßlich als ein Bär, die Thiere selbst
Die mir begegnen flieh’n erschrekt von mir.
Was Wunder, daß, wenn mich Demetrius sieh’t,
Er meine Gegenwart wie eines Scheusals flieht.
Welch ein verwünschtes lügenhaftes Glas
Beredte mich, mit Hermias Sternen-Augen
Die meinen zu vergleichen!—Wer ist hier?
Lysander auf dem Grund! todt oder schlafend?
Ich sehe weder Blut noch Wund’. Erwache
Lysander, wenn du lebst, so höre mich!

Lysander (erwachend.)
Und durch die Flammen selbst renn’ ich für dich!
Glanzreiche Helena! welch eine Kunst,
Beweiset die Natur, die mich dein Herz
Durch deinen Busen sehen läßt!
Wo ist Demetrius? O! verhaßter Name,
Gemacht, auf meinem Schwerdte zu ersterben.

Helena.
O! Sprich nicht so, Lysander, sprich nicht so!
Liebt er gleich deine Hermia! was ists mehr?
Sie liebet doch nur dich; drum sey zufrieden!

Lysander.
Mit Hermia? Wahrlich, nein! wie reuen mich
Die freudenlosen Augenblike,
Die sie mir stahl! Nicht Hermia, Helena
Ist’s die ich liebe. Wer wird nicht den Raben
Um eine Daube tauschen? Unser Wille
Wird durch Vernunft beherrscht, und diese sagt,
Du sey’st die Liebenswerthere unter beyden.
Was noch erst wächßt, reift nicht vor seiner Zeit!
So reift’ ich, noch zu jung, nicht zur Vernunft
Bis diesen Augenblik. Izt da mein Wachsthum
Den Punct der Reiff erreicht hat, ist Vernunft
Der Marschall über meinen Willen,
Und leitet mich zu deinen Augen hin,
Der Liebe reizendste Geschichten in
Der Liebe reichstem Buch zu lesen.

Helena.
Wofür ward ich zu diesem Hohn gebohren?
Wenn hab’ ich diese Schmach um dich verdient?
Ists nicht genug, ists nicht genug, o Jüngling,
Daß von Demetrius Augen ich noch nie
Mir einen günstigen Blik erwerben konnte?
Must du noch meines Unvermögens spotten?
Diß ist unedel! Ja, fürwahr, es ist!
Doch fahre wohl! Du zwingst mir’s ab, zu sagen,
Daß ich dich Meister beßrer Sitten glaubte.
O! daß ein Mädchen, die ein Mann verschmäht,
Vom andern noch verspottet werden soll!

(Sie geht.)

Lysander.
Sie siehet Hermia nicht; Hier, schlaf du, Hermia!
Und möchtest du Lysandern nimmer nahen!
Denn wie das Übermaaß der angenehmsten Speisen
Den Magen nur mit grösserm Ekel drükt;
Wie Kezereyen, wenn wir sie verlassen,
Uns nur verhaßter sind, je mehr sie einst uns täuschten,
So sey du, meine Unverdaulichkeit,
Und meine Kezerey,* von aller Welt
Gehasset, doch von niemand mehr als mir!
Und alle Kräfte meines Wesens sollen,
Für Helena zu Liebestrieben werden.

{ed.-* Man hat, so seltsam diese Einfälle tönen, eine wörtliche
Übersezung derselben gut befunden; und wird dieses noch öfters
thun, damit die Leser den Shakespeareauch von dieser Seite kennen
lernen.}

(Er geht ab.)

Hermia.
Hilf mir, Lysander! hilf! ich flehe dir,
Reiß diese Schlang’ aus meiner Brust!—Weh mir!
Was für ein Traum war das! Lysander! sieh’
Wie ich vor Schreken schlottre—Eine Schlange,
Fraß, däuchte mich, mein Herz, und du
Sah’st lächelnd zu!—Lysander!—wie? Entfernt?
Lysander! Freund! Wie bist du denn so ferne,
Daß du nicht hören kanst?—Kein Wort, kein Laut!
Ach, ach! wo bist du, sprich, wenn du noch hör’st,
O sprich, um aller Liebesgötter willen!
(Mir wird vor Angst ohnmächtig)—Nun?—Ich will
Es bald erfahren, ob du ferne bist.
Ich geh’ den Tod zu finden, oder dich.

(Geht ab.)

Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.
(Der Wald.)
(Squenz, Zettel, Schnok, Flaut, Schnauz und Schluker treten auf.)

(Die Feen-Königin ligt noch schlafend.)

Zettel.
Sind wir alle beysammen?

Squenz.
Recht gut! recht gut! Das ist ein unvergleichlicher Plaz zu
unsrer Probe. Dieser grüne Plaz soll unser Schauplaz seyn; die
kleine Wiese hinter diesem Weißdorn-Zaun unsre Kammer zum Ankleiden;
und wir wollen nur gleich so agieren, als ob es vor dem Herzog
wäre.

Zettel.
Peter Squenz—

Squenz.
Was willt du, Schurke Zettel?

Zettel.
Es sind Sachen in dieser Comödie von Pyramus und Thisbe, die
nimmermehr gefallen werden. Fürs erste: So muß Pyramus ein
Schwerdt ziehen, sich selbst umzubringen, und das werden die Damen
nicht aushalten können. Was antwortet ihr auf das?

Schnauz.
Beym Velten, das wird Kopf-Verbrechens brauchen!

Schluker.
Ich denke, wir müssen eben das Umbringen auslassen, wenn alles
andre vorbey ist.

Zettel.
Nichts, nichts! ich habe einen Einfall der alles gut machen wird:
Schreibet mir einen Prologus, und laßt ihn sagen, daß wir mit
unsern Schwerdtern kein Unglük anstellen werden, und daß Pyramus
nicht würklich umgebracht wird; und zu desto grösserer Sicherheit
laßt ihn sagen, daß ich Pyramus nicht Pyramus bin, sondern Claus
Zettel der Weber; das wird ihnen schon die Furcht benehmen.

Squenz.
Gut, wir wollen einen solchen Prologus haben, und er soll in acht
und sechsen* geschrieben seyn.

{ed.-* In einem Sonnet, welches wie bekannt, nur vierzehn Zeilen
haben darf.}

Zettel.
Nein, machet zwey mehr; schreibt es in acht und achten.

Schnauz.
Werden die Damen nicht auch über den Löwen erschreken?

Schluker.
Ich fürcht’ es, das versprach’ ich euch.

Zettel.
Ihr Herren, bedenket vorher was ihr thun wollt; einen Löwen, Gott
bewahr uns! unter Damen zu bringen, ist eine fürchterliche Sache;
denn es ist kein schlimmerer Waldvogel als euer Löwe, wenn er
lebendig ist; wir können zusehen.

Schnauz.
Es muß also ein andrer Prologus sagen, daß er kein Löwe ist.

Zettel.
Man kan ja seinen Namen nennen, und sein halbes Gesicht durch des
Löwen Hals hervor guken lassen; und er selbst kan daraus hervor
reden, und so oder zu eben diesem Defect sagen: Lädies, oder schöne
Lädies, ich wollte wünschen, oder ich wollte gebetten haben, oder
ich wollte ersucht haben, fürchten Sie sich nicht, zittern Sie
nicht so; mein Leben für das Ihrige, es soll ihnen nichts geschehen!
Wenn Sie dächten, ich komme hieher als ein Löwe, so daurte mich
nur meine Haut; Nein, nein, ich bin nichts dergleichen, ich bin ein
Mensch wie andre Menschen; und dann kan er sich ja nennen, und
ihnen rund heraus sagen, daß er Schnok der Schreiner ist.

Squenz.
Gut, so soll es seyn. Aber es sind noch zwey harte Puncten: Eins
ist, wie wollen wir den Mondschein in das Zimmer bringen? denn ihr
wißt, Pyramus und Thisbe kommen beym Mondschein zusammen.

Schnok.
Scheint der Mond in der Nacht, worinn wir spielen?

Zettel.
Einen Calender! einen Calender! sehet in den Almanach: Suchet
Mondschein, suchet Mondschein!

Squenz.
Ja, er scheinet diese Nacht.

Zettel.
Nun, so kan man ja einen Flügel von dem grossen Kammerfenster, wo
wir spielen, offen lassen; und der Mond kan durch den Flügel herein
scheinen.

Squenz.
Ja, oder es könnte auch einer mit einem Dornbusch und einer Laterne
heraus kommen, und sagen, er komme die Person des Mondscheins zu
presidieren, oder zu defiguriren. Aber es ist noch etwas; wir
müssen in der grossen Kammer eine Wand haben, denn Pyramus und
Thisbe, sagt die Historie, redten durch die Spalte einer Wand mit
einander.

Schnok.
Ihr werdet nimmermehr keine Wand hinein bringen können. Was sagst
du, Zettel?

Zettel.
Einer oder ein Andrer muß die Wand vorstellen; er kan etwas
Pflaster, oder etwas Leim, oder etwas Merdel an sich haben, das
eine Mauer bedeutet; oder laßt ihn seine Finger so halten, und
durch die Spalte können Pyramus und Thisbe wispern.

Squenz.
Wenn das angeht, so ist alles gut. Kommet, jeder Mutters-Sohn size
nieder, und probieret eure Pärte. Pyramus, ihr fanget an; wenn ihr
eure Rede gesprochen habet, so geht hinter diesen Zaun; und so ein
jeder wie es sein Merkwort erfodert.

Zweyter Auftritt.
(Puk tritt von hinten auf.)

Puk.
Was für ein Hauffen Galgenschwengel lermen
So nah’ beym Lager unsrer Königin?
Wie? Gar ein Schauspiel? Ich will Hörer seyn;
Vielleicht auch Acteur, wenn ich Anlas finde.

Squenz.
Redet, Pyramus, Thisbe stehet weiter weg.

Pyramus.
«Thisbe, wie eine Blum’ schmekt von Geschmäken süß.»

Squenz.
Gerüchen! Gerüchen!

Pyramus.
«Gerüchen G’schmäken süß.
So thut dein Athem auch, o Thisbe, meine Zier!
Doch horch, ich hör ein’ Stimm’; es ist mein Vater g’wiß,
Bleib eine Weile steh’n, ich bin gleich wieder hier.»

Puk.
Ein Pyramus, wie man nicht immer sieht!

Thisbe.
Muß ich izt reden?

Squenz.
Ja, zum Henker, freylich müßt ihr; ihr müßt wissen, daß er nur
weggegangen ist, weil er ein Getöse gehört hat; er wird gleich
wieder kommen.

Thisbe.
«Umstrahlter Pyramus, an Farbe Lilien-weiß,
Und roth wie eine Ros’ auf triumphiern’dem Strauch.
Du muntrer Juvenil, der Männer Zier und Preis,
Treu wie das treuste Roß, das nie ermüdet auch.
Ich will dich treffen an, glaub mir, bey Ninny’s* Grab.»

Squenz.
Nini Grab, Mann! Aber das müßt ihr nicht izo sagen; das antwortet
ihr dem Pyramus. Ihr sagt euern ganzen Part auf einmal her,
Merkwörter und allen Plunder!—Pyramus!—heraus! Euer Merkwort ist
schon gesagt, es ist ermüdet auch. (Zettel kömmt wieder mit einem
Eselskopf heraus.)

Thisbe.
O! «So treu wie’s treuste Roß das nie ermüdet auch.»

Pyramus.
«Wenn, Thisbe, ich wär’ schön, so wär’ ich einzig dein.»

Squenz.
O! Abentheur! O! Wunder! Es spükt um uns herum. Helft, ihr
Herren! flieht, ihr Herren, helft!

(Sie lauffen alle davon.)

Puk.
Ich will euch folgen, ich will euch im Kreise
Durch Sumpf und Busch, durch Kraut und Disteln jagen,
Ein Pferd will ich bald seyn, und bald ein Hund,
Ein Schwein, ein Bär, und bald ein flatternd Feuer,
Und wiehern, bellen, grunzen, brummen, brennen,
Wie Pferd, und Hund, und Schwein, und Bär, und Feuer.

(Geht ab.)

Zettel.
Warum lauffen sie davon. Es ist nur eine Schelmerey von ihnen, mir
Angst zu machen. (Schnauz kommt heraus.)

Schnauz.
Zettel, du bist verwandelt! was seh’ ich auf dir?

Zettel.
Was du sieh’st? du sieh’st einen Eselskopf auf deinem eignen;
nicht so?

(Schnauz geht ab.)

(Squenz kommt)

Squenz.
Der Himmel sey dir gnädig, Zettel, du bist transferirt.

(Geht ab.)

Zettel.
Ich merke ihre Schelmerey, sie wollen einen Esel aus mir machen,
und mich erschreken wenn sie könnten; aber ich will nicht von der
Stelle gehen, thun sie was sie können; ich will hier auf und ab
spazieren, und singen, damit sie hören, daß ich mir nicht fürchte.

(Er singt.)

Der Amsel-Hahn von Farb so schwarz,
Von Schnabel Orangen-gelb,
Die Drostel, die so lustig singt,
Das muntre Zeisiglein.

Titania (erwachend.)
Welch Engel weket mich von meinem Blumenbette?

Zettel.
Der Fink, der Sperling und die Lerch,
Der graue Kukuk fein,
Des wahrhaft Lied so mancher hört,
Und darf nicht sagen, Nein! Denn, in der That, wer wollte seinen
Wiz gegen einen so närrischen Vogel sezen? Wer wollte einen Vogel
lügen heissen, und wenn er noch so viel Kuku** schrie?

Titania.
Ich bitte dich, sing’ wieder, o du schönster
Der Sterblichen, mein Ohr ist ganz verliebt
In deine Melodey; so ist mein Auge
Entzükt von deiner Bildung, und mein Mund
Von deiner schönen Tugend Macht gezwungen,
Beym ersten Blik dir zu gesteh’n, zu schwören,
Daß ich dich liebe—

Zettel.
Mich dünkt, Frau, ihr solltet nicht viel Ursache dazu haben; und
doch, die Wahrheit zu sagen, Vernunft und Liebe halten einander
heut zu Tage selten Gesellschaft. Es ist zu bedauern, daß nicht
ein oder andre ehrliche Nachbarn sie zu Freunden machen. Gelt!
ich kan bey Gelegenheit auch spassen?

Titania.
Du bist so weise, als du reizend bist.

Zettel.
Keines sonderlich; doch wenn ich Wiz genug hätte, wieder aus diesem
Wald zu kommen, so hätte ich gerade so viel, als ich für mich
selbst brauche.

Titania.
O! wünsche nicht aus diesem Hayn zu kommen;
Hier sollt du bleiben, willig oder nicht.
Ich bin ein Geist, von nicht gemeiner Art,
Ein ew’ger Sommer wohnt auf meinem Staate;
Ich liebe dich; drum geh’ mit mir, ich will
Dir Feen geben, welche dich bedienen,
Und dir Juweelen aus der Tieffe holen,
Und singen, wenn auf Blumen du entschlummerst;
Und deine grobe sterbliche Natur
Will ich zur Feinheit lüftiger Geister läutern.
Senfsaamen, Bohnenblühte, Milbe, Spinnenweb! * Das Wortspiel ligt
in der Verwechslung von (Ninus’s) und (Ninny’s. Ninny) heißt ein
Tölpel, oder dummer Junge. ** Auch hier ligt der Scherz in der
Ähnlichkeit des Worts (Cuckow), welches einen Kukuk, und (Cuckold),
welches einen Ritter von dem Orden der grossen Brüderschaft
bezeichnet.

Dritter Auftritt.
(Die vier Feen treten auf.)

1. Fee.
Bereit!

2. Fee.
Und ich.

3. Fee.
Und ich.

4. Fee.
Und ich: Was sollen wir?

Titania.
Seyd diesem feinen Herren hold und dienstbar,
Hüpft vor ihm her, wenn er im Hayn spaziert,
Und gaukelt ihm kurzweilend um die Augen.
Speißt ihn mit Abricos und kühlenden Erdbeeren,
Maulbeeren, Feigen, und mit Purpurtrauben.
Beraubt die Bienen ihrer Honigwaben,
Und zündet ihre wachsbeladnen Beine
Für Fakeln an des Feurwurms Augen an,
Dem Liebling meiner Brust zur Ruh’ zu leuchten;
Und rauft den buntgemahlten Schmetterlingen
Die Flügel aus, den Mondschein wenn er schläft,
Von seinen Augen wegzufächeln.
Neigt euch ihr Elfen all, und grüsset ihn.

Die Feen.
Heil! Sterblicher; Heil dir! Heil! Heil!

Zettel.
Ich bitte Ew. Gestreng von Herzen um Vergebung; mit Erlaubniß,
Gestrenger Herr, ihren Namen?

Spinnenweb.
Spinnenweb.

Zettel.
Ich wünsche besser mit euch bekannt zu werden, guter Herr
Spinnenweb; wenn ich mich in den Finger schneide, so werde ich
lustig mit euch machen. Euer Name, Junker?

Bohnenblühte.
Bohnenblühte.

Zettel.
Ich bitte, empfehlt mich der Frau Squasch, eurer Mutter, und dem
Hrn. Bohnenhülse, euerm Vater. Lieber Herr Bohnenblühte, ich
hoffe noch besser mit ihm bekannt zu werden. Euern Namen, Herr,
wenn ich bitten darf.?

Senfsaamen.
Senfsaamen.

Zettel.
Mein lieber Herr Senfsaamen, ich kenne Ihre Verwandtschaft gar wol;
dieser bärenhäutrische riesenmässige Schurke, dieser Rinderbraten,
hat schon manchen wakern Herrn von euerm Hause aufgefressen. Ich
verspreche euch, eure Freundschaft hat mir schon oft die Augen
wässern gemacht. Ich wünsche bekannter mit euch zu werden, mein
guter Herr Senfsaamen.

Titania.
Kommt, führet ihn in meine Sommerlaube.
Luna (so däucht mich) scheint mit Augen voller Wasser,
Und wenn sie weint, weint jede kleine Blume
Und klagt um irgend eine, durch die Hülfe
Der kupplerischen Nacht bezwungne Jungfernschaft.
Bindt meines Lieblings Zunge, führt ihn schweigend!

(Sie gehen ab.)

Vierter Auftritt.
(Der König der Feen.)

Oberon.
Mich wundert, ob Titania schon erwachte. (Puk erscheint.) Doch
hier kommt mein Mercur! Wie geht es, Gaukler,
Was Neues giebt’s in diesem geistervollen Hayne?

Puk.
Die Königin ist in ein Ungeheuer
Verliebt. Nah’ an der engen, ihrem Schlummer
Geweyhten Laube, während daß sie schlief,
Fand eine Bande lumpichter Gesellen,
(Taglöhner, welche in den Hallen von Athen
Ihr täglich Brod mit harter Hand verdienen,)
Sich ein, ein Schauspiel zu probieren,
Das sie an Theseus Hochzeitfest zu spielen
Gesinnet sind. Der abgeschmakteste
Von diesen Flegeln, der den Pyramus
Vorstellte, lief aus seiner Scene weg,
Und kam in einen Plaz mit Farrenkraut,
Wo ich gleich über ihn den Vortheil nahm,
Und einen Eselskopf auf seine Schultern sezte.
Indeß muß Thisbe eine Antwort haben.
Mein Kerlchen kömmt zurük; wie sie ihn sehen,
So flieht, wie wilde Gänse die den Vogler
Am Boden kriechen sehen, oder wie
Ein bunter Schwarm von rothgefüßten Krähen,
Vom Knall der Flinten aufgeschrekt, sich krächzend
Zerstreut und sinnlos um die Wolken flattert;
So flieht der ganze Trupp bey seinem Anblik;
Und noch, von meines Fußtritts Ton erschrekt,
Fiel, weil sie sich verfolgt von Geistern glaubten,
Der eine überwälzend auf die Erde;
Ein andrer schrie um Hülfe von Athen.
Die Angst die ihrer Sinnen sie beraubte,
Empörte wider sie selbst lebenlose Wesen;
Denn Dorn und Heken schnappten ihnen nach,
Hier blieb ein Hut zurük, ein Ermel dort;
Den Fliehenden berupfen alle Dinge.
So trieb ich sie vor Furcht entseelt herum,
Und ließ indeß den holden Pyramus
Verwandelt hier; im gleichen Augenblik
Erwacht Titania, und verliebt sich straks
In einen Esel—

Oberon.
Diß fiel besser aus
Als ich vermuthen durfte. Hast du aber
Auch, wie ich dir zu thun befahl, die Augen
Des Jünglings von Athen mit diesem Saft bestrichen?

Puk.
Ich fand ihn schlafend; auch diß ist vorbey.
Das Mädchen lag dabey, und nah’ genug,
Daß er sie sehen muß, wenn er erwacht.

Fünfter Auftritt.
(Demetrius und Hermia.)

Oberon.
Steh’ still, diß ist der Jüngling den ich meynte.

Puk.
Diß ist das Mädchen, aber nicht der Jüngling.

Demetrius.
Wie hart begegnest du, dem der dich liebt?
Gieb deinem Todfeind solche bittern Worte!

Hermia.
Noch schelt’ ich nur, weit schlimmer sollt ich dir
Begegnen; denn, ich fürchte, du hast mir
Dich zu verfluchen, Grund gegeben:
Du hast Lysandern als er schlief erschlagen;
So tief im Blut tauch dich noch tieffer ein,
Und tödte mich. Die Sonn’ ist nicht so rein,
Als er bis diesen Tag getreu mir war.
Würd’ er von seiner Hermia, weil sie schlief,
Sich weggestohlen haben? Eher wollt’ ich glauben,
Daß dieser Erdenball durchbohret werden,
Und Luna durch das hole Centrum kriechen,
Und ihres Bruders Mittag bey den Gegenfüßlern
Beschämen könnt’! Es kan nicht anders seyn,
Ermordet hast du ihn; so wie du blikest,
So stier, so grimmig sollt ein Mörder bliken.

Demetrius.
So sollte der Erschlagne ausseh’n, und so, ich,
Dem deine Grausamkeit das Herz durchbohrt;
Doch du, die Mörderin, du siehst so glänzend
Als Venus dort in ihrer Sphäre funkelt.

Hermia.
Was hat diß mit Lysandern? wo ist er?
Ach! werther Freund, willt du ihn mir nicht geben?

Demetrius.
Eh wollt ich seinen Rumpf den Hunden geben!

Hermia.
Weg, Hund, hinweg! Du treibst mich aus den Grenzen
Der weiblichen Geduld. So hast du ihn
Erschlagen? o wenn dieses ist, so werde
Hinfort nicht mehr den Menschen zugezählt!
Sprich einmal wahr, sag’ es mir zu Gefallen,
Hätt’st du es wagen dürfen, weil er wachte
Ihn anzuseh’n, und hast du ihn im Schlaf
Ermordet? Wahrlich! eine kühne That!
Kan nicht ein Wurm, ein kriechend Ungeziefer
Das gleiche thun! Das bist du; keine Otter
Hat je mit einer zweygespiztern Zunge,
Als deine ist, du Schlangenbrut, gestochen.

Demetrius.
Umsonst verschwendest du, o Schönste, deine Wuth;
Denn ich bin schuldlos an Lysanders Blut,
Noch ist er tod, so viel ich sagen kan.

Hermia.
So sag’, ich bitte dich, es sey ihm wohl!

Demetrius.
Und könnt ich’s, was gewönn’ ich denn damit?

Hermia.
Das Recht, mich nimmermehr zu sehen.
Auf ewig meid’ ich dein verhaßtes Antliz!
Was auch Lysander sey, du sollt mich nicht mehr sehen.

(Geht ab.)

Demetrius.
Es nuzet nichts, bey dieser bösen Laune
Ihr nachzugeh’n; ich will noch hier verweilen,
Des Kummers Last wird schwerer durch die Schuld
Die der bankrotte Schlaf dem Kummer soll;
Vielleicht bezahlt er einen Theil daran,
Wenn ich, ihm abzuwarten, hier verweile.

(Er ligt nieder, und schläft.)

Oberon.
Was thatest du? Du hast aus Mißverstand
Auf irgend einer treuen Liebe Augen
Den Zaubersaft gelegt; nun macht dein Irrthum
Die treue Liebe falsch, und nicht die falsche treu.

Puk.
So ist des Schiksals Schluß; für einen treuen Mann
Sind hundert tausend, die mit Eiden spielen.

Oberon.
Geh’ schneller als der Wind, und finde mir
In diesem Hayne Helena von Athen.
Ganz Liebeskrank ist sie, und blaß vom Antliz,
Und haucht ihr Rosenblut in Seufzer aus.
Verleite sie hieher, ich will die Augen
Des Jünglings den sie liebt, für sie bezaubern.

Puk.
Kein Pfeil von eines Tartars Bogen,
Ist je so schnell wie ich geflogen.

(Er geht ab.)

Oberon (indem er den Saft auf Demetrius Augen gießt.)
Blume, die durch Amors Schaft
In Purpur-Farbe glüht,
Hauche deine Liebes-Kraft
Durch sein Augenlied!
Und sieht er dann die er bisher
Durch Untreu zwang, ihm nachzuweinen,
So laß sie schöner, glänzender
Als Venus unterm Sternen-Heer,
Vor des Entzükten Aug’ erscheinen:
Die Reyhe komme dann an ihn,
Sich um ihr Lächeln zu bemüh’n,
Und wenn sie flieht, ihr nachzuweinen!

(Puk kömmt zurük.)

Puk.
Herr von unserm Feen-Land,
Helena ist hier zur Hand;
Ihr folgt der Jüngling von Athen,
An dem ich vor mich überseh’n,
Und fleht sie, was er flehen kan
Um Lind’rung seiner Schmerzen an.
Es ist ein Spaß dem Schauspiel zuzuseh’n;
Herr! welch ein albern Volk sind diese Sterblichen!

Oberon.
Gieb Acht, es könnte leicht vom Lermen so sie machen,
Demetrius uns zu früh erwachen.

Puk.
Dann wär’ erst unser Spaß vollkommen,
Dann buhlten ihrer Zwey um Eine.
Je wiedersinnischer die Sachen
Sich dreh’n, je mehr hat Puk zu lachen.

Sechster Auftritt.
(Lysander und Helena.)

Lysander.
Wie kanst du denken, daß ich deiner spotte?
O! wenn zerfloß wol je der Spott in Thränen?
Sieh’, meine Thränen waschen den Verdacht
Von den Gelübden ab, die ich dir weyhe,
Und zeugen für die Wahrheit meiner Seufzer.

Helena.
Je mehr du sprichst, entdekt sich deine Falschheit.
Wenn Wahrheit Wahrheit tödtet, welch ein Zweykampf,
Wie teuflisch-heilig!—Alle die Gelübde,
Die du mir weyh’st, sind Hermias! Wäge nun
Eyd gegen Eyd, so wirst du gar nichts wägen.
Treuloser Mann, die Schwüre die du ihr
Und die du mir geschworen, in zwey Schalen
Geworffen, wägen gleich, und beyde gleich so viel
Als Mährchen die der Kinder Schlaf befördern.

Lysander.
Mir fehlte der Verstand, als ich ihr schwor.

Helena.
Und fehlt dir izt, da du ihr treulos wirst.

Lysander.
Demetrius liebet sie, und liebt nicht dich.

Demetrius (erwachend.)
O Helena, Göttin, Nymphe, Schönste, Beste,
Womit, Geliebte, soll ich deine Augen
Vergleichen? Trüb ist gegen sie Crystall!
Wie loket deiner Lippen reiffe Röthe,
Gleich Kirschen, die dem Mund entgegen schwellen,
Zum süssen Kuß; das reine dichte Weiß,
Auf Taurus Höh’ wird rabenschwarz, sobald
Du deine Hand erhebst! O laß mich dieses Urbild
Der reinsten Weisse küssen, und im Arme
Der Göttinnen die Götter neidisch machen.

Helena.
O! Schmach, o Hölle! Habt ihr’s abgeredet,
So ein barbarisch Spiel mit mir zu treiben?
Wär’t ihr gesittet, und der heiligen Geseze
Des Wohlstands kundig, o! ihr würdet euch
So niederträchtig mich zu kränken schämen.
Könnt ihr mich denn nicht hassen, wie ich weiß
Ihr thut es, ohne meiner noch zu spotten?
Wär’t ihr was ihr zu seyn scheint, wär’t ihr Männer,
Ihr würdet einem guten Mädchen nicht
So unverschämt begegnen, ihre Gaben
Durch übertriebnes Lob zu höhnen, und zu schwören,
Der Abscheu, den sie euch erwekt, sey Liebe.
Ihr beyde seyd, ich weiß es, Nebenbuler
Um Hermia; nun seyd ihr’s auch, um meiner
Zu spotten. Eine feine Heldenthat;
Fürwahr! ein männlich Unternehmen, Thränen
Aus eines armen Mädchens Augen
Zu zwingen! Keiner, dem ein edles Herz
Im Busen schlüge, würde fähig seyn
Mit einer Jungfrau so zu handeln!

Lysander.
Nicht so, Demetrius! Nicht so unleutselig!
Du liebest Hermia, und du weist, ich weiß es,
Und hier tret’ ich freywillig und von Herzen
Dir meinen Theil an Hermias Liebe ab,
Und fordre deinen nur an Helena,
Die dir gleichgültig ist, und die ich liebe,
Und bis zum lezten Athem lieben werde.

Helena.
Niemals verlohren blöde Spötter mehr
Unnüzen Athem!—

Demetrius.
Höre mich, Lysander!
Behalte deine Hermia, ich will keine.
Liebt’ ich sie einst, wie ich mich dessen kaum
Besinnen kan, so ist es nun vorbey
Mit dieser Liebe. Gastweis hielte sich
Mein Herz nur bey ihr auf, und ist nunmehr
Zu Helena auf ewig heimgekehrt!

Lysander.
Es ist nicht so.

Demetrius.
Schmäh’ du nicht eine Treue
Die du nicht kennst; du thätest es auf deine
Gefahr!—Schau auf, da kömmt sie, deine Liebe.

Siebender Auftritt.
(Hermia zu den vorigen.)

Hermia.
Die Nacht entsezt das Auge seines Amtes,
Und macht des Ohrs Empfindung desto schärfer.
Was sie dem Sehen raubt, ersezet sie
Dem Sinn des Hörens zweyfach. O Lysander,
Mein Auge sucht dich lang’ und fand dich nicht;
Allein mein Ohr, Dank sey ihm, brachte mich,
Auf deiner Stimme Spur, zu dir. Warum,
Warum verließst du so unzärtlich mich?

Lysander.
Wie konnt ich bleiben, da die Liebe mich
Zu gehen trieb?

Hermia.
Welch eine Liebe konnte
Lysandern weg von meiner Seite treiben?

Lysander.
Lysanders Liebe, die ihm nicht erlaubte
Fern von der schönen Helena zu bleiben,
Die mehr die Nacht vergüldt,
Als alle jene feuerreichen Augen
Des Himmels. Warum suchest du mich noch?
Erklärte nicht die Sache selbst dir deutlich,
Es sey der Haß zu dir, der mich dich fliehen machte.

Hermia.
Du sprichst nicht wie du denkst, es kan nicht seyn.

Helena.
Seh’t, sie ist eine von dem edeln Bündniß;
Nun seh’ ich, alle drey vereinten sich
Durch diese Mummerey mich zu verhönen.
Boshafte Hermia, undankbares Mädchen,
Was hab’ ich dir gethan, daß du dich auch
Zu ihnen schlägst, ein Spiel aus mir zu machen?
Ist alle Freundschaft, die wir einst uns weyhten;
Ist die Vertraulichkeit, die schwesterlichen
Gelübd’; und jene Stunden, da wir ungern
Uns scheidend, die zu schnelle Zeit beschalten;
O! Ist diß alles, alles schon vergessen,
Die Schultags-Freundschaft, und die spielende
Schuldlose Liebe unsrer frohen Kindheit?
Da, Hermia, schuffen wir mit unsern Nadeln
Gleich zween kunstvollen Göttern eine Blume,
Nach einem Riß, auf einem Polster sizend;
Und gurgelten nach einer Melodie
Ein muntres Lied, die Arbeit zu beleben;
Als wären unsre Händ’ und Stimm’ und Herzen
Verkörpert, nur Ein Leib, beseelt von unsrer Liebe.
So wuchsen wir, wie eine Doppel-Kirsche
Getheilt zwar scheinend, doch in Eins verwachsen
Beysammen auf; zwo anmuthsvolle Beeren,
An einem Stiele reiffend; so zwey Leiber
Dem Scheine nach, doch nur ein Herz in beyden.
Und willt du, kanst du unsre alte Liebe
Vergessen, und um deiner armen Freundin
Zu spotten, dich zu Männern zugesellen?
O! das ist nicht freundschaftlich, nicht jungfräulich
Gehandelt; du verschuldest dich an unserm
Geschlechte, nicht an mir allein, obgleich
Nur ich allein die bittre Kränkung fühle.

Hermia.
Dein hiziges Reden sezt mich in Erstaunen!
Nicht ich, du, scheint’s, beleidigst mich!

Helena.
Hast du Lysandern nicht, mir nachzugehen,
Und mein Gesicht und meine Augen
Zu preisen, aufgestiftet? Hast du nicht
Demetrius, deinen andern Freund, der erst
Mich noch mit seinem Fusse von sich stieß,
Gereizt, mich Göttin, Nymphe, überirdisch,
Himmlisch zu nennen? Warum sagt er so
Zu einer die er haßt? Warum verläugnet
Lysander deine Liebe, die sein Herz
Doch ganz erfüllt, und sagt mir Süssigkeiten,
Als, weil du sie gereizt, und eingewilligt?
Wie? wenn ich gleich nicht so begünstigt bin,
Wie du; nicht so beglükt, und so mit Liebe
Behangen, ja von meinem Unstern gar
Zur Schmach verurtheilt, ungeliebt zu lieben;
Diß sollte dich vielmehr zu sanftem Mitleid
Als zu Verachtung reizen!—

Hermia.
Ich verstehe nicht,
Was du mit allem diesem meyn’st—

Helena.
So recht!
Fahr immerfort, verstelle deine Minen,
Zieh’ Mäuler gegen mich, wenn ich mich drehe,
Winkt euch einander zu! o haltet ja
Diß schöne Spiel recht aus, es ist der Chronik würdig.
Wenn ihr ein fühlend menschlich Herz, ja nur
Manieren hättet, würdet ihr aus mir
Den Inhalt eines solchen Spiels nicht machen.
Jedoch der Fehler ist zum Theil an mir;
Bald soll Entfernung oder Tod ihn heilen.

Lysander.
Steh’, holde Helena! hör’, o hör’ mich an!
Mein Licht, mein Leben, meine schönste Liebe!

Helena.
Vortrefflich!

Hermia.
Lieber Freund, verspotte sie nicht so.

Demetrius.
Vermag ihr Bitten nichts, so kan ich zwingen.

Lysander.
Du kanst es so, wie sie erbitten kan.
Dein Droh’n hat nicht mehr Kraft als ihre schwache Bitten.
Helena, ich liebe dich; bey meinem Leben,
Ich liebe dich; bey dem was ich für dich
Verliehren will, dem der es widerspricht
Es zu beweisen, daß er lügt—

Demetrius.
Ich sage,
Ich liebe dich weit mehr als er dich liebt.

Lysander.
Wenn du das sagst, so komm es zu beweisen.

Demetrius.
Nur gleich—

Hermia.
Lysander, wozu soll diß alles?

Lysander.
Aus meinem Weg, du Mohr!

Demetrius.
Besorge nichts,
Er thut nur so dergleichen; es ist nicht
Sein Ernst mit mir zu kommen—Geh’, Lysander,
Du bist ein zahmer Mann—

Lysander (zu Hermia.)
Hinweg du Kaze, du Klette, du nichtswürdigs Ding;
Laß mich, sonst schleudr’ ich dich wie eine Schlange
Von mir hinweg—

Hermia.
Warum so rauh? welch eine Änd’rung
Ist das, mein Herz!

Lysander.
Dein Herz? Fort, du schwarzgelber Tartar, fort,
Du ekelhafte Medicin, hinweg!

Hermia.
Scherzt ihr, Lysander?

Helena.
Freylich, wie du auch.

Lysander.
Demetrius, ich will dir mein Wort unfehlbar halten!

Demetrius.
Du must mir Bürgschaft stellen, denn ich merke,
Daß deinem Wort nicht viel zu trauen ist.

Lysander.
Wie? soll ich sie denn stossen, schlagen, tödten?
Haß’ ich sie gleich, so will ich ihr doch nichts
Zu Leide thun.

Hermia.
Und welch ein grösseres Leid
Kanst du mir thun, als hassen? wie? Mich hassen?
Wofür? weh mir! welch eine Neuigkeit!
Bin ich nicht Hermia? Bist nicht du, Lysander?
Ich bin izt noch so schön, als vor so kurzer Weile.
Noch diese Nacht, war ich von dir geliebt,
Und doch, in dieser Nacht verließst du mich!
Warum verliessest du mich?—(O! die Götter
Verhüten es!) in Ernste, soll ich sagen?

Lysander.
So ists, bey meinem Leben! Ganz in Ernst,
Und mit dem Wunsche, nimmer dich zu sehen.
Sey also ausser Hoffnung, Frag und Zweifel,
Versichre dich’s: Nichts kan gewisser seyn,
Ich hasse dich, und liebe Helena.

Hermia.
Weh mir! du Taschenspielerin, wurmstich’ge Blume,
Du Liebes-Diebin, kamst du bey der Nacht,
Mir meines Freundes Herz hinweg zu stehlen?

Helena.
In Wahrheit! fein!—Hast du denn kein Gefühl
Von Sittsamkeit, von jüngferlicher Schaam?
Willt du von meiner sanften Zunge Worte
Der Ungeduld erzwingen! Schäme dich,
Du angestrichnes Bild, du Puppe, du!

Hermia.
Puppe? wie so?—Ha, ha! So ligt das Spiel!
Nun merk ich es! Sie hat ihn das Verhältniß,
Von ihrer Länge zu der meinigen,
Bemerken lassen; sie hat ihre Höhe
Gelten gemacht, und ihm mit ihrer
Person, mit ihrer langen aufgeschoßnen
Person, bey meiner Treu! mit ihrer Höhe
Das Herz genommen—Seyd ihr darum also
So hoch in seiner Gunst emporgewachsen,
Weil ich so klein, so Zwergen-mässig bin?
Wie klein bin ich? Du Bohnenstikel, sprich,
Wie klein bin ich? Ich bin doch nicht so klein,
Daß meine Nägel nicht an deine Augen reichen.

Helena.
Ihr Herr’n, ich bitte euch, so gram ihr mir
Auch seyn mög’t, laßt sie mich nicht schlagen!
Ich war nie zänkerisch, und habe gar
Gar keine Gabe mich mit ihr zu rauffen.
O! laßt sie nicht an mich! Ihr denkt vielleicht,
Weil sie um etwas kleiner ist als ich,
Ich könnte sie bezwingen—

Hermia.
Kleiner! horcht!
Schon wieder!—

Helena.
Liebe Hermia, sey doch nicht
So bitter gegen mich. Ich liebte dich
Ja immerdar, that dir nie was zu Leide;
Und schloß, was du mir anvertrautest, schweigend
In meinen Busen, ausser dißmal nur
Diß einzige mal entdekt’ ich deine Flucht
In diesen Wald, Demetrio, den ich liebe.
Er folgte dir. Aus Liebe folgt’ ich ihm,
Allein er schalt mich fort, und drohte mir
Mich wegzustossen, ja mich gar zu tödten.
Und nun, wenn ihr mich ruhig gehen lasset,
Nun will ich meine Thorheit nach Athen
Zurüke tragen, und euch nicht mehr stören.
O! laßt mich geh’n! Ihr seh’t, was für ein schwaches
Einfältigs Ding ich bin.

Hermia.
Geh’ deines Weges,
Wer hindert dich?

Helena.
Ein thöricht Herz, das ich zurüke lasse.

Hermia.
Wie? Bey Lysander?

Helena.
Bey Demetrius.

Lysander.
Sey ohne Furcht, sie soll kein Leid dir thun
Geliebte Helena!—

Demetrius.
Nein, Herr! sie soll nicht,
Ob du dich gleich zu ihrem Schüzer aufwirfst.

Helena.
O! wenn sie zornig ist, so ist sie kühn;
Sie war ein böses Ding, wie sie zur Schule gieng;
Und hat, so klein sie ist, so viele Stärke.

Hermia.
Schon wieder klein, und nichts als klein und klein.
Wie könnt ihr leiden, daß sie so mich höhne?
Laßt mich an sie!—

Lysander.
Geh’, pake dich, du Zwerg,
Du Minimus, aus Besem-Kraut gemacht;
Du Eichel, du, du Paternoster-Kralle.

Demetrius.
Ihr seid allzudienstfertig, Herr Lysander,
Für eine die sich eurer Dienste weigert.
Laß sie allein, sprich nicht von Helena,
Und laß sie unbeschüzt; denn wenn du dich
Noch einmal untersteh’st von deiner Liebe
So wenig als es sey, ihr anzutragen,
So sollt du es bereun.

Lysander.
Izt hält sie mich nicht mehr;
Nun folge, wenn du darfst, es wird sich zeigen,
Ob dein Recht, oder mein’s an Helena
Das Stärk’re ist.

Demetrius.
Dir folgen? Nein, ich will dich Stirn’ an Stirne
Begleiten—Komm!

(Lysander und Demetrius gehen ab.)

Hermia.
Ihr, Frauenzimmer, aller dieser Lerm
Ist eure Schuld—Nein, geh’ nicht fort!—

Helena.
Ich traue dir nicht, ich, noch werd’ ich länger
In deiner zänkischen Gesellschaft bleiben.
Zum Rauffen hast du schnellere Händ’ als ich,
Doch zum Entlauffen hab’ ich längere Beine.

(Sie gehen ab. Hermia verfolgt Helena.)

Achter Auftritt.
(Oberon und Puk.)

Oberon.
Diß ist dein Fehler; stets versieh’st du was;
Doch bist du Schelms genug, vielleicht es gar
Mit Fleiß gethan zu haben—

Puk.
Glaubet mir,
König der Schatten, ich versahe mich.
Ihr sagtet ja, ich würde meinen Mann
An seinem Attischen Habit erkennen,
Und dieser täuschte mich; doch da der Irrthum
Nun einmal, ohne meine Schuld, begangen ist,
So freut mich’s, weil mich diese Zänkerey
Kurzweilig däucht—

Oberon.
Du siehest, diese Nebenbuhler suchen
Sich einen Plaz zum Fechten. Eile dann,
Robin, umzieh’ die heitre Nacht mit Dunkel,
Und hülle das gestirnte Firmament
In Nebel ein, schwarz wie der Acheron;
Und führe diese Streiter so vonsammen,
Daß keiner in den Weg des andern komme.
Bald bilde deine Zunge gleich Lysanders,
Durch bittern Schimpf Demetrius aufzureizen,
Und bald Lysandern mit Demetrius Stimme;
Treib sie so lang umher, doch stets entfernt,
Bis über ihre Augenlieder
Der Schlaf mit Leder-Flügeln und mit Füssen
Von Bley, dem Tod nachäffend kriecht, dann lege
Diß Kräutchen auf Lysanders Augen, welches
Die Kraft besizt, von ihnen allen Irrthum
Hinweg zu thun, und nach gewohnter Art
Sie seh’n zu machen. Wenn sie dann erwachen,
So wird sie dünken, dieses ganze Spiel
Sey nur ein Tand, ein eitles Nachtgesicht
Der Scherz von einem Sommertraum gewesen;
Und durch ein Band verknüpft, das nur der Tod soll lösen,
Wird jedes Liebespaar sich nach Athen
Zurük begeben. Weil du diß verrichtest,
Will ich zu meiner Königin, von ihr
Die Ursach unsers Streits, den Indischen Knaben
Zu fordern; giebt sie ihn, so will ich ihr
Bezaubert Auge von dem Schwindel heilen,
Der für ein Ungeheuer sie entzükt;
Und alle Fehde soll in süssem Frieden enden.

Puk.
Diß muß, o Geisterfürst, in Eil verrichtet werden;
Die schnellen Drachen die den Wagen ziehen
Der braunen Nacht, durchschneiden schon die Wolken
Mit größrer Hast, und dorten scheint Aurorens
Vorläuffer schon, bey dessen Ankunft
Umirrende Gespenster schaarenweise
Heim zu Kirchhöfen eilen; Schon sind alle
Verdammten Geister, die in Scheidewegen
Und in den Fluthen ihr Begräbniß haben,
Zu ihrem Würmer-vollen Bette bebend
Zurük gekehrt; aus Furcht, der lezte Tag
Möcht’ ihre Schande seh’n, verbannen sie
Freywillig sich vom Licht, und bleiben
Auf ewig zu der schwarzen Nacht gesellt.

Oberon.
Doch wir sind Geister einer andern Art.
Oft hab’ ich mit dem Morgenlicht gescherzt,
Und mag so lang die Hayne, wie ein Jäger
Durchtraben, bis des Himmels Pfort’ in Osten
Ganz feuerroth, sich gegen den Neptun
Mit weit umher ergoßnen Stralen öffnend,
All seine grünen Ström’ in Gold verwandelt.
Doch eile drum nichts minder, zög’re nicht,
Vor Tag kan alles schon verrichtet seyn.

(Oberon geht ab.)

Puk.
Auf und ab, auf und ab,
Führ’ ich sie in schnellem Trab
Kobolt, führ’ sie auf und ab.
Hier kömmt einer—(Demetrius tritt auf.)

Demetrius.
Lysander, sprich noch einmal,
Du Hasenherz, du feige Memme, du,
Bist du entlauffen? Sprich aus irgend einem Busch?
Wo hast du dich verstekt?

Puk.
Du, Memme selbst, wie? prahlst du zu den Sternen,
Sag’st zu den Stauden, daß du fechten wollest,
Und darfst nicht kommen? Komm, du kleiner Bube,
Die Ruthe sollst du haben; er ist fort
Der gegen dich ein Schwerdt gezogen.

Demetrius.
Ha, bist du dort—

Puk.
Folg’ meiner Stimme nach,
Hier ist kein Plaz zum Fechten.

(Sie gehen ab.)

(Lysander kömmt zurük.)

Lysander.
Stets läuft er vor mir her, und fordert mich
Heraus, und wenn ich komme wo er hin mich ruft,
So ist er fort; der Schlingel ist
Schnell-füssigter als ich, ich folgt’ ihm schnell,
Doch er floh’ schneller noch: Nun bin ich hier
In diesen dunkeln und unebnen Weg
Gerathen, und hier will ich ruhen. Komm,
Du holder Tag,

(er legt sich;)

denn zeigst du mir nur einst
Dein graues Licht, so will ich bald ihn finden,
Um diesen Hohn an ihm zu rächen.

(Puk und Demetrius kommen zurük.)

Puk.
Ho! ho! du Memme, warum kommst du nicht?

Demetrius.
Komm näher, wenn du darfst; ich weiß es wol,
Daß du von Ort zu Ort mir stets entläufst,
Und darfst nicht steh’n und mir ins Antliz sehen.
Wo bist du?

Puk.
Komm du nur hieher, hier bin ich!

Demetrius.
Du äffest mich; du sollt es theur bezahlen,
Wenn ich je dein Gesicht bey Tag erblike.
Izt, pake dich, mich zwingt die Mattigkeit,
Auf dieses kalte Bette mich zu streken.
Erwarte bey des Tages Anbruch mich!

(Er ligt nieder.)

Neunter Auftritt.

Helena.
O schwere Nacht, verdrießlich lange Nacht,
Verkürze deine Stunden! brich heran,
Erwünschtes Licht, das mich von diesen Leuten
Die meine Gegenwart verabscheun, nach Athen
Zurüke leit’. Inzwischen komm, o du
Der oft des Kummers müdes Auge schließt,
Komm, sanfter Schlaf, und stiehl mich eine Weile
Von meiner eigenen Gesellschaft.

(Sie entschläft.)

Puk.
Noch sind’s erst drey; nur eine noch,
So sind sie alle vier beysammen.
Hier kömmt sie, unmuthsvoll und traurig!
Cupido ist ein schlimmer Vogel,
So arme Mädchens zu bethören. (Hermia tritt auf.)

Hermia.
Nie so ermüdet, nie von Schmerzen so
Bedrüket, naß von Thau, von Dornen wund,
Kan ich nicht weiter geh’n, noch weiter kriechen;
Hier will ich ruhen, und den Tag erwarten!
Ihr Götter schüzt Lysandern, wenn ihr Streit
Mit einem Kampf sich endet—

(Sie liegt nieder.)

Puk.
Schlafe du
In süsser Ruh!
Unterweilen
Soll die Kraft
Von diesem Saft
Deines Lieblings Augen heilen.

(Er gießt den Saft auf Lysanders Augen.)

Erwachest du, so wird in Hermias Bliken
Dich der gewohnte Reiz entzüken.
So trift bey euerm Wachen dann
Das alte Sprüchwort zu:
Hans nimmt sein Gretchen wieder an,
Und alles ist in Ruh.

(Puk geht ab.)

Vierter Aufzug.

Erster Auftritt.
(Der Wald)
(Die Königin der Feen, Zettel, aufwartende Feen, und Oberon hinter
ihnen)

Titania.
Komm, seze dich auf dieses Blumenbette,
Weil ich dir deine holden Wangen streichle,
Dein glattes weiches Haupt mit Rosen kränze,
Und deine schönen langen Ohren küsse,
Mein süsses Herz—

Zettel.
Wo ist Bohnenblühte?

Bohnenblühte.
Hier.

Zettel.
Krazt mir im Kopf, Bohnenblühte. Wo ist Monsieur Spinnenweb?

Spinnenweb.
Hier.

Zettel.
Monsieur Spinnenweb, werther Monsieur, nehmt eure Waffen zur Hand,
und tödtet mir eine rothgeschenkelte Hummel auf einem Distelkopf;
und, werther Monsieur, bringt mir den Honigwaben. Lauft euch nicht
zu sehr aus dem Athem, Monsieur; und, werther Monsieur, habet Sorge,
daß der Honigwaben nicht breche; es sollte mir leid seyn, euch mit
Honigseim übergossen zu sehen, Signior. Wo ist Messer Senfsaamen?

Senfsaamen.
Hier!

Zettel.
Leih’ mir deine Faust, Monsieur Senfsaamen. Ich bitte euch, nicht
so viel Complimente, werther Monsieur.

Senfsaamen.
Was beliebt Ihnen?

Zettel.
Nichts, werther Monsieur, als Cavalero Spinnenweb krazen zu helfen.
Ich muß zum Barbier, Monsieur, denn mir däucht, ich bin ganz
erstaunlich haaricht um’s Gesichte. Und ich bin ein so zärtlicher
Esel, wenn mein Haar mich nur ein bißchen kizelt, so muß ich krazen.

Titania.
Verlangest du Musik, mein werthes Leben?

Zettel.
Ich hab ein raisonabel gutes Ohr zur Musik.

(Eine ländliche Musik.)

Titania.
Sag izt, mein Herz, was wünschest du zu essen?

Zettel.
Die Wahrheit zu sagen, eine Handvoll Futter würde mir nicht übel
thun; ich wollte euch ein gut Theil von euerm Haber käuen, wenn ich
hätte. Mich dünkt, ich habe einen grossen Appetit nach einem
Schober Heu; gutes Heu, zartes Heu, hat nicht seines gleichen.

Titania.
Sogleich soll eine meiner schnellsten Feen
Dir aus des Eichhorns Vorrath frische Nüsse hohlen.

Zettel.
Ich hätte lieber eine Handvoll oder zwo dürre Bohnen. Aber ich
bitte, laßt niemand von euern Leuten mich beunruhigen; ich habe
eine Exposition von Schlaf die mich ankommt.

Titania.
Schlaf du, und ich will dich in meine Arme winden.
Ihr Feen, geht, hinweg ihr Elfen alle!
So windet sich das weiche Geißblatt
Sanft um den Ahorn, Epheu windet so
Sich um des Ulmbaums ausgestrekte Arme.
O! wie ich bis zur Schwärmerey dich liebe! (Puk erscheint.)

Oberon.
Willkommen, Robin! Sieh’st du diesen Anblik?
Ihr Wahnwiz fängt mein Mitleid an zu reizen.
Denn da ich sie vorhin in diesem Hayne
Beschlich, indem sie eben süsse Düfte
Für dieses abgeschmakte Monkalb suchte,
Beschalt ich sie, und hielt mit bittern Worten
Ihr ihren Unsinn vor; denn seine rauhen
Behaarten Schläfe hatte sie mit Kränzen
Von auserlesnen Blumen rings umkränzt;
Und eben dieser Thau, der auf den Rosenknospen
Gleich runden morgenländischen Perlen sonst geblinkt,
Stund izt in dieser holden Blümchen Augen
Wie Thränen, die solch eine Schmach beweinten.
Als ich sie nun nach Herzenslust gezankt,
Und sie mich um Geduld in milden Worten bat,
Da fodert’ ich den kleinen Jungen ab,
Den sie mir sonst so trozig abgeschlagen;
Sie gab ihn willig her, und schikte ihre Fee
Ihn gleich in meine Laub’ im Feenlande
Zu tragen. Nun, da ich den Knaben habe,
Will ich von dieser häßlichen Verblendung
Ihr Aug’ entbinden; du aber, holder Puk,
Nimm diese Mißgestalt von des Atheners Haupte,
Daß er zugleich mit jenen Schläfern dort
Erwachend, wieder heim mit ihnen kehre;
Und All’ an dieser Nacht Begebenheiten
Nicht weiter denken, als an eines Traumes
Beängstigungen. Itz will ich zuförderst
Die Feen-Königin entzaubern.

Sey wieder was du ehmals warst,
Sieh’ wieder wie du ehmals sahst;
Solch eine heilungsvolle Macht
Hat Phöbes Knospe über Amors Blume. Erwache nun, Titania, meine
Königin!

Titania.
Mein Oberon, was sah’ ich für Gesichter!
Mich däucht’ ich war verliebt in einen Esel.

Oberon.
Hier ligt dein Liebling.

Titania.
Wie gieng dieses zu?
Wie ekelt mir vor diesem Anblik izt!

Oberon.
Still eine Weile! Robin, nimm diß Haupt!
Titania, horche dieser Symphonie,
Die, stärker als gemeiner Schlaf, die Sinnen
Von diesen Schläfern bindet—

Titania.
Ha! Musik! einschläfernde Musik!

Puk (zu Zettel.)
Wenn du erwach’st, so guke
Aus deinen eignen Narren-Augen wieder.

Oberon.
Ertöne fort, Musik! leg’ Hand mit mir
Titania an, den Grund zu wiegen,
Wo diese holden Schläfer ligen.
Die Freundschaft zwischen mir und dir
Ist nun erneut, und daure für und für.
Morgen in der Mitternacht
Wollen wir, wie im Triumphe,
Wir mit allen unsern Elfen,
Herzog Theseus Haus durchtanzen,
Und bis zu den fernsten Enkeln
Es mit unserm Segen weihen.

Puk.
Feen-König, horch! mein Ohr
Hört der frühen Lerchen Chor.

Oberon.
So laß uns dann, o Königin,
Den Schatten nach in ernster Stille fliehn.

Titania.
Komm, mein Gemahl, und weil wir fliehn,
Enträthsle mir die Wunder dieser Nacht;
Und wie es kam, daß man mich hier
Bey diesen Sterblichen schlafend fand?

(Sie gehen ab. Die Schlafenden bleiben liegen. Man hört
Hifthörner.)

Zweyter Auftritt.
(Theseus, Hippolita, Egeus und Gefolge.)

Theseus.
Geh’ einer von euch, sucht den Forster auf,
Denn unsre Mayen-Andacht ist geendigt;
Und weil die Dämm’rung günstig ist, soll izt
Hippolita die Musik meiner Hunde hören.
Eilt, hohlt den Forster, und entfesselt sie.
Wir wollen, meine schöne Königin,
Auf dieses Berges Gipfel steigen, und
Von da die musicalische Verwirrung
Vom Laut der Hunde mit dem Nachhall hören.

Hippolita.
Ich war mit Herkules und Cadmus einst
Als sie in einem Walde von Dictynna
Den Bären mit Spartanischen Hunden hezten.
Nie hört’ ich solch ein prächtiges Getöne.
Nicht nur die Büsche, Luft, und Berg, und Quellen,
Die ganze Gegend schien ein einziges
Zusammenstimmendes Geschrey. Ich hörte nie
Solch eine musicalische Dissonanz,
Solch einen anmuthsvollen Donner.

Theseus.
Auch meine Hunde sind von Spartas Art,
So kurz von Haar, so barticht, so mit Ohren,
Die, schlapp und niederhangend von dem Grase
Den Thau wegwischen, krumm von Knie, und hautig
Am Halse wie Thessaliens Stiere, langsam
Im Jagen, aber wie ein Glokenspiel
Im Laut gestimmt, stets einer unter’m andern.
Nie ward ein schöneres Getön in Creta,
Noch Sparta, noch Thessaliens Plänen,
Vom Jagdgeschrey und Hifthorn aufgemuntert.
Urtheile, wenn du hörst. Doch still, was sind
Für Nymphen hier?

Egeus.
Mylord, es ist mein Mädchen;
Diß Helena, des alten Nedars Tochter;
Und diß Lysander, diß Demetrius, alle
Schlafend! Mich wundert, wie sie hier zusammen
Gekommen.

Theseus.
Ohne Zweifel standen sie
Früh auf, die festlichen Gebräuche
Des Mayen zu begeh’n, und auf die Nachricht
Von unserm Vorsaz kamen sie hieher
Um unsre Feyrlichkeit zu zieren.
Doch, sprich Egeus, ist diß nicht der Tag,
An welchem Hermia ihre Wahl entdeken soll?

Egeus.
Er ists.

Theseus.
Geh’, laß die Jäger sie mit ihren Hörnern weken.

(Hifthörner und Jagdgeschrey innerhalb der Scene.)

(Demetrius, Lysander, Hermia und Helena erwachen, und stehen
erschroken auf.)

Theseus.
Ihr Freunde, guten Tag! Sanct Valentin
Ist schon vorbey: Wie, fangen diese Vögel
Erst izo sich zu paaren an?

Lysander.
Vergebung,
Mein königlicher Herr!

Theseus.
Ich bitte, stehet auf
Ich weiß es, daß ihr Feind’ und Nebenbuhler seyd.
Woher dann diese Eintracht, und wie kömmt’s
Daß Haß, so fern von Eifersucht, bey Haß
In diesem Hayne schläft, und keine Feindschaft fürchtet?

Lysander.
Halb wach, halb schlafend, und ob allem dem
Was mir begegnet, selbst erstaunt, was soll ich
Zur Antwort geben? Glaubet meinem Schwure,
Ich kan nicht sagen, wie ich eigentlich
Hieher gekommen—Doch mich dünkt, (denn gerne
Wollt ich die Wahrheit sagen) izo, ja!
Besinn’ ich wieder mich, so ist’s, mit Hermia
Kam ich hieher. Wir wollten von Athen
An einen Ort entflieh’n, wo wir sicher
Vor dem Athenischen Geseze wohnen könnten.

Egeus.
Genug, genug, mein Fürst; ich ford’re wieder ihn
Die Strenge des Gesezes, das Gesez
Auf sein verwürktes Haupt! Ihr Vorsaz war
Sich wegzustehlen, und dadurch, Demetrius
Uns beyde zu berauben; deines Weibes, dich,
Mich meiner Einwilligung—

Demetrius.
Mylord, die schöne Helena
Verrieth mir ihre Flucht, und ihren Vorsaz,
In diesem Hayne sich bey Nacht zu finden;
In Wuth verfolgt’ ich sie, mir folgt’ aus Liebe
Die schöne Helena! Nun, mein gnädiger Herr,
Durch was für eine Gottheit weiß ich nicht,
Doch ist es wahrlich einer Gottheit Werk,
Daß meine Leidenschaft für Hermia weg
Wie Schnee geschmolzen ist, mir izo nur
Wie die Erinn’rung scheint an eine Puppe,
Wornach ich mich in meiner Kindheit sehnte;
Und aller Trieb’, und Kräfte meines Herzens
Einziger Gegenstand, die Wonne meiner Augen
Diß holde Mädchen ist. Ihr, Mylord, war
Ich schon versprochen, eh ich Hermia sah’;
Wie uns in Krankheit sonst geliebte Speisen
Oft widersteh’n, so gieng es mir mit ihr:
Doch da ich nun zu meinem vorigen
Natürlichen Geschmak genesen bin;
Nun wünsch ich, lieb ich sie, und sehne mich
Nach ihr, und werd’ ihr immer treu verbleiben.

Theseus.
Ihr habt euch, holde Günstlinge der Liebe,
Zu euerm Glük zusammen hier gefunden.
Egeus, nun übertret’ ich euern Willen selbst,
Denn dieses Doppel-Paar soll neben uns
Auf ewig am Altar verbunden werden.
Und da der Morgen nun verstrichen ist,
Soll unsre Jagd auf eine andre Zeit
Verschoben seyn. Kommt mit uns nach Athen,
Und helft die Feyrlichkeit von unserm Fest vermehren.

(Der Herzog, Hippolita, und Gefolge gehen ab.)

Demetrius.
Diß alles was uns hier begegnet ist,
Scheint klein und unerkennbar, gleich entfernten
Gebürgen, die in Wolken sich verliehren.

Hermia.
Mich dünkt, ich sehe diese Dinge mit
Getheilten Augen, die mir alles doppelt
Erscheinen machen.

Helena.
Eben so ist’s mir,
Ich fand Demetrius hier gleich einem Kleinod*
Mein eigen, und nicht mein eigen.

{ed.-* Hr. Warbürton findet hier den Text dunkel, und glaubt
durch Veränderung des Wortes (Jewel) (Kleinod) in (Gemell)
(Zwilling) alles deutlich zu machen. Weil ich aber seine
Verbesserung weit dunkler finde als den Text, so bin ich bey
dem leztern geblieben, der meiner Meynung nach, einen ganz
richtigen Sinn darbietet.}

Demetrius.
Mich dünkt’s
Wir schlafen, träumen noch. Kam’s euch nicht vor,
Der Herzog sey hier, und heiß’ uns folgen.

Hermia.
Ja, und mein Vater.

Helena.
Und Hippolita.

Lysander.
Und sagt uns, in den Tempel ihm zu folgen.

Demetrius.
Wie denn, so wachen wir; laßt uns ihm folgen,
Und unterwegs uns unsre Träum’ erzählen.

(Sie gehen ab.)

Dritter Auftritt.
(Wie sie abgehen, erwacht Zettel.)

Zettel.
Wenn mein Merkwort kömmt, so ruft mir, und ich will antworten.
Mein nächstes ist—O schönster Pyramus—hey! Holla!—Peter Squenz,
Flaut der Blasbalgfliker! Schnauz, der Keßler! Schluker! Beym
Element, sie sind alle fortgelauffen; und lassen mich hier
schlaffen. Ich habe eine höchst seltsame Vision gehabt. Ich hatte
einen Traum, es geht über Menschen-Wiz zu sagen, was für ein Traum
das war: Ein Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen lassen
will, diesen Traum zu begreiffen. Mich dünkte ich war, kein Mensch
kan sagen was. Mich dünkte ich war, und mich dünkte ich hatte—
Doch ein Mensch wäre nur ein ausgemachter Narr, wenn er sich dafür
austhun wollte, zu sagen was ich hatte. Keines Menschen Auge hat
gehört, keines Menschen Ohr hat gesehen; keines Menschen Hand ist
vermögend zu schmeken, noch seine Zunge zu begreiffen; noch sein
Herz zu erzählen, was mein Traum war. Ich will Peter Squenz bitten,
daß er einen Gesang aus diesem Traum mache; er soll Zettels Traum
genennt werden, und ich will ihn zu Ende des Spiels vor dem Herzog
absingen; vielleicht, um es noch graziöser zu machen, will ich ihn
singen, wenn ich mich erstochen habe.

(Geht ab.)

Vierte Scene.
(Die Stadt.)
(Squenz, Flaut, Schnauz und Schluker.)

Squenz.
Habt ihr nach Zettels Hause geschikt? Ist er noch nicht heim
gekommen?

Schluker.
Man hört kein Wort von ihm. Ohne Zweifel haben ihn die Geister
davon geführt.

Flaut.
Wenn er nicht kömmt, so ist das Spiel verdorben. Es geht nicht vor
sich, thut es?

Squenz.
Es ist unmöglich. Ihr findet keinen Mann in ganz Athen, der im
Stand wäre, den Pyramus vorzustellen, als ihn.

Flaut.
Nein, er hat kurzum den besten Kopf unter allen Handwerksleuten in
Athen.

Squenz.
So ists, und die beste Person dazu; er ist ein rechter Gegenstand
für eine zarte Stimme. (Schnok kömmt.)

Schnok.
Ihr Herren, der Herzog kömmt aus dem Tempel, und es sind noch zwey
oder drey Herren und Damen mehr vermählt worden. Wenn unser Spiel
vor sich gegangen wäre, so wären wir alle gemachte Leute gewesen.

Flaut.
O du guter Zettel, du hast einen Sechser des Tags für dein ganzes
Lebenlang verlohren. Mein Seel! er hätte einem Sechser des Tags
nicht entgehen können. Wenn ihm der Herzog nicht einen Sechser des
Tags für den Pyramus gegeben hätte, so will ich gehangen seyn.
Einen Sechser des Tags für Pyramus, oder nichts. (Zettel kömmt.)

Zettel.
Wo sind die Jungens? wo sind diese Hasen-Herzen?

Squenz.
Zettel!—O! höchst curaschöser Tag! o glükselige Stunde!

Zettel.
Ihr Herren, ich habe Wunderdinge zu erzählen, aber fragt mich nicht
was; denn, ich will kein ehrlicher Athener seyn, wenn ich’s euch
sage. Ich will euch alles sagen, wie es gegangen ist.

Squenz.
Laß uns hören, lieber Zettel.

Zettel.
Nicht ein Wort von mir. Alles was ich euch sagen will, ist, daß
der Herzog zu Mittag gegessen hat. Schaft eure Zurüstungen herbey,
gute Strike für eure Bärte, neue Bänder für eure Stiefeletten;
kommet alle bey dem Pallast zusammen, jedermann übersehe seinen
Part; denn, ohne langes und breites, das Ende vom Lied ist, unser
Spiel wird den Vorzug bekommen. Auf allen Fall, laßt Thisbe weisse
Wäsche anziehen; und laßt den der den Löwen spielen soll, seine
Nägel nicht abschneiden, denn sie müssen als des Löwen Klauen
heraus hangen: Und meine werthesten Agenten, esset mir ja weder
Zwiebel noch Knoblauch; denn wir müssen einen süssen Athem von uns
geben, und ich zweifle nicht, sie werden sagen, es ist eine recht
süsse Comödie. Keine Worte mehr, ab! Tretet alle ab.

(Sie gehen.)

Fünfter Aufzug.

Erster Auftritt.
(Der Pallast.)
(Theseus, Hippolita, Egeus und Gefolge.)

Hippolita.
Das sind, mein Theseus, wunderbare Dinge,
Was diese Liebenden erzählen.

Theseus.
Mehr wunderbar als wahr. Ich habe niemals
Von diesen alten Fabeln, Feen-Mährchen
Und Zaubereyen was geglaubt. Verliebte
Sind hierinn den Verrükten ähnlich: Beyde
Mit so erhiztem Hirn, so schöpfrischer
Einbildungskraft begabt, sich vorzustellen,
Was ruhige Vernunft nicht fassen kan.
Mondsüchtige, Poeten und Verliebte
Sind lauter Phantasie; der eine sieht
Mehr Teufel, als die weite Hölle faßt;
Indeß daß der Verliebte, gleich phrenetisch
In einer Mohrin Ledas Schönheit sieht.
Des Dichters Aug’ in feinem Wahnwiz rollend,
Blizt von der Erde zum Olymp, vom Himmel
Zur Erd’; und wie die Phantasie Gestalten
Von unbekannten Dingen ausgebiert,
So bildet sie sein Kiel, und giebt dem lüftigen Unding
Verbindung, Ort und Zeit, und einen Namen.
So ist die Phantasie gewohnt zu würken;
Sobald sie irgend eine Lust empfindt,
Erfindt sie einen Schöpfer dieser Lust;
Denn wenn bey Nacht uns eine Furcht befällt,
Wie leicht ist’s, einen Busch für einen Bär zu halten.

Hippolita.
Doch diese ganze Nachtgeschichte
Mit ihren Folgen, dieser wunderbaren
Verwandlung ihrer Seelen, zeugt von mehr
Als Dichtungen der Phantasie, und wächßt
Zu etwas, das zusammenhängend ist;
Und doch darum nicht minder unbegreiflich. (Lysander, Demetrius,
Hermia und Helena treten auf.)

Theseus.
Hier kommen sie, voll Lust und Frölichkeit.
Heil, holde Freunde, Heil und frische Tage
Der Lieb’, ein Frühling dem kein Winter folge,
Begleite eure Herzen—

Lysander.
So mögen sie, in ungezählter Menge
Um Eure Hoheit wachen.

Theseus.
Kommet nun,
Was haben wir für Masken, was für Tänze,
Um diesen langen Zeitlauf von drey Stunden,
Vor schlafengehn, hinwegzuscherzen?
Wo ist der Meister unsrer Lustbarkeiten?
Was Spiele giebt’s? Ist nicht ein Schauspiel da,
Die Pein von einer langen Stunde zu erleichtern?
Ruft Philostrat herbey. (Philostratus kömmt.)

Philostratus.
Hier, mächtiger Theseus.

Theseus.
Was hast du, diesen Abend zu verkürzen?
Was für Ballette, für Musik und Tänze?
Wie können wir die träge Zeit betrügen,
Wenn nicht durch irgend eine Lustbarkeit?

Philostratus.
Hier, Prinz, ist eine Liste von den Spielen,
Die eurer Hoheit Wahl und Wink erwarten.

Theseus (ließt.)

(Die Schlacht mit den Centauren, von einem Athenischen Castraten
zur Harfe abzusingen.)

Wir wollen nichts hievon. Das hab ich meiner Braut
Zu Ehren meines Vetters, Herkules,
Vorlängst erzählt. (Der Aufruhr der berauschten
Bachantinnen, wie sie in ihrer Wuth
Den Sänger Thraciens zerreissen.)
Ein altes Stük, das schon gespielet ward
Als ich von Thebe siegreich wieder kam. (Die dreymal drey Musen,
welche den Tod der Gelehrtheit beweinen, die unlängst im
Bettelstand verschieden.) Das ist irgend eine kühne critische
Satyre,
Die sich zu hochzeitlichen Feyrlichkeiten nicht schikt. (Eine
tediose kurze Scene von dem jungen Pyramus, und seiner lieben
Thisbe, recht tragicalisch-lustig). Lustig und tragisch? tedios
und kurz?
Das ist heisses Eis, eine seltsame Art von Schauspiel. Wie sollen
wir den Sinn dieses Unsinns errathen?

Philostratus.
Mylord; es ist ein Schauspiel, ungefehr ein Duzend Worte lang, so
kurz als ich je ein Schauspiel gesehen habe, aber gerad um zwölf
Worte zu lang, wodurch es tedios wird; denn in dem ganzen
Schauspiel ist kein Wort am rechten Orte, und kein Spieler taugt
etwas. Tragisch ist es, denn Pyramus ersticht sich darinn, welches,
ich muß bekennen als ich das Stük probieren sah, mir das Wasser in
die Augen trieb; aber lustigere Thränen hat der Affect des lauten
Lachens nie vergossen.

Theseus.
Wer sind die, die es spielen?

Philostratus.
Männer von rauhen Händen, die hier in Athen arbeiten, aber deren
Seelen bis izo noch nie gearbeitet, und die nun ihre Memorien mit
diesem Schauspiel auf Euer Vermählungsfest zermartert haben.

Theseus.
Wir wollen es hören.

Philostratus.
Nein, mein Gebieter, es ist nicht für euch. Ich hab es ganz gehört,
und es ist nichts, nichts in der Welt; es wäre dann wenn euch ihre
Absicht belustigen könnte, die sich mit jämmerlicher Mühe aufs
äusserste angestrengt, um euch ihre Aufwartung zu machen.

Theseus.
Ich will dieses Stük hören; denn niemals ist etwas
verschmähenswürdig, das von Einfalt und Pflicht dargeboten wird.
Geh’, bring sie her, und sezet euch, Mesdames.

Hippolita.
Ich sehe nicht gerne die Unglükseligkeit die unter ihrer Last
einsinkt, und die Pflicht, die in ihrem Dienst zu Grunde geht.

Theseus.
Wie, holde Liebe, du sollt nichts dergleichen seh’n.

Hippolita.
Er sagt, sie können nichts in dieser Art.

Theseus.
Desto gütiger sind wir, wenn wir ihnen für Nichts danken. Unsere
Lust wird seyn, zu verstehen, was sie mißverstehen; ein
großmüthiger Sinn schäzt das was die arme willige Pflicht thut,
nach dem Vorsaz, nicht nach dem Werth. Wie ich hieher kam, hatten
sich grosse Gelehrte vorgesezt, mich mit studierten Glükwünschen zu
begrüssen; ich sah sie zittern und bleich werden, mitten in einem
Saz Perioden machen, ihren gekünstelten Accent vor Angst erstiken,
und zulezt auf einmal verstummen, ehe sie mich nur willkommen
geheissen. Glaubet mir, meine Angenehmste, aus diesem
Stillschweigen selbst brachte ich einen Willkomm heraus; und die
Bescheidenheit der schüchternen Pflicht sagte mir mehr, als die
rasselnde Zunge der unverschämten und zuversichtlichen Beredsamkeit.
Mit einem Wort, Liebe und unberedte Einfalt reden für mich am
verständlichsten. (Philostratus kömmt.)

Philostratus.
Der Prologus ist fertig, wenn es Euer Hoheit gefällt.

Theseus.
Laßt ihn auftreten.

Zweyter Auftritt.
(Squenz tritt als Vorredner auf.)

Vorredner.
Wenn wir mißfallen thun, so ist’s mit gutem Willen;
Der Vorsaz bleibet gut, wenn wir ihn nicht erfüllen;
Zu zeigen unsre Pflicht durch dieses kurze Spiel,
Das ist der wahre Zwek von unserm End und Ziel.
Erwäget also dann, warum wir kommen fein.
Wir kommen nicht, als sollt ihr euch daran ergözen
Die wahre Absicht ist—zu eurer Lust allein
Wir sind nicht hier—daß wir in Reu euch sezen.
Die Spieler sind bereit—wenn ihr sie werdet sehen,
So wißt ihr alles schon, was ihr nur wollt verstehen.

Theseus.
Dieser Bursche geht nicht auf Stelzen.

Lysander.
Er hat seinen Prologus geritten, wie ein junges Füllen; er weiß
noch nicht, wo er Halt machen soll. Eine gute Moral, Mylord. Es
ist nicht genug daß man rede, man muß auch wahr reden.

Hippolita.
In der That, er hat auf seinem Prologus gespielt, wie ein Kind auf
der Flöte; er brachte wol einen Ton heraus, aber keine Note.

Theseus.
Seine Rede war wie eine verwikelte Kette, alles zusammenhängend,
aber alles in Unordnung. Wo ist nun der folgende? (Pyramus und
Thisbe, Wand, Monschein und Löwe treten als stumme Personen auf.)

Vorredner.
Was diß bedeuten soll, das wird euch wundern müssen,
Bis Wahrheit alle Ding stellt an das Licht herfür.
Der Mann ist Pyramus, wofern ihr es wollt wissen,
Und diese Fräulein schön, ist Thisbe, glaubt es mir.
Der Mann mit Pflaster hier und Leimen soll bedeuten
Die Wand, die garst’ge Wand, die ihre Lieb thät scheiden;
Doch freut es sie, drob auch sich niemand wundern soll,
Wenn durch die Spalten klein sie konnten flüstern wol.
Der Mann da mit Latern, und Hund, und Busch von Dorn
Den Monschein präsentiert; denn wenn ihr’s wollt erwägen,
Beym Monschein hatten die Verliebten sich geschwohr’n,
Zu geh’n nach Nini Grab, und dort der Lieb’ zu pflegen.
Diß gräßlich wilde Thier, von Namen Löwe groß,
Die treue Thisbe die des Nachts zuerst gekommen,
Thät scheuchen ja vielmehr erschreken, daß sie bloß
Den Mantel fallen ließ und blutt die Flucht genommen;
Drauf dieser schnöde Löw in seinen Rachen nahm,
Und ließ mit Blut beflekt den Mantel lobesam.
Sofort kömmt Pyramus, ein Jüngling wolgemuth,
Findt seiner Thisbe treu ihr’n Mantel voller Blut,
Worauf er mit dem Deg’n, mit blut’gem bösem Degen,
Die blut’ge heisse Brust sich dapferlich durchstach;
Und Thisbe, die indeß im Maulbeer-Schatten g’legen,
Zog seinen Dolch heraus und sich das Herz zerbrach.
Was noch zu sagen ist, das wird, glaubt mir fürwahr,
Euch Mondschein, Wand und Löw, und das verliebte Paar,
Der Läng’ und Breite nach, so lang sie hier verweilen,
Erzählen, wenn ihr wollt, in wolgereimten Zeilen.

(Alle treten ab, bis auf Wand.)

Theseus.
Mich wundert, ob der Löwe reden wird?

Demetrius.
Warum nicht ein Löwe, Mylord, da Esel reden können?

Wand.
In dem besagten Spiel es sich zutragen thut,
Daß ich, Tom Schnauz genannt, die Wand vorstelle gut,
Und eine solche Wand, wovon ihr solltet halten,
Sie sey durch einen Schliz, recht durch und durch gespalten:
Wodurch denn Pyramus und seine Thisbe fein
Oft flüsterten fürwahr ganz leis’ und ingeheim.
Der Merdel, und der Leim, und dieser Stein thut zeigen,
Daß ich bin diese Wand, ich will’s euch nicht verschweigen.
Und diß die Spalte ist, zur Linken und zur Rechten,
Wodurch die Buhler zwey sich thäten still besprechen.

Theseus.
Könntet ihr fodern, daß Leim und Haar besser sprechen sollten?

Demetrius.
Mylord, es ist die sinnreichste Erfindung, von der ich jemals
gehört habe.

Theseus.
Pyramus nähert sich der Wand; stille! (Pyramus tritt auf.)

Pyramus.
O Nacht so schwarz von Farb! o grimmerfüllte Nacht!
O! Nacht als jemals schien, wenn es nicht Tag mehr war!
O Nacht, o Nacht, o Nacht! ach! ach! ach, Himmel, ach!
Ich fürcht’ mein’ Thisbe hat ihr Wort vergessen gar!
Und du, o Wand, o süß und liebenswerthe Wand,
Die zwischen unsrer bey—der Eltern Haus thut stehen,
Du Wand, o Wand, o süß und liebenswerthe Wand,
Zeig deine Spalte mir, daß ich dadurch mag sehen,
Hab Dank, du gute Wand! Der Himmel lohn’ es dir!
Jedoch was seh’ ich dort? Thisbe die seh’ ich nicht.
O böse Wand, durch die ich nicht seh’ meine Zier!
Verflucht sey’n deine Stein! daß du so äffest mich!

Theseus.
Mich dünkt, die Wand sollte wieder zurük fluchen, weil sie
empfindlich ist.

Pyramus.
Nein, fürwahr, Herr, sie muß nicht. Äffest mich, ist Thisbes
Merkwort; sie wird gleich kommen, und ich muß sie durch die Wand
ausspähen. Ihr werdet sehen, es wird gerade so gehen, wie ich euch
sage. Da kömmt sie schon. (Thisbe tritt auf.)

Thisbe.
O Wand, oft hast du schon gehört das Seufzen mein,
Mein’n schönsten Pyramus weil du so trennst von mir!
Mein rother Mund hat oft geküsset deine Stein,
Dein’ Stein’ mit Haar und Leim geküttet auf in dir.

Pyramus.
Ein’ Stimm’ ich sehen thu, ich will zur Spalt’ und schauen,
Ob ich nicht hören kan mein’r Thisbe Antliz klar.
Thisbe!

Thisbe.
Diß ist mein Schaz! Mein Liebchen ists! fürwahr.

Pyramus.
Denk was du willt, ich bin’s; du kanst mir sicher trauen.
Und gleich Limander bin ich treu nach meiner Pflicht.

Thisbe.
Und ich gleich Helena, bis mich der Tod ersticht.

Pyramus.
So treu war Schefelus zu seiner Procrus nicht!

Thisbe.
Wie Procrus Scheflus liebt’, lieb’ ich dein Angesicht.

Pyramus.
O küß mich durch das Loch von dieser garst’gen Wand!

Thisbe.
Mein Kuß trift nur das Loch, nicht deiner Lippen Rand.

Pyramus.
Willt du bey Ninnys Grab heut Nacht mich treffen an.

Thisbe.
Sey’s lebend oder todt, ich komme wenn ich kan.

Wand.
So hab ich Wand nunmehr mein’n Part gemachet gut,
Und nun sich also Wand hinwegbegeben thut.

(Geht ab.)

Theseus.
So ist die Scheidwand zwischen beyden Nachbarn auf einmal gefallen.

Demetrius.
Kein Wunder, Mylord, da sie so willig war, sich aufzurichten.

Hippolita.
Elenderes Zeug hab ich niemals gehört.

Theseus.
Das Beste in dieser Art ist nur Schatten; und das Schlechteste ist
nicht schlechter, wenn ihm die Einbildungskraft nachhilft.

Hippolita.
So muß es also eure Einbildungskraft seyn, nicht die ihrige.

Theseus.
Wenn wir nicht schlechter von ihnen denken als sie von sich selbst,
so können sie für vortrefliche Leute passieren. Hier kommen zwey
edle Bestien, in der Person eines Menschen und eines Löwen. (Löwe
und Monschein treten auf.)

Löwe.
Ihr Fräulein, deren Herz fürchtet die kleinste Maus,
Die in monstroser G’stalt thut an dem Boden schweben,
Möcht izo zweifelsohn erzittern und erbeben,
Wenn Löwe rauh von Wuth läßt sein Gebrüll heraus.
So wisset dann, daß ich Hans Schnok, der Schreiner bin,
Kein böser Löw fürwahr noch eines Löwen Weib;
Denn käm’ ich als ein Löw und hätte Harm im Sinn,
So daurte, meiner Treu! mich nur mein g’rader Leib.

Theseus.
Eine höfliche Bestie, und recht gewissenhaft.

Lysander.
Dieser Löwe ist ein vollkommener Fuchs an Herzhaftigkeit.

Theseus.
Das ist wahr, und eine Gans an Discretion.

Demetrius.
Nicht so, Mylord, denn seine Herzhaftigkeit kan seiner Discretion
nicht Meister werden, wie ein Fuchs einer Gans.

Theseus.
Ohne Zweifel kan seine Discretion seine Herzhaftigkeit nicht
bemeistern, denn eine Gans bemeistert keinen Fuchs. Gut! wir
wollen seine Discretion davor sorgen lassen, und izt hören, was uns
der Mond zu sagen hat.

Mondschein.
Den wolgehörnten Mond d’Latern z’erkennen giebt.

Demetrius.
Er sollte die Hörner an seiner Stirne tragen.

Theseus.
Er ist nicht im Zunehmen; seine Hörner steken unsichtbar in der
Peripherie.

Mondschein.
Den wolgehörnten Mond d’Latern z’erkennen giebt,
Ich selbst den Mann im Mond, wofern es euch beliebt.

Theseus.
Das ist noch der gröste Fehler unter allen; man hätte den Mann in
die Laterne sezen sollen; wie kan er sonst der Mann im Monde seyn?

Demetrius.
Er darf es nicht wegen der Kerze; Ihr sehet ja, daß sie schon
lauter Buzen ist.

Hippolita.
Dieser Mond macht mir lange Weile; ich wollte, er änderte sich.

Theseus.
Man sieht an seinem bescheidnen Licht, daß er im Abnehmen ist; aus
Höflichkeit und von rechtswegen müssen wir nun schon das Ende
abwarten.

Lysander.
Komm besser hervor, Mond!

Mondschein.
Alles was ich zu sagen habe, ist euch zu melden, daß diese Laterne
der Mond ist; ich, der Mann im Mond, dieser Dornbusch, mein
Dornbusch, und dieser Hund, mein Hund.

Demetrius.
Alle diese Dinge sollten also in der Laterne seyn. Doch stille,
hier kömmt Thisbe. (Thisbe tritt auf.)

Thisbe.
Diß ist ja Ninnys Grab, wo ist mein Liebchen dann?

Löwe.
Oh!—

(der Löwe brüllt, Thisbe läuft davon.)

Demetrius.
Wol gebrüllt, Löwe.

Theseus.
Wol geloffen, Thisbe.

Hippolita.
Wol geschienen, Mond. In der That, der Mond scheint mit einer
recht guten Art.

Demetrius.
Und da kam Pyramus.

Lysander.
Und da verschwand der Löwe. (Pyramus tritt auf.)

Pyramus.
Ich dank dir, süsser Mond, für deine Sonnenstralen,
Die also hell und schön den Erdenball bemahlen;
Dieweil bey deinem Gold und funkelnd süssem Licht
Zu kosten ich verhoff mein’r Thisbe Angesicht.

Doch halt! o Pein!
Was soll diß seyn?
Was für ein Graus ist diß?
Aug, siehst du noch?
O! schweres Joch!
Mein Herz, mein Liebchen süß,
Dein Mantel gut,
Beflekt mit Blut!
Ihr Furien kommt in Trab,
Herbey und rächt
Und löscht und brecht
Den Lebensfaden ab!

Theseus.
Diese Leidenschaft und der Tod eines werthen Freundes, würden nahe
zu hinreichen, einen Mann finster sehen zu machen.

Hippolita.
Ich möchte mir selbst Böses wünschen, daß ich mich nicht verwahren
kan, den Mann zu bedauern.

Pyramus.
Warum denn, o Natur, thätst du den Löwen bauen?
Weil solch ein schnöder Löw mein’ Lieb’ hat defloriert;
Sie welche ist—Nein! war—die schönste aller Frauen,
Die je des Tages Glanz mit ihrem Schein geziert.

Komm, Thränenschaar,
Aus, Schwerdt, durfahr
Die Brust des Pyramo!
Die Linke hier,
Wo s’Herz hüpft mir,
So sterb’ ich denn, So, so!
Nun bin ich tod,
Aus ist die Noth,
Mein’ Seel im Himmel lacht;
Verliehr dein’n Schein,
O Zunge mein,
Flieh’ Mond; gut Nacht, gut Nacht!

Demetrius.
So stirb dann, oder ein Aß für ihn, denn er ist doch eines.

Lysander.
Minder als ein Aß, Mann; denn er ist todt; er ist nichts.

Theseus.
Mit Hülfe eines Barbiers möchte er vielleicht noch aufkommen, und
ein Aß werden.

Hippolita.
Wie? der Mondschein ist gegangen, eh Thisbe zurük kömmt, und ihren
Liebhaber findet. (Thisbe kömmt.)

Theseus.
Sie wird ihn beym Sternenlicht finden. Hier kömmt sie, und ihre
Passion endet das Spiel.

Hippolita.
Mich dünkt, sie sollte keine lange für einen solchen Pyramus nöthig
haben; ich hoffe sie wird kurz seyn.

Thisbe. Schläfst du, mein Kind?
Steh auf geschwind!
Wie? Täubchen, bist du todt?
O! Sprich, o sprich!
O! rege dich!
Ach! todt ist er! O Noth!
Dein Lilien-Mund,
Dein Auge rund,
Wie Schnittlauch frisch und grün,
Dein Kirschen-Nas’
Dein’ Wangen blaß
Die wie ein Goldlak blüh’n,
Soll nun ein Stein
Bedeken fein,
O klopf, mein Herz, und brich!
Ihr Schwestern drey
Kommt, kommt herbey,
Und leget Hand an mich!
Schweig, Zunge still,
Komm, Schwerdt, und ziel
Nach meines Busens Schnee;
So fahr ich hin
Mit treuem Sinn,
Adieu, adieu, adieu!

(stirbt.)

Theseus.
Monschein und Löwe sind noch übrig, die Todten zu begraben.

Demetrius.
Ja, und (Wand) auch.

Zettel.
Nein, ich versichre euch, die Wand ist niedergerissen, die ihrer
Väter Häuser trennte. Gefällt es euch den Epilogus zu sehen, oder
einen Bergomasker-Tanz zwischen zween aus unsrer Companie zu hören?

Theseus.
Keinen Epilogus, wenn ich bitten darf. Euer Schauspiel bedarf
keiner Entschuldigung. Keine Entschuldigung! Denn wenn die
Schauspieler alle todt sind, so hat man nicht nöthig jemand zu
tadeln. Wahrhaftig, wenn der Autor dieses Stüks den Pyramus
gemacht, und sich selbst an Thisbes Strumpfband erhenkt hätte, so
wäre es eine feine Tragödie gewesen; und das ist es auch, in der
That, und auf eine recht merkwürdige Art vorgestellt. Aber kommt,
euer Ballet; laßt euern Epilogus nur weg.

(Hier folgt ein Tanz von Bauern.)

Theseus.
Schon hat die eiserne Zunge der Mitternacht zwölfe geruffen. Ihr
Liebhaber, zu Bette! Es ist schon Feen-Zeit. Ich fürchte, wir
werden den nächsten Morgen verschlaffen, wie wir diese Nacht
verwacht haben. Dieses handgreiflich-dumme Schauspiel hat uns doch
den schweren Gang der Nacht unmerklich gemacht. Zu Bette, lieben
Freunde. Vierzehn solche Nächte sollen noch mit nächtlichen
Spielen, und immer ändernden Lustbarkeiten zugebracht werden.*

{ed.-* Hier folget im Original noch ein kleiner Feen-Auftritt, wo Puk
zuerst mit einem Besem erscheint, um das Haus zuvor auszukehren,
Oberon und Titania aber mit ihrem Gefolge dasselbe durchtanzen, und
durch einen Gesang einsegnen. Es ist mir unmöglich gewesen, diese
Scene, welche ohnehin bloß die Stelle eines Divertissement vertritt,
in kleine gereimte Verse zu übersezen; in Prosa aber, oder in
einer andern Versart als in kleinen Jamben und Trochäen, würde sie
das tändelnde und Feen-mässige gänzlich verlohren haben, das alle
ihre Anmuth ausmacht.}

Das Leben und der Tod des Koenigs Lear — Christoph Martin Wieland

Personen des Trauerspiels.

Lear, König von Brittannien.
König von Frankreich.
Herzog von Burgund.
Herzog von Cornwall.
Herzog von Albanien.
Graf von Gloster.
Graf von Kent.
Edgar, Glosters Sohn.
Edmund, Bastard von Gloster.
Curan, ein Höfling.
Medicus.
Narr.
Oswald, Gonerills Haushofmeister.
Ein Officier.
Ein Edelmann, der Cordelia begleitet.
Ein Herold.
Ein alter Mann von Glosters Unterthanen.
Ein Bedienter von Cornwall.
Zwey Bediente von Gloster.
Gonerill, Regan und Cordelia, Lears Töchter.
Ritter die dem König aufwarten, Officiers, Boten, Soldaten und
Bediente etc.

Der Schauplaz ligt in Brittannien.

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Was Ihr Wollt — Christoph Martin Wieland

Personen.

Orsino, Herzog von Illyrien.
Sebastiano, ein junger Edelmann, Bruder der Viola.
Antonio, ein Schiff-Capitain.
Valentin und Curio, Hofleute des Orsino.
Sir Tobias Rülps, Olivia’s Oheim.
Sir Andreas Fieberwange, sein Zechbruder.
Ein Schiffhauptmann, Viola’s Freund.
Fabian, Diener der Olivia.
Malvolio, ihr Hausmeister.
Hans Wurst.
Olivia, eine Dame von grosser Schönheit, Stand und Reichthum, in
die Orsino verliebt ist.
Viola, in den Herzog verliebt.
Maria, Olivia’s Kammer-Jungfer.

Ein Priester, Matrosen, Offizianten und andre stumme Personen.

Die Scene, eine Stadt an der Küste von Illyrien.

Erster Aufzug.

Erste Scene.
(Der Pallast.)
(Der Herzog, Curio, und etliche Herren vom Hofe treten auf.)

Herzog.
Wenn Musik die Nahrung der Liebe ist, so spielt fort; stopft mich
voll damit, ob vielleicht meine Liebe von Überfüllung krank werden,
und so sterben mag—Dieses (Passage) noch einmal;—es hat einen so
sterbenden Fall: O, es schlüpfte über mein Ohr hin, wie ein sanfter
Südwind, der Gerüche gebend und stehlend über ein Violen-Bette
hinsäuselt.—Genug!  nichts mehr!  Es ist nicht mehr so anmuthig, als
es vorhin war.  O Geist der Liebe, wie sprudelnd und launisch bist
du!  weit und unersättlich wie die See, aber auch darinn ihr ähnlich,
daß nichts da hineinkömmt, von so hohem Werth es auch immer sey,
das nicht in einer Minute von seinem Werth herab und zu Boden sinke

Curio.
Wollt ihr jagen gehen, Gnädigster Herr?

Herzog.
Was?

Curio.
Den Hirsch.

Herzog.
—Wie?  das wäre das edelste was ich habe: O, wie ich Olivia zum
erstenmal sah, däuchte mich, sie reinigte die Luft von einem
giftigen Nebel; von diesem Augenblik an ward’ ich in einen Hirsch
verwandelt, und meine Begierden, gleich wilden, hungrigen Hunden,
verfolgen mich seither—

(Valentin tritt auf.)

Nun, was für eine Zeitung bringt ihr mir von ihr?

Valentin.
Gnädigster Herr, ich wurde nicht vorgelassen; alles was ich statt
einer Antwort erhalten konnte, war, daß ihr Kammer-Mädchen mir
sagte, die Luft selbst sollte in den nächsten sieben Jahren ihr
Gesicht nicht bloß zu sehen kriegen; sondern gleich einer Kloster-
Frau will sie in einem Schleyer herum gehen, und alle Tage ein mal
ihr Zimmer rund herum mit Thränen begiessen: Alles diß aus Liebe zu
einem verstorbenen Bruder, dessen Andenken sie immer frisch und
lebendig in ihrem Herzen erhalten will.

Herzog.
O, Sie, die ein so fühlendes Herz hat, daß sie einen Bruder so sehr
zu lieben fähig ist; wie wird sie lieben, wenn Amors goldner Pfeil
die ganze Heerde aller andern Zuneigungen, ausser einer einzigen,
in ihrer Brust getödtet hat?  Wenn Leber, Gehirn und Herz, drey
unumschränkte Thronen, alle von Einem (o entzükende Vorstellung)
von Einem und demselben König besezt und ausgefüllt sind!  Folget
mir in den Garten—Verliebte Gedanken ligen nirgends schöner, als
unter einem grünen Thron-Himmel, auf Polstern von Blumen.

(Sie gehen ab.)

Zweyte Scene.
(Die Strasse.)
(Viola, ein Schiffs-Capitain, und etliche Matrosen.)

Viola.
In was für einem Lande sind wir, meine Freunde.

Capitain.
In Illyrien, Gnädiges Fräulein.

Viola.
Und was soll ich in Illyrien machen, da mein Bruder im Elysium ist?—
Doch vielleicht ist er nicht umgekommen; was meynt ihr, meine
Freunde?

Capitain.
Es ist ein blosses Glük, daß ihr selbst gerettet worden seyd.

Viola.
O mein armer Bruder!—aber, hätt’ er dieses Glük nicht auch haben
können?

Capitain.
Es ist wahr; und wenn die Hoffnung eines glüklichen (Vielleicht) Eu.
Gnaden beruhigen kan, so versichre ich euch, wie unser Schiff
strandete, und ihr und diese wenigen, die mit euch gerettet wurden,
an unserm Boot hiengen, da sah ich euern Bruder, selbst in dieser
äussersten Gefahr, Muth und Vorsicht nicht verliehrend, sich selbst
an einen starken Mast binden, der auf der See umhertrieb; und auf
diese Art schwamm er, wie Arion auf dem Rüken des Delphins, durch
die Wellen fort, bis ich ihn endlich aus den Augen verlohr.

Viola.
Hier ist Gold für diese gute Nachricht.  Meine eigne Rettung läßt
mich auch die seinige hoffen, und dein Bericht bestärkt mich
hierinn.  Bist du in dieser Gegend bekannt?

Capitain.
Ja, Madam, sehr wohl; der Ort wo ich gebohren und erzogen wurde,
ist nicht drey Stunden Wegs von hier entfernt.

Viola.
Wer regiert hier?

Capitain.
Ein edler Herzog, den Eigenschaften und dem Namen nach.

Viola.
Wie nennt er sich?

Capitain.
Orsino.

Viola.
Orsino?  Ich erinnre mich, daß ich von meinem Vater ihn nennen hörte;
er war damals noch unvermählt.

Capitain.
Er ist’s auch noch, oder war’s doch vor kurzem; denn es ist nicht
über einen Monat, daß ich von her abreisete, und damals murmelte
man nur einander in die Ohren, (ihr wißt, wie gerne die Kleinern
von dem, was die Grossen thun, schwazen,) daß er sich um die Liebe
der schönen Olivia bewerbe.

Viola.
Wer ist diese Olivia?

Capitain.
Eine junge Dame von grossen Eigenschaften, die Tochter eines Grafen,
der vor ungefehr einem Jahr starb, und sie unter dem Schuz seines
Sohns, ihres Bruders, hinterließ; aber auch diesen hat sie erst
kürzlich durch den Tod verlohren; und man sagt, sie sey so betrübt
darüber, daß sie die Gesellschaft, ja so gar den blossen Anblik der
Menschen verschworen habe.

Viola.
Wenn ich nur ein Mittel wißte, in die Dienste dieser Dame zu kommen,
ohne eher in der Welt für das was ich bin bekannt zu werden, als
ich es selbst meinen Absichten verträglich finden werde.

Capitain.
Das wird schwer halten; denn sie läßt schlechterdings niemand vor
sich, sogar den Herzog nicht.

Viola.
Du hast das Ansehen eines rechtschaffnen Manns, Capitain; und
obgleich die Natur manchmal den häßlichsten Unrath mit einer
schönen Mauer einfaßt, so will ich doch von dir glauben, daß dein
Gemüth mit diesem feinen äusserlichen Schein übereinstimme: Ich
bitte dich also, (und ich will deine Mühe reichlich belohnen,)
verheele was ich bin, und verhilf mir zu einer Verkleidung, die
meinen Absichten beförderlich seyn mag.  Ich will mich in die
Dienste dieses Herzogs begeben; stelle mich ihm als einen Castraten
vor; es kan deiner Mühe werth seyn; ich kan singen, ich spiele
verschiedene Instrumente, und bin also nicht ungeschikt ihm die
Zeit zu verkürzen; was weiter begegnen kan, will ich der Zeit
überlassen; nur beobachte du auf deiner Seite ein gänzliches
Stillschweigen über mein Geheimniß.

Capitain.
Seyd ihr sein Castrat, ich will euer Stummer seyn.  Verlaßt euch auf
meine Redlichkeit.

Viola.
Ich danke dir; führe mich weiter.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.
(Verwandelt sich in ein Zimmer in Olivias Hause.)
(Sir Tobias und Maria treten auf.)

Vierte Scene.
(Sir Andreas zu den Vorigen.)
(Der Character des Sir Tobias und seines Freundes gehört in die
unterste Tiefe des niedrigen Comischen; ein paar mäßige, lüderliche,
rauschichte Schlingels, deren platte Scherze, Wortspiele und tolle
Einfälle nirgends als auf einem Engländischen Theater, und auch da
nur die Freunde des Ostadischen Geschmaks und den Pöbel belustigen
können.  Wir lassen also diese Zwischen-Scenen um so mehr weg, als
wir der häuffigen Wortspiele wegen, öfters Lüken machen müßten.
Alles was in diesen beyden Scenen einigen Zusammenhang mit unserm
Stüke hat, ist dieses, daß Sir Tobias seinen Zechbruder, Sir
Andreas, als einen Liebhaber der schönen Olivia ins Haus einführt
und ganz ernsthaft der Meynung ist, daß sie ein recht artiges
wohlzusammengegattetes Paar ausmachen würden; und daß Jungfer Maria
den würdigen Oheim ihrer Dame höflich ersucht, um seiner Gesundheit
willen sich weniger zu besauffen; und um der Ehre des Hauses willen,
seine Bacchanalien nicht so tief in die Nacht hinein zu verlängern.)

Fünfte Scene.
(Verwandelt sich in den Pallast.)
(Valentin, und Viola in Mannskleidern, treten auf.)

Valentin.
Wenn der Herzog fortfährt euch so zu begegnen wie bisher, Cäsario,
so werdet ihr in kurzem einen grossen Weg machen; er kennt euch
kaum drey Tage, und er begegnet euch schon, als ob es so viele
Jahre wären.

Viola.
Ihr müßt entweder seiner Laune oder meiner Aufführung nicht viel
gutes zutrauen, wenn ihr die Fortsezung seiner Gunst in Zweifel
ziehet.  Ist er denn so unbeständig in seinen Zuneigungen, mein Herr?

Valentin.
Nein, das ist er nicht.  (Der Herzog, Curio und Gefolge treten auf.)

Viola.
Ich danke euch; hier kommt der Herzog.

Herzog.
Sah keiner von euch den Cäsario, he?

Viola.
Hier ist er, Gnädigster Herr, zu Befehl.

Herzog (zu den andern.)
Geht ihr ein wenig auf die Seite—Cäsario, du weist bereits nicht
weniger als alles; ich habe dir das Innerste meines Herzens
entfaltet.  Geh also zu ihr, mein guter Junge; laß dich nicht
abweisen, postiere dich vor ihrer Thüre, und sag ihr, du werdest da
wie eingewurzelt stehen bleiben, bis sie dir Gehör gebe.

Viola.
Gnädigster Herr, wenn sie sich ihrer Betrübniß so sehr überläßt,
wie man sagt, so ist nichts gewissers, als daß sie mich nimmermehr
vorlassen wird.

Herzog.
Du must ungestüm seyn, schreyen, und eher über alle Höflichkeit und
Anständigkeit hinüberspringen, als unverrichteter Sachen zurük
kommen.

Viola.
Und gesezt, ich werde vorgelassen, Gnädigster Herr, was soll ich
sagen?

Herzog.
O dann entfalte ihr die ganze Heftigkeit meiner Liebe; preise ihr
meine ungemeine Treue an; es wird dir wol anstehen, ihr mein Leiden
vorzumahlen; sie wird es von einem jungen Menschen, wie du, besser
aufnehmen, und mehr darauf Acht geben, als wenn ich einen
Unterhändler von ernsthafteren Ansehen gebrauchte.

Viola.
Ich denke ganz anders, Gnädigster Herr.

Herzog.
Glaube mir’s, mein lieber Junge; deine Jugend wäre schon genug,
diejenigen lügen zu heissen, die dich einen Mann nennten.  Dianens
Lippen sind nicht sanfter und rubinfarbiger als die deinigen; deine
Stimme ist wie eines Mädchens, zart und hell, und dein ganzes Wesen
hat etwas weibliches an sich.  Ich bin gewiß, du bist unter einer
Constellation gebohren, die dich in solchen Unterhandlungen
glüklich macht; du wirst meine Sache besser führen, als ich selbst
thun könnte.  Geh also, sey glüklich in deiner Verrichtung, und du
sollst alles was mein ist, dein nennen können.

Viola.
Ich will mein Bestes thun, Gnädigster Herr—

(vor sich.)

Eine beschwerliche Commission!  Ich soll ihm eine andre kuppeln,
und wäre lieber selbst sein Weib.

(Sie gehen ab.)

Sechste Scene.
(Olivia’s Haus.)
(Maria und der Narr vom Hause treten auf.)

(Maria schilt den Narren aus, daß er so lange ausgeblieben, und
sagt ihm, die Gnädige Frau werde ihn davor hängen lassen.  Der Narr
erwiedert dieses Compliment mit Einfällen, an denen der Leser
nichts verliehrt; man weiß daß auch der allersinnreichste und
unerschöpflichste Hans Wurst doch endlich genöthiget ist, sich
selbst zu wiederholen, so gut als ein andrer wiziger Kopf; und so
geht es Shakespears Clowns oder Narren von Profeßion auch; sie
haben ihre) locos communes(, auf denen sie wie auf Steken-Pferden
herumreiten, wenn ihnen nichts bessers einfallen will; und dieser
wird endlich der Zuhörer und der Leser satt.)

Siebende Scene.
(Olivia und Malvolio zu den Vorigen.)

Narr.
O Verstand, sey so gut und hilf mir den Narren machen—Diese
gescheidten Leute, welche sich einbilden sie haben dich, beweisen
sehr oft daß sie Narren sind; und ich, bey dem es ausgemacht ist,
daß ich dich nicht habe, mag für einen weisen Mann gelten.  Denn was
sagt Quinapalus?  Besser ein wiziger Narr, als ein närrischer
Wizling!  Guten Tag, Frau!

Olivia.
Schaft mir den Narren weg.

Narr.
Hört ihr’s nicht, Kerls?  Schaft mir die Frau weg.

Olivia.
O, geh; du bist ein trokner Narr; ich habe deiner genug; zu allem
Überfluß wirst du zu deiner Albernheit noch ungesittet.

Narr.
Das sind zween Fehler, die sich durch guten Rath und einen Krug
Halb-Bier verbessern lassen.  Denn, gebt dem troknen Narren zu
trinken, so ist der Narr nicht mehr troken: Sagt dem ungesitteten
Menschen, wie er sich verbessern soll, so wird er nicht länger
ungesittet seyn.  Alle Dinge in der Welt, die man ausbessert, werden
geflikt; Tugend, die sich vergeht, ist nur mit Sünde geflikt; und
Sünde, die sich bessert, ist nur mit Tugend geflikt.  Wenn dieser
einfältige Syllogismus die Sache ausmacht, wol gut; wo nicht, was
ist zu thun?  Gleichwie kein andrer wahrer Hahnrey ist als Elend; so
ist Schönheit eine vergängliche Blume: Die Gnädige Frau sagte, man
solle den Narren wegschaffen, also sag ich noch einmal, schafft sie
weg.

Olivia.
Sir, ich befahl daß man euch wegschaffen sollte.

Narr.
Mißverstand im höchsten Grade Gnädiges Fräulein, (cucullus non
facit monachum;) das ist auf Deutsch: Mein Hirn sieht nicht so
buntschekicht aus als mein Rok: Liebe Madonna, wollt ihr mir
erlauben, euch zu beweisen, daß ihr eine Närrin seyd?

Olivia.
Wie willt du das machen?

Narr.
Gar geschikt, gute Madonna.

Olivia.
Nun, so beweise dann.

Narr.
Ich muß euch vorher catechisieren, Madonna, wenn ihr mir antworten
wollt.

Olivia.
Gut, Sir, so schlecht der Zeitvertrieb ist, so wollen wir doch
euern Beweis hören.

Narr.
Gute Madonna, warum traurest du?

Olivia.
Um meinen Bruder, guter Narr.

Narr.
Ich denke, seine Seele ist also in der Hölle, Madonna?

Olivia.
Ich weiß, seine Seele ist im Himmel, Narr.

Narr.
Eine desto grössere Närrin seyd ihr, Madonna, dafür zu trauern, daß
euer Bruder im Himmel ist; schaft mir die Närrin weg, meine Herren.

Olivia.
Was denkt ihr von diesem Narren, Malvolio?  Verbessert er sich nicht?

Malvolio.
Ja, und wird sich verbessern bis ihm die Seele ausgehen wird.
Zunehmende Jahre machen den vernünftigen Mann abnehmen, und
verbessern hingegen den Narren, weil er je älter je närrischer wird.

Narr.
Gott send’ euch ein frühzeitiges Alter, Herr, um eure Narrheit
desto bälder zu ihrer Vollkommenheit zu bringen!  Sir Tobias würde
schwören wenn man’s verlangte, daß ich kein Fuchs sey; aber er
würde sich nicht für zwey Pfenninge verbürgen, daß ihr kein Narr
seyd.

Olivia.
Was sagt ihr hiezu, Malvolio?

Malvolio.
Mich wundert, wie Eu.  Gnaden an einem so abgeschmakten Schurken ein
Belieben finden kan; ich sah ihn erst gestern von einem
alltäglichen Narren, der nicht mehr Hirn hatte als ein Stein, zu
Boden gelegt.  Seht nur, er weiß sich schon nicht mehr zu helfen;
wenn ihr nicht vorher schon lacht, und ihm die Einfälle die er
haben soll auf die Zunge legt, so steht er da, als ob er geknebelt
wäre.  Ich versichre, diese gescheidte Leute, die über die albernen
Frazen dieser Art von gedungenen Narren so krähen können, sind in
meinen Augen die Narren der Narren.

Olivia.
O, ihr seyd am Eigendünkel krank, Malvolio, und habt einen
ungesunden Geschmak.  Edelmüthige, schuldlose und aufgeräumte Leute
sehen diese Dinge für Vögel-Schrot an, die euch Canon-Kugeln
scheinen; ein Narr von Profeßion kan niemand beschimpfen, wenn er
gleich nichts anders thut als spotten; so wie ein Mann von
bekannter Klugheit niemals spottet, wenn er gleich nichts anders
thäte als tadeln.  (Maria zu den Vorigen.)

Maria.
Gnädige Frau, es ist ein junger Herr vor der Thüre, der ein grosses
Verlangen trägt, mit Euer Gnaden zu sprechen.

Olivia.
Von dem Grafen Orsino, nicht wahr?

Maria.
Ich weiß es nicht, Gnädige Frau, er ist ein hübscher junger Mann,
und er macht Figur.

Olivia.
Wer von meinen Leuten unterhält ihn?

Maria.
Sir Tobias, Gnädige Frau, euer Öhm.

Olivia.
Macht daß ihr ihn auf die Seite bringt, ich bitte euch; er spricht
nichts als tolles Zeug; der garstige Mann!  Geht ihr, Malvolio; wenn
es eine Gesandschaft vom Grafen ist, so bin ich krank oder nicht
bey Hause: Sagt was ihr wollt, um seiner los zu werden.

(Malvolio geht ab.)

Ihr seht also, Sir, eure Narrheit wird alt und gefällt den Leuten
nicht mehr.

Narr.
Du hast unsre Parthey genommen, Madonna, als ob dein ältester Sohn
zu einem Narren bestimmt wäre; Jupiter füll’ ihm seinen Schedel mit
Hirn aus!  Hier kommt einer von deiner Familie, der eine sehr
schwache (pia mater) hat—

Achte Scene.
(Sir Tobias zu den Vorigen.)

Olivia.
Auf meine Ehre, halb betrunken.  Wer ist vor der Thür, Onkel?

Sir Tobias.
Ein Edelmann.

Olivia.
Ein Edelmann?  Was für ein Edelmann?

Sir Tobias.
Ein Mutter-Söhnchen, dem Ansehen nach—der Henker hole diese
Pikelhäringe!  Was machst du hier, Dumkopf?

Narr.
Guter Sir Toby—

Olivia.
Onkel, Onkel, wie kommt ihr schon so früh zu dieser Lethargie?

Sir Tobias.
Es ist einer vor der Pforte, sag ich.

Olivia.
Nun, wer ist er denn?

Sir Tobias.
Er kan meinethalb der Teufel selber seyn, wenn er will, was
bekümmert mich’s; glaubt mir was ich sage.  Gut, es ist all eins.

(Er geht ab.)

Olivia.
Wem ist ein berauschter Mann gleich, Narr?

Narr.
Einem Narren, einem Ertrunknen und einem Rasenden.  Das erste Glas
über das was genug ist macht ihn närrisch; das zweyte macht ihn
rasend; und das dritte ertränkt ihn gar.

Olivia.
So kanst du nur gehen und ein (visum repertum) über meinen Öhm
machen lassen; er ist würklich im dritten Grade der Trunkenheit; er
ist ertrunken; geh, sieh zu ihm.

Narr.
Er ist dermalen erst toll, Madonna, und der Narr wird gehn und zu
dem Tollhäusler sehen.

(Er geht ab.)

(Malvolio zu den Vorigen.)

Malvolio.
Gnädige Frau, der junge Bursche schwört, daß er mit euch reden
wolle.  Ich sagte ihm, ihr befändet euch nicht wohl; er antwortet,
so komme er eben recht, denn er habe ein vortrefliches Arcanum
gegen dergleichen Unpäßlichkeiten.  Ich sagte ihm, ihr schliefet,
aber es scheint er habe das auch vorher gewußt, und will deßwegen
mit euch sprechen.  Was soll man ihm sagen, Gnädige Frau?  Er will
sich schlechterdings nicht abweisen lassen.

Olivia.
Sagt ihm, er solle mich nicht zu sprechen kriegen.

Malvolio.
Das hat man ihm gesagt; und seine Antwort ist, er wolle vor eurer
Pforte stehen bleiben wie eine Säule, er wolle das Fußgestell zu
einer Bank abgeben; aber er wolle mit euch sprechen.

Olivia.
Von was für einer Gattung Menschen-Kindern ist er?

Malvolio.
Wie, von der männlichen.

Olivia.
Aber was für eine Art von einem Mann?

Malvolio.
Von einer sehr unartigen; er will mit euch reden, ihr mögt wollen
oder nicht.

Olivia.
Wie sieht er aus, und wie alt mag er seyn?

Malvolio.
Nicht alt genug, einen Mann und nicht jung genug, einen Knaben
vorzustellen; mit einem Wort, ein Mittelding zwischen beyden, ein
hübsches, wohlgemachtes Bürschgen, und er spricht ziemlich
nasenweise; man dächte, er habe noch was von seiner Mutter Milch im
Leibe.

Olivia.
Laßt ihn kommen; ruft mir mein Mädchen.

Malvolio.
Jungfer, die Gnädige Frau ruft.

(Er geht ab.)

Neunte Scene.
(Maria tritt auf.)

Olivia.
Gieb mir meinen Schleyer: Komm, zieh ihn über mein Gesicht: Wir
wollen doch noch einmal hören, was Orsino’s Gesandtschaft
anzubringen haben wird.  (Viola zu den Vorigen.)

Viola.
Wo ist die Gnädige Frau von diesem Hause?

Olivia.
Redet mit mir, ich will für sie antworten; was wollt ihr?

Viola.
Allerglänzendste, auserlesenste und unvergleichlichste Schönheit—
ich bitte euch, sagt mir, ob das die Frau vom Hause ist, denn ich
sah sie noch niemals.  Es wäre mir leid, wenn ich meine Rede umsonst
gehalten hätte; denn ausserdem daß sie über die maassen wol gesezt
ist, so hab ich mir grosse Mühe gegeben, sie auswendig zu lernen.
Meine Schönen, eine deutliche Antwort; ich bin sehr kurz angebunden,
wenn mir nur im geringsten mißbeliebig begegnet wird.

Olivia.
Woher kommt ihr, mein Herr?

Viola.
Ich kan nicht viel mehr sagen als ich studiert habe und diese Frage
ist nicht in meiner Rolle.  Mein gutes junges Frauenzimmer, gebt mir
hinlängliche Versicherung daß ihr die Frau von diesem Hause seyd,
damit ich in meiner Rede fortfahren kan.

Olivia.
Seyd ihr ein Comödiant?

Viola.
Nein, vom innersten meines Herzens wegzureden; und doch schwör’ ich
bey den Klauen der Bosheit, ich bin nicht was ich vorstelle.  Seyd
ihr die Frau vom Hause?

Olivia.
Wenn ich mich selbst nicht usurpiere, so bin ich’s.

Viola.
Unfehlbar, wenn ihr sie seyd, usurpiert ihr euch selbst; denn was
euer ist um es wegzugeben, das kömmt euch nicht zu, für euch selbst
zurük zu behalten; doch das ist aus meiner Commißion.  Ich will den
Eingang meiner Rede mit euerm Lobe machen, und euch dann das Herz
meines Auftrags entdeken.

Olivia.
Kommt nur gleich zur Hauptsache; ich schenke euch das Lob.

Viola.
Desto schlimmer für mich; ich gab mir so viele Müh es zu studieren,
und es ist so poetisch!

Olivia.
Desto mehr ist zu vermuthen, daß es übertrieben und voller Dichtung
ist.  Ich bitte euch, behaltet es zurük.  Ich hörte, ihr machtet euch
sehr unnüze vor meiner Thüre, und ich erlaubte euch den Zutritt
mehr aus Fürwiz euch zu sehen, als euch anzuhören.  Wenn ihr nicht
toll seyd, so geht; wenn ihr Verstand habt, so macht’s kurz; es ist
gerade nicht die Monds-Zeit bey mir, da ich Lust habe in einem so
hüpfenden Dialog’ eine Person zu machen.

Maria.
Wollt ihr eure Segel aufziehen, junger Herr, hier ligt euer Weg.

Viola.
Nein, ehrlicher Schiffs-Junge, ich werde hier noch ein wenig Flott
machen.

Olivia.
Was habt ihr dann anzubringen?

Viola.
Ich bin ein Deputierter.

Olivia.
Wahrhaftig, ihr müßt etwas sehr gräßliches zu sagen haben, da eure
Vorrede so fürchterlich ist.  Redet was ihr zu reden habt.

Viola.
Es bezieht sich allein auf euer eignes Ohr.  Ich bringe keine Kriegs-
Erklärung; ich trage den Ölzweig in meiner Hand, und meine Worte
sind eben so friedsam als gewichtig.

Olivia.
Und doch fienget ihr unfreundlich genug an.  Wer seyd ihr?  Was wollt
ihr?

Viola.
Wenn ich unfreundlich geschienen habe, so ist es der Art wie ich
empfangen wurde, zuzuschreiben.  Was ich bin und was ich will, das
sind Dinge, die so geheim sind wie eine Jungferschaft; für euer Ohr,
Theologie; für jedes andre, Profanationen.

Olivia.
Laßt uns allein.

(Maria geht ab.)

Wir wollen diese Theologie hören.  Nun, mein Herr, was ist euer
Text?

Viola.
Allerliebstes Fräulein—

Olivia.
Eine trostreiche Materie, und worüber sich viel sagen läßt.  Wo
steht euer Text?

Viola.
In Orsino’s Busen.

Olivia.
In seinem Busen?  In was für einem Capitel seines Busens?

Viola.
Um in der nemlichen Methode zu antworten, im ersten Capitel seines
Herzens.

Olivia.
O, das hab’ ich gelesen; es ist Kezerey.  Ist das alles was ihr zu
sagen habt?

Viola.
Liebe Madam, laßt mich euer Gesicht sehen.

Olivia.
Habt ihr Commission von euerm Herrn, mit meinem Gesicht
Unterhandlungen zu pflegen?  Ihr geht izt zwar über euern Text
hinaus; aber wir wollen doch den Vorhang wegziehen, und euch das
Gemählde zeigen.  Seht ihr, mein Herr; so eines trag’ ich dermahlen;
ist’s nicht wohl gemacht?

(Sie enthüllt ihr Gesicht.)

Viola.
Vortrefflich, wenn Gott alles gemacht hat.

Olivia.
Davor steh ich euch; es ist von der guten Farbe; es hält Wind und
Wetter aus.

Viola.
O, gewiß kan nur die schlaue und anmuthreiche Hand der Natur weiß
und roth auf eine so reizende Art auftragen, und in einander
mischen—Gnädiges Fräulein, ihr seyd die grausamste Sie in der
ganzen Welt, wenn ihr solche Reizungen ins Grab tragen wollt, ohne
der Welt eine Copey davon zu lassen.

Olivia.
O, mein Herr, so hartherzig will ich nicht seyn; ich will
verschiedene Vermächtnisse von meiner Schönheit machen.  Es soll ein
genaues Inventarium davon gezogen, und jedes besondre Stük meinem
Testament angehängt werden.  Als, item, zwo erträglich rothe Lippen.
Item, zwey blaue Augen, mit Augliedern dazu.  Item, ein Hals, ein
Kinn, und so weiter.  Seyd ihr hieher geschikt worden, mir eine
Lobrede zu halten?

Viola.
Ich sehe nun, was ihr seyd; ihr seyd zu spröde; aber wenn ihr der
Teufel selbst wäret, so muß ich gestehen, daß ihr schön seyd.  Mein
Gebieter und Herr liebt euch: O!  eine Liebe, wie die seinige,
könnte mit der eurigen, mehr nicht als nur belohnt werden, und wenn
ihr zur Schönsten unter allen Schönen des Erdbodens gekrönt worden
wäret.

Olivia.
Wie liebt er mich dann?

Viola.
Mit einer Liebe, die bis zur Abgötterey geht, mit immer fliessenden
Thränen, mit liebe-donnerndem Ächzen und Seufzern von Feuer.

Olivia.
Euer Herr weiß meine Gesinnung schon, er weiß daß ich ihn nicht
lieben kan.  Ich zweifle nicht daß er tugendhaft, und ich weiß daß
er edel, von grossem Vermögen, von frischer und unverderbter Jugend
ist; er hat den allgemeinen Beyfall vor sich, und ist reizend von
Gestalt; aber ich kan ihn nicht lieben; ich hab es ihm schon gesagt,
und er hätte sich meine Antwort auf diesen neuen Antrag selbst
geben können.

Viola.
Wenn ich euch liebte wie mein Herr, mit einer so quälenden, so
verzehrenden Liebe, so würd’ ich mich durch eine solche Antwort
nicht abweisen lassen; ich würde gar keinen Sinn in ihr finden.

Olivia.
Wie, was thätet ihr denn?

Viola.
Ich würde Tag und Nacht vor eurer Thüre ligen, und so lange hinein
ruffen bis mir der Athem ausgienge: ich würde klägliche Elegien
über meine unglükliche Liebe machen, und sie selbst in der
Todesstille der Nacht laut vor euerm Fenster singen; euern Namen
den zurükschlagenden Hügeln entgegen ruffen, und die schwazhafte
Gevatterin der Luft

(die Echo)

an Olivia sich heiser schreyen machen!  O ich wolte euch nirgends
Ruhe lassen, bis ihr Mitleiden mit mir hättet.

Olivia.
Ihr könntet es vielleicht weit genug bringen.  Was ist euer Stand?

Viola.
Über meine Glüks-Umstände, doch bin ich zufrieden; ich bin ein
Edelmann.

Olivia.
Kehrt zu euerm Herrn zurük; ich kan ihn nicht lieben; er soll mich
mit seinen Gesandtschaften verschonen; ausser ihr wolltet noch
einmal zu mir kommen, um mir zu sagen, wie er meine Erklärung
aufgenommen hat; lebt wohl; ich dank’ euch für eure Mühe: nemmt diß
zu meinem Andenken—

Viola.
Ich bin kein Bote der sich bezahlen läßt; Gnädiges Fräulein,
behaltet euern Beutel: Mein Herr, nicht ich, bedarf eurer Gütigkeit.
Möchte sein Herz von Kieselstein seyn, und ihr so heftig in ihn
verliebt werden, als er’s ist, damit ihr die ganze Qual einer
verschmähten Liebe fühltet!  Lebt wohl, schöne Unbarmherzige!

(Sie geht ab.)

Olivia (allein.)
Was ist euer Stand?  Über meine Glüks-Umstände, doch bin ich
zufrieden; ich bin ein Edelmann—Ich wollte schwören daß du es bist!
Deine Sprache, dein Gesicht, deine Gestalt, deine Gebehrden und
dein Geist machen eine fünffache Ahnen-Probe für dich—nicht zu
hastig—sachte!  Sachte!—Es müßte dann bestimmt seyn—wie, was für
Gedanken sind das?  Kan man so plözlich angestekt werden?  Es ist mir
nicht anders, als fühlt’ ich die Annehmlichkeiten dieses jungen
Menschen, mit unsichtbarem leisem Tritt zu meinen Augen
hineinkriechen.  Gut, laßt es gehn—He, Malvolio! —
(Malvolio tritt auf.)

Malvolio.
Hier, Gnädige Frau, zu euerm Befehl.

Olivia.
Lauffe diesem nemlichen wunderlichen Abgesandten, des Herzogs
seinem Diener, nach; er ließ diesen Ring zurük, ich wollte oder
wollte nicht; sag ihm, ich woll’ ihn schlechterdings nicht.  Ersuch
ihn, seinem Herrn nicht zu schmeicheln, und ihn nicht mit falschen
Hoffnungen aufzuziehen; ich sey nicht für ihn: wenn der junge
Mensch morgen dieser Wege kommt, will ich ihm Ursachen dafür geben.
Eile, Malvolio.  (Malvolio geht ab.)

Olivia.
Ich thue etwas, und weiß selbst nicht was; ich besorge, ich besorge,
meine Augen haben mein Herz überrascht!  Schiksal, zeige deine
Macht: Wir sind nicht Herren über uns selbst; was beschlossen ist,
muß seyn, und so sey es dann!

(Sie geht ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene.
(Die Strasse.)
(Antonio und Sebastiano treten auf.)

Antonio.
Ihr wollt also nicht länger bleiben?  Und ihr wollt auch nicht
erlauben, daß ich mit euch gehe?

Sebastiano.
Nein, verzeiht mir’s; meine Sterne scheinen dunkel über mir; der
mißgünstige Einfluß meines Schiksals möchte auch das eurige
ansteken; erlaubt mir also, daß ich mich von euch beurlaube, um
mein Unglük allein zu tragen.  Es würde eine schlechte Belohnung für
eure Freundschaft seyn, wenn ich euch auch nur den kleinsten Theil
davon auflegen wollte.

Antonio.
Laßt mich wenigstens nur wissen, wohin ihr gehen wollt.

Sebastiano.
Meine Reise ist in der That nichts anders, mein Herr, als ein
wunderlicher Einfall, ohne besondere Absicht—Doch diese edle
Bescheidenheit, womit ihr euch zurükhaltet, mir abzunöthigen, was
ich, wie ihr merket, gerne bey mir behalten wollte, verbindet mich,
von selbst näher gegen euch heraus zu gehen.  Wisset also, Antonio,
daß mein Name Sebastiano und nicht Rodrigo ist, wie ich vorgab;
mein Vater war dieser Sebastiano von Messaline, von dem ihr ohne
Zweifel gehört haben müßt.  Er hat mich mit einer Schwester
hinterlassen, die in der nemlichen Stunde mit mir gebohren worden;
möcht’ es dem Himmel gefallen haben, daß wir auch ein solches Ende
genommen hätten.  Aber ihr, mein Herr, verhindertet das; denn
ungefehr eine Stunde, eh ihr mich aus dem Schiffbruch aufnahmet,
war meine Schwester ertrunken.

Antonio.
Ich bedaur’ euch von Herzen.

Sebastiano.
Eine junge Dame, mein Herr, welche, ob man gleich eine sonderbare
Ähnlichkeit zwischen ihr und mir finden wollte, doch von vielen
für schön gehalten wurde; und wenn ich gleich über diesen Punkt
nicht zu leichtgläubig seyn möchte, so darf ich hingegen kühnlich
von ihr behaupten, daß sie ein Gemüthe hatte, das der Neid selbst
nicht anders als schön nennen könnte: Nun ist sie ertrunken, mein
Herr, und ihr Andenken preßt mir Thränen aus, die ich nicht
zurükhalten kan.

Antonio.
Vergebet mir, mein Herr, daß ihr nicht besser bedient worden seyd.

Sebastiano.
O mein allzugütiger Antonio; vergebet mir die Unruhe die ich euch
gemacht habe.

Antonio.
Wenn ihr mich für meinen guten Willen nicht ermorden wollt, so laßt
mich euer Diener seyn.

Sebastiano.
Wenn ihr eure Wohlthat nicht wieder vernichten, und ein Leben
wieder nehmen wollt, das ihr erhalten habt, so muthet mir das nicht
zu.  Lebt wohl auf immer; mein Herz ist zu sehr gerührt, als daß ich
mehr sagen könnte; meine Augen reden für mich—Ich muß an des
Herzogs Orsino Hof; Lebet wohl.

(Er geht ab.)

Antonio.
Die Huld aller Götter begleite dich!  Ich habe mir Feinde an
Orsino’s Hofe gemacht, sonst solltest du mich dort bald in deinem
Wege finden: Und doch, es entstehe daraus was immer will, ich liebe
dich so sehr daß mich keine Gefahr abschreken kan; ich will gehen.

(Geht ab.)

Zweyte Scene.
(Malvolio trift Viola, in ihrer Verkleidung als Cäsario an, und
richtet den Auftrag bey ihr aus, den ihm Olivia vorhin gegeben, und
da Viola den Ring nicht annehmen will, wirft er ihn endlich vor
ihre Füsse und geht ab.)

Viola (allein.)
Ich ließ keinen Ring bey ihr ligen; was meynt diese Dame damit?  Das
Unglük wird doch nicht wollen, daß ihr meine Gestalt in dieser
Verkleidung gefährlich gewesen!  Sie schien mich mit günstigen Augen
anzusehen, in der That, so sehr, daß ihre Augen ihre Zunge verhext
und gelähmt zu haben schienen; denn sie sprach sehr zerstreut und
ohne Zusammenhang—Sie liebt mich, so ist es; und der Auftrag den
sie diesem plumpen Abgesandten gemacht, ist ein Kunstgriff, mir
ihre Liebe auf eine feine Art zu erkennen zu geben—Sie will keinen
Ring von meinem Herrn; wie?  er schikte ihr ja keinen; ich bin der
Mann—Wenn es so ist, (und es ist so) das arme Fräulein!  so wär es
noch besser für sie, in ein blosses Phantom verliebt zu seyn.
Verkleidungen sind, wie ich sehe, eine Gelegenheit, deren Satan
sich wol zu bedienen weiß.  Wie wenig es braucht, um in ein
wächsernes Weiber-Herz Eindruk zu machen!  Himmel!  daran hat unsre
Gebrechlichkeit Schuld, nicht wir; wenn wir so gemacht sind, was
können wir dafür, daß wir so sind?—Aber wie wird sich das zusammen
schiken?  Mein Herr liebt sie aufs äusserste; ich, arme Mißgestalt,
bin eben so stark von ihm bethört; und sie, durch den Schein
betrogen, seufzt um mich.  Was wird aus diesem allem werden?  In so
fern ich ein Mann bin, könnte meine Liebe zu Orsino in keinem
verzweifeltern Zustand seyn; in so fern ich ein Mädchen bin, wie
viele vergebliche Seufzer wird die arme Olivia aushauchen!  Hier ist
lauter Hoffnunglose Liebe, auf allen Seiten.  O Zeit, du must diß
entwikeln, nicht ich; es ist ein Knoten, der zu hart verschlungen
ist, als daß ich ihn auflösen könnte.

(Sie geht ab.)

Dritte Scene.
(Verwandelt sich in Olivias Haus.)
(Sir Tobias und Sir Andreas, nebst dem Narren.)

Vierte Scene.
(Maria, und endlich auch Malvolio zu den Vorigen.)
(Diese beyden Zwischen-Scenen sind der Übersezung unwürdig, und
eines Aufzugs unfähig.)

Fünfte Scene.
(Verwandelt sich in den Pallast.)
(Der Herzog, Viola, Curio, und andre.)

Herzog.
Macht mir ein wenig Musik; nun guten Morgen, meine Freunde: Wie,
mein wakrer Cäsario, in der That, das Stükchen, das alte ehrliche
Gassen-Liedchen, das wir lezte Nacht hörten, machte mir leichter
ums Herz als diese flüchtigen Läuffe, diese studierten Säze einer
rauschenden und schwindlicht sich im Kreise herumdrehenden
Symphonie—Kommt, nur eine Strophe—

Curio.
Gnädigster Herr, es ist niemand da, der es singen könnte.

Herzog.
Wer sang es denn gestern?

Curio.
Fest, der Pikelhäring, der Narr, mit dem der Gräfin Olivia Vater
soviel Kurzweil hatte.  Er ist ausgegangen.

Herzog.
Sucht ihn auf, und spielt indessen die Melodie.  Komm hieher, Junge:
wenn du jemals erfahren wirst was Liebe ist, so denk’ in ihren
süssen Beklemmungen an mich; so wie ich bin, sind alle Liebhaber:
unstät und launisch in allen andern Vorstellungen, als allein in
dem Bilde des Geliebten, das immer vor ihren Augen schwebt—wie
gefällt dir dieser Ton?

Viola.
Er giebt ein wahres Echo von dem Siz, wo die Liebe thront.

Herzog.
Du sprichst meisterlich.  Ich seze mein Leben dran, dein Herz ist
nicht so unerfahren als du jung bist; du hast geliebt, nicht wahr,
Junge?

Viola.
Ein wenig, Gnädigster Herr.

Herzog.
Von was für einer Gattung Weibsbilder ist sie?

Viola.
Sie sieht Eu.  Gnaden gleich.

Herzog.
So ist sie deiner nicht werth.  Wie alt, ernsthafter Weise?

Viola.
Von euerm Alter, Gnädigster Herr.

Herzog.
So ist sie zu alt; ein Weibsbild soll immer einen ältern nehmen als
sie ist, so daurt sie ihn aus, und ist sicher, ihren Plaz in ihres
Mannes Herzen immer zu behalten.  Denn, glaube mir, Junge, wir mögen
uns so schön machen als wir wollen, so sind doch unsre Zuneigungen
immer weit schwindlichter, unsteter, schwankender, und leichter
abgenuzt und verlohren, als der Weiber ihre.

Viola.
Das denk’ ich selbst, Gnädigster Herr.

Herzog.
Wähle dir also eine Liebste die jünger als du bist, oder deine
Liebe wird von keiner Dauer seyn: Denn Weiber sind wie Rosen; in
der nemlichen Stunde, da ihre schöne Blume sich völlig entfaltet,
fällt sie ab.

Viola.
Und so sind sie; wie schade, daß sie so sind!  daß sie in dem
Augenblik sterben, worinn sie den Punkt ihrer Vollkommenheit
erreicht haben.  (Curio und der Narr zu den Vorigen.)

Herzog.
O, komm du, guter Freund—Das Lied von gestern Nachts—Gieb Acht
darauf, Cäsario, es ist alt und einfältig; die Spinnerinnen und
Strikerinnen, wenn sie an der Sonne bey ihrer Arbeit sizen, und die
muntern Webers-Mädchen, wenn sie zetteln, pflegen es zu singen; es
ist ein läppisches, kindisches Ding, aber es sympathisiert mit der
Unschuld der Liebe, wie man vor Alters liebte.

Narr.
Seyd ihr fertig, Herr?

Herzog.
Ja; sing, ich bitte dich.  (Ein Lied.*)

Herzog.
Hier ist was für deine Mühe.

Narr.
Keine Mühe, Herr; singen ist ein Vergnügen für mich, Herr.

Herzog.
So will ich dir dein Vergnügen bezahlen.

Narr.
Das ist ein anders, Herr; Vergnügen will über kurz oder lange
bezahlt seyn.

Herzog.
Du kanst nun wieder gehen, so schnell du willst.

Narr.
Nun, der melancholische Gott der Liebe behüte dich, und der
Schneider mache dir ein Wamms von schielichtem Taft; denn dein
Gemüth ist ein wahrer Opal.  Leute von solcher Standhaftigkeit müßte
man mir über Meer schiken, damit ihr Geschäfte allenthalben und ihr
Ziel nirgends wäre; denn das ist gerade was man braucht, um von
einer langen Reise nichts nach Hause zu bringen.  Lebt wohl.

(Er geht ab.)

* Der Verfasser der Beurtheilung des ersten Theils dieser
Übersezung, in der Bibliothek der schönen Wissenschaften hat eine
so glükliche Probe mit einem Liede des Narren im König Lear gemacht,
daß wir ihm auch dieses Gassenhauerchen überlassen wollen.  Es ist
in der That alles was Orsino davon sagt, aber es müßte, um nicht
alles zu verliehren in der Sprache Sebastian Brands oder einer noch
ältern, in der nemlichen oder einer ganz ähnlichen Versart, mit der
nemlichen Wahrheit der Erfindung, und tändelnden Einfalt des
Ausdruks, übersezt werden—eine Arbeit, welche vielleicht schwerer
ist, als das feinste Sonnet von einem Zappi, in Reime zu übersezen.

Sechste Scene.

Herzog.
Macht uns Plaz ihr andern—Versuch es noch zum leztenmal, Cäsario;
geh noch einmal zu dieser schönen Unerbittlichen; sag ihr, meine
Liebe lege einer Menge von ausgebreiteten Erdschollen die man
Ländereyen heißt, keinen Werth bey; sag ihr, die Güter die das Glük
ihr zugelegt habe, seyen in meinen Augen so eitel als das Glük
selbst; ihr Gemüth allein, dieses Wunder, dieses unvergleichliche
Kleinod, das die Natur so schön gefaßt hat, ziehe meine Seele an,
und wenn sie die ganze Welt zum Brautschaz hätte, so würde sie in
meinen Augen nicht reizender seyn.

Viola.
Aber wenn sie euch nun nicht lieben kan, Gn.  Herr?

Herzog.
Ich will keine solche Antwort haben.

Viola.
Aber wie dann, wenn ihr müßt?  Sezet den Fall, es gäbe eine junge
Dame, wie es vielleicht eine giebt, die aus Liebe zu euch diese
nemliche Quaal in ihrem Herzen fühlte, die ihr für Olivia fühlt;
und ihr könntet sie nicht lieben, und ihr sagtet ihr das; müßte sie
sich diese Antwort nicht gefallen lassen?

Herzog.
Es giebt kein weibliches Herz das stark genug wäre, den Sturm einer
so heftigen Leidenschaft auszuhalten, wie die meinige ist—es giebt
keines, das groß genug wäre, eine solche Liebe zu fassen.  Ihre
Liebe verdient mehr den Namen eines flüchtigen Gelusts, sie reizt
nur ihren Gaumen, nicht ihre Leber, und endigt sich bald durch
Überfüllungen Ekel und Abscheu; da die meinige hingegen so hungrig
ist wie die See, und eben so viel verdauen kan.  Mache keine
Vergleichung zwischen der Liebe die ein Weibsbild für mich haben
kan, und der meinigen für Olivia.

Viola.
Gut, und doch weiß ich—

Herzog.
Was weißst du?

Viola.
Nur zuwohl was für einer Liebe die Weibsbilder zu den Mannsleuten
fähig sind.  Aufrichtig zu reden, sie haben so getreue Herzen als
wir immer.  Mein Vater hatte eine Tochter die jemand so sehr liebte,
als ich vielleicht, wenn ich ein Weibsbild wäre, Euer Gnaden lieben
würde.

Herzog.
Und was ist ihre Geschichte?

Viola.
Ein weisses Blatt Papier: Nie entdekte sie ihre Liebe sondern ließ
ihr Geheimniß, gleich einem Wurm in der Knospe, an ihrer Rosenwange
nagen: Sie verschloß ihre Quaal in ihr Herz, und, in blasser
hinwelkender Schwermuth, saß sie wie die Geduld auf einem Grabmal,
und lächelte ihren Kummer an.  War das nicht Liebe, wahre Liebe?  Wir
Männer mögen mehr reden, mehr schwören, aber daß wir besser lieben,
daran läßt sich zweiffeln, ohne uns Unrecht zu thun; wir zeigen
immer mehr als wir fühlen—und unsre Liebe ist oft desto schwächer,
je stärker wir sie ausdruken.

Herzog.
Aber starb deine Schwester an ihrer Liebe, Junge?

Viola.
Ich bin alle Töchter die von meines Vaters übrig sind, und alle
Brüder dazu—und doch weiß ich nicht—Gnädigster Herr, soll ich zu
dieser Dame gehen?

Herzog.
Ja, das ist die Sache.  Eile zu ihr; gieb ihr dieses Kleinod; sag
ihr, meine Liebe könne und werde sich nicht abtreiben lassen.

(Sie gehen ab.)

Siebende, achte und neunte Scene.
(Jungfer Maria hatte mit den beyden würdigen Junkern Sir Tobias
und Sir Andreas, in der vierten Scene den Plan zu einem kleinen
Streich angelegt, den sie, zu ihrer allerseitigen Belustigung, dem
Malvolio, einem einbildischen, in sich selbst verliebten, dummen
und dabey sehr feyrlichen Gesellen, spielen wollten.  Dieses
Complott wird nun in diesen dreyen Scenen ausgeführt.  Maria
schreibt in ihrer Gebieterinn Namen einen Brief worinn Oliviens
Hand so gut als möglich nachgeahmt ist, und legt ihn an einen Ort,
wo ihn Malvolio finden muß.  Man kan sich vorstellen, was für
närrisches Zeug ein solcher Bursche anzugeben fähig ist, da er
Oliviens eigne Hand dafür zu haben glaubt, daß sie sterblich in ihn
verliebt sey.  Alles was wir aus diesem Intermezzo der Übersezung
würdig halten, ist das Gespräch des Malvolio das er mit sich selbst
hält, eh und da er den unterschobnen Brief findet, und aus welchem
wir nur die abgeschmakten Ausruffungen, Schwüre und Parenthesen
weglassen, welche die beyden Junkers a parte machen.)

(Die Scene ist in Olivias Garten.)
(Maria zu Sir Tobias, Sir Andreas und Fabian.)

Maria.
Geht, verbergt euch alle drey in die Laube dort; Malvolio kommt
diesen Gang herauf; er stuhnd schon diese halbe Stunde lang dort in
der Sonne, und gesticulirte gegen seinem eignen Schatten—gebt auf
ihn acht, ich bitte euch, ihr werdet Spaß davon haben: Denn ich bin
sicher, dieser Brief wird ihn in die lächerlichste Betrachtungen
versenken—Haltet euch still, wenn ihr euch nicht selbst einen Spaß
verderben wollt—lieg du da—

(Sie wirft den Brief hin, und entfernt sich.)

(Malvolio tritt auf; mit sich selbst redend.)

Malvolio.
Es kommt alles aufs Glük an, alles aufs Glük!  Maria sagte mir
neulich, sie könne mich überaus wohl leiden, und ich habe selbst
gehört, daß sie sich herausgelassen hat, wenn sie sich verlieben
wollte, so müßt’ es in einen von meiner Figur seyn.  Überdem
begegnet sie mir immer mit einer gewissen Achtung, das sie sonst
für keinen von ihren Bedienten thut.  Was soll ich von der Sache
denken—das wäre mir eins, Graf Malvolio—Man hat doch dergleichen
Exempel—Die Princessin von Thracien heurathete einen Bedienten von
der Garderobe—Wenn ich dann drey Monate mit ihr verheurathet wäre,
und sässe da auf meinem Guthe—und rieffe meine Officianten um mich
herum, in meinem ausgeschnittnen Samtnen Rok—nachmittags, vom
Ruhbette aufgestanden, wo ich Olivia schlafend gelassen hätte—und
dann nähm ich den Humor an den mein Stand erforderte; gienge, die
Hände kreuzweis auf den Rüken gelegt, ganz ernsthaft auf und ab,
schaute sie dann mit einem kalten, überhinfahrenden Blik an, und
sagte ihnen, ich wisse wer ich sey, und wünschte, sie möchten auch
wissen wer sie seyen—fragte nach meinem Onkel Tobias—Sechs oder
Sieben von meinen Leuten führen dann plözlich auf, und rennten
einander nieder vor Eilfertigkeit ihn aufzusuchen; indessen mach
ich eine weil’ ein finstres Gesicht, ziehe vielleicht meine Uhr auf,
oder tändle mit dem Schaupfenning an der goldnen Kette, die ich um
die Schultern hängen habe—Dann kommt Tobias herbey, macht seine
Verbeugungen sobald er mich erblikt—ich streke meine Hand so gegen
ihn aus, und lösche mein vertrauliches Lächeln mit einem strengen
herrischen Blik—sag ihm, Onkel Tobias, da mein Schiksal mich eurer
Nichte zugeworfen hat, so hoff ich das Recht zu haben zu reden—ihr
müßt euer starkes Trinken lassen—und zudem verderbt ihr eure
kostbare Zeit mit einem närrischen Junker—einem gewissen Sir
Andreas—He?  was giebts hier zu thun?—

(Er hebt den Brief auf.)

Bey meinem Leben, das ist der Gnädigen Frau ihre Hand: Das sind
ihre natürlichen C., ihre U., und ihre T., und so macht sie ihre
grosse P.  Es ist ihre Hand, da ist nicht dawider einzuwenden—(Dem
Geliebten Ungenannten dieses und meine Zärtlichsten Wünsche:) Das
ist ihre Schreib-Art: Mit Erlaubniß, Wachs.  Sachte!  Und das Sigel
ihre Lucretia, mit der sie alle ihre Briefe zu sigeln pflegt: An
wen mag das seyn?

(Das ich lieb’, ist euch, ihr Götter, kund;
aber wen, verschweige stets, mein Mund) Das soll also ein Geheimniß
seyn?—Seltsam!  was folgt weiter?  Aber wen, verschweige stets mein
Mund—wie wenn du das wärest, Malvolio?—Sachte, hier haben wir
auch Prosa—«Wenn dieses in deine Hände kommt, so liese es mehr als
ein mal.  Mein Gestirn hat mich über dich gesezt, aber fürchte dich
nicht vor Grösse; einige werden groß gebohren, andre arbeiten sich
zu Grösse empor, andern wird sie zugeworffen.  Dein glükliches
Schiksal öffnet seine Arme gegen dich; habe den Muth ihm entgegen
zu eilen; und um dich bey Zeiten an das zu gewöhnen, was du
wahrscheinlicher Weise werden wirst, so wirf dein allzu demüthiges
Betragen von dir, und zeige dich in einem vortheilhaftern Lichte.
Begegne meinem Vetter zuversichtlich, und den Bedienten trozig;
rede von Staats-Sachen; nimm in allen Stüken etwas sonderliches an.
Das ist der Rath derjenigen, die für dich seufzet.  Erinnre dich,
wer dir rieth gelbe Strümpfe zu tragen und sie unter dem Knie zu
binden.  Ich sag’, erinnre dich daran; (Geh, geh, du bist ein
gemachter Mann, wenn du nur willst: Wo nicht, so bleibe dann dein
Lebenlang ein Hausmeister, der Camerad von Bedienten und unwürdig
Fortunens Finger zu berühren.  Adieu.  Sie, die geneigter ist, deine
Sclavin zu seyn, als dir zu gebieten, o glüklicher Sterblicher)»—
Sonnenlicht kan nichts klärer machen als das ist—Das heiß’ ich
klar.  Ja, ich will stolz seyn, ich will politische Bücher lesen,
ich will Sir Tobiesen scheeren, ich will mit meinen vorigen
Bekannten thun, als kennt’ ich sie nicht, kurz, ich will thun, wie
mein Herr selbst.  Es ist offenbar, daß ich mir nicht zu viel
schmeichle, daß es keine blosse Einbildung ist; alles überzeugt
mich, daß die Gnädige Frau verliebt in mich ist.  Sie ermahnte mich
lezthin gelbe Strümpfe zu tragen, sie lobte meine Beine—und hier
haben wir’s wiederum, und auf eine Art, als ob sie es für eine
Gefälligkeit aufnehmen wolle, wenn ich mich nach ihrem Geschmak
puze.  Dank sey meinen Sternen, ich bin glüklich: Ich will so fremde
thun, daß man mich nicht mehr kennen soll, gelbe Strümpfe tragen,
und sie unter den Knien binden, und das gleich diesen Augenblik.
Jupiter und mein Gestirn sey gepriesen!—Hier ist noch ein
Postscript—(Es ist unmöglich daß du nicht errathen solltest wer
ich bin—wenn dir meine Liebe angenehm ist, so zeig es durch dein
Lächeln; das Lächeln läßt dir gar zu gut.  Lächle also immer in
meiner Gegenwart, mein Allerliebster, ich bitte dich darum)—
Jupiter!  ich danke dir!  Ich will lächeln, ich will alles thun, was
du von mir verlangst.

(ab.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene.
(Olivia’s Garten.)
(Ein wiziger Wett-Kampf zwischen Viola und dem Narren.)

Zweyte Scene.
(Sir Tobias mit seinem Freund, zu den Vorigen.)
(Bald darauf auch Olivia und Maria.)

Dritte Scene.
(Olivia und Viola allein.)

Olivia.
Gebt mir eure Hand, mein Herr.

Viola.
Mit meinen unterthänigsten Diensten, Gnädige Frau.

Olivia.
Wie ist euer Name?

Viola.
Cäsario ist euers Dieners Name, schöne Princessin.

Olivia.
Meines Dieners, mein Herr?  Die Welt hat ihre beste Anmuth verlohren,
seitdem man erdichtete Gesinnungen Complimente nennt: Ihr seyd des
Herzogs Orsino Diener, junger Mensch—

Viola.
Und also der eurige, Gnädige Frau.  Der Diener euers Dieners, muß
nothwendig auch euer Diener seyn.

Olivia.
An ihn denk’ ich nun gar nicht; ich wollte, seine Gedanken wären
lieber gar leer als mit mir angefüllt.

Viola.
Gnädige Frau, ich komme in der Absicht, eure schönen Gedanken zu
seinem Vortheil zu wenden.

Olivia.
O, mit eurer Erlaubniß, ich bitte euch—Ich sagt’ euch ja, ihr
möchtet mir nichts mehr von ihm sagen.  Ihr könntet eine andre Sayte
rühren, wo ich euch lieber hören wollte als Musik aus dem Himmel.

Viola.
Gnädige Frau—

Olivia.
Mit Erlaubniß, wenn ich bitten darf.  Ich schikte euch, nach der
lezten zaubrischen Erscheinung, die ihr hier machtet, einen Ring
nach.  Es war ein Schritt, dessen Bedeutung ihr nicht mißverstehen
konntet, und der mich vielleicht in euern Augen herabgesezt hat.
Was konntet ihr davon denken?  Habt ihr deßwegen so nachtheilig von
meiner Ehre gedacht als ein unempfindliches Herz denken kan?  Einem
von euerm Verstand, ist genug gesagt; ein Cypern, nicht ein Busen
dekt mein armes Herz.  Und nun laßt hören, was ihr zu sagen habt.

Viola.
Ich bedaure euch.

Olivia.
Das ist eine Stuffe zur Liebe.

Viola.
Nicht allemal; wir bedauren oft sogar unsre Feinde.

Olivia.
Wie dann, so ist es Zeit wieder zu lächeln.  O Welt, wie geneigt die
Armen sind stolz zu seyn!  Wenn man ja zum Raube werden muß, so ist
es doch besser durch einen Löwen zu fallen als durch einen Wolf.

(Die Gloke schlägt.)

Die Gloke wirft mir vor daß ich die Zeit verderbe.  Fürchtet euch
nicht, guter junger Mensch, ich mache keine Ansprüche an euch; und
doch wenn Verstand und Jugend bey euch zur Reiffe gekommen seyn
werden, so wird eure Frau, allem Ansehen nach, einen feinen Mann
haben: Hier ligt euer Weg, westwärts.

Viola.
So wünsch’ ich Euer Gnaden Vergnügen und guten Humor; habt ihr mir
nichts an meinen Herrn aufzugeben, Madam?

Olivia.
Warte noch; ich bitte dich, sage mir was du von mir denkst?

Viola.
Ich denke, ihr denkt ihr seyd nicht was ihr seyd.

Olivia.
Wenn ich so denke, so denk ich das nemliche von euch.

Viola.
Und so denkt ihr recht, ich bin nicht was ich bin.

Olivia.
Ich wollt’ ihr wäret wie ich euch wünschte.

Viola.
Würd’ ich besser seyn, Madam, als wie ich bin?  Ich wollt es wäre so,
denn izt bin ich euer Narr.

Olivia.
Wie anmuthig selbst Verachtung und Zorn auf seinen schönen Lippen
sizt.* Mördrische Schuld verräth sich nicht schneller, als Liebe
die sich verbergen will: Die Nacht der Liebe ist Mittag.  Cäsario,
bey den Rosen des Frühlings, bey meiner jungfräulichen Ehre und
Treue, und bey allem in der Welt, ich liebe dich so sehr, daß, troz
allem deinem spröden Wesen, weder Wiz noch Vernunft meine
Leidenschaft verbergen kan.  Erzwinge dir daher, daß ich dir mein
Herz selbst antrage, keinen Grund es zu verschmähen; denke lieber
so, (du wirst so richtiger denken) gesuchte Liebe ist gut; aber
ungesucht geschenkt, ist sie noch besser.

Viola.
Ich schwöre bey meiner Unschuld und Jugend, ich habe Ein Herz,
Einen Busen, und Eine Treue, und diese hat kein Weibsbild; noch
wird jemals Eine Meisterin davon seyn als ich selbst.  Und hiemit,
adieu, Gnädiges Fräulein; niemals werd’ ich mich wieder gebrauchen
lassen, euch meines Herrn Thränen vorzuweinen.

Olivia.
Komm nichts desto minder wieder; vielleicht mag es dir endlich
gelingen, dieses Herz, das izt seine Liebe verabscheut, zu einer
zärtlichern Gesinnung zu bewegen.

(Sie gehen ab.)

Vierte Scene.
(Verwandelt sich in ein Zimmer in Olivias Haus.)
(Sir Tobias, Sir Andreas und Fabian.)

(Sir Tobias und Fabian bemühen sich den Sir Andreas zur Eifersucht
gegen den Cäsario oder die verkleidete Viola zu reizen, und bereden
ihn, Olivia habe dem Cäsario nur darum so gut begegnet, um zu sehen,
ob er, Andreas, so geduldig dazu seyn werde; Sir Tobias sezt hinzu,
sie habe ohnfehlbar erwartet, daß er irgend einen tapfern Ausfall
gegen seinen Nebenbuhler wagen würde, und da dieses nicht geschehen,
so sey er nun ganz gewiß sehr tief in ihrer guten Meynung gefallen.
Du bist nun, sagt er, in den Norden, von meiner Nichte guter
Meynung hineingesegelt, wo du hangen wirst wie ein Eiszapfe an
eines Holländers Bart, wofern du dich nicht durch irgend eine kühne
That wieder losmachst—Kurz, sie bereden ihn endlich, daß er sich
schlechterdings mit Cäsario schlagen müsse, und Sir Tobias erbietet
sich, diesem die Ausforderung zu überbringen; welche zu schreiben
dann Sir Andreas abgeht.)

Fünfte Scene.
(Fabian und Sir Tobias machen sich zum voraus über die Kurzweile
lustig, die sie von diesem Zweykampf erwarten.  Sir Tobias gesteht
von seinem Freund daß er eine Memme sey; wenn man ihn öfnete, sagt
er, und ihr findet nur soviel Blut in seiner Leber, daß eine Floh
die Füsse darinn naß machen könnte, so will ich den Rest der
Anatomie aufessen.  Indem kommt Maria zu ihnen, und bittet sie mit
ihr zu gehen und zu sehen, wie seltsam sich Malvolio in seinen
gelben, unter den Knien gebundnen Strümpfen gebehrde, und wie
pünctlich er der Vorschrift des von ihr unterschobnen Briefs
nachlebe.  Er lächelt (sagt sie) sein breites Gesicht in mehr Linien
als auf der neuen Land-Carte sind, die mit den beyden Indien
vermehrt ist; ihr habt euere Tage nichts so gesehen; ich bin gewiß,
mein Fräulein wird ihm eine Ohrfeige geben; wenn sie’s thut, so
wird er lächeln und es für eine grosse Gunstbezeugung aufnemen.)

Sechste Scene.
(Verwandelt sich in die Strasse.)
(Sebastian und Antonio treten auf.)

(Sie freuen sich einander wieder zufinden; Sebastian bittet seinen
Freund mit ihm zu gehen, um die Merkwürdigkeiten der Stadt zu sehen;
Antonio antwortet, er getraue sich, weil er ehedem gegen den
Herzog gedient und ihm einen namhaften Schaden gethan habe, nicht,
sich so öffentlich sehen zu lassen, er bestellt also den Sebastian
auf den Abend ins Wirthshaus zum Elephanten, giebt ihm, auf den
Fall, wenn er etwann Lust hätte etwas einzukauffen, seinen Beutel,
und verläßt ihn, um ihm das Nacht-Quartier zu bestellen.)

* Von hier an bis zu Ende dieser Scene, ist im Original alles in
Reimen.

Siebende Scene.
(Verwandelt sich in Olivias Haus.)
(Olivia und Maria.)

Olivia.
Ich habe nach Cäsario geschikt; er sagt, er will kommen; was soll
ich ihm für Ehre anthun?  Was soll ich ihm geben?  Denn Jugend wird
öfters erkauft als erbettelt oder entlehnt—Ich rede zu laut—Wo
ist Malvolio?  Er ist ernsthaft und höflich, er schikt sich gut zu
einem Bedienten für eine Person von meinen Umständen; wo ist
Malvolio?

Maria.
Er kommt sogleich, Gnädiges Fräulein, aber in einem seltsamen
Aufzug.  Er ist ganz unfehlbar besessen, Gnädiges Fräulein.

Olivia.
Wie, wo fehlt es ihm?  Raßt er denn?

Maria.
Nein, Gnädiges Fräulein, er thut nichts als lächeln; Euer Gnaden
wird wohlthun, jemand zur Sicherheit bey sich zu haben: denn, ganz
gewiß, der Mann ist nicht recht richtig unterm Hut.

Olivia.
Geh, ruf ihm.—(Malvolio tritt auf.)—Ich bin so närrisch als er
immer, wenn traurige und lustige Narrheit auf eins hinauslauffen—
Nun, wie gehts, Malvolio?

Malvolio.
Liebstes Fräulein, ha, ha.

(Er lächelt auf eine abgeschmakte Art.)

Olivia.
Lächelst du?  Ich schikte nach dir, um dich zu einem ernsthaften
Geschäfte zu gebrauchen.

Malvolio.
Ernsthaft?  Ich könnte wol ernsthaft aussehen, dieses starke Binden
unter den Knien macht einige Obstruction im Geblüt; aber was thut
das?  Wenn es nur Einer gefällt, so geht mir’s vollkommen wie es in
dem Sonnet heißt: Gefall ich Einer, so gefall ich Allen.

Olivia.
Wie, was bedeutet das, Mann?  Was fehlt dir?

Malvolio.
Es ist in meinem Kopf nicht so schwarz als meine Beine gelb sind:
Es ist mir richtig zu Handen gekommen, und Befehle sollen vollzogen
werden.  Ich denke, wir kennen diese schöne Römische Hand.

Olivia.
Willt du nicht zu Bette gehen, Malvolio?

Malvolio (leise.)
Zu Bette?  Ja, Liebchen, und mit dir.

Olivia.
Gott behüte dich!  Warum lächelst du so, und küssest deine Hand so
oft?

Maria.
Was fehlt euch, Malvolio?

Malvolio.
Habt ihr zu fragen?  Wahrhaftig!  Nachtigallen antworten gleich
Krähen!

Maria.
Wie untersteht ihr euch mit einer so lächerlichen Kühnheit vor
meiner Gnäd.  Fräulein zu erscheinen?

Malvolio.
Fürchte dich nicht vor Grösse;—Das war wol gegeben.

Olivia.
Was meynst du damit, Malvolio.

Malvolio.
Einige werden groß gebohren—

Olivia.
Ha?

Malvolio.
Andre arbeiten sich zur Grösse empor—

Olivia.
Was sagst du?

Malvolio.
Und andern wird sie zugeworfen.

Olivia.
Der Himmel helfe dir wieder zurechte!

Malvolio.
Erinnre dich, wer dir befahl gelbe Strümpfe zu tragen—

Olivia.
Deine gelbe Strümpfe?

Malvolio.
Und wünschte, daß du sie unterm Knie binden möchtest?

Olivia.
Unterm Knie binden?

Malvolio.
Geh, geh, du bist ein gemachter Mann, wenn du nur willst.

Olivia.
Was sagst du?

Malvolio.
Wo nicht, so bleibe dein Lebenlang ein Bedienter.

Olivia.
Wie, das ist ja eine wahre Hundstags-Tollheit.

(Ein Bedienter meldet den Cäsario an, Olivia geht ab, nachdem sie
Befehl ertheilt hat, daß man zu Malvolio Sorge trage.)

Achte Scene.
(Malvolio, der seine Sachen vortrefflich gemacht zu haben glaubt,
bestärkt sich selbst, in einem kleinen Monologen, in seinem
angenehmen Wahnwiz, und hält sich seines Glüks so gewiß, daß ihm
nichts übrig bleibe, als den Göttern davor zu danken.)

Neunte Scene.
(Sir Tobias, Fabian und Maria zu Malvolio.)

Sir Tobias.
Wo ist er, wo ist er, im Namen alles dessen was gut ist?  Und wenn
alle Teufel in der Hölle sich ins Kleine zusammengezogen hätten und
in ihn gefahren wären, so will ich mit ihm reden.

Fabian.
Hier ist er, hier ist er.  Wie steht’s um euch, Herr?  Wie steht’s um
euch?

Malvolio.
Geht eurer Wege; ich entlaß euch; laßt mich bey mir selbst; geht
eurer Wege.

Maria.
Seht, wie der böse Feind aus ihm heraus redt!  Sagt ich’s euch
nicht?  Sir Tobias, die Gnädige Fräulein bittet euch, Sorge zu ihm
zu tragen.

Malvolio.
Ah, ha!  Thut sie das?

Sir Tobias.
Geh, geh; still, still, wir müssen säuberlich mit ihm verfahren;
laßt mich allein machen.  Wie!  Mann!  Laß den Teufel nicht Meister
seyn; bedenke, daß er ein Feind der Menschen ist.

Malvolio (ernsthaft und stolz.)
Wißt ihr auch was ihr sagt?

Maria.
Da seht ihr; wenn ihr was böses vom Teufel sagt, wie er’s gleich zu
Herzen nimmt—Gott gebe, daß er nicht besessen seyn möge!

Fabian.
Man muß sein Wasser zu der weisen Frauen tragen.

Maria.
Meiner Treue, das soll auch gleich morgen gethan werden, wenn ich
das Leben habe.  Mein Gnädiges Fräulein würd’ ihn um mehr als ich
sagen mag nicht verliehren wollen.

Malvolio.
Nun wie, Jungfer?

Maria.
O Himmel!

Sir Tobias.
Ich bitte dich, schweige; das ist nicht das rechte Mittel: Siehst
du nicht, daß du ihn nur böse machst?  Laßt mich allein mit ihm.

Fabian.
Nur keinen andern Weg als Freundlichkeit; nur sanft, nur sanft; der
böse Feind ist gar kurz angebunden, er läßt nicht grob mit sich
umgehen.

Sir Tobias.
Nun, wie, wie steht’s, mein Truthähnchen?  Wie geht’s dir, mein
Herzchen?

Malvolio.
Sir?—

Sir Tobias.
Ja, ich bitte dich, komm du mit mir.  Wie, Mann, es schikt sich
nicht für einen so weisen Mann wie du bist mit dem Teufel den
Narren zu treiben.  An den Galgen mit dem garstigen Kohlenbrenner!

Maria.
Laßt ihn sein Gebet hersagen, lieber Sir Tobias; laßt ihn beten.

Malvolio.
Beten, du Affen-Gesicht?

Maria.
Da, hört ihr’s, er will von nichts gutem reden hören.

Malvolio.
Scheret euch alle an den Galgen: Ihr seyd ein einfältiges dummes
Pak; ich bin nicht euers Gelichters; ihr werdet mich seiner Zeit
schon kennen lernen.

(Er geht ab.)

Sir Tobias.
Ist’s möglich?

Fabian.
Wenn man das in einer Comödie spielen würde, wer würd’ es nicht als
eine unwahrscheinliche Erdichtung verurtheilen?

(In dem Rest dieser Scene freuen sich Sir Tobias und seine
Consorten, daß ihnen ihre Absicht so wol gelungen sey, und
entschliessen sich nicht abzulassen, bis sie den armen Malvolio,
zur Züchtigung seines Übermuths in ein finstres Gemach und an
Bande gebracht haben würden.)

Zehnte Scene.
(Sir Andreas kommt mit der Ausforderung, die er indessen aufgesezt
hat, zu den Vorigen, und ließt ihnen das abgeschmakteste Zeug vor,
das man sich träumen lassen kan.  Alle geben ihm ihren Beyfall, und
muntern ihn auf, sich wohl zu halten.  Sir Tobias nimmt auf sich,
die Ausforderung dem Cäsario einzuhändigen und schikt den Sir
Andreas in den Garten, wo er seinem Gegner, der sich würklich bey
Fräulein Olivia befindet, aufpassen soll.  Allein sobald er
weggegangen ist, entdekt Tobias dem Fabian daß er weit entfernt sey,
einem so feinen jungen Edelmann als Cäsario zu seyn scheine, ein
so vollgültiges Document der verächtlichen Schwäche seines Gegners
zu geben; denn so würde der Spaß gleich ein Ende haben: er finde
also besser, seine Comission mündlich abzulegen, und dem jungen
Cäsario einen ganz entsezlichen Begriff von Sir Andreassen
Tapferkeit, und unbezwingbarer Wuth beyzubringen; auf diese Art,
sezt er hinzu, werden beyde in eine solche Furcht gesezt werden,
daß sie einander nur durch Blike tödten werden, wie die Basilisken.)

Eilfte Scene.
(Olivia und Viola treten auf.)

Olivia.
Zu einem Herzen von Stein hab’ ich zuviel gesagt, und meine Ehre zu
wohlfeil ausgelegt.  Es ist etwas in mir, das mir meinen Fehler
vorrükt; aber es ist ein so eigensinniger hartnäkiger Fehler, daß
ihm Vorwürfe nichts abgewinnen können.

Viola.
Der Herzog, mein Herr befindet sich in dem nemlichen Falle.

Olivia.
Hier, tragt dieses Kleinod zu meinem Andenken; es enthält mein Bild;
schlagt es nicht aus, es hat keine Zunge euch zu plagen; und ich
bitte euch, kommt morgen wieder.  Was könntet ihr von mir begehren,
das mit Ehren gegeben werden kan, und ich euch abschlagen würde?

Viola.
Ich bitte um nichts als eure Liebe für meinen Herrn.

Olivia.
Wie kan ich ihm mit Ehren geben, was ich euch schon gegeben habe?

Viola.
Ich will euch dessen quitt halten.

Olivia.
Gut, komm morgen wieder; lebe wohl—

(Sie geht ab—)

Ein Teufel der deine Gestalt hätte, könnte meine Seele bis in die
Hölle loken—

Zwölfte und dreyzehnte Scene.
(Sir Tobias kündigt den Zorn des furchtbaren Sir Andreas und seine
Ausforderung dem verkappten Cäsario an, der Mühe genug hat seinen
wenigen Muth zu einem solchen Zweykampf zu verbergen.  Tobias
verspricht ihm endlich seine guten Dienste, um wenigstens die
Ursache der grausamen Ungnade zu erkundigen, welche Cäsario durch
nichts verdient zu haben sich bewußt ist, und wo möglich den
wüthenden Sir Andreas in etwas zu besänftigen.  Tobias stellt sich
als ob er zu diesem Ende abgehe, da indessen Fabian fortfährt der
armen Viola Schreken einzujagen, und ihren Gegner als den besten
Fechter und den fatalesten Widerpart den man in ganz Illyrien
finden könne, abzumahlen.  Sie gehen ab, um dem Sir Tobias Plaz zu
geben, in der folgenden Scene, seinen Freund Andreas in eine eben
so friedliebende Gemüths-Verfassung zu sezen.  Er beschreibt ihm den
Cäsario als einen eingefleischten Teufel, der des Sophi Hof-
Fechtmeister gewesen sey, und keinen Stoß zu thun pflege, der nicht
eine tödtliche Wunde mache.  Andreas geräth darüber in solche Angst,
daß er verspricht er wolle ihm sein bestes Pferd geben, wenn er die
Sache auf sich beruhen lassen wolle.  Indessen kommt Fabian mit
Cäsario zurük, der, sobald er den Andreas erblikt, sich allen
Heiligen zu empfehlen anfängt, ohne gewahr zu werden, daß Andreas
wie eine Memme schlottert.  Sir Tobias geht von dem einen zum andern,
sagt einem jeden, sein Gegner wolle sich durch nichts in der Welt
besänftigen lassen, und bringt sie endlich dahin, daß sie, ungern
genug, die Degen zu ziehen anfangen; welches alles auf dem Theater
eine äusserst lächerliche Scene machen muß.)

Vierzehnte Scene.
(Indem sie ziehen, und Viola mit weinerlicher Stimme protestiert,
daß es wider ihren Willen geschehe, kommt Antonio dazu, der durch
die vollkommne Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem Bruder und durch
ihre Verkleidung betrogen, sie für seinen jungen Freund Sebastiano
ansieht, sich ins Mittel schlägt, und sich erklärt, er möge nun der
beleidigte Theil oder der Beleidiger seyn, so mache er seine Sache
zu seiner eignen.  Sir Tobias der es übel nimmt, daß ihm sein Spaß
verdorben werden soll, erklärt sich, wenn der Neuangekommne sich zu
Cäsarios Secundanten aufwerfe, so wolle er sein Mann seyn; allein
kaum haben sie gezogen, so kommt die Wache, bey deren Erblikung
Viola den Sir Andreas bittet seinen Degen wieder einzusteken,
welches sich dieser nicht zweymal sagen läßt.  Antonio, der sich,
wie man weiß, des Herzogs Ungnade zugezogen hatte, war verrathen
worden.  Die Wache suchte ihn auf; und da sie, der gemachten
Beschreibung nach, ihren Mann gefunden zu haben glaubt, wird er auf
Befehl des Herzogs Orsino in Verhaft genommen.)

Antonio (nachdem er sich vergeblich hatte verläugnen wollen.)
Ich muß gehorchen.

(Zu Cäsario.)

Das begegnet mir, weil ich euch allenthalben aufsuchte.  Aber dafür
ist nun kein Mittel.  Ich werde mich zu verantworten wissen.  Was
wollt ihr thun?  Meine eigne Noth zwingt mich, daß ich meinen Beutel
wieder abfordern muß.  Dieser Zufall bekümmert mich viel weniger um
meiner selbst willen, als weil ich euch unnüz werden muß: Ihr seyd
betroffen, seh ich; aber laßt den Muth noch nicht sinken.

1. Officier.
Kommt, Herr, wir müssen fort.

Antonio (Zu Cäsario.)
Ich bin genöthigt euch um etwas Geld zu bitten.

Viola.
Was für Geld, mein Herr?—Um eures edeln Bezeugens gegen mich
willen, und weil ich zum Theil durch den verdrieslichen Zufall, der
euch hier zugestossen ist, aus der grösten Verlegenheit gezogen
worden bin, will ich euch etwas vorstreken; was ich habe ist was
weniges, aber ich will doch mit euch theilen was ich habe; nemmt,
das ist die Hälfte meines Vermögens.

Antonio.
Und ihr seyd fähig, mich izt zu mißkennen?  Ist’s möglich daß meine
guten Dienste—o sezt meine Noth nicht auf eine so harte Probe,
oder ihr könntet mich zu der Niederträchtigkeit versuchen, euch die
Freundschaft, die ich euch bewiesen habe, vorzurüken.

Viola.
Ich weiß von keiner, und kenne euch weder an eurer Stimme noch
Gestalt.  Ich hasse Undankbarkeit mehr an einem Mann als
Aufschneiden, einbildisches Wesen, waschhafte Trunkenheit, oder
irgend eine andre Untugend, wovon der anstekende Saame in unserm
Blute stekt.

Antonio.
O Himmel!—

Ein Officier.
Kommt, mein Herr, ich bitte euch, geht.

Antonio.
Laßt mich nur noch ein Wort sagen.  Diesen jungen Menschen, den ihr
hier seht, zog ich aus dem Rachen des Todes; ich that alles was der
zärtlichste Bruder thun könnte, ihn wieder herzustellen; ich liebte
ihn, und ließ mich von seiner Gestalt, die mir die besten
Eigenschaften anzukündigen schien, so sehr einnehmen, daß ich ihn
fast abgöttisch verehrte.

1. Officier.
Was geht das uns an?  Die Zeit verstreicht indessen; fort!

Antonio.
Aber, oh, was für ein häßlicher Göze ist aus diesem Gotte worden.  O
Sebastiano, du machst der Schönheit Unehre.  Wahrhaftig, man sollte
niemand häßlich nennen, als Leute die kein gutes Herz haben.  Tugend
ist Schönheit; böse Leute, welche schön aussehen, sind hohle Klöze
die der Teufel angestrichen hat.

1. Officier.
Der Mann fangt an zu rasen: weg mit ihm.  Kommt, kommt, Herr.

Antonio.
Führt mich wohin ihr wollt.

(Sie gehen ab.)

Viola.
Mich däucht es ist eine so wahre Leidenschaft in seinen Reden, daß
er würklich glaubt was er sagt.  Und doch ist gewiß daß ich ihn
nicht kenne.  O daß die Einbildung sich wahr befinden möge, o, daß
es wahr sey, daß man, liebster Bruder, izt für dich mich angesehen
habe—Er nannte mich Sebastian; Ich sehe meinen Bruder noch lebend
so oft ich in den Spiegel sehe, er sah vollkommen so aus, und gieng
auch eben so gekleidet, von solcher Farbe, und so ausstaffiert wie
ich; denn ihn copiere ich in dieser Verkleidung—O, wenn es so ist,
so werd’ ich den Sturm und die Wellen liebreich statt grausam
nennen.

(Sie geht ab.)

Sir Tobias.
Ein recht schlechter armseliger Bube, und eine feigere Memme als
eine Hindin; seine Schlechtigkeit zeigte sich in seiner Aufführung
gegen seinen Freund, den er in der Noth verläugnete; und von seiner
Feigheit kan euch Fabian erzählen.

Fabian.
Eine Memme ist er, eine recht fromme, friedfertiger feige Memme.

Sir Andreas.
Mein Seel!  Ich will ihm nach und ihn prügeln.

Sir Tobias.
Thut das, gebt ihm Maulschellen, bis er genug hat, nur den Degen
zieht nicht gegen ihn.

Sir Andreas.
Wenn ich’s nicht thue—

(Er läuft fort.)

Fabian.
Kommt, wir müssen doch sehen, wie er das machen wird.

Sir Tobias.
Ich wollte wetten was man will, es wird doch nichts daraus werden.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene.
(Die Strasse.)
(Hans Wurst, der von Olivia geschikt worden, den Cäsario zu ihr zu
ruffen, trift den Sebastiano an, und richtet seinen Auftrag bey ihm
aus, weil er ihn für den Cäsario ansieht; Sebastiano, der hier ganz
fremd ist, und von der Verkleidung seiner Schwester, die er sogar
für todt hält, nichts wissen kan, stellt sich zu diesem) qui pro
quo (so befremdet an, als man sich vorstellen kan, und will
schlechterdings derjenige nicht seyn, wofür ihn Hans Wurst ansieht:
Indem sie nun mit einander streiten, kommen Sir Andreas und Sir
Tobias dazu, von denen der Erste durch den nemlichen Optischen
Betrug seinen Mann gefunden zu haben glaubt, und dem vermeynten
Cäsario eine Ohrfeige appliciert, welche Sebastiano mit einer
Tracht Schläge erwiedert.  Sir Andreas hatte sich das nicht
vermuthet, und appelliert an die Justiz; denn, sagt er, wenn ich
ihm gleich den ersten Schlag gegeben habe, so ist es doch keine
Manier, daß er mir soviele dagegen giebt.  Indem nun Sir Tobias
Friede machen will, wird er selbst mit Sebastiano handgemein; von
der dazwischen kommenden Olivia aber in der)

Zweyten Scene.
(so gleich wieder geschieden, welche ihren ungesitteten Oheim
unter den bittersten Vorwürfen aus ihren Augen gehen heißt, den
vermeynten Cäsario aber aufs zärtlichste zu besänftigen sucht, und
zu sich in ihr Haus nöthiget.  Sebastiano weiß nun vollends nicht
mehr, in was für einer Welt er ist.  Was bedeutet alles diß, ruft er
aus, entweder hab ich den Verstand verlohren, oder das alles ist
ein Traum.  O wenn es ein Traum ist, so laßt die Phantasie meine
Sinnen immer in Lethe tauchen, so laßt mich nie von diesem Traum
erwachen.  Nun, sagt Olivia, komm, ich bitte dich; ich wollte du
liessest dich von mir regieren; von Herzen gerne, antwortet
Sebastian, und so gehen sie in bester Eintracht mit einander ab.)

Dritte Scene.
(Ein Zimmer in Olivias Haus.)
(Maria und Hans Wurst.)

Maria.
Ich bitte dich, mache hurtig, zieh diesen Priesterrok an, und binde
dir diesen Bart um; wir wollen ihn bereden du seyest Sir Topas der
Pfarrer; beschleunige dich; ich will indeß den Sir Tobias ruffen.

(Sie geht ab.)

Hans Wurst.
Gut, ich will’s thun, ich will mich verkleiden, und ich wollte
wünschen, ich wäre der erste der sich in einen solchen Rok
verkleidete.  Ich bin nicht lang genug, um eine ansehnliche Person
in diesem Habit vorzustellen, noch mager genug, um die Meynung von
mir zu erweken, daß ich zuviel studiere; allein, ein ehrlicher Mann
und ein guter Haushälter seyn, klingt immer so gut als ein hübscher
Mann und ein grosser Gelehrter seyn.  (Sir Tobias und Maria.)

Sir Tobias.
Die Götter seyen mit dir, Herr Pfarrer.

Hans Wurst.
(Bonos Dies), Sir Tobias; denn wie der alte Einsiedler von Prag,
der in seinem Leben weder Feder noch Dinte gesehen hatte, sehr
sinnreich zu König Gorboduks Nichte sagte, daß nemlich alles was
ist, ist: Also, da ich der Herr Pfarrer bin, bin ich der Herr
Pfarrer; denn was ist was anders als was?  Und ist anders als ist?

Sir Tobias.
Zu euerm Patienten, Herr Pfarrer.

Hans Wurst.
Wie, holla, sag ich—Stille da, in diesem Kerker!

Malvolio (hinter der Bühne.)
Wer ruft hier?

Hans Wurst.
Sir Topas der Pfarrer, welcher Malvolio den Mondsüchtigen besuchen
will.

Malvolio.
Sir Topas, Sir Topas, guter Sir Topas, geht zur Gnädigen Fräulein—

Hans Wurst.
Fahre aus, du Hyperbolicalischer Teufel, warum quälst du diesen
armen Menschen so?  Redst du von nichts als von Fräulein?

Sir Tobias.
Wohl gegeben, Herr Pfarrer!

Malvolio.
Sir Topas, niemalen ist einem Menschen so übel mitgespielt worden
als mir; lieber Sir Topas, bildet euch nicht ein daß ich rasend sey;
sie haben mich hier in eine gräßliche Finsterniß gelegt.

Hans Wurst.
Fy, du unartiger Satan; ich bediene mich der gelindesten Ausdrüke
gegen dich; denn ich bin einer von diesen manierlichen Leuten, die
dem Teufel selbst nicht anders als höflich begegnen wollten: Sagst
du, dieses Haus sey finster?

Malvolio.
Wie die Hölle, Sir Topas.

Hans Wurst.
Wie, es hat Bogen-Fenster die so durchsichtig sind wie Gitter, und
die innwendigen Steine gegen die Sud-Seite sind so glänzend wie
Eben-Holz; und du klagst über Dunkelheit?

Malvolio.
Ich bin nicht toll, Sir Topas; ich sag euch, es ist finster im
Hause.

Hans Wurst.
Tollhäusler, du betrügst dich; ich sage dir, es giebt keine andre
Finsterniß als Unwissenheit; und in dieser stekst du tiefer als die
Egypter in ihrem Schlamme.

Malvolio.
Und ich sage, dieses Haus ist so finster als Unwissenheit, wenn
gleich Unwissenheit so finster als die Hölle wäre; und ich sage,
niemalen ist einem ehrlichen Manne so übel mitgespielt worden; ich
bin nicht mehr rasend als ihr selbst; macht die Probe mit mir,
fragt mich etwas gescheidtes was ihr wollt, und seht ob ich euch
nicht antworten werde, wie sich’s gehört.

Hans Wurst.
Was statuierte Pythagoras in Betreff des wilden Geflügels?

Malvolio.
Daß es leichtlich begegnen könne, daß die Seele unsrer Großmutter
in einem Schnepfen wohne.

Hans Wurst.
Was hältst du von dieser Meynung?

Malvolio.
Ich denke edler von der Seele, und billige diese Meynung keineswegs.

Hans Wurst.
Gehab du dich wohl: Bleib immer in der Finsterniß; du must die
Meynung des Pythagoras halten, wenn ich dir zugestehen soll daß du
deine fünf Sinne habest, und dich scheuen einen Schneppen zu
schiessen, aus Besorgniß du möchtest die Seele deiner Großmutter
aus ihrer Wohnung vertreiben.  Leb wohl.

Malvolio.
Sir Topas, Sir Topas—

Sir Tobias.
Der allerliebste Sir Topas!

Hans Wurst.
Gelt, ich schike mich zu allen Rollen?

Maria.
Du hättest das alles ohne Bart und Priesterrok thun können; er
sieht dich ja nicht.  (Hierauf erklärt sich Sir Tobias, daß er
dieses Spiels nach gerade überdrüssig sey, und demselben um so mehr
ein anständiges Ende gemacht wünsche, da er mit seiner Nichte
zerfallen sey.  Er geht also mit Maria ab, um sich darüber auf
seinem Zimmer mit ihr zu berathen, und läßt Hans Wursten bey
Malvolio zurük, der hierauf in der)

Vierten Scene
(seine eigne Person wieder annimmt, und nachdem er eine Weile den
Narren mit ihm getrieben, sich endlich erbitten läßt ihm Papier,
Feder, Dinte und ein Licht zu bringen.)

Fünfte Scene.
(Ein andres Zimmer in Olivias Haus.)

Sebastian (allein.)
Diß ist die Luft, diß ist die strahlende Sonne; diese Perle gab sie
mir, ich fühle sie und sehe sie, und obgleich alles um mich her
lauter Wunder ist, so ist es doch nicht Wahnwiz.  Wo ist denn
Antonio?  Ich konnt’ ihn im Elephanten nicht finden; alles was ich
erfahren konnte war daß er da gewesen und wieder ausgegangen sey,
mich überall in der Stadt aufzusuchen.  Sein Rath könnte mir izt den
grössesten Dienst thun—Denn wenn gleich meine Vernunft gegen meine
Sinnen behauptet, daß diß alles irgend ein Irrthum seyn könne, ohne
daß es Einbildungen oder Tollheit seyn müsse; so geht doch dieser
Zufall und ein so ausserordentliches Glük so weit über alles, was
man sich vorstellen kan, oder was jemals erhört worden ist; daß ich
bereit bin, ein Mißtrauen in meine eigne Augen zu sezen, und mit
meiner Vernunft zu streiten, wenn sie mich bereden will, irgend
etwas anders zu glauben, als daß ich toll sey oder daß es diese
junge Dame sey; und doch, wenn das leztere wäre, würde sie ihr Haus
regieren, ihren Bedienten Befehle geben, Geschäfte annehmen und
auftragen, und das alles mit einer so guten Art, mit einem so
sanften, vernünftigen, gesezten Wesen, wie ich sehe, daß sie thut?
In der That, es ist etwas unbegreifliches in dieser Sache.  Aber da
kommt sie ja selbst.  (Olivia mit einem Priester.)

Olivia.
Tadelt nicht, daß ich zu hastig sey; wenn eure Absicht ehrlich ist,
so kommt mit mir und diesem heiligen Mann in die Capelle, und unter
ihrer geweyhten Umwölbung schwöret mir da, vor ihm, das Gelübd
eurer Treue zu, damit meine noch immer mißtrauische, noch immer
zweifelnde Seele beruhigt werde.  Er soll es geheim halten, bis es
euch selbst gefallen wird, die Zeit zu einer öffentlichen Feyer,
die meiner Geburt gemäß sey, zu bestimmen.  Was sagt ihr hiezu?

Sebastiano.
Ich will diesem heiligen Manne folgen und euch begleiten; und die
Treue, die ich euch schwören werde, will ich ewig halten.

Olivia.
So geht dann voran, ehrwürdiger Vater, und der Himmel schaue mit
Beyfall auf mein Vorhaben herab!

(Sie gehen ab.)

Der Sturm, Oder Die Bezauberte Insel — Christoph Martin Wieland

Personen.

Alonso, König von Neapel.
Sebastian, dessen Bruder.
Prospero, rechtmässiger Herzog von Meiland.
Antonio, dessen Bruder, und unrechtmässiger Innhaber von Meiland.
Ferdinand, Sohn des Königs von Neapel.
Gonsalo, ein ehrlicher alter Rath des Königs.
Adrian und Francisco, zween Herren vom Adel.
Caliban, ein wilder und mißgeschaffner Sclave.
Trinculo, ein Hofnarr.
Stephano, ein berauschter Kellermeister.
Schiffspatron, Hochbootsmann und Matrosen.
Miranda, Prosperos Tochter.
Ariel, ein Sylphe.
Iris, Ceres, Juno, Nymphen und Schnitter, Geister, die zu einer
allegorischen Vorstellung gebraucht werden.

Erster Aufzug.

Erste Scene.
(In einem Schiff auf dem Meer.)
(Man hört ein Getöse von einem heftigen Sturm, mit Donner und
Blizen.)
(Der Schiffspatron und der Hochbootsmann treten auf.)

Schiffspatron.
Hochbootsmann—

Bootsmann.
Hier, Patron: Wie steht’s?

Patron.
Gut; redet mit den Matrosen; arbeitet mit den äussersten Kräften,
oder wir gehen zu Grunde; greift an, greift an!

(Geht ab.)

(Etliche Matrosen kommen herein.)

Bootsmann.
Hey, meine Kinder; munter, meine Kinder!  hurtig!  hurtig!  Zieht
das Bramsegel ein!  gebt auf des Patrons Pfeifchen acht—Ey so
blase, bis du bersten möchtest—

(Alonso, Sebastiano, Antonio, Ferdinand, Gonsalo, und andre zu den
Vorigen.)

Alonso.
Guter Hochbootsmann, habt Sorge; wo ist der Schiffspatron?  Haltet
euch wie Männer!

Bootsmann.
Ich bitte euch, bleibt unten.

Antonio.
Wo ist der Patron, Hochbootsmann?

Bootsmann.
Hört ihr ihn denn nicht—ihr geht uns im Weg um; geht in eure
Cajüte; ihr helft nur dem Sturm.

Gonsalo.
Nun, mein guter Mann, seyd geduldig.

Bootsmann.
Wenn’s das Meer ist.  Weg—was fragen diese Aufrührer nach dem
Nahmen eines Königs?  In die Cajüte—Still!  hindert uns nicht!

Gonsalo.
Ehrlicher Mann, besinne dich, wen du am Bord hast—

Bootsmann.
Niemand, den ich lieber habe als mich selbst.  Ihr seyd ein Rath;
wenn ihr diesen Elementen ein Stillschweigen auferlegen oder auf
der Stelle den Frieden mit ihnen machen könnt, so wollen wir kein
Thau mehr anrühren; braucht eure Autorität.  Wenn ihr aber nichts
könnt, so dankt dem Himmel, daß ihr so lange gelebt habt, und macht
euch in eurer Cajüte auf das Unglük gefaßt, das alle Augenblike
begegnen kan—Frisch zu, meine Kinder—fort aus dem Wege, sag ich.

(Er geht ab.)

Gonsalo.
Dieser Kerl macht mir Muth; mich däucht, er sieht keinem gleich,
der ersauffen wird, er hat eine vollkommne Galgen-Physionomie!
halte fest an deiner Absicht, liebes Schiksal; mache den Strang,
der ihm bestimmt ist, zu unserm Ankerseil, denn das unsrige hilft
uns nicht viel: wenn er nicht zum Galgen gebohren ist, so steht es
jämmerlich um uns.

(Sie gehen alle ab.)

(Der Hochbootsmann kommt zurük.)

Hochbootsmann.
Herab mit dem Bramsteng; greift an, besser herunter, noch besser!—
macht, daß nur das Schönfahrsegel treibt—

(man hört ein heulendes Geschrey hinter der Scene)

daß die schwehre Noth diß verfluchte Geheul—
(Antonio, Sebastiano und Gonsalo kommen zurük.)—Sie überschreyen
das Wetter und uns—Seyd ihr wieder da?  Was thut ihr hier?  Sollen
wir aufgeben und ersauffen?  habt ihr Lust dazu?

Sebastiano.
Daß die Pest deine Gurgel—du bellender, lästerlicher
unbarmherziger Hund!

Bootsmann.
So helft denn arbeiten.

Antonio.
Geh an den Galgen, du Hund, an den Galgen; du Hurensohn von einem
unverschämten Polterer; wir fürchten uns weniger vor dem Ertrinken
als du.

Gonsalo.
Ich steh ihm fürs Ersauffen, und wenn gleich das Schiff nicht
stärker wäre als eine Nußschaale, und so löchricht als eine—
(Etliche Matrosen von Wasser triefend treten auf.)

Matrosen.
Alles ist verlohren!  Betet, betet; alles ist verlohren!

(Sie gehen ab.)

Bootsmann.
Wie, müssen wir uns in Wasser zu tode sauffen?

Gonsalo.
Der König und der Prinz beten; wir wollen gehen und ihnen helfen;
denn es geht uns wie ihnen.

Sebastian.
Die Geduld ist mir ausgegangen.

Antonio.
Diese Trunkenbolde sind ganz allein Schuld, daß wir umkommen—
Dieser weitgespaltene Schurke—Ich wollt’ er läge so tief im Meer,
daß ihn zehn Fluthen nicht heraus spülen könnten.

Gonsalo.
Er wird doch noch gehangen werden, und wenn jeder Tropfe Wasser
dagegen schwören, und das Maul aufsperren würde, ihn zu
verschlingen.

(Man hört ein vermischtes Getös hinter der Scene.)

Wir scheitern, wir scheitern, wir sinken unter!  Lebet wohl, mein
Weib und meine Kinder!  Wir scheitern!  wir scheitern!

Antonio.
Wir wollen alle mit dem König versinken.

(Geht ab.)

Sebastian.
Wir wollen Abschied von ihm nehmen.

(Geht ab.)

Gonsalo.
Izt wollt’ ich von Herzen gerne tausend Meilen See für eine
Jauchart dürren Boden geben, Heidekraut, Genister, was man wollte—
der Wille des Himmels geschehe!  Doch wollt’ ich lieber eines
troknen Todes sterben!

(Geht ab.)

Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in einen Theil der bezauberten Insel, unweit der
Celle des Prospero.)
(Prospero und Miranda treten auf.)

Miranda.
Wenn ihr, mein theurester Vater, diese wilden Wasser durch eure
Kunst in einen so entsezlichen Aufruhr gesezt habet, o so leget sie
wieder!  Der Himmel, so scheint es, würde stinkendes Pech
herunterschütten, wenn nicht die See, die bis an seine Wangen
steigt, das Feuer wieder löschte.  O!  wie hab’ ich mit diesen
Unglüklichen gelidten, die ich leiden sah!  Ein schönes Schiff
(ohne Zweifel hatte es einige edle Geschöpfe in sich) ganz in Stüke
zerschmettert—O das Geschrey schlug recht gegen mein Herz an.  Die
armen Seelen, sie kamen um!  Hätte ich die Macht irgend eines
Gottes gehabt, ich wollte eher das Meer in die Erde hineingesenkt
haben, eh es dieses gute Schiff so verschlungen haben sollte, und
die darauf befindlichen Seelen mit ihm.

Prospero.
Fasse dich, meine Tochter; nicht so bestürzt; sage deinem
mitleidigen Herzen, es sey kein Schaden geschehen.

Miranda.
O!  unglüklicher Tag!

Prospero.
Kein Unglük.  Was ich gethan habe, hab’ ich aus Fürsorge für dich
gethan, für dich, meine Theure, meine Tochter, die du nicht weißst,
wer du bist, oder von wannen ich hieher kam, noch daß ich etwas
bessers bin als Prospero, Herr über eine armselige Celle, und dein
nicht grösserer Vater.

Miranda.
Mir fiel niemals ein, mehr wissen zu wollen.

Prospero.
Es ist Zeit, daß ich dir mehr entdeke.  Lehne mir deine Hand, und
ziehe mir dieses magische Gewand ab; so!

(er legt seinen Mantel hin)

lige hier, meine Kunst—Wische du deine Augen, beruhige dich.
Dieses fürchterliche Schauspiel des Schiffbruchs, welches ein so
zärtliches Mitleiden in deinem Herzen erregt hat, hab ich durch die
Mittel, die meine Kunst mir an die Hand giebt, so sicher angeordnet,
daß keine Seele zu Grunde gegangen ist, nein, nicht ein Haar von
irgend einem dieser Geschöpfe, deren Geschrey du hörtest, die du
sinken sahst: Seze dich nieder, denn du must nun noch mehr wissen.

Miranda.
Ihr habt oft angefangen mir sagen zu wollen, was ich sey, aber
wieder inngehalten, und mich einem eiteln Nachsinnen überlassen,
indem ihr allemal damit schlosset, halt!  noch nicht—

Prospero.
Die Stund’ ist nun gekommen, und es ist keine Minute mehr zu
verliehren.  Höre dann und sey aufmerksam.  Erinnerst du dich einer
Zeit, eh wir in diese Celle kamen?  Ich denke nicht, daß du es
kanst; denn du warst damals noch nicht volle drey Jahre alt.

Miranda.
Ja, mein Herr, ich kan.

Prospero.
Wobey dann?  Bey irgend einem Haus oder einer Person?  Sage mir,
was es auch seyn mag, dessen Bild in deinem Gedächtniß geblieben
ist.

Miranda.
Es ist in einer tiefen Entfernung, und eher einem Traum als einer
Gewißheit gleich, was mir die Erinnerung vorstellt.  Hatte ich
nicht einst vier oder fünf Weiber, die mir aufwarteten?

Prospero.
Du hattest, und mehr, Miranda.  Aber wie kommt es, daß diß noch in
deinem Gemüthe lebt?  Was siehst du noch mehr in dem tiefen Abgrund
der verflossenen Zeit?  Wenn du dich noch an etwas erinnerst, eh du
hieher kamst, so wirst du dich auch erinnern, wie du hieher kamst.

Miranda.
Nein, das thue ich nicht.

Prospero.
Es sind nun zwölf Jahre seit dieses geschah, Miranda; zwölf Jahre,
seit der Zeit, da dein Vater Herzog von Meiland und ein mächtiger
Fürst war.

Miranda.
Mein Herr, seyd ihr dann nicht mein Vater?

Prospero.
Deine Mutter war ein Muster der Tugend, und sie sagte, du seyest
meine Tochter; und dein Vater war Herzog von Meiland, und du seine
einzige Erbin.

Miranda.
O Himmel!  Was für ein schlimmer Streich trieb uns von dannen?
Oder war es unser Glük, daß es geschah?

Prospero.
Beydes, beydes, mein Mädchen!  Durch einen schlimmen Streich, wie
du sagst, wurden wir von dort vertrieben, und glüklicher Weise
hieher gerettet.

Miranda.
O!  mein Herz blutet, wenn ich an die Sorgen denke, die ich euch in
einer Zeit gemacht haben werde, an die ich mich nicht mehr besinnen
kan.  Ich bitte euch, fahret fort.

Prospero.
Mein Bruder, und dein Oheim, Antonio genannt, (ich bitte dich,
merke auf)—daß ein Bruder fähig seyn konnte, so treulos zu seyn!—
Er, den ich, nächst dir selbst, über alle Welt liebte, und dem ich
die Verwaltung meines Staats anvertraute, der damals unter allen in
Italien der erste, so wie es Prospero an Ansehen war, und an Ruhm
in den Wissenschaften, die meine einzige Beschäftigung waren.  Ich
überließ also die Staatsverwaltung meinem Bruder, und wurd’ ein
Fremdling in meinem eignen Lande, so sehr riß mich die Liebe und
der Reiz geheimnißreicher Studien dahin.  Dein treuloser Oheim—
Aber du giebst nicht Acht!

Miranda.
Höchst aufmerksam, mein Herr.

Prospero.
Dein Oheim, sag ich, der in der Kunst ausgelernt war, wie er ein
Gesuch bewilligen oder wie er es abschlagen, wen er befördern oder
wen er wegen eines allzuüppigen Wuchses abschneiden sollte; schuf
alle diejenigen um, die meine Creaturen waren; ich sage, er
versezte sie entweder, oder er gab ihnen sonst eine andre Form; und
da er den Schlüssel zu dem Amt und zu dem Beamteten hatte, stimmte
er alle Herzen in dem Staat, nach dem Ton, der seinem Ohr der
angenehmste war.  Solchergestalt war er nun der Epheu, der meinen
fürstlichen Stamm umwand, und sein Mark an sich sog—du giebst
nicht Acht.

Miranda.
Ich thu es, mein werther Herr.

Prospero.
Ich bitte dich, merke wohl auf.  Da ich nun alle weltlichen Dinge
so bey Seite sezte, und mich ganz der Einsamkeit und der
Verbesserung meines Gemüths widmete, die in meinen Augen alles
überwog was der grosse Hauffe hochschäzt, so erwachte meines
Bruders schlimme Gemüthsart, und mein Zutrauen brütete eine Untreue
in ihm aus, die so groß war als mein Zutrauen, welches in der That
keine Grenzen hatte.  Da er sich in dem Besiz meiner Einkünfte und
meiner Gewalt sah, so machte ers wie einer, der durch häufiges
Erzählen der nemlichen Unwahrheit einen solchen Sünder aus seinem
Gedächtniß macht, daß er selbst nicht mehr weiß, daß es eine
Unwahrheit ist; er hatte so lange die Rolle des Herzogs mit allen
ihren Vorrechten gespielt, daß er sich zulezt einbildete, er sey
der Herzog selbst—Hörst du mir zu?

Miranda.
Eure Erzählung, mein Herr, könnte die Taubheit heilen.

Prospero.
Damit nun aller Unterschied zwischen der Person die er spielte, und
demjenigen, für welchen er sie spielte, aufhören möchte, wollte er
schlechterdings selbst Herzog in Meiland seyn.  Mir, armen Manne,
dachte er, wäre mein Büchersaal Herzogthums genug; zu allen
Geschäften eines Fürsten hielt er mich für ganz untüchtig.  Er
machte also ein Bündniß mit dem König von Neapolis, und verstuhnd
sich, (so sehr dürstete ihn nach der Herrschaft), ihm einen
jährlichen Tribut zu bezahlen, und ihn als seinen Lehnsherrn zu
erkennen, seinen Fürstenhut der Crone dieses Königs zu unterwerffen,
und das bisher unabhängige Herzogthum (armes Meiland!) unter ein
schimpfliches Joch zu beugen.

Miranda.
O Himmel!

Prospero.
Höre nun die Bedingung die er ihm dagegen machte, und den Ausgang;
dann sage mir, ob das ein Bruder war?

Miranda.
Es wäre Sünde, von meiner Großmutter etwas unedels zu denken; gute
Eltern können schlimme Kinder haben.

Prospero.
Nun die Bedingung: Dieser König von Neapel, der mein alter Feind
war, willigte mit Freuden in meines Bruders Begehren, welches dahin
gieng, daß er, gegen die ihm zugestandne Abhänglichkeit, und ich
weiß nicht wie viel jährlichen Tribut, ungesäumt mich und die
meinigen aus dem Herzogthum vertreiben, und das schöne Meiland mit
allen seinen Regalien meinem Bruder zu Lehen geben sollte.  Nachdem
sie nun zu Ausführung dieses Vorhabens eine verrätherische
Kriegsschaar zusammen gebracht, öffnete Antonio in einer fatalen
Mitternacht die Thore von Meiland, und in der Todesstille der
Finsterniß schleppten die Diener seiner bösen That mich und dein
schreyendes Selbst hinweg.

Miranda.
O weh!  Ich will izt über diese Gewaltthat schreyen, da ich mich
nicht mehr erinnere, wie ich damals geschrien habe; eine geheime
Nachempfindung preßt diese Thränen aus meinen Augen.

Prospero.
Hör’ ein wenig weiter, und dann will ich dich zu der gegenwärtigen
Angelegenheit bringen, die wir vor uns haben, und ohne welche diese
Erzählung sehr unbesonnen wäre.

Miranda.
Warum nahmen sie uns denn das Leben nicht?

Prospero.
Die Frage ist vernünftig, Mädchen; meine Erzählung veranlaset sie.
Sie durften es nicht wagen, meine Theureste, so groß war die Liebe
die das Volk für mich hatte, sie durften es nicht wagen, ihre
Übelthat durch ein blutiges Merkmal der Entdekung auszusezen,
sondern strichen ihre boshaftigen Absichten mit schönern Farben an.
Kurz, sie schleppten uns auf eine Barke, und führten uns etliche
Meilen in die See, wo sie ein ausgeweidetes Gerippe von einem Boot,
ohne Thauwerk, ohne Seegel, und ohne Mast zubereiteten, ein so
armseliges Ding, das sogar die Razen, vom Instinct gewarnet, es
verlassen hatten; und auf diesem elenden Nachen stiessen sie uns in
die See, um den Wellen entgegen zu jammern, die uns heulend
antworteten; und den Winden zuzuseufzen, deren wieder
zurükseufzendes Mitleiden unsre Angst vermehrte, indem es sie
lindern zu wollen schien.

Miranda.
Himmel!  wie viel Unruhe muß ich euch damals gemacht haben!

Prospero.
O!  Ein Cherubim warst du, der mich beschüzte.  Da ich von der Last
meines Elends niedergedrükt, einen Strom von trostlosen Thränen in
die See hinunter weinte, da lächeltest du mir mit einer vom Himmel
eingegoßnen Freudigkeit entgegen, und erwektest dadurch den Muth in
mir, alles zu ertragen, was über mich kommen würde.

Miranda.
Wie kamen wir denn ans Land?

Prospero.
Durch Göttliche Vorsicht!  Wir hatten einigen Vorrath von Speise
und frischem Wasser, womit uns Gonsalo, ein Neapolitanischer
Edelmann, dem die Ausführung dieses Geschäfts anbefohlen war, aus
Gutherzigkeit und Mitleiden versehen hatte.  Er hatte uns auch mit
reichen Kleidern, leinen Geräthe und andern Nothwendigkeiten
beschenkt, die uns seither gute Dienste gethan haben; und da er
wußte wie sehr ich meine Bücher liebte, so verschafte mir seine
Leutseligkeit aus meinem eignen Vorrath einige, die ich höher
schäze als mein Herzogthum.

Miranda.
Wie wünscht’ ich diesen Mann einmal zu sehen!

Prospero.
Nun komm ich zur Hauptsache.  Bleibe sizen, und höre das Ende
meiner Erzählung.  Wir kamen in dieses Eiland, und hier hab’ ich,
durch meine Unterweisungen, dich weiter gebracht als andre Fürsten
können, die nur für ihre Lustbarkeiten Musse haben, und die
Erziehung ihrer Kinder nicht so sorgfältigen Aufsehern überlassen.

Miranda.
Der Himmel danke es euch!  Aber nun bitte ich euch mein Herr, (denn
ich höre dieses Ungewitter noch immer in meiner Einbildung) was war
die Ursache, warum ihr diesen Sturm erreget habt?

Prospero.
So wisse denn, daß durch einen höchst seltsamen Zufall, das mir
wieder günstige Glük meine Feinde an dieses Ufer gebracht hat:
Meine Vorhersehungs-Kunst sagt mir, daß ein sehr glüklicher Stern
über meinem Zenith schwebt; allein sie sagt mir auch, daß wenn ich
die wenigen Stunden seines günstigen Einflusses ungenüzt
entschlüpfen lasse, mein Glük auf immer verscherzt seyn werde—Hier
frage nicht weiter; du bist schläfrig; es ist eine heilsame
Betäubung, gieb ihr nach; ich weiß daß du nicht anders kanst.

(Miranda schläft ein.)

Herbey, mein Diener, herbey; ich bin fertig.  Nähere dich, mein
Ariel—Komm!

Dritte Scene.
(Ariel zu Prospero.)

Ariel.
Heil dir, mein grosser Meister!  Ehrwürdiger Herr, Heil dir!  ich
komme deine Befehle auszurichten; es sey nun zu fliegen oder zu
schwimmen, mich in die Flammen zu tauchen, oder auf den krausen
Wolken zu reiten; Ariel und alle seine Kräfte sind zu deinem
mächtigen Befehl.

Prospero.
Hast du, o Geist, den Sturm so ausgerichtet, wie ich dir befahl?

Ariel.
Bis auf den kleinsten Umstand.  Ich kam an Bord des Königlichen
Schiffes, und sezte, in Flammen eingehüllt, bald das Vordertheil,
bald den Bauch, das Verdek und jede Cajüte in Schreken.  Zuweilen
theilt’ ich mich, und zündet’ es an etlichen Orten zugleich an,
flammte in abgesonderten Klumpen Feuers auf dem Bramsteng, den
Segelstangen und dem Bögs-Priet-Mast; dann floß ich wieder zusammen.
Jupiters Blize selbst, die Vorläuffer fürchterlicher Donner-
Schläge, sind nicht behender zu leuchten und wieder zu verschwinden;
das schmetternde Gebrüll der schweflichten Flammen schien den
allmächtigen Neptunus zu belagern, und seine kühne Woogen zittern
zu machen, ja seinen furchtbaren Dreyzak selbst zu erschüttern.

Prospero.
Mein wakrer, wakrer Geist!  War einer unter diesen Leuten gesezt
und standhaft genug, bey einem solchen Getöse Meister von sich
selbst zu bleiben?

Ariel.
Keine einzige Seele, die nicht, von fieberhaften Schauern
geschüttelt, in irgend einen Ausbruch von Verzweiflung fiel.  Alle,
bis auf die Schiffleute, verliessen das Schiff, das ganz von mir in
Flammen stuhnd, und stürzten sich in das schäumende Salzwasser.
Ferdinand, des Königs Sohn, war der erste, der mit berg an
stehendem Haar, eher Binsen als Haaren ähnlich, in die See sprang.
Die Hölle ist leer, schrie er, und alle Teufel sind hier.

Prospero.
Gut, das ist mein Geist!  Aber war es nahe genug am Ufer?

Ariel.
Ganz nah, mein Gebieter.

Prospero.
Sind sie alle errettet, Ariel?

Ariel.
Es ist nicht ein Haar umgekommen, und auf ihren Kleidern ist nicht
ein Fleken, sondern sie glänzen frischer als zuvor.  Wie du mir
befohlen hast, hab’ ich sie truppenweise um die Insel her zerstreut:
den Sohn des Königs hab ich ganz allein ans Land gebracht, und ihn
in einem düstern Winkel der Insel verlassen, wo er mit
verschlungnen Armen traurig dasizt, und die Luft mit seinen
Seufzern abkühlt.

Prospero.
Was hast du denn mit dem Schiffsvolk auf dem königlichen Schiffe,
und mit dem ganzen Rest der Flotte gemacht?

Ariel.
Des Königs Schiff ist unbeschädigt in Sicherheit gebracht.  Ich hab
es in eine tiefe Bucht der Bermudischen Inseln verborgen, wohin du
mich einst um Mitternacht schiktest, Thau zu holen.  Die
Schiffleute, alle in den Raum zusammen gedrängt, habe ich in einen
bezauberten Schlaf versenkt; die übrigen Schiffe der Flotte die ich
zerstreut hatte, fanden sich wieder zusammen, und sind auf der
mittelländischen See im Begriff traurig wieder heim nach Neapel zu
segeln, in der Meynung, daß sie des Königs Schiff scheitern, und
seine hohe Person umkommen gesehen haben.

Prospero.
Ariel, du hast meinen Auftrag pünctlich ausgerichtet; aber es ist
noch mehr Arbeit; wie viel ist es am Tage?

Ariel.
Höchstens zwey Stunden nach Mittag.

Prospero.
Die Zeit zwischen izt und Sechse muß von uns beyden als höchst
kostbar angewendet werden.

Ariel.
Ist noch mehr zu thun?  Da du mir so viel Mühe auflegest, so
verstatte daß ich dich an etwas erinnre, so du mir versprochen und
noch immer nicht gehalten hast.

Prospero.
Wie?  du bist übel aufgeräumt?  Was verlangst du denn?

Ariel.
Meine Freyheit.

Prospero.
Eh deine Zeit aus ist?  Nichts mehr davon!

Ariel.
Ich bitte dich, erinnere dich wie getreu ich dir gedient habe; ich
sagte dir keine Lügen vor, ich machte nie eines für das andre, ich
diente dir ohne Groll noch Murren; und du versprachest mir ein
ganzes Jahr nachzulassen.

Prospero.
Hast du vergessen, von was für einer Marter ich dich befreyet habe?

Ariel.
Nein.

Prospero.
Du hast es vergessen, und hältst es für zuviel in dem sumpfichten
Grund des gesalznen Meeres für mich zu waten, oder auf dem scharfen
Nordwind zu rennen, oder in den Adern der hartgefrornen Erde meine
Geschäfte auszurichten.

Ariel.
Das thu ich nicht, mein gebietender Herr.

Prospero.
Du lügst, boshaftes Ding.  Hast du die scheußliche Zauberin Sycorax
vergessen, die von Alter und Neid in einen Reif zusammengewachsen
war?  Hast du sie vergessen?

Ariel.
Nein, Herr.

Prospero.
Du hast; wo war sie gebohren?  Sprich, erzähl es mir.

Ariel.
In Argier, mein Herr.

Prospero.
So, war sie?  ich muß alle Monat einmal mit dir wiederholen was du
gewesen bist, um dir das Gedächtniß ein wenig anzufrischen.  Diese
verdammte Hexe Sycorax, war wegen manchfaltiger Übelthaten und
Zaubereysünden, die zu ungeheuer sind, als daß ein menschliches Ohr
sie ertragen könnte, wie du weist, von Argier verbannt; um eines
einzigen willen das sie gethan hatte, wollten sie ihr das Leben
nicht nehmen.  Ists nicht so?

Ariel.
Ja, mein Herr.

Prospero.
Diese blauaugichte Unholdin ward schwängern Leibes hiehergebracht,
und von den Schiffleuten hier zurükgelassen; du, mein Sclave,
warest nach deiner eignen Aussage, damals ihr Diener.  Und weil du
zu Verrichtung ihrer irdischen und abscheulichen Aufträge ein zu
zärtlicher Geist warst, und ihre grossen Befehle ausschlugest; so
schloß sie dich in ihrer unerbittlichen Wuth, mit Hülfe ihrer
stärkern Diener in eine gespaltne Fichte, in deren Klamme
eingekerkert du zwölf peinvolle Jahre verharren mußtest, bis sie
starb und dich in diesem elenden Zustand ließ, worinn du die Gegend
umher, soweit als man das Getöse von Mühlrädern hören kan, mit
Ächzen und Winseln erfülltest.  Damals war dieses Eiland, (ausser
einem Sohn, den sie hier geworfen hatte, einen rothgeflekten
ungestalten Wechselbalg) mit keiner menschlichen Gestalt geziert.

Ariel.
Ja, Caliban ihr Sohn.

Prospero.
Dummes Ding, das ists was ich sage; eben dieser Caliban, den ich
nun in meinen Dinsten habe.  Du weist am besten in was für einer
Quaal ich dich hier fand; dein Winseln machte Wölfe mit dir heulen,
und durchbohrte die wilde Brust des immerzürnenden Bärs; es war
eine Marter, wie die Verdammten ausstehen müssen, und Sycorax
selbst war nicht im Stande sie wieder aufzuheben: meine Kunst war
es, als ich hieher kam und dich hörte, welche die bezauberte Fichte
zwang sich zu öffnen, und dich herauszulassen.

Ariel.
Ich danke dir, mein Gebieter.

Prospero.
Wenn du noch einmal murrest, so will ich eine Eiche spalten, und
dich in ihr knottichtes Eingeweide einklammern, bis du zwölf Winter
weggeheult hast.

Ariel.
Vergieb mir, mein Gebieter, ich will alle deine Befehle vollziehen,
und willig und behend in meinen Spükereyen seyn.

Prospero.
Thue das, so will ich dich in zween Tagen frey lassen.

Ariel.
Das ist mein großmüthiger Meister!  Was soll ich thun?  Sage was?
Was soll ich thun?

Prospero.
Geh, nimm die Gestalt einer Meernymphe an, aber mache dich jedem
andern Auge als dem meinigen unsichtbar.  Geh, und komm in dieser
Gestalt wieder hieher; mache hurtig.

(Ariel verschwindt.)

Erwache, mein theures Herz, erwache, du hast wohl geschlafen—
Erwache!

Miranda.
Die Seltsamkeit eurer Geschichte hat meinen Kopf ganz schwer
gemacht.

Prospero.
Muntre dich auf; komm mit, wir wollen den Caliban meinen Sclaven
besuchen, der uns niemals eine freundliche Antwort giebt.

Miranda.
Es ist ein Nichtswürdiger, mein Herr, ich mag ihn nicht gerne
ansehen.

Prospero.
Und doch, so wie er ist können wir nicht ohne ihn seyn; er macht
uns unser Feuer, schaft unser Holz herbey und thut uns Dienste, die
uns zu statten kommen.  He!  Sclave!  Caliban!  du Kloz du, gieb
Antwort!

Caliban (hinter der Scene.)
Es ist Holz genug drinnen.

Prospero.
Komm hervor, sag’ ich, es ist eine andre Arbeit für dich da, komm,
du Schildkröte!  Nun, wie lange—

(Ariel erscheint in Gestalt einer Wasser-Nymphe.)

Eine artige Erscheinung!  Mein muntrer Ariel, ich habe dir etwas
ins Ohr zu sagen—

Ariel.
Es soll geschehen, mein Gebieter.

(Geht ab.)

Prospero.
Du krötenmäßiger Sclave, vom Teufel selbst mit der Hexe, die dich
gebohren hat, gezeugt!  hervor!

Vierte Scene.
(Caliban zu den Vorigen.)

Caliban.
Ein so schädlicher Thau, als jemals meine Mutter mit Rabenfedern
von ungesundem Morast abgebürstet hat, träufle auf euch beyde!  Ein
Südwest blase euch an, und bedeke euch über und über mit Schwülen
und Finnen!

Prospero.
Für diesen guten Wunsch, verlaß dich drauf, sollt du diese Nacht
den Krampf haben, Seitenstiche sollen deinen Athem einzwängen, und
Igel sollen sich die ganze Nacht durch an dir ermüden; du sollt so
dicht gekneipt werden, wie Honigwaben, und jeder Zwik soll schärfer
stechen als die Bienen, die sie machen.

Caliban.
Ich muß zu Mittag essen.  Diese Insel ist mein, ich habe sie von
Sycorax, meiner Mutter geerbt, und du hast sie mir abgenommen.  Wie
du hieherkamst, da streicheltest du mich, und thatest freundlich
mit mir, gabst mir Wasser mit Beeren drinn zu trinken, und lehrtest
mich, wie ich das grössere Licht und das kleinere, die des Tags und
des Nachts brennen, nennen sollte; und da liebt ich dich, und
zeigte dir die ganze Beschaffenheit der Insel, die frischen Quellen,
und die salzigen, die öden und die fruchtbaren Gegenden.
Verflucht sey ich, daß ich es that!  Alle Zaubereyen meiner Mutter,
Kröten, Schröter und Fledermäuse über euch!  Daß ich, der vorher
mein eigner König war, nun euer einziger Unterthan, und in diesen
Felsen eingesperrt seyn muß, indessen daß ihr die ganze übrige
Insel für euch allein behaltet.

Prospero.
Du lügenhafter Sclave, den nur Schläge, statt Freundlichkeit,
zähmen können; So ein garstiges Thier du bist, so hab ich dir doch
mit menschlicher Fürsorge begegnet, und dich in meiner eignen Celle
beherberget, biß du frech genug warst, meinem Kinde Gewalt anthun
zu wollen.

Caliban.
O ho!  o ho!—Ich wollt’ es wäre vor sich gegangen; du kamst zu
früh dazu, sonst hätte ich diese Insel mit Calibanen bevölkert.

Prospero.
Du abscheulicher Sclave, unfähig den Eindruk von irgend einer guten
Eigenschaft anzunehmen, und zu allem Bösen aufgelegt!  Ich hatte
Mitleiden mit dir nahm die Mühe dich reden zu lehren, und wieß dir
alle Stunden etwas neues.  Da du nicht im Stand warst, du wilder,
deine eigne Meynung zu entdeken, sondern gleich einem
unvernünftigen Vieh nur unförmliche Töne von dir gabst, begabte ich
deine Gedanken mit Worten, damit du sie andern verständlich machen
könntest.  Aber ungeachtet alles Unterrichts behielt die angebohrne
Bosheit deiner Natur die Oberhand und machte deine Gesellschaft
wohlgearteten Geschöpfen unerträglich; ich sah mich also gezwungen,
dich in diesen Felsen einzusperren, und begnügte mich, deine
Bosheit nur allein unwürksam zumachen, ob du gleich mehr als ein
Gefängniß verdient hattest.

Caliban.
Ihr lehrtet mich reden, und der ganze Vortheil den ich davon habe,
ist daß ich fluchen kan; daß ihr die Pest dafür hättet, daß ihr
mich reden gelehrt habt!

Prospero.
Du Wechselbalg, hinweg!  Bring uns Holz und Reiser zu einem Feuer
hieher, und mache hurtig, damit ich dich zu andern Arbeiten
gebrauchen kan.  Zükst du die Achseln, du Unhold?  Wenn du nicht
thust was ich dir befehle, oder es unwillig thust, so will ich dich
am ganzen Leibe mit krampfichten Zükungen foltern, alle deine
Gebeine mit Schmerzen füllen, und dich heulen machen, daß wilde
Thiere vor deinem Geschrey zittern sollen.

Caliban.
Nein, ich bitte dich.

(Für sich.)

Ich muß gehorchen; seine Kunst giebt ihm eine so grosse Gewalt,
daß er im Stande wäre, meiner Mutter Gott Setebos zu bezwingen, und
einen Vasallen aus ihm zu machen.

(Caliban geht ab.)

Prospero.
So, Sclave, hinweg!

Fünfte Scene.
(Ferdinand tritt auf; Ariel unsichtbar singend und spielend.)

Ferdinand.
Wo kan diese Musik seyn?  In der Luft oder auf der Erde?—Sie hat
aufgehört—wahrhaftig es ist eine Anzeige, daß irgend eine Gottheit
dieses Eiland bewohnt.  Indeme ich auf einer Sandbank saß, und den
Untergang des Königs meines Vaters beweinte, schien diese Musik
über die Wellen mir entgegen zu schleichen, und besänftigte durch
ihre Lieblichkeit beydes ihre Wuth und meine Leidenschaft; ich
folgte ihr bis an diesen Ort, oder sie zog mich vielmehr an;—Aber
sie hat aufgehört—Nun beginnt sie von neuem.

Ariel (singt:)
Fünf Faden tief dein Vater ligt,
Sein Gebein ward zu Corallen,
Zu Perlen seine Augen-Ballen,
Und vom Moder unbesiegt,
Wandelt durch der Nymphen Macht
Sich jeder Theil von ihm und glänzt in fremder Pracht.
Die Nymphen lassen ihm zu Ehren
Von Stund zu Stund die Todtengloke hören.
Horch auf, ich höre sie, ding-dang, ding-dang—

Ferdinand.
Der Gesang spricht von meinem ertränkten Vater; diß ist nicht das
Werk eines Sterblichen, noch eine irdische Musik; izt hör ich sie
über mir.

Sechste Scene.
(Prospero und Miranda nähern sich auf einer andern Seite dem Orte,
wo Ferdinand steht.)

Prospero.
Ziehe die Vorhänge deiner Augen auf, und sage, was du dort siehest?

Miranda.
Was ist es?  ein Geist?—Wie es umherschaut!  Glaubet mir, mein
Herr, es hat eine feine Gestalt.  Aber—es ist ein Geist.

Prospero.
Nein, Mädchen, es ißt und schläft, und hat solche Sinnen wie wir
haben, eben solche; und wenn es nicht von Gram (der der Schönheit
Krebs ist) in etwas entstellt wäre, könnte man ihn eine ganz
hübsche Person nennen.  Er hat seine Gefährten verlohren, und irret
umher sie zu suchen.

Miranda.
Ich möchte ihn etwas Göttliches nennen, denn nie sah ich in der
Natur eine so edle Gestalt.

Prospero (für sich.)
Es geht, sehe ich, wie es mein Herz wünschet—Geist, feiner Geist,
für diß will ich dich in zween Tagen frey lassen.

Ferdinand

(indem er Miranda gewahr wird.)

Ganz gewiß ist dieses die Göttin, deren Gegenwart jene Harmonien
ankündigten.  Erlaubet meiner Bitte zu wissen, ob ihr auf dieser
Insel wohnet, und würdiget mich einer Belehrung, wie ich mich hier
zu verhalten habe?  Mein erster Wunsch, obgleich zulezt
ausgesprochen, ist, o ihr Wunder!  zu wissen, ob ihr geschaffen
seyd oder nicht?

Miranda.
Kein Wunder, mein Herr, aber ganz gewiß ein Mädchen.

Ferdinand.
Meine Sprache!  Himmel!  ich bin der Erste unter denen die diese
Sprache reden; wär’ ich nur da wo sie geredet wird.

Prospero.
Wie?  der erste?  Was wärest du, wenn dich der König von Neapel
reden hörte?

Ferdinand.
Eine einzelne Person, wie izt, die sich wundert, dich vom König von
Neapel reden zu hören.  Er hört mich, und daß er mich höret, ist
was ich beweine.  Ich selbst bin nun der König von Neapel, da ich
mit diesen meinen Augen, die seit dem niemals troken worden sind,
den König meinen Vater im Schiffbruch umkommen gesehen habe.

Miranda.
Wie sehr dauert er mich!

Ferdinand.
Glaubet mirs, er kam um, er und alle seine Hofleute: der Herzog von
Meiland und sein edler Sohn waren dabey.

Prospero.
Der Herzog von Meiland und seine noch edlere Tochter könnten dich
eines bessern belehren, wenn es izt Zeit dazu wäre—

(vor sich.)

Beym ersten Anblik tauschten sie ihre Augen (Ariel, für diesen
Dienst sollt du frey seyn!)

(laut.)

Ein Wort mit euch, mein feiner Herr, ich fürchte ihr habt euch in
einen schlimmen Handel verwikelt: Ein Wort—

Miranda.
Warum spricht mein Vater so unfreundlich?  Diß ist der dritte Mann,
den ich jemals sah, und der erste, für den ich seufze.  Möchte
Mitleiden meinen Vater so gesinnt machen wie mich!

Ferdinand.
O, wenn ihr ein sterbliches Mädchen seyd, und eure Neigung noch
frey ist, so will ich euch zur Königin von Neapel machen.

Prospero.
Sachte, mein Herr; Nur ein Wort—

(vor sich.)

Sie sind beyde eines in des andern Gewalt: aber ich muß diesem
plözlichen Einverständniß Schwierigkeiten in den Weg legen, sonst
möchte ein zu leichtgewonnenes Glük seinen Werth verringern—Herr,
nur noch ein Wort; ich befehle dir, mir zu folgen.  Du legst dir
hier einen Namen bey, der dir nicht gebührt, du hast dich als einen
Kundschafter in diese Insel eingeschlichen, um sie mir, ihrem
Herren abzugewinnen.

Ferdinand.
Nein, so wahr ich ein Mann bin.

Miranda.
Gewiß, es kan nichts böses in einem solchen Tempel wohnen.  Wenn
der böse Geist ein so schönes Haus hätte, gute Dinge würden bey ihm
zu wohnen versucht.

Prospero.
Folge mir—Rede du nicht für ihn, er ist ein Verräther.  Komm, ich
will dir Hals und Füsse zusammenfesseln, Seewasser soll dein Trank,
und frische Bachbungen, dürre Wurzeln und Eicheln deine Speise seyn.
Folge!

Ferdinand.
Nein, eine solche Begegnung will ich nicht leiden, bis mein Feind
der stärkere ist.

(Er zieht den Degen, und bleibt bezaubert und unbeweglich stehen.)

Miranda.
O mein theurer Vater, verfahret nicht so strenge mit ihm; er ist ja
liebenswürdig, nicht fürchterlich.

Prospero.
Wie, Mädchen, du willt mich meistern?  Zieh dein Schwerdt,
Verräther!  du willt den Herzhaften machen, und darfst keinen
Streich führen?  Bilde dir nicht ein, daß du dich wehren wollest;
ich brauche nichts, als diesen Stab, dich zu entwaffnen, und deinen
Degen fallen zu machen.

Miranda.
Ich bitte euch, mein Vater.

Prospero.
Weg, hänge dich nicht so an meinen Rok.

Miranda.
Mein Herr, habet Mitleiden, ich will Bürge für ihn seyn.

Prospero.
Schweige, noch ein einziges Wort mehr wird machen, daß ich dich
ausschelte, oder gar hasse.  Was?  einem Betrüger das Wort reden?
husch!  du denkst, es habe nicht noch mehr solche Gesichter wie er
ist, weil du nur den Caliban und ihn gesehen hast; einfältiges Ding!
gegen die meisten Männer gerechnet, ist er nur ein Caliban, und
sie sind Engel gegen ihn.

Miranda.
So sind meine Neigungen sehr demüthig, denn ich habe kein Verlangen
einen schönern Mann zu sehen.

Prospero.
Komm mit, gehorche; deine Nerven sind wieder in ihrer Kindheit, und
haben keine Stärke mehr.

Ferdinand.
So ist es; alle meine Lebensgeister sind wie in einem Traum,
gefesselt.  Aber meines Vaters Tod, die Schwäche die ich fühle, der
Schiffbruch aller meiner Freunde, und die Drohungen dieses Mannes,
dem ich unterworfen bin, würden mir leicht zu ertragen seyn, möchte
ich nur einmal des Tages durch eine Öfnung meines Kerkers dieses
holde Mädchen sehen: Die Freyheit mag von dem ganzen Rest der Erde
Gebrauch machen; für mich ist Raum genug in einem solchen Kerker.

Prospero (für sich.)
Es würkt:

(laut)

folge mir!  (du hast dich wohl gehalten, Ariel) folge mir.

(Zu Ariel.)

Höre, was du weiter zu verrichten hast.

(Er sagt dem unsichtbaren Ariel etwas in Geheim.)

Miranda (zu Ferdinand.)
Fasset Muth, mein Herr; mein Vater ist von einer bessern Gemüthsart,
als ihr aus seinen Worten schliessen könnt; sein iziges Betragen
ist etwas ungewohntes.

Prospero (zu Ariel.)
Du sollst so frey seyn als die Winde auf hohen Bergen; aber unter
der Bedingung, daß du meinen Befehl in allen Puncten aufs genaueste
vollziehest.

Ariel.
Nach dem Buchstaben.

Prospero.
Komm, folge mir!  Sprich du nicht für ihn.

(Sie gehen ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene.
(Ein andrer Theil der Insel.)
(Alonso, Sebastian, Antonio, Gonsalo, Adrian, Francisco, und andre
Hofleute, treten auf.)

Gonsalo.
Ich bitte euch, Gnädigster Herr, gutes Muths zu seyn; wir haben
alle Ursache zur Freude; denn unsre Errettung geht weit über unsern
Verlust.  Das Unglük das wir gehabt haben, ist etwas gemeines;
jeden Tag hat irgend eines Schiffers Weib oder irgend ein Kauffmann
das nehmliche Thema zu klagen; aber von einem solchen Wunder wie
unsre Erhaltung ist, wissen unter Millionen nur wenige zu sagen.
Wäget also, Gnädigster Herr, weislich unsern Kummer gegen unsern
Trost, und beruhiget euch.

Alonso.
Ich bitte dich, schweige.

[Sebastian.*
Er nimmt deinen Trost an, wie kalte Suppe.

{ed.-* Alle diese Reden, welche man zur Unterscheidung in [ ]
eingeschlossen, scheinen von einer fremden Hand, vielleicht von
Schauspielern, eingeschoben, um so mehr als es nicht nur an sich
sehr ungereimtes Zeug, sondern in dem Mund unglüklicher
schiffbrüchiger Leute eine höchst unnatürliche und unschikliche
Spaßhaftigkeit ist.  Es kommen noch mehr Reden von dieser Art in
dem übrigen Theil dieser Scene vor.  Pope.}

Antonio.
Gonsalo wird sich nicht so leicht abweisen lassen.

Sebastian.
Seht, er zieht seinen Wiz auf wie eine Taschenuhr, den Augenblik
wird er schlagen.

Gonsalo.
Gnädigster Herr—

Sebastian.
Eins; zählet, Antonio—

Gonsalo.
Wenn einer einem jeden Verdruß der ihm aufstößt, nachhängen will,
so hat er nichts davon als—

Sebastian.
Einen Thaler.

Gonsalo.
(Dolores),** in der That, ihr habt besser gesprochen, als ihr im
Sinne hattet.

{ed.-** Der frostige Spaß ligt in dem ähnlichen Schall der Worte
(dollar), und (dolour).}

Sebastian.
Und ihr habt es weislicher aufgenommen, als ich euch zugetraut habe.

Gonsalo.
Folglich, gnädigster Herr—

Antonio.
Pfui, wie der Mann seine Zunge verschwendet!

Alonso.
Ich bitte dich, sey ruhig.

Gonsalo.
Gut, ich bin fertig; aber doch—

Sebastian.
Will er reden.

Antonio.
Was wetten wir, wer von beyden, er oder Adrian zuerst anfangen wird
zu krähen?

Sebastian.
Der alte Hahn.

Antonio.
Der junge.

Sebastian.
Gut, was wetten wir?

Antonio.
Ein Gelächter.

Sebastian.
Es bleibt darbey.

Adrian.
Obgleich diese Insel wüste scheint—

Sebastian.
Ha, ha, ha—So, ihr seyd bezahlt.

Adrian.
Unbewohnbar, und in der That ganz unzugangbar—

Sebastian.
So kan sie doch—

Adrian.
So kan sie doch—

Antonio.
So kan er doch nicht weiter—

Adrian.
Nicht anders, als von einer subtilen zärtlichen und angenehmen
Temperatur seyn.

Antonio.
(Temperantia) war ein hübsches Mensch.

Sebastian.
Ja, und subtil, wie er auf eine sehr gelehrte Art angemerkt hat.

Adrian.
Die Luft weht uns hier recht lieblich an—

Sebastian.
So lieblich, als ob sie eine faule Lunge hätte.

Antonio.
Oder als ob sie von einem Morast parfümirt würde.

Gonsalo.
Man findet alles hier, was zu einem angenehmen Leben gehört.

Antonio.
In der That, ausser nichts zu essen.

Sebastian.
Nun, das eben nicht.

Gonsalo.
Wie frisch und anmuthig das Gras aussieht!  wie grün!

Antonio.
In der That, der Boden ist braungelb.

Sebastian.
Mit einem Gedanken von grün vermengt.

Antonio.
Er trift es doch nicht übel.

Sebastian.
Nicht übel; es ist weiter nichts, als daß er die Wahrheit ganz und
gar verfehlt.

Gonsalo.
Das seltsamste aber, und was in der That allen Glauben übersteigt—

Sebastian.
Wie manche Raritäten der Reisebeschreiber—

Gonsalo.
Ist, daß unsre Kleider, ungeachtet sie im Meer wohl durchnezt
worden, nichts destoweniger Farbe und Glanz behalten haben; man
sollte eher denken, sie seyen noch einmal gefärbt, als vom
Seewasser beflekt worden.

Antonio.
Wenn nur eine von seinen Taschen reden könnte, würde sie ihn nicht
Lügen strafen?

Gonsalo.
Mich dünkt, unsre Kleider sehen so neu aus, als wie wir sie in
Africa das erstemal anzogen, da der König seine schöne Tochter
Claribella mit dem Könige von Tunis vermählte.

Sebastian.
Es war eine lustige Hochzeit, und die Heimreise schlägt uns recht
wohl zu.

Adrian.
Tunis hat noch nie die Ehre gehabt, eine Königin von so seltnen
Vollkommenheiten zu haben.

Gonsalo.
Seit der Wittwe Dido Zeiten nicht.

Antonio.
Wittwe?  daß der Henker die Wittwe!  Wie kommt diese Wittwe hieher?
warum Wittwe Dido?

Sebastian.
Und wie, wenn er noch gesagt hätte: Wittwer Äneas?  Euer Gnaden
nehmen ihm auch alles zum schlimmsten auf.

Adrian.
Wittwe Dido, sagtet ihr?  Dabey fällt mir auch etwas aus der Schule
ein.  Dido war von Carthago, nicht von Tunis.

Gonsalo.
Aber Tunis, mein guter Herr, war einst Carthago.

Adrian.
Carthago?

Gonsalo.
Das versichre ich euch, Carthago.

Antonio.
Sein Wort ist über die wunderthätige Harfe Amphions.

Sebastian.
Es richtet die Mauren mit samt den Häusern auf.

Antonio.
Was für unmögliche Dinge wird er nun zustande bringen?

Sebastian.
Ich denke, er wird auf der Heimreise diese Insel in seine Tasche
steken, und sie seinem Buben statt eines Apfels nach Hause bringen.

Antonio.
Und die Kerne davon in das Meer säen, damit er eine junge Zucht von
Inseln kriegt.

Alonso.
Wie, wovon sprecht ihr?

Gonsalo.
Gnädigster Herr, wir redten davon, daß unsre Kleider noch so neu
aussehen, als wie wir sie zu Tunis auf eurer Tochter
Vermählungsfest trugen.]

Alonso.
Ihr erinnert mich zur Unzeit an das, worüber ich mir selbst nur
allzuviel Vorwürfe mache—Wollte der Himmel, ich hätte meine
Tochter nie zu Tunis verheurathet!  Weil ich dahin reißte, hab ich
meinen Sohn verlohren, und meiner Rechnung nach, sie dazu; da sie
soweit von Italien entfernt ist, daß ich sie nimmer wiedersehen
werde.  O du mein Erbe von Neapel und Meiland, was für einem Meer-
Ungeheuer bist du zur Speise geworden!

Francisco.
Sire, verhoffentlich lebt er noch.  Ich sah ihn die
entgegenschwellenden Wellen unter ihm wegschlagen, und auf ihrem
bezwungenen Rüken reiten; er erhielt sein kühnes Haupt immer über
ihnen empor, und steurte sich selbst mit starken Armen ans Ufer,
welches sich über seine von den Wellen abgespülte Basis in die See
hinaus bog, als ob es ihm eine Zuflucht darbieten wollte.  Ich
zweifle nicht, er kam lebendig ans Land.

Alonso.
Nein, nein, er ist nicht mehr.

Sebastian.
Sire, diesen grossen Verlust habt ihr niemand zu danken als euch
selbst, da ihr eure Tochter lieber an einen Africaner verliehren,
als unser Europa mit ihr beglükseligen wolltet.

Alonso.
Ich bitte dich, sey ruhig.

Sebastian.
Wir alle ermüdeten euch ihrentwegen mit Bitten und Kniefällen, und
die schöne Seele selbst wog zwischen Neigung und Gehorsam, wohin
sich das Wagzünglein neigen sollte.  Ich besorge, wir haben euern
Sohn auf ewig verlohren; Meiland und Neapel haben mehr Weiber, die
dieses Geschäfte zu Wittwen gemacht hat, als wir Männer mitbringen
sie zu trösten.  Der Fehler ist euer eigen.

Alonso.
So wie der gröste Verlust.

Gonsalo.
Prinz Sebastian, wenn ihr gleich die Wahrheit sagt, so sagt ihr sie
doch auf eine unfreundliche Art, und zur Unzeit; ihr reibt die
Wunde, da ihr ein Pflaster drauf legen solltet.

Sebastian.
Wohl gesprochen!

Antonio.
Und sehr chirurgisch!

Gonsalo.
Sire, es ist schlimmes Wetter bey uns allen, wenn Euer Majestät
bewölkt ist.

Sebastian.
Schlimmes Wetter?

Antonio.
Sehr schlimmes.

Gonsalo.
Hätte ich eine Pflanzstätte in dieser Insel anzulegen, Gnädigster
Herr—

Antonio.
So würd’ er Brenn-Nessel-Saamen drein säen.

Sebastian.
Oder Kletten und Pappel-Kraut.

Gonsalo.
Und wäre der König davon, was würd’ ich thun?

Sebastian.
Euch wenigstens nicht betrinken, denn ihr hättet keinen Wein.

Gonsalo.
Die Einrichtung des gemeinen Wesens müßte mir gerade das
Wiederspiel von allen unsrigen seyn; denn ich wollte keine Art von
Handel und Wandel gestatten; Von Obrigkeitlichen Ämtern sollte nur
nicht der Name bekannt seyn; Von allen Wissenschaften sollte man
nichts wissen; Kein Reichthum, keine Armuth, kein Unterschied der
Stände; nichts von Käuffen, Erbschaften, Marchen, Grenzsteinen,
Braachfeldern noch Weinbergen; Kein Gebrauch von Metall, Korn, Wein
oder Öl; Keine Arbeit, alle Leute müßig, alle, und die Weiber dazu;
aber alles in Unschuld.  Keine Oberherrschaft—

Sebastian.
Und doch wollt’ er König davon seyn.

Antonio.
Das Ende von seiner Republik vergißt den Anfang***

{ed.-*** Dieses ganze Gespräch ist eine feine Satyre über die
Utopischen Tractate von Regierungsformen, und die schimärischen
und unbrauchbaren Entwürfe, die darinn angepriesen werden.
Warbürton.}

Gonsalo.
Alle Dinge sollten gemein seyn; die Natur sollte alles von sich
selbst hervorbringen, ohne Arbeit und Schweiß der Menschen.  Keine
Verrätherey, keine Übelthaten, folglich auch kein Schwerdt, kein
Spieß, kein Messer, kein Schießgewehr, kurz keine Nothwendigkeit
von irgend einem Instrument; denn die Natur sollte aus eignem Trieb
alles in Überfluß hervorbringen, was zum Unterhalt meines
unschuldigen Volkes nöthig wäre.

Sebastian.
Würde man denn in seiner Republik nicht auch heurathen?

Antonio.
Heurathen?  Nichts weniger; lauter müßiges Volk, Huren und
Spizbuben.

Gonsalo.
Ich wollte mit einer solchen Vollkommenheit regieren, Gnädigster
Herr, daß das goldne Alter selbst nicht damit in Vergleichung
kommen sollte.

Sebastian.
Der Himmel schüze seine Majestät!

Antonio.
Lang lebe Gonsalo!

Gonsalo.
Ihr versteht mich doch—

Alonso.
Ich bitte dich, hör auf; du unterhältst mich mit einem Gespräch von
Nichts.

Gonsalo.
Das glaub ich Euer Majestät, und ich that es bloß, um diesen beyden
Herren Gelegenheit zum Lachen zu geben; denn sie haben so reizbare
und zärtliche Lungen, daß sie immer über nichts zu lachen pflegen.

Antonio.
Wir lachten über euch.

Gonsalo.
Der in dieser Art von Spaßhaftigkeit gegen euch nichts ist; ihr
könnt also fortfahren, über nichts zu lachen.

Antonio.
Das hat eine Ohrfeige seyn sollen?

Sebastian.
Wenn sie nicht neben bey gefallen wäre.

Gonsalo.
Ihr seyd tapfre Herren; ihr würdet den Mond aus seinem Kreise heben,
wenn er nur fünf Wochen nach einander ohne abzunehmen scheinen
würde.

(Ariel erscheint, den redenden Personen unsichtbar, mit einer
ernsthaften und einschläfrenden Musik.)

Sebastian.
Das wollten wir, und dann auf den Vogel-Heerd.

Antonio (zu Gonsalo.)
Nein, mein guter Herr, werdet nicht böse.

Gonsalo.
Ich stehe euch davor, daß ich zu gescheidt bin über eure Einfälle
böse zu werden.  Wollt ihr mich in den Schlaf lachen?  denn ich bin
ganz schläfrig.

Antonio.
Geht, schlaft und hört uns zu.

Alonso.
Wie?  Alle schon eingeschlafen!  Meine Augen schliessen sich auch,
möchten sie meine Gedanken zugleich verschliessen!

Sebastian.
Sire, wiedersteht dem Schlummer nicht, der sich euch anbietet.  Er
besucht selten den Kummer, und wenn er’s thut, ist er ein Tröster.

Antonio.
Wir zween, Gnädigster Herr, wollen indessen daß ihr der Ruhe
geniesset, für eure Sicherheit wachen.

Alonso.
Ich danke euch—eine wunderbare Schläfrigkeit! —

(Alle schlaffen, ausser Sebastian und Antonio.)

Sebastian.
Was für ein seltsamer Taumel ist das, der sich ihrer bemeistert?

Antonio.
Die Beschaffenheit des Clima muß daran Ursache seyn.

Sebastian.
Warum sinken dann unsre Auglieder nicht auch?  Ich spüre nicht die
mindeste Schläfrigkeit.

Antonio.
Ich auch nicht; meine Lebensgeister sind ganz munter.  Sie fielen
alle hin als ob sie es mit einander abgeredet hätten, sie sanken um,
wie vom Donner gerührt.  Was könnte, würdiger Sebastian—O!  was
könnte—Nichts weiter!—Und doch, dünkt mich, ich seh es in deinem
Gesicht, was du seyn solltest.  Die Gelegenheit sagt es dir, und
meine Einbildungs-Kraft sieht eine Krone über deinem Haupte
schweben.

Sebastian.
Wie?  wachest du?

Antonio.
Hört ihr mich denn nicht reden?

Sebastian.
Ich höre dich, aber wahrhaftig es sind Reden eines Schlafenden; du
sprichst im Schlaf.  Was sagtest du?  Es ist ein seltsamer Schlaf,
mit weitofnen Augen zu schlafen; stehen, reden, sich bewegen, und
doch so hart eingeschlaffen seyn!

Antonio.
Edler Sebastian, du lässest dein Glük schlafen.  Stirb lieber!  du
wachest mit geschloßnen Augen.

Sebastian.
Du schnarchest verständlich; es ist Bedeutung in deinem Schnarchen.

Antonio.
Ich bin ernsthafter als meine Gewohnheit ist.  Seyd auch so, wenn
ich euch rathen darf; und es wird euer Glük seyn, euch rathen zu
lassen.

Sebastian.
Gut, ich bin stehendes Wasser.

Antonio.
Ich will euch fliessen lehren.

Sebastian.
Thue das; stehen lehrt mich meine angeerbte Trägheit.

Antonio.
O!  wenn ihr nur wißtet, wie sehr ihr meinen Vorschlag liebet, ob
ihr ihn gleich zu verwerfen, wie ihr euch immer mehr darinn
verwikelt, je mehr ihr euch loß zu winden scheint.  Langsame Leute
werden oft durch ihre Zagheit oder Trägheit nur desto schneller auf
den Grund gezogen.

Sebastian.
Ich bitte dich, sprich deutlich.  Dein Blik und deine glühende
Wange verkündigen, daß du mit irgend einem grossen Vorhaben
schwanger gehst, von dem du so voll bist, daß du es nicht länger
zurükhalten kanst.

Antonio.
Hier ist es, Prinz.  Ungeachtet dieser Höfling, schwachen
Angedenkens (es wird gewiß seiner wenig gedacht werden, wenn er
einmal eingescharrt ist) den König beynahe überredet hat (denn er
ist ein Geist der Überredung, er kan sonst nichts als überreden)
daß sein Sohn noch lebe; so ist es doch so unmöglich, daß er nicht
im Wasser umgekommen seyn sollte, als daß der schwimmt, der hier
schläft.

Sebastian.
Ich habe keine Hoffnung, daß er mit dem Leben davongekommen seyn
möchte.

Antonio.
O sagt mir nichts von Hoffnung—Was für grosse Hoffnung hättet ihr—
die Hoffnung ligt nicht auf diesem Wege; es ist ein andrer, der zu
einer so hohen Hoffnung führt, daß der Ehrgeiz keinen Blik dahin
thut, ohne an der Würklichkeit dessen was er sieht zu zweifeln.
Wollt ihr mir eingestehen, daß Ferdinand umgekomen ist?

Sebastian.
Ich glaub es.

Antonio.
So sagt mir dann, wer ist der nächste Erbe von Neapel?

Sebastian.
Claribella.

Antonio.
Sie, welche Königin von Tunis ist; sie, die zehen Meilen hinter
einem Menschenalter wohnt; sie, die von Neapel nicht eher eine
Nachricht haben kan, (es wäre denn daß die Sonne der Postillion
seyn wollte, der Mann im Monde wäre zu langsam) bis neugebohrne
Kinne bärtig worden sind; sie, um deren willen wir vom Meer
verschlungen worden; obgleich einige, die wieder ausgeworfen worden,
von diesem Zufall Gelegenheit nehmen mögen, eine Scene zu spielen,
wovon das Vergangne der Prologus ist;

Sebastian.
Was für Zeug ist das?  Was sagt ihr?  Es ist wahr, meines Bruders
Tochter ist Königin von Tunis, sie ist auch Erbin von Neapel, und
zwischen diesen beyden Reichen ist ein ziemlicher Raum.

Antonio.
Ein Raum, wovon jede Spanne auszuruffen scheint: wie?  soll diese
Claribella uns nach Neapel zurük messen?  Sie mag in Tunis bleiben,
und Sebastian mag erwachen.  Sagt mir, gesezt was sie izt befallen
hat wäre der Tod, nun denn, sie wären nicht weniger gefährlich als
sie izt sind; es giebt jemand, der Neapel eben so gut regieren kan
als der so schläft; Leute genug, die so langweilig und unnöthig
plaudern können als dieser Gonsalo; ich selbst wollte eine eben so
geschwäzige Dole machen können.  O!  daß ihr mein Herz hättet!  was
für ein vortheilhafter Schlaf wäre diß für euch!  Versteht ihr mich?

Sebastian.
Mich däucht ja.

Antonio.
Und wie gefällt euch euer gutes Glük?

Sebastian.
Ich erinnre mich, daß ihr euern Bruder Prospero aus dem Sattel
hubet.

Antonio.
Das that ich, und seht wie wohl mir meine Kleider stehen; meines
Bruders Diener waren einst meine Gesellen, izt sind sie meine Leute.

Sebastian.
Aber euer Gewissen—

Antonio.
Nun ja, Herr; wo ligt das?  Wenn es ein Hünerauge wäre, so müßt’
ich in Pantoffeln gehen; aber in meinem Busen fühl ich diese
Gottheit nicht.  Hätten zehen Gewissen zwischen mir und Meiland
gestanden, sie hätten gefrieren und wieder aufthauen mögen so oft
sie gewollt hätten, ohne mich zu beunruhigen.  Hier ligt euer
Bruder—nicht besser als die Erde worauf er liegt, wenn er das wäre,
was er izt zu seyn scheint, todt; mit drey Zollen von diesem
gehorsamen Stahl kan ich ihn auf ewig einschläfern; ihr, wenn ihr
eben das thun würdet, könntet diesen altfränkischen Moralisten,
diesen Sir Prudentius befördern, damit er uns keine Händel machen
könne.  Was die übrigen betrift, das sind Leute die sich berichten
lassen; sie werden uns die Gloke zu einem jeden Geschäfte sagen,
das unserm Angeben nach, in dieser oder jener Stunde gethan werden
muß.

Sebastian.
Dein Beyspiel, theurer Freund, soll mein Muster seyn; Ich will
Neapel gewinnen wie du Meiland.  Zieh deinen Degen; Ein einziger
Streich soll dich von dem Tribut befreyen, den du bezahlst, und zum
Liebling eines Königs machen.

Antonio.
Ziehet auch, und wenn ich mit dem Arm aushohle, so fallet über
Gonsalo her.

Sebastian.
O!  nur ein Wort noch—

(Ariel erscheint mit Musik.)

Ariel.
Mein Gebieter, der die Gefahr worinn seine Freunde sind, vorhersah,
sendet mich, da sein Entwurf von ihrem Leben abhangt, sie zu
erhalten.

(Er singt dem Gonsalo ins Ohr:)

Ihr schlaft und schnarchet sorgenfrey,
Weil mördrische Verrätherey
Zu euerm Unglük wacht.
Auf, auf, seht den gezükten Tod
Der euerm sichern Naken droht;
Erwacht!  Erwacht!  Erwacht!

Antonio.
So laß uns schnell seyn.

Gonsalo.
Ha, ihr guten Engel, beschüzt den König!

(Alle erwachen.)

Alonso.
Wie, was ist dieses?  ha!  Erwachet!  Warum steht ihr mit
entblößtem Degen?  Warum solche gespenstmäßige Blike?

Gonsalo.
Was ist begegnet?

Sebastian.
Weil wir hier standen für die Sicherheit eurer Ruhe zu wachen,
hörten wir eben izt ein holes Gebrüll wie von Ochsen, oder vielmehr
von Löwen.  Erwachtet ihr nicht daran?  Es schallte recht
fürchterlich in meine Ohren.

Alonso.
Ich hörte nichts.

Antonio.
O!  es war ein Getös, eines Ungeheuers Ohr zu erschreken, ein
Erdbeben zu verursachen; gewiß es war das Gebrüll einer ganzen
Heerde von Löwen.

Alonso zu (Gonsalo.)
Hörtet ihr’s?

Gonsalo.
Auf meine Ehre, Sire, ich hörte ein Sumsen, und das ein recht
seltsames, wovon ich erwachte.  Ich rüttelte euch, Gnädigster Herr,
und schrie; wie ich meine Augen aufthat, sah ich ihre Degen gezogen;
es war ein Getöse, das ist die Wahrheit.  Das beste wird seyn,
wenn wir auf unsrer Huth stehen, oder diesen Ort gar verlassen.
Wir wollen unsre Degen ziehen.

Alonso.
Wir wollen weiter gehen, und fortfahren meinen armen Sohn zu suchen.

Gonsalo.
Der Himmel schüze ihn vor diesen wilden Thieren; denn er ist gewiß
in der Insel.

Alonso.
Laß uns alle gehen.

Ariel.
Prospero mein Gebieter soll sogleich erfahren, was ich gethan habe.
Geh König, geh unversehrt, und suche deinen Sohn.

Zweyte Scene.
(Eine andre Gegend der Insel.)
(Caliban mit einer Bürde Holz beladen tritt auf; man hört donnern.)

Caliban.
Daß alle anstekenden Dünste, so die Sonne aus stehenden Sümpfen und
faulen Pfüzen saugt, auf Prospero fallen, und ihn vom Haupt bis zur
Fußsole zu einer Eiter-Beule machen möchten!  Ich weiß wohl, daß
mich seine Geister hören, aber ich kan mir nicht helfen, ich muß
geflucht haben.  Und doch würden sie mich nicht kneipen, nicht in
Gestalt von Stachelschweinen erschreken, in den Koth tauchen, noch
gleich Feuerbränden mich des Nachts in Moräste verleiten, wenn er
es ihnen nicht befehlen würde.  Um einer jeden Kleinigkeit willen
hezt er sie an mich; bald in Gestalt von Affen, die um mich herum
schäkern, und zulezt mich beissen; bald gleich Igeln, die
zusammengeballt in meinem Fußweg ligen, und wenn ich über sie
stolpre, ihre strozenden Stacheln in meine Fußsolen drüken.
Manchmal werd ich am ganzen Leibe von Ottern wund gebissen, die mit
ihren gespaltenen Zungen so abscheulich um mich herum zischen, daß
ich toll werden möchte.  Holla!  he!  was ist das?  (Trinculo tritt
auf.) Hier kommt einer von seinen Geistern, mich zu quälen, daß ich
das Holz nicht bälder hineingetragen habe.  Ich will auf den Bauch
hinfallen; vielleicht wird er meiner nicht gewahr.

Trinculo.
Hier ist weder Busch noch Gesträuch, worunter einer sich
verkriechen könnte, und ein neuer Sturm ist im Anzug; ich hör ihn
im Winde sausen; jene schwarze grosse Wolke wird alle Augenblike
wie mit Eymern herunterschütten.  Wenn es noch einmal so donnert
wie vorhin, so weiß ich nicht, wo ich meinen Kopf verbergen soll—
Ha!  was giebts hier—Mensch oder Fisch!  todt oder lebendig?  es
ist ein Fisch, es riecht wie ein Fisch, ein verflucht mooßichter
fischmäßiger Geruch—ein wunderseltsamer Fisch.  Wär’ ich izt in
England, wie ich einst drinn war, und hätte diesen Fisch nur
gemahlt, kein Feyrtags-Narr ist dorten, der mir nicht ein
Silberstük dafür gäbe, wenn ich ihn sehen ließ.  Dort würde diß
Ungeheuer für einen Menschen passiren; eine jede abentheurliche
Bestie passirt dort für einen Menschen;* wenn sie nicht einen
Pfenning geben, einen lahmen Bettler aufzurichten, so geben sie
zehne, um einen todten Indianer zu sehen—Füsse wie ein Mensch; und
seine Floßfedern wie Arme!  Warm, bey meiner Treu!  Ich denke bald,
es wird wohl kein Fisch seyn: es ist, denk ich, ein Insulaner, den
der lezte Donnerschlag zu Boden geschlagen haben wird.  Au weh, das
Ungewitter ist wieder da.  Das beste wird seyn, ich krieche unter
seinen Regenmantel; es ist sonst nirgends kein Ort zu sehen, wo man
im troknen seyn könnte.  Die Noth kan einen Menschen mit seltsamen
Bettgesellen bekannt machen.  Ich will mich hier zusammenschrumpfen,
bis der ärgste Sturm vorbey ist.

{ed.-* Ich kan mich nicht erwehren zu denken, daß unsre Landsleute
diese Satyre wohl verdienen, da sie allezeit so bereitwillig
gewesen, die ganze Zunft der Affen zu naturalisiren, wie ihre
gewöhnlichen Namen zu erkennen geben.  So kommt (Monkey), nach der
Etymologisten Anmerkung von (Monkin, Monikin), ein Männchen, her;
(Baboon) von (babe), Kind, soviel (weil die Endigung in (oon) eine
Vergrösserung andeutet) als ein grosses Kind, (Mantygre), ein
Mensch-Tyger.  Und wenn sie ihre Namen aus ihrem Vaterlande
mitgebracht haben, wie (Ape), so hat das gemeine Volk sie gleichsam
getauft, durch den Zusaz (Jackan-Ape,) Hans-Aff.  Warbürton.}

(Stephano tritt singend auf.)

Stephano.

(Singt das Ende eines Matrosen-Liedleins.)

Das ist eine verzweifelt melancholische Melodie, das liesse sich
gut an einem Leichbegängniß singen.  Aber hier ist mein Trost.

(Er trinkt, und singt wieder.)

Das ist auch eine schwermüthige Melodie; aber hier ist mein Trost.

(Er trinkt.)

Caliban.
Quäle mich nicht, oh!

Stephano.
Was giebts hier?  haben wir Teufels hier?** Wollt ihr uns mit
wilden und indianischen Männern in einen Schreken jagen?  ha!  ich
bin dem Ersauffen nicht entgangen, um mich vor euern vier Füssen
hier zu fürchten—

{ed.-** Diese Stelle soll vermuthlich die abgeschmakten Fabeln in
des alten Ritter (Maundeviles) Reisebeschreibung lächerlich machen,
der unter anderm erzählt, (to have traveled thro’ an enchaunted Vale,
clepen the vale of Develes, which vale is alle fulle of Develes—and
Men seyne there, that it is on of the entrees of Helle.)—«Er sey
durch ein bezaubertes Thal gereist, das Thal der Teufel genannt,
welches Thal voller Teufel sey, und die Leute sagen, es sey einer
von den Eingängen in die Hölle.» Eben dieser Autor hat in seinen
Nachrichten von wilden Männern und Indianischen Menschen alle die
Fabeln des Plinius von Menschen mit langen Ohren, einem Auge, einem
Fuß ohne Kopf u.  dergl.  ausgeschrieben, und so davon gesprochen,
als ob er sie selbst gesehen habe.  Warbürton.}

Caliban.
Der Geist quält mich, oh!

Stephano.
Das wird irgend ein vierbeinichtes Ungeheuer aus dieser Insel seyn,
das hier das Fieber gekriegt hat—Aber wie zum Teufel hat es unsre
Sprache gelernt?  Ich will ihm eine kleine Herzstärkung eingeben,
und wenn es auch nur darum wäre, weil es italienisch spricht.  Wenn
ich es wieder zu rechte bringen, zahm machen, und nach Neapel mit
ihm kommen kan, so ist es ein Präsent für einen so grossen Kayser,
als jemals einer auf Kühleder getreten ist!

Caliban.
Quäle mich nicht, ich bitte dich; ich will mein Holz ein andermal
bälder heimbringen.

Stephano.
Er ist izt in seinem Paroxismus, und redt nicht zum gescheidtesten;
er soll meine Flasche kosten.  Wenn er noch niemals Wein getrunken
hat, so wird es nahe zu sein Fieber vertreiben; wenn ich ihn wieder
zurecht bringen und zahm machen kan, so will ich nicht zuviel für
ihn nehmen; er soll für den zahlen, der ihn hat, und das wie sichs
gehört.

Caliban.
Bisher hast du mir doch nicht viel leids gethan; aber izt wirst
du’s thun müssen; ich spüre an deinem Zittern, daß Prospero auf
dich würkt.

Stephano.
Kommt hervor, macht euer Maul auf; hier ist etwas das dir die
Sprache geben wird, Meerkaze; macht euer Maul auf!  das wird eure
Fröste wegschütteln, ich kan’s euch sagen, und das wie sich’s
gehört; es weiß einer nicht, wo er von ungefehr einen guten Freund
findt; die Kinnbaken auf, noch einmal!

Trinculo.
Ich sollte diese Stimme kennen—ich denk’, es ist—Aber er ist
ertrunken, und das sind Teufels—O heiliger Sanct—

Stephano.
Vier Füsse und zwoo Stimmen, das ist ein recht feines Ungeheur;
seine fordere Stimme spricht gutes von seinem Freund; seine hintere
Stimme stößt böse Reden und Verläumdungen aus.  Ich will ihm von
seinem Fieber helfen, und wenn aller Wein in meiner Flasche drauf
gehen sollte.  Komm, Amen!  ich will dir etwas in dein Maul giessen

Trinculo.
Stephano—

Stephano.
Ich glaube dein andres Maul ruft mich; Barmherzigkeit!
Barmherzigkeit!  das ist ein Teufel und kein Monster: ich will ihn
gehn lassen, ich habe keinen langen Löffel.

Trinculo.
Stephano, wenn du Stephano bist; so rühre mich an, und sag es mir;
denn ich bin Trinculo, fürchte dich nicht, dein guter Freund
Trinculo.

Stephano.
Wenn du Trinculo bist, so komm hervor, ich will dich bey den
dünnern Beinen ziehen, wenn hier welche Trinculo’s Beine sind, so
müssen es diese seyn.  Du bist würklich Trinculo, in der That.  Wie
kamst du dazu, der Siz von diesem Mondkalb zu seyn?

Trinculo.
Ich bildete mir ein, er sey vom Donner erschlagen.  Aber wie, bist
du nicht ertrunken, Stephano?  Ich will nun hoffen, du seyst nicht
ertrunken; ist der Sturm vorbey?  Ich verbarg mich unter des todten
Monkalbs Regenmantel aus Furcht vor dem Sturm; und lebst du noch
Stephano?  O Stephano, zween Neapolitaner entronnen!

Stephano.
Ich bitte dich, dreh mich nicht so herum, mein Magen ist noch nicht
wieder am rechten Ort.

Caliban.
Das sind hübsche Dinger, wenn es keine Kobolde sind; das ist ein
braver Gott, und trägt ein himmliches Getränk bey sich; ich will
vor ihm niederknien.

Stephano.
Wie bist du davongekommen?  Wie kamst du hieher?  Schwöre bey
dieser Flasche, wie kamst du hieher?  ich rettete mich auf einem
Faß voll Sect, den die Matrosen über Bord geworfen hatten; das
schwör’ ich bey dieser Flasche, die ich mit eignen Händen aus der
Rinde eines Baums gemacht habe, seit der Zeit, da ich ans Land
geworfen wurde.

Caliban.
Ich will auf diese Flasche schwören, daß ich dein getreuer
Unterthan seyn will; denn der Saft ist nicht irdisch.

Stephano.
Hier, schwör dann—Wie wurdest du errettet?

Trinculo.
Ich schwamm ans Ufer, Mann, wie eine Ente; ich kan schwimmen wie
eine Ente, das schwör’ ich!

Stephano.
Hier, küß das Buch; wenn du schwimmen kanst wie eine Ente, so kanst
du trinken wie eine Gans.

Trinculo.  (Nachdem er einen Zug aus der Flasche gethan:)
O Stephano, hast du noch mehr dergleichen?

Stephano.
Das ganze Faß, Mann.  Mein Keller ist in einem Felsen an der Meer-
Seite.  Wie stehts, Mondkalb, was macht dein Fieber?

Caliban.
Bist du nicht vom Himmel herunter gekommen?

Stephano.
Aus dem Mond, das versichr’ ich dich; es war eine Zeit, da ich der
Mann im Mond war.

Caliban.
Ich habe dich drinn gesehen; und ich bete dich an; meine Mutter
zeigte dich mir, dich und deinen Hund und deinen Busch.

Stephano.
Komm, schwör auf diß; küß das Buch; ich will es bald wieder mit
einem neuen Inhalt versehen; schwöre!

Trinculo.
Beym Element, das ist ein recht abgeschmaktes Ungeheuer!  Ich sollt
es fürchten?  Ein recht abgeschmaktes Ungeheuer!  Der Mann im Mond?
ein höchst dummes leichtgläubiges Ungeheur!—Ein guter Zug,
Ungeheuer!  in vollem Ernst.

Caliban.
Ich will dir jeden fruchtbaren Plaz in der Insel zeigen, und ich
will dir die Füsse küssen; ich bitte dich, sey mein Gott.

Trinculo.
Beym Element, ein höchst treuloses besoffenes Ungeheuer; wenn sein
Gott eingeschlafen seyn wird, wird er ihm die Flasche stehlen.

Caliban.
Ich will dir die Füsse küssen; ich will schwören, daß ich dein
Unterthan seyn will.

Stephano.
So komm dann, auf den Boden nieder, und schwöre!

Trinculo.
Ich werde mich noch über dieses puppenköpfige Ungeheuer zu tode
lachen!  ein höchst schwermüthiges Ungeheuer!  ich hätte gute Lust,
ihn eins abzuprügeln—

Stephano.
Kom, küsse!

Trinculo.
Wenn das arme Ungeheuer nicht besoffen wäre; ein vermaledeytes
Ungeheuer!

Caliban.
Ich will dir die besten Quellen zeigen; ich will dir Beeren pflüken,
ich will für dich fischen, und dir Holz genug schaffen.  Daß die
Pest den Tyrannen dem ich diene!  Ich will ihm keine Prügel mehr
zutragen, sondern mit dir gehen, du wundervoller Mann!

Trinculo.
Ein höchst lächerliches Ungeheuer, aus einem armen besoffnen Kerl
ein Wunder zu machen.

Caliban.
Ich bitte dich, laß dich an einen Ort führen, wo Holzäpfelbäume
wachsen, ich will dir mit meinen langen Nägeln Trüffeln ausgraben;
ich will dir ein Nußheher-Nest zeigen, und dich lehren, die
schnelle Meerkaze zu fangen; ich will dir Büschel von Haselnüssen
bringen, und dir manchmal junge Gemsen vom Felsen holen.  Willt du
mit mir gehen?

Stephano.
Ich bitte dich, zeig uns den Weg ohne längeres Geschwäze.  Trinculo,
da der König und alle unsre ehmalige Gefehrten im Wasser
umgekommen sind, so wollen wir von dieser Insel Besiz nehmen.  Hier,
trage meine Flasche; Bruder Trinculo, wir wollen sie gleich wieder
füllen.

Caliban.  (Singt trunkner Weise ein Abschiedsliedlein von seinem
alten Herrn.)
Freyheit, heyda!  heyda!  Freyheit!  Freyheit!  heyda!  Freyheit!

Stephano.
O!  braves Ungeheuer!  zeig uns den Weg.

(Sie gehen ab.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene.
(Vor Prosperos Celle.)
(Ferdinand tritt mit einem Blok auf der Schulter auf.)

Ferdinand.
Es giebt Spiele welche mühsam sind, aber eben diese Mühe erhöht das
Vergnügen das man dabey hat; es giebt niedrige Geschäfte, denen man
sich auf eine edle Art unterziehen kan, und höchst geringschäzige
Mittel, die zu einem sehr vortreflichen Ziel fuhren.  Dieses mein
knechtisches Tagwerk würde mir so beschwerlich als langweilig seyn,
wenn nicht die Gebieterin, der ich diene, meine Arbeiten zu
Ergözungen machte.  O!  sie ist zehnmal liebreizender als ihr Vater
unfreundlich, ob er gleich aus Härte zusammengesezt ist.  Auf
seinen strengen Befehl soll ich etliche tausend dergleichen Blöke
zusammentragen und auf einander beugen.  Meine holdselige Geliebte
weint wenn sie mich arbeiten sieht, und klagt, daß ich zu einem so
sclavischen Geschäfte mißbraucht werden soll.  Ich vergesse darüber
das Verdriesliche meines Zustandes, und meine Arbeit verrichtet
sich unter diesen angenehmen Gedanken so leicht, daß ich sie kaum
empfinde.  (Miranda zu den Vorigen; Prospero in einiger Entfernung.)

Miranda.
Ach!  ich bitte euch, arbeitet nicht so strenge; ich wollte der
Bliz hätte diese Blöke verbrennt, die du auf einander beugen sollst.
Ich bitte euch sizet nieder und ruhet aus; Wenn diß Holz brennt,
wird es weinen, daß es euch so abgemattet hat; mein Vater ist in
seinem Studieren vertieft; ich bitte euch, ruhet aus; wir werden
ihn in den nächsten drey Stunden nicht sehen.

Ferdinand.
O theureste Gebieterin, die Sonne wird untergegangen seyn, eh ich
mein auferlegtes Tagwerk vollendet haben werde.

Miranda.
Wenn ihr mir versprecht, euch indessen nieder zu sezen, so will ich
eure Blöke tragen.  Ich bitte euch, thut es mir zu gefallen, ich
will sie nur zu dem Hauffen tragen.

Ferdinand.
Nein, du unschäzbares Geschöpf; eher sollten mir meine Sehnen
springen und mein Rükgrat brechen, eh du eine solche Arbeit thun
und ich müßig zusehen sollte.

Miranda.
Sie würde sich nicht übler für mich schiken als für euch; und es
würde mich noch einmal so leicht ankommen; denn ich thät es aus
gutem Willen, und ihr thut es ungern.

Prospero (für sich.)
Armer Wurm!  du bist angestekt; dieser Besuch ist eine Probe davon.

Miranda.
Ihr seht verdrieslich aus.

Ferdinand.
Nein, meine edle Gebieterin, wenn ihr im Finstern bey mir wäret, so
wär’ es frischer Morgen um mich her.  Ich bitte euch (vornehmlich
damit ich ihn in mein Gebet sezen könne), wie ist euer Name?

Miranda.
Miranda—O mein Vater, ich hab’ euer Verbot übertreten, indem ich
diß sagte.

Ferdinand.
Bewundernswürdige Miranda, in der That, alles würdig, was die Welt
schäzbarstes hat!  Ich habe viele Damen gesehen, mit aufmerksamen
Augen gesehen, und manchmal hat die Music ihrer Zungen mein
allzuwilliges Ohr gefesselt; um verschiedner Vorzüge willen haben
mir verschiedne Frauenzimmer gefallen, aber keine jemals so sehr,
daß nicht bald irgend ein Fehler den ich an ihr bemerkt, ihre
schönste Eigenschaft verdunkelt hätte.  Du allein, o du, so
vollkommen, so unvergleichlich, bist aus allem zusammengesezt, was
an jedem Geschöpfe das Beste ist.

Miranda.
Ich kenne keine von meinem Geschlecht, und habe nie ein weibliches
Gesicht erblikt, ausser mein eignes in meinem Spiegel; noch habe
ich mehr Männer gesehen, die ich so nennen mag, als euch, mein
guter Freund, und meinen theuren Vater.  Was für Geschöpfe anderswo
seyn mögen, kan ich nicht wissen: Aber, bey meiner Unschuld, meinem
besten Kleinod, ich wünsche mir keine andre Gesellschaft in der
Welt als die eurige; noch kan meine Einbildungskraft sich eine
andre Gestalt vorbilden, die mir gefallen könnte, als die eurige.
Aber ich plaudre, denk ich, zu unbesonnen, und vergesse hierinn
meines Vaters Ermahnungen.

Ferdinand.
Ich bin meinem Stande nach ein Prinz, Miranda; ich denke, ein König
(wollte der Himmel ich wär’ es nicht!) und ich wollte diese
hölzerne Sclaverey nicht mehr erdulden, als ich leiden wollte daß
eine Fleischfliege mir auf die Lippen säße.  Aber höret meine Seele
reden: In dem ersten Augenblik, da ich euch sah, flog mein Herz in
euern Dienst, und machte mich auf ewig zu euerm Leibeignen, und um
euertwillen bin ich ein so geduldiger Holzträger.

Miranda.
Liebet ihr mich also?

Ferdinand.
O Himmel, o Erde, seyd meine Zeugen, und krönet meine Rede mit
einem glüklichen Erfolg, so wie ich die Wahrheit rede; wo nicht, so
verkehret meine besten Hoffnungen in Unglük.  Über alles was in
der Welt ist, über alle Grenzen, liebe, schäze und verehr’ ich euch.

Miranda.
Ich bin eine Thörin daß ich darüber weine, was ich so erfreut bin
zu hören.

Prospero (für sich.)
Wie selten treffen zwey solche Herzen einander an!  Ihr Himmel,
schüttet euern Segen auf ihre keimende Liebe!

Ferdinand.
Warum weinet ihr?

Miranda.
Über meine Unwürdigkeit, die es nicht wagen darf anzubieten was
ich zu geben wünsche, und noch viel weniger anzunehmen, wessen
Verlust mein Tod seyn würde.  Doch diß ist Tändeley!  Je mehr es
sich selbst verbergen will, desto mehr zeigt es seine Grösse.
Hinweg, falsche Schaamhaftigkeit, und du allein regiere meinen Mund,
offenherzige und heilige Unschuld.  Ich bin euer Weib, wenn ihr
mich heurathen wollt, wo nicht, so will ich als euer Mädchen
sterben; ihr könnt mir abschlagen, eure Gesellin zu seyn; aber eure
Sclavin will ich seyn, ihr möget wollen oder nicht.

Ferdinand (kniend.)
Meine theureste Gebieterin, und ich ewig der deinige.

Miranda.
Mein Gemahl also?

Ferdinand.
Mit so verlangendem Herzen, als die Knechtschaft sich nach Freyheit
sehnt.  Hier ist meine Hand.

Miranda.
Und hier die meinige, mit meinem Herzen drinn; und nun lebet wohl,
auf eine halbe Stunde.

Ferdinand.
Tausend, tausend Lebewohl!

(Sie gehen ab.)

Prospero.
So froh über dieses als sie, kan ich nicht seyn, sie, die lauter
Entzükung sind; aber es ist nichts in der Welt, worüber ich eine
grössere Freude haben könnte.  Ich will zu meinem Buche.  Denn
zwischen izt und der Abend-Essens-Zeit muß ich noch vieles nöthige
zu stande bringen.

(Geht ab.)

Zweyte Scene.
(Eine andre Gegend der Insel.)
(Caliban, Stephano und Trinculo treten auf.)

Stephano.
Sagt mir nichts mehr hievon; wenn das Faß leer ist, wollen wir
Wasser trinken, eher keinen Tropfen.  Fülle also wieder auf, und
laß dirs gut schmeken, dienstbares Ungeheuer; trink mirs zu.

Trinculo.
Dienstbares Ungeheuer!  Wie das eine närrische Insel ist!  Sie
sagen es habe nur ihrer fünf auf dieser Insel; wir sind drey davon,
wenn die andern beyde nicht richtiger im Kopf sind als wir, so
wakelt der Staat.

Stephano.
Trink, dienstbares Ungeheuer, wenn ichs dich heisse; deine Augen
stehen dir gewaltig tief im Kopfe.

Trinculo.
Wo sollten sie denn sonst stehen?  Er wäre ein feines Ungeheuer, in
der That, wenn er sie am H** stehen hätte.

Stephano.
Mein menschliches Ungeheuer hat seine Zunge in Sect ersäuft; was
mich betrift, mich kan die See nicht einmal ersäuffen.  Ich schwamm
eh ich das Ufer erreichen konnte, fünf und dreyßig Meilen hin und
her; beym Element, du sollst mein Leutnant seyn, Ungeheuer, oder
mein Fahnen-Junker—Warum so still, Mondkalb?  Sprich einmal in
deinem Leben wenn du ein gutes Mondkalb bist.

Caliban.
Wie geht’s dir?  Laß mich deine Schuh leken; ich will ihm

(er deutet auf Trinculo,)

nicht dienen, er ist nicht herzhaft!

Trinculo.
Du lügst, du höchst unwissendes Ungeheuer, ich bin im Stand es mit
einem Gerichts-Amman aufzunehmen; wie?  du lüderlicher Fisch du,
ist jemals ein Mann eine Memme gewesen, der so viel Sect in einem
Tag getrunken hat als ich?  Darfst du so ungeheure Lügen sagen, und
bist nur halb ein Fisch und halb ein Ungeheuer?

Caliban.
Horch, wie er mich schimpfirt; willt du ihm heimzünden, Mylord?

Trinculo.
Mylord, sagt er!  Daß ein Ungeheuer so einfältig seyn kan!

Caliban.
Horch, horch, schon wieder; beiß ihn zu tode, ich bitte dich.

Stephano.
Trinculo, stek deine Zunge ein!  Wenn du einen Aufruhr anfangst, so
soll der nächste Baum—Das arme Ungeheuer ist mein Unterthan, und
ich werde nicht leiden daß ihm übel begegnet werde.

Caliban.
Ich danke dir, mein edler Gebieter.  Gefällt es dir, die Bitte, die
ich an dich gethan habe, noch einmal zu hören?

Stephano.
Beym Element, das will ich; knie nieder und wiederhole sie; ich
will stehen, und Trinculo soll auch stehen.  (Ariel kommt
unsichtbar dazu.)

Caliban.
Wie ich dir vorhin gesagt habe, ich bin einem Tyrannen unterthan,
einem Zauberer, der mir durch seine List diese Insel abgetrödelt
hat.

Ariel.
Du lügst.

Caliban (zu Trinculo.)
Du lügst, du Maulaffe du; ich wollte, daß mein dapfrer Meister dich
vernichtete; ich lüge nicht.

Stephano.
Trinculo, wenn ihr ihn noch ein einzig mal in seiner Erzählung
unterbrecht, beym Sapperment, so will ich euch etliche Zähne
supplantiren!

Trinculo.
Was?  Ich sagte nichts.

Stephano.
Husch denn, und nichts weiter; fahre fort!

Caliban.
Ich sage, durch Zauberey gewann er diese Insel, von mir gewann er
sie.  Wenn deine Hoheit sie ihm wieder abnehmen will, (denn ich
weiß, du hast das Herz dazu, aber dieses Ding hat kein Herz—)

Stephano.
Das ist eine ausgemachte Sache.

Caliban.
So sollt du Herr davon seyn, und ich will dir dienen.

Stephano.
Wie wollen wir das anstellen?  Kanst du mir ein Mittel vorschlagen?

Caliban.
Ja, ja, mein Gebieter, ich will ihn dir schlafend überliefern, dann
kanst du ihm einen Nagel in den Kopf schlagen.

Ariel.
Du lügst, das kanst du nicht.

Caliban.
Was für ein elster-mässiger Flegel ist das?  du Lumpenkerl du!  Ich
bitte deine Hoheit, gieb ihm Maulschellen und nimm ihm diese
Flasche; wenn er sie nicht mehr hat, so muß er lauter Pfüzenwasser
trinken, denn ich will ihm nicht zeigen, wo die Brunnquellen sind.

Stephano.
Trinculo, seze dich keiner fernern Gefahr aus.  Unterbrich das
Ungeheuer nur mit einem Wort, und beym Sapperment, ich will meine
Barmherzigkeit zur Thür hinaus stossen, und einen Stokfisch aus dir
machen.

Trinculo.
Wie?  Was that ich denn?  Ich that nichts; ich will weiter weggehen.

Stephano.
Sagtest du nicht, er lüge?

Ariel.
Du lügst.

Stephano. (Er prügelt den Trinculo.)
Thu ich das?  Nimm das, und wenn es dir wohl schmekt, so heisse
mich ein andermal wieder lügen.

Trinculo.
Ich habe dich nicht lügen geheissen—Habt ihr den Verstand
verlohren, und das Gehör dazu?  daß der Henker eure Flasche!  Das
kan Sect und Trinken thun!  Daß die schwere Noth dein Ungeheuer,
und der T** deine Finger—

Caliban.
Ha, ha, ha.

Stephano.
Nun, weiter in deiner Erzählung—

(zu Trinculo)

ich bitte dich, steh weiter zurük.

Caliban.
Schlag ihn bis er genug hat; über eine Weile will ich ihm auch
geben.

Stephano.
Weiter zurük—Komm, fahre fort.

Caliban.
Wie ich dir sagte, er hat die Gewohnheit nachmittags zu schlaffen;
dann kanst du ihm den Kopf spalten, aber du must ihm vorher seine
Bücher nehmen; oder du kanst ihm mit einem Bloke den Hirnschedel
zersplittern, oder ihm mit einem Pfahl den Bauch aufreissen, oder
ihm mit deinem Messer die Gurgel abschneiden.  Vergiß nicht, ihm
seine Bücher vorher wegzunehmen; denn ohne sie ist er nur ein
Dummkopf wie ich; und hat nicht einen einzigen Geist mehr, dem er
befehlen könnte.  Sie hassen ihn alle mit einem so eingewurzelten
Haß wie ich.  Verbrenne nur seine Bücher.  Er hat hübsche Möbeln,
wie er sie heißt, womit er sein Haus einrichten will, wenn er eins
hat.  Und was am tiefsten dabey zu betrachten ist, das ist die
Schönheit seiner Tochter; er selbst nennt sie sein Tausendschönchen;
ich habe nie mehr als zwey Weibsbilder gesehen, Sycorax, meine
Mutter, und sie; aber sie übertrift Sycorax so weit als das Gröste
das Kleinste.

Stephano.
Ist sie so ein hübsches Mensch?

Caliban.
Ja, mein Gebieter; sie wird dein Bette zieren, ich versichre dich’s,
und dir eine brave junge Zucht bringen.

Stephano.
Ungeheuer, ich will diesen Mann umbringen; seine Tochter und ich
sollen König und Königin seyn, (Gott erhalte unsre Majestäten!) und
Trinculo und du, ihr sollt Vice-Könige seyn.  Gefällt dir der
Anschlag, Trinculo?

Trinculo.
Vortrefflich.

Stephano.
Gieb mir deine Hand; es ist mir leid, daß ich dich geprügelt habe:
aber so lange du lebst, so halte deine Zunge wohl im Zaum.

Caliban.
In der nächsten halben Stunde wird er eingeschlafen seyn; willt du
ihn alsdann vernichten?

Stephano.
Ja, bey meiner Ehre.

Ariel.
Das will ich meinem Herrn erzählen.

Caliban.
Du machst mich ganz aufgeräumt; ich bin voller Freuden; laß uns
lustig seyn.  Wollen wir Bilboquet spielen, das ihr mich nur erst
gelernt habt?

Stephano.
Weil du mich drumm bittest, Ungeheuer, so will ich dir etwas zu
gefallen thun.  Komm, Trinculo, wir wollen singen.

(Sie singen ein Gassenlied.)

Caliban.
Das ist nicht die rechte Melodie.

(Ariel spielt ihnen die Melodie auf einer Pfeiffe, mit einer
Biscayer-Trummel.)

Stephano.
Was ist das?

Trinculo.
Es ist die Melodie unsers Lieds, von einem Gemählde von Niemand
gespielt.

Stephano.
Wenn du ein Mensch bist, so zeige dich in deiner Gestalt; und bist
du der Teufel, so zeige dich wie du willst.

Trinculo.
O!  vergieb mir meine Sünden!

Stephano.
Wer stirbt, bezahlt alle seine Schulden.  Ich biete dir Troz!  (Der
Himmel steh uns bey!)

Caliban.
Fürchtest du dich?

Stephano.
Nein, Ungeheuer, nicht ich.

Caliban.
Du must dich nicht fürchten; diese Insel ist voll von Getöse, Tönen
und anmuthigen Melodien, welche belustigen und keinen Schaden thun.
Manchmal sumsen tausend klimpernde Instrumente um mein Ohr;
manchmal Stimmen, die, wenn ich gleich dann aus einem langen Schlaf
aufgewacht wäre, mich wieder einschläfern würden; dann däuchts mir
im Traum, die Wolken thun sich auf, und zeigen mir Schäze, die auf
mich herunter regnen wollen; daß ich, wenn ich erwache, schrey und
weine, weil ich wieder träumen möchte.

Stephano.
Das wird ein braves Königreich für mich werden; ich werde die Musik
umsonst haben.

Caliban.
Wenn Prospero vernichtet ist.

Stephano.
Das soll nicht lange mehr anstehen; ich hab’ es nicht vergessen.

Trinculo.
Das Getön geht fort; wir wollen ihm nach, und dann an unsre Arbeit
gehen.

Stephano.
Führ uns, Ungeheuer, wir wollen dir folgen.  Ich wollte ich könnte
diesen Trummelschläger sehen.  Er hört auf.

Trinculo.
Willt du kommen?  Ich gehe nach Stephano.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.
(Ein andrer Teil der Insel.)
(Alonso, Sebastian, Antonio, Gonsalo, Adrian, Francisco, u.s.w.
treten auf.)

Gonsalo.
Bey Sct.  Velten, ich kan nicht weiter, Sire; meine alten Beine
schmerzen mich; wir sind hier in einem Labyrinth: Auf meine Ehre,
alles geht durch Irrwege, und Mäander.  Mit eurer Erlaubniß, ich
muß mich niedersezen.

Alonso.
Alter Mann, ich kan dirs nicht verdenken, ich bin selbst bis zur
Betäubung meiner Lebensgeister abgemattet; seze dich und ruhe aus.
Ich gebe die Hoffnung auf, die ich wie einen Schmeichler bisher
geheget habe; er ist umgekommen, den wir so mühsam suchen, und das
Meer spottet unsers Nachforschens auf dem Lande.  Wol dann, es mag
seyn.

Antonio (leise zu Sebastian.)
Ich bin sehr erfreut daß er so hoffnunglos ist.  Vergesset, um
eines Fehlstreichs willen, das Vorhaben nicht, wozu ihr euch
entschlossen habt.

Sebastian.
Bey der nächsten bequemen Gelegenheit wollen wir unsern Vortheil
besser nehmen.

Antonio.
Laßt es diese Nacht seyn; sie sind von der Reise so abgemattet, daß
sie weder daran denken, noch im Stande sind so viel Vorsichtigkeit
zu gebrauchen, als wenn sie frisch wären.

Sebastian.
Diese Nacht!  Nichts weiter.

(Man hört eine seltsame und feyrliche Musik, und Prospero zeigt
sich (den redenden Personen unsichtbar) auf der Spize des Berges.
Verschiedne wunderbare Gespenster treten auf, tragen eine Tafel mit
Speisen und Getränk herzu, tanzen um dieselbe mit freundlichen
Gebehrden, als ob sie den König und seine Gefährten willkommen
heissen wollten, und nachdem sie dieselben eingeladen zu essen,
verschwinden sie wieder.)

Alonso.
Was für eine Harmonie ist diß?  meine guten Freunde, horcht!

Gonsalo.
Eine wunderbar angenehme Musik.

Alonso.
Gieb uns freundliche Wirthe, o Himmel!  Wer sind diese?

Sebastian.
Das ist ein Haupt-Spaß.  Nun will ich glauben, daß es Einhörner
giebt; daß in Arabien ein einziger Baum ist, der Thron des Phönix,
und ein einziger Phönix, der bis auf diese Stunde da regiert.

Antonio.
Ich will beydes glauben, und was sonst nicht viel Credit hat, komme
nur zu mir, ich will schwören es sey wahr.  Reisebeschreiber haben
nie gelogen, wenn schon Geken, die hinter dem Ofen sizen, sie
verurtheilen.

Gonsalo.
Wenn ich nach Neapel käme und das erzählte, würde man mir’s
glauben?  Wenn ich sagte: Ich sahe solche Insulaner (denn gewiß
sind das die Einwohner dieser Insel) und ob sie gleich von
mißgestalteter und abentheurlicher Bildung sind; so sind doch ihre
Manieren leutseliger und artiger als ihr bey manchen finden werdet,
die zum menschlichen Geschlecht gehören; ja, in der That.

Prospero (vor sich.)
Du ehrlicher Alter, du sprichst wohl; denn es sind hier einige
unter euch, die schlimmer als Teufels sind.

Alonso.
Ich kan nicht genug erstaunen; solche Gestalten, solche Gebehrden,
ein solcher Ton, der, (ob es ihnen gleich am Gebrauch der Zunge
fehlt) eine Art von einer vortrefflichen stummen Sprache ausmacht.

Prospero (vor sich.)
Diese Lobsprüche könnten zu voreilig seyn.

Francisco.
Sie verschwanden auf eine seltsame Art.

Sebastian.
Das hat nichts zu sagen, da sie uns zu essen hinterlassen haben;
denn ich denke, wir spüren alle, daß wir einen Magen haben.
Gefällt es Euer Majestät, etwas hievon zu kosten?

Alonso.
Ich habe keine Lust.

Gonsalo.
Auf meine Treue, Gnädigster Herr, ihr habt keine Ursache etwas zu
besorgen.  Wie wir noch kleine Jungen waren, welcher unter uns
hätte geglaubt, daß es Leute in Gebürgen gebe, welche einen diken
hautigen Hals hätten wie die Ochsen, oder denen der Kopf in der
Brust stünde?  Was man selbst sieht, glaubt man am besten.

Alonso.
Ich will mit zustehen, und essen, wenn es gleich mein leztes wäre;
es ligt mir nichts daran, das beste ist vorbey; Bruder, Herzog,
stehet zu, und machet’s wie wir.

Vierte Scene.
(Donner und Blize.  Ariel tritt in Gestalt einer Harpye auf,
schlägt mit seinen Flügeln auf die Tafel, und vermittelst einer
unmerklichen Veranstaltung verschwindet die Mahlzeit im gleichen
Augenblik.)

Ariel.
Ihr seyd drey Männer der Sünde, welche das rächende Schiksal (so
sich dieser untern Welt und alldessen was drinn ist, zu Werkzeugen
bedient) im Sturm auf diese unbewohnte Insel ausgeworfen,* als
Leute die höchst unwürdig sind unter Menschen zu leben.  Ich hab’
eure Sinnen betäubt, und euch nicht mehr Stärke übrig gelassen, als
ein Mensch nöthig hat, sich selbst zu hängen oder zu ertränken.
Ihr Narren!  ich und meine Gesellen sind Diener des Schiksals; die
Elemente woraus eure Schwerdter bereitet sind, könnten eben so wohl
den sausenden Wind verwunden, oder mit lächerlichen Stichen das
stets sich wieder schliessende Wasser tödten, als eine einzige
Pflaumfeder aus meinen Schwingen reissen.  Meine Gesellen sind eben
so unverwundbar.  Und wenn ihr uns auch verwunden könntet, so sind
eure Schwerdter zu schwer für eure izige Stärke, und ihr seyd nicht
einmal im Stande sie aufzuheben.  Erinnert euch dann (denn das ist
mein Geschäft an euch) daß ihr drey es waret, die den rechtschafnen
Prospero aus Meiland vertrieben, und der offnen See, (die es euch
nun vergolten hat) ausgesezt, ihn und sein unschuldiges Kind!  Um
dieser Übelthat willen haben die himmlischen Mächte, welche die
Bestrafung des Unrechts zwar verschieben aber nie vergessen, das
Meer und das feste Land, ja alle Geschöpfe wieder euch empört, dich,
Alonso, deines Sohnes beraubt, und sprechen nun durch mich das
Urtheil über euch aus; daß langsames Verderben, schreklicher als
irgend ein schneller Tod, Schritt für Schritt euch und eure Wege
verfolgen soll.  Nichts kan euch vor ihrem Zorn (der sonst in
diesem wüsten Eiland auf eure Häupter fallen wird) beschüzen, als
ein reuevolles Herz, und in Zukunft ein reines Leben.

{ed.-* Im Original: «Welche das Schiksal u.s.w.  von der gefräßigen
nimmersatten See hat ausrülpsen lassen, und an diese Insel» u.s.w.}

(Ariel verschwindt im Donner, darauf folget eine Symphonie mit
Sordinen; die Gespenster kommen, und tragen nach einem Tanz voller
seltsamer Grimassen die Tafel wieder hinweg.)

Prospero (vor sich.)
Du hast die Role dieser Harpye gut gemacht, mein Ariel—du hast
nichts von meiner Vorschrift ausgelassen—eben so gut in ihrer Art
haben auch meine geringern Diener ihre verschiednen Personen
gespielt; meine Bezauberungen würken, und diese meine Feinde von
betäubendem Schreken gefesselt, sind alle in meiner Gewalt.  Ich
verlasse sie nun in diesem Zustand, um den jungen Ferdinand, den
sie für verlohren schäzen, und seinen und meinen Liebling zu
besuchen.

(Prospero geht ab.)

Gonsalo.
Im Namen alles dessen was heilig ist, Sire, warum steht ihr da, als
ob ihr ein Gespenste sähet?

Alonso.
O!  es ist entsezlich, entsezlich!  Mich däuchte die Wellen redeten
und warfen mir’s vor; die Winde heulten mir’s entgegen, und der
Donner, diese tieffe fürchterliche Orgelpfeiffe, sprach den Namen
Prospero aus—und gab das Zeichen zu meinem Tod—Um meines
Verbrechens willen ligt mein Sohn in einem nassen Bette; ich will
ihn suchen, tiefer als jemals ein Senkel-Bley gefallen ist, und
dort bey ihm im Schlamme begraben ligen.

(Geht ab.)

Sebastian.
Das war erst ein Teufel; ich will ihrer ganze Legionen zu Boden
fechten.

Antonio.
Und ich will dein Secondant seyn.

(Gehen ab.)

Gonsalo.
Alle drey sind in Verzweiflung; ihre schwere Verschuldung, gleich
einem Gift, das erst nach langer Zeit würken soll, fangt nun an,
ihre Lebensgeister zu nagen.  Ich bitte euch, ihr die ihr
biegsamere Gelenke habt als ich, folget ihnen so eilfertig als ihr
könnt, und verhindert sie an dem, wozu die sinnlose Verzweiflung
sie treiben mag.

Adrian.
Folget mir, ich bitte euch.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene.
(Prospero’s Celle.)
(Prospero, Ferdinand und Miranda.)

Prospero.
Wenn ich euch zu strenge begegnet bin, so hoffe ich, der Ersaz den
ich euch gegeben, wird es vergüten; denn ich habe euch einen Faden
von meinem eignen Leben gegeben, oder vielmehr das einzige, wofür
ich lebe.  Hier liefre ich sie nochmals in deine Hand: Alle
Kränkungen, die du erduldet hast, waren nur Prüfungen deiner Liebe,
und du hast auf eine ausserordentliche Art die Probe gehalten.
Hier, im Angesicht des Himmels bestätige ich dieses mein reiches
Geschenk.  O Ferdinand, lächle nicht über mich, daß ich stolz auf
sie bin; du wirst finden, daß sie alles Lob weit hinter sich zurüke
lassen wird.

Ferdinand.
Ich glaub’ es gegen ein Orakel.

Prospero.
So empfange dann, als mein Geschenk und als dein wohlverdientes
Eigenthum, empfange meine Tochter.  Aber wofern du ihren
jungfräulichen Gürtel auflösest, eh euer Bündniß durch alle
geheiligten Feyerlichkeiten, nach vollständigem Gebrauch
bekräftiget werden kan: So möge der Himmel alle die segensvollen
Einflüsse zurükhalten, die sonst euere Vereinigung bekrönen würden;
und statt derselben soll unfruchtbarer Haß, sauersehender
Widerwille und Zwietracht euer Bette mit so wildem Unkraut
bestreuen, daß ihr es beyde hassen sollet.  Nimm dich also in Acht,
so lieb es dir ist, daß Hymens Fakel dir leuchte.

Ferdinand.
So wie ich ruhige Tage, eine schöne Nachkommenschaft, und ein
langes Leben, mit der unveränderten Dauer einer solchen Liebe, als
ich izt empfinde, mir wünsche; so gewiß soll die finsterste Höle,
die bequemste Gelegenheit und die stärkste Eingebung unsers bösen
Genius nimmermehr vermögend seyn, meine tugendhafte Liebe in
unordentliche Lust zu zerschmelzen, daß ich rauben sollte was jenem
feyerlichen Tag vorbehalten ist, bey dessen Anbruch mich’s dünken
wird, entweder die Sonnenpferde seyen steif, oder die Nacht mit
Ketten angeschmiedet worden.

Prospero.
Wohl gesprochen!  Size dann nieder und rede mit ihr, sie ist dein
eigen.  Wie?  Ariel, mein ausrichtsamer Diener, Ariel—

Zweyte Scene.
(Ariel zu den Vorigen.)

Ariel.
Was befiehlt mein mächtiger Gebieter?  hier bin ich.

Prospero.
Du und deine geringern Mitgesellen haben vorhin ihren Dienst aufs
beste versehen, und ich will euch izt zu einem andern Spiel
gebrauchen.  Geh, bring die Geisterschaar, über die ich dir Gewalt
gegeben habe, an diesen Ort; Muntre sie zu schnellen Bewegungen auf,
denn ich muß die Augen dieses jungen Paars mit irgend einer
Eitelkeit meiner Kunst belustigen; ich hab’ es versprochen und sie
erwarten’s von mir.

Ariel.
Sogleich?

Prospero.
Ja, in einem Augenblik.

Ariel.
Eh ihr sagen könnt, komm und geh, zweymal athmen, und ruffen, so,
so; soll jeder auf den Zehen tripplend hier seyn, und seine Künste
machen.  Liebt ihr mich nun, mein Gebieter?*

{ed.-* Ariel sagt dieses im Original in kleinen Versen, die sich alle
in O reimen, und, weil sie alle ihre Artigkeit daher haben, sich
nicht in Reime übersezen lassen.}

Prospero.
Höchlich, mein sinnreicher Ariel; komm nicht zurük, bis ich dich
ruffe.

Ariel.
Gut, ich verstehe dich.

(Geht ab.)

Prospero (zu Ferdinand.)
Vergiß du nicht dein Wort zu halten; treibe den Scherz nicht zu
weit; die stärksten Eide sind nur Stroh für das Feuer in unserm
Blute; halte besser an dich, oder gute Nacht, Gelübde!

Ferdinand.
Ich versichre euch, mein Herr, dieser weisse kalte jungfräuliche
Schnee an mein Herz gedrükt, kühlt die Hize meiner Leber ab.

Prospero.
Gut; komm izt, mein Ariel; bringe lieber einen Geist zuviel, als
daß einer mangle; erscheine uns munter—Redet ihr kein Wort, seyd
lauter Auge; Still!

(Man hört eine angenehme Musik.)

Dritte Scene.
(Ein allegorisches Schauspiel.)
(Iris tritt auf.)

Iris.
Ceres,* huldreiche Göttin, deine goldnen Felder voll Waizen, Gerste,
Haber, Wiken und Bohnen, deine kräuterreichen Berge, mit grasenden
Schaafen bedekt, und deine ebnen Wiesen, wo sie in strohbedekten
Hürden ligen, deine mit Blumen eingelegte und mit Tulpen bordirte
Bänke, vom schwammichten Aprill auf deinen Befehl so geschmükt, um
für kalte Nymphen keusche Kränze zu machen, und deine braunen
Lauben, deren Schatten der von seinem Mädchen abgewiesene
Junggeselle liebt; deine eingezäunte Weinberge, und deine
unfruchtbaren Seebänke und Felsen, auf denen du dich zu verlüften
pflegst: Alles dieses befiehlt dir die Königin des Himmels, deren
Dienerin ich bin, zu verlassen, und auf diesem grünen Plaz ihrer
gebietenden Majestät Gesellschaft zu leisten.  Ihre Pfauen sind in
vollem Anzug.  Nähere dich, reiche Ceres, sie zu unterhalten.

{ed.-* Dieses ganze Spiel ist im Original in Reimen.}

(Ceres tritt auf.)

Ceres.
Heil dir, vielfarbichte Bötin und Aufwärterin der Gemahlin des
Jupiters, die du von deinen saffrangelben Schwingen honigtriefende,
erfrischende Regen auf meine Blumen schüttest, und mit jedem Ende
deines blauen Bogens, einer reichen Schärpe für meine stolze Erde,
meine schwellenden Felder und meine nakten Sandhügel bekrönst;
warum hat deine Königin mich hieher beruffen?

Iris.
Ein Bündniß treuer Liebe zu begehen, und die glüklichen Liebhaber
mit einem freywilligen Geschenke zu begaben.

Ceres.
Sage mir, himmlischer Bogen, ist dir nicht bekannt, ob Venus oder
ihr Sohn die Königin begleiten?  Denn seitdem sie dem düstern Pluto
Vorschub gethan haben, meine Tochter zu entführen, hab’ ich ihre
und ihres blinden Buben ärgerliche Gesellschaft verschworen.

Iris.
Fürchte dich nicht vor ihrer Gesellschaft.  Ich begegnete ihrer
Deität, wie sie die Wolken gegen Paphos zu durchschnitt, sie und
ihr Sohn, von Dauben mit ihr gezogen; sie bildeten sich ein, durch
irgend ein leichtfertiges Zauberwerk diesen Jüngling und diß
Mädchen zu bethören, die das Gelübde gethan haben, sich der Rechte
des Ehebettes zu enthalten, bis Hymens Fakel ihnen angezündet wird;
aber die heisse Buhlerin des Kriegs-Gottes ist unverrichter Dingen
zurük gekommen, und ihr wespen-mässiger Sohn hat seinen Bogen
zerbrochen, und schwört, er wolle keinen Pfeil mehr anrühren,
sondern mit Spazen spielen und geradezu ein kleiner Junge seyn.

Ceres.
Die hohe Königin des Götter-Staats, die grosse Juno kommt; ich
erkenne sie an ihrem Gang.

(Juno steigt von ihrem Wagen und tritt auf.)

Juno.
Wie befindet sich meine mildreiche Schwester?  Komm mit mir, dieses
Paar zu segnen, daß sie glüklich seyn, und eine ehrenvolle
Nachkommenschaft sehen mögen.

(Juno und Ceres singen ein Lied, worinn jede die Verlobten mit
ihren eignen Gaben beschenkt.)

Ferdinand.
Diß ist ein höchst majestätisches Gesicht, und eine bezaubernde
Harmonie; und darf ich kühnlich glauben, daß es Geister sind?

Prospero.
Geister, die ich durch meine Kunst aus ihren Bezirken hiehergerufen
habe, meine Phantasien auszuführen.

Ferdinand.
O!  laßt mich hier ewig leben; ein so wundervoller Vater, und ein
solches Weib machen diesen Ort zu einem Paradiese.

Prospero.
Stille, mein Wehrter!  Juno und Ceres lispeln einander ganz
ernsthaft etwas in die Ohren; es wird noch etwas zuthun seyn; husch,
seyd stumm, oder unser Spiel wird verdorben.

(Juno und Ceres reden leise mit einander, und schiken Iris mit
einem Auftrag ab.)

Iris.
Ihr Nymphen der schlängelnden Bäche, Najaden genannt, mit euern
Schilf-Kränzen und immer freundlichen Bliken, verlaßt eure
kräuselnden Canäle und kommt, Juno befiehlt’s, auf diese grüne Flur.
Kommt, keusche Nymphen, und helft ein Bündniß treuer Liebe zu
feyern; säumt euch nicht!

(Eine Anzahl Nymphen treten auf.)

Iris (fahrt fort.)
Ihr von der Sonne verbrannten Schnitter, des Augusts müde, kommt
aus euern Furchen, und theilet unsre Lust.  Macht Feyertag, sezt
eure Strohhüte auf, und jeder gebe einer von diesen frischen
Nymphen die Hand zum ländlichen Tanz.

Vierte Scene.
(Eine Anzahl von nettgekleideten Schnittern treten auf, und
vereinigen sich mit den Nymphen zu einem anmuthigen Tanz: Gegen das
Ende des Tanzes fährt Prospero plözlich auf, und spricht die
folgende Rede, worauf alles mit einem seltsamen holen und
verworrnen Getöse verschwindet.)

Prospero.
Ich hatte diese schändliche Zusammenverschwörung des Viehes Caliban
und seiner Gesellen gegen mein Leben völlig aus der Acht gelassen;
die Minute die sie zur Ausführung erkießt haben, ist beynahe
gekommen—Gut gemacht; hinweg, nichts mehr!

Ferdinand (leise zu Miranda.)
Diß ist seltsam, unser Vater ist in irgend einem Affect, der mit
Macht auf ihn würkt.

Miranda.
Niemals bis auf diesen Tag sah ich ihn in einem so heftigen
Unwillen.

Prospero.
Ihr seht bestürzt aus, mein Sohn; seyd gutes Muths, unsre Spiele
sind nun zu Ende.  Diese unsre Schauspieler, wie ich euch vorhin
sagte, sind alle Geister, und zerflossen wieder in Luft, in dünne
Luft, und so wie diese wesenlose Luftgesichte, so sollen die mit
Wolken bekränzte Thürme, die stattlichen Paläste, die feyrlichen
Tempel, und diese grosse Erdkugel selbst, und alles was sie in sich
faßt, zerschmelzen, und gleich diesem verschwundnen unwesentlichen
Schauspiel nicht die mindeste Spur zurüklassen.  Wir sind solcher
Zeug, woraus Träume gemacht werden, und unser kleines Leben endet
sich in einen Schlaf—mein Herr, ich bin beunruhigt, habt Geduld
mit meiner Schwachheit, mein altes Gehirn ist in Unordnung; laßt
euch diesen kleinen Zufall nicht anfechten; geht in meine Celle,
wenn’s euch beliebt, und ruhet da—Ein oder zwey Auf- und Abgänge
werden mir wieder leichter machen.

Ferdinand.  Miranda.
Wir wünschen euch Friede.

(Ferdinand und Miranda gehen ab.)

Prospero (vor sich.)
Komm in einem Gedanken—

(zu Ferdinand und Miranda.)

Ich danke euch—Ariel, komm.

(Prospero entfernt sich weiter von der Celle; Ariel zu ihm.)

Ariel.
Ich klammre mich an deine Gedanken an; was ist dein Wille?

Prospero.
Geist, wir müssen uns rüsten den Caliban zu empfangen.

Ariel.
Ja, mein Gebieter.  Ich dachte, wie ich Ceres vorstellte, dir davon
gesagt zu haben; aber ich brach ab, aus Besorgniß dich verdrießlich
zu machen.

Prospero.
Sag es noch einmal, wo verliessest du diese Schurken?

Ariel.
Ich sagte euch, mein Herr, daß sie dik besoffen waren, und so voll
Dapferkeit, daß sie die Luft schlugen, weil sie sich unterstuhnd
ihnen ins Gesicht zu wehen, und den Boden stampften, weil er ihre
Füsse küßte, ohne inzwischen ihr Vorhaben aus der Acht zu lassen.
Ich schlug hierauf meine Trummel; dieses Getöse machte sie
aufmerksam; sie spizten wie unberittne Füllen ihre Ohren, zogen die
Auglieder in die Höhe, und strekten ihre Nasen vor sich hin, wie
sie Musik rochen; kurz, ich bezauberte ihre Ohren dergestalt, daß
sie wie Kälber meinem Brüllen folgten, durch stachlichte Genister,
Disteln, und Dornen, die in ihren dünnen Schienbeinen steken
blieben; endlich ließ ich sie in dem kothigen mit Unrath
bemantelten Sumpf, hinter eurer Celle, wo sie bis ans Knie
hineinsanken, daß der faule Morast ihre Füsse überstunk.

Prospero.
Das war wol gethan, mein Vogel; behalt immer deine unsichtbare
Gestalt.  Geh, bringe mir die abgetragnen Kleider in meinem Hause
hieher, wir müssen diese Diebe in Versuchung sezen.*

{ed.-* Dieser Umstand bezieht sich auf den gemeinen Aberglauben
des Pöbels in unsers Autors Zeiten, als ob Zauberer, Hexen und
dergl.  nicht eher eine Gewalt über diejenige, so sie bezaubern
wollen, haben, bis sie den Vortheil über sie erhalten, sie bey
irgend einer Sünde zu ertappen, als wie hier über Dieberey.
Warbürton.}

Ariel.
Ich geh, ich geh.

(Geht ab.)

Prospero (vor sich.)
Ein Teufel ist dieser Caliban, ein gebohrner Teufel, an dessen
Natur keine Erziehung haftet; an dem alle meine Mühe, Mühe wie man
an einen Menschen wendet, verlohren, gänzlich verlohren ist; und
wie mit dem Alter sein Leib in eine viehischere Ungestaltheit
auswächßt, so wird auch sein Gemüth ungeheurer; ich will sie alle
plagen, bis zum Heulen.

(Ariel kömmt mit allerley schimmerndem Geräthe beladen.)

Komm, hänge sie an dieses Seil.

Fünfte Scene.
(Caliban, Stephano und Trinculo treten alle wohl angefeuchtet und
von Morast triefend auf; Prospero und Ariel bleiben unsichtbar
zurük.)

Caliban.
Ich bitte euch, tretet leise, damit der blinde Maulwurf keinen Fuß
fallen hört.  Wir sind nimmer weit von seiner Celle.

Stephano.
Ungeheuer, euer Kobolt, von dem ihr sagt, er sey ein freundlicher
Kobolt, der niemand ein Leid thut, hat nichts viel bessers gethan,
als den Narren mit uns gespielt.

Trinculo.
Ungeheuer, ich rieche lauter Pferd-Pisse, und ich kan dir’s sagen,
es will meiner Nase gar nicht schmeken.

Stephano.
So geht’s der meinigen auch; hört ihr’s, Ungeheuer!  Wenn ich einen
Unwillen wider euch fassen sollte—Sehet zu—

Trinculo.
Du wärst ein verlohrnes Ungeheuer.

Caliban.
Mein lieber gnädiger Herr, laß mich immer in deiner Gunst stehen;
gedulde, der Vortheil, zu dem ich dich führe, wird diesem Unfall
die Augen ausstechen; redet nur leise, es ist izt alles so still
als Mitternacht.

Trinculo.
Schon gut, aber unsre Flasche im Morast zu verliehren—

Stephano.
Es ist nicht nur Unannehmlichkeit und Schmach in diesem Abentheuer,
sondern ein unendlicher Verlust, du Ungeheuer.

Trinculo.
Das ist mir über meine Anfeuchtung, und doch ist das euer
freundlicher Kobold, der niemand kein Leid thut, Ungeheuer.

Stephano.
Ich will meine Flasche wieder hohlen, und wenn ich für meine Mühe
bis über die Ohren hineinplumpen sollte.

Caliban.
Ich bitte dich, mein König, sey ruhig; siehst du hier, diß ist der
Eingang in die Celle; kein Getöse, schleich hinein, thue diß gute
Unheil, das diese Insel auf ewig zu deinem Eigenthum macht; und ich
bin dein Caliban, auf ewig dein Fuß-Leker.

Stephano.
Gieb mir deine Hand, ich fange an, blutige Gedanken zu haben.

Trinculo.
O König Stephen, o Pair!  o würdiger Stephen!* Sieh, was für eine
Garderobe hier für dich ist!

{ed.-* Der Spaß in diesen Zeilen besteht in einer Anspielung auf ein
altes bekanntes Gassenlied, welches anfängt: (King Stephen was a
worthy Peer), und die Sparsamkeit dieses Königs in Absicht auf
seine Garderobe anpreist.  Es sind zwo Stanzen von diesem Lied im
Othello.  Warbürton.}

Caliban.
Laß es gehen, du Narr, es ist nur Trödelwaare.

Trinculo.
Oh, oh, Ungeheuer, wir verstehen uns auch darauf, was in eine
Trödelbude gehört—o König Stephen—

Stephano.
Lange diesen Rok herunter, Trinculo; beym Element, ich will diesen
Rok haben.

Trinculo.
Deine Gnaden sollen ihn haben.

Caliban.
Daß du die Wassersucht kriegtest, du Dummkopf!  Wie ungescheidt
seyd ihr, daß euch ein solcher Plunder in die Augen sticht!  Geht
weiter und vollbringet vorher den Mord; wenn er aufwacht, wird er
uns vom Wirbel bis zum Zehen die Haut zerkneipen lassen; er wird
abscheulich mit uns umgehen.

Stephano.
Sey ruhig, Ungeheuer!  Frau Seil, ist das nicht mein Wamms?

Trinculo.
Ungeheuer komm, schmier ein bißchen Quark an deine Finger, und weg
mit dem ganzen Plunder!

Caliban.
Ich will nichts davon; wir verderben hier die Zeit, und werden
zulezt noch alle in Barnakel** oder in Affen, mit verflucht niedern
Stirnen verwandelt werden.

{ed.-** Eine Art von Gänsen auf der Insel Baß, an der Schottischen
Küste, von denen ehmals die Tradition gieng, daß sie auf den Bäumen
wachsen.}

Stephano.
Ungeheuer, leg Hand an; hilf es wegtragen, an den nehmlichen Ort wo
mein Weinfaß ligt, oder ich werde dich aus meinem Königreich jagen;
geh, trag das!

Trinculo.
Und das.

Stephano.
Ja, und das.

(Man hört ein Getöse von Jägern.  Verschiedne Geister, in Gestalt
von Hunden lauffen auf die Bühne und jagen sie fort; Prospero und
Ariel sezen ihnen nach.  Caliban, Stephano und Trinculo werden
heulend ausgetrieben.)

Prospero.
Heyda, Sultan hey!

Ariel.
Waldmann, hier geht’s, Waldmann.

Prospero.
Furie, Furie; hier, Tyrann, hier; horch!  horch!  Geh, sage meinen
Kobolden, daß sie ihre Gelenke mit Zükungen zermalmen, ihre Sehnen
mit Krämpfen zusammenziehen, und sie am ganzen Leibe von Zwiken und
Kneipen flekichter machen sollen als ein Panterthier.

Ariel.
Horch, wie sie heulen.

Prospero.
Laß sie weidlich herumgejagt werden.  Nunmehr sind alle meine
Feinde in meiner Gewalt.  In kurzem soll sich all mein Ungemach
enden, und du sollst deine Freyheit haben.  Nur noch eine kleine
Weile folge mir, und thu mir Dienste.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.
(Vor der Celle.)
(Prospero tritt in seiner Magischen Kleidung mit Ariel auf.)

Prospero.
Nun ist mein Entwurf zu seiner Zeitigung gelangt; meine
Bezauberungen brechen nicht; meine Geister gehorchen, und die Zeit
geht aufrecht mit ihrer Ladung davon; wie viel ists am Tage?

Ariel.
Um die sechste Stunde, mein Gebieter, wann, wie ihr sagtet, unsre
Arbeit geendigt seyn sollte.

Prospero.
Das sagte ich gleich anfangs, wie ich den Sturm erregte; sage, mein
Geist, was macht der König und seine Gefährten?

Ariel.
Sie sind alle, euerm Befehl gemäß, zusammengebannt, gerade so wie
ihr sie verlassen habt, alle eure Gefangne, mein Herr, in dem
kleinen Hayne, der eure Celle vor dem Wetter schüzt.  Sie können
nicht von der Stelle, bis ihr sie loslasset.  Der König, sein
Bruder und der eurige sind alle drey in einer Art von Betäubung;
die übrigen trauern ihrentwegen, bis an den Rand mit Kummer und
Bestürzung angefüllt; insonderheit derjenige, den ihr den guten
alten Gonsalo nanntet.  Seine Thränen lauffen über seinen Bart
herab, wie Winter-Tropfen von einem rohrbedekten Dach.  Eure
Bezauberungen arbeiten so stark auf sie, daß, wenn ihr sie izt
sehen solltet, euer Herz gewiß zu Mitleiden erweicht würde.

Prospero.
Denkst du das, Geist?

Ariel.
Das meinige würd’ es gewiß, wenn ich ein Mensch wäre.

Prospero.
Und das meinige auch.  Hast du, der du nur Luft bist, eine Ahnung,
ein Gefühl von ihrem Leiden, und ich, einer von ihrer Gattung, der
allen ihren Leidenschaften und Bedürfnissen unterworffen ist,
sollte nicht zärtlicher gerührt werden als du?  Ob sie mich gleich
durch schwere Beleidigungen bis in die Seele verwundet haben, so
soll doch mein edleres Selbst über meinen Unwillen siegen; es ist
mehr Würde in großmüthiger Vergebung als in Rache; da sie bußfertig
sind, so habe ich meine ganze Absicht erreicht; geh, erledige sie,
Ariel; ich will meine Bezauberungen brechen, ich will ihre Sinnen
wieder herstellen, und sie sollen wieder seyn, was sie gewesen sind.

Ariel.
Ich will sie herbeyführen, mein Gebieter.

(Er geht ab.)

Zweyte Scene.

Prospero.
Ihr Elfen der Hügel, der Bäche, stehenden Seen und Hayne, und die
auf Sandbänken mit leichtem Fuß den ebbenden Neptun zurükstossen,
und ihn fliehen, sobald er wiederkehrt; ihr kleinen Feen, die beym
Mondschein im Gras die kleinen sauren Ringe machen, von denen das
Schaaf nichts abfrezt; und ihr, deren Zeitvertreib ist,
Mitternachts-Schwämme zu machen; die sich freuen den Ruf des
feyrlichen Nachtwächters zu hören; durch deren Hülfe (so schwach
ihr auch seyd) ich die mittägliche Sonne verfinstert, die
widerspenstigen Winde herbeygenöthiget, und zwischen der grünen See
und dem azurnen Gewölbe heulenden Krieg erregt habe; dem
fürchterlich rasselnden Donner gab ich Feuer, und entwurzelte die
Eiche Jupiters mit seinem eignen Keil; ich machte die Grundfeste
der Vorgebürge zittern, und raufte die Fichte und die Ceder mit den
Wurzeln aus: Gräber thaten auf meinen Befehl ihren Rachen auf, und
liessen ihre Schläfer hervor, die meine mächtige Kunst erweket
hatte: Aber alle diese rauhe Zauberkunst schwör ich hier ab, und
wenn ich vorher eine himmlische Musik befohlen haben werde, wie ich
izt thue, (ihre von jenem magischen Donner gelähmten Sinnen wieder
herzustellen), so will ich meinen Stab zerbrechen, ihn etliche
Klafter tief in die Erde vergraben, und tiefer als jemals ein
Senkbley fiel, mein Zauberbuch im Meer versenken.

(Man hört eine feyrliche Musik.)

Dritte Scene.

(Ariel geht voran; ihm folget Alonso mit den Gebehrden eines von
Schwermuth verrükten Menschen, von Gonsalo geführt, hierauf
Sebastiano und Antonio auf gleiche Weise, von Adrian und Francisco
geleitet; sie gehen in den Cirkel den Prospero vorher gemacht hat,
und bleiben da bezaubert stehen.  Indem sie kommen, fangt Prospero
an.)

Prospero.
Die Magische Gewalt der Harmonie, der besten Arzney für eine
zerrüttete Phantasie, heile dein izt untüchtiges Gehirn—hier
bleibt unbeweglich stehn!—Rechtschaffner Gonsalo, ehrwürdiger Mann,
meine Augen schmelzen, von den deinigen erschüttert, in
sympathetische Tropfen.—Die Bezauberung lößt auf einmal sich auf;
und wie der Morgen, die Nacht überraschend, die Finsterniß
hinwegschmelzen macht, so fangen ihre aufgehenden Sinnen an, die
betäubenden Nebel zu verjagen, die ihre Vernunft umhüllen—O!  mein
guter Gonsalo, mein wahrer Erhalter, und ein redlicher Diener
dessen dem du folgest; ich will, wenn wir wieder zu Hause sind,
deine Wohlthaten beydes mit Worten und Werken bezahlen.—Du, Alonso,
du bist höchst grausam mit mir und meiner Tochter umgegangen; dein
Bruder war ein Beförderer der bösen That, und wird izt dafür an
Leib und Gemüth gefoltert; Ihr, mein Bruder, der seiner
Herrschsucht Natur und Gewissen aufopferte, der mit Sebastian
seinen König hier ermorden wollte; ich vergebe dir, so unnatürlich
du bist!—Ihre Denkungskraft fängt an zu schwellen, und die
wiederkommende Fluth wird in kurzem das Gestade der Vernunft
anfüllen, das izt faul und sumpficht ligt—Noch ist nicht einer
unter ihnen, der mich ansehen darf, oder mich erkennt—Ariel, hole
mir meinen Hut und meinen Degen in der Celle; ich will mich ihnen
in derjenigen Gestalt darstellen,

(Ariel geht ab, und kommt in einem Augenblik wieder zurük.)

worinn sie mich zu Meiland gekannt haben.  Munter, mein Geist; in
kurzem sollst du deine Freyheit haben.

Ariel (singt, indem er ihn ankleiden hilft.)
Wo die Biene saugt, saug’ ich;
Im Schooß der Primul lagr’ ich mich;
Dort schlaf ich, wenn die Eule schreyt;
Ich flieg’, in steter Munterkeit,
Fern von des Winters Ungemach
Dem angenehmen Sommer nach;
Wie frölich wird künftig mein Aufenthalt seyn
Unter den Blüthen im düftenden Hayn!

Prospero.
Gut, das ist mein artiger Ariel; ich werde dich vermissen, aber
doch sollst du frey seyn.  So, so, so; izt, unsichtbar wie du in
deiner eignen Gestalt bist, zu des Königs Schiff; dort wirst du die
Schiffleute im Raum schlaffend beysammen finden.  Weke sie, und
nöthige sie hieher; aber hurtig, ich bitte dich.

Ariel.
Ich trinke die Luft vor mir, und bin wieder da, eh euch der Puls
zweymal schlägt.

(Er geht ab.)

Gonsalo.
Lauter Schreknisse, Verwirrung, Wunder und Erstaunen wohnen hier;
möge uns irgend eine himmlische Macht wieder aus diesem
fürchterlichen Lande führen!

Prospero.
Siehe hier, o König, den ungerechter Weise gekränkten Herzog von
Meiland, Prospero: Dich desto besser zu versichern, daß ein
lebender Fürst izt mit dir spricht, umarme ich dich, und heisse
dich und deine Gesellschaft von Herzen willkommen.

Alonso.
Ob du Prospero bist, oder irgend ein bezaubertes Phantom, (wie ich
kürzlich selbst war,) das meine Augen täuschet, weiß ich nicht;
dein Puls schlägt, wie eines würklichen Menschen, und seit ich dich
sehe, nimmt die Bangigkeit des Gemüths ab, worinn mich, wie ich
fürchte, eine Beraubung der Vernunft sezte; wenn diese Dinge anders
würklich sind, so muß die Geschichte davon höchst seltsam seyn—Ich
gebe dir dein Herzogthum zurük, und bitte dich, mir zu verzeihen.
Aber wie ist es möglich, daß Prospero leben und hier seyn soll?

Prospero (zu Gonsalo.)
Zuerst, mein alter edler Freund, laß dich umarmen; du, dessen
Redlichkeit so unschäzbar als ohne Grenzen ist.

Gonsalo.
Ob das würklich ist, oder nicht, wollt’ ich nicht beschwören.

Prospero.
Ihr seyd noch so sehr von einigen Seltsamkeiten dieser Insel
betroffen, daß ihr nicht glauben könnet, was gewiß ist.  Willkommen,
meine Freunde, alle willkommen!  Aber ihr, mein feines Paar Herren,
wenn ich Lust hätte, so sollte mir’s nicht schwer fallen, euch den
Unwillen seiner Majestät zu zu ziehen, und zu beweisen, daß ihr
Verräther seyd; allein ich will izt keine Geschichten erzählen.

Sebastian.
Der Teufel spricht aus ihm.

Prospero.
Nein—Was euch betrift, höchst boshafter Herr, welchen (Bruder) zu
nennen meinen Mund schon vergiften würde, ich vergebe dir deine
ungeheursten Vergehungen alle zusammen; aber ich fordre mein
Herzogthum von dir zurük, welches du, wenn du gleich wolltest, mir
länger vorzuenthalten, nicht vermögend bist.

Alonso.
Wenn du Prospero bist, so berichte uns, wie du erhalten worden, und
auf welche Weise wir hier mit dir zusammen kommen, nachdem wir vor
drey Stunden an diesem Ufer einen Schiffbruch erlidten haben, der
mich, (o schmerzliches Angedenken!) meinen Sohn, meinen theuren
Sohn Ferdinand gekostet hat.

Prospero.
Ich bedaure es, Sire.

Alonso.
Der Verlust ist unersezlich, und die Geduld selbst gesteht, daß sie
ihn nicht heilen kan.

Prospero.
Ich glaube vielmehr, ihr habt ihre Hülfe nicht gesucht; denn durch
ihren milden und allesvermögenden Beystand, hab ich einen gleichen
Verlust mit Gelassenheit ertragen gelernt.

Alonso.
Ihr einen gleichen Verlust?

Prospero.
Zum mindsten, der für mich eben so wichtig ist, und ihn erträglich
zu machen, hab’ ich weit schwächere Mittel als ihr zu euerm Trost
ruffen könnt; denn ich habe meine Tochter verlohren.

Alonso.
Eine Tochter?  O Himmel, möchten sie beyde in Neapel leben, König
und Königin daselbst zu seyn.  Damit sie es seyn möchten, wie gern
wünscht’ ich selbst in dem nassen Bette versunken zu seyn, wo mein
Sohn ligt.  Wenn verlohrt ihr eure Tochter?

Prospero.
In diesem lezten Sturm—Ich merke, daß diese Herren, über unsre
unvermuthete Zusammenkunft so erstaunt sind, daß sie ihren Sinnen
nicht trauen dürfen, und mit Mühe glauben, daß ihre Augen ihnen die
Wahrheit zeigen, und ihre Worte natürlicher Athem seyen.  Allein,
so mißtrauisch euch die kürzlich erlidtene Beunruhigung eurer Sinne
gemacht hat, so wisset doch für gewiß, daß ich Prospero bin; eben
dieser Herzog, der von Meiland ausgetrieben wurde, und auf eine
wunderbare Weise an diesem Eilande, wo ihr gestrandet seyd,
anländete, um der Herr davon zu seyn.  Nichts mehr hievon, denn es
ist eine Chronik von Tag zu Tag, und nicht eine Erzählung bey einem
Frühstük, noch für diese erste Zusammenkunft geschikt.  Willkommen,
Sire; diese Celle ist mein Hof; ich habe hier wenige Hausgenossen,
und ausser demselben keine Unterthanen.  Ich bitte euch, schaut
hinein; da ihr mir mein Herzogthum wieder gegeben habt, so will ich
euch etwas eben so gutes dagegen geben, oder doch wenigstens ein
Wunder vor eure Augen bringen, das euch so sehr erfreuen wird, als
mich mein Herzogthum.

Vierte Scene.
(Die Thüre der Celle öffnet sich, und entdekt Ferdinand und Miranda,
die mit einander Schach spielen.)

Miranda.
Mein liebster Herr, ihr spielt mir einen Streich.

Ferdinand.
Nein, meine Allerliebste, das wollt ich für die ganze Welt nicht
thun.

Miranda.
Wenn es Königreiche gälte, ihr würdet gewiß schicaniren, und ich
würd’ es euch nicht übel nehmen.

Alonso.
Wenn das nur eine von den Erscheinungen dieser Insel ist, so werd’
ich einen theuren Sohn zweymal verliehren.

Sebastian.
Ein erstaunliches Wunder!

Ferdinand.
Wenn die Wellen schon drohen, so sind sie doch mitleidig; ich habe
ihnen ohne Ursache geflucht.

(Ferdinand kniet vor seinem Vater.)

Alonso.
O!  alle Segnungen eines erfreuten Vaters ergiessen sich über dich!
Steh auf, und sage wie du hieher gekommen bist?

Miranda.
O Wunder!  Wie viele feine Geschöpfe sind hier beysammen!  Wie
schön ist das menschliche Geschlecht!  O brave neue Welt, die
solche Einwohner hat!

Prospero.
Das ist etwas neues für dich.

Alonso.
Wer ist diß Mädchen, mit dem du spieltest?  Eure längste
Bekanntschaft kan nicht drey Stunden seyn: Ist es die Göttin die
uns getrennet, und wieder zusammengebracht hat?

Ferdinand.
Sire, sie ist eine Sterbliche, aber durch unsterbliche Vorsicht,
ist sie mein.  Ich wählte sie, da ich meinen Vater nicht zu Rathe
ziehen konnte, da ich nicht einmal denken durfte, einen Vater zu
haben.  Sie ist die Tochter dieses berühmten Herzogs von Meiland,
von dem ich so vieles erzählen hörte, eh ich ihn sah; von dem ich
ein zweytes Leben empfangen habe, und den diese junge Dame zu
meinem zweyten Vater macht.

Alonso.
Ich bin der ihrige; aber, oh wie wunderlich wird es klingen, daß
ich mein Kind um Verzeihung bitten muß!

Prospero.
Haltet ein, Sire; laßt uns unser Gedächtniß nicht mit unangenehmen
Dingen beschweren, die vorüber sind.

Gonsalo.
Das Übermaaß der zärtlichsten Freude ließ mich nicht zu Worten
kommen.  Schauet herab, ihr Götter, und lasset eine segensvolle
Krone auf dieses Paar herunter steigen; denn ihr seyd es, die den
Weg vorgezeichnet, der uns hieher gebracht hat.

Alonso.
Ich sage: Amen, Gonsalo!

Gonsalo.
Mußte Prospero von Meiland vertrieben werden, damit seine
Nachkommen Könige von Neapel werden möchten!  O freuet euch über
alle gewöhnliche Freuden, und grabt es in Gold auf ewig daurende
Pfeiler!  In Einer Reise fand Claribella einen Gemahl zu Tunis, und
Ferdinand, ihr Bruder, eine Braut, da wo er selbst verlohren war;
Prospero sein Herzogthum in einer armen Insel, und wir alle uns
selbst, zu einer Zeit, da niemand sein eigen war.

Alonso (zu Miranda und Ferdinand.)
Gebt mir eure Hände.

(Er legt ihre Hände in einander.)

Gram und Kummer umschling’ auf ewig dessen Herz, der euch nicht
Freude wünschet!

Gonsalo.
So sey es, Amen!

Fünfte Scene.
(Ariel mit dem Schiffspatron und dem Hochbootsmann, die ihm ganz
erstaunt und erschroken folgen, zu den Vorigen.)

Gonsalo.
O sehet, Sire, sehet, hier sind noch mehr von unsrer Gesellschaft.
Prophezeyte ich nicht, wenn noch ein Galgen auf dem Lande wäre, so
könnte dieser Bursche nicht ersauffen?  Nun, wie?  du, der die
Gnade selbst über Bord zu fluchen pflegte, hast du keinen Schwur
auf dem festen Lande übrig?  Hast du kein Maul zu Lande?  Was giebt
es neues?

Hochbootsmann.
Das beste Neue ist, daß wir unsern König und unsre Gesellschaft
gesund wieder antreffen; das nächste an diesem, daß unser Schiff,
welches wir erst vor drey Stunden dem Sturm preiß gaben, so ganz,
so neu und so wohl getakelt ist, als da wir es zuerst in die See
stiessen.

Ariel.
Mein Gebieter, alles das hab ich gethan, seit ich euch verließ.

Prospero.
Mein artiger Taschenspieler!

Alonso.
Das sind keine natürliche Begebenheiten; immer eine wunderbarer als
die andre!  Sage, wie kamst du hieher?

Bootsmann.
Gnädigster Herr, wenn ich dächte, daß ich gewiß wach wäre, so wollt
ich versuchen, ob ichs euch erzählen könnte.  Wir waren alle in
dichtem Schlaf, und, ich weiß selbst nicht wie, alle in den Raum
des Schiffs zusammengepakt, wo wir nur eben von einem seltsamen und
manchfaltigen Getöse von Brüllen, Schreyen, Heulen, Rasseln mit
Ketten, und andern entsezlichen Tönen aufgewekt wurden; auf einmal
hörte alles auf, wir sahen unser schönes, königliches Schiff mit
seinem ganzen Zugehör, in bestem Zustand; und indem unser Patron
von einer Seite zur andern sprang, um es in Augenschein zu nehmen,
so wurden wir, mit eurer Erlaubniß, in einem huy, wie in einem
Traum, von unsern Cameraden geschieden, und schlaftrunken hieher
gebracht.

Ariel (zu Prospero.)
War es wohl gethan?

Prospero.
Recht wohl, mein fleißiger Ariel, du sollst frey sein.

Alonso.
Das ist ein so seltsamer Irrgarten, als je ein Mensch betreten hat,
und es ist mehr als die Natur zuthun vermag, in diesem Geschäfte;
ohne ein Orakel ist es unmöglich, etwas davon zu begreiffen.

Prospero.
Mein gebietender Herr, beunruhigt euch nicht, das Wunderbare in
diesen Dingen zu ergründen; in kurzem will ich euch bey beßrer
Musse alles Stük vor Stük auflösen, was euch izt unbegreiflich ist:
bis dahin seyd frohen Muthes, und denkt von allem das beste.

(Zu Ariel leise.)

Hieher, Geist; seze Caliban und seine Gesellschaft in Freyheit;
löse die Bezauberung auf—Wie befindet ihr euch, mein Gnädigster
Herr?  Es mangeln noch ein Paar alte närrische Kerls von euerm
Gefolge, die ihr vergessen habt.

Sechste Scene.
(Ariel treibt Caliban, Stephano und Trinculo in ihren gestohlnen
Kleidern vor sich her.)

Stephano.
Jedermann sorge nur für andre Leute, und niemand bekümmre sich um
sich selbst; denn es ist alles nur Zufall und blindes Glük;
Courasche, du dikwanstiges Ungeheuer, Courasche!

Trinculo.
Wenn die Spionen, die ich in meinen Augen habe, die Wahrheit sagen,
so ist das ein hübscher Anblik.

Caliban.
O Setebos, das sind brave Geister, in der That!  Wie fein mein
Meister ist!  Aber ich fürchte, er wird mich züchtigen.

Sebastian.
Ha, ha; was für Dinge sind das, Antonio?  Kan man die um Geld haben?

Antonio.
Ich denk’ es; einer davon ist ein Fisch wie sich’s gehört, und
vermuthlich feil.

Prospero.
Beobachtet nur die Physionomie dieser Bursche, meine Herren, und
sagt dann, ob sie nicht die Wahrheit redt?  Dieses mißgeschaffnen
Schurken seine Mutter war eine Hexe, und eine so mächtige, daß sie
den Mond beherrschen, Ebbe und Fluth erregen, und ihre Befehle über
die Grenzen ihrer Macht ausdehnen konnte.  Diese drey haben mich
beraubt; und dieser Halb-Teufel, (denn er ist ein Bastard von einem
Teufel,) machte mit ihnen einen Anschlag wider mein Leben; zween
von diesen Gesellen werdet ihr für die eurige erkennen; was dieses
Geschöpf der Finsterniß betrift, so muß ich bekennen, daß es mir
zugehört.

Caliban.
Ich werde zu Tode gezwikt werden.

Alonso.
Ist das nicht Stephano, mein besoffner Kellermeister?

Sebastian.
Er ist würklich besoffen; woher kriegte er Wein?

Alonso.
Und Trinculo ist so voll daß er wakelt; wo können sie dieses grosse
Elixir gefunden haben, das sie übergüldet* hat?  Wie kamst du in
diesen Pökel?

{ed.-* Eine Anspielung auf das (Elixirium magnum), oder trinkbare Gold
der Alchymisten.  Warbürton.}

Trinculo.
Sire, ich bin immer in diesem Pökel gelegen, seitdem ich euch das
leztemal sah, ich sorge, ich werd ihn nimmer wieder aus dem Leibe
kriegen; ich darf nicht fürchten, daß mich die Fliegen beschmeissen.

Sebastian.
Wie geht’s, Stephano?

Stephano.
Rührt mich nicht an, ich bin nicht mehr Stephano, ich bin lauter
Wunde.**

{ed.-** Bey Durchlesung dieses Stüks muthmaßte ich immer, daß
Shakespear es von einem Italiänischen Scribenten entlehnt haben
möchte, da die Einheiten alle so regelmässig darinn beobachtet sind,
welches ausser den Italiänern, damals keine andre dramatische Poeten
thaten, und welches unser Autor nirgends als in diesem Stük gethan
hat, nichts zu gedenken, daß die Personen dieses Stüks alle Italiäner
sind.  Ich wurde in dieser Vermuthung noch mehr bestärkt, wie ich auf
diese Stelle kam.

Ein Spaß soll darinn ligen, das ist klar; aber wo er ligt, ist
schwer zu sagen.  Ich vermuthe, es war ein Wortspiel im Original,
das sich nicht übersezen ließ; vielleicht hieß es, ich bin nicht
(Stephano, sondern Staffilato,) indem dieses Wort im Italiänischen
einen bedeutet, der wol zerkrazt und zerstochen ist, welches
würklich der Fall war, worinn sich diese Bursche im 4ten Aufzug
befanden.—In (Riccoboni’s) Verzeichniß Italiänischer Schauspiele,
befinden sich auch: (Il Negromante di L.  Ariosto, prosa e verso),
und (Il Negromante Palliato di Gio-Angelo Petrucci, prosa.) Ob aber
der Sturm aus einem von diesen beyden entlehnt seyn mag, kan ich
nicht sagen, da ich sie nicht gesehen habe.  Warbürton.  Der
Übersetzer würde erfreut seyn, wenn er seinen Lesern über diesen
Punct aus dem Wunder helfen könnte; da er aber hiezu keine
Gelegenheit gehabt, so ist alles was er sagen kan, daß wenn auch
Shakespear die Idee und die Anlage dieses Stüks aus einem
Italiänischen genommen hätte, es schwerlich auf eine andre Art
geschehen sey, als wie man vom Milton sagen kan, daß er das
verlohrne Paradies aus einer Italiänischen Comödie von Erschaffung
der Welt entlehnt habe.}

Prospero.
Und doch wolltest du König über diese Insel seyn, Schurke.

Stephano.
So würde ich ein siecher König gewesen seyn.

Alonso (auf Caliban deutend.)
Das ist ein so seltsames Ding als ich je eines gesehen habe.

Prospero.
Er ist so ungestalt in seinen Sitten als in seiner Bildung.  Geh,
Schurke, in meine Celle, nimm deine Cameraden mit dir, und räume
alles hübsch auf, so lieb dir deine Begnadigung ist.

Caliban.
Ja, das will ich; und ich will künftig gescheidter seyn, und mich
um eure Gnade bemühen.  Was für ein dreyfach gedoppelter Esel war
ich, diesen besoffnen Kerl für einen Gott zu halten, und diesem
dummköpfigten Narren Ehre zu erweisen?

Prospero.
Geh deines Weges.

Alonso.
Fort, und thut euern Trödel wieder hin, wo ihr ihn gefunden habt.

Prospero.
Sire, ich lade Euer Majestät und euer Gefolg in meine arme Celle
ein, um darinn diese einzige Nacht zuzubringen, wovon ich euch
einen Theil mit Gesprächen vertreiben will, deren Inhalt euch, wie
ich hoffe, keine lange Weile lassen wird; mit der Geschichte meines
Lebens, und den besondern Umständen, die sich, seitdem ich in diese
Insel kam, zugetragen haben.  Morgen will ich euch alsdann auf euer
Schiff bringen, und so nach Neapel, wo ich Hoffnung habe, die
Vermählung dieser unsrer geliebten Kinder feyrlich begangen zu
sehen, und dann nach Meiland zurük zu kehren, wo jeder dritter
Gedanke mein Grab seyn soll.

Alonso.
Mich verlangt mit Ungeduld die Geschichte euers Lebens zu hören,
welche nicht anders als voll ausserordentlicher Sachen seyn kan.

Prospero.
Ich will euch alles entdeken, und verspreche euch eine ruhige See,
glükliche Winde, und so schnelle Seegel, daß wir eure Flotte bald
eingeholt haben wollen—mein Ariel, das ist deine lezte Arbeit;
dann kehr’ auf immer frey in dein Element zurük, und lebe wohl—
Folget mir, wenn es euch gefällt.

(Alle gehen ab.)